Er strich Carlos über den Schopf und sagte: »Was dich betrifft, so traue
ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!«
Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch
ziemlich zaghaft: »So schlagen Sie doch was vor!«
»Bravo!« rief der General. Dann sann er nach.
»Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen,
geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf
den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er
darauf tritt.«
Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene
des Generals trieb sie zum Entschluß.
Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen
hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.
Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von
seinem Buch auf und fragte: »Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?«
Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den
einen Arm in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an.
[Fußnote 2: Verächtliche Bezeichnung für Fremder.]
Carlos antwortete: »Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr.
Bürstenfeger.«
»Was ich da lese?« antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, »ist der
Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr
auch darin lesen könnt, Karl und Nikolaus.«
Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie
schämten sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute
Argentinier werden könnten.
Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch
vor Lachen ...
Am Nachmittag reiste er wieder fort ...
Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide
bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die
schönsten Früchte trug.
Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn
gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle
einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines
Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen,
denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.
Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so
durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte
sich in die Mitte, und man brach auf.
Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren
Tieren sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich
eine bunte Schar von Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm.
Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie,
bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: »Karl und Nikolaus,
wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.«
Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen
einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurück.
Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte
er: »Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!«
Er nahm Carlos' Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke
und fügte mit nachdrücklichem Ernst hinzu: »Karl und Nikolaus, ihr wißt,
daß ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen,
ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe
beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen,
ihr seid selbständig genug.«
Pause! -- Darauf feierlich: »Karl und Nikolaus, ich nehme euch das
Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber
Karl und Nikolaus« -- und jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge
auf seinem Gesicht: »Ich bitte euch, als euer väterlicher Freund, eßt
nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!«
Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen,
gelobten ihm das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum
Zeichen, daß sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten.
So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.
Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf
den Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander.
Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie
wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie
oben zu essen, weil es ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und
so saßen sie sich denn gegenüber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos
und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Biß
tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres Stück ab;
denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein.
Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß
sämtliche verscheuchten Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz
still bis weithin. Unten nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war
ein Kauen und Picken.
Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch
einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab
und stiegen auf ihre Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung,
Carlos tief melancholisch.
Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der
Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran,
einmal wollte er hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder
in die Tasche.
Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich
zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.
Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus
und sagte zu seinem Bruder: »Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten,
sage Herrn Dr. Bürstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen.« Dann
wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich
auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschämt und zaghaft biß er
in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, und bald dachte er an
nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige
Bitte.
Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den
Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen.
Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam
krochen die Schatten die Ebene hinab.
Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich
hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da,
den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue.
Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken.
Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber
noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte,
daß unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die
würden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der
Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der
Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten Pfirsichbäume wachsen, und
obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, ließ der Gedanke ihm
doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in
seine Rocktasche.
Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber
fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf.
Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger.
»Du warst beim Ziegenhüter Bernabé«, sagte er, »du hättest nicht so spät
heimkommen sollen, Karl.«
Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie
leises Mißtrauen in seiner Stimme.
»Ich war beim Ziegenhirten Bernabé«, antwortete Carlos. Seine Stimme
zitterte, er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz
der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und
über rot war.
Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von
Beschämung überwältigt.
Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die
Kissen hinein.