Die Tigerjagd

Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm

zu, bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel

von Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war

...

Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf

schwimmenden Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und

nun wimmelte es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und

Schwimmvögeln, Amphibien und Säugetieren.

Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des

Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung,

trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren

Umzäunungen erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten

mit vibrierenden Nüstern ein paar Schritte und blieben dann schnaufend

und den Kopf emporgereckt stehen.

Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht

Ramon, in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und

horchten entsetzt auf.

In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte

man die Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war,

schrie »Caramba!«

Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich

oben in ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben

hatten sie einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es

war.

»Ein Tiger!« rief Carlos und schnellte auf.

Auch Nicolás hatte sich erhoben.

»Was sagst du dazu, jetzt gibt's auch Tiger hier!« sagte Carlos.

Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit.

Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal

brüllen würde.

Richtig, da brüllte er wieder.

Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht

irgendwo sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er

lag auf einer der nahen Inseln im Schilfe verborgen.

Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören

ließe. Doch es blieb still.

Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen

hinter sich ziehend, ein Meteor zur Erde.

Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung.

»Hast du dir was gewünscht?« fragte Carlos mit unterdrückter Stimme.

»Daß wir den Tiger erlegen!« antwortete der jüngere Bruder.

»Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!« antwortete der

andere. Dann schwiegen sie wieder.

Endlich sagte Carlos: »Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir

werden den Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns

seine Flinte leihen, und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine

kaufen.«

Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt

schon schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett

auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den

Tiger ...

In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß

sich in der Nähe ein Jaguar aufhielt.

Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene,

als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt:

»Leihe uns deine Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger

töten!«

Der Capataz brach in Lachen aus: »Ich werde euch Flinte geben!« und

machte eine Handbewegung durch die Luft.

Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten,

wurden aber überall gleich höhnisch abgewiesen.

Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den

Inseln gefahren, um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie

unverrichteter Sache zurück.

Und es war ein Trost für die Knaben.

Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der

Frühe weckte Carlos seinen Bruder: »Weißt du was, reiten wir zu Benito,

er wird uns sicher sein Gewehr leihen.«

Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen.

Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder

zurück sein.

In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte

des Weges, ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich

schnell die zweite Hälfte.

Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt,

neugekauften Rindern die Marke aufzudrücken.

Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen.

Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann

brannte man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite.

»Leih uns dein Gewehr!« rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der

neben einem niedergestreckten Stier stand.

Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: »Gib es uns, wir

wollen einen Tiger schießen!«

»Tiger?« lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar

heruntergeschwemmt worden war, »die gibt es nur im Norden in Chaco!« und

war nicht zu bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen.

Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am

Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute

geschossen?!

Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche

zu fügen und sprach zu seinem Bruder: »Nimm es nicht so schwer; wenn wir

groß sind, gehen wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.«

Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos

lag am Fenster und brütete.

Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn:

»Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!«

Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar

vertrieben.

»Da brüllt er wieder!« murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder

ein.

Aber Carlos hielt es nicht länger im Zimmer aus. »Ich kann nicht

schlafen, ich reite aus«, sagte er sich, die Tränen, die ihm in die

Augen stiegen, hinunterwürgend, »und wenn mich auch der Tiger

verschlingt.«

Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzäunung, wo die

Pferde waren.

Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich

näherte, erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos

ergriff es bei der Mähne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zügel um

den Hals und das Pferd ergab sich in sein Schicksal.

Ein paar Minuten später sprengte er in die Pampa hinein, bis das

Herrschaftsgebäude und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden.

Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paraná,

an einer Straußenhenne, die mit ihren Kücken floh, vorbei und an zwei

jungen schlafenden Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig

nachstarrten.

Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide

Vorderbeine fest und zog sich aus. Er wollte baden.

Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich

ein langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ...

Der Ritt, das laue Flußwasser hatten Carlos beruhigt.

Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche

Decke an seine Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser

heraus und sagte sich, er läge zu Hause in seinem Bett.

Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit,

bis das Wasser sein Kinn berührte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er

nach dem Grund unter, öffnete plötzlich die Augen und es war ganz

seltsam hell um ihn, weil der Mond hinein schien.

Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde löste

sich schnappend ein seltsames Ungetüm, irgend ein großer, unbekannter

Fisch. Ein Grausen packte ihn, er schloß krampfhaft die Augen, arbeitete

sich nach oben und schwamm zurück, mit einem Mal erfüllt von einem

Gefühl furchtbarster Verlassenheit.

Am Ufer angelangt, schlüpfte er, naß, wie er war, in seine Kleider und

ritt in gestreckter Karriere zum Gut zurück ...

Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war

der Tiger.

Da hörte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der

auf einem nahen Gut, das aber vom Fluß entfernt war, auf Besuch und ein

Freund des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: »Ich

kann mich verlassen, die Kanoe ist gut?« und sah auf den Eimer, den

dieser in der Hand hielt.

»Sie ist gut«, antwortete trocken Gonzales.

»Also auf! wir werden ihn schon noch aufstöbern!« rief Dupont.

Mit zwei Sprüngen war Carlos am Fenster; er wußte, um was es sich

handelte.

»Dupont!« schrie er, »nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen

ja nicht schießen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger tötest!«

Dupont blickte etwas überrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr

gestützt, in Poncho und Chiripá, wie ein Gaucho.

Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: »Euch kleine Bengels, euch soll

ich auf eine Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!«

Pause.

»Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine

Verantwortung hin ... ich nehme euch mit!«

Carlos stieß einen Freudenschrei aus, daß Nicolás erwachte.

»Warte vier Minuten noch!« rief er, »wir ziehen uns an, ohne uns zu

waschen!«

Die Knaben stürzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten

später in ihren Matrosenanzügen und mit ungekämmten Köpfen bereit zur

Tigerjagd.

»_Mes braves garçons_,« entschlüpfte es Dupont auf französisch, »ihr

dürft abwechselnd, bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil

ihr so tapfere Bengels seid.«

Stolz umklammerte Carlos das »Remington«, doppelt stolz, weil er

glaubte, es sei geladen, wie Dupont versicherte.

»Ist die Kanoe auch wirklich gut?« fragte der Franzose mit einem

mißtrauischen Blick auf den Eimer.

»Gut genug«, sagte verächtlich der Gaucho.

Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken,

daß die Kanoe bis beinahe zur Hälfte mit Wasser angefüllt war. Kröten

schwammen darin herum, an den Wänden klebten Laubfrösche.

Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das

Wasser herauszuschöpfen, wobei es sich herausstellte, daß unten ein

nicht unbeträchtliches Loch war.

Dupont zögerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache

nichts.

Und so stieß man denn ab.

Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der

Kanoe, das Gewehr im Anschlag und spähte umher. Die Kanoe füllte sich

mit Wasser; Gonzales war fortwährend mit dem Eimer beschäftigt.

Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre

Gesichter glühten vor Erwartung.

»Endlich,« sagte Carlos, »endlich werden wir den Tiger erschießen!«

Plötzlich schnellte er auf, daß der Kahn beinahe umgekippt wäre,

klammerte sich bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer:

»Der Tiger ... schieß, Dupont!«

Dupont, in maßloser Aufregung, feuerte ab.

Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger.

»... die Blätter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes,

wahrhaftig, ich glaubte ...« stammelte Carlos.

Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schämte sich vor Gonzales, von

dem er wußte, daß er ihn verachtete.

Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter

allgemeiner Besorgnis, das Boot würde nicht standhalten.

Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne

Ergebnis.

»Ich fürchte, wir schießen den Tiger nicht,« sagte Carlos leise zu

Nicolás, worauf Nicolás erwiderte: »Sei ruhig, wir werden ihn schießen,

erinnerst du dich nicht an den Meteor?«

Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm

Carlos, dann Nicolás, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebückt,

wie es Dupont befohlen hatte.

Einmal rührte sich etwas im Schilf, Dupont schoß ab, und von der

entgegengesetzten Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich

schreiend Wildgänse und strichen gen Norden.

Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es

war inzwischen Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen.

Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte

und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft

hatte, fuhr man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbiß zu

nehmen, zum Italiener Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht

weit vom Ufer, seine Hütte hatte.

Als sie da ankamen, saß der Italiener auf einem Holzklotz und kaute

Tabak; vor ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte

...

Carlos und Nicolás waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lächelte

mit selbstverständlicher Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ...

Eine Stunde später aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trübselige

Jagdmaskerade, den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont,

Carlos und Nicolás und Gonzales.

Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostüm mit Poncho und

Chiripá, auf seine Flinte gestützt, die Füße im Wasser. Um seine Lippen

war ein melancholischer Zug. Das Boot war mit Reihern und Störchen und

anderen Vögeln bis zum Rand gefüllt, die er aus Wut und Verzweiflung

geschossen hatte. Auch ein Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von

der Remingtonkugel. Carlos und Nicolás saßen nebeneinander, die Beine

eingezogen.

Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schöpfend.

Lange hörte man nicht mehr das Brüllen eines Jaguars in der Gegend.

Carlos und Nicolás · 第 13 / 48 题