Ein von langer, gefahrvoller Reise eben zurückgekehrter Marineoffizier, den
ich in Rom in einer Gesellschaft traf, sagte mir, es berühre ihn komisch,
wieder in einem Salon zu sein; der Kontrast sei noch zu heftig, er verspüre
da etwas wie Seekrankheit und müsse sich erst wieder zurechtfinden.
Ich begriff das recht gut. Dicht neben uns redeten zwei Diplomatenfrauen,
eine griechische und eine brasilianische, im kreischenden Französisch
lebhaft aufeinander ein. In ihrer Ahnungslosigkeit lag ein so gewichtiges
Etwas, daß sie das gleichzeitige Vorhandensein auf der Welt von solchen
Dingen wie Urwäldern, wilden Völkerstämmen und Papageien auszuscheiden und
doch a tempo daran zu erinnern schienen. Wohl mochte da das Gemüt eines
soweit Heimgekehrten ins Schaukeln geraten.
Ach! man braucht kein Weltumsegler zu sein; es genügt, ein bißchen Umschau
in den europäischen Städten zu halten, um bei der Rückkehr in die eigene,
ich will nicht sagen das Lachen (ohne eine gewisse Verdrossenheit geht die
Einsicht nicht her), aber -- schmunzeln zu lernen.
Wie kurzweilig ist ein Snobismus, der uns nicht anficht! Wahrzunehmen, in
welch charakteristischen Prägungen, mit welcher Bestimmtheit und wie starr
er überall mit ganz verschiedenen Wertungen sich behauptet. -- Ich wüßte
nichts, was einen vom Snobismus gründlicher kurieren könnte, wie das
Reisen.
Als einmal die Rede auf gesellschaftliche Vorurteile fiel (es war in
London), fragte ich: »Und wie steht es hier mit den Juden?« »Oh we love
them!« rief die Frau des Hauses, die eine sehr große Dame war; »they are so
nice and rich!«
Nie und nimmer hätte sie geduldet, daß sich ihre Nichte mit einem Arzt
verheirate; als dann ein reicher Brauer um sie freite, war von Mesalliance
durchaus nicht mehr die Rede.
Es ist wahr, daß Bildung und Wissen nirgends so tief im Kurse stehen, wie
bei den vornehmen Engländern. Aber man übersieht, daß ihre oft sehr krasse
Unwissenheit keine ganz ungewollte ist. Sie sind so zivilisiert, daß sie
glauben, der Bildung entraten zu dürfen: »It is not smart to be clever«,
wurde mir in London allen Ernstes gesagt.
Ich traf dort öfters die schöne Lady Beatrix. Wer die Geste sah, mit der
sie beim Tanz die Schleppe warf, der vergaß zur Stelle alle unschönen und
traurigen Seiten des Lebens. Von einem ihrer Hüte sehr hingerissen, sagte
ich ihr eines Tages, daß keine Frau in London deren so viele und so
reizende besaß. -- Tief errötend mit einem empörten Blick und ohne mich
einer Antwort zu würdigen, starrte sie mich an.
Was hatte die schöne Lady gekränkt?
Es trifft sich, wie ganz London weiß, -- teilte mir im korrektesten Tone
einer ihrer Freunde mit, -- daß Lady Beatrix infolge ihrer zerrütteten Lage
als Essayeuse in einem Hutgeschäft steht. Die hohe Bezahlung, die sie dafür
erhält, ermöglicht ihr die Aufrechterhaltung ihrer Stellung.
Es klang wie ein schlechter Witz. Lady Beatrix Hutmamsell, um ihr
gesellschaftliches Prestige nicht zu verlieren.
»Hat sie denn nichts gelernt?« rief ich bestürzt.
Ihr Verehrer sah mich kalt an. »Sie können Lady Beatrix doch nicht zumuten,
etwa Gouvernante zu werden,« sagte er. Ich besann mich; und mit einem Male
fand ich es entschieden geistreich, daß Londons beste Gesellschaft dies
Mädchen mit so großer Auszeichnung empfing. Der Boden eines Salons hatte
sich -- wenn man will -- gesenkt, jedenfalls verschoben, und seine
Anforderungen waren andere geworden. So rückständig war man nur noch bei
uns zu Lande, daß man einen Salon im Sinn des 18. Jahrhunderts sich
erträumte; ein solcher bringt es höchstens auf einen Jahrgang, und einen
Succès de ridicule.
Denn wir betreten ihn heute, wie wir ein Eisenbahncoupé besteigen: mit
Zurücklassung alles Gepäcks, höchstens mit einer kleinen Handtasche
ausgerüstet. So lassen wir auch unser bagage intellectuel im Vorraum bei
unseren Mänteln hängen: nur leichter Stücke, wie Schlagfertigkeit oder
Witz, bedürfen wir hier. Was wir denken, wollen wir jetzt vergessen, und
ausschalten, was wir wissen. Ein Salon will keine Steigerung mehr, nur eine
Ablenkung vom Leben sein. Uns ist wohl, wenn nur die Lüge glücklich
vertreten bleibt, wenn nur unsere Augen, unsere Sinne einen Moment der
Täuschung sich hingeben können, daß unser Leben etwas Heiteres sei.
Man trifft in London und Paris und auch in Rom sehr geistreiche Leute in
Gesellschaft: der Schein ist eben für die ganz Ernsten wie für die
Gedankenlosen; den einen ist er Element, den anderen ein Verweilen. Der
heutige Salon zerfällt in Bühne und Zuschauerraum -- ungleich dem Leben, in
dem Kluge wie Toren -- und zwar zusammen -- mitspielen müssen. Dort
hingegen kann die schönste Teilung vor sich gehen: je großartiger aber der
Schein, je stärker die Illusion, umso gewählter natürlich das Publikum.
Ich eile zur Pointe. -- In unseren Salons stehen noch allzuhäufig -- statt
der Kulissen -- alle Türen nach der Wirklichkeit offen, -- oder doch
angelehnt. Unsere Frauen sind allzu wahrhaft: der einen spricht die Sorge
um ihre Kinder, oder die Mißvergnügtheit, oder die Literatur, oder gar die
Schlichtheit ihrer Verhältnisse allzu deutlich aus Ton und Blick.
Wenn ich da an Lady Beatrix denke, erscheint sie mir wie ein ideales
Standbild -- ich sage nicht des Lebens --, wohl aber des heutigen Salons.
Statt Banalitäten über hohe Themen sagte sie geistreiche Dinge über dumme
Sachen. Und wie verriet sie doch mit keiner Miene die innere Zerworfenheit
mit ihrem Schicksal.
Obwohl ich es noch nicht verlauten hörte, kann ich mir nicht denken, daß es
nicht schon oft gesagt wurde, so sehr sticht es ins Auge: das Erbe der
Griechen haben Deutsche und Engländer unter sich geteilt. Wir setzten es in
unsere Gedankenwelt, und sie ins äußere Leben um. So ist Halbheit überall.
Il ne nous manque que la grâce. Es ist das ganze Geheimnis unserer
Unpopularität.
Neue Rundschau 1908.