Zenobia kehrte nach Hause zurück, und der Papa fuhr mit den Knaben nach
der Landungsbrücke.
Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand
Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwärme von Fliegen summten. Irgendwo
spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte
Wäsche, und Männer und Frauen hockten am Ufer und wuschen.
Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trüben Wasser, es wimmelte
von Segeln, Flußdampfer lagen weiter draußen vor Anker, und am Horizont
sah man die Rauchsäulen der überseeischen »Steamer« aufsteigen.
Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrücke, die
sich ein paar hundert Meter weit in den Fluß hinaus erstreckte, war das
Wasser nicht höher als zwei Fuß. Es fuhren Karren darin herum, die
Fuhrleute knallten mit ihren Peitschen nach Kundschaft, gerade wie
Droschkenkutscher.
Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befördert, die einen
bis zum kleinen Dampfer der Agentur brachte.
Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die
Ufer im Horizont.
Carlos und Nicolás sahen heute zum erstenmal ein überseeisches Schiff,
aber sie hatten sich ein solches viel größer vorgestellt und waren
enttäuscht.
Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr
Lehrer wohl aussehen möchte.
Dort oben auf Deck stand am Geländer dichtgedrängt ein Haufen Menschen.
Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter,
wo ebenfalls am Geländer sämtliche Passagiere standen, daß er sich
bedenklich nach der Seite neigte, und schrieen und gestikulierten
hinauf.
Carlos und Nicolás blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht
den Lehrer erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann,
stark und gewaltig, mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen
und einem furchtbaren Stock in der Hand; aber sie erkannten keinen
solchen Mann, und Carlos sagte leise zu Nicolás: »Ich sehe ihn nicht«,
und Nicolás erwiderte: »Wo ist er wohl?«
Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicolás erstiegen
mit ihrem Papa und einem großen Teil der Passagiere den Bauch des
Kolosses.
»Können Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Bürstenfeger zeigen?«
fragte der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund,
der auf einer Bank saß und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den
Rücken zukehrte.
Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser
nickte, wies wieder auf einen anderen Herrn mit einem äußerst milden
Gesicht, der einen Regenschirm in der Rechten hielt und in der Linken
eine grüne Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, mit
einem Nickelverschluß, der in der Sonne funkelte, und sagte laut: »Herr
Dr. Bürstenfeger ...«
Carlos und Nicolás waren starr.
So also sah Herr Dr. Bürstenfeger aus? Er war nicht fürchterlich, er
trug keinen gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen
Bart.
Das war der Lehrer?! Sie faßten es nicht.
Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte
ausgetauscht, stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer
hinunter.
Während der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa.
Carlos und Nicolás verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Bürstenfeger
aufmerksam zu betrachten.
Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig,
die Manschetten mit den Knöpfen aus Elfenbein, auf welchen die
Initialien RB standen, ragten ziemlich weit aus den Ärmeln heraus.
Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der
Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lüftchen regte.
Carlos beobachtete sein Gesicht und überlegte, ob es vielleicht doch ein
sehr grimmiges Aussehen haben könnte, wenn er einen Bart trüge, wie ihn
Zenobia geschildert hatte. Er schloß die Augen, um sich das zu
vergegenwärtigen, aber es gelang ihm nicht, trotz aller Mühe.
Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Bürstenfeger wandte sich
an die Knaben; er sprach mit mildem Ernste: »Es wird euch nicht
unbekannt sein, Karl und Nikolaus, daß hier der La Plata, an dem eure
Heimatstadt erbaut ist, einer der imposantesten Ströme der Welt ist?«
»Ja, ja«, antworteten Carlos und Nicolás, wußten jedoch nicht, was sie
weiter sagen sollten.
»Was eure Heimatstadt anlangt,« fuhr Herr Dr. Bürstenfeger fort, »so
werdet ihr wissen, daß ihr Umfang dem der französischen Hauptstadt Paris
nahekommt, und daß diese Tatsache darauf zurückzuführen ist, daß eure
Häuser, mit wenigen Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.«
»Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires?« fragte Carlos
begierig.
Herr Dr. Bürstenfeger lächelte: »Gewiß nicht, ich kenne von Südamerika
nur flüchtig einige wenige Häfen, die ich auf dieser Reise berührt habe,
aber das ist Sache des Studiums, der Bildung, Karl ...«
So gelangte man wieder bis zur Barke zurück, worauf man nochmal auf die
Karren stieg.
Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf über diese originelle
Beförderungsart; er hatte darüber noch nichts gelesen.
Auf der Landungsbrücke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei
der Hand, Carlos rechts, Nicolás links. Man ging bis zum Wagen und fuhr
dann nach Hause.
Dort begab sich Herr Dr. Bürstenfeger, von Nicolás begleitet, auf sein
Zimmer, und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia.
»Du verfluchte Schwarze,« schrie er, »warum hast du mich angelogen; er
hat ja gar keinen langen Bart?!«
Worauf Zenobia mit höhnischem Lachen antwortete: »Paß auf, der Bart wird
ihm schon noch wachsen!«
Eine halbe Stunde später wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht,
und dann war es Zeit zum Abendessen.
Carlos und Nicolás saßen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Bürstenfeger.
Die Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht
beteiligten. Sie ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse
für sie hatten: von Pferden und Schafen und Ziegen, von Gänsen, Hühnern
und Hahnenkämpfen, und Herr Dr. Bürstenfeger schaute manchmal mit leisem
Erstaunen auf sie, aufs höchste aber erstaunte er darüber, daß, wenn
ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach weitergehen ließen,
ohne daß Papa und Mama etwas sagten ...
Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicolás bei der Hand und ging
mit ihnen in den Garten.
Er blieb plötzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: »Karl und Nikolaus,
ein neuer Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden
euch hinlänglich unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen
Kreis für euch bedeutet. Karl und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten
auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer Seele, seid mir stets gehorsam,
lügt niemals ... ja, lügt niemals, denn seht, nichts auf der ganzen Welt
ist häßlicher, verabscheuungswürdiger. Bei den alten Germanen machte
kein Laster den Mann verächtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt
euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche
... Sagt, wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?«
Hier machte Herr Dr. Bürstenfeger eine Pause.
Carlos und Nicolás, verwirrt über diese ungewohnte Rede, schwiegen.
Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch
Argentinier, dachten sie.
Carlos erwiderte endlich: »Aber Deutschland verliert doch immer gegen
Argentinien?!«
»Wieso, Karl?!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger überrascht.
Carlos wußte nicht recht, wie er diese Behauptung begründen sollte. Es
war ihm nur eingefallen, daß er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner
Krieg gespielt hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand
gehalten und war Deutschland gewesen, und Carlos hatte eine
argentinische Fahne gehalten und war Argentinien gewesen.
»Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen,« erzählte Carlos, »und ich
stand mit dem einen Fuß auf seinem Rücken und hatte gesiegt. Papa und
Mama haben zugeschaut, und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der
Papa von Pedro. Der lachte auch, aber nicht so sehr.«
Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem leisen Lächeln, wollte dann
etwas erwidern, ließ aber klug für heute das Thema fallen.
Schweigend gingen sie weiter.
Carlos, den die Stille drückte, sagte endlich: »Ich will Argentinier
sein, aber ich will mir Mühe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.«