I.

Seit ich über die heilige Catharina und die heilige Walpurga schrieb, sind

nur wenige Jahre verflossen, und doch ist es schon nicht mehr dieselbe

Zeit. Jetzt erst realisiere ich, wie reizvoll es war, religiösen Problemen

nachzuhängen, während sie so ziemlich niemand interessierten. Ich sage dies

nicht aus Hochmut. Es sind Beleuchtungsfragen, und jeder kennt ja ihren

Belang. Wir wissen, daß eine zu offene Helle die Dinge schlagen und ihrer

Intimität berauben kann; wie sehr dagegen jenes andere gehemmte und

entkräftete Licht alles verstärkt und verdeutlicht, was es bestrahlt; --

Mitsommers vielleicht, während das voll entfaltete Laub regungslos unter

dem bedeckten Himmel hängt.

Eine frühe, noch ungewohnte Christenheit sah alles so grell, daß sie

verwirrten Sinnes die Geschichte ihres Kultus wob. Aber seit Dezennien, ja

seit Jahrhunderten schon hat sich ein stetig wachsender Indifferentismus

wie Wolkenbänke aufgeschichtet. Die Dinge der Religion ließ man links

liegen, hörte auf, sich zu ereifern. Immer weiter glitten sie wie

Abgeschiedene von uns weg, und immer weniger »gehörten sie her«.

Merkwürdigerweise gärte dabei das christliche Agens wie ein Sauerteig in

unserer entfrommten Welt unbeschadet weiter, fand andere Ventile, und

pflanzte sich in unserer Philantropie wie zu einem blühenden Stabe auf. Es

war erstaunlich zu sehen, wie gut gerade der Katholizismus es vertrug, daß

man ihn in Ruhe ließ, und abgewandten Sinnes lieber fliegen, forschen und

entdecken lernte. Ja, es schien, als atme er indessen von den Strapazen

unserer tausendjährigen Mißverständnisse auf; sachte begann er schon der

bitteren, unleidlichen Rinde sich zu entziehen, in die Menschenhände ihn

verbaut hatten, glitt einer neuen Kurve zu und evoluierte wie ein Planet.

Ja, man kann sagen: seine Idee evoluierte in dem Maße, als seine Dogmen an

Presenz und Deutlichkeit verloren. Nichts gleicht ja so vollkommen einer

Kugel als diese Idee. Und so drehte sie sich nur um ihre Achse, als sie,

ohne doch von uns abzurücken, wie der Neumond unserem Gesichtskreis

entschwand . . . Aber leider sind wir daran, ihn auf seiner Bahn noch

einmal störend aufzuhalten. Aus der Penombra unserer Gleichgültigkeit soll

er noch einmal vorschnell ans Licht, und wenn nicht alles trügt, so kommt

wahrhaftigen Gottes der Katholizismus jetzt in Mode.

Auf irgend einen Umschwung mußte man ja gefaßt sein. Mit der Liebe als

»Topic« ist es bekanntlich vorbei, sie muß sich erst von der Publizität

erholen, die wir ihr ein Jahrzehnt lang angedeihen ließen, so daß wir eine

Zeitlang lieber nichts mehr von ihr hören. Wer hinzukommt, wie ein Rad

ausläuft, der harrt der neuen Schwingung: so sind heute die Unerfahrensten

blasiert. Und daran ist ja nichts auszusetzen. Wohl aber, daß man darauf

verfiel, nunmehr das Religiöse gewissermaßen als Novität auf seine Zugkraft

hin zu erproben! Auch der laueste Katholik sieht heute entsetzt, wie die

Literaten deutlich Miene machen, den Katholizismus zu »entdecken«. Nicht

als Ausübende versteht sich, nur als Imaginäre, die allen Ernstes glauben,

aus Sport, und wie man Wagnerianer und später Antiwagnerianer war, so könne

man auch katholisch sein. Ein grotesker Wahn, wenn man bedenkt, daß der

Begriff Amateur-Katholik so wenig wie der des Amateur-Soldaten existiert.

Und zöge einer in Helmbusch und Epauletten einher, und würfe sich gar in

eine Generalsuniform, weil sie ihm so gut gefällt, so hätte er doch erst

recht mit militärischen Dingen nichts zu schaffen; es sei denn, daß er dem

Stande beitritt und sich dem Drill unterzieht. So fragt der Katholizismus

nicht nach Velleitäten, er fragt nicht, wer für den Pomp seiner Zeremonien

und Gewänder, auch nicht, wer für den suggestiven Zauber des Meßopfers

schwärmt, sondern er fragt nur, wer eingeht durch das kaudinische Joch, das

bis auf weiteres den einzigen Zugang bildet zu einer ehrwürdigen und

wetterfesten, aber der Umgestaltung so dringend benötigenden Feste, daß nur

mehr die ganz Einfältigen, die freiwillig Gedankenlosen oder Leute von sehr

merkwürdiger Abstraktionsfähigkeit ihre Besatzung bilden. Und er fordert

von diesen Wenigen, daß sie es über sich bringen, die wankende Burg um

ihres ewigen Grundrisses willen nicht zu verlassen. Er fordert, daß sie,

wenn auch ohne Illusion und des Einsturzes gewärtig, den täglich

unleidlicheren Verhältnissen sich fügen. Er fragt nicht, welche Grimassen

sie dabei schneiden. Es genügt ihm, daß sie nicht ausziehen. Denn er bedarf

ihrer als Pfeiler für den kommenden Umbau.

In Rom, bei einem Kardinal, der ein sehr heiliges Leben führte, war eines

Tages im engsten Zirkel von der letzten Papstwahl die Rede; und auch von

den politischen Intrigen, die damals in allen Kanzleien so üppig und

offenkundig in Blüte kamen, daß am Tage der Entscheidung einer der

Botschafter mit der Prognose: »Ce sera un petit pape« -- im Gegensatz zu

Leo XIII. -- unumwunden herausrücken durfte. Der Neffe des Kardinals wagte

zu bemerken, daß sich der hl. Geist während dieses letzten Konklaves sehr

passiv verhalten habe. »Et vous croyez«, sagte der Kardinal, nicht etwa

ironisch, sondern mit der Fassung und erfahrenen Gelassenheit des

Veteranen: »Et vous croyez, que dans cent ans nous aurons encore ces

chinoiserieslà?« Mögen manche Katholiken ungläubig die Köpfe schütteln,

mögen sie den Neokatholiken unbegreiflich dünken; dies waren seine Worte.

--

Ich möchte hier etwas über Konvertiten einschalten. -- Zwischen ihnen und

den angestammten Katholiken herrscht so oft eine merkwürdige Fremdheit, als

wären sie gar keine richtigen Glaubensgenossen. Der alte Bau, der für die

Einen die edle Patina der Jahrhunderte trägt, steht wie frisch getüncht und

so hart und plötzlich -- und so neuartig vor den Augen der anderen. Nichts

von seinen Herrlichkeiten ist ihnen noch geläufig. Als nouveaux riches sind

sie über Nacht zu dem gelangt, was den Erbangesessenen selbstverständlicher

Besitz ist. Daher nichts Vornehmeres, aber auch nichts Selteneres als ein

Parvenu -- oder ein Konvertit, -- dem man's nicht anmerkt.

In richtiger Distanz zu dem ewig fluktuierenden Katholizismus zu bleiben,

ist ja eine so schwere und immerwährende Aufgabe, daß eine ganze Anzahl

Katholiken, und gerade die sympathische Sorte, da sie sich nicht lossagen

wollen, lieber Scheuklappen anlegen, als über ein so gefährliches und

verwirrendes Thema nachzudenken. Und ich begreife sie sehr wohl. Seinem

Geiste nach ist der Katholizismus etwas in seiner Vollgültigkeit wirklich

zu Insgeheimes und zu Irisierendes. Für die Armen da, gewiß, aber wie ein

König für die Armen da ist, so ist er in seinem unantastbaren Adel denen

sogleich entzogen, die in ihn hinein geheimnissen oder ihm mit

Anachronismen zu nahe treten. Denn er kennt kein Zurück; und

durchschrittene Bahnen umkreist er kein zweites Mal. O wüßte Claudel, wie

weit dieser Geist seiner versteinerten Muse entschwebt ist, wie wenig ihr

erledigtes Mittelalter den Unaufhaltsamen trifft!

Wenn mir vorhin die Konvertiten einfielen, so geschah es, weil mir bei der

Äußerung des Kardinals, die ich zitierte, unwillkürlich ihre erschrockenen

Mienen vorschwebten. Der junge Diakon hingegen, an den sich die Worte

richteten, vernahm sie mit einem beschaulichen Lächeln. Er sollte sich bald

darauf durch einen zu fürwitzigen Modernismus seinem Seminar mißliebig

machen, auch sollte ihm -- gerade nach Torschluß -- dünken, daß er für die

Aviatik oder die Armee -- er stammte aus einer französischen

Offiziersfamilie -- berufener gewesen wäre, als für den Priesterstand, den

er offenbar ein wenig vorschnell erwählt hatte. In dieser Verfassung kam er

nach München und besuchte mich hin und wieder. Bei seinem skeptischen

Naturell konnte von einem Glauben, der Berge versetzt, nicht die Rede sein.

Intelligent und rege, aber der Wissenschaft, der Technik zugewandt und ohne

jede Einstellung für das Religiöse, läßt sich denken, wie ihm heutzutage in

seinem Stande zumute sein mußte. Seine Ironie war zu wenig gespielt, sein

Achselzucken zu vielsagend, seine Munterkeit zu sehr die eines gefangenen

Eichhorns, kurz, sein Stichwort war die Qual, -- man brauchte es gar nicht

lange zu suchen.

Eines Tages erschien er plötzlich zu ungewohnter Stunde, sich zu

verabschieden. Es habe sich eine Vikarstelle für ihn geboten; ob er die

annähme, wisse er noch nicht, und er zuckte die Achseln; doch jedenfalls

kehre er nach Frankreich zurück.

Die Fenster standen groß offen, und es war ein Frühlingstag, daß ihn die

Gestorbenen unter ihren Erdhügeln spüren mußten. Als eine verwegene

Negation des Todes rauschte er mit allen Schauern herein, sein Licht hing

sich wie ein Lockruf an den blassen und eleganten Abbé und hob mit so weher

Schärfe die Tragik seines Daseins hervor, daß ich aufatmete, als er wieder

ging. Doch gleich darauf hielt ich es selber im Hause nicht mehr aus.

Draußen, unter freiem Himmel, angesichts der Straßen, der blühenden

Anlagen, da gab es die vieljährigen Bäume, die oft erstorbenen und nun

wieder ergrünten, und Menschen aller Art, erst da ließ sich das Schicksal

des jungen Priesters wieder einreihen und erdrückte nicht mehr. Da erst

konnte man sich ein Herz fassen, kalte Dinge in den Tag hineinzudenken.

Zwei Jahre waren vergangen, als ich ihn unvermutet wieder traf. Er hatte

sich in einem Lyzeum ganz der Erziehung junger Knaben gewidmet, seine

Hoffnungslosigkeit schien glücklich eingedämmt; ich fand ihn

»zusammengerissen« und gefestigt, ohne daß er doch im Stillen von seiner

Skepsis das geringste eingebüßt hatte; er zuckte die Achseln womöglich noch

höher als zuvor, und nie war einer seines Zeichens der Dogmen so ungewiß.

»Warum gehen Sie nicht weg?« fragte ich starr.

»Es ist keine Sache, die man desertiert,« sagte er. Dabei kam ein so

anderer Ausdruck in sein Gesicht, und ich begriff, daß eine Weihe wie die,

welche er empfangen hatte, dem Flüchtling zum Brandmal werden müßte. Für

den Augenblick wollte mir alles andere gering scheinen im Vergleich zu dem

Leben dieses im eigenen Lager mißkreditierten und verdächtigten Abbés, der

mit so großer Selbstverleugnung auf seinem Posten blieb. Weil _hinter_

diesem Katholizismus, dem wir doch sonst lieber heute als morgen

davonliefen, das Rätsel steht, das wie eine noch ungehobene Monstranz weit

hinaus über unser Dasein schimmert. Weil hier ein Seiendes inmitten der

ewig zusammenstürzenden Gestalten seinen Bann ausstrahlt.

Wird mich der Leser verstehen, wenn ich ihm das Bild nenne, das da

plötzlich vor mir aufstieg? Ein kleiner Reitertroß, welcher dem vorsichtig

nachziehenden Heere voransprengt, verwehrte Grenzlinien erkundend, ohne

Deckung, verfallen, namenlos, und dennoch vom Sturm seiner Gesinnung sich

zu opfern hingerissen, weil dort einige Helden liegen müssen, wo die

kommenden Vielen freien Durchzug über neue Brücken finden sollen. Und auch

jene Kundschafter schwebten mir vor, die sich als erste in die mörderische

Luft erhoben, um sie für andere zu besiegen. Von dem mystischen

Generalissimus aber, der heute eine solche verschwindend kleine Schar durch

seinen Geist beseelt und, vielleicht ohne es zu wissen, auf ihren

gefährlichen Vorposten zurückhält, von Duchesne will ich nun sprechen.

Wege und Umwege · 第 19 / 34 题