Carlos fragte: »Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus
wie ein Huhn?«
Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und
bestätigte es fröhlich.
Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen
hatte und jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony
glich; auch damit war Nicolás sehr einverstanden.
Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand,
aufgefangen und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche
sehr unpassend.
Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten
Straße.
Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des
Schulzimmers: »Der Unterricht müsse schon zu Ende sein.«
Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule.
Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte:
»_La mesa_ der Tisch.«
Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst
erfundenen Melodie: »Ich will kein Deutsch lernen!«
»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen
Lächeln.
Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht.
»_Tschisch, tschisch_«, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine
Verhöhnung der deutschen Sprache.
Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte
plötzlich einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach
Carlos und Nicolás aus.
»_La mesa_ der Tisch«, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise
mit dem Fuß auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank.
Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen.
Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter
eine lange Gardine und war unsichtbar.
Herr Klausroth folgte ihm.
»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte er mit wachsendem Zynismus.
Er rieb sich die Hände: »Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht!
_La mesa_ der Tisch.«
Nun erfolgte gar keine Antwort.
Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er
schien ungemein aufgeräumt zu sein.
Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: »_Tschisch,
tschisch, tschisch!_«
In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der
Schwelle, eine Gerte in der Hand.
Er hatte geahnt, was vorging.
Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen
weder Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás.
Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus.
In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel
bekommen sollte.
Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache
...
Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne
breite Straße entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung
noch mächtig in ihm war.
Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei.
Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das
achtjährige Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß.
Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: »Das hübsche Mädchen
ist meine Braut.«
Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: »Du kannst noch keine
Braut haben, Karl.«
»Warum nicht?«
»Weil du noch zu jung bist«, dabei drückte er kaum merklich seine Hand.
»Bah!« antwortete Carlos, »Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr
jünger als ich, und hat acht Bräute.«
Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn.
In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere,
die stark vernachlässigt war.
Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein
wenig in den Kot.
Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch.
Aasgeruch wehte herüber.
»Brr!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos' Hand los und hielt sich
die Nase zu.
»Das ist noch gar nichts!« rief Carlos und bückte sich nach einem
Ziegelstein. »Passen Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann
stinkt es ganz fürchterlich!«
»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte
Carlos' Hand wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers.
Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen,
sagte Carlos zu seinem Bruder: »Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir
unser Turnier auf!«
In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert;
aus Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern
spießten.
Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den
Decken der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen.
Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie
auch noch die Stalldecken umgelegt hatten.
Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie »die Dicke« nannten, weil sie
kugelrund war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der
Herold und mußte zum Kampfe blasen.
Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie
zwei prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich,
Carlos und Nicolás stürmten aufeinander los, über die Beete.
Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten
einen Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück
weitertraben mußten.
Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen.
Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen
eine Gestalt daherkam: »Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!«
»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am
Zügel von Carlos' Pferd.
»Die Dicke« floh erschrocken mit der Kindertrompete.
Carlos ließ die Lanze sinken.
»Herunter!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden
Zeigefingern eine gebieterische Bewegung nach der Erde.
Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze -- Carlos hatte auch
noch seine Hahnenfeder verloren -- folgten sie dem Lehrer in der
Richtung des Hauses.
Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren
Köpfen leise zitterten.
Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der
anderen José, der Knecht ...
Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen
Maßregeln.
Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir.