Huck aber meinte: ,,Kann nicht -- wär' tot, wenn sie aufwachten!"

Tom drängte, Huck hielt zurück. Schließlich erhob sich Tom leise und

furchtsam und schlich allein davon. Aber der erste Schritt, den er tat,

erzeugte auf dem Holzboden ein solches Krachen, daß er halbtot vor Angst

wieder niederkauerte. Er machte keinen zweiten Versuch. Die Jungen lagen

da, die schrecklichen Augenblicke zählend, bis es ihnen schien, die Zeit

habe aufgehört und die Ewigkeit beginne. Und dann erleichterte sie der

Gedanke, daß schließlich die Sonne untergehen müsse. Jetzt rührte sich der

eine Schläfer. Joe richtete sich auf, starrte um sich, lächelte verächtlich

auf seinen Spießgesellen nieder, dessen Kopf auf seine Knie gesunken war,

stieß ihn mit dem Fuße an und rief: ,,Auf! Bist mir 'n schöner Wächter,

Kerl!"

,,Na ja, was denn -- 's ist ja nichts passiert."

,,Na -- hast du denn jetzt ausgeschlafen?"

,,'s geht halb und halb."

,,Jetzt heißt's aber aufbrechen. Was machen wir nur mit dem bißchen Geld,

was wir noch haben?"

,,Weiß nicht -- lassen's hier, wie sonst, denk' ich. Wer sollt's

fortnehmen, wenn wir weg sind? Sechshundertundfünfzig in Silber ist auch zu

viel zum Mitschleppen."

,,Na ja -- ist recht -- wenn wir doch noch mal herkommen müssen."

,,Dann ist's aber doch besser, in der Nacht herzukommen, wie sonst."

,,Ja -- aber denk' mal, 's könnt' doch 'ne ziemliche Zeit dauern, bis ich

zu dem Streich kommen kann, 's könnt sich was zutragen und 's liegt hier

grad' an keinem guten Platz. Wollen's doch lieber richtig vergraben -- und

tief vergraben."

,,'s ist 'n guter Gedanke," sagte der andere, ging durch den Raum, kniete

nieder, riß einen der Herdsteine auf und holte einen Sack heraus, der

vielversprechend klang. Er nahm zwanzig bis dreißig Dollar für sich und

ebensoviel für Joe heraus und gab den Sack letzterem, der in der Ecke

kniete, mit seinem Messer die Erde aufwühlend.

Die Jungen vergaßen alle Angst, all ihre Verlegenheit bei diesem Anblick.

Mit glänzenden Augen verfolgten sie jede Bewegung. Der Glanz da unten

übertraf all ihre Vorstellungen! Sechshundert Dollar war Geld genug, ein

halbes Dutzend kleiner Jungen reich zu machen! Hier ließ sich unter den

glücklichsten Aussichten nach Gold graben, da gab's kein Kopfzerbrechen, wo

man graben müsse. Jeden Augenblick stießen sie einander an -- ein leichtes

Verständigungsmittel, denn ihr einziger Gedanke war: Freust dich, daß wie

hier sind.

Joes Messer stieß auf etwas.

,,Holla," sagte er.

,,Was gibt's?" fragte der andere Strolch.

,,'n halb verfaulter Balken -- nee, glaub', 's ist 'n Kasten. Hier, hilf

mal, wollen sehn, was es gibt. Ho, da hab' ich 'n Loch hineingebrochen."

Er griff mit der Hand hinunter und zog sie wieder heraus.

,,Mensch -- 's ist Geld!"

Die beiden untersuchten die Handvoll Münzen. Es war wirklich Gold. Die

Jungen oben waren ebenso erregt und entzückt wie sie.

Joes Spießgeselle sagte: ,,Wollen gleich ganze Arbeit damit machen. Dort

liegt 'ne alte verrostete Hacke in der Ecke, dort auf der anderen Seite vom

Herd -- sah sie vorhin."

Er lief hin und brachte Hacke und Schaufel der Jungen. Joe nahm die Hacke,

betrachtete sie mit kritischer Miene, schüttelte den Kopf, murmelte etwas

vor sich hin und begann damit zu hantieren.

Die Kiste war bald ausgegraben. Sie war nicht sehr groß; sie hatte

Eisenbänder und war sehr stark gewesen, bevor der Zahn der Zeit sie

angefressen hatte. Der Kerl betrachtete den Schatz eine Weile aufmerksam,

schweigend, aber vergnügt.

,,Kerl, 's sind gewiß tausend Dollar," sagte er.

,,'s hat ja immer schon geheißen, daß Murrels Bande vorigen Sommer hier

gehaust hat," bemerkte der Fremde.

,,Weiß wohl," entgegnete Joe, ,,und mir scheint, 's sieht ganz danach aus."

,,Jetzt brauchst du deinen Streich nicht mehr auszuführen, sollt' ich

denken."

Der Indianer runzelte die Stirn und sagte: ,,Du kennst mich nicht.

Wenigstens weißt du nichts von dieser Sache. _Hier_ will ich nicht rauben

-- 's ist Rache!" Und mit flammenden Augen sprang er auf. ,,Brauch' deine

Hilfe dazu nicht! Wenn's geschehen ist -- nach Texas. Geh' du nur heim zu

deiner Hure und der Brut -- und sei bereit, wenn du von mir hörst!"

,,'s ist gut, wenn du's sagst. Was woll'n wir hiermit machen -- wieder

vergraben?"

,,Ja. (Freude und Entzücken oben.) Nein, beim großen Geist, nein! (Tiefe

Niedergeschlagenheit.) 's könnt' leicht vergessen werden. -- Die Hacke da

hat frische Erdspuren! (Die Jungen wurden fast ohnmächtig vor plötzlichem

Schreck.) Was haben 'ne Hacke und 'ne Schaufel _hier_ zu tun? Wie kommt

frische Erde dran? Wer hat sie hier gebraucht -- und wo sind die Burschen

hin? Hast du was gehört -- was gesehn? Zum Teufel -- wieder vergraben und

sie kommen lassen und die Erde frisch aufgewühlt sehen? Wär' so was!

Glaub's. Wir nehmen das mit."

,,Na, meinetwegen. Aber überleg' erst, wohin. Meinst du Nummer eins?"

,,Nein -- Nummer zwei -- unter dem Kreuz. Der andere Platz ist schlecht --

zu gewöhnlich."

,,Recht. 's ist bald dunkel genug, aufzubrechen."

Joe richtete sich auf und ging von Fenster zu Fenster, vorsichtig

hinausspähend. Plötzlich sagte er: ,,Wer könnt' doch nur das Handwerkszeug

da hergebracht haben? Glaubst du, sie könnten oben sein?"

Den Jungen stand der Atem still. Joe legte die Hand ans Messer, zögerte

einen Moment unentschlossen, dann begann er die Treppe zu ersteigen. Die

Jungen dachten an den Schrank, aber die Kräfte versagten ihnen. Die

Schritte näherten sich knarrend -- die verzweifelte Lage stachelte die

gesunkenen Lebensgeister wieder auf -- sie waren im Begriff, zum Schrank zu

laufen, als plötzlich das Krachen brechenden Holzes ertönte und Joe wieder

unten ankam, mit den Trümmern der Treppe.

Fluchend rappelte er sich empor und der andere Strolch sagte: ,,Na, wozu

das alles! Wenn jemand da ist und er steckt oben -- laß ihn stecken -- was

kümmert's uns? Wenn einer runter kommen will und sich hier Ungelegenheiten

zuzieht -- meinetwegen! In fünfzehn Minuten wird's dunkel -- dann soll uns

folgen, wer will. Meine Meinung ist: die Kerls, die die Sachen hierher

geschleppt haben, haben uns gesehen und uns für Gespenster und Geister

gehalten. Will wetten, sie laufen noch!"

Joe brummte noch 'ne Weile, dann stimmte er dem anderen bei, das letzte

Tageslicht zur Ausführung der nötigen Vorbereitungen zu benützen. Kurz

danach schlüpften sie aus dem Haus ins Zwielicht und wandten sich mit ihrer

kostbaren Last dem Flusse zu.

Tom und Huck erhoben sich, warteten, bis alles still war und starrten dann

durch Ritzen im Gebälk ihnen nach. Folgen! Kein Gedanke -- sie waren

zufrieden, den Boden zu erreichen, ohne sich den Hals gebrochen zu haben,

und machten sich über den Hügel auf den Heimweg. Sie sprachen nicht viel,

sie waren zu ärgerlich auf sich selbst -- ärgerlich über die Dummheit,

Hacke und Spaten mit hierher zu nehmen. Denn ohne das würde Joe niemals

Verdacht geschöpft haben. Er hätte Silber und Gold vergraben, um erst seine

,,Rache" auszuführen -- und dann würde er das Unglück gehabt haben, nichts

mehr vorzufinden! Bitteres, bitteres Verhängnis, daß sie ihr Werkzeug

mitschleppen mußten! Sie nahmen sich vor, auf den Spanier zu achten, wenn

er ins Dorf kommen sollte, um das Terrain für seinen Racheplan zu

sondieren, und ihm dann nach ,,Nummer zwei" zu folgen, mochte es sein, wo

es wollte. Da kam Tom ein schrecklicher Gedanke:

,,Rache? Wenn er _uns_ meinte. Huck?"

,,Er wird doch nicht?" stotterte Huck, fast umfallend.

Sie sprachen eifrig darüber und einigten sich in der Annahme, daß er jemand

anders gemeint haben müsse -- im schlimmsten Fall könne er nur Tom meinen,

da nur dieser Zeugnis abgelegt habe.

Was ein sehr, sehr schwacher Trost für Tom war, allein in Gefahr zu sein!

Ein Leidensgefährte würde hier ein besserer Trost sein -- dachte er.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Das Abenteuer des Tages quälte Tom nachts im Traum. Manchmal hielt er den

Schatz in Händen, manchmal zerrann er ihm zwischen den Fingern in nichts,

bis ihn der Schlaf verließ und das Erwachen ihn von der schrecklichen

Wirklichkeit seiner Lage überzeugte. Als er am frühen Morgen, die

Einzelheiten seines Abenteuers überdenkend, dalag, erschienen sie ihm immer

undeutlicher und unklarer, als wenn sie sich in irgend einer anderen Welt

ereignet hätten oder in längst vergangener Zeit. Dann schien ihm das große

Ereignis wie ein Traum! Es sprach sehr viel dafür, namentlich, daß die

Menge Geld, die er gesehen hatte, gar zu groß schien, um wirklich

existieren zu können. Er hatte nie mehr als fünfzig Dollar in einem Haufen

gesehen und wie alle Jungen seines Alters und seiner Lebenslage, glaubte

er, daß alle ,,Hunderte" und ,,Tausende" nichts anderes seien als glänzende

Redensarten, und daß eine solche Summe in Wirklichkeit gar nicht denkbar

sei. Nicht einen Augenblick hatte er gedacht, daß sich in irgend jemandes

Besitz eine solche Summe, wie hundert Dollar war, finden könne. Wenn er

sich seine vergrabenen Schätze vorstellte, rechnete er höchstens mit 'ner

Handvoll Schillinge.

Aber die Einzelheiten seines Abenteuers traten ihm, je mehr er daran

dachte, um so schärfer und klarer vor die Seele und plötzlich ertappte er

sich über dem Gedanken, daß möglicherweise doch nicht _alles_ ein Traum

gewesen sei. Diese Ungewißheit mußte abgeschüttelt werden. Schnell wollte

er sein Frühstück hinunterschlingen und dann Huck aufsuchen.

Huck saß auf dem Rande eines Bootes, seine Füße ins Wasser baumeln lassend

und mit sehr melancholischem Gesichtsausdruck. Tom beschloß, Huck selbst

auf den Gegenstand kommen zu lassen. Tat er's nicht, dann war alles ein

Traum gewesen.

,,Holla, Huck!"

,,Morgen, Tom!"

Minutenlanges Stillschweigen.

,,Tom, hätten wir den verdammten Spaten oben beim Baum gelassen, hätten

wir's Geld bekommen. Ach, 's ist zum Verrücktwerden!"

,,'s war also kein Traum, 's war kein Traum! Möcht' fast, 's wär einer

gewesen."

,,Was ist kein Traum?"

,,O, die Geschichte von gestern. Dachte halb, 's wär einer gewesen."

,,Traum! Wär' die Treppe nicht gebrochen, hättest du was von 'nem Traum

erleben können! Hab' die ganze Nacht von dem verdammten grünäugigen Spanier

geträumt, wie er auf mich losging. Der Henker hol' ihn!"

,,Nicht hol' ihn! Find ihn! Find's Geld!"

,,Tom -- wollen ihn lieber nicht wiederfinden! Mich würd's schütteln, wenn

ich ihn bloß wieder zu sehen kriegte."

,,Gut, so tu ich's. Möcht' ihn schon sehen und ihm nachschleichen -- nach

Nummer zwei."

,,Nummer zwei; ja, das ist's. Denk' immerfort drüber nach. Aber ich kann's

nicht rauskriegen. Was denkst du?"

,,Weiß nicht. Ist zu tief. Sag', Huck -- könnt's nicht die Nummer von 'nem

Haus sein'?"

,,Goddam! -- Nein, Tom, das ist's nicht. Wenn's ist, ist's doch nicht hier

im Dorf. Hier gibt's keine Nummern."

,,Ja, das ist wohl so. Laß mich 'ne Minute denken. He -- 's ist die Nummer

von 'nem Zimmer -- in 'nem Wirtshaus -- weißt du!"

,,Das ist's! Das ist 'n Kniff! 's gibt aber nur zwei Wirtshäuser. Wir

können's leicht finden."

,,Wart' hier, Huck, bis ich wiederkomm'."

Im Nu war Tom verschwunden. Er wollte sich auf offener Straße nicht mit

Huck sehen lassen. Eine halbe Stunde war er fort. Er fand, daß im besseren

Wirtshaus Nummer zwei seit langer Zeit von einem jungen Advokaten bewohnt

war und noch wurde.

Im andern Wirtshaus war Nummer zwei in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Der

Sohn des Wirtes sagte, daß sie stets geschlossen gehalten werde und daß er

nie jemand habe hineingehen oder herauskommen sehen -- ausgenommen zur

Nachtzeit; Näheres wußte er nicht, er selbst schon habe den Gedanken

gehabt, es spuke in dem Zimmer und schließlich wußte er nichts von einem

Licht darin in der letzten Nacht.

,,Das hab' ich alles rausgekriegt, Huck. Ich denke, 's ist die Nummer zwei,

die wir brauchen."

,,Denk' auch, Tom. Und was willst du jetzt tun?"

,,Laß mich nachdenken."

Tom dachte lange nach, dann sagte er: ,,Will's dir sagen. Die Hintertür von

Nummer zwei geht auf den Gang zwischen Wirtshaus und der alten Mauer. Nun

sollst du alle Schlüssel, die du nur auftreiben kannst, zusammentragen und

ich will alle von meiner Tante nehmen und in der ersten dunklen Nacht

wollen wir hingehen und sie versuchen. Und dann sollst du auf Joe

aufpassen, weil er doch gesagt hat, daß er hier 'ne Gelegenheit für seine

Rache aushorchen will. Wenn du ihn siehst, folgst du ihm; und wenn er dann

nicht nach Nummer zwei geht, dann ist's nicht der rechte Ort."

,,Herr Gott, ich wag's nicht, ihm zu folgen!"

,,Unsinn, bei Nacht ist's sicher. Er braucht dich ja nicht zu sehen -- und

wenn er's tut, denkt er sich nichts dabei."

,,Na, 's ist gut: wenn's dunkel ist, denk' ich, ich folg' ihm. Werd's

versuchen."

,,Aber sicher, Huck -- wenn du nicht gut aufpaßt, wird's nichts!"

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Nachts waren Tom und Huck bereit für ihr Abenteuer. Bis nach neun Uhr

trieben sie sich in der Nachbarschaft des Gasthofes herum, einer stets den

bewußten Gang aus einiger Entfernung bewachend, der andere die vordere Tür.

Niemand passierte den Gang; niemand, der dem Spanier ähnlich gesehen hätte,

passierte die Tür. Die Nacht versprach klar zu werden; so ging Tom nach

Hause, mit der Verabredung, daß, sollte sich der Himmel noch bewölken, Huck

kommen und miauen solle, worauf er wieder herauskommen und die Schlüssel

probieren würde. Aber die Nacht blieb klar, Huck beschloß seine Wacht und

zog sich gegen 12 Uhr zum Schlafen in eine leere Zuckertonne zurück.

Am Dienstag hatten die Jungen ebensowenig Erfolg; auch am Mittwoch. Aber

die Donnerstagnacht ließ sich besser an. Tom schlüpfte zu guter Zeit mit

der alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Tuch zum Zudecken aus

dem Haus. Er versteckte die Laterne in Hucks Zuckertonne und die Wache

begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde das Gasthaus geschlossen und

seine Lichter (überhaupt die einzigen) erloschen.

Kein Spanier hatte sich gezeigt. Niemand war im Gange gesehen worden. Alles

versprach günstigen Erfolg. Absolute Finsternis herrschte, und die tiefe

Stille wurde nur zuweilen von fernem Donner unterbrochen.

Tom holte seine Laterne, hüllte sie fest in das Tuch, und die beiden

Abenteurer tasteten sich in der Finsternis dem Wirtshaus zu, Huck blieb als

Schildwache zurück, Tom begab sich weiter den Gang hinauf. Dann folgte eine

Zeit ängstlicher Erwartung, die gleich einer schweren Last auf Hucks Geist

lastete. Er begann zu hoffen, es möge sich wenigstens ein schwacher

Schimmer von der Laterne zeigen -- es hätte ihm Furcht eingejagt, aber

wenigstens hätte es ihm gezeigt, daß Tom noch am Leben sei.

Stunden schienen vergangen, seit Tom verschwunden war. Sicher war er

verunglückt. Vielleicht war er gar tot; vielleicht war sein Herz vor

Schreck und Aufregung gebrochen. In seiner Unruhe ließ sich Huck immer mehr

den Gang hinauflocken, alles mögliche Unheil witternd und jeden Augenblick

in Erwartung eines schrecklichen Unglücks, das ihn das Leben kosten werde.

Es gehörte vielleicht nicht mehr viel dazu, denn er schien nur mehr fähig,

Fingerhut-Portionen Luft einzuatmen und sein Herz mußte bald springen, so

heftig schlug es. Plötzlich blitzte vor ihm Licht auf und Tom kam

herangerast, ihm zurufend: ,,Fort -- fort -- wenn dir dein Leben lieb ist!"

Er brauchte nicht zu wiederholen; einmal war genug. Huck rannte mit dreißig

bis vierzig Meilen Schnelligkeit, ehe Tom noch ausgesprochen hatte.

Die Jungen standen nicht eher, als bis sie den Schatten des Schlachthauses

am entferntesten Ende des Dorfes erreicht hatten. Im Moment ihrer Ankunft

an diesem geschützten Ort begann der Sturm einzusetzen und Regen stürzte

nieder. Sobald Tom wieder atmen konnte, sagte er: ,,Huck, 's war

schrecklich! Ich versuchte zwei Schlüssel, so leise ich konnte, aber die

schienen solch 'nen mächtigen Spektakel zu machen, daß ich ganz atemlos vor

Schreck war. Na, ohne zu wissen, was ich tat, drückte ich auf den Griff und

die Tür sprang auf! Sie war gar nicht zu! Ich trat ein und hob das Tuch

auf, und beim Geist des großen Cäsar --"

,,Was -- was sahst du, Tom?"

,,Huck -- ich wär beinahe auf die Hand des Indianer-Joe getreten!"

,,Nein!"

,,Ja. Er lag da auf dem Boden fest schlafend, das alte Pflaster über dem

Auge, die Arme weit ausgebreitet."

,,Herrgott, was tatst du? Wachte er auf?"

,,Kein Gedanke. Denk', er war besoffen. Ich raffte schnell das Tuch auf und

rannte davon!"

,,Hätt' gewiß nicht an das Tuch gedacht, glaub' ich!"

,,Na, ich sollt' wohl! Meine Tante hätt' mich schon drangekriegt, wenn

ich's verloren hätt'."

,,Sag', Tom, hast du die Kiste gesehen?"

,,Huck -- hab' mir keine Zeit genommen, mich lang' umzusehen. Weder die

Kiste hab' ich gesehen noch 's Kreuz. Nur 'ne Flasche und 'n Zinnbecher auf

der Erde beim Indianer-Joe hab' ich gesehen; und dann zwei Fässer und 'ne

Menge Flaschen. Weißt du jetzt, warum die Bude ,verhext' ist?"

,,Na?"

,,Na -- mit Schnaps ist sie verhext! Ob all die Temperenzler-Gasthäuser so

'ne verhexte Bude haben, he, Huck?"

,,Na -- ich denk wohl! Wer hätt' aber so was gedacht! Aber sag', Tom, ist

jetzt nicht 'ne verwünscht gute Gelegenheit, die Kiste zu erwischen? Wenn

Joe doch betrunken ist!"

,,Teufel auch -- versuch's!"

Huck schauderte.

,,Na -- ich denk' doch nicht."

,,Na -- ich auch, Huck. Bloß _eine_ leere Flasche bei Joe ist nicht genug.

Wären's drei gewesen, wär' er wohl besoffen genug, und ich tät's."

Langes, nachdenkliches Schweigen, dann sagte Tom:

,,Will dir was sagen, Huck, wollen die Sache nicht wieder probieren, wenn

wir nicht wissen, daß Joe nicht drin ist. 's ist zu gräßlich! Wenn wir jede

Nacht Wache halten, ist's todsicher, daß wir ihn mal 'rausgehen sehen, dann

ist's 'ne Kleinigkeit, die Kiste 'rauszuholen!"

,,Na, ist mir recht. Werd' die ganze Nacht warten und so _jede_ Nacht, wenn

du dann das andere machen willst."

,,Schon gut, werd's schon machen. Alles, was du tun sollst, ist, daß du

kommst und wirfst 'ne Handvoll Erde ans Fenster, dann werd' ich schon

aufwachen. -- Jetzt, Huck, scheint mir, 's Wetter ist vorüber, werd' nach

Hause gehen. In 'ner halben Stunde wird's Tag. Geh zurück und wach' noch so

lange -- willst du?"

,,Sagte, ich würd's, und so werd' ich, Tom! 'n ganzes Jahr werd' ich jede

Nacht wachen! Ich schlaf den ganzen Tag, und nachts halt' ich Wache."

,,'s ist gut. Aber wo willst du jetzt schlafen?"

,,Auf Ben Rogers Heuboden. Er läßt mich, und auch seines Alten Nigger,

Onkel Jack. Onkel Jack hab' ich Wasser geholt, wenn er's verlangt hat, und

manchmal, wenn ich ihn bitte, gibt er mir zu essen -- wenn er was über hat.

's ist 'n verdammt feiner Nigger, Tom. Er liebt mich, weil ich nie tu', als

ständ' ich über ihm. Manchmal hab' ich mich richtig hingesetzt und mit ihm

gegessen. Aber sag's niemand! Wenn man schrecklich hungrig ist, tut man

wohl was, kümmert man sich den Henker um was."

,,Na, Huck, werd' dich tags nicht stören, kannst ruhig schlafen. Und wenn

du was siehst nachts, komm nur gleich und miaue!"

Dreißigstes Kapitel.

Das erste, was Tom am Freitagmorgen vernahm, war eine freudige Nachricht --

Familie Thatcher war in der Nacht vorher zurückgekommen! Beides, Joe und

der Schatz, sanken für den Augenblick zu sekundärer Bedeutung herunter, und

Becky nahm Toms ganzes Interesse in Anspruch. Er sah sie und sie verlebten

wundervolle Stunden mit einigen Schulkameraden, ,,Blindekuh" und ,,Fangen"

spielend. Der Tag war tadellos und wurde in ganz besonders befriedigender

Weise beschlossen.

Becky erbettelte von ihrer Mutter die Erlaubnis, den nächsten Tag für das

lang' versprochene und lang' ersehnte Picknick festzusetzen, und diese

willigte ein. Das Entzücken der Kinder war grenzenlos, Toms nicht am

wenigsten. Noch vor Sonnenuntergang wurden die Einladungen versandt und das

gesamte junge Volk im Dorfe geriet in ein wahres Fieber von Vorfreude und

angenehmer Erwartung.

Tom wurde durch seine Aufregung bis zu später Stunde wachgehalten und

hoffte beständig Huck miauen zu hören und am nächsten Tage Becky und alle

Teilnehmer am Picknick mit seinem Schatz in Erstaunen setzen zu können.

Aber er wurde enttäuscht. Kein Zeichen ließ sich hören.

Endlich brach der Morgen an, und um zehn oder elf Uhr versammelte sich eine

ausgelassene, freudestrahlende Gesellschaft bei Thatchers, alles war zum

Aufbruch bereit.

Es war nicht die Gewohnheit der Erwachsenen, Picknicks mit ihrer Gegenwart

zu stören. Man glaubte die Kinder unter den Fittichen von ein paar jungen

Damen von achtzehn und ein paar jungen Herren von dreiundzwanzig oder so

sicher genug. Das alte Dampfboot war für die Gelegenheit gemietet worden.

Bald war der ganze Weg von der lustigen, mit Vorratsbeuteln bepackten Bande

erfüllt. Sid war krank und hatte zu Hause bleiben müssen; Mary blieb

gleichfalls, um ihm Gesellschaft zu leisten.

Das letzte, was Mrs. Thatcher zu Becky sagte, war: ,,Komm' nur nicht zu

spät zurück. Vielleicht wird's besser sein, Kind, du bleibst zur Nacht bei

einem von den Mädchen, das näher bei der Überfahrt wohnt."

,,Dann bleib' ich bei Susy Harper, Mama!"

,,Schon gut. Und benimm dich ordentlich und treib' keinen Unsinn!"

Sobald sie fort waren, sagte Tom zu Becky: ,,Du -- ich will dir sagen, was

wir tun! Statt zu Joe Harper zu gehn, klettern wir auf den Hügel rauf und

gehn zur Witwe Douglas. Die hat sicher Eiscreme! Sie hat fast immer was --

'nen ganzen Haufen. Und sie wird sich schrecklich freuen, uns zu haben!"

,,Ach, das wird schön werden!" Dann dachte Becky einen Augenblick nach und

sagte: ,,Aber was wird Mama sagen?"

,,Woher soll sie's denn erfahren?"

Das Mädchen überlegte sich die Sache und sagte zögernd: ,,Ich denk' doch,

's ist unrecht -- aber --"

,,Aber -- Unsinn! Deine Mama erfährt's nicht, was schad's also? Sie will

doch nur, daß du irgendwo gut aufgehoben bist, und glaub' nur, sie würd'

selbst gesagt haben, du solltst dahin gehen, wenn sie nur dran gedacht

hätt'. Ich weiß, sie hätt's!"

Die glänzende Gastfreundschaft der Witwe Douglas war ein verlockender

Köder. Das und Toms Beredsamkeit behielten die Oberhand. So wurde

beschlossen, niemand was von dem Programm für die Nacht zu sagen.

Plötzlich fiel Tom ein, Huck könne gerade in dieser Nacht kommen und das

Zeichen geben. Der Gedanke machte ihn ein wenig nachdenklich. Schließlich

konnte er's aber doch nicht übers Herz bringen, das Projekt mit der Witwe

Douglas aufzugeben. Und warum sollte er es aufgeben -- war das Zeichen in

der letzten Nacht nicht gekommen, warum sollte es denn wohl gerade in

dieser Nacht kommen? Die Aussicht auf das sichere Vergnügen des Abends

schlug die unbestimmte auf den Schatz aus dem Felde. Und -- wie Kinder sind

-- er beschloß ganz der stärkeren Anziehungskraft zu folgen und sich

während des ganzen Tages keinen Gedanken an das Geld zu gestatten.

Drei Meilen unterhalb des Dorfes legte das Dampfboot an einem bewaldeten

Hügel an. Die Gesellschaft schwärmte hinaus und bald hallten die

entlegensten Teile des Waldes und die unzugänglichsten Höhen von Geschrei

und Lachen wider. Alle Mittel, heiß und müde zu werden, wurden gewissenhaft

angewandt, und allmählich strömten alle Ausflügler zurück zum Lager, mit

tüchtigem Hunger ausgestattet und dann begann die Vernichtung der guten

Sachen. Nach dem Frühstück wurde eine erfrischende Ruhepause im Schatten

breitästiger Eichen gemacht. Dann rief auf einmal jemand: ,,Wer will mit

zur Höhle?"

Alles wollte. Bündel von Kerzen wurden zusammengerafft und geradenwegs

hinauf auf den Hügel. Die Mündung der Höhle war hoch oben, ein offenes Tor

in der Form des Buchstabens A. Die massive eichene Tür stand offen.

Dahinter tat sich ein kleiner Raum auf, kalt wie ein Eiskeller und von der

Natur durch solide Kalkmauern eingefaßt, die von kalter Feuchtigkeit

bedeckt waren.

Es war romantisch und geheimnisvoll, hier in tiefer Dunkelheit zu stehen

und auf die grünen, in der Sonne glänzenden Laubmassen hinauszuschauen.

Aber der überwältigende Eindruck nahm schließlich doch bedeutend ab und das

Umhertollen begann wieder. Jeden Augenblick wurde eine Kerze angezündet,

dann stürzte sich alles auf den, der sie trug, ein Kampf und mutige

Verteidigung folgten, aber die Kerze war bald zu Boden geschlagen oder

ausgeblasen, und dann gab's allgemeines Gelächter und eine neue Jagd. Aber

alles hat ein Ende. Allmählich begab sich der Zug tiefer in die Höhle

hinab, immer tiefer, wobei der flackernde Schein der Lichter die mächtigen

Felswände fast bis zu ihrer vollen Höhe von sechzig Fuß ungewiß

beleuchtete.

Der Weg war hier nicht mehr als acht oder zehn Fuß breit. Alle paar Schritt

taten sich noch engere, hohe Gänge nach beiden Seiten auf, denn die

Douglashöhle war nichts als ein wildes Labyrinth von verzweigten Gängen,

die überall auseinander liefen, um sich doch immer wieder zu treffen. Man

sagte, es könne jemand viele Tage und Nächte durch dies unglaubliche Gewirr

von Gängen und Spalten irren, ohne jemals das Ende der Höhle zu finden; und

daß er tiefer und immer tiefer, bis in den Mittelpunkt der Erde dringen

könne, und es wäre doch immer dasselbe -- Labyrinth unter Labyrinth, und

nirgends ein Ende. Niemand ,,kannte" die Höhle; das war unmöglich. Die

meisten der jungen Leute kannten einen Teil davon und so leicht wagte sich

niemand über diesen bekannten Teil hinaus. Tom Sawyer kannte so viel von

der Höhle wie alle anderen.

Ungefähr dreiviertel Meilen marschierte man in geschlossenem Zug durch den

Hauptgang, dann begannen sich einzelne Haufen und Paare seitwärts in die

Nebengänge zu zerstreuen, durch die unheimlichen Gänge laufend, um sich

schließlich zu gegenseitiger Überraschung an irgend einem Punkt wieder zu

treffen. Man konnte wohl eine halbe Stunde auch hier im bekannten Teil

herumstreifen, ohne einander zu begegnen.

Schließlich kam Paar auf Paar zur Höhle zurückgeschlendert, mit Talg

bespritzt, kalkbeschmiert und ganz berauscht von den Herrlichkeiten des

Tages. Dann waren alle ganz überrascht, daß sie so wenig auf die Zeit

geachtet hatten und es schon fast Nacht war. Schon seit einer halben Stunde

hatte die Schiffsglocke zum Aufbruch gemahnt. Indessen, auch diese Art, die

Abenteuer des Tages zu beschließen, war romantisch und deshalb

befriedigend. Als das Dampfboot mit seiner ausgelassenen Fracht vom Ufer

abstieß, kümmerte sich niemand 'nen Deut um die versäumte Zeit -- außer dem

Kapitän.

Huck befand sich bereits auf seinem Wachposten, als die Lichter des

Dampfbootes an der Landungsstelle vorbeiglitten. Er hörte keinen Ton an

Bord, denn das Volk war so zahm geworden, wie man zu sein pflegt, wenn man

sich halbtot gehetzt hat.

Er grübelte darüber, was für ein Boot das sein möge und warum es nicht am

gewöhnlichen Ort anlege -- und dann vergaß er es und richtete seine ganze

Aufmerksamkeit auf seine eigene Angelegenheit. Die Nacht war bewölkt und

dunkel. Zehn Uhr schlug's, das Wagengerassel schwieg, die Lichter begannen

zu verlöschen, der Lärm der Fußgänger verstummte nach und nach -- das Dorf

ging zur Ruhe und überließ den kleinen Wächter dem Schweigen und den

Gespenstern. Elf Uhr schlug's, und das Licht im Wirtshaus erlosch; jetzt

herrschte überall Finsternis. Huck wartete, schien ihm, sehr lange Zeit,

aber nichts geschah. Unruhe überkam ihn. Wenn alles umsonst war? Wenn er

genarrt wurde? Warum nicht die Sache aufgeben und sich davon machen?

Da hörte er eine Stimme. Sofort war er ganz Aufmerksamkeit. Vorsichtig

wurde die Gangtür geschlossen. Schnell drückte er sich in eine Ecke an der

Mauer. Im nächsten Augenblick huschten zwei Männer vorbei, und einer schien

etwas unter dem Arm zu haben. Das mußte die Kiste sein! So wollten sie also

heute den Schatz vergraben. Ob er Tom weckte? Es wäre Wahnsinn gewesen --

die Leute wären mit der Kiste entwischt und niemand hätte sie jemals

gefunden. Nein, er wollte ihnen folgen; er wollte sich unter dem Schutze

der Finsternis ihnen an die Fersen heften. So mit sich selbst sprechend,

kam Huck hervor und glitt hinter den Männern her, leise wie eine Katze,

barfuß, gerade so weit von ihnen entfernt, um nicht gesehen zu werden.

Eine Zeitlang gingen sie die Flußstraße aufwärts und wandten sich dann

durch eine kleine Gasse seitwärts. Immer steil hinauf kamen sie schließlich

an den Weg, der nach Cardiff Hill hinaufführte; diesen schlugen sie ein.

Sie kamen am Haus des alten Wallisers vorbei, in halber Höhe des Hügels,

und stiegen, ohne sich aufzuhalten, immer noch höher. Gut, dachte Huck, sie

werden's im alten Steinbruch vergraben. Aber auch da hielten sie nicht an.

Sie gingen vorbei, ganz auf den Hügel. Dann schwenkten sie in den Weg durch

den großen Sumachwald ein und waren auf einmal in der Finsternis

verschwunden. Huck beeilte sich die Entfernung zu verringern, denn er war

sonst nicht mehr imstande, sie im Auge zu behalten. Eine Weile rannte er

vorwärts; dann hielt er inne, aus Furcht, zu weit geraten zu sein; rannte

wieder ein Stück vorwärts, und hielt wieder; horchte; nichts zu hören; nur,

daß er das Klopfen des eigenen Herzens hörte. Der Schrei einer Eule ertönte

-- unheilverkündend; aber keine Fußtritte. Himmel, hatte er sie verloren?

Er war im Begriff, Hals über Kopf vorwärts zu stürzen, als jemand nicht

vier Fuß vor ihm sich räusperte. Das Herz fuhr Huck in die Kehle, aber er

bezwang sich. Und dann stand er da, zitternd, als hätten ihn tausend Fieber

auf einmal gepackt, und so schwach, daß er gleich umfallen zu müssen

meinte. Er wußte, wo er war. Er wußte, er war nicht fünf Schritt von dem

Zaun entfernt, der um den Grund und Boden der Witwe Douglas führte.

,,Famos," dachte er, ,,mögen sie's hier vergraben, 's wird nicht schwer

sein, es hier wieder zu finden."

Jetzt hörte er eine leise Stimme -- eine sehr leise Stimme -- die des

Indianer-Joe:

,,Hol sie der Teufel -- muß sie grad' heut Gesellschaft haben -- 's ist

Licht, so spät's auch ist!"

,,Kann nicht sehn!"

Dies war des Fremden Stimme -- des Fremden aus dem Beinhaus. Tödlicher

Schreck durchfuhr Hucks Herz -- dies also war die ,,Rache!" Sein erster

Gedanke war auszureißen. Dann erinnerte er sich, wie die Witwe Douglas mehr

als einmal freundlich gegen ihn gewesen sei -- und wer weiß, ob diese da

nicht die Absicht hatten, sie zu ermorden! Er sehnte sich nach einer

Gelegenheit, sie zu warnen. Aber er wußte, er könnte 's nicht wagen; sie

würden ihn kriegen und umbringen. All dies und noch anderes ging ihm in

einem Augenblick durch den Kopf zwischen den Worten des Fremden und den

nächsten Joes.

,,Weil der Busch dir im Wege ist. So -- hierher -- kannst du _jetzt_ sehn?"

,,Ja. Denk auch, 's ist Gesellschaft da. Besser, wir geben's auf."

,,Aufgeben, wo ich dies Land für immer verlassen soll! Aufgeben und _nie

wieder_ 'ne Gelegenheit haben! Sag' dir nochmal, was ich dir schon mal

gesagt hab' -- brauch' ihre Pfennige nicht -- kannst du haben. Aber ihr

Mann war gemein gegen mich -- oft genug -- und _er_ war der Richter, der

mich zu 'nem Landstreicher gemacht hat. Und 's ist nicht alles! 's ist noch

nicht der millionste Teil davon! Gepeitscht hat er mich -- gepeitscht vorm

Gefängnis -- wie 'nen Nigger! Das ganze Dorf konnt's sehen! Gepeitscht!!

Verstehst du? _Er_ ist mir zuvorgekommen -- er ist tot. Aber _sie_ soll

dran!"

,,Bitt' dich -- töt' sie nicht! Tu's nicht!"

,,Töten? Wer spricht von töten? Ihn würd' ich abschneiden, wenn er hier

wär' -- sie nicht. Wenn man sich an 'ner _Frau_ rächen will -- die muß man

an der _Fratze_ packen! Schneid't ihr die Nase auf und stutzt ihr die Ohren

-- wie 'nem Schwein!"

,,Teufel --"

,,Behalt deine verdammte Meinung für dich! Wird's beste für dich sein!

Werd' sie ans Bett festbinden. Wenn sie sich zu Tode blutet -- was kann ich

dafür? Werd' nicht drum heulen, wenn sie's tut. Du, mein Freund -- wirst

mir dabei helfen -- auf meine Rechnung -- hab' dich nur dazu mitgenommen --

möcht' für mich allein zu viel sein. Wenn du davonläufst, hau' ich dich

zusammen -- verstehst du? Und wenn ich _dich_ töte, bring' ich _sie_ auch

um -- und dann, denk' ich, kann keiner 'rauskriegen, wer das Geschäft

besorgt hat."

,,Na, wenn's geschehen muß, rasch dran! Je eher, desto besser -- mir läufts

ohnehin schon über."

,,Jetzt tun? Wo Gesellschaft da ist? Sollt' dir wahrhaftig nicht trauen,

scheint mir! -- Nichts da -- wollen warten, bis die Lichter aus sind -- 's

hat keine Eile."

Huck fühlte, daß jetzt Stillschweigen eintreten werde -- schrecklicher als

das mörderischste Geschrei; so hielt er den Atem an und zog sich vorsichtig

zurück, wobei er die Füße vorsichtig und fest aussetzte, immer auf einem

Bein balanzierend, tastend und sich auf eine Seite legend, bald auf diese;

dann auf die andere; und dann knackte ein Zweig unter seinen Füßen! Er

hielt den Atem an und horchte. Nichts zu hören -- vollkommene Stille. Seine

Dankbarkeit war grenzenlos. Nun wandte er sich um, so vorsichtig, als wäre

er ein Schiff gewesen, und trabte dann rasch, aber vorsichtig davon. Beim

Steinbruch angekommen, hielt er sich für sicher; so nahm er die Beine unter

die Arme und rannte in gestrecktem Galopp davon. Hinunter, immer weiter

hinunter, bis er das Haus des Wallisers erreicht hatte. Er klopfte an die

Tür und sofort erschienen die Köpfe des alten Mannes und seiner zwei

handfesten Söhne am Fenster.

,,Wer spektakelt da? Was für'n Lärm draußen? Was gibt's?"

,,Laßt mich ein -- schnell! Werd' euch alles sagen!"

,,So -- wer ist's denn?"

,,Huckleberry Finn -- schnell, laß mich rein!"

,,Huckleberry Finn -- so! 's ist ein Name, denk ich, dem sich nicht viel

Türen öffnen! Aber laßt ihn 'rein, Burschen, woll'n sehen, was er hat."

,,In des Himmels Namen -- sagt's niemand, daß ich euch was erzählt hab',"

waren Hucks erste Worte, als er hineingelassen war. ,,Tut's nicht -- würd'

sicher getötet -- aber die Witwe ist oft genug freundlich gegen mich

gewesen und ich werd's sagen -- werd's sagen, wenn ihr versprecht, nicht zu

sagen, daß ich's gesagt hab'."

,,Bei St. Georg -- er hat was zu sagen -- oder er tät' nicht so," rief der

Alte. ,,Heraus damit, und daß ihr's niemand sagt, Burschen!"

Drei Minuten später waren der Alte und seine Söhne wohlbewaffnet oben auf

dem Hügel und drangen auf den Zehen in den Sumachwald ein, die Büchse in

der Hand.

Huck begleitete sie nicht weiter. Er verbarg sich hinter einem Felsblock

und lauschte.

Langes, angstvolles Schweigen -- und dann plötzlich ein Schuß und ein

Schrei!

Huck wartete nichts weiter ab. Er sprang auf und rannte den Hügel hinunter,

so schnell ihn seine Beine tragen wollten.

Einunddreißigstes Kapitel.

Beim ersten Tagesgrauen am nächsten Tage, einem Sonntagsmorgen, kam Huck

den Hügel hinaufgeschlichen und klopfte leise an des Wallisers Tür.

Die Inwohner schliefen, aber es war infolge der aufregenden Ereignisse der

Nacht ein sehr leichter Schlaf. Eine Stimme fragte durchs Fenster: ,,Wer

da?"

Hucks schüchterne Stimme antwortete in leisem Ton: ,,Bitte, laß mich 'rein

-- 's ist nur Huck Finn."

,,'s ist ein Name, dem sich die Tür bei Tag und Nacht öffnen kann, Bursche

-- und willkommen!"

Dies waren ungewohnte Worte für die Ohren des kleinen Herumstreichers und

die angenehmsten, die er je gehört hatte. Er konnte sich nicht erinnern,

die Schlußworte jemals vorher gehört zu haben.

Die Tür wurde sofort geöffnet und er schlüpfte hinein. Huck bekam einen

Stuhl, und der Alte und seine Enakssöhne kleideten sich rasch an.

,,Nun, mein Junge, hoff', 's geht dir gut und du hast Hunger, denn 's

Frühstück wird mit der Sonne fertig sein und 's wird zudem tüchtig heiß

sein -- brauchst keine Sorgen zu haben. Ich und die Jungen hofften, würd'st

letzte Nacht nochmal wieder hierher kommen."

,,Hatt' zu große Angst," sagte Huck, ,,und machte, daß ich fortkam. Lief

davon, als die Schüsse losgingen, und hielt erst nach drei Meilen an. Jetzt

bin ich gekommen, weil ich wissen möchte von -- Ihr wißt schon! und komm'

vor Tageslicht, weil ich den Teufeln nicht begegnen möcht, selbst wenn sie

tot wären."

,,Glaub's, armer Kerl, siehst aus, als hättst du 'ne böse Nacht hinter dir

-- na, hier ist 'n Bett für dich, wenn du gefrühstückt hast. Nun -- tot

sind sie nicht, leider -- tut uns wahrhaftig leid genug. Du weißt, wir

wußten nach deiner Beschreibung wohl, wo wir sie am Kragen kriegen würden,

so schlichen wir auf den Zehen bis fünfzehn Schritt von ihnen entfernt --

's war dunkel wie in 'nem Loch -- und gerade da fühlt' ich, daß ich niesen

müsse. 's war wohl grad' der rechte Augenblick! Ich versucht', es

zurückzuhalten, aber keine Möglichkeit, 's wollte kommen und 's kam! Ich

war voran, die Pistole schußfertig, und wie nun mein Niesen die Schufte

aufschreckte, hört ich 'n Rascheln vor mir, so rief ich: ,,Feuer, Jungens!"

und gab 'nen Schuß, wo die Kerle waren. Ebenso meine Jungen. Aber wie 'n

Wind waren sie fort, diese Halunken; wir hinterher, runter durch den Wald.

Denk, wir haben sie nicht getroffen. Im Laufen gaben sie noch jeder 'nen

Schuß ab, aber die Kugeln fuhren vorbei und taten uns nichts. Sobald wir

sie nicht mehr hörten, gingen wir heim und weckten die Konstabler. Sie

wollten 'ne Treibjagd machen und gingen runter, die Flußufer abzusuchen,

und wenn's hell ist, woll'n sie und der Sheriff die Wälder vornehmen. Meine

Jungen werden auch dabei sein. Wollt' nur, wir hätten so was wie 'ne

Beschreibung von diesen Galgenvögeln -- 's würd 'n gut Teil helfen. Du

konntest wohl im Dunkeln nicht sehen, was es für Kerle waren, denk' ich?"

,,Doch -- sah sie schon im Dorf und folgte ihnen."

,,Famos! -- Beschreib' sie -- beschreib' sie, mein Junge!"

,,Der eine ist der taubstumme Spanier, der hier 'n paarmal 'rumgeschlichen

ist, der andere ein verdächtig aussehender, zerlumpter --"

,,'s ist genug, Junge, kenne die Kerle schon! Traf sie mal in den Wäldern

hinter dem Garten der Witwe, und sie machten sich auch gleich davon. Fort

mit euch, Burschen, sagt's dem Sheriff -- könnt euer Frühstück morgen

essen!"

Sofort verschwanden die Söhne des Alten. Als sie das Zimmer verlassen

hatten, sprang Huck auf und rief: ,,O, bitte, sagt's niemand, daß ich's

war, der sie aufgespürt hat -- bitte!"

,,Ist schon gut, Huck, wenn du's wünschst, aber du sollst doch den Lohn für

das haben, was du da getan hast!"

,,Ach, nein, nein! _Bitte_, sagt's nicht!"

,,Sie werden's nicht sagen," beruhigte der Alte, ,,und _ich_ auch nicht.

Aber _warum_ soll's keiner wissen?"

Huck wollte nichts weiter sagen, als daß er schon zu viel über einen der

Strolche wisse und nicht wünschte, daß der von seiner Mitwisserschaft Wind

bekomme, nicht um die Welt, denn 's wär sicher, daß er dafür getötet werden

würde.

Der alte Mann versprach nochmals Schweigen und sagte: ,,Aber, Bursche, wie

kamst du denn drauf, diesen Gaunern zu folgen? Kamen sie dir verdächtig

vor?"

Huck schwieg einen Moment, während er über einer möglichst unverfänglichen

Antwort brütete. Dann sagte er: ,,Na, seht Ihr, ich bin halt mal 'n

ungehobelter Bursche -- jeder sagt's, und ich weiß nicht, was dagegen

einzuwenden wäre -- und manchmal kann ich nicht schlafen vor dem Gedanken

daran, und nehm' mir vor, zu versuchen, mich zu ändern. 's war wieder so

letzte Nacht. Ich konnt' nicht schlafen und so kam ich um Mitternacht etwa,

drüber nachdenkend, auf die Straße, und wie ich an die alte Mauer beim

Temperenzler-Wirtshaus komme, lehn' ich mich so, ohne mir was zu denken,

dran. Na, gerade in dem Augenblick kamen die beiden Strolche angeschlichen,

dicht an mir vorbei, was unterm Arm tragend; es ist gewiß gestohlen, denk

ich. Der eine rauchte, der andere wollt' auch Feuer haben; blieben also

gerade vor mir stehn, und beim Anzünden der Zigarren wurden ihre Gesichter

erleuchtet, und ich sah, daß der größere der taubstumme Spanier war -- an

den weißen Haaren und dem Pflaster aus dem Auge, -- und der andere war ein

roher, zerlumpter Teufel."

,,Konntst auch die Lumpen beim Leuchten der Zigarren sehen?"

Dies verwirrte Huck für 'nen Augenblick. Dann sagte er: ,,Ja, ich weiß

nicht -- aber 's _schien_ mir wenigsten so."

,,Dann gingen sie weiter, und du --?"

,,Folgte ihnen -- ja, 's war so. Wollt' doch sehen, was sie vorhätten --

sie schlichen so verdächtig davon. Ich folgte ihnen bis zum Garten der

Witwe und stand dort im Dunkeln und hörte den Zerlumpten für die Witwe

bitten, und der Spanier schwor, er wollt' der Witwe die Nasenlöcher

aufschneiden; gerade so wie ich's Euch sagte und Euren --"

,,Was, all das sagte der taubstumme Mann!"

Huck hatte wieder einen schrecklichen Mißgriff begangen. Er hatte sich die

größtmöglichste Mühe gegeben, den Alten nicht erraten zu lassen, wer der

Spanier sei, und doch schien ihn seine Zunge trotz aller Vorsicht in

Ungelegenheiten bringen zu wollen. Er machte krampfhafte Anstrengungen, aus

seiner Verwirrung herauszukommen, aber das Auge des alten Mannes haftete

auf ihm, schärfer und immer schärfer. Plötzlich sagte der Walliser: ,,Mein

guter Junge, brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, möcht' um alles in

der Welt nicht ein Haar auf deinem Haupte krümmen. Nein -- ich würd' dich

beschützen -- verlaß dich drauf. Dieser Spanier ist nicht taubstumm. Da

hast du dir was entschlüpfen lassen. Du weißt was über diesen Kerl, das du

nicht verraten möchtest. Na, vertrau' dich mir an -- sag' mir, was es ist,

vertrau' mir -- werd' dich nicht verraten!"

Huck blickte in des alten Mannes ehrliche Augen, dann beugte er sich

hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: ,,'s ist kein Spanier -- 's ist der

Indianer-Joe!"

Der Walliser fuhr fast von seinem Stuhl auf. Nach kurzer Pause sagte er

dann:

,,'s ist jetzt klar genug. Als du von Nasenaufschlitzen und Ohrenstutzen

sprachst, dacht' ich, 's wär deine eigene Erfindung, denn kein Weißer übt

so 'ne Rache. Aber ein Indianer! Das ist freilich 'n großer Unterschied."

Während des Frühstücks ging die Unterhaltung weiter, in deren Verlauf der

Alte erwähnte, das letzte, was sie getan hatten, bevor sie zu Bett gegangen

seien, sei gewesen, mit einer Laterne die Kampfstelle nach Blutspuren zu

untersuchen. Die hätten sie nicht gefunden, wohl aber ein dickes Bündel mit

--

,,Mit was?"

Wären die Worte Blitze gewesen, sie hätten nicht schneller aus Hucks

bleichen Lippen kommen können. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein

Atem stockte -- indem er auf Antwort wartete. Der Walliser stutzte --

zögerte mit der Antwort -- drei Sekunden -- fünf Sekunden -- zehn -- dann

endlich entgegnete er: ,,Mit Einbrecherwerkzeug. -- Nanu, was ist's mit

dir?"

Huck sank nieder, sein Herz klopfte stürmisch, aber er war dankerfüllt,

unsagbar dankerfüllt. Der Walliser sah ihn wieder scharf an, erstaunt, und

sagte:

,,Ja -- Einbrecherwerkzeug. Schien dich mächtig zu freun. Aber was geht das

_dich_ an? Was dachtest du denn, was wir gefunden hätten?"

Huck saß schon wieder in der Klemme. Forschende Augen richteten sich

wiederum auf ihn -- alles hätte er für eine glaubliche Antwort gegeben.

Nichts fiel ihm ein; die forschenden Augen drangen tiefer und tiefer --

eine unsinnige Antwort drängte sich ihm auf -- Zeit zur Überlegung gab's

nicht, so stieß er auf gut Glück mit schwacher Stimme heraus:

,,Sonntagsschulbücher, vielleicht --"

Der arme Huck war zu verwirrt, um lächeln zu können, aber der alte Mann

lachte laut und vergnügt, wurde von Kopf bis zu Fuß vom Lachen geschüttelt

und sagte schließlich, so ein Lachen wäre gerade so gut wie bar Geld in der

Tasche, denn es mache jede Doktorrechnung überflüssig. Dann fügte er hinzu:

,,Kleiner Dummkopf, bist ja ganz blaß und zitterst; bist nicht wohl. 's ist

kein Wunder, daß du ein wenig aus der Balanze bist. Aber sollst schon

wieder 'reinkommen. Ruhe und Schlaf wird dich wohl zurechtbringen -- hoff'

ich."

Huck ärgerte sich, daß er ein solcher Esel gewesen und solche Aufregung

gezeigt hatte, hatte er doch seit dem Gespräch am Gartenzaun der Witwe

ohnehin schon den Verdacht gehabt, daß jenes Bündel, das er vom Wirtshaus

hatte forttragen sehen, gar nicht sein Schatz gewesen sei. Indessen hatte

er das doch nur _vermutet, gewußt_ hatte er es nicht; und so war die

Erwähnung von der Auffindung des Bündels zuviel gewesen für seine

Selbstbeherrschung. Da er nun aber volle Gewißheit hatte, beruhigte er sich

bald und wurde ganz vergnügt. Der Schatz mußte noch in Nummer zwei sein,

die Kerle würden wohl noch am gleichen Tage erwischt werden, so konnten er

und Tom ohne alle Angst oder Furcht vor Überraschung nachts das Geld

abholen.

Gerade war das Frühstück beendet, da klopfte es an die Tür. Huck sprang

schnell in ein Versteck, denn er hatte gar keine Lust, mit den letzten

Ereignissen in Verbindung gebracht zu werden. Der Walliser ließ einige

Damen und Herren ein, unter ihnen die Witwe Douglas, und sah dabei noch

verschiedene Gruppen von Bürgern den Hügel heraufklettern, um sich den

Schauplatz anzusehen. So war also die Sache schon allgemein bekannt. Er

mußte den Besuchern die Geschichte der Nacht erzählen, worauf sich die

Witwe Douglas bei ihm bedankte.

,,Kein Wort davon, Madam. 's ist noch 'n anderer da, dem Sie mehr zu danken

haben als mir und meinen Jungen, denk' ich; aber er hat's mir nicht

erlaubt, seinen Namen zu sagen. Ohne ihn wären wir überhaupt gar nicht dazu

gekommen."

Dies rief solche Neugier hervor, daß schließlich die Hauptsache darüber

vergessen wurde; aber der Walliser ließ seine Besucher sich ruhig die Köpfe

zerbrechen und behielt sein Geheimnis für sich, auch als das ganze Dorf von

der Sache erfuhr. Nachdem alle Einzelheiten erörtert waren, sagte die

Witwe: ,,Ich las noch vorm Einschlafen im Bett, dann schlief ich so fest,

daß ich von all dem Lärm nichts hörte. Warum haben Sie mich nicht geweckt?"

,,Hielten's nicht für nötig. Die Schufte würden doch nicht wiederkommen,

würden sich wohl gehütet haben; wozu also Sie wecken und zu Tode

erschrecken? Übrigens haben meine drei Nigger die ganze Nacht vor Ihrem

Haus Wache gehalten. Da kommen sie gerade zurück."

Noch mehr Besucher kamen, und die Geschichte mußte während mehrerer Stunden

wieder und immer wieder erzählt werden.

Während der Schulferien fiel auch die Sonntagsschule aus, trotzdem war heut

alles frühzeitig in der Kirche. Das aufregende Ereignis wurde lebhaft

erörtert. Es wurde erzählt, daß noch keine Spur von den Landstreichern

gefunden worden sei. Als die Predigt zu Ende war, ging die Frau des

Richters Thatcher auf Frau Harper zu, die mit der großen Menge den Gang

hinunterschritt, und sagte: ,,Will meine Becky denn den ganzen Tag

schlafen? Habs mir aber wohl gedacht, daß sie todmüde sein würde."

,,Ihre Becky?"

,,Freilich." (Mit erschrockenem Blick): ,,Blieb sie denn abends nicht bei

Ihnen?"

,,Bewahre."

Mrs. Thatcher wurde leichenblaß und sank auf eine Bank in dem Augenblick,

als Tante Polly, mit einer Bekannten sich unterhaltend, vorbeikam. ,,Guten

Morgen, Mrs. Thatcher," sagte sie, ,,guten Morgen, Mrs. Harper. Hab' wieder

mal 'nen verlorenen Jungen. Denk' wohl, Tom ist die Nacht im Haus von einer

von Ihnen geblieben. Nun hat er Angst, in die Kirche zu kommen. Werd'

wieder mal Abrechnung halten müssen mit ihm."

Frau Thatcher schüttelte schwach den Kopf und wurde noch blasser.

,,Bei uns ist er nicht gewesen," sagte unsicher Frau Harper.

In Tante Pollys Gesicht zeigte sich merkliche Unruhe. ,,Joe Harper, hast du

meinen Tom diesen Morgen schon gesehen?"

,,Nein, Ma'm."

,,_Wann_ hast du ihn zuletzt gesehen?"

Joe versuchte sich zu erinnern, konnt's aber nicht bestimmt sagen. Die

Leute blieben allmählich, neugierig geworden, stehen. Geflüster entstand,

lebhafte Erregung verbreitete sich unter ihnen, Kinder wurden ängstlich

ausgehorcht, auch die jungen Wächter. Alle sagten sie, sie hätten nicht

acht gegeben, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt an Bord gewesen seien; es

war dunkel gewesen und niemand hatte daran gedacht, sich zu vergewissern,

ob auch jemand fehle. Schließlich platzte ein junger Mann damit heraus, sie

möchten noch in der Höhle stecken! Frau Thatcher fiel in Ohnmacht, Tante

Polly begann zu weinen und die Hände zu ringen.

Die schrecklichen Worte gingen von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von

Straße zu Straße, und in nicht ganz fünf Minuten hallten die Glocken wild,

und die ganze Ortschaft war in Aufregung. Die Geschichte von Cardiff Hill

wurde zur gleichgültigen Episode, die Einbrecher waren vergessen, Pferde

wurden gesattelt, Boote bemannt, das Dampfboot instandgesetzt, und ehe der

allgemeine Schreck eine halbe Stunde alt geworden, waren zweihundert Mann

unterwegs, über den Fluß und auf dem Wege zur Höhle.

Den ganzen langen Nachmittag schien das Dorf tot und verlassen. Eine Menge

Frauen besuchten Tante Polly und Frau Thatcher, und versuchten, sie zu

trösten. Oder sie weinten mit ihnen -- und das war noch besser als alle

Worte.

Während der ganzen schrecklichen Nacht warteten die Frauen auf Nachricht;

aber als schließlich der Morgen graute, bekam man nichts zu hören als:

,,Schickt mehr Kerzen und Lebensmittel" Frau Thatcher war völlig

verzweifelt, Tante Polly nicht weniger. Richter Thatcher schickte

hoffnungsvolle Botschaften aus der Höhle, aber sie brachten keine rechte

Erleichterung.

Gegen Morgen kam der alte Walliser, mit Lehm und Wachs beschmiert, nach

Hause, zu Tode erschöpft. Er fand Huck noch im Bett, das für ihn

hergerichtet worden war, und im Fieber irreredend. Die Ärzte waren alle in

der Höhle, so kam die Witwe Douglas, um sich nach dem Patienten umzusehen.

Sie sagte, sie wolle ihr Bestes für ihn tun, denn, ob er nun gut, schlecht

oder keins von beiden sei, er sei Gottes Geschöpf, und nichts, was von Gott

sei, dürfe man mißachten. Der Walliser meinte, Huck habe wohl gute Seiten,

worauf die Witwe entgegnete: ,,Sie können sich darauf verlassen. Er trägt

des Herren Mal an sich. _Er_ wird ihn nie verlassen. Er tut's nie. Er

vergißt keine Kreatur, die von ihm stammt."

Früh am Vormittag kamen einzelne Trupps von Männern ins Dorf zurück, die

meisten aber suchten noch immer weiter. Alles, was zu berichten war, war,

daß man so weit wie noch nie jemand in die Höhle vorgedrungen sei; daß

jeder Winkel, jede Spalte aufs sorgfältigste abgesucht worden sei. Wo man

auch gehe in den Irrgängen, überall könne man Lichter nah und fern hin und

her huschen sehen; Rufe und Pistolenschüsse hätten ihren Schall bis in die

tiefsten Gänge hinuntergesandt. An einer Stelle, fern von dem gewöhnlich

besuchten Teil, hatte man die Namen ,,Becky" und ,,Tom" mit Ruß an einem

Felsen geschrieben gefunden, und nahe dabei ein beschmutztes Band. Frau

Thatcher erkannte das Band und brach in Tränen aus. Sie klagte, es sei das

letzte Andenken, das sie von ihrem Kinde haben solle, und daß keine andere

Erinnerung jemals so kostbar sein könne; denn dieses Band war das letzte,

was sie von dem kleinen Körper bekam, bevor ihn der schreckliche Tod

zerstörte. Einige behaupteten, man könne in der Höhle zuweilen fernen

Lichtschein sehen, und dann machte sich jedesmal ein ganzer Trupp unter

lauten Freudenrufen dorthin auf -- und dann folgte jedesmal die traurigste

Enttäuschung. Es ging nicht von den Kindern aus, es war nur das Licht eines

Suchenden.

Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre unendlichen Stunden

dahin, und das Dorf versank in stumme Hoffnungslosigkeit. Für nichts

anderes hatten die Leute Sinn. Die eben gemachte überraschende Entdeckung,

daß der Besitzer des Temperenzler-Wirtshauses Spirituosen im Besitz habe,

erregte kaum schwaches Aufsehen, so unerhört sie auch war.

In einem lichten Moment begann Huck mit schwacher Stimme von Wirtshäusern

im allgemeinen zu sprechen und fragte schließlich, von vornherein das

Schlimmste fürchtend, ob, seit er krank sei, etwas in dem

Temperenzler-Wirtshaus entdeckt worden sei.

Die Witwe bejahte. Huck fuhr im Bett in die Höhe, die Augen rollend: ,,Was

-- was ist's?"

,,Spirituosen! Und 's ist daraufhin zugesperrt worden. Lieg' still, Kind --

wie hast du mich erschreckt!"

,,Nur noch das sagen Sie mir -- nur _das_ noch -- bitte: -- War's Tom

Sawyer, der's entdeckt hat?"

Die Witwe brach in Tränen aus: ,,Still, still, Kind! habs dir doch gesagt,

du _sollst_ nicht sprechen. Du bist sehr, sehr krank!"

Also war nichts als Schnaps gefunden; wär's das Geld gewesen, hätt's doch

sicher mächtiges Aufsehen erregt. So war also der Schatz für immer verloren

-- für immer! -- Aber warum weinte sie denn? Sonderbar, daß die Frau da

weinte.

Solche trüben Gedanken gingen Huck durch den Kopf, und infolge der dadurch

erzeugten Erschöpfung schlief er ein. Die Witwe dachte bei sich: ,,So da --

jetzt schläft er wieder -- armer Kerl! Tom Sawyer es finden! Erbarm' dich

-- wenn doch jemand den Tom Sawyer finden wollte! Viele gibt's sicher

nicht, die noch Hoffnung oder auch nur Kraft genug haben, auf die Suche zu

gehen!"

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Kehren wir jetzt wieder zu Toms und Beckys Anteil am Picknick zurück. Mit

der übrigen Gesellschaft trieben sie sich durch die finsteren Gänge, die

bekannten Wunder der Höhle betrachtend -- mit hochtrabenden Bezeichnungen

wie ,,Gesellschaftszimmer", ,,Kathedrale", ,,Aladins Palast" usw.

ausgestattete Wunder. Als dann das lustige Fangen und Verstecken begann,

beteiligten sich Tom und Becky eifrig daran, bis auch das allmählich

langweilig wurde. Darauf spazierten sie eine gewundene Felsgasse hinunter,

indem sie mit hochgehaltenen Kerzen die halb von Spinnweben verdeckten

Namen, Daten, Postorte und Mottos lasen, mit denen die Wände verziert

waren.

Als sie so allein und plaudernd weitertrieben, merkten sie schließlich, daß

sie sich bereits in einem Teil der Höhle befanden, der keine solchen

Inschriften aufwies. Sie kritzelten ihre eigenen Namen mit Kerzenrauch

unter einen Felsvorsprung und gingen weiter. Plötzlich kamen sie an eine

Stelle, wo eine Quelle, über Geröll herunterrieselnd und Kalkstückchen mit

sich treibend, durch endlose Jahrhunderte einen kleinen Niagara über in

ewige Finsternis gehüllte unveränderbare Felsen bildete. Tom zwängte seinen

kleinen Körper darunter, um den Wasserfall zu illuminieren. Er fand, daß er

eine Art natürliche steinerne Treppe in die Tiefe verbarg, welche zwischen

schmalen Wänden eingeklemmt war. Die Begierde, den Entdecker zu spielen,

ergriff ihn sofort. Becky stimmte ihm bei, und sie machten zur Sicherheit

wieder ein Rauchzeichen und machten sich auf die Suche. Sie verfolgten

diesen Weg, brachten tief in den tiefsten Abgründen der Höhle noch mehrere

solche Zeichen an und trieben sich dann kreuz und quer herum, um Dinge zu

entdecken, mit denen sie die Oberwelt verblüffen könnten. Irgendwo fanden

sie eine große Höhle, von deren Wölbung eine große Menge schimmernder

Tropfsteine, von der Länge und dem Umfange eines Mannes herunterhingen.

Staunend und sich verwundernd gingen sie hindurch und plötzlich mündete die

Höhle in einen engen Gang, und dieser brachte sie zu einem bezaubernd

schönen Springbrunnen, dessen Becken mit einer Eisschicht glänzenden

Kristalls bedeckt war. Er befand sich in der Mitte eines hallenartigen

Raumes, dessen Wände getragen wurden von einer Reihe phantastisch

geformter, aus Tropfstein gebildeter Säulen, das Resultat durch

Jahrtausende ruhelos fallender Wassertropfen. Unter der Wölbung hatten sich

riesige Ballen von Fledermäusen gebildet, viele tausend aneinander hängend;

die Lichter schreckten die Tiere auf, und sie kamen hundertweise herunter,

quiekend und wahnsinnig auf die Flammen der Kerzen losstürzend. Tom kannte

ihre Art und die Gefahr, die hier entstand. Er griff Becky bei der Hand und

zog sie in den ersten sich auftuenden Gang; und nicht zu früh, denn eine

Fledermaus löschte mit ihrem Flügel Beckys Licht aus, während sie aus der

Höhle rannten. Die Tiere verfolgten die Kinder noch eine gute Strecke, aber

die Flüchtlinge stürzten sich in jeden neuen Gang und entgingen so

schließlich der gefährlichen Situation. Tom entdeckte einen unterirdischen

See, dessen düsteres Wasser weit entfernt sich im Schatten des Unbekannten

verlor. Tom wollte seine Ufer umwandern, meinte aber, es möchte besser

sein, sich vorher zu setzen und eine Weile zu ruhen. Jetzt, zum erstenmal

legte sich die tiefe Stille der Umgebung gleich einer feuchten Hand auf die

Gemüter der Kinder.

Becky sagte: ,,Weißt du, drauf geachtet hab' ich ja nicht, aber es scheint

mir so lange her, seit ich die andern gehört hab'."

,,Na, Becky, denk' doch nur, wir sind doch tief unter ihnen, und ich weiß

nicht, _wie_ weit nördlich oder südlich oder westlich oder was sonst.

Können sie hier unmöglich hören."

Becky wurde ängstlich. ,,Möcht' doch wissen, wie lang' wir schon hier unten

sind, Tom. Laß uns lieber umkehren."

,,Ja, denk auch, 's ist besser. _Vielleicht_ ist's besser."

,,Kannst du den Weg finden, Tom? Für mich ist's ein reiner Irrgarten."

,,Denk wohl, ich könnt 'n finden. Aber dann die Fledermäuse, wenn die uns

die Kerzen ausmachen, ist's 'ne schreckliche Sache. Laß uns 'nen anderen

Weg versuchen, wo wir nicht durch müssen."

,,Ja, aber ich hoff', wir werden uns nicht verlaufen. 's wär doch zu

gräßlich."

Und das Kind schüttelte sich schaudernd beim bloßen Gedanken an die

furchtbare Möglichkeit.

Sie verfolgten einen Gang lange Zeit schweigend, nach jeder neuen Öffnung

schauend, ob sich dort nicht eins ihrer Merkmale sehen lasse; aber nichts

war zu sehen. So oft Tom seine Untersuchung anstellte, durchforschte Becky

sein Gesicht nach einem ermutigenden Zeichen, und er sagte zuversichtlich:

,,O, 's ist schon recht! Der da ist's noch nicht, aber wir werden schon zum

rechten kommen!" Aber bei jedem mißlungenen Nachforschen fühlte er weniger

und weniger Zuversicht, und schließlich begann er auf gut Glück in jeden

sich öffnenden Gang einzulenken, in der verzweifelten Hoffnung, zu finden,

was so bitter not tat. Er sagte immer noch: ,,'s wäre recht," aber auf

seinem Herzen lastete solch lähmende Angst, daß die Worte ihren Klang

verloren hatten und klangen, als habe er gesagt: ,,Alles ist verloren."

Becky, halbtot vor Furcht, schmiegte sich an ihn und versuchte, krampfhaft

die Tränen zurückzuhalten, aber sie kamen doch. Schließlich sagte sie: ,,O,

Tom, was tun die Fledermäuse. Laß uns denselben Weg zurückgehen! Wir kommen

ja weiter und immer weiter ab."

Tom blieb stehen ,,Horch," sagte er.

Tiefe Stille; so tiefe Stille, daß sogar ihr Atem hörbar wurde. Tom schrie.

Der Schall dröhnte durch die hohlen Gänge und erzeugte hundertfaches Echo,

um in der Ferne in einem schwachen Ton zu ersterben, der wie höhnisches

Lachen klang.

,,O, tu's nicht wieder, Tom! 's ist zu gräßlich," flehte Becky.

,,'s ist gräßlich, aber 's muß sein, Becky. Sie _könnten_ uns doch hören,

weißt du."

Und er schrie abermals. Dieses ,,könnte" war ebenso schrecklich wie das

höhnische Lachen, es sprach so völlige Hoffnungslosigkeit daraus. Die

Kinder verharrten in Schweigen und lauschten. Aber nichts war zu hören.

Plötzlich wandte Tom sich auf demselben Weg zurück und beeilte seine

Schritte. Es dauerte gar nicht lange, da enthüllte eine gewisse

Unsicherheit in seinen Bewegungen Becky eine neue schreckliche Tatsache: er

konnte den Weg nicht wiederfinden!

,,Ach, Tom, du hast keine Zeichen mehr gemacht!"

,,Becky, was war ich für 'n Esel! Was für 'n Esel! Dachte gar nicht dran,

daß wir wieder zurück müßten. Und jetzt kann ich den Weg nicht mehr finden;

's geht ja so durch'nander!"

,,Tom, Tom, wir sind verloren! wir sind verloren! Nie, nie wieder kommen

wir aus dieser gräßlichen Höhle heraus! Ach, warum sind wir nicht bei den

anderen geblieben!"

Sie sank nieder und brach in so herzzerreißendes Weinen aus, daß Tom von

dem Gedanken gepackt wurde, sie möchte sterben oder den Verstand verlieren.

Er setzte sich zu ihr und legte seinen Arm um sie, sie verbarg ihr Gesicht

an seiner Brust, sie weinte sich aus, klagte sich an, zerfloß in nutzloser

Reue; und das ferne Echo gab alles als höhnisches Gelächter zurück. Tom bat

sie, wieder Mut zu fassen, und sie sagte, sie könne es nicht. Er begann,

sich selbst bitter anzuklagen, da er sie in diese fürchterliche Lage

gebracht habe. Dies wirkte. Sie sagte, sie wolle wieder Hoffnung zu fassen

versuchen, sie wolle sich aufraffen und ihm folgen, wohin er sie auch

führen würde, wenn er nur so etwas nicht wieder reden wolle; denn er sei

nicht schlimmer als sie selbst.

So setzten sie sich also wieder in Bewegung -- ziellos, lediglich dem

Zufall sich überlassend. Alles, was sie tun konnten, war ja, vorwärts zu

gehen. Während kurzer Zeit belebte sie schwache Hoffnung, nicht auf Grund

irgendwelcher Überlegung, sondern lediglich, weil es in der Natur liegt,

zuversichtlich zu sein, so lange Alter und die Gewohnheit des Mißlingens

ihr noch nicht die Schwingen gebrochen haben. Plötzlich nahm Tom Beckys

Kerze und blies sie aus. Diese Sparsamkeit sprach schrecklich deutlich.

Worte waren nicht nötig. Becky verstand, und ihre Hoffnung starb wieder.

Sie wußte, Tom hatte eine ganze Kerze und drei oder vier Stückchen in der

Tasche -- und doch mußte er sparen!

Dann begann sich Müdigkeit geltend zu machen. Die Kinder versuchten, ihr

nicht nachzugeben, denn der Gedanke, sich zu setzen und dadurch eine Menge

kostbarer Zeit zu verlieren, stachelte sie wieder auf; sich bald in dieser,

bald in jener Richtung fortzubewegen, war doch immerhin Fortschritt und

konnte irgend welchen Erfolg haben; aber sich setzen, hieß den Tod

herbeirufen und beschleunigen.

Schließlich versagten Beckys zarte Glieder den Dienst, sie setzte sich. Tom

blieb bei ihr, und sie sprachen von zu Hause, ihren Freunden, ihren

bequemen Betten, und vor allem -- dem Tageslicht! Becky weinte, und Tom

zermarterte sich das Hirn, um etwas zu ihrer Aufheiterung zu finden, aber

all seine ermunternden Worte waren längst verbrauchte Argumente und klangen

wie Hohn. Schließlich drückte die Erschöpfung so schwer auf Becky, daß sie

in Schlaf verfiel. Tom war glücklich. Er saß da, starrte in ihr bekümmertes

Gesichtchen und sah es sich immer mehr aufhellen unter dem Einfluß

angenehmer Träume; schließlich breitete sich ein Lächeln darüber aus. Auch

auf ihn schien aus diesen friedvollen Gesichtszügen etwas wie Frieden und

Vergessenheit überzugehen, seine Gedanken verloren sich in vergangenen

Tagen und zauberten schöne Erinnerungen hervor. Während er tief darin

versunken war, wachte Becky mit einem reizenden, kleinen Lachen auf -- aber

es erstarb ihr auf den Lippen, und ein Stöhnen folgte ihm.

,,O, wie _konnte_ ich schlafen! Ich wollt', ich wär' nie, nie wieder

aufgewacht! Nein, nein, Tom, 's ist ja nicht wahr, Tom! Schau nicht so! Ich

will's ja nicht wiedersagen!"

,,Becky, ich war so froh, daß du schliefst; jetzt bist du wieder stark, und

wir werden den Weg heraus schon finden!"

,,Wollen's versuchen, Tom! Aber ich hab' im Traum so 'n schönes Land

gesehen. Ich glaub' dahin gehen wir beide jetzt."

,,Nein, nein! Sei lieb, Becky, und laß uns gehen und 's versuchen."

Sie standen auf und gingen weiter, Hand in Hand und hoffnungslos. Sie

versuchten, sich vorzustellen, wie lange sie schon in der Höhle seien, aber

alles, was sie wußten, war, daß es Tage und Wochen schienen, und doch war's

nicht möglich, da ihre Kerzen ja immer noch brannten.

Eine lange Zeit war vergangen -- sie hätten nicht sagen können, eine wie

lange -- als Tom vorschlug, leise zu gehen und zu horchen, ob sie nicht

irgendwo Wasser tropfen hörten, sie müßten eine Quelle finden. Bald fanden

sie wirklich eine, und Tom meinte, es sei wieder an der Zeit, auszuruhen.

Beide waren schrecklich müde, doch Becky erklärte, noch weiter gehen zu

können. Sie wunderte sich, daß Tom widersprach. Sie verstand das nicht. Sie

setzten sich und Tom befestigte seine Kerze an der Wand vor ihnen. Wieder

wurde ihnen schwer zumute. Lange herrschte tiefes Schweigen. Da wimmerte

Becky: ,,Tom, ich bin so hungrig!"

Tom zog etwas aus der Tasche. ,,Kennst du das?" fragte er.

Die Abenteuer Tom Sawyers · 第 22 / 25 题