TRAUM UND HELLSEHEN

Aber das weiß ich, solche Träume soll man nicht gering achten. Sieh, ich

denke mir das so. Wenn der Mensch im Schlafe liegt, aufgelöst, nicht mehr

zusammengehalten durch das Bewußtsein seiner selbst, dann verdrängt ein

Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegenwart, und die Dinge,

die kommen sollen, gleiten als Schatten durch die Seele, vorbereitend,

warnend, tröstend. Daher kommt's, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft

überrascht, daß wir auf das Gute schon lange vorher so zuversichtlich

hoffen, und vor jedem Übel unwillkürlich zittern. Oft habe ich gedacht, ob

der Mensch wohl auch noch kurz vor seinem Tode träumt.

(Hebbel.)

Eines Tages erhielt ich in der Münchner Staatsbibliothek ein Traumbuch aus

dem sechzehnten Jahrhundert zur Ansicht, und von der phantastisch reichen

Flora der höchst belebten, anschaulichen Bilder verlockt, verlor ich mich

darin wie in einem Zaubergarten. Auf Träume zu merken, war mir zwar bisher

nie eingefallen, allein mich reizte die Poesie, die Schlagfertigkeit,

welche hier fast jeder Deutung etwas Prägnantes oder Überzeugendes lieh.

Der Mond, die Sonnenblume, die entfaltete wie die knospende Rose, Wind und

Welle, hier schien alles zu einer zeit- und raumlosen, und doch so

farbenfrohen Welt sich noch einmal zu fügen. Selbst das Leblose leuchtete

da -- als wie in Gold gefaßt -- noch einmal auf; als ob jedes Ding, kraft

eines geheimnisvollen inneren Lichtes, noch eine Art geistigen Schattens

würfe. So entzückte es mich, von einer Deutung des Geißblattes, der

Zuckererbse, der Nachtigall zu lesen, und eine Reihe von Auslegungen

frappierte mich oder gefiel mir derart, daß ich sie auf der Stelle

notierte.

Es kam, was kommen mußte; ich fing unwillkürlich mit meinen Träumen zu

experimentieren an, und indem ich sie mir des Morgens ins Gedächtnis rief

und die interessanten in nur mir verständlichen Hieroglyphen verzeichnete,

entstand eine Art von Buchführung, die manchem gewiß sehr töricht

erscheinen wird. (Aber offen gesagt, seitdem das Gescheitsein so in die

Mode gekommen ist, daß ein jeder dafür gelten will, hält man es manchmal

lieber mit den Dummen.) Meine Angewöhnung hatte also zur Folge, daß sich

nach einigen Jahren ein sechster Sinn: ein Traumsinn ganz von selbst in mir

entwickelte. Und da ergab es sich denn: 1. daß die ungeheure Heerschar der

Träume -- der Traum des Darius steht hierfür als der eigentliche klassische

Typ -- ihrer Natur nach nichts anderes als leere Trugbilder sind, 2. aber

daß _Zeichen_, ob sie uns zwar gleich den Träumen zum besten halten und in

die Irre führen können, uns nie eigentlich belügen. Was unter diesen

Zeichen zu verstehen ist, läßt sich wohl nur durch Beispiele erläutern.

Ich ging eines Tages die Theatinerstraße entlang, spazierte langsam vor mir

her, hielt mich auf der Sonnenseite und ließ mich bescheinen. Ecke der

Ludwigstraße begegnete mir einer meiner Freunde. Die Straße lag leer vor

uns und das Wetter war heiß. Eine Strecke begleitete er mich und sprach von

seiner bevorstehenden Reise, dann gingen wir auseinander. Nun war ich

gerade auf dem Wege zu Habermann's Atelier, der mein Bild unternommen

hatte, und langte von dem Weg in der Sonnenhitze ziemlich erschöpft bei ihm

an. Als es an die Sitzung gehen sollte, klopfte es, und Habermann wurde

hinausgerufen. Indes lehnte ich nochmals in meinem Sessel zurück, und, von

dem scharfen Nordlicht geblendet, schloß ich die Augen.

Als ich sie öffnete, mochte kaum eine halbe Minute verstrichen sein; der

Zeiger an der Uhr hatte sich nicht gerührt, und ich war noch allein. Jedoch

in dieser kurzen Spanne Zeit war ich dem Augenblick so weit vorausgeeilt,

daß ich mit Grauen in das Tageslicht starrte, als hätte es inzwischen

vorrücken und sich verändern sollen. Nichts mußte mir ja natürlicher

erscheinen, als daß mir die Gestalt des Freundes, den ich vorhin getroffen

hatte, wieder vorgeschwebt war; und dies umsomehr, als jeder Gedanke an

ihn, nachdem wir so flüchtig von einander schieden, mir unverzüglich

entfallen war. Ich hätte also dem Traum keinerlei Beachtung geschenkt, wäre

nicht das leidige, sinnlose Gelächter gewesen, das mich bei seinem Anblick

befiel. Ohne jeden Grund bog und wand ich mich nämlich in diesem Traume vor

Lachen, so zwar, daß ich zuletzt in gebückter Haltung mit den Armen an mich

hielt, wie einer, dem vor Lachen der Atem ausgeht. Dies Gelächter aber war

es, welches eine so tiefe Verstimmung, eine so öde Bangigkeit in mir

hervorrief, daß ich in diesem Augenblicke viel gegeben hätte, um diesen

Traum nur wieder ungeträumt zu wissen.

Der Sommer war längst vorüber, als die Nachricht von dem jähen und

grauenvollen Tode jenes Freundes in allen Blättern stand. -- Die Zeitung,

welche die Kunde enthielt, noch in der Hand, hörte ich von draußen eine

fröhliche Stimme, die nach mir rief, schnelle Schritte, die sich näherten,

und ein munteres Klopfen an meiner Türe. Ich war nicht in der Laune zu

öffnen, schob leise den Riegel vor und antwortete nicht; wagte aber dann

keinen Schritt von der Türe weg, um durch kein Geräusch meine Anwesenheit

zu verraten. Und plötzlich stand ich gebückt, mit gekreuzten Armen, um die

Seufzer zurückzuhalten, die mir die Nachricht eines so bedauernswerten

Todes entrang. Zugleich gemahnte es mich da an jenen vergessenen Traum, der

so düster, so unwiderruflich an mein Bewußtsein angeklungen hatte.

Dies eine Beispiel soll natürlich nichts beweisen. Infolge zahlreicher

Beobachtungen reizte es mich jedoch, das Spiel, oder wie man es nennen mag,

weiter zu betreiben, und zu merken, wie viel, zu merken, wie unsagbar wenig

Träume zu bedeuten haben; gleichen sie doch in der ungeheuren Mehrzahl von

Fällen den Rohabdrücken photographischer Platten die am Tageslicht noch

eine kurze Weile standhalten, um dann gänzlich zu verblassen; während die

seltenen Wachträume von einer so starken Atmosphäre umhüllt sind, daß sie,

dem Gehirn wie _eingeätzt_, vor dem wachen Bewußtsein fortbestehen, ja sich

eher noch verschärfen.

Um aber auf das zurückzukommen, was ich Zeichen nannte, so ließe sich sagen

-- -- -- daß uns für die Begebenheiten des täglichen Lebens ein heimlicher,

absolut zuverlässiger Nachrichtendienst zu Gebote stehen kann, eine Art

chiffrierter Telegramme, die uns sehr schnell geläufig werden, auch nicht

weiter aufregend, jedenfalls nicht zeitraubend sind; die Erfahrung lehrt

uns aber sehr bald, daß wir sie zu bescheinigen haben. Sie lehrt uns auch

alle Winkelzüge wahrzunehmen, welche im Traume zu unserer Belehrung oder

Mystifizierung geschehen. Dabei kam mir häufig der Verdacht, daß ein

solcher »Traumsinn« in jedem Menschen latent vorhanden sein müsse; hatte

ich ihn selbst doch nur durch Zufall in mir entdeckt und nur durch

Beobachtung in mir ausgebildet.

Wenn der skeptische Franzose sagt: La nuit porte conseil, und wenn wir nach

einer scheinbar traumlosen Nacht beim Erwachen nicht selten auf das

bestimmteste wissen, ob der gestern noch erwogene Entschluß auszuführen sei

oder nicht, so erlangten wir unsere plötzliche Einsicht doch nicht einfach

dadurch, daß wir inzwischen geschlafen haben, sondern weil ein Etwas, das

weidlich klüger als wir selbst und doch mit unserem Selbst aufs innigste

verwoben ist, während dieser zeitweiligen Ausschaltung unseres Bewußtseins

_überbieten_ durfte. Daher das dämonisch Überlegene, ungemein Witzige

mancher Traumweisen.

So ließe sich denn, falls unser Traumsinn ausgebildet ist, in der Tat

behaupten, daß wir in den Tiefen unseres Gemütes durch gute oder böse

Ereignisse nicht überrascht werden können, obwohl wir deshalb dem Leben

nicht um einen Grad weniger ahnungslos gegenüberstehen; denn die

Vorstellung erweist sich hier niemals als das Korrelat der Wirklichkeit und

sowohl für die Art, wie für die Zeit, in der das Schicksal an uns

herantreten wird, liegt es im Charakter des Traums, jede Andeutung zu

verweigern. So mag einer über Ziel und Ende seines Lebenslaufes mit Recht

sich orientiert glauben, unübersehbar dunkel liegt es dennoch vor ihm, und

nur für die Richtung seines Weges ist ein Kompaß in ihn gelegt. Seine

Träume nicht zu mißachten, kann daher wohl nur dem geistig Geschulten

förderlich sein, denn wenn sie ihn vielleicht vor einem unnützen Tappen im

Dunkeln, einer Untreue an sich selber bewahren, so wird er dabei nicht die

richtige Distanz zu derlei Dingen verlieren.

Ich möchte über das Hellsehen ein Wort sagen: Es mußte mich natürlich

interessieren, über diese Art des Schauens meine eigenen Eindrücke zu

gewinnen, ein Interesse, das allerdings sehr bald erlahmte. Eine Zeitlang

aber suchte ich jede Somnambule, die sich zufällig in meinem Bereich fand,

pflichtschuldigst auf und sammelte mir so ein ganz ansehnliches Material.

Nun ist mir keine, die sich ohne eine Spur von Begabung als solche

ausgegeben hätte, mithin keine absolute Schwindlerin begegnet -- enorm

geschwindelt haben sie dabei alle. Und ich wüßte nichts, was gerade der

ungebildeten Klasse füglicher untersagt werden könnte, nichts, was zugleich

unzweckmäßiger und gefährlicher für sie wäre, als das Konsultieren

derartiger Wesen. Der Wust von Bildern nämlich, den der in den

Trancezustand Versetzte schaut, kann mit dem Wust von Bildern, die vor dem

Träumenden vorüberziehen, insofern gut verglichen werden, als hier wie dort

die Dinge außerhalb ihres Zusammenhanges, ihres Rahmens, ihrer Kausalität,

mithin der Wirklichkeit entäußert sich darstellen. Daß hier der Unerfahrene

oder der Tor -- statt den Weizen von der Spreu zu lösen -- das Körnchen

Wahrheit, das er etwa hält, zur Ladung Unsinn häufen muß, ergibt sich von

selbst. Gesetzt, er vernimmt etwas sehr erstaunlich Zutreffendes, so wird

leicht in ihm die Vorstellung entstehen, als sei hier eine deutlichere,

eine geschärftere Sehkraft am Werke, während es mit dem Prozeß des

Hellsehens gerade umgekehrt beschaffen ist; es ist gleichsam, als würden

dem hellsehenden Individuum ein paar Nußschalen hart vor die Augen

gebunden; undurchdringliche Schalen, die eine winzige Spalte in sich

bergen. Durch diese nun gewahrt das seherische Auge aus Zeit und Raum

herausgegriffene Bilder, Punkte, die zufällig in seinen Gesichtskreis

fallen, was es da sieht, mag wahr sein, oder ist wahr; der Gran Wahrheit

aber, der hier erfaßt wird, verhält sich zur Wirklichkeit wie das Blatt zum

Baum, wie der Baum zum Wald. Der »ganze Schwindel« bei einem hellsehenden

Wesen von gewissenhaftester Ehrlichkeit bestünde ganz auf Seite dessen, der

sich das Geschaute mitteilen läßt, indem er nämlich dem wesenlos Geschauten

die -- meist beliebige -- Wesenheit aufoktroyiert.

Nehmen wir den Fall: Heinrich VIII., Catharina von Aragoniens müde und in

Anne Boleyn verliebt, hätte sich zu einer Hellseherin begeben. Aus einer

Flut verwirrter, unklarer Bilder wäre da etwa am deutlichsten das eines

schönen Frauenkopfes und einer Krönung emporgetaucht. Wie hätte da Heinrich

VIII. es nicht alsbald aufgegriffen und vergnügt auf Anne Boleyn bezogen?

Was sich indes dem seherischen Auge darbot, das war vielleicht das

Angesicht der Catharina Parr, Heinrichs sechster Frau, während alles, was

dazwischen lag, die schaurige Vision gestürzter, enthaupteter Königinnen

sich jenem Blicke entzog. Der scheinbar nicht Betrogene und der Betrüger

wäre somit kein anderer gewesen als Heinrich VIII. selbst.

Genug. Sofern Traum wie Hellsehen zur Lehre der Idealität von Zeit und Raum

bedeutsame Kommentare liefern, scheint es mir unüberlegt, daß wir dies

Gebiet vorzugsweise der spekulativen Ader des niederen Volkes überlassen.

Hier, wie fast zu allen geistigen Problemen, haben sich wohl die alten

Griechen am richtigsten gestellt. Nicht alltägliche, sondern bedeutsame

Träume bedeutender Männer schienen ihnen der Beachtung wert, und nicht für

die gedankenlose Masse war das Amt der Sibylle ins Leben gerufen. Da solch

schwermütige Talente einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind, dürfte es

sich lohnen, sie besser auszubilden statt verrohen zu lassen, wie es

geschieht. Und wenn zur eigentlichen Prosa-Marke unserer Zeit das heutige

Traumbuch gehört, das seinen entsprechenden Platz in der Küchenschublade

gefunden hat, so wüßte ich dagegen nichts, was antiker anmuten könnte als

jener Wahrtraum Bismarcks, einige Jahre vor der Schlacht von Königgrätz,

den er Jahrzehnte später in seinen »Gedanken und Erinnerungen« beschreibt.

Neue Rundschau 1908.

Wege und Umwege · 第 13 / 34 题