Die Reise nach Mendoza

Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr

krank im Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im

Garten spazierengehen, und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die

Kordilleren hinauf sollte, dort würde sie sich vollständig erholen.

Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er

hatte im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen,

der sich in dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut

oben am Fuße der Berge beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die

wichtigen Teile in dieser Angelegenheit wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so

oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt, daß er anfing, sich etwas

beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht, ein wenig

unpraktisch zu sein.

Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise

mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule,

auf den Spaziergängen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen

Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei

Maultieren, Pumas und Kondors.

Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen

wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die

spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus

Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und

spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte und Dörfer, die ihn

interessierten.

Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte

aber nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer

fürchterlich lang waren ...

Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn.

Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen,

Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.

Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht,

nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber

waren sie noch nie gefahren.

Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die

Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen

konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe,

sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger,

der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und einschritt.

Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.

Das war eine neue Freude für die Knaben.

Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen

abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen

sollte, was doch zu schade wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm

gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde,

starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die Lampe zitterte.

Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal ließ

dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. Herr

Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust

gefaltet, und gab keinen Laut von sich.

Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging

gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von

Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost

getötet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden

Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, groß wie ein

See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen und Enten. Weit

entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, irgendein

Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.

Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete

sich als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde.

Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans

Geleise heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen

Schweifen, die Pferde mit steilen Mähnen.

Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den

vorderen Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für

die Reise aufgeputzt. Eine fette alte Indianerin in einem geblümten

Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, verkaufte aber nichts, weil die

Passagiere noch schliefen.

Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie

schlugen mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen

der heiße Sommertag brachte. In einiger Entfernung sauste die Post

heran, in eine Staubwolke gehüllt. Zwölf Pferde waren davorgespannt.

Der Zug fuhr weiter.

Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und

Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht

geringen Erstaunen vollständig verändert, an der Stelle der Betten

standen Stühle.

Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße

und die weite Pampa.

Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die

Zeit auf ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten

Rinder, die gescheckten Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und

wer mehr gezählt hatte, hatte gewonnen.

Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte

tiefsinnig: »Was möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe,

der Mann, der dort in der Ferne reitet, oder dieser Herr im Staubmantel

auf dem Perron?« Und Nicolás antwortete, nachdem er eine Weile

nachgedacht hatte: »Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho und

braucht niemandem zu dienen.«

Carlos entgegnete: »Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom

Morgen bis zum Abend.«

Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern.

Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung.

Carlos fragte: »Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du

sitzest, oder der Stuhl, auf dem ich sitze?«

Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein,

weil er sie zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte

einen Band Fabeln oder ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las

den Knaben vor.

Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten

Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen.

Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt:

Heda, Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager

sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem

Stuhl auf und zuckte mit der Nase.

Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen

und sagte mißbilligend: »Verhalte dich still, Karl, und mache keine

Grimassen!« Und um zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst

von seinem Stuhl auf und zuckte ein paarmal mit der Nase, hielt sich

aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. Dann las er

in seiner Geschichte weiter ...

Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten

Ausläufer der Kordilleren sehen würde.

Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war

unverwandt nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der

Stelle, bis die Berge auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn

sie hatten sie sich viel, viel höher vorgestellt ...

Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an.

Carlos und Nicolás · 第 19 / 48 题