Bevor ich England verließ, wollte ich noch Cambridge »mitnehmen«; der
Ausdruck ist nicht mehr trivial, wenn man ihn bedenkt. Denn tatsächlich
»besitzen« wir die Städte, die wir sahen, und merken nachträglich -- an der
Bereicherung -- welche Lücke es gewesen ist, das Kennenswerte nicht zu
kennen.
So ist man über das konservativste aller Länder noch im Unklaren, bevor man
in Oxford und in Cambridge einen Blick in die große Werkstatt warf, in der
seit Jahrhunderten der Gentleman in seinem scharfen Gegensatz zum
Nicht-Gentleman sozusagen fabriziert wird. Man sieht die ungeheure
Wichtigkeit, welche dem englischen »student« zuerkannt wird, wobei man
freilich seine Stellung als künftigen Herrn mehr denn als gegenwärtiger
Studiosus im Auge hat.
Sonst ein gutmütiges Geschöpf, lernte ich erst in Oxford und vielleicht
noch stärker in Cambridge die peinvollen Empfindungen erfahren, welche der
Neid auszulösen imstande ist. Und auch ein Wunsch, den ich noch nirgends
hegte, stieg hier in mir auf: noch einmal zur Welt zu kommen, um an diesem
beschaulichen Ort das dem Alltag so entrückte, so vollkommen unreale Dasein
der englischen Jünglinge zu führen.
Wir haben ja alle Stunden, sagen wir an trüben November- oder
Februarnachmittagen, wenn das Tageslicht am schalsten ist, wo uns der ganze
Aufwand unseres Lebens, und die Vergünstigung, ein Weilchen in dieser
fragwürdigen Welt einherzuwandeln, ein bißchen überfordert scheinen will,
-- Stunden, in welchen wir uns versucht fühlen, jenem früh blasierten
Engländer zuzustimmen, der sich eines Tages dem ganzen Turnus unseres
Tageslaufes empfahl, indem er sich eine Kugel durch den Kopf schoß, einen
lakonischen Zettel zurücklassend, auf welchem als Motivierung seiner Tat
die Worte standen: »Tired of buttoning and unbuttoning.«
In Cambridge aber hat keine Jahres- noch Tageszeit etwas von jenem
bedrohlichen Licht. Nirgends stellt sich das menschliche Leben so von Grund
auf bejahenswert und würdig dar, wie in dieser Adolescentenstadt.
Jahreszahlen stimmen hier nicht mehr, und in der Verwirrung, in die hier
die Zeit geraten ist, liegt aller Zauber. Es ist als hielte sie hier inne,
als fluteten ihre Wellen hier nicht in die Vergessenheit hinüber. Die
grasigen Höfe der Colleges haben etwas Verhaltenes; in dem Zwielicht, das
hier die Gegenwart tönt, fließen seltsame Schatten ineinander. Das
Vergängliche wird fraglich, Vergangenes ist zugegen, und das Leben
ephemärer als der Tod.
Der Professor, der uns auf der Bahn in einer weiten Toga und einer
mittelalterlichen, mit Quasten und Troddeln behangenen Kappe
entgegenwallte, schien geradeswegs von der Augsburger Confession zu kommen,
und die »Kutsche«, in welcher er uns nun über das schlechte, ungeebnete
Pflaster poltern ließ, war aus Thackerays Jugendjahren. Aber die Schar
junger Leute, die in Fläusen und Tuniken über die Straße ziehen,
verwunderten mich nicht. Ein Falke an der Hand jenes halbwüchsigen Knaben
mit dem nach Pagenart übergeworfenen Mäntelchen hätte mich kaum befremdet.
Den Verdacht, daß sich hier die Jugend beim Studium nicht übermäßig
anstrengt, schöpft man in Cambridge sehr bald. Wer da am schönsten lernt,
das sind die Lehrer. Vielleicht ist dies auch wichtiger. Daß die Jungen
weiter lernen sofern sie lernbegierig sind, versteht sich von selbst, und
sie werden nicht Mangel finden sich zu bilden. Die Gefahr hienieden ist
ausgelernt zu haben. In dem regen Kontakt jedoch, in den hier die Meister
mit den Schülern treten, ist die Lücke für den Gelehrtendünkel überbrückt.
Und liegt nicht die meiste Bereicherung in dem, was der schon Erfahrene
hinzulernt? Nichts ist charakteristischer für ihn selbst wie seine
Beobachtungen über eine Generation, die nicht mehr die seine ist; nichts
ist für die Nachwelt interessanter wie die Schlüsse, die er daraus zieht,
und die Prognose, die er zurückläßt.
Ach mein Gott! wir haben doch in Europa eine gemeinsame Architektur, und
alte Abteien, gotische Kirchen stehen an der Donau wie an der Themse und
der Loire. Man lernte dasselbe in Cambridge, Bologna oder Salamanca, und
schon in altersgrauen Zeiten zog ein Studiosus gern von einer Universität
zur anderen, um sich mit seinem Wissen zugleich Kenntnisse von Ländern und
Leuten zu erwerben. Wie kommt es nur, daß bei einem so regen Kontakt der
verschiedenen Bildungszentren ein Collegeleben wie das in Cambridge und
Oxford nicht Schule machte, und man Engländer sein mußte, um eine so
traumhafte Existenz führen zu dürfen. Klöster nach einem und demselben Typ
verbreiteten sich doch in der ganzen abendländischen Welt, und nur ein
solches Ideal zwanglosen Zusammenlebens wurde andernorts nicht nachgeahmt
und blieb das köstliche Privilegium von Cambridge und Oxford, wie die
Gondel das Eigentum von Venedig.
So komme ich denn auf jene Empfindungen des Neides zurück, deren ich schon
gedachte -- denn es war Neid, der mich bewegte, als ich mich in den großen
Clubräumen umsah und in dem Saale stand, in welchem das Parlament der
Cambridger Students tagt, die sich hier in der Kunst des Redens
heranbilden, wie ihnen innerhalb des prachtvollen Rahmens, der ihnen hier
gewährt ist, die Kunst zu leben zur Natur wird.
Als wir dem Flüßchen entlang gingen, hatte sich das Grün der weiten
Rasenflächen schon ins Bläuliche vertieft, und mit einem Male war alles
Mittelalter wie ein goldener Staub verflogen; an noch viel fernere Gestade
sah man sich hinversetzt. Diese Jünglinge, die rudernd oder in ihren Booten
zurückgelehnt oder im Grase sitzend dem Spiel der anderen zusahen, sind wie
lebendige Statuen anzusehen, und tragen sich so edel, ob sie nun frei in
ihren kleinen »canoes« stehen oder an einem Baumstumpf lehnen, als hätte
ein großer Meister, der ihr Bild in Marmor festhalten wollte, sie soeben so
gestellt und ihnen eben diese Haltung verliehen.
Münchner Neueste Nachrichten
6. Juni 1913.