Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, das Bild des Mannes zu umreißen,
der sich aus dem unmöglichen Kompromiß zwischen Skepsis und Gläubigkeit
seine gedankliche Würde und Unabhängigkeit rettete, und -- klug wie eine
Schlange -- die Desinvoltura seines Geistes bis in ihre kleinsten,
spöttischesten Züge vorbehielt, während er sich doch als ein Gebundener
aller Waffen begab; -- der heute mit einer Selbstverleugnung ohnegleichen
als Trumpf einer Partei steht, die nur darauf sinnt, ihn auszustoßen,
während er durch sein geistiges Prestige ihre Wagschale hält; -- der über
die obskuren Tage, durch welche sich der Katholizismus durchringen muß, wie
ein blühender Ast hinausreicht, und dessen Schatten so beseelt eine
Schwelle überhängt, die er nicht beschreiten wird. Es gibt heute auf der
Welt keine stolzere Gestalt, und keine, die so einsam steht, wie Duchesne.
Nicht mit den Unbedachten und den Fanatikern, die blindlings ein
zerfallendes Gemäuer verteidigen, sondern weil er dessen unerschütterliche
Basis ergründete, nur deshalb verharrt er standhaften Fußes inmitten des
immer hastigeren Gerölles. Gar manche Werte, als unvergänglich ausgegeben,
wird es ja als vergangene vor sich hintreiben. Aber keine Kunst wird es
dann sein und keines Scharfblickes wird es mehr bedürfen, sich zu einem
Katholizismus zu bekennen, von dem die düstere, unziemliche und abgenützte
Wörtlichkeit sich endlich löste!
Ich war zum erstenmal nach Rom gekommen und wußte noch nichts von Duchesne,
als mich eines Tages Barrère auf die Gäste aufmerksam machte, die er für
den Abend erwartete; er hob den soeben zum Monseigneur ernannten Abbé
Duchesne vor allen anderen hervor und bestimmte mich in seiner impulsiven
Art zu seiner Nachbarin. Nun war ich aber noch übertrieben jung, wenn man
so sagen darf, und eine viel zu unwichtige Person, um von dem neuen
Würdenträger geführt zu werden. Man beförderte mich also an seine Linke. Es
war alles was sich machen ließ. Zu seiner Rechten saß -- zart und
pariserisch -- die sehr reizvolle junge Gattin eines französischen
Deputierten. Sie verstand es sogleich, sich mit einer huldigenden kleinen
Phrase Duchesne zuzuwenden, und ich beneidete sie um ihre Sicherheit,
erschrak jedoch, als sie ihn dann fast unverweilt auf religiöse Themen hin
unternahm. Allein sie trug sich als strenggläubige Katholikin und ohne
Furcht. Leo XIII., obwohl schon ein Sterbender, hatte sie noch empfangen
und ihr seinen Segen gewährt . . . sie war so glücklich . . . dieser
unvergeßliche Eindruck . . . »Und werden Sie sich einige Zeit in Rom
aufhalten?« fragte Duchesne. »Ach nein, leider nicht.« Sie müsse wegen der
ersten Kommunion ihres ältesten Kindes zurück.
»Schade,« sagte er.
Es entstand eine kleine Pause; man reichte ihr eben den Fisch, aber dann
erklärte sie eifrig, sie wolle jedenfalls den Ablaß gewinnen, bevor sie Rom
verließe. Hatte Monseigneur ihn schon gewonnen? »Non,« gab er zur Antwort,
»j'attends qu'il y ait un rabais«. Und ohne aufzusehen, ließ er ihr ruhig
Zeit sich zu sammeln. Ihr Gatte fing die bestürzte, fast hilfesuchende
Miene nicht auf, mit der sie über den Tisch zu ihm hinsah, indes ich mich
schnell zurücklehnte, um Duchesne mit einem unauffälligen Blick zu
überfliegen. Mein Herz tat einen großen Ruck und stand horchend still. O,
diese hohe, wie in kühner Abwehr geschwungene Braue! dies aufblitzende,
bedrohliche Feuer des Auges! und welcher Ernst hinter dieser grimmigen
Maske! Jene unverbriefte augenblickliche Sicherheit, zu der eine intuitive
Erkenntnis hinreißen kann, trug mich da, -- des Pfeils nicht achtend, wo er
lag -- schnurgerade zu dessen Ausgangspunkt hin. Nein, bei Burgunder und
Salmi gab dieser Mann nichts zum Besten von dem, was der Brennpunkt seines
Lebens war. Bedachte sie es nicht und zog sie keine Schlüsse, die anmutige
Frau, die sich die Dinge zugute hielt, deren letzte Konsequenzen er trug?
Sein zierlicher violetter Mantel, als seidenes Nichts über den Sessel
zurückgeschlagen, hing er ihm nicht wie mit eisernen Schließen am Halse an?
und entnahm sie nichts der so wenig klerikalen, der so priesterlichen
Prägung dieser tragisch in sich gekehrten Züge? --
Ach! so neu war dies! wie wenn Berge zurücktretend ein Tal einlassen. Ich
war so entzückt, daß sich mir alles festlich erhöhte: das Silberzeug wie
neu gehäuft, als spende es seine Pracht zum ersten Male, und auch die
Blumen!
Es ist leider nicht zu umgehen, daß hier zu viel von mir selbst die Rede
ist, denn ich muß zur Erklärung manches einschalten. Mit sechs Jahren
steckte ich schon in einem Kloster, das ich erst mit zwölf, beflügelten
Schrittes, auf immer verließ. Der Begriff und das Hochgefühl, ja die Würde
der Freiheit bestand für mich darin, daß ich nunmehr mit Klosterfrauen,
spitzenbesetzten Heiligenbildern auf Tortenpapier, und den frommen und so
faden Öldrucken, vor welchen es in keinem Saale, keinem Korridor, keinem
Vorplatz ein Entrinnen gab, auf immer außer Kontakt treten durfte. Dies
hatte der furchtbare Klosterjargon bewirkt, in den das Erhabene und
Unbegreifliche, als wäre es so gegenständlich wie Reis oder Kaffee, ohne
Unterlaß hereingezogen wurde. Kein Anlaß war zu gering, um uns von Gott zu
sprechen. Schneller als man glaubt hat aber die geheimnislose Aufmachung
des Geheimnisvollen das religiöse Bewußtsein eines Kindes zerstört, und es
wendet sich so bald als möglich von einer Sache ab, die man ihm mit
beschämend albernen Reminiszenzen behing. Ich war mit so mächtigen
Aversionen aus meinem Kloster ausgetreten, daß ich mich fortan allen
religiösen Erörterungen und dem Umgang kirchlicher Personen mit anstößiger
Deutlichkeit entzog und meiner Abneigung für sie auch dann, ja dann erst
recht mit wahrem Behagen treu blieb, als ich angefangen hatte, dem Problem
des Katholizismus still für mich allein mit gespanntem Interesse
nachzuhängen.
Und nun zurück zu jener Tafel: aber ich glaube, es werden einige schon
begriffen haben, warum da mein Herz so plötzlich höher schlug.
Tags darauf bestürmte ich Barrère, mir zu einer Unterredung unter vier
Augen mit Duchesne zu verhelfen. Ihnen kann er's nicht verweigern, und mich
machen Sie für den Rest meiner Tage glücklich, beteuerte ich.
Aber Barrère ließ sich durch meine melodramatische Geste nicht beirren. Er
dachte nicht, was ein jeder an seiner Stelle gedacht hätte: »die Kleine
wird mich blamieren!« Er zögerte nur einen Augenblick lang, dann schickte
er eine Zeile zu Duchesne hinauf: dieser wohnte nämlich im selben Hause,
wenn auch nach einer anderen Himmelsrichtung und fast eine Viertel Meile
Weges entfernt. Denn das Dach des Palais Farnese ist weitläufig wie ein
Stadtviertel und birgt einen ganzen Komplex verschiedenster Wohnungen. Es
hat sogar seine Slums, sozusagen, unkontrollierbare Schlupfwinkel, aus
welchen allerlei lichtscheues Volk sich nicht mehr vertreiben läßt.
Duchesne schickte den Boten mit der Antwort zurück, daß er mich am
folgenden Morgen empfangen könne. Als Leiter des Archäologischen Institutes
hatte er eine hochgelegene, aber stattliche Flucht von Zimmern inne.
Beklommen erstieg ich die vielen Stufen und begriff den Ansturm nicht mehr,
der mich mit solcher Macht zu diesem Schritt getrieben hatte: er erschien
mir plötzlich anmaßlich und ungenügend motiviert. Lag mir denn auch
wirklich so übermenschlich viel an solchen Fragen? welchen Fragen? . . .
ich wußte auf der Welt nicht mehr, was ich Duchesne sagen wollte, und
angsterfüllt zog ich die Klingel.
Der Diener verneigte sich stumm, zum Zeichen, daß ich erwartet sei, und aus
dem Halbdunkel trat eine Katze hervor, die sich ohne Zögern meiner annahm
und mir voranschritt. Zwar hätte nichts farbloser sein können als Duchesnes
Empfang. Mir jedoch, da ich vor ihm stand, verscholl alles Alltägliche, und
alles Zufällige stürzte mir zusammen wie Kulissen, die aus dem Wege müssen
und mein wahres Leben umgab mich wie ein Paradies. Kindheit und Jugend von
mir fortgeweht und selbst die Jahre, die noch vor mir lagen, im voraus
abgesponnen, gehörten mir nicht mehr an, keine Zeit, nur diese eine
denkwürdige Stunde; kaum ein Geschöpf, nur ein Gedanke, so stand ich vor
ihm; nichts von dem Zimmer wahrnehmend, in dem ich stand, nur den Himmel,
der durch die Scheiben sah: rosige Wolkenstreifen über den Janiculus. Es
ist Abend, dachte ich.
»Guten Morgen,« sagte Duchesne.
Doch ich blieb unter dem vagen Eindruck eines Abendhimmels und sah so klar,
wie ohne diese unverhoffte Begegnung mein Weg sich verengte und ich
abstürzte. Aber im magischen Schein dieses sinkenden Tages, der ein
aufziehender war, dünkte es mir mit nichten wunderbar, daß der ausgerechnet
einzige Mensch auf dieser Erde, vor dem ich mir -- wie ich nun einmal
beschaffen war -- die Bestätigung, das »Geländer« dessen holen würde, was
ich mir nun schon lange -- Sprosse für Sprosse -- trotzig aufbaute, hier
vor mir stünde, mich zu vernehmen. Die Tatsache war schon vergessen, daß
sich mein Leben bisher zu einer Mosaik heftiger, stets unerfüllter Wünsche
mit erstaunlichem Tempo zusammensetzte. Stand doch auch mein Umgang mit
Menschen damals im Zeichen des erbitterten, weil unstillbaren Wunsches, auf
einen Stuhl zu steigen, und was ich gerade meinte oder dachte, furchtbar
hinauszuschreien, um die Nichtachtung zu übertönen, die meine aperçus samt
und sonders erfuhren. Die sogenannten reifen Leute pflegen ja den Werdenden
jeden Kredit auf eigene Gedanken um so systematischer zu verweigern, je
gedankenloser sie selber sind. Und doch trägt einer seine paar Ideen, wenn
überhaupt, schon sehr früh mit sich herum, und sich selbst überlassen,
kommt vielleicht nichts seiner Bedrängnis gleich.
Aber hier stand der gewaltige Duchesne, und ihm bekannte ich da in hastigen
Umrissen die ganze Not meiner geistigen Existenz: Wie ich auf meiner Flucht
vor all denjenigen Dingen, die mir so früh verleidet wurden, dem
menschlichen Geiste auf allen mir zugänglichen Gebieten, nur nicht den
religiösen, nachzuspüren begann, wie aber alle diese der Religion
entfremdeten, oder sie ignorierenden, ja sie scheinbar negierenden Pfade,
sich mir zu guter Letzt als Umschreibungen jener selben Mysterien
bekundeten, deren Sinn, ja deren Wahrheit mir eine zu unumwundene und
plumpe Wörtlichkeit so früh raubte; wieso ich die Leute nicht verstünde,
die es sich untersagten, den Dogmen nachzuhängen aus insgeheimer Furcht,
sie dann bezweifeln zu müssen, und wie feig, wie träge, wie wenig
menschenwürdig mir dies erschiene; um so mehr als sie den spekulativen
Gedanken auf das äußerste anzuspornen vermöchten, und es eine Art gab sie
zu jagen und zu verfolgen, bis sich ihre Fassetten zu einer vieldeutigen
Einheit blitzend zusammenballten, daran sich von neuem Alles erproben, die
kühnsten, fürwitzigsten Spiele treiben ließe, die selbst mit dem
schwindligen Kosmos bemessen, ihre Schwingung behielt . . . die vielen
Wohnungen auch wirklich birgt, von welchen geschrieben steht, und also auch
Hürden den Einfältigen gewährt; daß sich der Freie aber nur deshalb
zufrieden gibt, weil hier ein Geheimnis hinter dem anderen lauert, und
Unerforschliches hinter dem Erforschlichen wie im Sternenraume immer neue
Kreise einbezieht. Eine solche Einsicht, meinte ich, in einem Zuge
fortredend, hatte so sehr den Charakter des einreißenden Affektes, daß man
wohl scheuen könne, ihn vor sich selber auszuplaudern . . . . daher das so
sehr Fakultative dessen, was man Frömmigkeit nennt und für einen
Bestandteil des Religiösen hielt, während es ein vielfach sich lösendes
Abzeichen sei.
Duchesne unterbrach mich mit keinem Wort. Am Fenster stehend, und halb mir
zugekehrt, hörte er mich an. Ich meine, wir sind so empfindlich geworden,
gerade in solchen Dingen, fuhr ich fort, denn wir neigen so stetig vom
Sichtlichen weg! Wem der Katholizismus seit Generationen im Blute sitzt,
der scheint heute Nichtkennern unverständlich, fast hostil. Schon fordert
er den Altar als Hintergrund für Priestergewande. Mönchstrachten und
Klosterschwestern im Straßenbild sind nicht glücklich -- -- -- --
Die Sonne senkte Streifen goldenen Staubes herein. Bald wird sie sinken,
dachte ich, und meine Worte fingen an sich zu überstürzen: durch das
Überdauernde und Grenzenlose der Konnexe war eine Sache groß. Alle Künste
aber strebten seit vielen tausenden von Jahren an den Schleiern unseres
Kultes zu weben und waren von jeher durch den Pulsschlag oder den Gedanken
eminent katholisch. Aber ein so flutendes Meer wurde zum ungespeisten
Gewässer verdrängt, das universalste zum einschichtigen, die Sache, deren
Schlagwort unbegrenzte Elastizität ist, zur verdrießlichen Enge. So kehrt
fast jeder um, wo dennoch ein Weg über jene Himmelsbrücke bis zum alten
Hellas hinüberreicht, das sich als gewaltiger Aufruf, als elementarer
Auftakt der Messianischen Zeit aus der Versenkung hebt. Und die Gestalt des
Erlösers . . . Hier brach ich ab. War es denn nötig, etwas hinzuzufügen?
Mußte der Mann, zu dem ich mit geweiteten Augen hinübersah, nicht mit einem
Blick erraten, wie sich auf dem eingeschlagenen Wege die Prinzipien, die
man mich als Gegensätze gelehrt hatte, ins Unabsehbare versöhnten, und wie
brennend ein solcher Verdacht mich innerlich einschloß und umzüngelte?
Vielleicht hatten ihn schon viele geschöpft; ich konnte es nicht wissen, da
ich ihn noch von niemand vernommen und zu niemand geäußert hatte. Unter den
geistvollen und mir unendlich überlegenen Menschen, die ich schon kannte,
war mir doch keiner vorgekommen, dem ich gerade in solchen Dingen die
Autorität zugestanden hätte, mir diesen Verdacht zu bestätigen oder zu
bestreiten; keiner, dessen Widerspruch mich nicht unbeschreiblich gereizt
hätte, um dann anzunehmen, daß ich es selber besser wüßte . . .
Wozu hatte ich jetzt gesprochen, wenn dieser hier alle diese Dinge nicht
erriet?
Monseigneur, schloß ich unvermittelt, täusche ich mich oder habe ich recht?
Und Duchesne antwortete mir ohne Zögern.
Aber mein Gehirn war plötzlich wie ausgelöscht und leer und ein Büschel
Fräsien, deren Duft ich bisher nicht wahrgenommen hatte, ward
überwältigend. Ihre archaische Seele ausatmend -- diesem ewigen Echo von
Hoffnung, Frühling, unglücklicher Liebe -- bestimmten sie den Klang dieser
Stunde und trugen ihre schwere und doch so beschwingte römische Luft, ins
Unermessene hin.
Duchesne saß mir jetzt gegenüber und sprach unter anderem von den
Katholiken Deutschlands.
»En Allemagne on aurait fait de moi un Döllinger,« sagte er, »ici on m'a
fait Monseigneur.«
Und es fiel mir ein, daß Barrère sich fast ein wenig verwundert über die
Befriedigung geäußert hatte, welche ihm diese Ernennung bereitete. Ich
begriff die Genugtuung so wohl. --
Aber ich fühle, wie ungeduldig der Leser auf mich wird. Duchesnes Antwort
ist es, die er wissen möchte, und ich kann sie ihm nicht sagen, denn mein
Besuch ist kein Interview gewesen.
Genug, daß dieser wegen seines Liberalismus so viel angefeindete Mann der
beißenden Sarkasmen, der bitter-frivolen Witze, sich als ein heiliger
Priester entlarvte. Die Entdeckung, obwohl gleich bei der ersten Begegnung
so vorschnell geahnt, war so wichtig, daß ich sogleich wußte, bevor ich es
erfahren lernte: Daß mein Leben, was immer es mir bringen oder verwehren
würde, dennoch in dieser Unterredung mit Duchesne seinen eigentlichen
Abschnitt fand und in ein vor oder nach ihr zerfiel. Ja, ich verließ ihn so
ganz von diesem Bewußtsein eingenommen, daß ich wie im Traum die vielen
Stufen hinabging, die ich so bang erstiegen hatte. Vor dem kühlen Palast
lag jetzt der Campo di Fiore in der Mittagsglut. Wo sich träge und lau, und
doch nachhaltig wie ein Lied, sanfte Levkojen häuften, nahm ich meinen
Stand, zu glücklich, um mich von der Stelle zu rühren. Nichts war ja
sinnlos und alles hing zusammen.
Ein paar Tage später traf es sich, daß ich infolge einer Konfusion in
Duchesnes Wagen von einer Gesellschaft mit ihm zurückfuhr. Wir sprachen
dabei über das holperige Pflaster, die zunehmende Hitze und die mangelhafte
Beleuchtung des nächtlichen Rom.
Als bald darauf bei ihm selbst ein Empfang stattfand, kam ich ihm nicht in
die Nähe, und als ich mich in der Folge wieder nach Rom begab, suchte ich
ihn nicht mehr auf.
Die Jahre verstrichen, ohne daß ich ihn wiedersah. Von dem neuen Kurs
begünstigt, hatte einstweilen in den klerikalen Blättern des halben
Kontinents jene berühmte Hetzjagd auf ihn eingesetzt, bei welcher er nicht
besser als ein Ketzer behandelt und seiner Ernennung zum Mitglied der
französischen Akademie mit täglich neuen Insulten entgegengetreten wurde.
Ein Buch, das unter Leo XIII. niemand zu rügen wagte, stand plötzlich auf
dem Index, und der Augenblick schien endlich gekommen, wo er, der
ungerechtfertigten Angriffe müde, durch einen offenen Bruch entgegnen
würde. Wenn die Nichtkatholiken darauf wetteten, so konnten ihn seine
feindlichen Glaubensbrüder kaum erwarten. Aber ich wußte zu genau, daß er
diesen den Gefallen nicht tun würde, um mich auch nur zu erkundigen,
welchen Entschluß er getroffen hatte.
Es wurde Mittsommer über der häßlichen Campagne, ich war gerade in London
und wollte nach Deutschland zurück, als ich durch eine Zeitungsnotiz
erfuhr, daß Duchesne sich in Paris befand. Plötzlich lebte da übermächtig
der Wunsch in mir auf, ihn wiederzusehen. Seine Adresse war schnell
ermittelt, ich schrieb ihm, daß ich über Paris führe und fragte an, ob er
mich empfangen wolle. Die Antwort war ein kleines Billet, mit sorglicher
Angabe der Untergrundbahn und der Stationen, wo ich ein- und umsteigen
müsse, um am schnellsten vom rechten Ufer zu ihm hinüberzukommen. Möglichst
bald, denn er sei im Begriff, in die Bretagne zu fahren! Ich reiste
sogleich, war abends in Paris, und kündete mich für den nächsten Morgen bei
ihm an. An der Hand seiner Vermerke legte ich, bald über, bald unter der
Erde, den komplizierten Weg zu seiner verlorenen kleinen Sackgasse zurück,
in der sich zweistöckige Häuser altmodisch aneinanderreihten. Ich eilte
eine Stiege hinauf, trat rasch durch eine Türe -- wie damals stand er am
Fenster -- kein Janiculum mehr -- gesenkte Jalousien, um das Sonnenlicht zu
dämpfen; wie damals wußte ich nichts von dem Raum um mich her. Ich hatte
mich verschleiert, wie man das unwillkürlich tut, wenn man jemand nach acht
Jahren wiedersieht; sein verändertes Aussehen aber war es, das ich mit
Bestürzung wahrnahm. Nicht, daß er krank oder stark gealtert schien, es war
noch das schnell bereite, fast bedrohliche Aufblitzen des Auges, die kühne
und gebieterische Abwehr, aber es war auch die Furche des Kummers, etwas so
Bitteres, ein so wühlender Gram, daß mir der Gedanke an König Lear durch
den Kopf schoß, wie er in seiner Verlassenheit die sturmgepeitschte Natur
zum Zeugen erlittenen Unrechts anruft. Es war nur eine andere Zügelung,
aber es war dieselbe Gehetztheit.
»Sie wissen,« sagte er »auf welche Weise man mich zur Strecke zu bringen
sucht.«
»Aber so vergebens,« meinte ich achselzuckend.
»Keine Waffe scheint dafür zu schlecht,« und er deutete auf die Blätter und
Zeitschriften, die ihm offenbar soeben zugekommen waren. Vor ihm lag eine
Revue aufgeschlagen.
»Ist Ihnen das schon bekannt?« fragte er, und nannte die Beschuldigungen,
die in heuchlerischen und perfiden Protesten gegen ihn erhoben wurden.
»Warum in aller Welt lesen Sie dieses Zeug,« rief ich und starrte ihn
verwundert hinter den verschnörkelten Gittern meines Schleiers an. Aber er
machte kein Hehl daraus, wie sehr es ihm zu Herzen ging. Ich war
aufgesprungen.
»Monseigneur,« rief ich, »Sie müssen doch wissen, daß Sie der Halt einer
verstreuten kleinen Gemeinde sind, die einfach durch die Tatsache, daß Sie
da sind, lediglich durch den Eindruck Ihrer Existenz beherrscht, verankert,
durch Sie allein gehalten ist.«
»Es freut mich,« sagte er, doch ohne daß seine Züge sich erhellten. »Aber
sehen Sie -- es können doch auch Rechtdenkende an mir irre werden, wenn sie
alle diese Schmähungen lesen.« Und er deutete wieder auf die Blätter hin.
»Das ist mir zu viel Bescheidenheit,« gestand ich.
Wir sprachen dann von anderen Dingen, aber auch sonst war eine Unfreude und
Entmutigung an ihm, die ich nicht kannte.
Die Straße lag brütend vor mir, als ich wieder aus dem Hause trat, aber ich
ging zu Fuß meinen langen flimmernden Weg.
Ist uns nicht, als wollten wir immerzu gehen, ungestört unser Lebtag lang,
wenn infolge eines starken Kontaktes ein geistiger Pendel in uns schwingt?
Es kann sein, daß dann unsere Füße ganz mechanisch einsetzen, nicht wahr,
oder wie eingewurzelt stehen. Zwar hatte ich Duchesne gegenüber die
richtige Note wohl nicht getroffen. Schnell fertig hatte ich unüberlegt
geglaubt, er würde sich mit ein paar schlechten Witzen und einem ironischen
Achselzucken über den obskuren Tumult hinwegsetzen, der ihn verfolgte, und
während er meinen Besuch als eine Sympathiekundgebung erwartete, hatte ich
ihm nur Lebhaftigkeit bezeigt. Es war gewiß schade, dennoch konnte mich das
Bedauern darüber nur flüchtig stören. So leicht wog da alles Persönliche!
So unnachhaltig erwies es sich!
Ich erinnere mich keines heißeren Tages wie jenes 14. Juli in Paris. Die
Häuser waren beflaggt, aber die Straßen schienen zu trauern, da keine Fahne
sich regte. Erst nachts, als ich zur Bahn fuhr, belebte sich das Bild.
Singendes Volk schwärmte durch die Straßen, und alle Leierkästen der Stadt
orgelten durch die Luft. Ein Mädchen tanzte, hocherhobenen Kopfes, unter
dem dunklen Himmel, von Zuschauern umringt.
Doch welch barscher Novemberwind wirbelte die Blätter von der feuchten Erde
auf, als ich wiederkam! Alles Laub dahingerafft und schon vergessen. Aber
ich will nur den einen Moment herausgreifen, da ich im Flur von Professor
Bergsons Hause der Ausgangstüre zuschritt und er mich geleitete. Ich weiß
nicht wie es kam, daß vor seiner offenen Schwelle und dem niedrigen Himmel,
der seinen erstorbenen und verwehten Garten überhing, Duchesnes Namen
zwischen uns fiel, und wir seiner einzigartigen Stellung in der geistigen
Welt gedachten. Und Bergson sprach von dem Katholizismus im Lichte dieses
großen Katholiken, der, so klug, so wohl beraten und durch den Irrtum
anderer gewitzigt lautlos jenen treibenden und langersehnten Schritt
voranging, der den Schismatikern mißlang.
So klar entstand jetzt zwischen uns sein undeutliches, von den Nebeln des
Tages verhülltes Bild, als sei es schon entseelt und als hätte sich sein
Schatten zu uns gesellt. Bergson drückte die Klinke wieder zu. Wir mußten
lächeln. So ohnmächtig also verhielt sich hier der Tod, so wenig würde es
hier für ihn zu holen geben, wenn er da rufen würde! -- -- --
1914 (Weiße Blätter).