BARRÈRE

Während meines letzten Aufenthaltes in Paris kam ich eines Abends zu

Barrère, der wegen Influenza das Zimmer hüten mußte. Ich traf ihn lesend,

die Füße auf einem Stuhle ausgestreckt, Zeitungen über ihn geschichtet und

wie eine Decke von ihm niedergleitend. Eine Lampe hing gerade über seinem

weit zurückgeworfenen Kopf.

Ich wollte ihn bitten, liegen zu bleiben, aber schon war er aufgesprungen,

mit jener knabenhaften Schnelligkeit, die alle seine Bewegungen

kennzeichnet. »Sie bleiben den Abend?« fragte er. »Ich bin bei Ihnen

eingeladen,« erinnerte ich ihn. Und ich trat an den Kamin, darin hohe,

still flackernde Flammen loderten. Es war ein dunkler, trüber und

regnerischer Tag gewesen. Ich fand Barrère, den ich seit zwei Jahren nicht

gesehen hatte, verändert. Auf das lebhafteste gemahnte er mich jetzt an

einen Ausspruch, den ich mir zu zitieren gestatte, obwohl er nur von mir

ist.

»Habt ihr nicht bemerkt?« fragte ich schon Anno dazumal, da noch kein

Mensch auf das, was ich sagte (auch wenn es noch so richtig war) im

geringsten achtete; »habt Ihr nicht bemerkt, daß wir nur in dem Maße

altern, als wir nichts taugen?« Nun hatte ich Barrère das letztemal kurz

nach einem Sturz vom Pferde getroffen, und ich erinnere mich sehr deutlich,

wie plötzlich das Zukunftsbild eines alternden, einer bestimmten Generation

angehörenden, sich nicht mehr erneuernden Barrère flüchtig in mir

vorüberzog. Denn auch für die Besten kommt der Augenblick, wo der »Genius

der Zeit«, dieser ärgste Feind des Menschen, ihn umwittert, um an sein

Tagewerk, sein Wesen, ja an sein Ich das grausame Schild »Vorbei« zu

hängen. Doch als jenes Bild von einem Barrère, qui a fait son temps, in mir

aufzog, da hatte ich vergessen, wie sehr seine Einstellung doch gerade auf

Fußangeln, Hemmungen und Hindernisse war, und mit welchem Geschick er

mißliche Umstände zu einem Wetzstein seiner Fähigkeiten konvertierte.

Ich kannte ihn nun seit vielen Jahren, aber ich mußte mir gestehen, daß er

inzwischen über sich selbst so rastlos hinausgewachsen war, daß seine

Haltung, seine Züge, seine Gestalt einen Meißel, ein höheres Training, eine

feiertägliche Glasur erlangt hatten, sein Blick aber bei gesteigerter

Aktuität eine innere Stille, mit einem Worte: daß er die Miene desjenigen

trug, der es insofern mit der Zeit aufnehmen darf, als er sie nie

vergeudete. (Zwar hatte er schon als junger Minister die Aufmerksamkeit

Bismarcks erregt, der auf ihn als auf den kommenden Mann hinwies, ein Wink,

der bei uns unbeachtet blieb.)

»Wie ist es draußen?« fragte er.

»Trüb, windig und regnerisch.« Und ich sagte ihm, daß ich in der rue de la

Paix, in einem Wagen wartend, die Passanten gemustert hatte, und wie schwer

es mir schien, den Typ der heutigen Generation zu bestimmen. Es gibt die

Menschen der achtziger, die der neunziger Jahre, aber die Leute von 1911,

meinte ich, die gibt es eigentlich garnicht, und man wird eines Tages seine

Not mit ihnen haben, so transitorisch, so ungefähr erscheinen sie, als

seien sie nur angedeutet. Sehr ausgesprochen ist nur das eine Merkmal, daß

die wenigen großen Leute, die es noch gibt, so vorschnell, als seien sie

abberufen, diese Welt verlassen. Welch erlesene kleine Schar bilden unsere

heurigen Toten! Unter ihnen kein einziger Greis.

»Es ist eine an überragenden Persönlichkeiten sehr arme Zeit geworden,«

stimmte er mir bei.

»Wenn Sie Umschau halten,« sagte ich, noch immer vom Kamin aus, »müssen Sie

finden, daß Sie herzlich wenig Kollegen haben.«

»Für einen wahren Diplomaten,« bemerkte er, »genügt es heute nicht, nur

Nationalist zu sein. Sein Blick muß noch weiter hinausreichen.«

Es entstand eine Pause, denn ich wollte nicht sagen, was ich dachte, da

erschien ein soeben von Rom angekommener Sekretär seiner Botschaft unter

der Tür. Zufällig hatte ich auch ihn vor zwei Jahren hier getroffen; er war

damals ein Neuling in der Karriere und ich hatte mich im stillen gewundert,

daß Barrère ihn so ohne weiteres für seinen »Stab« akzeptierte, denn er war

mir recht talentlos, nichtssagend und langweilig erschienen. Und nun hätte

ich ihn kaum wiedererkannt in diesem lebhaften, energischen jungen Manne,

der sich mit so großer Präzision ausdrückte und dessen Wesen einen so

eigentümlichen Ernst und eine so große Aufmerksamkeit verriet. Dies also

war unter dem Einfluß eines solchen Chefs aus ihm geworden.

Von Rom her wußte ich, mit welchem Wetteifer sein Personal arbeitete.

Vielleicht lag die Stärke seines Einflusses in der nie Kälte und

Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobrietät seines Verhaltens. Was er aus

sich selbst gezüchtet hatte, war die treibende Kraft geworden, die er in

seine Leute hineinlegte und magnetisch sie bereicherte, um aus ihnen das

äußerste an Arbeitsfähigkeit herauszuholen. Denn das Plastische war einfach

seine Ader.

Ich dachte an Mottl, den Unvergeßlichen. Wie kraft seiner, nie Kälte noch

Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobrietät der Geste selbst die Unbegabten

und die Lauen unter seinem Banne zu Taten aufgerüttelt und mit fortgerissen

wurden und sich selbst weit überboten, und er Funken seines eigenen Feuers

aus _ihnen_ schlug, um Tongebilde auf goldenen Säulen ans Licht des Tages

emporzutragen. Denn das Plastische war seine Ader.

Man hegt in Deutschland eine sehr bestimmte Meinung über Barrère, aber wenn

er ein Siamese wäre, könnte uns sein Wesen nicht ungeläufiger und

unbekannter sein. Als ich vor mehreren Jahren einen Aufsatz über ihn

verfaßte, berief ich mich darauf, daß auch bei dem gewiegtesten Diplomaten

ein Hauptgewicht auf sein Temperament zu legen sei. Und das Temperament

Barrères sei das des Architekten.

Und so winkte ich lang, ehe es noch ein Marokko zwischen uns gab, mit

Girlanden und Zaunpfählen meinen Landsleuten zu, die natürlich nicht die

leiseste Notiz davon nahmen. Denn in keinem Lande ist es so unmöglich, sich

Gehör zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Würden schon ergraute, wie

bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Sängern ist Jugend bewilligt. Ich

glaube übrigens, daß sich um dieselbe Zeit in Deutschland ein Mann vom Rang

und Ansehen eines Barrère schwerlich herabgelassen hätte, sich mit solcher

Schlichtheit über europäische Dinge hin und wieder mit mir zu unterhalten.

Man wird mir einwenden, daß er sich den Luxus der Bescheidenheit gestatten

durfte. Das war ja auch meine Idee.

Aber eben darum greife ich die Presse außer acht lassend, weiter zurück;

denn die Zeitungen sehe ich nur mehr sehr flüchtig durch. Sie immerzu als

aufgeregte Ohnmächtige zu handhaben, war auf die Dauer allzu lächerlich und

zwecklos. Und so greife ich weiter zurück und sehe etwas Unheilvolles und

Gefährliches in unserer Arroganz. Sie ist es, die unserem Verständnis

französischer Wesensart so sehr im Wege liegt. Und sie ist das Bedenkliche

und Hinzugekommene. Das Ominöse und Charakteristische bei gewissen

Alldeutschen ist, daß sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der

Besonnenheit behauptet und da Türen zuschlägt, wo sonst Gedanken wären

. . .

Zwar wird heute hin und wieder, zwischen Deutschen und Franzosen, etwas von

einem Sich-besser-kennen-lernen, niemals aber die Frage nach dem

Sich-weniger-kennen ventiliert. Nun behaupte ich, daß die Franzosen uns

unrichtig und ungenügend, wir die Franzosen aber gar nicht kennen. Außer

unter den Künstlern habe ich niemals auch nur den leisesten Flair für

französische Wesensart und Empfindungsweise bei meinen Landsleuten

wahrgenommen.

»Panther« 1913.

Wege und Umwege · 第 21 / 34 题