Statt über das Werk den Meister zu vergessen, geht es mir oft umgekehrt.
Jeder hat seine Manier, und es fruchtet nichts, es anderen nachzutun. Als
ich aber das erstemal einem bedeutenden Manne gegenüberstand, spielte sie
mir einen recht schlechten Streich.
Kaum erwachsen, war ich in Paris bei Taine eingeführt worden. Er wohnte in
der Rue Cassette Nr. 23, einer stillen Straße am linken Seineufer. Dorthin
wanderten an Dienstagen -- dem Tage, an dem Taines empfingen -- Gelehrte,
Künstler, einheimische und durchreisende Sommitäten. Die Wohnung selbst war
ohne Prunk; nichts wehte hier von wortfroher, pariserischer Eleganz, zumal
die Boulevards schienen meilenweit von diesen ernsten, hohen Räumen
entfernt, in welchen Taine, der Feind der Phrase, mit mehr Güte und
Gelassenheit als Neugier seine Besucher empfing. Ich beobachtete ihn von
ferne, wie er zwischen Arvéde Barine und Ferdinand Fabre aufmerksam, aber
mehr rege als lebhaft, bald dem einen, bald dem anderen zugewandt saß.
Trotz seiner weißen Haare und seines wenig robusten Aussehens machte der
70jährige nicht den Eindruck eines alten Mannes.
Als pilgernde Törin stand ich indessen gottverlassen und grenzenlos
verschüchtert inmitten des Salons, als Taine plötzlich auf mich zukam. Mit
einem großen Ruck hielt da mein Herz alsbald zu schlagen inne. Mein Gott!
dachte ich erschrocken, da ist er ja! Taine begann nun ein Gespräch oder,
besser gesagt, einen Monolog, denn ich entgegnete kein Wort. Den Blick
unverwandt auf ihn gerichtet, gedachte ich, alles, was er sagte, mir getreu
zu merken, wohl bewußt, daß eine solche Gelegenheit sich mir nie wieder
bieten würde. Taines stilles, blasses, duldendes Gesicht, das in der
Jugend, am Mittag seines Lebens, häßlich gewesen sein mochte, war im Alter
schön. Wir sehen im Scheine einer verglühenden Sonne rauhe Bergesfurchen
zart und träumerisch ermatten. So kann das sinkende Licht eines bedeutsamen
und wertvollen Lebens Schatten von zauberhafter Anmut in ein Antlitz
graben. Zwar spiegelte sich nur Mühsal, nichts in diesen erschöpften Zügen
gemahnte an die Freude. Dennoch schwebte mir dies Leben wie ein voller
begehrenswerter Becher vor, nach dem ich dürstend die Hand ausstreckte. Und
zerbrochen, leer, glitt da mein eigenes zu Boden.
Taine sprach lange, wie gewohnheitsgemäß nachdenklich und konzentriert,
während ich ihn schweigend und unbeweglich ansah. Doch als er innehielt,
erfaßte mich größte Reue und Bestürzung. Denn ich gewahrte -- jetzt erst
--, daß seine Worte, die meinem Gedächtnis zeitlebens nicht entfallen
sollten, -- gänzlich an mir vorbeigeklungen waren, und daß ich keine Silbe
davon vernommen, geschweige denn behalten würde. Der Eindruck seiner
Persönlichkeit war zu überraschend gewesen; er hatte die Fähigkeit, auf
seine Worte aufzumerken, in mir wie ausgeschaltet und betäubt. Taine
selbst, seinen Gedanken nachhängend, mochte meine innere Fassungslosigkeit
so wenig bemerkt haben, wie die Betretenheit, mit der ich ihn verließ. --
Ihn wieder zu sehen, sollte mir nicht vergönnt sein, und schon das Jahr
darauf drang die Kunde seines Todes nach Deutschland. Da war es einer
seiner Schüler, der mir von der Schwermut, den inneren Kämpfen erzählte,
durch welche Taines Lebensabend so schwere Trübungen erfuhr, weil der
Glaube an das System, auf welches er einst mit so fester Überzeugung seine
Weltanschauung gründete, in ihm erschüttert war. Daß er selbst am Ende sein
Tagewerk so kritisch überschaute, von seinen eigenen Zweifeln zu vernehmen,
berührte mich seltsam, fast wie eine Kunde. Ich sah ihn wieder vor mir --
gesenkten, duldenden Angesichts, wie am Tage jenes verlorenen und doch so
unvergeßlichen Gespräches; und mein damaliges Verhalten, der Überschwang
meines Eindruckes wollte mir nicht mehr in demselben Maße töricht und
unverantwortlich erscheinen. Ich weiß: ein so gesteigerter Heroenkult gilt
nicht für abgeklärt. Es wird uns bei sehr vortrefflichen Menschen begegnen
-- (ja gerade von solchen, welche ihr Leben der Erhaltung, dem Gedeihen
oder dem Fortschritt der Menschheit widmen: von Ärzten, Gelehrten,
Forschern) --, daß sie der Meinung sind, der Mensch nehme sich selber
allzuwichtig. Aber so berechtigt sie auch klingt, daß ein Philosoph sich
rückhaltlos zu dieser Anschauung bekennt, werden wir nicht erfahren; nicht
etwa, weil er hier gravitätischer zu Werke geht, sondern lediglich deshalb,
weil sie keine philosophische ist.
Je typischer freilich oder je vollendeter ein Mensch, desto unvollkommener
vermag sein Dasein die Fülle seines Wesens auszulösen. In dem Maß ist er ja
verehrungswürdig, als er die eigenen Unzulänglichkeiten, die
Unzulänglichkeit des Lebens überbietet.
»Ich sehne mich recht von hier weg,« schrieb Goethe am 2. Juli 1781 an Frau
v. Stein, »die Geister der alten Zeiten lassen mir hier keine frohe Stunde;
ich habe keinen Berg besteigen mögen, die unangenehmen Erinnerungen haben
alles befleckt. Wie gut ist's, daß der Mensch sterbe, um nur die Eindrücke
auszulöschen und gebadet wieder zu kommen!«
Übrigens fand mein Besuch bei Taine noch am selben Abend ein komisches
Nachspiel. Von der Rue Cassette aus eilte ich nämlich nach der Rue de
Verneuil. Damals setzte gerade meine Geselligkeitsphase ein, und neue
Menschen interessierten mich noch namenlos. So betrat ich denn sehr
verspätet und als ahnungsloser Neuling einen, trotz provinzialen Einschlags
sehr typischen Salon des Faubourg. »Ich komme von Taine,« verkündete ich
gleich beim Eintritt, teils um mein spätes Erscheinen zu begründen, teils
um mir bei dem Anblick einer sehr zahlreichen und fast gänzlich fremden
Gesellschaft eine Contenance zu geben. Die Mitteilung schien jedoch
keinerlei Echo hervorzurufen. Daraus schloß ich, sie sei überhört worden,
und fing also noch einmal an, ich sei bei Taine gewesen und käme geradewegs
von ihm. Jetzt unterbrach mich aber eine alte, wundervoll frisierte Dame.
»Vous en êtes fière?« sagte sie und fixierte mich mit großen, wie
absichtlich ausdruckslosen Augen: »Eh bien, ma bonne petite, pour nous
c'est le diable«.
Münchner Neueste Nachrichten
1905.
RANDGLOSSE ZUR PSYCHOLOGIE
DER NATIONEN.
Es ist nicht anders: eine Nation fällt meist unter dieselben Gesichtspunkte
wie der einzelne Mensch, der, je nachdem seine Licht- oder Schattenseiten
hervortreten oder ins Auge gefaßt werden, uns höchst liebenswert erscheinen
kann, oder höchst wert, daß er zu Grunde geht.
Und wo wäre heute die Nation, an der nicht hassenswerte Züge hafteten?
Ich gedenke eines dreitägigen Aufenthaltes in einer englischen Pension in
Florenz, mit 45 englischen Spinsters. -- In ihrer Haltung, ihren
Ellenbogen, ihren fantasielosen Fingerknöcheln, dem Behagen und der
Gravität, mit der sie ihren Afternoon-Tea ins Auge faßten, ihre Bröter
bestrichen und über Italian Art verhandelten, feierte die englische
Borniertheit wahre Orgien. Man glaubte eine weit vorgeschrittene Tumeur
Nationale vor sich zu haben; und es war erdrückend, ja, es war fast
spukhaft, so wenig existenzberechtigt und zugleich so lady-like zu sein!
Einige Tage später hatte ich das Mißgeschick, in Rom einer Aufführung des
Tristan beizuwohnen. Der Dirigent, der das Hornsolo am Schlusse der
Introduktion zum III. Akt als weinerliche Berceuse auffaßte, konnte sich an
seinen falschen Betonungen nimmer satt hören und zog und dehnte sie mit
wahrer Wonne immer mehr hinaus. Und als dies überstanden war, erlebte man
einen, jenem Hornsolo entsprechenden, als männliche Cameliendame
dahingestreckten Tristan.
Ganze Scharen hochfahrender Betrachtungen und Vergleiche drangen da
unwillkürlich auf mich ein; und meine Blicke schweiften im Hause umher, wie
um ein deutsches Wesen ausfindig zu machen und einen verständnisvollen
Salut mit ihm zu wechseln. Denn was hatten wir für Orchester, was hatten
wir für eine Auffassung, und überhaupt, was waren wir für Leute!
Allein errötend erkannte ich da gleich in meiner nächsten Nähe -- in einem
Aufzug, der meine nationale Eitelkeit auf das Empfindlichste verletzte, --
eine deutsche Familie. Und dabei mußte ich mir zugestehen, daß diese Leute
sich ebenso unverkennbar als Deutsche, wie die Spinsters der Florenzer
Pension auf den ersten Blick als Britinnen sich verrieten. --
Es ist ja stets eine ungeheure Mannigfaltigkeit von Dingen, aus welchen
sich in der Physiognomie einer Nation das Charakteristische gewisser
einheitlicher Züge zusammenstellt. Der Schwerpunkt solcher Probleme liegt
denn auch in ihren Beziehungen, so daß wir einer Lösung näher schreiten, je
synthetischer wir hier verfahren; doch sind es Beziehungen, an welchen nur
zu oft, durch die geringe Sichtung, welche sie bisher erfuhren, der Schein
des Unzusammenhängenden haftet.
Unvermittelt erregten in mir jene deutschen Touristen lebhafte
Betrachtungen über die Reformation. Und weil die Größe der Gesinnung zwar
die persönliche Verantwortung, doch keine Konsequenzen deckt, erschien mir
Luther als eine tragische, doch höchst unpolitische Gestalt; der Kahlheit
wegen, die sich im Lauf der Zeiten in den Lutherischen Protestantismus
schlich; denn es liegt seiner unkatholischen Färbung ein unkünstlerisches
Element zu Grunde, vor dem sich zwar der deutsche Geist schadlos halten
konnte, das deutsche Naturell aber nicht ohne bedenkliche Einbuße blieb. Im
katholischen wie im protestantischen Deutschen ist heute der katholische
Zug zur Temperamentssache geworden: der Lutherische Protestantismus ist
einmal nichts fürs Auge!
Zeitler Almanach 1907.