Herr Dr. Bürstenfeger

Im Herbst war man in Buenos Aires.

Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und

stifteten Unruhe und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut

Josés, des Knechtes.

Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut

mitgebracht hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen

Karren. Carlos stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel

in die Schwanzwurzel, damit er ziehen sollte. Das Tier drückte den

Schwanz ein, machte einen jähen Satz, und der Wagen warf um.

Darauf hielt ihm Nicolás ein Büschel Weinblätter dicht vors Maul, und

nun lief der Hammel hinter ihm her; Carlos saß oben auf dem Karren und

jauchzte.

Da ertönte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermädchens, der

Mulattin Zenobia: »Kommt den Lehrer abholen!«

»Der Lehrer!« murmelte Nicolás entsetzt und blieb stehen.

Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Bürstenfeger, der künftige

Hauslehrer, beständig im Sinn.

Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht

Tage darauf schon sagte der Papa: »Heute ist Herr Dr. Bürstenfeger in

Lissabon angekommen, ich habe es auf der Agentur erfahren.«

Man saß gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher

Galicier, grinste schadenfroh.

Und wieder nach ungefähr acht Tagen sagte der Papa: »Jetzt ist er in

Teneriffa.«

Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff

draußen auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause:

Zenobia, die Mulattin, Mauricio, der Galicier, der Gärtner, ein strenger

Sachse, der Kutscher und vor allem José, der Knecht ...

Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen

ins Haus, um sich anzuziehen.

Sie stürmten die Treppe hinauf und erfüllten das Haus mit Stallgeruch,

sie hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie

rauften im Bade und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter

ihnen her.

Eine Stunde später aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern

und vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Köpfen,

die wie Schwarten glänzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus.

Die Mama befahl, daß sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Nägel, die

durchaus nicht weiß werden wollten, vor Herrn Dr. Bürstenfeger zu

verbergen. Carlos tat es nur unter der Bedingung, daß sie ihm drei

Knäuel Bindfaden für einen Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem

Rebgang herumzuklettern, was den Trauben schadete, denn die Handschuhe

machten ihn ganz wahnsinnig.

Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und

heulte.

Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weiße Schürze trug, zum

Papa ins Bureau.

Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief.

Carlos und Nicolás hatten sich eine halbe Stunde lang mäuschenstill zu

verhalten, sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die

ganze Zeit, sie sollten noch stiller sein.

Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch

Tränenspuren auf den Backen hatte: »Du hast geweint, warum?«

»Weil mich die Handschuhe ganz verrückt machen«, antwortete Carlos.

»So ziehe sie doch aus«, meinte der Papa lächelnd.

Carlos und Nicolás · 第 14 / 48 题