Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen
Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben
sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen
bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die
Ebene in die Pampa hinab.
Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte
er Carlos' und Nicolás' Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel
war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits
gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine
Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr.
Bürstenfeger und Carlos und Nicolás.
Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn
sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er
sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch
und gab ihnen den Gutenachtkuß.
Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am
Prinzip der weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders
zufrieden mit ihnen war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und
links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wünschten sie zu galoppieren,
mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Ja, aber nur
bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!« oder er verweigerte auch die
Erlaubnis.
In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie
durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause
banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die
Füße, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer
kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbiß,
mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine Verletzungen, mit
Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst.
Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine
blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war -- gefüllt
mit Brot, harten Eiern, Butter und »Landjäger«.
Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn
Fußgänger und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute.
Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im
Zügel, weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden
Tieren, besonders auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen.
Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten
Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf
die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr Dr. Bürstenfeger zog seine
Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heißen möchten, aber
es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte es auch
niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber
zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.
Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume
Zeit, bis er sie überwunden hatte.
Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er
wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein
abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ...
überall sah er welche.
Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr.
Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte:
»der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.« Ein
andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe
über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen
nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich
und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...
Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab
Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht
erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch
und zwei Bänke standen.
Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr.
Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von
den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden,
die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit
einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen
geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue.
Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der
zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er
hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die
einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine.
Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen
Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu
treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.
Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten.
Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und
geschrien: »Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!« Sie aber waren einfach
über ihn hinweggetrampelt.
Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und
eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.
Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten
Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und
Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich
auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser
Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages.
Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den
Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein
kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:
Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,
Lasset uns singen, tanzen und springen.
»Tanzen und springen!« brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem
Lineal auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt,
gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im
Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin,
wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger
mit einem Besenstiel nach ...
Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge.
In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die
Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit
einem unsäglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in
die Höhe und stöhnte.
Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde,
und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu
lassen. Aber Don Pablo antwortete: »Das Pferd ist in unser Gebiet
eingedrungen, es gehört dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es
bezahlen.«
Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an
ihn die gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute
jemanden hinschicken.
Abends aber lag das Pferd zu Carlos' und Nicolás' Entsetzen noch immer
in der Schlucht und stöhnte.
Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst
leiden müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel
Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs
von der Schlucht entfernt war, füllte.
Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte
sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem
Schmerzenslaut zurück. Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in
die Höhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen.
Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés
hatte es scheint's ganz vergessen.
Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht
ruhen.
»Ich höre es ächzen!« rief Carlos und richtete sich im Bett auf.
»Es ist nicht möglich, es ist zu weit«, antwortete Nicolás; aber ihm tat
das Tier nicht weniger leid.
Pause.
»Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht
mehr«, meinte Carlos.
Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls
entschlossen: »Ja!« ...
Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere
und ritten davon.
Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren
harten, öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen,
vulkanischen Boden, dufteten.
In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte.
Nicolás sagte zu seinem Bruder: »Carlos, du bist der Ältere, du wirst
das Pferd töten!«
Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit
Carlos ergriff.
»Losen wir!« sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die
aus einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.
Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den
kürzeren gezogen.
Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die
Ohren zu.
Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil
in die Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte.
Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.
Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme,
die sie aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ...
Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein
Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit
und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen,
schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein
weißes flatterndes Tuch um den Hals.
Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen;
stets brachte er ihnen Geschenke mit.
Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit
Bleisoldaten heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten
Zündhütchen.
Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General
morgen schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen
großen Drachen zu machen.
Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein
Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.
Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit
einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand
lag auf der Bettdecke, sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die
Nägel rosig und schön gestutzt.
Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es
roch im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand
eine offene Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht
hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen
silbernen Initialen.
Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in
der ein Durcheinander herrschte.
Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den
General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie
ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit
geschlossenen Fäusten in die Höhe und gähnte.
Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.
»Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!« rief der General.
»Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!«
Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war
ganz darin versunken.
»Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?« forschte der
General.
Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an.
»Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an
diesen _gringo_[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl,
da habe ich meinen Lehrern ...«
Der General schwieg und schmunzelte.
»Was haben Sie ihnen getan?« fragten Carlos und Nicolás.
»Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke
gehängt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt,
und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat
es ein großes Unglück gegeben.«
Carlos und Nicolás mußten lachen.