,,Teufel! Beinhäuser lieb' ich gar nicht, Tom! Da sind Gespenster, und die
sind noch schlimmer als Tote. Tote können vielleicht mal 'n bißchen
schwatzen, aber sie fahren nicht herum und kommen nicht 'rangeschlichen,
wenn man nicht dran denkt und gucken einem nicht plötzlich über die
Schulter und knirschen nicht mit den Zähnen, wie Gespenster tun. Ich
könnt's nicht ertragen, Tom -- niemand könnt's."
,,Ja; aber, Huck, Geister dürfen nur nachts herumhuschen -- bei Tage können
sie uns nicht hindern, da zu graben."
,,Ja, das ist wohl so. -- Aber du weißt wohl, daß überhaupt niemand gern in
die Nähe vom Beinhaus geht -- weder bei Tag noch bei Nacht."
,,Na, 's ist aber doch nur, weil sie nicht hingehen mögen, wo mal einer
gemordet worden ist. Aber 's hat doch nie jemand was Verdächtiges im
Beinhaus gesehn -- nur 'n bißchen blaues Licht im Fenster -- keine
Geister."
,,Na, ich sag' dir, Tom, wo du so 'n blaues Licht siehst, kannst du sicher
sein, daß da 'n Geist dahinter steckt. 's ist doch mal so bekannt. So 'n
Licht, weißt du, braucht niemand als Gespenster."
,,'s ist wahr, Huck. Aber bei Tag' kommen sie doch nicht 'raus; da brauchen
wir uns doch nicht zu fürchten?"
,,Na, meinetwegen, wenn du meinst, woll'n wir 's Beinhaus vornehmen -- aber
-- aber ich denk doch, 's ist gewagt."
Inzwischen waren sie den Hügel hinuntergekommen. Dort, mitten im Mondlicht,
im Tal stand das Beinhaus vor ihnen, gänzlich einsam, die Umzäunung längst
zerbrochen, die Tür umgeben von allerhand Schlinggewächsen, das Dach halb
zerfallen, leere Fensterhöhlen und der Schornstein eingesunken. Die Jungen
standen eine Weile still, halb in der Erwartung, ein blaues Licht in den
Fenstern zu sehen; sie sprachen, wie Zeit und Umstände es verlangten, mit
halber Stimme. Dann machten sie, daß sie fortkamen, umkreisten das
unheimliche Gebäude in weitem Bogen und schlichen durch den Wald von
Cardiff Hill nach Hause.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Gegen Mittag des nächsten Tages kamen die Jungen bei dem abgestorbenen Baum
an; sie wollten ihr Werkzeug holen. Tom hatte es sehr eilig, zum Beinhaus
zu kommen. Huck, etwas weniger hitzig, sagte plötzlich:
,,Wart mal, Tom, weißt du auch, was heut für 'n Tag ist?"
Tom ließ die Tage der Woche Revue passieren und machte erschreckte Augen:
,,Donnerwetter, Huck, hab' noch gar nicht dran dacht!"
,,Na, ich hab's bisher auch nicht getan, aber plötzlich fiel's mir eben
ein, heut ist Freitag!"
,,Verdammt! Man kann doch nicht vorsichtig _genug_ sein, Huck. Hätten in
'ne schöne Patsche geraten können, wenn wir so was an 'nem Freitag begonnen
hätten!"
,,Will ich meinen! Sag' lieber: _wären_ gekommen! 's gibt Glückstage, aber
der Freitag ist gewiß keiner von ihnen!"
,,Das weiß jeder Dummkopf. Denk doch, du bist nicht der erste, der das
rauskriegt."
,,Na, das hab' ich ja doch auch nicht gesagt, oder? Und der Freitag ist
noch nicht alles. Hab' 'nen verflucht bösen Traum gehabt, letzte Nacht --
hab' von Ratten geträumt."
,,Na, ist 'n schönes Zeichen, daß was passiert! Kämpften sie?"
,,Nee."
,,Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie nicht kämpfen, ist's nur ein Zeichen,
daß was in der Luft liegt, weißt du. Wir brauchen also bloß gut aufzupassen
und uns in acht zu nehmen. Wollen wir also das für heute lassen und
spielen. -- Kennst du Robin Hood, Huck?"
,,Nee, wer ist Robin Hood?"
,,Na, das war einer von den größten Menschen, die je in England gelebt
haben -- und einer der besten. 's war ein Räuber."
,,Wetter, wünscht', ich wär' _auch_ einer. _Wen_ beraubte er denn?"
,,Nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und solches Volk.
Arme beraubte er nie. Er liebte sie. Er teilte alles mit ihnen bis auf den
letzten Penny."
,,Muß ein verflucht guter Bursche gewesen sein."
,,Will ich meinen, Huck. O, er war der edelste Mensch, der je gelebt hat.
Solche Leute gibt's jetzt gar nicht mehr, sag' ich dir. Er konnte alle
Menschen in England besiegen, auch wenn seine eine Hand gebunden war. Und
dann konnte er mit seinem Eibenbogen und seinem Pfeil ein Zehn-Centstück
jederzeit treffen -- anderthalb Meilen davon."
,,Was ist 'n Eibenbogen?"
,,Weiß nicht; 's ist halt irgend ein Bogen. Und wenn er das Stück nur am
Rande traf, setzte er sich hin und weinte -- wahrhaftig. Aber laß uns Robin
Hood spielen -- 's ist 'n famoser Spaß. Werd's dir beibringen."
,,Mir recht."
So spielten sie Robin Hood den ganzen Nachmittag, zuweilen sehnsüchtige
Blicke auf das Beinhaus werfend und eine Bemerkung über die Aussichten und
möglichen Ereignisse des nächsten Tages fallen lassend. Als die Sonne im
Westen zu sinken begann, schlenderten sie heimwärts durch die langen
Schatten der Bäume und waren bald im Walde von Cardiff Hill verschwunden.
Am Samstag, kurz nach Mittag, waren die Jungen abermals am Fuße des
bewußten Baumes. Sie rauchten ein bißchen und hielten ein Schwätzchen im
Schatten der Bäume, und stocherten dann ein wenig in ihrer Grube, nicht mit
großen Hoffnungen, sondern mehr, weil Tom sagte, es wäre schon oft
vorgekommen, daß Leute einen Schatz schon aufgegeben, nachdem sie ihm bis
auf sechs Zoll nahe gekommen seien, und dann sei irgend ein anderer
gekommen und habe ihn mit einem einzigen Spatenstich ausgehoben. Diesmal
war's indessen nichts, so nahmen die Jungen ihr Werkzeug auf die Schultern
und marschierten ab, im Gefühl, daß sie beim Graben zwar kein Glück gehabt,
aber alles getan hätten, was beim Schatzsuchen vonnöten sei.
Als sie das Beinhaus erreichten, lag etwas so Geheimnisvolles, Unheimliches
in dem toten Schweigen, das hier unter der brütenden Sonne herrschte, und
etwas so Niederdrückendes in der Verlassenheit und Trostlosigkeit des
Ortes, daß sie für einen Augenblick nicht den Mut hatten, einzutreten. Dann
schlichen sie zur Tür und spähten vorsichtig hinein. Sie erblickten einen
von Unkraut überwucherten, ungepflasterten Raum, einen alten Feuerherd,
leere Fensterhöhlen, eine halb zerfallene Treppe, und hier und da und dort
hingen zerrissene, verlassene Spinnengewebe. Sie traten sogleich vorsichtig
ein, mit klopfenden Pulsen, sich im Flüsterton besprechend, die Ohren für
das geringste Geräusch gespitzt, die Muskeln angespannt, um unverzüglich
davonlaufen zu können.
Aber in kurzem wurden sie heimisch, verloren ihre Furcht und unterzogen die
Szenerie einer kritischen, aufmerksamen Inspektion, dabei immer mehr ihre
eigene Kühnheit bewundernd. Danach richteten sich ihre Blicke auf die
Treppe. Es hieß, sich den Rückzug abschneiden, aber sie ermutigten sich
gegenseitig, und so konnte es nicht fehlen -- sie warfen ihre Geräte in
eine Ecke und kletterten hinauf. Oben zeigten sich dieselben Spuren des
Verfalls. In einem Winkel fanden sie einen vielversprechenden Wandschrank,
aber die Hoffnung war trügerisch -- es war nichts drin. Jetzt waren sie
wieder ganz im Besitz ihres Mutes und ihrer Unternehmungslust. Gerade
wollten sie wieder hinunter und ihr Werk beginnen, da --
,,Pst," flüsterte Tom.
,,Was gibt's?" Huck ebenso, schneeweiß vor Schreck.
,,Pscht -- du -- hörst du nichts?"
,,Ja -- o Himmel -- laß uns fortlaufen!"
,,Halt's Maul! Rühr' dich nicht! Sie kommen richtig auf die Tür zu!"
Die Jungen kauerten sich auf den Fußboden nieder, spähten durch Ritzen auf
dem Fußboden und warteten in Furcht und Elend.
,,Sie halten -- -- nein -- sie kommen -- da sind sie! Kein Wort mehr, Huck!
Mein Gott -- ich wollt', ich wär' hier raus!"
Zwei Männer traten ein. Beide Jungen sagten zu sich selbst: ,,'s ist der
alte taubstumme Spanier, der ein paarmal letzthin im Dorfe war -- den
anderen hab' ich nie gesehn."
Der ,,andere" war ein zerlumpter, ungekämmter Strolch mit wenig einladenden
Gesichtszügen. Der Spanier war in eine ,,Serape" gehüllt, er hatte einen
struppigen weißen Bart, langes, weißes Haar flatterte unter dem Räuberhut
hervor, er trug grüne Augengläser. Indem sie hereinkamen, sprach der
,,andere" mit leiser Stimme; sie setzten sich auf die Erde, das Gesicht zur
Tür, den Rücken gegen die Wand, und der Sprecher fuhr fort. Sein Benehmen
wurde ungenierter und seine Sprache entschiedener.
,,Nein," sagte er, ,,hab' drüber nachgedacht -- 's geht nicht; 's ist _zu_
gefährlich."
,,Gefährlich," höhnte der taubstumme Spanier zur höchsten Überraschung der
Jungen. ,,Waschlappen!"
Diese Stimme ließ die Jungen erzittern wie Espenlaub. Es war der
Indianer-Joe! Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann fuhr Joe fort:
,,Was ist wohl gefährlicher als der letzte Streich -- und doch ist nichts
passiert."
,,Das ist 'n Unterschied. Weit draußen am Fluß und _kein_ Haus in der Nähe!
Wer sollt' denn wissen, daß wir was versucht haben, wo wir doch nichts
erreicht haben!"
,,Na, wie kann was gefährlicher sein, als bei Tage hierher kommen? Wer uns
säh', müßt' doch Verdacht haben."
,,Weiß wohl. 's gab aber keinen besseren Platz nach dem mißglückten
Streich. Muß fort von hier. Wollt's auch gestern schon, 's war aber nicht
möglich, von hier auszuziehen, solange diese Teufelsjungen da oben ganz in
der Nähe spielten."
,,Diese Teufelsjungen" zuckten unter dieser Bemerkung zusammen und dachten,
wie gut es doch sei, daß sie sich noch zur rechten Zeit an den Freitag
erinnert und beschlossen hatten, bis Samstag zu warten. Sie wünschten nur,
ein Jahr gewartet zu haben.
Die beiden Männer holten ein paar Lebensmittel hervor und hielten eine
Mahlzeit. Nach langem, gedankenvollen Schweigen sagte Joe: ,,Paß auf, Kerl,
mache, daß du wieder stromaufwärts kommst, wo du hingehörst. Warte dort,
bis du von mir hörst. Werd' mir mal die Gelegenheit ansehen im Dorf. Wenn
ich 'n bißchen rumgeschnüffelt hab' und alles sich gut anläßt, wolln wir
das ,gefährliche Stückchen' ausführen. Dann nach Texas! Wollen's zusammen
machen!"
Das war befriedigend. Beide fingen an zu gähnen, und Joe sagte:
,,Bin todmüde! Die Reihe ist an dir, zu wachen."
Er warf sich nieder und begann bald zu schnarchen. Der andere stieß ihn ein
paarmal an, und er wurde ruhig. Plötzlich begann der Wächter zu nicken;
sein Kopf sank tiefer und tiefer; dann schliefen beide.
Die Jungen taten einen langen, erleichterten Atemzug. Tom flüsterte:
,,Jetzt gilt's -- komm!"