Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicolás: »Ihr dürft wie zuvor allein
ausreiten, nur um eines bitte ich euch inständig, reitet niemals mehr
Karriere, ich bin für euer Wohl und Wehe verantwortlich und muß
einstehen, wenn ihr Schaden nehmt.«
Der Ton, in dem Herr Dr. Bürstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter
Erwartung, war aber im übrigen milde.
Die Knaben fühlten beide: »So frei, wie wir früher waren, sind wir nun
freilich nicht«, aber sie waren erfüllt von dem guten Willen, sich ihm
zu unterwerfen, da sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und
außerdem Zenobia bestimmt wußte, man würde einen anderen Lehrer
anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten, und der wäre dann wirklich
fürchterlich.
Carlos und Nicolás antworteten: »Wir werden nicht Karriere reiten«, aber
als sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld,
und schon rein aus Macht der Gewohnheit ließen sie den Pferden die Zügel
schießen und ritten Karriere.
Herr Dr. Bürstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache
Dach des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams.
»Karl und Nikolaus,« sagte er, als sie zurück waren, mit gedämpfter
Traurigkeit in der Stimme, »habt ihr Karriere geritten?«
Carlos und Nicolás senkten die Köpfe und antworteten nichts.
»Zeigt ihr euch so?! ...« fuhr Herr Dr. Bürstenfeger mit wachsender
Traurigkeit fort. »Ich schäme mich für euch, Karl und Nikolaus; geht,
wascht euch die Hände, es ist Zeit zum Abendessen!«
Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch,
gab ihnen den Gutenachtkuß auf die Stirn, drückte ihnen leise die Hand
und dachte: »Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und
Nikolaus.«
Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschämt gewesen, hatten sich aber
schon lange wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefühl
erfüllt: Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Bürstenfeger!
Herr Dr. Bürstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser
Stunde, und phantasierte, bevor er auch schlafen ging.
Carlos und Nicolás aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet
hatte, sagte der Ältere: »Wie seltsam, wenn Herr Dr. Bürstenfeger
spielt, denke ich mir alles Schöne aus, was kommen wird, wenn ich groß
bin, und ich mache weite Reisen in Ländern und auf Meeren, und wenn er
aufgehört hat, versuche ich es weiter, aber es ist dann lange nicht mehr
so schön.«
»Seltsam,« meinte Nicolás, »wie du das nur so sagst; ganz das gleiche
fühle ich auch! ...«
Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ...
Über einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei
Wochen hatte der Unterricht begonnen.
Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Bürstenfeger dreimal
vernehmlich an Carlos' und Nicolás' Türe, die Knaben sprangen aus den
Betten und zogen sich an.
Dann ging es hinunter zum Frühstück.
Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf
Herrn Dr. Bürstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao.
Früher war das Frühstück in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt saß man
über eine Viertelstunde bei Tisch.
Herr Dr. Bürstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte
äußerst langsam und umständlich zu kauen und stellte das gleiche
Ansinnen an Carlos und Nicolás, die großartige Magen hatten, und er war
gezwungen, sie jeden Augenblick zu ermahnen, da sie immer wieder seine
Vorschrift vergaßen.
Nach dem Frühstück machten sie einen dreiviertelstündigen Spaziergang.
Herr Dr. Bürstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der
Hand.
Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafür hergerichteten Zimmer
statt, in dem eine Schulbank stand und eine große schwarze Tafel mit
einem Schwamm.
Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren.
Herr Dr. Bürstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch
und fragte: »Karl, wieviel ist 3 + 2?«
Pause -- Carlos schwieg.
Carlos streckte unwillkürlich die Hand nach der Maschine aus.
Herr Dr. Bürstenfeger schlug ihn leise auf die Finger.
Da mußte Nicolás antworten, und er wußte es.
»Karl, wieviel ist 3 + 1?«
Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus.
»Sei gehorsam, Karl!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und richtete sich ein
wenig auf, wobei er etwas rot wurde.
Carlos schwieg ratlos.
»3 + 1«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend
etwas und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe.
Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen
verloren. Er berührte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das
waren vier. Es fehlte ihm nämlich jeder Sinn für die Rechenkunst.
Herr Dr. Bürstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: »Es
kann nicht böser Wille sein!«
Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders.
Herr Dr. Bürstenfeger schrieb ein großes U an die Wandtafel.
»Karl, was für ein Buchstabe ist das?«
»U!« rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel
einen Uhu gesehen zu haben.
»Richtig! Und das?« Er schrieb ein I hin.
»I!« rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben.
»Bravo!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und schrieb ein E hin.
»E!« sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben.
»Merkwürdig, merkwürdig,« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger, »wie seltsam
bei ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier
wohl not!«
Nach dem Lesen war größere Pause. Dann öffnete der Lehrer die Türe nach
der Terrasse, und es kam Freiturnen: »Beinstrecken«, »Kniebeugen«,
»Fußwippen«, »Mähen«, »Holzhacken« usw. Diese Übungen begleitete Herr
Dr. Bürstenfeger mit seinem eigenen Beispiel.
Daran schloß sich eine Art höheren Anschauungsunterrichtes im Garten an.
»Was ist das für eine Blume?« fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet.
»Nelke!« riefen Carlos und Nicolás.
»Nelke«, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.
Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: »Was ist das für eine
Frucht?«
»Granatapfel!« riefen sie.
»Granatapfel«, bestätigte Herr Dr. Bürstenfeger.
»Das ist ein Säugetier«, sagte er plötzlich sehr bestimmt und zeigte auf
einen Wurm. Er wollte sie irreführen.
»Nein, kein Säugetier!« riefen beide triumphierend aus. Das wußten sie
doch zu genau.
Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das
Mittagessen.
Heute gab es Hirn. Über fünf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben.
»Herr Dr. Bürstenfeger, wir können kein Hirn essen!« sagten sie
kläglich.
Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende.
»Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mäkelt nicht!« antwortete er
nicht ohne Milde, aber bestimmt.
Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama.
Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Bürstenfeger, sie durfte
sich nicht einmischen.
Nicolás sah seinen Bruder ermutigend an, und beide würgten das Hirn
hinunter, daß ihnen die Tränen auf die Teller fielen.
Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine Hütte,
machten Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren
Karren herum. Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift
zur Hand und versuchte nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder
sonst etwas. Das wollte er einrahmen lassen und der Mama zu ihrem
Geburtstag für den Salon schenken.
»Komisch,« sagte Nicolás, »wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht,
erscheinen sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie
einem besser vor.«
Carlos war nicht sehr erfreut über diese Kritik. Er hatte es nicht so
gemeint.
Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn
es fand der »große Spaziergang« statt.
Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke
und dünne Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken
Striche machten ihnen Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den
Bleistift zu drücken.
Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschönste
vom ganzen Schultag.
Herr Dr. Bürstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die mußten sie dann
wiedererzählen.
Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen
Bildern geschmückten Sagenbuch.
Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Bürstenfeger nicht, Carlos und
Nicolás waren ganz aufgelöst.
Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt
benahm sich Carlos.
»Weißt du was,« sagte dieser nach der Schule zu Nicolás, »sobald wir vom
großen Spaziergang zurück sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.«
Und Nicolás war damit aufs höchste einverstanden.
Die »großen Spaziergänge« aber dauerten mindestens bis um sechs. So
hatte es Herr Dr. Bürstenfeger eingerichtet.
Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da für Carlos und Nicolás
Schuhe zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit benützen.
Über eine Stunde gingen sie auf der großen breiten Straße. Herr Dr.
Bürstenfeger marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem,
aber regelmäßigem Tempo. Carlos und Nicolás gingen an seiner Hand mit
gedämpfter Unzufriedenheit auf ihren Mienen.
Manchmal drehte sich ein Passant um und lächelte.
Auch geschah es, daß irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll
trockenen Kotes nachwarf.
Carlos vergaß sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Bürstenfeger
aber drückte strafend seine Hand und sagte: »Karl, kümmere dich nicht
darum!«
So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straßen sehr eng, das
Pflaster zum Teil sehr holperig, überall roch es nach Gas, weil an der
Leitung gearbeitet wurde. Große, beladene Karren fuhren unter
fürchterlichem Getöse langsam und schwerfällig aneinander vorüber, die
Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit zu kurzem Trab einsetzend,
mußten aber wieder jäh bremsen; die kleinen abgehetzten Pampaspferde
streckten sich in ihrer ganzen Länge, um den Wagen nochmal in Bewegung
zu bringen, eines stürzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen
Augen.
Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem
Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf
und keuchte.
Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen
Weg durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: »Schon über 30
Advokatenschilder in einer halben Stunde gezählt.«
Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten
Publikums und der schönen Läden.
Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne
Frauen gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe.
Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus
empor. Auf dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die
Flasche war aus Holz, und der Name eines bekannten Likörs stand schräg
darauf in Riesenlettern.
»Amerikanismus!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit
dem Fuß auf.
Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder
herauskamen, hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt
einen eben geschenkten Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd
zu ihnen hinauf und herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das
erschwerte sehr das Gehen im Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr.
Bürstenfeger ermahnen.
Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger
seine Uhr und sagte: »Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren
versprochenen Besuch bei der Familie Hanfstett.«
Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter
Knabe, war ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten
sie von Herzen gern, denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie
nur wollten, und sie freuten sich jetzt darauf.
Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen
gewissen Herrn Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen
Beruf zu widmen, nach Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren
rein pädagogische, und so hatte er sich zum Kaufmann ungeeignet
erwiesen.
Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen,
und er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten.
Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die
Insassen einer heiteren Kritik unterzogen.
»Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?« fragte Carlos
leise.