Das Heulen hörte auf. Tom spitzte die Ohren. ,,Pscht --was ist das?"

,,'s klingt wie -- wie Schweinegrunzen. Oder, Tom -- doch nicht, 's

schnarcht jemand."

,,Ist's das? Wo aber, Hucky?"

,,Ich glaub' dort, am anderen Ende. 's klingt wenigstens so. Pop pflegt

zuweilen da zu schlafen -- mit den Schweinen, aber, Gott segne dich, er

macht alles zittern, wenn er schnarcht. Und dann, ich rechne, _hierher_

kommt er nicht zurück!"

Die Abenteuerlust begann sich in den Seelen der beiden Burschen zu regen.

,,Hucky, gehst du mir nach, wenn ich vorangehe?"

,,_Sehr_ gern nicht, Tom! Denk, 's könnt Joe sein!"

Tom zauderte. Aber sofort regte sich wieder die Versuchung, und sie

beschlossen, den Versuch zu wagen, unter dem Vorbehalt, daß sie fliehen

dürften, sobald das Schnarchen aufhören würde. So gingen sie auf den

Fußspitzen weiter, einer hinter dem anderen. Als sie nur noch fünf Schritt

von dem Schnarchenden entfernt waren, trat Tom auf einen Zweig, der mit

lautem Knacken brach. Der Mann grunzte, wälzte sich ein bißchen herum, das

Mondlicht fiel, auf sein Gesicht -- es war Muff Potter. Die Herzen der

Burschen hatten still gestanden -- wie ihre Leiber, als sich der Mann

rührte, aber jetzt war ihre Furcht vergangen. Sie schlichen zurück,

schlüpften durch die geborstene Mauer und blieben in einiger Entfernung

stehen, um sich zu verabschieden, Das lange unheimliche Geheul erhob sich

wieder und klang durch die Nachtluft. Sie wandten sich um und sahen den

fremden Hund wenige Schritt von der Stelle entfernt, wo Muff Potter lag,

mit dem Kopf diesem zugewandt, die Schnauze zum Himmel gerichtet.

,,Herrje, _den_ meint er!" riefen beide in einem Atem.

,,Sag, Tom, sie sagen, ein scheußlicher Köter soll um Johnny Millers Haus

herumgeheult haben -- vor mehr als zwei Wochen. Und dann hat sich auch 'ne

Eule auf das Dach gesetzt und da geheult, am selben Abend. Und da ist doch

bis heute noch keiner gestorben!"

,,Ja, ich weiß. Und ich mein', das beweist nichts. Fiel nicht am nächsten

Samstag Gracie Miller auf den Küchenherd und verbrannte sich schrecklich?"

,,Ja -- aber sie ist doch nicht gestorben. Noch mehr, sie ist bald wieder

ganz gesund."

,,Schon recht, wart' nur und red' _dann_! Sie ist futsch, so gewiß als Muff

Potter dort futsch ist! Die Neger sagen's, und die wissen so was ganz

genau, Hucky."

Damit gingen sie nachdenklich auseinander.

Als Tom in sein Schlafzimmerfenster schlüpfte, war die Nacht schon vorbei.

Er entkleidete sich mit äußerster Vorsicht und schlief ein, sich

beglückwünschend, daß niemand etwas von seinem Streifzug gemerkt habe. Er

hatte nicht gesehen, daß der brave, schnarchende Sid wach war -- seit einer

Stunde.

Als Tom aufwachte, war Sid bereits angezogen und fort. Das Licht draußen

erschien Tom so spät wie auch die Luft. Er stutzte. Warum hat man ihn nicht

gerufen -- da er doch um diese Zeit stets schon auf war? Der Gedanke fiel

ihm schwer aufs Herz.

In fünf Minuten war er angekleidet und die Treppe hinunter, übel gelaunt

und schläfrig. Die Familie saß noch um den Tisch, hatte aber bereits

gefrühstückt.

Kein Tadel, aber abgewandte Gesichter. Tiefes Stillschweigen und ein Hauch

von Trauer; schwer lasteten sie auf des Sünders Haupt. Er setzte sich und

tat ganz lustig, aber es war sehr schwer. Er bekam kein Lächeln, keine

Antwort und versank in Stillschweigen, und sein Herz versank in die tiefste

Tiefe.

Nach dem Frühstück nahm ihn seine Tante auf die Seite, und Tom atmete

ordentlich auf, in der Hoffnung, daß er jetzt werde geprügelt werden; aber

es sollte anders kommen. Seine Tante vergoß Tränen über ihn und fragte ihn,

wie er hingehen und ihr armes Herz brechen könne. Und schließlich sagte

sie, er solle nur sich selbst ruinieren und ihre grauen Haare mit Kummer in

die Grube fahren lassen, denn sie habe den Mut in bezug auf ihn nun

verloren.

Dies war schlimmer als tausend Prügel, und Toms Herz wurde noch schwerer,

als es heute morgen gewesen. Er heulte, er bat um Verzeihung, versprach

Besserung wieder und immer wieder, und er erhielt schließlich seine

Entlassung mit dem Gefühl, nur halbe Verzeihung und schwaches Vertrauen

gefunden zu haben.

Er empfand die Gegenwart gar zu trübselig, um ein Rachegefühl gegen Sid

aufkommen zu lassen. So war des letzteren eiliger Rückzug durch die

Hintertür überflüssig. Er schlich in düsterster Gemütsverfassung zur Schule

und empfing dort seine Prügel wegen des Schwänzens mit Joe Harper am

vorigen Tage mit der Miene eines, dessen Herz von schweren Kümmernissen

belastet und ganz unempfindlich für Kleinigkeiten ist. Dann verzog er sich

auf seinen Platz, stützte die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die

Hände und starrte auf die Wand mit dem starren Gesichtsausdruck des

Leidens, das den höchsten Punkt erreicht hat und nun nicht mehr gesteigert

werden kann. Sein Ellbogen drückte auf einen harten Gegenstand. Nach langer

Zeit änderte er schläfrig und gleichgültig seine Stellung und nahm den

Gegenstand in Augenschein. Er war in Papier gewickelt. Er rollte das Papier

auf. Ein langer, starrer, verschleierter Blick -- und sein Herz brach! Es

war der wundervolle abgebrochene Knopf von gestern! Dieser letzte Tropfen

machte das Gefäß überlaufen.

Elftes Kapitel.

Kurz nach neun Uhr wurde das ganze Dorf durch die schreckliche Neuigkeit

alarmiert. Obwohl sich damals noch niemand etwas von einem Telegraphen

träumen ließ, flog die Nachricht doch von Mund zu Mund, von Haus zu Haus,

mit fast telegraphischer Eile. Natürlich gab der Schullehrer für

nachmittags frei. Man hätt's ihm sehr übel genommen, hätte er's nicht

getan. Ein blutiges Messer war bei der Leiche gefunden und durch ein paar

Leute als das des Muff Potter rekognosziert worden -- so hieß es. Und man

sagte ferner, ein verspäteter Bürger habe Muff Potter in der Gegend des

Verbrechens um ein oder zwei Uhr getroffen, wie er sich in einem

Wassergraben wusch, und Muff Potter sei plötzlich ausgerissen -- alles

verdächtige Umstände, besonders das Waschen, was sonst gar nicht zu Potters

Gewohnheiten gehörte. Man sagte auch, der Ort sei nach dem ,,Mörder"

durchsucht (das Volk ist nicht träge, belastende Momente zu suchen und zu

einem Urteilsspruch zu gelangen), daß er aber nicht gefunden worden sei.

Reiter waren nach allen Himmelsrichtungen ausgesandt, und der Sheriff hatte

die beste Hoffnung, man werde ihn (nicht den Sheriff!) noch vor der Nacht

erwischt haben.

Der ganze Ort war unterwegs nach dem Kirchhof. Toms Herzeleid schwand, und

er schloß sich der Prozession an, nicht weil er nicht tausendmal lieber

anderswohin gegangen wäre, als vielmehr unter dem Zwang eines

schrecklichen, unerklärlichen Antriebs. An dem gräßlichen Schauplatz

angelangt, zwängte er seinen kleinen Körper durch die Menge und genoß den

ganzen traurigen Anblick. Es schien ihm eine Ewigkeit, seit er hier

gewesen. Jemand packte seinen Arm. Er fuhr herum, und sein Blick traf auf

Huckleberry. Dann sahen beide wie auf Verabredung seitwärts und fürchteten,

es möge ihnen jemand das Einverständnis vom Gesicht lesen können. Aber

alles schwatzte durcheinander und achtete nur auf den schrecklichen Anblick

vor sich.

,,Armer Bursche!" ,,Armer, junger Bursche!" ,,Eine Lehre für

Leichenräuber!" ,,Muff Potter muß hängen für das da, wenn man ihn

erwischt!" Das waren so die Bemerkungen, die fielen, und der Geistliche

sagte: ,,Es war ein Gericht. _Seine_ Hand ist hier sichtbar!" In diesem

Augenblick erschauerte Tom von Kopf bis zu Fuß, denn seine Augen fielen auf

des Indianer-Joes gleichgültiges Gesicht.

Die Menge begann zu flüstern und zu tuscheln. ,,Er ist's, er ist's! Er

kommt!"

,,Wo, wo?" fragten zwanzig Stimmen. ,,Muff Potter! Hallo, er steht still!

Seht mal, er kommt _hierher_ zurück! Laßt ihn nicht entwischen!"

Leute, die in den Zweigen der Bäume über Tom saßen, sagten, er habe nicht

den geringsten Versuch gemacht, zu entschlüpfen, er stand nur und schaute

zweifelnd und wie erstarrt um sich.

,,Teuflische Frechheit!" sagte einer der Umstehenden. ,,Wagt's,

zurückzukommen und sein Werk ganz ruhig zu betrachten! Hat wohl nicht

gedacht, schon Gesellschaft hier zu finden!"

Die Menge teilte sich jetzt, und der Sheriff kam ostentativ

hindurchgeschritten, Potter am Arm führend. Des armen Burschen Gesicht sah

blaß aus, und aus seinen Augen sprach die Furcht, die ihn beherrschte. Als

er vor dem Ermordeten stand, zuckte er wie unter einem Hieb zusammen,

verbarg das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus.

,,Ich hab's nicht getan, Freunde." schluchzte er. ,,Auf Ehr' und Seligkeit,

ich tat's nicht!"

,,Wer hat dich denn angeklagt?" schrie eine Stimme. Dieser Hieb saß. Potter

nahm die Hände vom Gesicht und schaute in sichtbarster Hilflosigkeit um

sich. Er sah Joe und rief aus: ,,O, Joe, du versprachst mir, niemals --"

,,Ist das Euer Messer?" Und es wurde vom Sheriff vorgehalten.

Potter wäre umgefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und ihn auf die Erde

niedergelassen hätte. Dann sagte er: ,,Dacht' ich mir's doch, wenn ich

nicht zurückkäme und --", er schauderte. Dann erhob er seine kraftlose Hand

mit müder Gebärde und flüsterte: ,,Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen -- 's ist

nichts mehr zu machen."

Dann standen Huckleberry und Tom stumm und starr und hörten den

kaltherzigen Lügner ganz gemütlich Bericht erstatten; sie erwarteten jeden

Augenblick, Gottes Blitzstrahl werde ihn treffen, und wunderten sich, ihn

solange unberührt stehen zu sehen. Und nachdem er geendet hatte und gesund

und heil blieb, dachten sie nicht mehr daran, ihren Eid zu brechen und des

armen Gefangenen Leben zu retten, denn es war zweifellos, daß Joe sich dem

Satan verschrieben hatte, und es wäre wohl gefährlich gewesen, sich mit

einer solchen Macht einzulassen.

,,Warum liefst du nicht davon? Warum, zum Teufel, kamst du hierher zurück?"

,,Konnt' nicht anders -- ich _konnt'_ nicht anders," stöhnte Potter. ,,Ich

_wollt'_ wohl fortlaufen, aber ich konnt' nirgends hinkommen als

_hierher_!"

Und er fing wieder an zu schluchzen.

Joe wiederholte seinen Bericht, ebenso ruhig, ein paar Minuten später und

beschwor ihn auf Verlangen, und die Burschen, die den Lichtstrahl immer

noch nicht hervorbrechen sahen, wurden dadurch in ihrem Glauben, daß er

einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe, noch mehr bestärkt. Er war mit

einem Schlage für sie der Gegenstand des unheimlichsten Interesses

geworden, wie nichts anderes, und sie konnten die bezauberten Blicke nicht

von ihm wenden. Sie beschlossen innerlich, ihn nachts, wenn sich einmal die

Gelegenheit böte, zu belauern, in der Hoffnung, seines schrecklichen Herrn

und Meisters ansichtig zu werden.

Joe half den Körper des Ermordeten aufheben und auf einen Karren laden, um

ihn fortzuschaffen. Und es ging ein Flüstern durch das schaudernde Volk,

daß die Wunde ein wenig zu bluten anfinge! Die Knaben hofften, dieser

glückliche Umstand werde den Verdacht in die wahre Richtung lenken. Aber

sie waren enttäuscht, als mehrere der Leute sagten: ,,Er war nur drei

Schritt von Muff Potter entfernt, als es geschah."

Toms schreckliches Geheimnis, seine furchtbare Mitwisserschaft störte

seinen Schlaf während mehr als einer Woche; und eines Morgens beim

Frühstück sagte Sid:

,,Tom, du wirfst dich im Schlaf herum und sprichst so viel, daß du mich die

halbe Nacht wach erhältst."

Tom erbleichte und senkte die Augen.

,,'s ist ein böses Zeichen," sagte Tante Polly mit Nachdruck. ,,Was hast du

auf dem Herzen, Tom?"

,,Nichts -- nichts -- ich weiß nicht." Aber seine Hand zitterte so, daß er

seinen Kaffee verschüttete.

,,Und du schwatzt solchen Unsinn," fuhr Sid fort. ,,In der letzten Nacht

sagtest du: ,'s ist Blut, 's ist Blut, nichts als Blut.' Du sagtest das

immer wieder. Und dann sagtest du: ,Ängstigt mich nicht -- ich will alles

sagen.' Sagen -- was? _Was_ willst du sagen?"

Tom schwamm alles vor den Augen. Es ist nicht zu sagen, was geschehen sein

würde, wenn nicht plötzlich die Spannung aus Tante Pollys Gesicht gewichen

wäre und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe gekommen wäre. Sie sagte:

,,Kann mir's denken! Der schreckliche Mord ist's. Ich selbst träume jede

Nacht davon. Manchmal träum' ich, ich selbst hätt's getan."

Mary sagte, sie wäre gerade so angegriffen davon. Sid schien befriedigt.

Tom ging aus der Affäre so beruhigt hervor, als es nur immer möglich war,

simulierte während einer Woche Zahnschmerzen und band sich jede Nacht die

Backen fest zu. Er wußte nicht, daß Sid wachte und des öfteren die Bandage

lockerte und dann, auf den Ellbogen gestützt, eine gute Weile lauerte, dann

wieder alles in Ordnung brachte und sich hinlegte. Toms Gemütsverstimmung

wich nach und nach, und die Zahnschmerzen begannen ihm lästig zu werden und

wurden ganz abgeschafft. Wenn es Sid gelungen war, etwas von Toms

unbewußtem Murmeln aufzufangen, so behielt er es jedenfalls für sich. Tom

schien es, als könnten seine Schulkameraden nicht oft genug Totenschau über

Katzen halten und dadurch seine Erinnerung immer wieder auffrischen. Sid

fiel auf, daß Tom niemals den Beschauer spielen wollte, obwohl er sonst

doch gewöhnt war, bei allem den Führer abzugeben; er merkte auch, daß Tom

sich nie unter den Zeugen befand -- und das war auffallend. Schließlich

entging Sid durchaus nicht die entschiedene Abneigung Toms gegen diese

ganze Spielerei, und seine Bemühungen, ihr aus dem Wege zu gehen. Sid

grübelte darüber, sagte aber nichts. Indessen, schließlich schwand alle

Unruhe und hörte auf, Toms Geist zu quälen.

Jeden Tag oder doch jeden zweiten in dieser traurigen Zeit passte Tom auf

eine Gelegenheit, um zu dem kleinen Gitterfenster zu laufen und allerhand

kleine Annehmlichkeiten für den ,,Mörder" hineinzuschmuggeln. Das Gefängnis

war ein trübseliges, kleines, halbverfallenes Loch und stand in einem

Sumpfe außerhalb des Dorfes. Wärter waren nicht aufgestellt, denn es hatte

selten Gäste zu beherbergen. Diese Geschenke halfen sehr dazu, Toms Gemüt

aufzuheitern. Die Dörfler hatten nicht übel Lust, Joe beim Kragen zu nehmen

und ihm wegen der Leichenberaubung den Prozeß zu machen, aber so furchtbar

war sein Ruf, daß niemand sich fand, der Lust gehabt hätte, die Sache zu

übernehmen. So wurde sie denn unterlassen. Vorsichtigerweise hatte Joe bei

seinen Geständnissen jedesmal gleich mit der Rauferei begonnen, ohne über

die vorhergegangene Leichenberaubung ein Wort zu verlieren. Daher schien es

das weiseste, wenigstens vorläufig die Angelegenheit nicht vor Gericht zu

ziehen.

Zwölftes Kapitel.

Einer der Gründe, die Toms Geist von seiner geheimen Erregung abgezogen

hatten, war, daß er einen neuen und wichtigen Gegenstand des Interesses

fand. Becky Thatcher hatte aufgehört, zur Schule zu kommen. Tom hatte

mehrere Tage mit seinem Stolze gekämpft und versucht, sie ,,unter den Wind

zu bekommen," aber vergeblich. Er ertappte sich dabei, wie er um ihres

Vaters Haus herumstrich, nachts, und sich dabei sehr unglücklich fühlte.

Sie war krank. Wie, wenn sie sterben mußte! In dem Gedanken war

Verzweiflung. Er hatte kein Vergnügen mehr am Kriegspielen, nicht einmal

mehr an seinem Piraten-Beruf. Der Glanz des Lebens war dahin, nichts als

Finsternis war geblieben. Er ließ seinen Reifen liegen und seinen Bogen; er

hatte keinen Spaß mehr daran. Seine Tante war beunruhigt. Sie fing an,

allerhand Medizinen an ihm zu probieren. Sie gehörte zu den Leuten, die auf

jede Medizin schwören und alle neu erfundenen Heilmethoden. Sie war

unermüdlich in ihren Experimenten. Sobald sie von etwas Neuem in der

Branche hörte, brannte sie darauf, es zu probieren; nicht an sich selbst,

denn sie war nie leidend; aber am ersten besten, der ihr in die Hände fiel.

Sie war Abonnentin sämtlicher ,,Heil"-Zeitschriften und jedes gedruckten,

wissenschaftlichen Betruges; den größten Unsinn, mit dem nötigen

feierlichen Ernst vorgetragen, nahm sie wie ein Evangelium auf in ihrer

Unwissenheit. Alle Abhandlungen über Ventilation, das Zubettgehen und

Aufstehen, Essen und Trinken, über das Maß der nötigen Bewegung, die

Gemütsverfassung, die Art der Kleidung, erschienen ihr einfach einwandfrei,

und sie merkte gar nicht, daß die Gesundheits-Journale des laufenden Monats

gewöhnlich all das widerriefen, was sie im Monat vorher empfohlen hatten.

Sie war einfachen Herzens und so ehrenhaft, wie der Tag lang ist, und so

war sie ein leichtes Opfer. Sie sammelte ihre prahlerischen Zeitschriften

mit den Quacksalber-Medizinen, und so gewaffnet, ritt sie, den Tod hinter

sich, auf ihrem fahlen Pferd, ,,die Hölle hinter sich," um eine Metapher zu

brauchen. Aber sie argwöhnte niemals, daß sie nicht ein Engel der Genesung

und der Balsam des Herrn in Person für die leidende Nachbarschaft sei.

Die Wasserbehandlung war neu und Toms übles Befinden kam ihr wie gerufen.

Jeden Morgen in aller Frühe wurde er herausgeholt, in einen Holzschuppen

geschleppt und mit einer Sintflut kalten Wassers überschüttet. Dann rieb

sie ihn trocken mit einem Handtuche, gleich einer Feile, und er wurde

zurücktransportiert. Darauf wurde er in ein nasses Tuch gerollt und wieder

unter seine Bettdecke gestopft, bis er schwitzte, wie eine Seele im

Fegfeuer, und ,,ihre Schmutzflecken drangen durch alle Poren heraus," wie

Tom sagte. Indessen, alledem zum Trotz, wurde der Junge immer

melancholischer, niedergeschlagener und gleichgültiger. Sie fügte heiße

Bäder, Sitzbäder, Gießbäder und Sturzbäder hinzu. Der Junge blieb leblos

wie eine Leiche. Sie begann das Wasser mit Blasen ziehenden

Haferschleimpflastern zu versetzen. Sie überlegte seine Aufnahmefähigkeit

und füllte ihn wie einen Krug täglich mit allen möglichen quacksalberischen

Mittelchen an.

Tom war allmählich gegen all diese Verfolgungen gleichgültig geworden.

Dieser Zustand erfüllte der alten Dame Herz mit Entsetzen. Diese

Gleichgültigkeit mußte um jeden Preis gebrochen werden. Zu dieser Zeit

gerade vernahm sie vom ,,Schmerzentöter". Sie ordnete sofort täglich ein

Lot an. Sie versuchte es selbst und war sehr befriedigt davon. Es war wie

Feuer in flüssiger Form. Sie ließ die Wasserkur und alle anderen Methoden

und beschränkte sich auf den Schmerzentöter. Sie gab Tom einen Teelöffel

und wartete ängstlich auf die Wirkung. Ihre Unruhe war mit einem Schlage zu

Ende, ihr Geist hatte wieder Frieden. Denn die ,,Gleichgültigkeit" war

gebrochen. Der Bursche hätte kein wilderes, mehr von Herzen kommendes

,,Interesse" zeigen können, wenn sie ein Feuer unter ihm angezündet hätte.

Tom fühlte, daß es Zeit war, aufzuwachen. Diese Lebensweise hätte ja ganz

romantisch sein können, war aber nachgerade zu anstrengend und zu eintönig.

So grübelte er über verschiedenen Plänen seiner Befreiung und verfiel

schließlich darauf, sich als Freund des Schmerzentöters zu bekennen. Er

verlangte so oft danach, daß er lästig wurde, und seine Tante ihm

schließlich befahl, sich selbst zu helfen und sie in Ruhe zu lassen. Wäre

es Sid gewesen, kein Schatten würde ihre Freude getrübt haben; da es aber

Tom war, beobachtete sie die Flasche mit Aufmerksamkeit. Sie fand, daß die

Medizin beständig weniger wurde, es fiel ihr aber nicht ein, daß der Junge

eine Bodenritze im Speisezimmer damit anfüllte.

Eines Tages war Tom wieder bei dieser Arbeit, als Tante Pollys gelbe Katze

des Weges kam, schnurrend, den Teelöffel begehrlich betrachtete und um ein

bißchen bettelte. Tom sagte zu ihr: ,,Bitt nicht drum, wenn du's nicht

brauchst, Peter!"

Aber Peter gab zu verstehen, er _habe_ es nötig.

,,Überleg's noch mal."

Peter blieb dabei.

,,Na, du hast drum gebeten, und ich will's dir geben; aber wenn's dir nicht

gefällt, darfst du niemand Vorwürfe machen als dir selbst."

Peter war einverstanden; so öffnete Tom seine Schnauze und goß den

Schmerzenztöter hinein. Peter machte einen Riesensatz in die Luft, stieß

ein Kriegsgeheul aus und fuhr immer rund im Kreise herum durchs Zimmer,

gegen Möbel stoßend, Blumentöpfe umwerfend, kurz, lauter Verwirrung

anrichtend. Dann erhob er sich auf die Hinterbeine und tanzte sinnlos vor

Vergnügen herum, den Kopf über die Schultern zurückgeworfen, mit einer

Stimme, aus der grenzenloses Behagen klang. Tante Polly kam gerade noch

rechtzeitig herein, um sie mit einem letzten Hurra durchs Fenster fliegen

zu sehen, mit ihr die Reste der Blumentöpfe. Die alte Dame stand starr vor

Erstaunen, über ihre Brillengläser hinwegschauend. Tom lag auf der Erde und

krümmte sich vor Lachen.

,,Tom, was um des Himmels willen fehlt der Katze?"

,,Ich weiß nicht," stöhnte der Junge.

,,So was hab' ich doch noch nicht gesehen! Was _kann_ sie haben?"

,,In der Tat, ich weiß nicht, Tante. Katzen tun immer so, wenn sie vergnügt

sind."

,,Tun sie -- wirklich?" Es war etwas in dem Ton, was Tom stutzen machte.

,,Hm -- ja. Das heißt -- ich meine, sie tun's."

,,Du _meinst_?"

,,Hm -- ja --"

Die alte Dame bückte sich, Tom wartete mit ängstlichem Interesse. Zu spät

entdeckte er ihre List. Der Griff des Teelöffels war unter der Tischdecke

sichtbar. Tante Polly zog ihn heraus und hielt ihn in die Höhe. Tom fuhr

zusammen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn an dem gewöhnlichen

Henkel -- seinem Ohr -- in die Höhe und klopfte ihm mit ihrem Fingerhut

tüchtig auf den Kopf.

,,Nun, sag' mal, _wozu_ mußt du das arme Tier so quälen?"

,,Ich hab's ja aus Mitleid getan -- weil sie keine Tante hat."

,,Hat keine Tante! Hansnarr! Was hat das hier zu tun?"

,,'ne Menge. Denn hätt' sie eine gehabt, so würd' sie selbst 's ihm gegeben

haben! Sie hätt' ihr die Gedärme rausgeröstet, ohne mehr zu fühlen, als

wenn's ein Mensch gewesen wäre!"

Tante Polly fühlte plötzlich Gewissensbisse. Das setzte die Sache in ein

neues Licht. Was grausam war gegen eine Katze, mußte auch gegen einen

kleinen Burschen grausam sein. Sie begann, zu seufzen, sie fühlte sich

traurig. Ihre Augen wurden ein bißchen feucht, sie legte die Hand auf Toms

Kopf und sagte freundlich:

,,Ich hab's gut gemeint, Tom. Und Tom, es _hat_ dir genützt!"

Tom schaute zu ihr auf mit ein bißchen Schelmerei in seinem Ernst und

sagte:

,,Ich weiß wohl, Tante, daß du's gut meintest, und ich meinte es gut mit

Peter. Es tat _ihm_ auch gut! Ich hab' ihn nie so lustig rumlaufen gesehen

--"

,,Na, mach, daß du weiter kommst, Tom, ehe du mich wieder ärgerst. Und

versuch doch mal 'n braver Junge zu sein, und du brauchst auch keine

Medizin mehr zu nehmen."

Tom kam sehr frühzeitig zur Schule. Es war bekannt geworden, daß dieses

sehr seltene Ereignis in letzter Zeit jeden Tag sich zugetragen hatte. Und

dann, wie seit kurzem stets, lungerte er am Tor des Schulhofes, statt mit

seinen Kameraden zu spielen. Er sagte, er wäre krank, und er sah auch so

aus. Er stellte sich, als sähe er überall hin, wohin seine Blicke

tatsächlich beständig gerichtet waren -- die Straße hinunter. Plötzlich kam

Jeff Thatcher in Sicht und Toms Miene hellte sich aus. Er spähte einen

Augenblick angestrengt und wandte sich dann betrübt ab. Als Jeff ankam,

hielt ihn Tom an und suchte ihn geschickt über Becky auszuholen, aber der

herzlose Jeff tat, als sähe er den Köder gar nicht. Tom wartete und

wartete, hoffend, sobald ein wehender Rock in Sicht kam und die Inhaberin

desselben verwünschend, sobald er sah, daß es nicht die Rechte war.

Schließlich erschienen keine Röcke mehr, und er verfiel in hoffnungslosen

Trübsinn. Dann auf einmal kam doch noch ein Rock durchs Tor herein, und

Toms Herz tat einen mächtigen Sprung. Im nächsten Moment war er draußen und

schoß drauf los wie ein Indianer, springend, lachend, Buben stoßend, mit

Risiko von Leib und Leben über den Zaun setzend, Purzelbäume machend, auf

dem Kopf stehend -- kurz, lauter heroische Dinge verrichtend und

fortwährend hinüber schielend, ob Becky Thatcher ihn beobachtete. Aber sie

schien von alledem gar nichts wahrzunehmen; sie schaute nicht hin. War es

möglich, daß sie seine Anwesenheit wirklich nicht bemerkt hatte? Er betrieb

seine Kunststücke in ihrer unmittelbaren Nähe; fuhr, ein Kriegsgeheul

ausstoßend, um sie herum, schlug einem Jungen die Mütze herunter,

schleuderte sie auf den Schulhof, brach durch eine Gruppe, sie nach allen

Richtungen auseinandersprengend und fiel dabei selbst gerade Becky vor die

Nase hin, sie fast umstoßend -- sie wandte sich ab, das Näschen rümpfend,

und er hörte sie sagen:

,,Pa! Einige Burschen kommen sich schon sehr wichtig vor -- immer müssen

sie sich breit machen!"

Tom wurde blutrot. Er rappelte sich auf und trollte davon, zermalmt und

mutlos.

Dreizehntes Kapitel.

Tom zögerte nun nicht länger. Ihn erfüllte ein finsterer, verzweifelter

Gedanke. Er wäre ein verlassener, freundloser Junge dachte er. Niemand

liebte ihn. Wenn sie merken würden, wozu sie ihn getrieben, würden sie

vielleicht betrübt sein. Er hatte versucht, das Rechte zu tun und brav zu

werden, aber man ließ ihn nicht. Da man sich durchaus von ihm befreien

wollte, mochte es so sein. Und man würde ihn für die Folgen verantwortlich

machen -- warum auch nicht? Welches Recht haben Freundlose, sich zu

beklagen? Ja, sie hatten ihn zum äußersten getrieben, er würde ein Leben

voll Verbrechen führen; 's gab keine Wahl. -- Inzwischen war er weit

hinunter zu ,,Meadow-Land" gekommen, und die Schulglocke tönte lockend an

sein Ohr -- sie wollte ihn wohl zurückhalten. Er seufzte bei dem Gedanken,

nie, nie wieder den alt-vertrauten Ton hören zu sollen -- es war sehr hart,

aber _mußte_ sein; da er in die kalte Welt hinausgetrieben war, mußte er

sich unterwerfen -- aber er vergab ihnen! Dann kamen Tränen -- schwer und

bitter.

Gerade in diesem Augenblick begegnete ihm sein Herzensfreund Joe Harper --

mit trüben Augen und zweifellos einen großen, schrecklichen Entschluß im

Herzen. Offenbar waren hier ,,zwei Seelen und ein Gedanke." Tom seine Augen

mit dem Ärmel trocknend, begann etwas herauszustottern von einem Entschluß,

aus grausamer und liebloser Behandlung zu fliehen, in die weite Welt zu

gehen und _nie_ wiederzukommen und schloß damit, daß er hoffe, Joe werde

ihn nicht vergessen.

Aber es zeigte sich, daß Joe im Begriff gewesen, an Tom das gleiche

Verlangen zu stellen und ihn zu diesem Zweck gesucht hatte. Seine Mutter

hatte ihn gezüchtigt, weil er Rahm getrunken haben sollte, den er nie

gesehen, von dem er überhaupt gar nichts wußte; es war klar, sie mochte ihn

nicht mehr und wollte nichts von ihm wissen, sie wollte ihn einfach los

sein. Da sie es so wollte, war für ihn nichts zu tun, als nachzugeben. Er

_hoffte_, sie würde glücklich sein und nie bereuen, daß sie ihren armen

Jungen in die fühllose Welt hinausgetrieben hatte, zu leiden und zu

sterben.

Indem die beiden Burschen trübselig weiterschlichen, machten sie einen

neuen Bund, einander beizustehen, Brüder zu sein und sich nie zu trennen,

bis sie der Tod einst von ihren Kümmernissen erlösen werde. Dann begannen

sie Pläne zu schmieden. Joe war dafür, Eremit zu werden, in einer elenden

Hütte aus Stroh zu liegen und einmal vor Kälte, Mangel und Kummer zu

sterben. Aber, nachdem er Tom angehört hatte, sah er ein, daß ein

Verbrecherleben voll von aufregenden Abenteuern vorzuziehen sei und stimmte

zu, Pirat zu werden.

Drei Meilen unterhalb St. Petersburgs, an einem Fluß, wo der Mississippi

die Kleinigkeit von einer Meile Breite hatte, war eine lange, schmale,

bewaldete Insel, mit einer Sandbank an der Spitze, die wählten sie als

Rendezvouzplatz aus. Sie war unbewohnt, lag fern der heimatlichen Küste,

gegenüber einem dichten und völlig unbewohnten dickichtartigen Walde. So

wurde die Jackson-Insel gewählt. Wer der Gegenstand ihrer Seeräuberei sein

sollte, war eine Frage, die sie weiter nicht bekümmerte. Dann suchten sie

Huckleberry Finn auf, und er verband sich ihnen sofort, denn ihm war jede

Karriere recht; er war einverstanden. Sie trennten sich einstweilen, um

sich an einer einsamen Stelle auf der Sandbank, zwei Meilen oberhalb des

Dorfes um ihre Lieblingsstunde, das heißt, um Mitternacht, wieder zu

treffen. Es befand sich dort ein kleines Holzfloß, das sie zu kapern

beschlossen. Jeder sollte Haken und Stricke mitbringen und solchen

Proviant, den er auf möglichst unauffällige und geheime Weise würde stehlen

können -- wie es sich für Ausgestoßene schickt. Und bevor noch der

Nachmittag um war, hatten sie sich den Genuß verschafft, das Gerücht

auszustreuen, das Dorf werde sehr bald ,,was hören". Alle, denen diese

geheimnisvolle Mitteilung wurde, hatte man gebeten, ,,den Mund zu halten

und zu warten."

Gegen Mitternacht kam Tom mit einem gekochten Schinken und ein paar

Kleinigkeiten an und blieb in dichtem Gestrüpp auf einem kleinen

Ufervorsprung stehen, den Platz der Zusammenkunft überschauend. Es war

sternklar und totenstill, der gewaltige Strom lag ruhig -- gleich einem

Ozean. Tom lauschte einen Augenblick, aber kein Ton störte die Stille. Dann

ließ er ein langgezogenes, besonderes Pfeifen hören. Es wurde von unten

beantwortet. Tom pfiff nochmals; auch dieses Signal wurde ebenso erwidert.

Dann sagte eine vorsichtige Stimme:

,,Wer ist da?"

,,Tom Sawyer, der ,schwarze Rächer des spanischen Meeres'. Nennt eure

Namen!"

,,Huck Finn, ,der Bluthändige' und Joe Harper, ,der Schrecken der Meere'."

Tom hatte diese Namen aus seinen Lieblingsbüchern gewählt.

,,'s ist gut. Gebt die Losung!"

Zwei heisere Stimmen stießen dasselbe schreckliche Wort gleichzeitig in die

betrübende Nacht hinaus: ,,Blut!" Darauf rollte Tom seinen Schinken über

den Abhang und ließ sich selbst ebenso hinunter, bei dem Experiment Kleider

und Haut in Mitleidenschaft ziehend. Es gab zwar einen bequemen, leichten

Weg die Küste entlang bis unterhalb des Ufervorsprungs, aber er ermangelte

der Anregung durch Schwierigkeit und Gefahr, die doch so wertvoll sind für

einen Seeräuber.

Der ,Schrecken der Meere' hatte eine Speckseite mitgebracht und hatte sich

mit dem Hierherschleppen fast ausgerenkt. Finn, ,der Bluthändige', hatte

einen kleinen Kessel gestohlen und eine Quantität halb trockene

Tabakblätter, auch ein paar Maiskolben, um Pfeifen daraus zu machen. Aber

keiner der Piraten rauchte oder kaute -- außer er selbst. Der ,schwarze

Rächer des spanischen Meeres' sagte, man könne ohne Feuer nichts anfangen.

Das war ein weiser Gedanke; Zündhölzer waren zu der Zeit noch völlig

unbekannt. Sie sahen ein Feuer flackern auf einem großen Floß, hundert

Meter oberhalb, schlichen heimlich hin und setzten sich in den Besitz einer

Fackel. Sie machten eine bedeutende Unternehmung daraus, alle Augenblicke

,,Pst!" sagend und dann und wann plötzlich innehaltend und den Finger an

die Lippen legend; markierten Dolchstöße und gaben Befehle in düsterstem

Tone, daß, wenn der Feind angriffe, er eins haben solle, denn ,,ein toter

Mann verrät nichts." Sie wußten allerdings ganz gut, daß die Schiffer alle

im Dorfe unten seien, um zu schlafen oder zu trinken, das war aber kein

Grund für sie, diese Sache in nicht seeräubermäßiger Weise zu betreiben.

Sie fuhren sogleich ab, Tom kommandierend, Huck am Hinterteil, Joe vorn

sitzend. Tom stand in der Mitte, lichtbeschienen und mit verschränkten

Armen und gab mit lauter, strenger Stimme seine Befehle.

,,Laviert und bringt's Schiff vor den Wind!"

,,Ganz recht, Herr!"

,,Tüchtig, tüch--tig!!"

,,Wohl, wohl, Herr."

,,'nen Strich abfallen lassen!"

,,Abgefallen ist, Herr!"

Wie sie so beständig und eintönig in der Mitte des Stromes dahintrieben,

war es selbstverständlich, daß diese Befehle nur der Form wegen gegeben

wurden und in Wirklichkeit an niemand gerichtet waren.

,,Was für Segel führt's Schiff?"

,,Hauptsegel, Toppsegel und Klüversegel, Herr."

,,Bramsegel rauh! Bringt's vor den Wind, sechs von euch an die

Vortopmarssegel! Vorwärts, Leute, lustig!!"

,,Ho, ho, Herr!"

,,Marssegel runter! Schoten und Brassen! Vor -- wärts, Jungens!"

,,Ho, ho, Herr!"

Das Floß trieb in der Mitte des Stromes. Die Jungen legten sich zurecht und

lagen dann still auf dem Ohr. Der Fluß ging nicht so hoch, so machten sie

nicht mehr als zwei bis drei Meilen. Während der nächsten dreiviertel

Stunden wurde kein Wort gesprochen. Jetzt kam das Floß dem Dorf gegenüber

vorbei. Zwei oder drei Lichtpunkte zeigten, wo es lag, friedlich schlafend,

dicht an der breiten Fläche des lichtbeschienenen Flusses, ohne Ahnung von

dem Unerhörten, das sich hier zutrug. Der ,schwarze Rächer' stand

unbeweglich, die Arme gekreuzt, den letzten Blick auf den Schauplatz seiner

glücklichen Jugend und seiner letzten Leiden werfend und in dem Wunsche,

,,sie" könnte ihn hier sehen, draußen auf der wilden See, Gefahr und Tod

mit furchtlosem Herzen ins Angesicht sehend, mit einem grimmigen Lächeln

auf den Lippen seinem Schicksal entgegengehend. Es war nur eine Kleinigkeit

für seine Einbildungskraft, Jacksons Insel aus dem Gesichtskreise des

Dorfes fortzudenken, und so konnte er den letzten Blick mit gebrochenem,

aber befriedigtem Herzen hinübersenden. Die anderen Piraten nahmen

gleichfalls Abschied. Und sie alle schauten solange, daß sie nahe daran

waren von der Strömung aus dem Bereich der Insel getrieben zu werden. Aber

sie entdeckten die Gefahr noch rechtzeitig und trafen Vorkehrungen, sie

abzuwenden. Um zwei Uhr morgens landete das Floß auf der Sandbank,

zweihundert Meter oberhalb der Spitze der Insel, und sie wanderten hin und

her, bis sie ihre Ladung geborgen hatten. Zu dem kleinen Floße gehörte auch

ein altes Segel, das spannten sie in den Büschen an einer abgelegenen

Stelle auf, um ihre Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten bei

gutem Wetter in freier Luft schlafen, wie es Ausgestoßenen ziemt.

Sie machten ein Feuer an zwanzig bis dreißig Fuß im tiefsten Schatten des

Waldes und kochten dann ein paar Kleinigkeiten als Abendessen in ihrer

Bratpfanne und verzehrten die Hälfte des mitgebrachten Schinkens.

Es schien ihnen herrlich, in dieser wild-ungebundenen Weise im

jungfräulichen Wald eines unentdeckten und unbewohnten Eilandes zu

schmausen, fern von den Hütten der Menschen, und sie nahmen sich vor, nie

wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Das flackernde Feuer erhellte

ihre Gesichter und warf seinen roten Schein auf die Baumsäulen ihres

Waldtempels und auf das Laubwerk und das Gewirr der Schlinggewächse. Als

die letzte Schinkenkruste den Weg alles Eßbaren gegangen war, streckten

sich die Burschen auf dem Grase aus, erfüllt von Behagen. Sie hätten einen

kühleren Platz finden können, aber sie wollten sich nicht eines so

romantischen Vergnügens berauben, wie es das prasselnde Lagerfeuer ihnen

bot.

,,Ist's nicht nett!" fragte Joe.

,,_Herrlich_ ist's!" bestätigte Tom.

,,Was würden die Jungs sagen, wenn sie uns sehen könnten?"

,,Sagen? Na, die würden doch gleich sterben, um hier sein zu können --

nicht, Hucky?"

,,Denk wohl," brummte Hucky. ,,Mir paßt's schon. Möchte nirgends sein als

hier. Hab' niemals genug zu essen gehabt -- und _hier_ kann niemand kommen

und einen für 'nen Landstreicher nehmen und anfahren."

,,'s ist gerad ein Leben für mich," bekräftigte Tom. ,,Man braucht morgens

nicht aufstehen, braucht nicht zur Schule zu gehen, sich nicht zu waschen

und ähnliche Dummheiten."

,,Du siehst, Joe, ein Pirat braucht _nichts_ zu tun, wenn er zu Hause ist,

aber ein Einsiedler, _der_ muß immerfort beten, und dann darf er keinen

Scherz treiben, und immer so allein!"

,,O, 's ist so," sagte Joe, ,,aber ich hatt' nicht dran gedacht -- weißt

du. Ich bin ein gut Teil lieber Pirat, als daß ich's damit versucht hätte."

,,Du mußt wissen," fuhr Tom fort, ,,Einsiedler werden die Menschen nicht

mehr so viel wie früher, aber vor 'nem Piraten haben sie immer Respekt. Und

ein Einsiedler muß auf der härtesten Stelle, die er finden kann, schlafen

und sich den Kopf mit Sackleinwand und Asche bedecken und draußen im Regen

stehen und --"

,,Warum muß er Sackleinwand und Asche auf den Kopf tun?" fragte Huck.

,,Weiß selbst nicht. Aber 's ist bestimmt so. Einsiedler tun's immer. Du

müßtest's auch tun, wenn du 'n Einsiedler wärst."

,,Heißt, wenn ich's möcht'."

,,Na, was wolltest du denn tun?"

,,Das weiß ich nicht. Aber ich tät's nicht!"

,,Na, Hucky, du mußt's! Wie wolltest du dich drum drücken?"

,,Weil ich's halt einfach nicht täte. Ich lief fort -- glaub' ich."

,,Lief fort! Na, du würdest ein schöner Kerl von 'nem Einsiedler sein! 'ne

Schande!"

Der ,Bluthändige' gab keine Antwort, er hatte Besseres zu tun. Eben hatte

er einen Maiskolben fertig ausgehöhlt, tat jetzt Tabakblätter hinein,

drückte eine glühende Kohle drauf, machte aus einem Binsenrohr einen Stiel

und stieß dicke Rauchwolken hervor; er befand sich im Zustand

ausschweifendsten Behagens.

Die Abenteuer Tom Sawyers · 第 16 / 25 题