EINIGES ÜBER DEN GEIZ

Avec la richesse commence l'avarice, sagt Balzac in seinen Illusions

perdues.

Der Geiz scheint jedoch nicht zur Beobachtung zu reizen, und außer Molière

und Schopenhauer haben sich nur die allerwenigsten mit diesem

hochinteressanten Laster eingehend befaßt. Auch soll hier keineswegs von

seinen ungeheuerlichen Auswüchsen die Rede sein, sondern vom Geiz in seinem

normalen Verlauf, wie die Ärzte sagen.

Vor allen Dingen glaube man nicht, das Geld sei etwas Totes. Es ist ganz

Wahlverwandtschaft, ganz Antipathie, ganz Selbsterhaltungstrieb, ganz

»Seele« (auf seine Art). Ja, dem Gelde entströmen atmosphärische Schichten,

die sich in feine, aber undurchsichtige Schleier zerteilen, um sich über

das Gemüt des Reichen zu lagern. Es ist, als schöbe sich ein Milchglas

trennend zwischen ihn und seine Welt. Mag der Trinker vom Weine noch so

sehr umnebelt sein: daß er ein Trinker ist, darüber ist er sich klar. Der

Lügner weiß von seiner Verlogenheit, der Zornige von seinem Haß. Aber der

Geiz spinnt so feine und undeutliche Fäden, daß der von ihm Betroffene ganz

im Unklaren über sich selbst verbleiben darf. Dem Geizigen steht überdies

ein Überfluß an Mänteln und Mäntelchen zu Gebote, die ihm sein Spiegelbild

bis zur Unkenntlichkeit maskieren, wobei immer nur er selbst, niemals die

anderen über seine wahren Züge mystifiziert werden. Man denke sich die

Freudsche Methode, die meist einer so sinnwidrigen Anwendung verfällt,

einmal auf verhärtete Geizhälse angewandt. Einer psychoanalytischen

Behandlung unterzogen, würden diese Patienten am Ende gar kuriert vor

Schreck über die Entdeckungen, welche sie an sich selber zu machen hätten.

Ein Grund ihres Selbstbetruges liegt darin, daß sie nicht selten mit

Vorliebe geben; ja Geschenke zu machen -- freilich niemals entsprechende --

kann bei dem Geizigen fast zur Marotte werden. Denn er weiß so gut wie ein

anderer, daß Geben seliger ist als Nehmen, und er hat es so gut wie der

Freigebige an sich erfahren. Und weil er auch -- denn er will Alles haben

-- des Gebens froh werden will, gibt er nochmal aus seinem Geiz und seiner

Habgier heraus. Und darum schenkt auch er. Aber dabei rächt sich alsbald

sein Laster an ihm und bindet seine Hände, daß er nicht frei--gebig d. h.

nicht frei wird zu geben wie er möchte, und schließt ihn wie mit eisernen

Fäden in immer engere Gefangenschaft, bis seine Miene den inneren Bann, dem

er verfiel, auch äußerlich verrät.

Wer wollte denn auch leugnen, daß geizige Leute häufig zu bedauern sind,

und zwar je mehr sie sich bereichern, da ein Zuwachs ihrer Habe eine

Verhärtung ihres Geizes unerbittlich zur Folge hat. Wobei ihm die fremde

Schlechtigkeit vielfach Grund für sein Verhalten zu bieten scheint. Denn

ein sehr reicher Mensch ist ja schlechten Erfahrungen in schlimmster Weise

ausgesetzt. Die anständigen Leute werden es ja nicht sein, die sich an ihn

herandrängen -- seine guten Erfahrungen bleiben somit negativ -- während er

die miserabelste Sorte aus nächster Nähe kennen lernt. Kein Wunder, daß

manch vertrauendes und großmütiges Herz karg und mißtrauisch wurde. Es

kommt unversehens. Der Geiz hat eine unheimlich schnelle Reife. Dann aber

läßt er seine Opfer nicht mehr los. Er hat nur eine aufsteigende Linie. Er

kennt keinen Verfall, und er kann nicht sterben.

Das Trübseligste erlebte ich einmal auf der Reise von seiten einer alten

kinderlosen Dame, deren Nichte mich gebeten hatte, ihr Nachricht zukommen

zu lassen, denn die Greisin schien sich um ihre sämtliche Verwandtschaft

nicht mehr viel zu kümmern. Sie lebte fern von ihr in einer fremden Stadt,

und hatte es glücklich auf 86 Jahre und 50 Millionen gebracht. Ich traf sie

in ihrem wundervollen Haus, umgeben von Bildern und Schätzen. -- In ihrem

Lehnstuhl vergraben, klagte sie, daß ihr das Schreiben schwer fiele und

erkundigte sich alsbald mit der wärmsten Anteilnahme nach der Schar ihrer

Nichten, Groß- und Urgroßnichten, insbesondere nach einer gewissen

»Hertha«, ihrem Patchen, das sie am innigsten liebte. Um die handelte es

sich eben: ich malte also die blasse Schönheit dieser Hertha in den

leuchtendsten Farben hin und erzählte sodann, daß die Ärzte einen längeren

Aufenthalt in Egypten sehr ratsam für sie hielten.

»Ja mein Gott,« forschte sie ganz bestürzt und voll aufrichtiger Besorgnis;

»wird sich denn das pekuniär machen lassen?«

»Schwer,« erwiderte ich.

Mehr zu sagen stand mir natürlich nicht zu. Derselbe Gedanke war zwar

gleichzeitig in uns aufgestiegen; aber nichts von Unentschlossenheit malte

sich in dem Gesichte der Greisin -- (viele Jahre früher hätte sie wohl noch

gezaudert) -- nur Schatten des Grames breiteten sich über ihr

melancholisches Gesicht. Hier war wieder einmal ein ursprünglich goldenes

Herz vom Geize gelähmt.

Seufzend sprach sie jetzt von ihrem nahen Tode, von der Verlassenheit und

den Enttäuschungen eines zu langen Lebens. Während wir uns unterhielten,

trat die Jungfer ein und fragte leise, ob sie das Töchterchen des

Kutschers, das heute das Haus verließ und in die Lehre zog, einen

Augenblick einlassen dürfe. Die alte Dame empfing das Kind voll Güte und

Wohlwollen, und als es dann schied, hielt sie es noch einmal zurück.

Schränke, Kästen und Truhen wurden nun durchgesehen, aufgeschlossen und

dann wieder abgesperrt. Ein Heer weißer Schachteln in Seidenpapier,

umwickelte Päckchen und Pakete kamen dabei zum Vorschein. Aber die Dame zog

bald diese bald jene Schieblade zu Rat, ohne sich entscheiden zu können.

Die Kleine stand indes mitten im Zimmer und wartete, wie man es ihr gesagt

hatte. Plötzlich flog ein Schein, eine schnelle Röte über ihr Gesicht.

Gleich darauf wandte sie erblassend den Blick nach einer anderen Seite hin.

Aber ich war ihm schon gefolgt und gewahrte ein schwarzes Ledertäschchen,

das die Greisin gerade in Händen hielt, öffnete und untersuchte. Innen mit

dunkelroter Seide ausstaffiert und mit Nähutensilien angefüllt, zugleich

verschiedene Fächer enthaltend, war es wohl der kühnste Traum von einem

Täschchen für eine kleine Nähmamsell; im übrigen nichts Kostbares, sondern

ein schöner Dutzendartikel aus einem Warenhaus. Aber nicht lange, und die

Besitzerin hüllte es wieder ein. Ihre Hände waren gebunden, und sie konnte

das Täschchen, das um eine Idee zu schön für die Kleine war, nicht spenden.

Diese stand unbeweglich mitten im Zimmer, aber der Strahl in ihren Augen

war erloschen. Die Alte kramte indes in einem anderen Fach und zog ein

silbernes Armband hervor, auf dem »Gott mit Dir« in schwarzen Lettern

eingetragen waren, und damit entließ sie die enttäuschte kleine Mamsell.

Die Geberin saß nun wieder in ihrem Lehnstuhl zusammengesunken und schaute

mit einem blassen, vergrämten Gesicht vor sich hin. Ein Fest war ja der

kleine Zwischenfall mit dem häßlichen Armband, darauf »Gott mit Dir« in

schwarzen Lettern prangte, für niemanden gewesen, und ein gesteigertes

Bewußtsein hatte sich der Geberin unmöglich mitteilen können, vielmehr die

Öde des Ereignislosen. Es hatte sich _nichts_ ereignet. Die Kleine war nur

um eine gewaltige Freude betrogen worden, und die Alte, die gern Freude

bereitete, wußte es genau; und wußte ebenso wohl, daß sie niemals anders

verfahren würde, selbst wenn sie das Kind noch einmal zurückriefe. Nebenan

hub jetzt ein Papagei, von der kleinen Passantin aufgeschreckt, zu schreien

und über die Unerfreulichkeit der Welt zu schimpfen an. Schräge Strahlen

ergossen sich durch die weit geöffneten Fenster (die größten der Stadt) und

über die prachtvoll weichen Farben der Teppiche, der Leuchter aus altem

Kristall, der goldumränderten Schalen und silbernen Dosen. Dennoch lag

etwas Drückendes, in seiner Öde unerträglich Akzentuiertes, ja Unheimliches

in der Atmosphäre dieses Raums. Und plötzlich war mir, als befände ich mich

ganz allein, als sei die halb erloschene Greisin vor mir schon verblichen

und nur mehr ein Schemen. Es fehlte ja so wenig! All die Päckchen und

Pakete, die sich in tadelloser Ordnung in ihren Kästen und Truhen häuften,

waren ja schon fast herrenlos. Und nicht die kleine Nähmamsell, nicht

einmal die Nichte Hertha schien mir mit einem Male beklagenswert, sondern

die sonst so kluge, ja sympathische, die unbegreifliche alte Dame, die

rettungslos in die Falle geraten war, welche der Geiz den Besitzenden

stellt.

Sie starb bald darauf. Und da ihr Geiz eine lange Geschichte hatte, ragte

er denn auch weit über ihr Leben hinaus. Sie hinterließ ihr Vermögen ihren

_reichen_ Verwandten, den weniger bemittelten, der Großnichte Hertha, die

ihrem Herzen so nahe stand, unbedeutende Legate.

Neue Rundschau 1911.

DIE MARKGRÄFIN

VON BAYREUTH

Es gibt Menschen, welchen das Schicksal die volle und glückliche Auslösung

ihrer Fähigkeiten so sehr verkürzt, daß wir ihnen nur gerecht werden, indem

wir neben ihren Betätigungen auch ihre Möglichkeiten ins Auge fassen. Zu

ihnen gehört die älteste Schwester Friedrichs des Großen, Wilhelmine,

Markgräfin von Bayreuth.

Ihre Mutter, die Königin Sophie Dorothea von Preußen, versah sich nur in

den Mitteln und Wegen, nicht aber in der Höhe der für ihre Tochter

angestrebten Ziele; denn wäre diese wirklich Königin von England geworden,

ihr Name stünde heute unzweifelhaft als der einer großen Regentin in der

Geschichte verzeichnet. Elle aurait certainement compris les grandes

Affaires, wie Lavisse von ihr sagte. Ihre oft gerügte Unkenntnis der

politischen Konjunkturen, wie ihr Mangel an historischem Überblick rührten

nicht von mangelndem Verständnis, sonder von mangelnder Schulung her; sie

hat diese Lücke später aus freien Stücken so wohl zu ersetzen gewußt, daß

Friedrich, der nicht leicht etwas aus der Hand gab, sie während der

schwierigsten Phasen des siebenjährigen Krieges sehr heikler

Unterhandlungen walten, mit Vertretern fremder Nationen verhängnisvolle

Fäden anknüpfen, selbst diplomatische Instruktionen erteilen ließ. Für sie

fand der große Spötter Voltaire nur Worte der Anerkennung, und für

Friedrich blieb sie die Unvergeßliche, deren Andenken er wie kein anderes

gefeiert hat. Seine hohe Meinung von ihrem Werte sollte jedoch von der

Nachwelt nicht unwidersprochen fortbestehen; vielmehr wurde durch die

Veröffentlichung ihrer Memoiren, so fesselnd und geistvoll sie sind, das

Urteil späterer Geschichtsschreiber in vielfach ungünstiger Weise bestimmt.

Die Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth erschienen zum ersten Male

in Tübingen, und zwar in deutscher Übersetzung, von Dr. Cotta

herausgegeben, und umfaßten die Jahre 1709 bis 1733. Im selben Jahre

veröffentlichte von Osten in Braunschweig das von 1706 bis 1742 führende

französische Original. Zeit und Ort des Erscheinens: das Jahr 1810 und die

preußenfeindlichen Rheinbundstaaten verrieten nur zu deutlich, wie sehr mit

der Publikation dieser höchst interessanten, mitunter aber sehr

verblüffenden Mitteilungen eine sensationelle Wirkung beabsichtigt war. Der

Streit entspann sich fürs erste zwischen beiden Herausgebern, von welchen

sich jeder darauf berief, der alleinige Besitzer des Originalmanuskripts zu

sein. Da sich aber beide Handschriften in der Folge als Kopien erwiesen,

mußte die Echtheit der Memoiren bis zu dem Tage angezweifelt werden, an dem

Pertz im Jahre 1848 das wirkliche Originalmanuskript der Markgräfin bei

einer Bücherversteigerung entdeckte. Es stammte aus dem Nachlaß ihres

ehemaligen Leibarztes Dr. von Superville, war, dank einer Abschrift, durch

die Braunschweiger Ausgabe schon veröffentlicht worden, und brach wie

dieses mit dem Jahre 1742 ab. Zugleich führte es aber bis ins Jahr 1754, da

es auch mit dem Vermerk: ceci ne doit pas être imprimé das versiegelte

Tagebuch aus Italien enthielt. In den Memoiren fanden sich viele noch

ungedruckte Stellen vor; mehrere Blätter waren herausgerissen, oder durch

Alter beschädigt und nicht nur zahllose einzelne Stellen durchstrichen,

sondern ganze Seiten verworfen, und durch einen neuen Text ersetzt. Jeder

Zweifel an der Echtheit der Memoiren war nunmehr behoben, und es erübrigte

sich nur mehr die Frage ihrer Glaubwürdigkeit. Daß sie durch Legat in die

Hände Supervilles gelangt waren, ist zwar behauptet, jedoch nie mit

Sicherheit erwiesen worden; so wenig wie der Ursprung all der Abschriften,

die schon früh in Umlauf kamen; entsprach es doch der Sitte der damaligen

Zeit, mit Manuskripten hoher Persönlichkeiten allerlei Mystifikationen und

Mißbräuche zu treiben. Weder für die Verantwortlichkeit der Markgräfin in

Hinsicht der Verbreitung ihrer Memoiren noch der Zeit ihres Entstehens,

haben sich trotz aller Nachforschungen bestimmte Angaben ermitteln lassen.

Die Feststellung gerade dieser negativen Resultate aber ist für die

Beurteilung der Markgräfin von großer Wichtigkeit, besonders wo es sich,

wie hier, um die mit so mannigfachen Streichungen, Umarbeitungen und

Zusätzen versehene, spätere Redaktion der Denkwürdigkeiten handelt, wobei

zwar ihr Talent gereifter und glänzender zu Tage tritt, ihr Urteil aber um

vieles härter und schonungsloser zum Ausdruck kommt. Denn verglich man

dieses Urteil mit brieflichen Äußerungen der Markgräfin aus derselben Zeit,

so ergaben sich bedenkliche Widersprüche, und nicht nur chronologische

Irrtümer, sondern nachweisbare Entstellungen von Tatsachen und Briefen. Da

mußte es denn nahe liegen, daß man über die Verfasserin ziemlich formell zu

Gerichte saß, sie der Doppelzüngigkeit und Verlogenheit zieh, die

Aufmerksamkeit auf ihre politische Ahnungslosigkeit sowie ihre Unkenntnis

historischer Vorkommnisse lenkte und damit ihre Person, und zum Teil ihre

Memoiren für erledigt hielt.

Wird sie von Ranke mit ziemlicher Kälte ihres Weges beschieden, so schlägt

Droysen schon fast den Ton des Staatsanwaltes ihr gegenüber an, welcher

dann bei Onckens Schüler Bernbeck pflichtschuldig in Grobheit ausartet.

Sein Ton kontrastiert lebhaft genug mit der ritterlichen Weise Carlyles,

dem Wilhelmine zwar die »schrille Prinzessin« ist, der nie müde wird, auf

ihre Übertreibungen hinzuweisen; wo er sich auf ihre Aussagen beruft, das

»Verkleinerungsglas« nie aus der Hand legt, und dennoch ein so edles Bild

von ihr festhält. Und es zeigt sich heute, da wir gelernt haben, eine

weniger summarische Psychologie zu treiben, wie sehr er ihr gerade in

seiner Parteilichkeit gerecht wird.

Um sie zu verdammen, wären Daten erforderlich, die uns wahrscheinlich für

immer entzogen sind, da ihre Memoiren bedauerlicherweise unvollendet

blieben. Wir wissen nur, daß zwei Fassungen derselben bestanden, -- das

Original der früheren ging verloren -- daß die spätere in durchaus

schärferem und boshafterem Sinne umgearbeitet wurde, und daß zwischen

beiden Redaktionen Jahre liegen. Es fragt sich nur, wie Fester hervorhebt,

_welche_ Jahre.

Die Markgräfin nennt uns für ihre Memoiren ein einziges Datum, nämlich: das

Jahr 1744, als dasjenige, in welchem sie die Schilderung der Eremitage

entwirft. Weitere Schlüsse lassen sich nur noch aus einer Stelle ziehen,

welche den Tod des Fürsten Leopold von Dessau, der im Frühling des Jahres

1747 fiel, voraussetzt. Fester nimmt als Zeit der Abfassung die »Jahre der

Erbitterung« 1742--1747 an, während ihrer Entfremdung und vor ihrer

Aussöhnung mit Friedrich; und keine Vermutung könnte glaubwürdiger sein,

als daß die Markgräfin gerade in jenen Zeiten innerster Verlassenheit Trost

und Ablenkung in ihren Erinnerungen suchte, dabei aber die Not des

Augenblickes auf lichtere Tage übertrug, und Vergangenes mit den Schatten

der Gegenwart übermalte.

Bisher war immer noch Sonne in ihrer »carrière d'adversité«. Ihre

wechselvollen und durchkreuzten Pfade sind stets von der großen, fast

ausschließlichen Liebe ihres Bruders, später der ihres Gatten erhellt. Als

sie sich mit diesem durch fremde, mit jenem größtenteils durch eigene

Schuld zerworfen, und ihrer Familie entfremdet fühlte, da suchte sie einen

imaginären Halt in ihrer eigenen Erbitterung. Über diese selbst sich uns

mitzuteilen, versagte ihr jedoch der Mut, und so entnehmen wir ihre

ferneren Schicksale ihren Briefen und den Briefen ihres Bruders.

Eine merkliche Kühle zwischen den Geschwistern war schon seit Friedrichs

Thronbesteigung eingetreten. Die herrische Haltung, in die Friedrich als

junger König verfiel, der Abstand, der sich jetzt zwischen seiner und ihrer

Stellung geltend machte, ihr unbefriedigter Ehrgeiz, dies alles quälte die

Markgräfin schon lange. Aber äußerlich stand alles noch beim Alten, als

Friedrich im September 1743 zum Besuch der Schwester in Bayreuth erschien.

Zwar konnte er nur kurz bei ihr verweilen und mußte politische

Nebenabsichten mit dieser Reise vereinen, da er bei den süddeutschen

Reichsfürsten eines Rückhaltes gegen Österreich bedurfte, ließ aber seinen

Hofstaat, seine Sänger, seinen Bruder, den Prinzen August Wilhelm, und vor

allem Voltaire bei ihr zurück. Dieser sollte nun der wahre Mittelpunkt all

der Festlichkeiten werden, die jetzt auf kurze Zeit das stille Bayreuth mit

so viel Glanz und Leben überzogen, und in diesen froh bewegten Tagen fühlte

sich die geistvolle und gesellige Fürstin in ihrem Elemente; einem Manne

wie Voltaire mußte sie sich in ihrem besten und zugleich wahrsten Lichte

zeigen. Sie war nichts für Philister, für einen bedeutenden Verkehr aber

wie geschaffen. Wies doch ihr eigener Geist nichts von den Halbheiten und

Unzugänglichkeiten auf, die selbst bei talentierten Frauen nicht selten

verdrießen: er war vom Besten wie edler Wein.

So mußte ihrem großstädtischen Sinn die froh bewegte, wohl etwas

geräuschvolle Note, die während Voltaires vierzehntägigen Aufenthaltes in

dem abgelegenen Städtchen anschlug, von Grund auf zusagen, als jedoch

Friedrich zurückkehrte und mit dem ganzen glänzenden Gefolge wieder von

dannen zog, sollte sie auf lange verklungen sein.

Schon wenige Monate später entstand zwischen der Markgräfin und dem König

Friedrich das große Zerwürfnis. Der Markgraf hatte sich vor Jahr und Tag in

eine ihrer Damen, Fräulein von Marwitz, verliebt, und trug jetzt seine

Neigung immer offener zur Schau. Wilhelmine fühlte sich durch seine Untreue

nicht nur ins Herz getroffen, sie empfand sie in ihrem Stolze als eine

nicht zu verwindende Schmach. Sie setzte indes, wohl um die Rivalin zu

entfernen, deren Heirat mit dem österreichischen Grafen Burghaus durch.

Hiermit brach sie aber, wie man aus den Memoiren ersehen wird, ein ihrem

Vater, dem König Friedrich Wilhelm gegebenes Versprechen, und beschwor

zugleich den Bruch mit Friedrich herauf, dessen Interessen durch diese Ehe

in rücksichtsloser Weise mißachtet wurden. Die gehoffte Entfernung der

Marwitz unterblieb, der österreichischen Partei aber, deren Einfluß

Friedrich bei seinem Besuche in Bayreuth schon wahrgenommen hatte, ward

durch diese Ehe ein neuer Vorschub gewonnen. Die Markgräfin stand nun bald

vor aller Welt in einem sehr zweideutigen Lichte. Als sie vollends der zur

Krönung nach Frankfurt ziehenden Maria Theresia huldigend entgegen kam,

mußte dies nicht nur bei ihrem Bruder, sondern bei allen ihren Angehörigen

Entrüstung hervorrufen. Für die feindlichen Strömungen am Bayreuther Hofe,

wie für die anti-preußischen Presse-Äußerungen in ihrem Lande, wurde sie

nun verantwortlich gemacht. Aber sie schien alles, selbst die gehaßte Nähe

der Burghaus-Marwitz eher zu ertragen, als daß sie es über sich brachte,

durch einen Skandal das offene Zugeständnis dessen zu geben, was doch alle

Welt seit Jahren wußte und besprach. Je einfacher ihre Motive gewesen

waren, desto komplizierter und rätselhafter wurde jetzt ihr Verhalten, so

daß zuletzt selbst Friedrich irre an ihr wurde. »Une vraie querelle

d'amants« hat Lavisse ihr Zerwürfnis genannt. Und in Wahrheit konnte nur

die tiefste innere Zusammengehörigkeit einer so andauernden Entfremdung

standhalten. Die spärlichen Briefe, die Friedrich während der folgenden

Jahre an die Markgräfin richtet, sind meist diktiert; nur hin und wieder

gibt ihr ein Vorwurf oder eine grimmige Anspielung zu verstehen, wie schwer

Friedrich den Verlust dieser Freundschaft empfindet. Wilhelminen mag er in

ihrer inneren Verlassenheit wohl noch schmerzlicher gefallen sein. Dennoch

wurde beiderseits nichts unternommen, die stets größer werdende Kluft zu

überbrücken. Ohne die freundliche Vermittlung des Prinzen August Wilhelm

hätten sie den Weg zu einander wohl nie wieder gefunden. Durch ihn wurde im

Jahre 1746 endlich eine Versöhnung der Geschwister angebahnt, und im

Spätsommer des folgenden Jahres folgte Wilhelmine einer Einladung

Friedrichs nach Berlin. Was sie ihm auch jetzt noch verschweigt, verraten

ihm ihre abgehärmten Züge und ihre Erschöpfung; und mit seinen

durchdringenden Augen sieht er Dingen auf den Grund, die auch die letzten

Schatten seines Grolles verscheuchen.

Wilhelmine hatte bei ihrer Abreise die Burghaus todkrank zurückgelassen und

glaubte sich auf immer von ihr befreit. Statt dessen tritt diese der

zurückkehrenden Markgräfin wohlbehalten und triumphierend entgegen. Es

kommt nun doch zu der so lang vermiedenen Szene. Die Burghaus sieht sich

zwar genötigt, das Schloß zu räumen, bezieht aber dafür, auf Kosten des

Markgrafen, eine Wohnung im Gesandtschaftspalais. Ihr Gatte war ruiniert,

ihr eigenes Vermögen aber, infolge ihrer Heirat mit einem Österreicher, die

einzig und allein Wilhelminens Werk gewesen war, gesetzmäßig eingezogen

worden. Diese entschließt sich nun endlich, ihren Bruder zu Hilfe zu rufen;

er allein kann sie aus ihrer Lage retten. Der Brief, in dem sie ihm

gegenüber die Sachlage erörtert, ist noch gewunden genug, aber Friedrich

weiß jetzt längst, welches Geständnis aus ihren gepreßten Worten und

zwischen den Zeilen ihrer Briefe herauszulesen ist, und er zögert keinen

Augenblick, ihr beizustehen: der Burghaus wird ihr väterliches Erbe

ausbezahlt unter der Bedingung, daß sie Bayreuth sofort verläßt. Die

unerquickliche Episode findet somit ihr Ende.

Sie hatte zu lange gewährt, und einen so finsteren Ring um Wilhelminens

Leben gezogen, daß die elastische, trotz aller Lamentos so frohlaunige

Fürstin daran zerschellte. In immer schlimmere Widersprüche geratend, mit

der Feindin befreundet, den Freunden verfeindet, läßt sie heterogenen

Einflüssen ungehinderten Lauf, ihr Gemüt aber bis zur Krankhaftigkeit sich

steigern, indem sie eine unerträgliche Situation, die sie als inavouable

empfindet, scheinbar nicht bemerkt.

In diesem Konflikt einer Selbstlüge, nicht in ihrem Charakter ist das

Geheimnis ihrer vermeintlichen Verlogenheit zu suchen, wie ihrer

vermeintlichen Härte und Herzlosigkeit, und der wahre Grund so mancher

Widersprüche zwischen ihren Memoiren und ihren Briefen. Ihre bitteren

Ausfälle gegen Friedrich aber stimmen ebenso gut zu ihrem Verhalten während

jener Jahre der Entzweiung, als sie mit ihrem späteren kontrastieren. So

war es, in Ermanglung aller Gegenbeweise, eine Zubilligung, ihre Memoiren

in eben diese Jahre zu verweisen.

Dazu kommt, daß selbst den klügsten Frauen nicht entfernt dasselbe scharfe

Gefühl für die starke Realität des geschriebenen Wortes innewohnt, wie dem

Manne. Bei aller Begabung, die aus dem Buche der Markgräfin hervorleuchtet,

steht sie sich dabei doch sehr im Lichte, weil es ihr zwar nicht an

literarischem Talente, aber ganz und gar an literarischer Perspektive

fehlt. Der schöne Nachruf Friedrichs des Großen an seinen Vater ist darum

nicht minder schön, weil darin auch nicht eine Spur jener Subjektivität zu

finden ist, mit welcher doch auch Friedrich sich seinerzeit brieflich über

seinen Vater ausläßt. Es ist darum nicht minder schön und nicht minder

empfunden, weil Friedrich das Gefühl für die objektive Wirkung dieses, auch

für ihn selbst so ehrenvollen Nachrufes in sich trug. Der innere Vorgang

ist hier so einfach, daß es sicher kein Kalkül, kaum ein Bewußtsein zu

nennen ist, daß es vielmehr einem Manne kaum begreiflich scheinen muß, wie

er bei einer so überragenden Persönlichkeit wie der Markgräfin davon

absehen soll.

Um ein wahres Bild von ihr zu gewinnen, dürfen wir der Umgebung, von

welcher es sich so mächtig abhebt, nicht vergessen. Hier hat sie sicherlich

nicht übertrieben. Sie war, noch sehr jung, nach all den großartigen

Aussichten, mit welchen sie aufwuchs, in ein Provinz-Städtchen und in eine

geistige Öde verschlagen worden.

Wenn wir von Voltaires kurzem Aufenthalt in Bayreuth und den paar Besuchen

und Gegenbesuchen zwischen ihr und Friedrich absehen, war die Anregung im

Leben der Markgräfin sehr gering. Nur durch sie ward in ihrem Ländchen für

Architektur und Musik, für Kunst und Wissenschaft ein Boden gewonnen, und

ohne sie wäre die kulturelle Geschichte Bayreuths ein leeres Blatt. An dem

adeligen Stempel, den sie dem Städtchen aufdrückte, hat ihr liebesfroher

Markgraf keinen Teil. Und _sie_ war es, welche Bayreuth »créierte«.

Volle Würdigung ihrer Interessen wie ihrer Initiative findet sie hier nur

bei ihrem Leibarzt von Superville, der ihr seine reichen Fähigkeiten und

sein organisatorisches Talent zu Diensten stellt, ihr die Gründung der

Universität Erlangen ermöglichte, und ihr neun Jahre hindurch als Freund

und berufener Ratgeber zur Seite steht. Daß sein Sturz sich um dieselbe

Zeit ereignete, in welcher die Burghaus aus Bayreuth verwiesen wurde, hat

zu der Hypothese geführt, Superville habe sich als Arzt die Freiheit

genommen, den Markgrafen zu warnen, daß er seine Liaison mit der Marwitz

auf die Dauer nicht aufrecht halten könne, ohne an die zerrüttete

Gesundheit der Markgräfin gefahrvolle Zumutungen zu stellen. Gewiß ist, daß

sie Superville aufs wärmste an ihre Schwester, die Herzogin von

Braunschweig, anempfahl, an deren Hofe er bis zu seinem Ende verblieb. Die

Bedeutung dieses Mannes scheint übrigens größer gewesen zu sein wie sein

Prestige. Falls sie ihm wirklich das Originalmanuskript ihrer Memoiren zum

Vermächtnis machte, scheint sie sich gewisser wenig schmeichelhafter

Stellen betreffs seiner nicht mehr erinnert zu haben, eine Vergeßlichkeit,

die wieder darauf hindeuten würde, wie wenig sie sich in ihren letzten

Jahren mit ihren Memoiren befaßte.

Es brach durch ihre Versöhnung mit Friedrich eine so andere Zeit für sie

an, so wenig geeignet, sie weiterhin zu Rückblicken anzuregen. In den

Jahren 1750 und 1753 verweilt sie wieder auf einige Zeit zu Besuch ihres

Bruders in Berlin, 1754 besucht er sie zum letzten Male in Bayreuth, und im

Herbst desselben Jahres tritt sie ihre langersehnte Reise nach Italien an.

In Lyon kommt sie wieder mit Voltaire zusammen; sie hat besser als ihr

Bruder die Regungen seines Herzens durchschaut, das die Bewunderung für den

großen Friedrich so wenig als die erlittene Kränkung verwinden konnte, und

sie versteht es, neue Brücken zwischen ihnen anzubahnen. Mit ihrer Reise

nach Italien, das sie mit so offenen Augen betrachtet hat, ist dann das

Register ihrer sonnigen Tage geschlossen. Wenn aber sieben Jahre der

Entfremdung ihre Liebe zu Friedrich nicht ertöten konnten, so steigert sie

sich jetzt, da seine Lage immer bedrängter wird, ins Heroische, und nicht

länger darf sich Maria Theresia der Sympathien seiner Schwester rühmen:

Wilhelmine politisiert, intrigiert und vermittelt, sucht durch Folard, den

Vertreter Frankreichs, an mehreren deutschen Fürstenhöfen, durch Voltaire,

den sie in Bewegung setzt, auf den Frieden hinzuwirken. Dem König ist ihre

starke Anteilnahme eine Stärkung und ein Trost. Als er im Jahre 1757 im

scheinbar aussichtslosen Kampf wider die Übermacht seiner Feinde den

Selbstmord ins Auge faßt, schreibt ihm Voltaire auf Wilhelminens Bitte den

zwar inspirierten, aber von prachtvoller Empfindung getragenen Brief, um

ihm von diesem Vorhaben abzuraten. So knüpft sie überall Fäden an, mit

unverkennbarem Geschick, wenn auch aller Erfolg jenseits der Tage liegt,

die ihr noch beschieden sind. Ihrer Sorge um den König vermögen ihre

aufgezehrten Kräfte nicht mehr lange zu widerstehen. Man ist in Berlin über

ihren Zustand unterrichtet, und sie selbst weiß, daß keine Rettung für sie

ist; nur Friedrich bringt es nicht über sich, der traurigen Tatsache ins

Auge zusehen, und ihm verhehlt sie ihre Lage, wie er selbst sie über die

eigene zu täuschen sucht. Denn beide wissen nur zu gut, was das Los des

einen dem anderen bedeutet. »Auf meinen Knien«, schreibt ihr Friedrich, als

könne sie über ihr sinkendes Leben gebieten, »bitte und beschwöre ich Dich

zu tun, was Du nur tun kannst, um dieser Krankheit zu entrinnen; iß, nimm

die Arzneien, folge blindlings den Anordnungen Deines Arztes. Denke, daß

Dein Tod mich zur beklagenswertesten Kreatur der Erde machen würde.«

Seinen letzten Zuruf, den er zwei Tage vor ihrem Tode an sie ergehen läßt,

vernimmt sie nicht mehr. Sie stirbt am 14. Oktober 1758, um dieselbe

Stunde, zu der Friedrich die schwere Niederlage bei Hochkirch erleidet.

Die Welt kennt den Nachruf, den er ihr widmet, weiß von dem

Freundschaftstempel mit den korinthischen Säulen, den er im Park von

Sanssouci zu ihrem Gedächtnis errichten ließ. Bis zu seinem Lebensende

pilgerte er gerne zu dieser Stätte hin, wo sich, inmitten von Bildnissen

der Heroen der Freundschaft, ihre Statue erhob und er die stille Sprache

der Erinnerung mit ihr führte.

Ein Tempel war in der Tat der gemäße Ausdruck für die Harmonie, welche

diese beiden großen Herzen umspann.

Und der Markgraf?

Zwar tritt er in Wilhelminens letzten Jahren hinter ihrer Teilnahme an dem

mächtigen Geschicke ihres Bruders etwas zurück; dennoch bleibt sie ihm bis

ans Ende ihrer Tage leidenschaftlich zugetan, sodaß sie die eifersüchtigen

Regungen, zu welchen er ihr auch nach der Marwitz-Affäre mehr denn einmal

Anlaß gibt, nie ganz unterdrücken kann. Es fällt uns ja heute nicht leicht,

den Zauber zu begreifen, den dieser nichtssagende Mann auf eine Frau wie

die Markgräfin auszuüben vermochte. Aber wir wissen, daß er auch an ihrer

jüngeren Schwester nicht verloren ging, und daß sie mit Vergnügen den

eigenen Verlobten mit dem Wilhelminens eingetauscht haben würde. Er gehörte

also wohl zu jenen typischen »Menschen des Augenblicks«, die gleichsam mit

jedem Tage die Summe ihres Wesenswertes ganz und voll verausgaben und die

nichts überdauert, deren Reiz aber nicht selten umso mächtiger fesselt, je

illusorischer er ist. Wo immer der Markgraf Proben selbständigen Urteils

abzugeben hat, versagte er gänzlich, und als er einmal auf eigene Faust im

Interesse seines Hauses eine Reise nach Dänemark unternimmt, kehrt er

unverrichteter Sache heim. Aber die Markgräfin, als die loyalste Gattin,

die sich denken läßt, hält stets zu ihm und macht mit wahrer Vorliebe seine

Verdienste und seine Fähigkeiten geltend.

Im ganzen gehörte sie zu den Menschen, die wenig positives, aber

reichliches Glück im Unglück haben; so fällt ihr in ihrer aufgezwungenen

Ehe zwar eine geringe Partie, zugleich aber ein Prinz zu, den sie

passionément liebt, was mehr ist, als man von einer Vernunftehe erwarten

darf. Der geistigen Sphäre der Geschwister freilich gehört er nicht an, und

daß er die große Illusion und nicht der wahre Gefährte ihres Lebens war,

blieb ihr wohl nicht immer verborgen.

Aber hier gerade kommen wir zum Prüfstein ihres Wertes.

Wenn Friedrich begeistert an ihr loben durfte, daß man sich »über die

heterogensten Dinge, über Frisuren, über Krieg und Politik mit ihr

unterhalten könne«, so hatte sie sich allein zu dieser Vielseitigkeit

vermocht, und ganz von innen heraus die scharfen geistigen Umrisse

gezeichnet. Und darum nehmen wir an ihr jenes starke Relief wahr, das wir

an so manch berühmter Frau vermissen, deren Züge an Ebenmaß gewannen, was

sie an Deutlichkeit verloren, weil ein Größerer als sie selbst sie ihrer

eigenen Bedeutung liebend überbot, hier ein bißchen untermalte, dort kleine

Mängel wegretouchierte . . . . . . Denn Frauen lieben es, ohne sich dabei

einer Unredlichkeit bewußt zu werden, sondern wie sie es lieben sich zu

schmücken, so lieben sie es, sich auch intellektuelle Ritterdienste

erweisen zu lassen.

In dieser Hinsicht aber war Wilhelmine nicht verwöhnt. Kein Lehrer, kein

Geliebter, der ihren inneren Werdegang beeinflußt oder erleichtert hätte.

Auf ihrer geistigen Bahn fehlen alle Abstecher und alle Wegweiser, und

Echtheit und Eigenwert sind ihre Marke, wo sie sich hervortat. Wir fühlen,

ohne daß sie es nur andeutet, mit welchem Erfolge sie bei den Frankfurter

Krönungsfesten erschien, und wie groß der Reiz dieser jungen Frau gewesen

sein muß, die, so tugendsam, und dabei so verführerisch, nach einem

ziemlich verloren gegangenen Rezept deutsche Solidität des Geistes mit

französischer Grazie vereinte. Kraft eigenster Energie fuhr sie fort zu

werden, bis sie vor der Schwelle ihres Alters und zugleich der ihres Todes

stand. Ihre Briefe an Voltaire über kriegerische Dinge und friedliche

Endziele sind durch die erstaunliche Klarheit und Sachlichkeit, wie durch

die wahrhaft künstlerische Reife des Ausdrucks gleich bewundernswert.

Man denke, woher sie stammt:

Von Eltern, die weniger Kontraste als Unvereinbarkeiten aufweisen. Carlyle

wirft ihr vor, sie hätte ihren Vater nur »von außen gekannt.« Es ist aber

viel leichter, diesem König par distance gerecht zu werden: seiner Umgebung

war es fast unmöglich. Wilhelminens Eindrücke stimmen nur zu wohl mit den

Berichten der damaligen Gesandten am Hofe Friedrich Wilhelms überein. Er

galt ihnen als ein gefährlicher Narr: sein Hauptargument war der Stock. Die

Tochter konnte es dem König nicht recht machen, ohne die Königin zu

erzürnen. Bald in Gnaden, dann, wenn ihre Aussichten auf eine glänzende

Partie sich verschlechterten, zurückgestoßen und malträtiert, wird sie

Zeuge und unfreiwillige Ursache furchtbarster Szenen. So tritt sie, als ein

altkluges Dämchen, aus einer Kinderstube, die jeglicher Hygiene und

Pädagogik spottete. Gewiß ist, mag man ihren Übertreibungen noch so sehr

Rechnung tragen, daß die zu frühen und zu fortgesetzten Aufregungen ihre

zarte Konstitution frühzeitig untergruben. So ist in ihrer Schrillheit

zugleich ein Echo; an ihrer späteren Vollendung und edlen Reife aber haftet

nichts Fremdes. Wir heben es noch einmal hervor. Denn sie selbst, die sich

oft zu Unrecht lobte, hat sich dessen nicht gerühmt. Die sonst so

Ranglustige weiß nicht, wie abseits sie steht. Es war noch nicht die Zeit

der Selbstanalysen, und man war noch nicht darauf verfallen, sein Ich

herauszugreifen und zu bespiegeln. In dieser verfrühten Blume geistiger

Kultur ist noch viel Herbheit in der Verfeinerung. In ihrer etwas morbiden

Selbstherrlichkeit aber liegt ihr großes Anrecht auf unsere Bewunderung wie

auf unsere Nachsicht.

Ich für meinen Teil möchte auch ihren Hochmut nicht missen. Er hat dieselbe

Befugnis wie die weitläufigen Zieraten des damaligen Kostüms, und er

verhält sich zu ihrer Aufgeklärtheit wie zu ihrem schmalen Gesicht die

mächtige Perücke und der immer höher steigende Kopfputz. So hat ihr

gewaltiger Dünkel die große relative Berechtigung der Mode. Der Geist einer

Zeit umgibt sich nie so sehr mit dem Scheine des Unwandelbaren, wie kurz

bevor er schwindet. Die Zopfgeschichten, die Wilhelmine wegen ihrer Audienz

bei der Kaiserin aufführt, stehen ihr noch allerliebst. Und man begreift,

daß der Fürstbischof von Würzburg, trotz aller Impertinenzen, die er sich

in seiner eigenen Hoffart von ihr gefallen lassen mußte, von ihr entzückt

war.

Wie es einen letzten Ritter gab, und wie Carlyle in Friedrich den letzten

König sehen wollte, so war Wilhelmine die letzte Prinzessin alten Stiles,

eine so typische Prinzessin, daß sich die Prinzessin, -- was auch bei

Prinzessinnen selten ist, -- nicht von ihr wegdenken, die Frau nicht ohne

die Prinzessin in Erwägung ziehen läßt. Dies wurde bei ihr zu Unrecht

übersehen. Denn es ist etwas Geheimnisvolles um eine königliche Geburt.

Wie die Wasserfläche diese Welt des Scheines reflektiert, so liegt in der

geistigen Sphäre das getreue Abbild -- oder Vorbild? -- aller Schranken und

Unterschiede, welche die menschliche Gesellschaft geschaffen hat. Und das

ganze Kortege, vom Edlen zum Niedrigen, zieht -- nur so anders -- von neuem

auf. Aus den ungeheuren Fluktuationen aber, dem Schwanken, dem Hin und

Wider ihrer Würden -- und ihren Gleichungen -- sind alle Adelsbriefe in

dieser krausen Welt geschrieben.

Daher der mystische Zug erlesenen Blutes zu erlesenen Kräften. So wahr ist

dies, daß an einer Stelle dieses Buches, der, an welcher Wilhelmine die

Boskette der Eremitage beschreibt, und mit so viel Wohlgefallen die vielen

Lauben und Glorietten, und die Unmenge von Springbrunnen aufzählt, die sich

da alle paar Schritte ereignen, daß sie da als die vollendetere Prinzessin

erschiene, wenn sie ein Gefühl dafür hätte, daß dies kein Garten ist,

sondern eine Spielerei.

1910 Inselverlag.

Wege und Umwege · 第 16 / 34 题