Es geht den Heiligen wie den anderen ausgezeichneten Menschen. Die Zeit ist
das Feuer, das sie vor unseren Augen läutert, indem sie das Vergängliche
und Unzulängliche an ihnen zurückweist, das Wertvolle und Bedeutende aber
zu einem Bildnis von individuellstem Umriß scheidet. Wenn daher Siena --
nach mehr als fünf Jahrhunderten -- vom Leben der hl. Catharina so erfüllt
blieb, daß ein Echo dieses Lebens Sienas Luft, seine Türme und Felsen noch
umhallt, so muß einem Dasein, das so kurz und doch so bleibend, Zügen, die
so weltabgewandt und doch so unverweht der Welt geblieben sind, eine Zeit,
der sie noch gelten, neue Deutungen entraten können. Vor allem heute! da
für das ungeübte Auge alle Symptome hinfälligen Alters am Christentume
haften, während es, wie eine Raupe eingesponnen, sein neues Wachstum
umhüllt.
Denn wir sind heute so weit wie zuvor: Der Protestantismus wird seiner
nicht mehr froh, und die Norm der Katholiken, durch zu viel gescheiterte
Reformversuche eingeschüchtert, hat den Glauben an eine römisch-katholische
Reformation verloren, jene Reformation, die Catharina nicht müde wird zu
verkünden, und der ihre leidenschaftlichen und begeisterten Zurufe gelten.
Und wenn heute unsere katholischen Gesellschaften, Vereine usw. ihre
fortschrittlichen Bestrebungen verheißen, so belächeln wir im voraus die
kümmerlichen Resultate, die sie uns bringen werden. Da dringt denn zu guter
Stunde die kühne Sprache Catharinas wie ein frischer Luftzug in eine
verbrauchte Atmosphäre.
Catharina von Siena, geboren am weißen Sonntag des Jahres 1347, war das
Kind frommer und, trotz ihrer 22 Kinder, wohlhabender Leute: des Färbers
Benincasa und der Monna Lapa. Ihr religiöser Hang zeigte sich schon sehr
früh; doch war sie dabei ein munteres und sehr empfindsames Kind, und so
anmutig, daß sie den Beinamen Euphrosyne erhielt. Ihre erste Vision -- sie
stand damals in ihrem sechsten Jahre -- war für ihre Laufbahn bestimmend:
sie kam mit ihrem Bruder vom Hause einer verheirateten Schwester, an der
sie mit besonderer Zärtlichkeit hing, da erschien ihr über der
Dominikanerkirche, in den Lüften schwebend, Christus als hoher Priester,
eine dreifache Krone auf dem Haupte, der die Hand segnend nach ihr
ausstreckte. Seitdem mied sie die Freuden ihres Alters. Daß sie gerade dem
hl. Dominikus eine so besondere Verehrung widmet, hängt zusammen mit dieser
ersten Vision. Seine Taten sind es, die sie zumeist beschäftigen; sie trägt
sich mit dem Gedanken herum, als Mann verkleidet in den Predigerorden der
Dominikaner zu treten, und Dominikaner sind überall der Gegenstand ihrer
Ehrfurcht und Begeisterung. Schon jetzt führt sie ein Leben strenger
Abtötung und gelobt in ihrem siebenten Jahr, nie einen anderen Bräutigam zu
nehmen als Christus. Indes sie aber heranwuchs, hatten ihre Eltern andere
Pläne und verlangten, daß sie sich wie andere Mädchen ihres Alters
schmücke. Durch die Lieblingsschwester ließ sie sich dazu bewegen, als aber
eifrig an ihre Verlobung gedacht wurde, und Catharina, um sich ihr zu
entziehen, ihr schönes blondes Haar abschnitt, zog ihr ein so radikales
Verfahren die erste schwere Prüfung zu. Um ihren Widerstand zu brechen,
wird ihr die Kammer, die sie zu einer Kapelle sich errichtet hatte,
genommen, und sie selbst im Hause ihrer Eltern wie eine Magd gehalten.
Catharina, die sich ihren niedrigen Diensten mit großer Sanftmut und
Freudigkeit unterzieht, hat bald eine neue Vision, die sie tröstet und
ermutigt. Diesmal sind es die großen Ordensstifter, die ihr erscheinen: sie
sieht den Gründer des Karthäuser-Ordens, den hl. Franz von Assisi, den hl.
Benedikt: allein sie alle machen ihren Klosterschwestern strengste Klausur
und Abgeschiedenheit zur Ordensregel, und Catharina läßt sie vorüberziehen.
Sie hat nur Augen für den hl. Dominikus, der mit einer herrlichen Lilie auf
sie zuschreitet und ihr das Kleid seines Tertiazordens entgegenhält.
Nicht länger hält sie mehr mit ihrem Entschlusse zurück, und die Eltern
Benincasa lassen sie jetzt betrübten Herzens gewähren. Allein ihrem Wunsche
standen noch die Dominikanerinnen selbst entgegen. Obwohl sie gewisse
Ordensregeln befolgten, unter einer gemeinsamen Priorin standen und die
Tracht des Ordens: das weiße Kleid und den schwarzen Mantel trugen, weshalb
das Volk sie Mantellate nannte, so lebten sie doch ohne Klausur, ohne
eigentliche Gelübde, und in ihrer eigenen Wohnung. Es gehörten denn auch
meist Witwen gesetzten Alters dieser Genossenschaft an, und die 15 jährige
Catharina aufzunehmen, schien ihnen in keiner Weise ratsam; aber Catharina
verfällt in eine schwere Krankheit, und die Mutter selbst muß ihr nun
helfen, die Mantellate zu bestürmen; zudem ist ihre Schönheit zerstört,
nichts als eine gewisse morbide Grazie war ihr geblieben. So wird denn
ihrem Verlangen endlich nachgegeben und nach ihrer Genesung an einem
Sonntag des Jahres 1362 ihre feierliche Einkleidung in der
Dominikanerkirche vollzogen.
Drei Jahre lebte sie nun im Hause ihrer Eltern ein den strengsten
Bußübungen, der tiefsten Zurückgezogenheit und dem Schweigen geweihtes
Leben. Die Nächte durchwachte sie im Gebet, aß nie Fleisch, nur ungekochtes
Kraut, Früchte und Brot -- später wurde ihre Nahrung so gut wie keine mehr
-- geißelte sich des Tags dreimal nach Dominikanersitte, und schlief
zwischen einigen Brettern in einem sargähnlichen Bett und auf einem
Kopfkissen aus Holz. Zu dieser Zeit sollen doch manche Anfechtungen und der
Wunsch, wie andere Menschen zu leben, die Ruhe ihrer Seele gestört haben.
Schlafend und wachend, ob sie ihren Leib noch so sehr marterte, hielt ihr
ein Dämon verführerische Bilder vor, bis wieder eine Vision das Ende ihres
Kampfes verkündet.
Einmal erscheint ihr die hl. Jungfrau, sie mit ihrem Sohn zu verloben.
Christus steckt ihr einen goldenen Ring mit vier Perlen an, und David
begleitet die Zeremonie auf der Harfe. Ein anderes Mal vertauscht Christus
sein Herz mit dem ihrigen. In einer späteren Ekstase berstet ihr Herz von
oben bis unten, so daß man sich fragt, wessen Herz es dann gewesen ist?
Endlich waren es die Wundmale Christi, die sich in fünf blutigen Strahlen
auf ihre Hände, ihre Füße und nach ihrem Herzen richteten. Bevor aber diese
Strahlen die fünf Stellen ihres Leibes erreichten, verwandelte sich das
Blut in Licht, und in Gestalt des Lichtes prägten sich ihr diese Strahlen
ein. Daß diese Wundmale, die ihr ein Gefühl des Schmerzes zurückließen,
gleich dem Verlobungsring[1] den Augen der anderen niemals sichtbar wurden,
beirrte Catharina in ihrem Glauben daran nicht. Und der Grundton ihres
Wesens ist so wahr und echt, daß sich ein ablehnendes Gefühl für ihre
visionäre Seite mit dem Glauben an sie selbst vertragen kann. Allein
bedeutsam bleibt es immerhin, daß Catharina, deren Heiligkeit es doch ist,
die uns als die schwerste und ruhmreichste Tat ihres Lebens gelten muß,
gerade in den Äußerungen dieser Heiligkeit so ganz ihrer Zeit angehört, und
so ganz von der Anschauungsweise und der Phantasie des Mittelalters
beherrscht ist, daß gerade das Visionäre an ihr sich nicht selten als das
Veraltete zeigt! Ist doch auch das Wertvollste heute an ihren furchtbaren
Kasteiungen die fesselnde und geistvolle Art, mit der sie über solche Dinge
spricht -- man könnte fast sagen, abspricht -- und den ganz relativen Wert,
den sie ihnen zuerkennt. So streng ihre eigene Askese ist, man fühlt, sie
steht darüber. Nimmermehr würde sich wohl heute diese selbe Catharina
bewogen fühlen, das eiterige und blutige Wasser, mit dem sie die ekelhaften
Geschwüre einer Kranken gewaschen hatte, auszutrinken. Warum hat sie sich
dann einer so extremen Lebensweise ergeben, als könnte sie es nicht
erwarten, daß ihr Leib zugrunde gehe? Aber lag es nicht in der Natur der
Dinge, daß ein Heiligenleben des 14. Jahrhunderts einen wesentlich büßenden
Charakter trug? in einer Zeit, in welcher die Gemüter vom Geist des
Christentums noch so wenig umbildet waren, und das Leben wie eingedämmt war
von Grausamkeiten; da abgehauene Hände, geblendete Augen zu den üblichen
Racheakten gehörten, und der Feind den anderen nicht schonte. Fand es doch
mancher bedenklich, daß ein so liebendes Gemüt wie der hl. Franz von Assisi
wenig Herz gezeigt habe für die Greuel der Inquisition, deren Kunde er doch
vernahm. -- Wenn aber Franz von Assisi zu jener selben Epoche sich gedrängt
fühlen konnte, Aussätzigen um den Hals zu fallen und sie zu küssen, was war
dies anderes, als der spontane Ausdruck eines trostlos-ohnmächtigen
Mitgefühles? In ihrem Beweggrund allein lag der Sinn so überschwenglicher
Werke. Wenn daher ihre Abtötungen es nicht sind, die Catharina zu einer
großen Heiligen stempeln, so wäre sie die große Heilige nicht gewesen ohne
den sublimen Drang, der sie zu ihnen trieb. Ein Herz wie das ihre mußte
dürsten, die Blüte ihrer Jugend zu zertreten in einer von Leiden so
befleckten Welt, vor der selbst ein Boccaccio in eine Karthäuserzelle
flüchtete.
[Fußnote 1: Sie selbst äußerte ihrem Beichtvater gegenüber, daß sie den
Ring immer an ihrem Finger sähe.]
Nicht ganz so leicht läßt sich in der visionären Catharina unterscheiden.
Wenn auch ihre in astrazione, das heißt in Verzückung geschriebenen Briefe
ihren Gedankengang stellenweise zu erhabenem Ausdruck bringen, so erwecken
sie doch anderseits den Eindruck einer von Hunger so geschwächten
Catharina, daß ihr schwarz vor den Augen wird. Der eigene Bericht nun gar
(in ihrem letzten Brief an Bruder Raimund da Capua), den sie von einer
solchen Vision erstattet, liest sich nicht angenehm. Zum Teil mag es daran
liegen, daß hier das Wort nun einmal ein schlechtes Vehikel ist, und der
hl. Franz Solanos war sicher gut beraten, da er die Flöte blies, um seine
mystischen Erlebnisse zu schildern. Allein vor allem ist es der Christus
ihrer Visionen, dem wir nicht ohne Mißbehagen und einer gewissen Kälte des
Herzens gegenüberstehen: es ist denn doch ein zu primitiver, zu sehr ein
Klosterfrauen-Christus, der ihr da vorschwebt! Und auch hier ist ihre
Auffassung des nichtvisionären Zustandes trotzdem, oder vielleicht weil sie
ihr stets dieselben Worte leiht, von ungleich größerer Bedeutsamkeit.
Christus ist ihr da stets das von Liebe entbrannte Lamm Gottes, das dem
Kreuzestode entgegen eilt, und stets sieht sie ihn als den von Nägeln
durchbohrten, von der Liebe am Kreuze festgehaltenen, verblutenden Erlöser.
Es war ein durchaus genialer Instinkt, der sie Zeit ihres Lebens an diesem
Bilde, haften ließ: Denn wie die Geschichte des jüdischen Volkes vor der
Ankunft des Messias von dessen _künftiger_ Bahn so mächtig vorausbeschattet
ist, daß die Gestalten der Führer dieses Volkes zu Vorbildern jenes Lebens
sich verdichteten, so wirkt seitdem die _vollendete_ Bahn dieses Gestirns
auf die Evolutionen der gesamten christlichen Völker bestimmend zurück. Für
das schauende Auge nun konnte die damalige Welt nur im Zeichen jenes
trauernden Erlösers stehen, von dem die Scholastiker sagten, daß er am
Ölberg gebrochenen Herzens zusammensank, weil sich ihm da die partielle
Fruchtlosigkeit seines Opfertodes auftat.
Nicht ein einziges Mal sehen wir Catharina den Blick hinwenden nach jenem
anderen rätselvollen Auferstehungstage eines verklärten und vergöttlichten
Leibes, als sei es nicht an der Zeit, solcher Kunde zu gedenken. Aber wie
entrückt die apollinischen Klänge jenes Tages uns auch verbleiben, die
seither mit den christlichen Nationen vorgegangene Wandlung ist dennoch so
groß, daß sich in vieler Hinsicht behaupten läßt: der Christus des
Mittelalters und der Kreuzzüge ist der unsere nicht mehr. Es ist -- wenn
ich dies Bild gebrauchen darf -- als träte nunmehr die Welt in das Zeichen
der Grablegung, und als dämmerte unsere Zeit oder die nächstkommende, oder
die kommenden Jahrhunderte, dem beruhigten, ahnungsvollen Zauber der
Kartage entgegen. --
So lange Catharina in der Zelle ihres elterlichen Hauses verborgen blieb,
unterschied sich ihr Leben nicht von dem der anderen Heiligen: die Liebe zu
den Armen, die Krankenpflege, selbst die Wunder, die ihr zugeschrieben
werden, dies alles findet sich in ähnlicher Weise in so vielen anderen
Legenden wieder. Aber durch ihre große Heiligkeit wurde sie bald zum
Mittelpunkte einer kleinen Gemeinde, und verschiedene Mantellate hatten
sich ihr angeschlossen, vor allem jene junge Witwe Alessa, aus dem
Geschlechte der Saraceni, der wir in den Briefen als dem Sekretär der
Catharina begegnen. Denn Lesen und Schreiben war dieser nicht beigebracht
worden; man erachtete es für Mädchen ihres Standes als einen Luxus, und sie
lernte es erst in ihren letzten Lebensjahren. In dem Hause, das Alessa in
ihrer Nähe gemietet hatte, zog sich Catharina vor dem Getriebe und
Geräusche des Färberhauses zu längeren Aufenthalten und öfter zurück, und
bald wird sie nun in ihre eigentliche Bahn gelenkt. Denn nicht nur Frauen
und Mädchen, auch Männer traten bald in ihren heiligen Kreis, und nicht nur
Geistliche wie ihr Beichtvater Raimund da Capua, sondern junge Ritter, wie
Stefano di Maconi, der vor allen geliebte Jünger, und Francesco di
Malvolti. Catharina kam nämlich mit Weltleuten vielfach in Berührung durch
eine der denkwürdigsten Seiten ihrer Wirksamkeit: die der
Friedensstifterin. Als solche weilt sie längere Zeit auf der Burg der
Salimbeni, und wir sehen die Führer des kriegerischen Adels, später eine
Stadt, einen Papst zur Schlichtung der Fehden sich an sie wenden. Der Ruf
ihrer wunderbaren Heiligkeit -- es hieß, sie hätte monatelang nichts
anderes als das Abendmahl genossen -- verbreitete sich immer mehr. Die
Heiligkeit erlebte aber zur Zeit des Faustrechtes ihr größtes Prestige, und
in dem Italien des 14. Jahrhunderts wob die Zeit selbst an dem Zauber, der
ihr einen so unerhörten Einfluß verlieh.
Ihre erste Mission galt der eigenen Vaterstadt, dem von Fraktionen zwischen
Adel und Bürger, Guelfen und Ghibellinen zerrissenen Siena. Im Jahre 1368
fiel dort die Macht den, größtenteils aus dem Pöbel zusammengesetzten,
sogenannten »Fünfzehn« zu, die unter Kaiser Karl VI. den Titel Reformatoren
annahmen und das Reformieren auf ihre Weise betrieben. Ihnen galt
Catharinas erster Mahnbrief, und von da an ruhte sie nicht mehr, die
Menschen zur Liebe und zum Frieden aufzurufen. Ihr überströmendes Mitgefühl
ist ihre Zauberformel, mit der sie die härtesten und die schwersten Herzen
gewinnt. Zum Tod Verurteilte wollen sie sehen und von ihr getröstet werden.
Ein junger Edelmann: Nicola Tuldo, der wegen seiner Teilnahme an einer
Verschwörung wider die »Fünfzehn« zur Enthauptung verurteilt wurde, raste
vor Verzweiflung über sein bitteres Los. Da vermag es Catharina, ihn mit
seinem Schicksal auszusöhnen: sie steht ihm bei, harrt bis ans letzte Ende
mit ihm aus, und er stirbt getrost, ja glücklich, in ihren Armen.
Es läßt sich denken, daß Catharina von Anfeindungen nicht verschont blieb.
Aber die Sonne ihrer Tugend überstrahlte so weit alle Verdächtigungen und
Verleumdungen, daß ihr Ruf nur um so unantastbarer daraus hervorging.
Nachdem sie 1374 die Pestkranken in Siena gepflegt, verbrachte sie mit
mehreren Mantellaten und Mönchen, darunter der getreue Raimund da Capua,
einen großen Teil des Jahres in Pisa, von der Bevölkerung und von dem
Tyrann Gambacorti begeistert aufgenommen. Dort pflegte sie häufige
Unterredungen mit dem Gesandten von Cypern, der sich auf dem Weg nach
Avignon befand und ihr Umständliches über die Mohammedaner berichtete,
gegen die er den Papst zu einem Kreuzzug überreden sollte. Von diesem
Gedanken ließ die Heilige nicht los. Sie schrieb an die Fürsten und
Feldherrn Italiens, an Carl V. von Frankreich drei dringende Briefe, an die
Königin Johanna von Neapel, an den Grafen Monna Agnola, und wendet sich
unverzagt an Männer wie Barnabo Visconti und den Condottiere Hawkwood.
Allein in ihrem so beherzten und naiven Verfahren leuchtet zugleich ihre
große intuitive Menschenkenntnis hervor und ihr praktischer Sinn; denn das
eigentliche Gebiet der Catharina von Siena ist nicht die Zelle noch die
Krankenpflege, so mutig und groß sie sich dabei bewährte, sondern die
Politik und die Diplomatie, eine Diplomatie freilich, deren ganzes
Geheimnis Friedensliebe ist und Mitgefühl, und welcher trotzdem ein
unleugbarer und großer Einfluß auf die Geschichte Italiens nicht versagt
blieb.
Es war ihr Traum, daß die Fürsten der Christenheit ihre Fehden schlichten,
um sich zu einem Kreuzzug alle zu vereinen. Es wurde auch wirklich daran
gedacht, den Condottiere schwebte schon die reiche Beute vor, die ihrer im
Lande der Ungläubigen wartete, und einen Augenblick durfte Catharina an die
Erfüllung ihrer Hoffnungen glauben. Allein die Empörung Italiens wider die
päpstlichen Legaten, die bald darauf ausbrechen sollte, machte ihre
großmütigen Pläne zunichte. Catharina schrieb an die Konsuln von Bologna,
schrieb an den Papst und faßte damals schon den Gedanken von der
Notwendigkeit eines römischen Papsttums und seiner Rückkehr in die Stadt
des hl. Petrus. Sie kam indessen wieder nach Siena und erfuhr dort, welche
unheilvolle Wendung der Aufstand in Florenz genommen hatte: statt des
Kreuzzuges sieht sie nun die Städte Italiens im Kriege wider den
Stellvertreter Christi und die eigene Vaterstadt dem Bunde gegen ihn
beitreten. Florenz aber, den eigentlichen Herd des Aufruhrs, dem schwersten
Interdikt verfallen, das je eine Stadt betroffen hatte. Durch den
päpstlichen Bannfluch fand es alle Häfen verschlossen und sah bald seinen
ganzen Handel ruiniert. Da wandte sich Soderini im Namen der Kriegspartei
an Catharina, von deren Einfluß auf Gregor er vernommen hatte, um sie als
Vermittlerin zum Papst nach Avignon zu entsenden. Es lag nicht in
Catharinas Natur, sich einem solchen Wagnis zu entziehen. Im Mai des Jahres
1376 ist sie in Florenz. Von Soderini, in dessen Hause sie wohnt, wird sie
der Signoria vorgestellt und steht alsbald inmitten ihrer diplomatischen
Aktion. Schon am 18. Juni hat sie Avignon erreicht, begleitet von 21
Gliedern ihrer geistlichen Familie, Mantellaten und Mönchen, dem treuen
Raimund und Stefano di Maconi.
Man kann nicht sagen, daß die schweren Aufgaben, die Catharina stets so
schnell entschlossen übernahm, ihr je erleichtert worden seien, und es
zeugt für die Reinheit ihrer Ziele, daß sie durch keine Mißerfolge in ihrem
Eifer erlahmte. Der Friede mit dem Papste scheiterte sowohl an dem
Verhalten der Signoria, worüber wir bittere Klagen in ihren Briefen
vernehmen, als an mancherlei Intrigen von seiten der Kardinäle. Catharina
war den Gesandten von Florenz vorausgeschickt worden, um deren versöhnliche
Gesinnung dem Papste zu verkünden. Als nun diese Gesandten nach langem
Zögern in Avignon eintrafen, erklärten sie keine Vollmacht zu haben, mit
Catharina zu verhandeln; von den Beratungen, die nun stattfanden und die zu
einem neuen Bruche führen sollten, blieb sie ausgeschlossen. Die Vorschläge
der Signoria an den Papst wurden als unannehmbar verworfen, das Interdikt
aufrechterhalten und die Kriegserklärung von neuem ausgesprochen. Ergrimmt
verließen die Gesandten Avignon; Catharina indessen, die noch eine andere
Mission erfüllen mußte, blieb zurück. Es war Gregors frommer und geheimer
Entschluß, das Papsttum nach Rom zurückzuführen. Aber die Kardinäle, die
nahezu alle Franzosen waren, der Hof, Gregors Umgebung, seine eigene
Neigung stand diesem Entschluß so mächtig entgegen, daß er ohne Catharina
schwerlich zur Ausführung gekommen wäre. Allein gegen so mächtige
Widersacher, zu welchen sie den Herzog von Anjou, des Königs eigenen
Bruder, zu rechnen hatte, unternahm sie jetzt den Kampf. Aber Catharina
hatte von Anfang an viel Einfluß auf Gregors hohe Seele gewonnen. In ihren
Briefen an ihn spiegelt sich seine eigene liebenswürdige Natur, an die sie
also zärtlich, naiv und stürmisch zugleich sich wenden kann. Denn Catharina
war eine Herrschernatur: ein tyrannischer Zug geht sehr deutlich aus ihren
Briefen hervor. Wie sie ihre Kreuzzugspläne nie aufgeben will, so läßt sie
nicht nach, dem Papste die Reformation der Kirche, die Beseitigung der
schlechten Hirten und der Mißbräuche vorzupredigen. Zwar kann ihr die
Schwierigkeit eines solchen Unternehmens nicht verborgen sein, denn diese
heilige Jungfrau hat für die Verderbtheiten der Menschen einen sehr
durchdringenden Blick; allein es ist, als sei ihr als Ziel das
Unerreichbare gerade recht.
Sowohl für die Zeit als für die Art der Abreise Gregors sollte ihr Rat
bestimmend sein. Noch einmal zwar bedarf er ihres anfeuernden Mutes, um
seinen Entschluß zu Ende zu führen, denn schon hatten sich andere Einflüsse
geltend gemacht und ihn zur Rückkehr nach Avignon bewogen, als er nach
einer stürmischen Seefahrt in Genua landete. Dort aber hat ihn die Heilige,
die ihm auf dem Landweg vorausgekommen war, erwartet. Es finden geheime
nächtliche Unterredungen zwischen den beiden statt, und wieder erweist sich
Catharinas begeisterte Sprache siegreich über eine mächtige Partei, Gregors
Unentschlossenheit und das Widerstreben der Kardinäle. Jetzt erst kehrte
die Heilige, die ihre Aufgabe für erledigt hielt, nach Siena zurück. Dem
feierlichen Einzug Gregors in Rom, den sie herbeigeführt, wohnte sie nicht
bei, sondern war still zu den Ihren zurückgekehrt. Doch sollte ihr
hienieden keine Ruhe mehr beschieden sein. Bald darauf ist sie auf Gregors
Wunsch wieder in Florenz. Soderini, das Haupt der guelfischen Partei, hatte
sie abermals dorthin berufen und in seinem Hause aufgenommen. Es neigten
jetzt alle rebellischen Städte zum Frieden mit dem Papste: in Florenz war
die guelfische Partei eifrig darum bemüht, und im Vorfrühling 1378 kam zu
Sarzano glücklich ein Kongreß zusammen, als die Kunde von Gregors Tod die
Verhandlungen unterbrach. Erst unter dem neuen Papste, dem der Friede mit
Florenz dringend am Herzen liegen mußte, kam er zum Abschluß. Catharina,
unversehens zum Werkzeug einer politischen Partei mißbraucht, war indessen
durch Ausschreitungen der Guelfen in eine sehr schiefe und mißliche Lage
geraten. Es kam soweit, daß ein Pöbelhaufe, von den Ghibellinen gegen
Catharina aufgestachelt, Soderinis Haus umstellte und niederbrannte, um
dann unter wilden Verwünschungen in den Garten einzudringen, in welchen sie
mit einem Teil ihrer geistigen Familie geflüchtet war. Catharina aber eilte
da selbst dem Führer der Rotte, der mit gezogenem Schwert auf sie
losstürzte, entgegen, und ihre heitere Miene, ihre ruhigen Worte erfüllten
ihn mit solchem Grauen, daß er entsetzt sich von ihr abwandte und seine
wütende Schar hinwegführte. Sie aber brach in Tränen aus, weil ihr das lang
ersehnte Märtyrertum versagt worden war.
Sie machte wenig Worte aus der Begebenheit und streifte sie nur flüchtig in
einem Brief an Gregors Nachfolger Urban VI. Dieser Papst setzte in
Catharina ein unbegrenztes Vertrauen, und als er bald darauf durch das
Schisma und den Abfall seiner sämtlichen Kardinäle in die furchtbarste Not
geriet, berief er die Heilige nach Rom. Noch einmal ergehen da ihre Briefe
an die Fürsten und Kardinäle, die frommen Genossenschaften und Klöster, sie
zur Treue für Urban aufzurufen. Auf ihr Zeichen eilen heilige Männer aus
ihrer Zelle, ihrer Einöde herbei. Gestützt auf Catharinas klugen und
umsichtigen Rat, gelingt es Urban, eine neue Anhängerschaft um sich zu
sammeln, und mit fieberhafter Eile ist Catharina um seine Sache bemüht.
Denn ihre Kräfte sind aufgezehrt; sie fühlt die lang ersehnte Nähe des
Todes. Zum letzten Male schreibt sie an Urban, ihn zur Milde ermahnend, und
an den getreuen Raimund, der in der Ferne weilt. Am 29. April 1380 stirbt
sie »mit dem Angesicht eines Engels« im Alter von 33 Jahren. Von einer
inneren Stimme gerufen, war Stefano di Maconi an ihr Sterbelager geeilt.
Auf seinen Schultern trug er sie zu Grabe. --
Catharina hatte wahr gesprochen, als sie im Scheiden ihren geistlichen
Söhnen und Töchtern, die sie weinend umringten, verhieß: sie würde
vollkommener mit ihnen sein, und vorteilhafter von dort, als sie es
hienieden vermöchte. Gegen die Stürme, die nunmehr dem Papsttum beschieden
waren, hätte Catharina nichts vermocht, und ihre Mission auf Erden war
erfüllt. Ihr lag das Unanalytische zugrunde, das die Großen des
Mittelalters kennzeichnet. Die _Menschenliebe_ war das Geheimnis ihres
Herzens. Ihr Suchen nach Gott und göttlichen Dingen hat bei den anderen
Mystikern einen mächtigeren, transzendentaleren Zug. Gott ist wohl der
Ausgangspunkt ihrer Mystik, die Menschheit aber deren Ziel; man könnte sie
eine auf die Menschheit angewandte Mystik nennen; wie uns ja auch ihre
Beziehung zur Gottheit mehr durch ihre eigenen Heilandszüge als ihre
Unterredungen mit Gott beglaubigt wird. Sie hat nicht die Ader eines Franz
von Assisi, nicht den Flug eines Ekkehard, noch die Lichtblicke eines Jakob
Böhme. Im rein Beschaulichen zeigt sie sich nicht versonnen, noch von
reicher Imagination. Auch für die tiefsinnigsten Probleme ist sie's
zufrieden, den Boden des Katechismus zu durchmessen, und das Rätselvolle,
Vieldeutige und Heimliche eines Ausspruches ist für sie nicht vorhanden;
denn der eigentliche Sinn dieser Ekstatikerin ist das Reale. Ihr
staatsmännisches Talent verrät sich in der starken Logik, dem Aufbau ihrer
Briefe; vielleicht fällt gerade das Unspekulative ihres starken Geistes mit
ihrer politischen Begabung zusammen, wie dies in größerem Maßstab bei Dante
zutage trat, und ihre Briefe sind deshalb von ungleich höherem Interesse
als ihre anderen Schriften, weil sie uns von dem Interessantesten an
Catharina -- und das ist ihre Persönlichkeit -- am meisten verraten.
Mit diesen Briefen geht es uns wie mit ihr selbst und wie es so vielen
ihrer Zeitgenossen ging, die ihr voll Abneigung entgegentraten und ihrem
Banne verfielen: so möchten wir zurückschrecken vor der Monotonie einer so
einseitigen Weltanschauung und verfangen uns an dem Feuer eines so reinen
und kühnen Herzens. Catharina wäre uns heute so stumm wie viele ihrer
heiligen Genossen, die im Kalender stehen, wäre sie nicht als Frau so
unvergänglich! -- modern bis in die Fingerspitzen -- als Frauenrechtlerin
vielleicht die einzige, die ganz unserem Geschmack entspricht. Wie sie mit
der Sitte, mit allen Konventionen bricht, wie diese Jungfrau, die Mönche
und junge Ritter ihres Alters in ihrem Gefolge hat, frei und königlich
einherschreitet und wie leicht und wie von selbst sich ihre
Ausnahmestellung in der Welt ergibt, und wie hochgebildete Männer den Rat
der Färberstochter einholen und der Spott der Rauhen vor ihr verstummt.
Das Geheimnis? -- Ihr Geist allein war es nicht: eine so überbietende
Gewalt hat der Geist einer Frau niemals. Das Überbietende an ihr war die
Natur, und man möchte die italienische Volksseele darum beneiden, eine
Blüte wie Catharina gezeitigt zu haben. Das mystische an Catharina ist sie
selbst: Alles was Dianenhaftes in einer Frauenseele schlummert, griff sie
leuchtenden Armes hervor. Bis zum innersten Kern eines unklaren und
geheimnisvollen Dranges getrieben, erhebt sie ihn zu mächtiger Bewußtheit,
zu einem Typus höchster Jungfräulichkeit sich entfaltend. Sie darf es
verschmähen, hinter Klostermauern sich zu verschanzen und dem Manne, den
sie in sich ausgeschieden, in ihrer männerliebenden Seele zu entsagen. Weit
überragt ihre Bedeutung den Rahmen eigentlicher Heiligkeit. Ihre zarte
Gestalt zieht wie ein Mythos am Himmel der Heiligen auf, und unwillkürlich
erinnert sie an jene Worte des Psalms, die Christus an seine Jünger
richtete -- Worte, deren Geltung er ausdrücklich für den Menschen
aufrechthielt und die an ihrer schlichten Seele vorüberhallten: »Ihr seid
Götter!«
»Weißt du, liebster Sohn, daß bald ein größeres Verlangen, das du hast,
erfüllt werden wird?« sagte sie zu Maconi. »Was ist das für ein größeres
Verlangen, das ich hätte?« sagte er. Und sie: »Frage in deinem Herzen!«
Worauf Maconi: »In Wahrheit, ich weiß kein größeres Verlangen in mir
aufzufinden, als immer bei Euch zu sein.« Darauf sie rasch erwiderte: »Und
das eben ist es!« -- Und nimmt ihn mit nach Avignon.
Ein solches Wesen mußte das feinbesaitete und stille Gemüt Gregors
entzücken. Und wie gut durchschaut und kennt ihn Catharina! Ihn bestürmt
und drängt sie und macht ihm Vorwürfe, und wieviel zurückhaltender,
vorsichtiger, und unfreudiger ist dagegen ihre Sprache dem schrecklichen
und ungeschickten Urban gegenüber. Auch ihn nennt sie ihr »süßes
Väterchen«, aber sie holt weiter aus, um ihn zur Milde zu ermahnen; sie
weiß, die von ihr ersehnte Reformation ist von ihm nicht zu hoffen: was er
anfaßt, kann er nur zertrümmern. Aber an ihr findet Urban in seiner Not
seinen festesten Halt: denn immer bleibt das stärkste Mobil in ihrer Seele
die Treue einer Kirche gegenüber, in deren Dienst sie sich verzehrte. »Ich
sterbe und kann nicht sterben!« ruft sie oft in ihrer Sorge, wenn ihr
prophetischer Geist ihr die bevorstehenden Leiden und Kämpfe verkündet.
Was mögen ihr für Bilder vorgeschwebt sein, wenn sie eine Reformation der
katholischen Kirche verhieß?
Es ist nicht auszudenken, was die Geschicklichkeit, die Friedensliebe und
der unparteiische Sinn der stürmischen, nie ungestümen Catharina verhütet
haben würde in den verhängnisvollen Tagen, die ein Jahrhundert später sich
bereiteten.
(Zeitlers Verlag.) Die Briefe der hl. C. v. S. 1906.
DAS LEBEN DER HEILIGEN
WALPURGA
Welch' goldumwobene Täler tun sich dem Blicke auf, der einzudringen sucht
in das Wesen des Wunders! Der Schwung, der den Menschen vom Tiere weg zu
einem neuen Tag und neuen Ufern hinwies, fuhr fort, ihn zu bewegen. Vom
niedrigsten zum höchst Gearteten gähnte schon ein Abgrund, als der Heilige
neue Höhen erklomm. Mußte der weit überbotenen Natur, mußte diesem neu
geschaffenen Erdreich das Übernatürliche nicht »natürlich«, wie die Blume
dem Abhang entsprießen?
Der Tod, so heißt es, sei durch die Sünde in die Welt gekommen. Aber dem
wirklich Wahren ist ja stets von mehr als einer Seite beizukommen, und es
trägt stets ein doppeltes Gesicht. -- In der Idee des Menschen lag das
Prinzip des Todes nicht enthalten. Es war nicht gemeint, daß er sterbe. Die
Torheit und der Schimpf des Todes waren ihm nicht zugedacht. Es entsprach
ihm nicht, daß er modere; noch solcher Möglichkeiten, wie daß der Wolf oder
die Hyäne ihn, den Herrn, stumpfsinnig zu seinem Fraß erniedrige. _Dies_
war von einem höheren Plane aus gesehen _wider die Natur_. Nicht aber, daß
unter den Füßen des Gottmenschen ein aufrührerisches Meer sich wie zu
Marmor-Fließen glättete, um seine Schritte hinzutragen.
Nur dem Chaos sehen wir Halt geboten, nur die Ordnung scheint uns
hergestellt, wenn wir vernehmen, daß Walpurgas Leichnam unversehrt gefunden
wurde und ihr blühweißes Gebein von einem duftenden Oel tauartig troff.
Gott allein weiß, wen er zu ehren hat. Daß er in das Herz des Menschen
sieht, heißt soviel, als daß der Mensch es _nicht_ sieht. Denn seine Psyche
ist ein Angesicht, nur für ein höheres Ich ersichtlich. Und wenn es heißt,
daß reine Herzen Gott schauen werden, so heißt dies, daß Gott sie schaut.
Und darum heißt es, daß der Herr des Lügners Angesicht nicht sieht und
seine Stimme nicht hört. Denn sein Augenstrahl dringt nur zu dem was ist.
-- Ach, zwei Welten gibt es, die einander meiden müssen! Wo das Seiende
seinen stobenden Funken auf die Welt des Scheines hinschlägt, da ist ihr
starres unabwendbares Gesetz ungewesen und zerflossen. Wie jene Strahlen,
die Fleisch und Blut übersehend, sich nur auf Wirbel und Knochen richten,
so ist ein Auge denkbar, das absieht von Bergen und Wolken und Kuppeln,
Dächern, und der menschlichen Hülle. Ein moderner Denker hat jene vageste
und zugleich bestimmteste Art des Fassens zu Ehren gebracht, die ein auf
das verstandesmäßige Sehen verzichtleistendes Schauen ist -- jener unter
Schutt und Gebälk ringende Funken, Intuition genannt, kraft deren sich die
Kreatur ihrem Joche entzieht und das Unfaßliche erfaßt.
Der Pförtner, der sich eines Abends weigerte, Walpurgas Befehle
auszuführen, und die Lichter ihres Klosters anzustecken, ist das Bild des
unintuitiven Menschen, der immerzu sieht und nie erschaut, indes Walpurgas
lauterem Herzen ein Licht entquoll und ihre Gestalt umflutete, die mitten
in der Nacht so hell zu leuchten begann, daß die Schar der Nonnen bestürzt
herbeieilte und sprachlos vor Staunen die Strahlende umringte.
Aber die dem Unwahren überwiesene, vom Schein genarrte und gefolterte
Kreatur hat das nur der Intuition erkennbare Wahre diskreditiert und das
Wort Mirakel dafür gesetzt.
1911.