Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem
Zimmer im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort,
an dem drei große Knochen hingen.
»Was sind das für Knochen?« wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen
Kellner.
»Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig
Jahren.«
»Barbarisch!« dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken
versunken vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß
er den Eltern einen Brief zu schreiben habe.
Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und
ging zurück in sein Zimmer.
Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus
seien ganz artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen
zu Don Pablo Romero begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße
bringen, wie er es am Tage der Abreise versprochen habe.
Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen
dort einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte,
ob sie mitspielen dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien.
Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte
Mal wieder der Indianer.
Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin.
Carlos fragte den Indianer, wie er heiße.
»Julio!« antwortete er. »Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten
Ausfall im Azul erbeutet worden.«
»Also bist du ein wilder Indianer?« fragte Carlos nicht ohne Respekt.
»Ich bin Indio Pampa!« sagte Julio mit Würde, »mein Vater wurde getötet,
meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.«
»Siehst du oft deine Mutter?« fragte Carlos.
»Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr
gesehen.«
»Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?« fragte Nicolás.
Julio grinste.
Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand,
und sie gingen zu Don Pablo Romero.
Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und
die unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen
Erdbeben.
Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit
wagte sich wieder ein Ziegelsteinbau empor.
Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den
Herr Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte.
Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die
Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten.
Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren
Straßen unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren
unheimlich langsam fuhren.
Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett.
Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür.
Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden,
öffnete.
Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten
Dienstboten herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und
spielte auf einer Mundharmonika.
Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den
Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als
zugleich ein feiner Sprühregen ihn bespritzte.
Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln
waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel.
Es roch nach Weihrauch.
Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten.
Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett.
Seine Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf
einem schwarzen, vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde.
Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer
gebrauchte.
Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige
Zigarettenstummel.
Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten
die Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein
Nachthemd trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze
des Hundes ein langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr.
Bürstenfeger, wie er die Hände bewegte, während er sprach, denn weil er
sich nur schwer auf spanisch verständlich machen konnte, mußte er stark
durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie er bei seinen
Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände
auseinanderbreitete und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das
Wort gefunden hatte.
Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe
beabsichtigt, heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde
wohl nichts daraus werden.
Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die
Umgebungen der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen
recht sei.
Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar
Straßen weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte.
Nach einer langen Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos
auf eine Fußspitze, streckte den Arm aus und wollte noch einmal klopfen,
aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen Arm zurück. Schließlich
mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine Stimme, von
der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines Mannes
kam. »Pancha, man hat geklopft!«
Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme,
und diesmal war es bestimmt die einer Frau: »Es hat geklopft, Pancha!«
Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf
öffnete.
Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie
geradewegs in den Salon.
Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr
mit einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe.
Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und
Nicolás wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der
Hand. Zu ihrem großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr
häkelte.
Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von
der man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte.
Sie blieben nicht lange dort.
Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero
sein sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren.
Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht
mehr.
Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte
Traurigkeit. Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ...
Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen.
Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr.
Bürstenfeger ihn daran hindern konnte, geöffnet.
Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte.
Der Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das
Haus.
Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein
gekränkt über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem
Gefühl wachsender Traurigkeit.
Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner
Regen herab.
Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ...
Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung
und wischte sich dann den Schweiß von der Stirne ab.
Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in
Breslau bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten
sich, aber bald umfing ihn wieder Traurigkeit.
Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er
wollte sich ein wenig ausruhen.
Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und
Nicolás den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde
würden sie wieder zurück sein.
Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an
Weinbergen vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber
der Berg entfernte sich immer mehr von ihnen.
Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis
dahin sei.
Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: »Etwa drei
bis vier Stunden.«
Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich
entschließen, zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger
würde wohl sehr unruhig sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück.
Nicolás schaute manchmal verstohlen nach seinem Kropf.
Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit
gar nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen
Buch mit Hilfe des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht
hatte, über das letzte fürchterliche Erdbeben in Mendoza.
»Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?« fragte Nicolás.
»Ja, das ist nicht schön!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. »Aber das
macht das kalkige Wasser.«
Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren.
Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein
eingebüßt; er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen,
erzählte er, daß er dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister
verloren habe.
Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten
waren, ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit
Gras bewachsene Mauern.
Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »In einer einzigen Nacht sind beinahe
zwanzigtausend Menschen in dieser Stadt umgekommen.«
Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber
es regnete nicht.
Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging
später in seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer
Aufregung ergriffen, die immer mächtiger wurde ...
Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett,
als er wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine
Fensterscheibe, würgte die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen
drangen, und ballte die Fäuste.
So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen.
Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein
lustiges Liedchen.
Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange
wälzte er sich herum, plötzlich begann er zu beten: »Unser Vater, der du
bist im Himmel ...«
»Unser Vater, der du bist im Himmel ...« wiederholte er.
Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen
Aufregung die Fortsetzung vergessen.
Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er
in wahnsinniger Erschöpfung zurück.
Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen
reise, und es war Sturm auf der See.
Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest.
Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die
Menschenknochen im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig.
Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die
die Gefahr besser kannten, auf die Straßen.
Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos' und Nicolás' Zimmer und dann
mit ihnen ebenfalls auf den Hof hinaus.
Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt,
gefolgt von seinem schwarzen Hunde.
Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern.
Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine
furchtbare Bewegung in Mendoza.
Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen.
In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen
kleinen Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im
Hemd zu fliehen.
Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin.
Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte
...
Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig.
Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war,
und schämte sich.
Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und
warf sie um Carlos und Nicolás.
Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel.
Eine Menschenmenge war dort versammelt.
Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut.
Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der,
ein Bündel in der Hand, laut heulte.
Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und
Nicolás. Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und
schön.
Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter
erfüllte die Stadt.
Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens.
Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen
Lippen ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und
schlief zwölf Stunden hintereinander. Manchmal träumte er von seiner
Heimat.