VII.

Ein von langer, gefahrvoller Reise eben zurückgekehrter Marineoffizier, den

ich in Rom in einer Gesellschaft traf, sagte mir, es berühre ihn komisch,

wieder in einem Salon zu sein; der Kontrast sei noch zu heftig, er verspüre

da etwas wie Seekrankheit und müsse sich erst wieder zurechtfinden.

Ich begriff das recht gut. Dicht neben uns redeten zwei Diplomatenfrauen,

eine griechische und eine brasilianische, im kreischenden Französisch

lebhaft aufeinander ein. In ihrer Ahnungslosigkeit lag ein so gewichtiges

Etwas, daß sie das gleichzeitige Vorhandensein auf der Welt von solchen

Dingen wie Urwäldern, wilden Völkerstämmen und Papageien auszuscheiden und

doch a tempo daran zu erinnern schienen. Wohl mochte da das Gemüt eines

soweit Heimgekehrten ins Schaukeln geraten.

Ach! man braucht kein Weltumsegler zu sein; es genügt, ein bißchen Umschau

in den europäischen Städten zu halten, um bei der Rückkehr in die eigene,

ich will nicht sagen das Lachen (ohne eine gewisse Verdrossenheit geht die

Einsicht nicht her), aber -- schmunzeln zu lernen.

Wie kurzweilig ist ein Snobismus, der uns nicht anficht! Wahrzunehmen, in

welch charakteristischen Prägungen, mit welcher Bestimmtheit und wie starr

er überall mit ganz verschiedenen Wertungen sich behauptet. -- Ich wüßte

nichts, was einen vom Snobismus gründlicher kurieren könnte, wie das

Reisen.

Als einmal die Rede auf gesellschaftliche Vorurteile fiel (es war in

London), fragte ich: »Und wie steht es hier mit den Juden?« »Oh we love

them!« rief die Frau des Hauses, die eine sehr große Dame war; »they are so

nice and rich!«

Nie und nimmer hätte sie geduldet, daß sich ihre Nichte mit einem Arzt

verheirate; als dann ein reicher Brauer um sie freite, war von Mesalliance

durchaus nicht mehr die Rede.

Es ist wahr, daß Bildung und Wissen nirgends so tief im Kurse stehen, wie

bei den vornehmen Engländern. Aber man übersieht, daß ihre oft sehr krasse

Unwissenheit keine ganz ungewollte ist. Sie sind so zivilisiert, daß sie

glauben, der Bildung entraten zu dürfen: »It is not smart to be clever«,

wurde mir in London allen Ernstes gesagt.

Ich traf dort öfters die schöne Lady Beatrix. Wer die Geste sah, mit der

sie beim Tanz die Schleppe warf, der vergaß zur Stelle alle unschönen und

traurigen Seiten des Lebens. Von einem ihrer Hüte sehr hingerissen, sagte

ich ihr eines Tages, daß keine Frau in London deren so viele und so

reizende besaß. -- Tief errötend mit einem empörten Blick und ohne mich

einer Antwort zu würdigen, starrte sie mich an.

Was hatte die schöne Lady gekränkt?

Es trifft sich, wie ganz London weiß, -- teilte mir im korrektesten Tone

einer ihrer Freunde mit, -- daß Lady Beatrix infolge ihrer zerrütteten Lage

als Essayeuse in einem Hutgeschäft steht. Die hohe Bezahlung, die sie dafür

erhält, ermöglicht ihr die Aufrechterhaltung ihrer Stellung.

Es klang wie ein schlechter Witz. Lady Beatrix Hutmamsell, um ihr

gesellschaftliches Prestige nicht zu verlieren.

»Hat sie denn nichts gelernt?« rief ich bestürzt.

Ihr Verehrer sah mich kalt an. »Sie können Lady Beatrix doch nicht zumuten,

etwa Gouvernante zu werden,« sagte er. Ich besann mich; und mit einem Male

fand ich es entschieden geistreich, daß Londons beste Gesellschaft dies

Mädchen mit so großer Auszeichnung empfing. Der Boden eines Salons hatte

sich -- wenn man will -- gesenkt, jedenfalls verschoben, und seine

Anforderungen waren andere geworden. So rückständig war man nur noch bei

uns zu Lande, daß man einen Salon im Sinn des 18. Jahrhunderts sich

erträumte; ein solcher bringt es höchstens auf einen Jahrgang, und einen

Succès de ridicule.

Denn wir betreten ihn heute, wie wir ein Eisenbahncoupé besteigen: mit

Zurücklassung alles Gepäcks, höchstens mit einer kleinen Handtasche

ausgerüstet. So lassen wir auch unser bagage intellectuel im Vorraum bei

unseren Mänteln hängen: nur leichter Stücke, wie Schlagfertigkeit oder

Witz, bedürfen wir hier. Was wir denken, wollen wir jetzt vergessen, und

ausschalten, was wir wissen. Ein Salon will keine Steigerung mehr, nur eine

Ablenkung vom Leben sein. Uns ist wohl, wenn nur die Lüge glücklich

vertreten bleibt, wenn nur unsere Augen, unsere Sinne einen Moment der

Täuschung sich hingeben können, daß unser Leben etwas Heiteres sei.

Man trifft in London und Paris und auch in Rom sehr geistreiche Leute in

Gesellschaft: der Schein ist eben für die ganz Ernsten wie für die

Gedankenlosen; den einen ist er Element, den anderen ein Verweilen. Der

heutige Salon zerfällt in Bühne und Zuschauerraum -- ungleich dem Leben, in

dem Kluge wie Toren -- und zwar zusammen -- mitspielen müssen. Dort

hingegen kann die schönste Teilung vor sich gehen: je großartiger aber der

Schein, je stärker die Illusion, umso gewählter natürlich das Publikum.

Ich eile zur Pointe. -- In unseren Salons stehen noch allzuhäufig -- statt

der Kulissen -- alle Türen nach der Wirklichkeit offen, -- oder doch

angelehnt. Unsere Frauen sind allzu wahrhaft: der einen spricht die Sorge

um ihre Kinder, oder die Mißvergnügtheit, oder die Literatur, oder gar die

Schlichtheit ihrer Verhältnisse allzu deutlich aus Ton und Blick.

Wenn ich da an Lady Beatrix denke, erscheint sie mir wie ein ideales

Standbild -- ich sage nicht des Lebens --, wohl aber des heutigen Salons.

Statt Banalitäten über hohe Themen sagte sie geistreiche Dinge über dumme

Sachen. Und wie verriet sie doch mit keiner Miene die innere Zerworfenheit

mit ihrem Schicksal.

Obwohl ich es noch nicht verlauten hörte, kann ich mir nicht denken, daß es

nicht schon oft gesagt wurde, so sehr sticht es ins Auge: das Erbe der

Griechen haben Deutsche und Engländer unter sich geteilt. Wir setzten es in

unsere Gedankenwelt, und sie ins äußere Leben um. So ist Halbheit überall.

Il ne nous manque que la grâce. Es ist das ganze Geheimnis unserer

Unpopularität.

Neue Rundschau 1908.

Wege und Umwege · 第 10 / 34 题