Zu leugnen, daß es große Schriftstellerinnen geben kann, ist vielleicht
erst in unseren Tagen wirklich unzulässig geworden, seit eine Frau von
Genie wie Selma Lagerlöf zu Würden gelangte, die ihr die Zeit gewiß nicht
rauben wird. Ja, im Gegenteil: ich bin überzeugt, ihr Ruhm wird Zeit ihres
Lebens seinen Höhepunkt gar nicht erreichen können, ob auch schon viele das
Fortlebende ihres nicht vielseitigen, aber so tragenden Geistes empfinden.
Aber auch sonst möchte ich nichts gegen Schriftstellerinnen sagen. Es wäre
unsolidarisch, denn eigentlich muß man mich auch so nennen. Was mir an
Fachmäßigkeit fehlt, läßt doch meine Zünftigkeit bestehen, so daß ich mir
über dieses Thema wohl einige Äußerungen gestatten darf.
Die Gefahr beim Schreiben ist natürlich die innere Verarmung. Produziert
doch der Schreibende -- ach! -- so selten aus seiner Fülle, so häufig aus
einem Mangel heraus. Getrieben, gezwungen mag er sich wohl fühlen, aber
seltener durch seinen Überschwang denn durch seine Not! Von ihm gilt weit
mehr noch, was Plato vom bildenden Künstler aufrecht erhielt: So herrlich
seine Werke auch seien, möchte man nicht ihr Schöpfer gewesen sein. Aber
tausendmal größere Pein hängt doch sicherlich an den Tragödien des Äschylus
als an den Statuen des Phidias. Und wo ist das Buch, fesselte es uns noch
so sehr, wo ist das Buch, das wir deshalb geschrieben haben möchten? Ich
weiß keines. Ich hätte zu keinem den Mut.
Es muß doch endlich eingestanden werden, was für eine Qual das Schreiben
ist. Der passionierteste Dichter wird mir hierin beistimmen; eine gesunde
Qual, eine Qual, ohne die er nicht leben könnte; zugegeben; aber eine Qual.
Ist das Musizieren nicht eine Lust? Ist das Malen nicht beglückend? Es
benimmt der Kunst des Bildners sicher nichts von ihrer Schwere, daß die
Natur ihm so sehnsüchtig entgegenkommt; aber sein Wesen, seine Vitalität
bleibt von seiner Schaffensmühe unbelastet: außerhalb seines Ateliers
feiert er wirklich. Nur den wenigsten Schriftstellern hingegen fällt nach
der Arbeitszeit die Tür ihrer Werkstatt wirklich ins Schloß. Die Maschine,
einmal in Betrieb gesetzt, fährt auch ins Leere zu arbeiten fort, und es
entsteht der Literat, jenes oft so zerquälte und so ermüdende Geschöpf. Der
produktive, schon der reproduktive Mensch ist ja vielfach mehr als der
Müßige gefährdet. Bête comme un ténor heißt doch nicht, daß einer dümmer
ist, weil ihm die paar Töne im Halse sitzen, sondern, daß er sich von
dieser erfreulichen Beschaffenheit seiner Kehle überbieten ließ und in
seiner Gesangskunst den Mittelpunkt aller Dinge erkennt. Wenn nun schon
_sein_ Gleichgewicht öfter als nicht durch sein Talent bedroht wird, was
ist vom Dichter zu gewärtigen, an den die ungeheuerliche Forderung ergeht,
Mann und Weib in einer Person abzugeben, aus dem Nichts zu schaffen, das
Konzipierte selber auszutragen, ein Wagnis, bei dem der Einsatz des
Individuums so gewaltig ist.
Und gar die Dichterin! Das Gewaltsame entspricht doch wenigstens bis zu
einem gewissen Grade dem Wesen des Mannes, und das Feminine liegt ihm nie
so fern wie der Frau das Maskuline. Bei, ihr schillert die Aufgabe, sich
fremde Wesenselemente abzutrotzen, von vornherein arg ins Groteske hinüber.
Es ist zu schwer, die Überforderung ist zu groß! Was Wunder, wenn sie bei
der gefährlichen Arbeit unter die Maschine gerät, ein Arm und ein Bein ihr
abhanden kommt, und jenes Strafgericht sie ereilt, von dem schon im alten
Mythos die Rede ist. Denn nicht nur, heißt es da, hätten uns die Götter
dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu
verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden,
sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte
Kreatur, nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht heraus,
sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und diese, in
ihrem Zorn, würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur Profilgestalt
geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr dürftiges Dasein
verlebe.
Der Mann hat für die Kategorie der mehr intellektuellen als intelligenten
Frauen den Namen Blaustrumpf ersonnen. Bezeichnenderweise (mehr bezeichnend
vielleicht als bewußt) wird für sie auch in den anderen Sprachen stets nur
auf _ein_ Bein Bezug genommen: der Bas bleu, der Blue stocking, nirgendwo
scheint er ein _Paar_ Strümpfe zu benötigen.
Dabei vergaß aber der Mann, daß er selbst ein Gegenstück zu dieser Spezies
stellt, wenn er sich, wie so häufig geschieht, als Literat von seinem
Schreibtisch weg unter die Menschen begibt, Menschen und Dinge in seinen
unlebendigen Gesichtspunkt rückt, und ihrer Perspektive entzieht. Die
Literatur läuft in sehr schwanken Brücken aus, die leicht _aus_ der Welt
statt tiefer hinein führen. Wir sind die Gefährdetsten. Unsere
Unzugänglichkeit ist keine einfache Sache, auch lange nicht so sympathisch
wie etwa die Borniertheit ungebildeter Leute, die keine höheren Interessen
haben. _Unsere_ Dummheit wird durch Gedankensplitter, die doch keine
Gedanken sind, durch Wissen, Bildung, ja mitunter durch eine ausgesprochene
Geistigkeit erschwert, wie komplizierte Knochenbrüche, denen so schwierig
beizukommen ist. Und das Schriftstellern wird uns dann zur Klippe, an der
wir sehr naturgemäß zerschellen; Denn Schreiben ist Unnatur. Nur die ganz
Reichen können das ominöse Wagnis ohne Schaden an sich selbst bestehen und
sich noch zurückbehalten. Wir andern -- und ich muß schon die Herren
bitten, auch mit in die Reihe zu treten -- seien wir auf der Hut, wir
andern! Denn nichts ist leichter, als sich in dem Wettlaufen um das
Zuviel-sein-Wollen ein Bein auszulaufen und zum Schemen, zur Profilfigur zu
verarmen.
1913.