,,Ja -- wollt', 's wär' so groß wie 'n Balken, denn 's ist alles, was wir
haben."
,,Ich hab's vom Picknick aufbewahrt, Tom, um davon zu träumen, wie 's die
erwachsenen Leute mit dem Hochzeitskuchen _machen_ -- aber nun wird's unser
--"
Sie ließ den Satz unvollendet. Tom teilte den Kuchen und Becky aß mit
Appetit, während er nur daran herumknapperte. Es gab eine Menge kaltes
Wasser -- zum Beschluß der Mahlzeit. Bald schlug Becky vor, weiter zu
gehen. Tom schwieg einen Augenblick, dann sagte er:
,,Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir was sage --?"
Becky wurde totenblaß, aber sie sagte, sie dächte.
,,Na also, Becky, wir müssen hier bleiben, wo's Trinkwasser gibt. Dies
kleine Stückchen da ist unser letztes Licht!"
Nun brach Becky doch in Tränen aus und wimmerte leise. Tom tat, was er
konnte, sie zu beruhigen, aber mit schwachem Erfolg. Schließlich hauchte
Becky: ,,Tom!"
,,Na, Becky?"
,,Sie müssen uns doch vermissen und nach uns suchen!"
,,Gewiß, müssen sie! Selbstverständlich müssen sie!"
,,Suchen sie uns wohl jetzt schon, Tom?"
,,Na, ich denk' doch, sie tun's! -- Hoff' wenigstens, sie tun's."
,,Wann mögen Sie uns vermißt haben, Tom?"
,,Denk' doch -- wie sie zum Dampfboot zurückgingen."
,,Tom, 's mußte doch dunkel sein -- konnten sie's merken, daß wir nicht
kamen?"
,,Glaub' kaum. Aber dann mußte deine Mutter es merken, wie die andern nach
Haus kamen."
Ein erschreckter Blick aus Beckys Augen brachte Tom zur Besinnung, und ihm
fiel ein, daß er sich da einem traurigen Irrtum hingegeben hatte. Becky
sollte zur Nacht ja gar nicht heimkommen! Die Kinder wurden still und
nachdenklich. Dann belehrte ein neuer Anfall von Verzweiflung bei Becky
Tom, daß sie denselben Gedanken hatte wie er -- daß der Sonntagmorgen zur
Hälfte vergehen konnte, bevor Frau Thatcher erfuhr, daß Becky nicht bei
Harpers gewesen sei. Die Kinder hefteten die Augen auf das Kerzenrestchen
und beobachteten, wie es erbarmungslos kleiner und immer kleiner wurde;
sahen, wie schließlich nur noch ein halber Zoll Docht übrig war; sahen die
Flamme flackern, auf und nieder, eine kleine Rauchsäule von dem Docht
aufsteigen, und dann -- dann herrschte der Schrecken vollkommener
Finsternis.
Wie lange danach Becky allmählich zu dem Bewußtsein gelangte, daß sie
weinend in Toms Armen lag, wußten beide nicht. Alles, was sie wußten, war,
daß nach anscheinend _sehr_ langer Zeit beide aus totenähnlichem Schlaf
erwachten und sich ihres Elends wieder bewußt wurden. Tom meinte, es könne
Sonntag sein, vielleicht auch Montag. Er versuchte, Becky zum Sprechen zu
bringen, aber ihr Kummer war zu niederdrückend, sie hatte alle Hoffnung
verloren. Tom tröstete sie mit der Bemerkung, sie müßten schon lange
vermißt sein, und es sei kein Zweifel, daß die Suche schon begonnen habe.
Er wollte schreien, vielleicht würde doch jemand kommen. Er versuchte es --
aber in der Dunkelheit tönte das ferne Echo so gräßlich, daß er's nicht zum
zweitenmal tun mochte.
Die Stunden flossen dahin, wieder stellte sich quälender Hunger ein. Ein
Stück von Toms Kuchenhälfte war noch da; sie teilten und aßen sie. Aber sie
schienen nur hungriger zu werden. Die armseligen Krümel erweckten nur das
Verlangen nach mehr.