,,O, die haben zuweilen lustige Zeiten," belehrte Tom, ,,nehmen Schiffe weg
und verbrennen sie, vergraben alles Gold daraus an einer unheimlichen
Stelle ihrer Insel, wo Geister und solche Dinger sie bewachen, und töten
alle auf dem Schiff -- lassen sie über 'ne Planke springen."
,,Und sie schleppen die Frauen auf ihre Insel," sagte Joe, ,,die _Frauen_
töten sie nicht."
,,Nein," stimmte Tom zu, ,,sie töten keine Frauen -- dazu sind sie zu edel,
Und dann sind die Frauen auch immer wunderschön, immer!"
,,Und tragen die aller-allerschönsten Kleider. Lauter Gold und Diamanten,"
sagte Joe wieder mit Begeisterung.
,,Wer?" fragte Huck.
,,Na -- die Piraten."
Huck beschaute kritisch seine eigenen Kleider. ,,Ich schätze, ich wäre für
'nen Piraten zu schlecht gekleidet," sagte er mit traurigem Pathos, ,,aber
ich hab' keine anderen als diese."
Aber die anderen beiden trösteten ihn damit, daß die schönen Kleider früh
genug kommen würden, wenn sie nur erst mal ihr Abenteuerleben begonnen
haben würden; sie machten ihm begreiflich, daß seine Lumpen es für den
Anfang schon täten, obwohl es für bessere Piraten sich schickte, in
anständigerer Garderobe zu erscheinen.
Allmählich wurde die Unterhaltung einsilbig und Müdigkeit begann sich auf
die Augenlider der kleinen Landstreicher zu senken. Die Pfeife entfiel den
Fingern des ,Bluthändigen', und er schlief den Schlaf des Gerechten und des
Müden.
Der ,Schrecken des Meeres' und der ,schwarze Rächer des spanischen Meeres'
kamen nicht so leicht zum Schlafen. Sie sagten ihr Abendgebet innerlich und
legten sich nieder, da niemand hier war, dessen Autorität sie hätte zwingen
können, niederzuknien und es laut zu sprechen. In Wahrheit hatten sie Lust,
es überhaupt nicht zu sprechen, aber sie hatten doch Furcht, soweit vom
Wege abzuirren, um nicht ein plötzliches, speziell für sie bestimmtes
Donnerwetter vom Himmel herabzubeschwören. Dann endlich befanden sie sich
ganz dicht am Rande des Schlafes -- als noch einmal ein Störenfried
auftrat, der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen. Sie
begannen die unbestimmte Empfindung zu haben, daß sie doch wohl unrecht
getan hätten, fortzulaufen. Danach dachten sie an die gestohlenen
Lebensmittel und damit begann erst die rechte Selbstquälerei für sie. Sie
versuchten sie von sich abzuwenden, indem sie sich des gestohlenen
Zuckerwerks und der Äpfel erinnerten, die sie auf dem Kerbholz hatten. Aber
das Gewissen ließ sich durch solche mageren Einwände nicht beruhigen. Es
schien ihnen schließlich doch unmöglich, um die unumstößliche Tatsache
herumzukommen, daß Äpfelstehlen lediglich ,,stibitzen" sei, während das
Forttragen von Schinken, Speckseiten und solchen Wertgegenständen nur als
vollgültiger, klarer Diebstahl bezeichnet werden könne -- und dagegen gab
es ein Verbot in der Bibel! Worauf sie innerlich beschlossen, daß, solange
sie auch bei dem Geschäft bleiben würden, ihre Seeräubereien nicht wieder
durch das Verbrechen des Diebstahls gebrandmarkt werden sollten. Ihr
Gewissen schloß auf dieser Grundlage denn auch Waffenstillstand, und diese
merkwürdig inkonsequenten Piraten fielen in tiefen Schlummer.
Vierzehntes Kapitel.
Als Tom morgens erwachte, war er sehr erstaunt über seine Umgebung. Er
setzte sich auf, rieb sich die Augen und schaute um sich; dann begriff er.
Es herrschte kühle, graue Dämmerung und ein wundervoller Hauch von Ruhe und
Frieden in der tiefen, alles durchdringenden Stille und Lautlosigkeit des
Waldes. Nicht ein Blatt rührte sich, nicht ein Laut störte das große
Nachdenken der Natur. Tautropfen lagen auf Blättern und Gräsern. Eine weiße
Schicht Asche bedeckte die Feuerstelle, und ein dünner, blauer Streifen
Rauch hob sich in die Luft empor. Joe und Huck schliefen noch. Jetzt
plötzlich begann ein Vogel im Innern des Waldes zu singen; andere
antworteten; dann machte sich das Hämmern eines Spechtes hörbar. Allmählich
erhellte sich der kühl-trübe Grauton des Morgens, und ebenso allmählich
vermehrten sich die Stimmen, und das Leben nahm zu. Alle Wunder der den
Schlaf abschüttelnden und an die Arbeit gehenden Natur entfalteten sich vor
dem staunenden Knaben. Ein kleines, grünes Kriechtier kam über ein von Tau
bedecktes Blatt daher, zwei Drittel des Körpers von Zeit zu Zeit in die
Luft erhebend, herumschnüffelnd, dann wieder weiterkriechend,
,,maßnehmend", wie Tom bei sich sagte. Und als die Raupe sich ihm selbst
näherte, saß er mäuschenstill und hoffte, je nachdem sie sich auf ihn zu
bewegte oder eine andere Richtung einschlug; und als sie schließlich,
nachdem sie einen Augenblick peinvoller Erwartung für Tom ihren gekrümmten
Leib aufgerichtet gehalten hatte, entschieden auf Tom losmarschierte und
eine Entdeckungsreise auf ihm antrat, war sein ganzes Herz voll Vergnügen,
denn er hoffte daraufhin ganz zweifellos, einen neuen Anzug zu bekommen --
eine herrliche Piratenuniform. Nun erschien eine Prozession Ameisen, Gott
weiß, woher, um sich an ihre Arbeit zu machen; eine schleppte ganz mutig
eine tote Spinne, die fünfmal so groß war wie sie selbst, und zerrte sie
auf einen Baumstrunk. Ein braun geflecktes Käferchen kraxelte einen
Grashalm in die Höhe, und Tom beugte sich zu ihm herab und sang:
,,Käferchen, Käferchen, flieg nach Haus,
Kinder allein in dem brennenden Haus!"
worauf es die Flügel ausbreitete, um heimwärts zu fliegen und nach den
allein gelassenen Kinderchen zu sehen, was Tom nicht weiter überraschte,
denn er kannte längst die Leichtgläubigkeit und die Furcht dieses Tieres
vor Feuer und hatte sie mehr als einmal ruchlos ausgenutzt.
Die ganze Natur war jetzt wach und in Bewegung, lange Nadeln von
Sonnenlicht brachen durch das dichte Laub fern und nah, und kleine
Schmetterlinge flatterten hin und her.
Tom weckte die anderen Piraten, und alle stürmten heulend davon, waren in
zwei oder drei Minuten entkleidet und jagten sich und stießen sich herum in
dem seichten, klaren Wasser der Sandbank. Sie empfanden nicht das geringste
Verlangen nach dem kleinen Dorfe, das in der Ferne an der majestätischen
Wasserwüste noch fest schlief. Eine zufällige Strömung oder eine schwache
Welle hatte das Floß fortgetrieben. Indessen freuten sie sich eher darüber,
denn durch sein Verschwinden war die Brücke zwischen ihnen und der
Zivilisation gleichsam abgebrochen.
Sie kehrten wunderbar erfrischt zu ihrem Lagerplatz zurück, vergnügt und
heißhungrig; bald hatten sie das Lagerfeuer wieder angezündet. Huck fand
eine Quelle goldklaren Wassers in der Nähe, sie machten Becher aus
Eichenrinde oder Blättern und konstatierten, daß Wasser, von solcher
Wild-Wald-Romantik versüßt, ein sehr guter Ersatz für Kaffee sei.
Während Joe sich daran machte, Speck zum Frühstück zu rösten, baten Tom und
Huck ihn, einen Augenblick zu warten; sie rannten nach einer
vielversprechenden Stelle der Sandbank und warfen dort ihre Angeln aus;
fast sofort hatten sie Erfolg. Joe hatte gar nicht Zeit gehabt, ungeduldig
zu werden, als sie schon zurück waren mit ein paar Handvoll Forellen, einem
riesigen Barsch und anderen Fischen, -- Vorrat genug für eine ganze
Familie. Sie brieten die Fische mit Speck und waren überrascht; denn kein
Fisch war ihnen bisher so delikat erschienen. Sie wußten nicht, daß ein
Fisch um so besser ist, je eher er übers Feuer kommt; auch überlegten sie
sich kaum, welche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, ein Bad und die
Zutat eines tüchtigen Hungers ausmachten.
Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, während Huck ein Pfeifchen
schmauchte, und dann machten sie sich zu einer Entdeckungsreise durch den
Wald auf die Füße. Sie trollten lustig dahin über vermoderte Baumstämme,
durch wirres Gestrüpp, zwischen schweigenden Königen des Waldes hindurch,
die von oben bis unten mit allerhand Schlingpflanzen behangen waren. Ab und
zu trafen sie auf verborgene, mit Gras bewachsene und mit Blumen
geschmückte kleine Lichtungen.
Sie fanden eine Menge Dinge, die ihnen gefielen, aber nichts, was sie in
Entzücken gesetzt hätte. Sie stellten fest, daß die Insel über drei Meilen
lang und eine Viertelmeile breit und daß die Küste, wo sie ihr am nächsten
war, nur durch einen schmalen Kanal, kaum zweihundert Meter breit, von ihr
getrennt sei. Alle paar Stunden nahmen sie ein Bad, so war es hoher
Nachmittag, als sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu hungrig, um
wieder Fische zu fangen, fielen daher tüchtig über ihren Schinken her,
warfen sich dann im Schatten nieder und plauderten. Aber das Gespräch
geriet bald ins Stocken und erstarb dann ganz. Die Stille und Einsamkeit,
die über dem Walde lagen, und die Empfindung der Verlassenheit begannen auf
die Gemüter zu wirken. Sie versanken in Nachdenken. Eine Art unbestimmter
Sehnsucht ergriff sie und lastete immer schwerer auf ihnen -- es war das
Heimweh. Selbst Finn, der Bluthändige, träumte von seinen Treppenstufen und
leeren Regentonnen. Aber sie schämten sich ihrer Schwäche, und niemand war
tapfer genug, davon zu sprechen.
Jetzt plötzlich wurden die Jungen durch einen ganz besonderen Schall in der
Ferne aufgeschreckt, wie es wohl durch das Ticken einer Wanduhr geschieht,
das man schon lange gehört hat, ohne es zu bemerken. Indessen wurde der
geheimnisvolle Ton bestimmter und drängte sich geradezu der Wahrnehmung
auf. Die Jungen fuhren in die Höhe, schauten einander an, und dann
verharrte jeder in lauschender Stellung. Es folgte langes Stillschweigen,
tief und ungestört; dann kam ein tiefer, dumpfer Ton aus weiter Ferne
herüber.
,,Was ist das," schrie Joe atemlos.
,,Möcht's auch wissen," entgegnete Tom flüsternd.
,,'s ist _nicht_ Donner," schloß sich Huck in erschrecktem Ton an, ,,denn
Donner --"
,,Still!" befahl Tom, ,,horcht -- _dann_ sprecht."
Sie warteten eine Zeitlang, die ihnen eine Ewigkeit dünkte, und dann
unterbrach derselbe dumpfe Ton die tiefe Stille.
,,Wollen wir hingehen und nachsehen?"
Sie sprangen auf und rannten nach der dem Dorfe zugewandten Küste. Sie
teilten die Büsche auf der Sandbank und spähten hindurch über die
Wasserfläche. Das kleine, eiserne Dampfboot befand sich über eine Meile
unterhalb des Dorfes, mit dem Strome treibend. Das Verdeck schien mit
Menschen bedeckt. Eine Menge Boote trieben sich um den Dampfer herum oder
ließen sich von der Strömung treiben, aber die Jungen konnten nicht
herausbringen, was die Leute vorhatten. Plötzlich schoß eine große weiße
Dampfwolke vom Dampfboot aus über den Fluß, und als sie sich ausbreitete
und in kleinen Wölkchen in die Höhe stieg, tönte derselbe dumpfe Ton den
Lauschenden in die gespitzten Ohren.
,,_Jetzt_ weiß ich!" schrie Tom, ,,'s ist jemand ertrunken!"
,,'s ist an dem," bestätigte Huck. ,,Sie machten es letzten Sommer so, als
Bill Turner unterging. Sie schossen 'ne Kanone über dem Wasser ab und davon
kam er wieder raus. Ja -- und sie nahmen Laibe Brot, taten Quecksilber
'rein und ließen sie dann schwimmen, und wo einer dann ertrunken ist, dahin
schwimmen sie ganz richtig und bleiben da stehen."
,,Ja," sagte Joe, ,,das hab' ich auch gehört. Möchte aber wissen, was das
Brot damit zu tun hat."
,,O, ich denke, 's Brot ist's wenigste," meinte Tom. ,,Ich meine, 's ist
mehr, was sie drüber sprechen, ehe sie's aussetzen."
,,Aber sie sprechen ja gar nichts drüber," warf Huck ein. ,,Ich hab's
gesehen, und sie taten's _nicht_!"
,,Na, das ist sonderbar," kopfschüttelte Tom. ,,Aber sie sagen gewiß was zu
sich selbst. Natürlich tun sie's. Jeder weiß das."
Die anderen gaben zu, daß das, was Tom da sage, was für sich habe, denn ein
lumpiges Stück Brot, nicht durch eine Besprechung mit besonderer Kraft
ausgestattet, konnte sich nicht so klug und geschickt benehmen, wenn man es
auf eine Unternehmung von solcher Wichtigkeit ausschickte.
,,Teufel," sagte Joe, ,,ich wollt' ich wär' drüben!"
,,Ich auch," bestätigte Huck. ,,Ich gäb 'nen Haufen, um zu wissen, was das
ist."
Die Jungen horchten und warteten. Plötzlich durchfuhr ein erleuchteter
Gedanke Toms Hirn, und er rief aus:
,,Jungs, ich weiß, _wen_ sie suchen dort drüben! _Uns_ suchen sie!"
Sie fühlten sich sofort als Helden. Hier war ein glänzender Triumph. Sie
wurden vermißt. Sie wurden beweint. Herzen brachen ihretwegen. Tränen
wurden vergossen. Anklagende Erinnerung an unfreundliche Handlungen gegen
diese armen Verlorenen stiegen auf, und nutzloses Bedauern und
Gewissensbisse quälten die Herzen. Und das beste -- die Vermißten wurden
zum öffentlichen Gesprächsthema des ganzen Dorfes, und dann der Neid aller
Buben, soweit diese glänzende Botschaft drang! Es war herrlich! Es gab dem
Piratenspielen erst den rechten Wert.
Als die Dämmerung hereinbrach, kehrte das Dampfboot zu seinen gewöhnlichen
Geschäften zurück, und die Boote verschwanden. Die Piraten kehrten in ihr
Lager zurück. Sie waren noch ganz betäubt durch den Überschwang ihrer neuen
Größe und das wunderbare Aufsehen, das sie erregten.
Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und legten sich
dann nieder, um Vermutungen anzustellen, was das Dorf über sie denken und
sprechen möchte. Und die Bilder, die sie sich von der allgemeinen
Bestürzung, deren Ursache _sie_ waren, machten, entzückten sie über alle
Maßen. Aber als die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, hörten sie
auf zu plaudern und saßen da, schauten ins Feuer, während ihr Geist
augenscheinlich ganz wo anders weilte. Der Rausch war geschwunden, und Tom
und Joe konnten an niemand zu Hause zurückdenken, der sich über ihre
Heldentat so freuen mochte, wie _sie_ es taten. Trübe Ahnungen stellten
sich ein. Sie fühlten sich unbehaglich und unglücklich. Ein oder zwei
Seufzer entschlüpften ihnen. Endlich wagte Joe einen Fühler auszustrecken,
um zu sehen, wie die anderen über die Rückkehr zur Zivilisation denken
mochten, -- nicht jetzt natürlich -- aber --
Tom wies ihn mit Verachtung zurück! Huck, bis jetzt noch ganz gleichmütig,
stimmte Tom bei, und der Wankelmütige gab eine demütige ,,Erklärung" ab und
war froh, sich mit einem so geringen Odium schwachherzigen Heimwehs, als es
sich nur immer machen ließ, aus der Affäre zu ziehen. Für den Augenblick
war die Empörung also offenbar niedergeschlagen.
Als die Nacht dunkelte, begann Huck zu nicken und sogleich zu schnarchen.
Joe war der nächste. Tom lag eine Zeitlang unbeweglich auf den Ellbogen,
die beiden aufmerksam beobachtend. Schließlich erhob er sich vorsichtig auf
die Knie und kroch durch das Gras und den flackernden Widerschein des
Lagerfeuers. Er sammelte und untersuchte verschiedene große Stücke weißer
Sykomorenrinde und wählte schließlich zwei, die ihm die besten schienen,
aus. Dann kroch er wieder zum Feuer und kritzelte etwas mit Rotstift auf
jedes von ihnen. Eins rollte er zusammen und schob es in seine Tasche, das
andere tat er in Joes Hut und legte diesen in einiger Entfernung von seinem
Eigentümer hin. In den Hut tat er dann noch gewisse
Schulbuben-Kostbarkeiten von fast unschätzbarem Wert, darunter ein Stück
Kreide, einen Klumpen Federharz, drei Angelhaken und eine jener Art
Marbeln, die als ,,so gut wie Kristall" bekannt sind. Dann schlich er auf
den Zehen vorsichtig zwischen den Bäumen hindurch, bis er außer Hörweite zu
sein glaubte, und dann setzte er sich in scharfen Trab in der Richtung nach
der Sandbank zu.
Fünfzehntes Kapitel.
Wenige Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank, der
Illinois-Küste zuwatend. Bevor ihm die Flut bis zur Hälfte des Körpers
reichte, war er schon halb drüben. Die Strömung erlaubte jetzt kein Waten
mehr; so machte er sich zuversichtlich daran, die letzten hundert Meter
schwimmend zurückzulegen. Er schwamm querüber, aber bald wurde er stärker
stromabwärts getrieben, als er gedacht hatte. Indessen, er erreichte die
Küste schließlich, trieb an ihr entlang und fand eine niedrige Stelle, wo
er hinauskletterte. Er legte die Hand auf die Tasche, fand, daß seine
Baumrinde darin wohlgeborgen sei und schlug sich dann mit triefenden
Kleidern durch den Wald, der Küste folgend. Kurz vor 10 Uhr kam er auf
einen freien Platz dem Dorfe gegenüber und erblickte das Dampfboot im
Schatten der Bäume und des hohen Ufers liegend. Alles war totenstill unter
den funkelnden Sternen.
Er kroch unter einen Ufervorsprung, tauchte ins Wasser, tat schwimmend drei
oder vier Stöße und kletterte in das Boot, welches, wie es sich gehörte, am
Stern des Dampfbootes befestigt war. Er legte sich unter die Bank und
wartete mit Herzklopfen. Plötzlich schlug die blecherne Glocke an, und eine
Stimme gab Befehl, abzustoßen. Ein paar Minuten später wurde die Spitze des
Bootes vom Dampfer stark angezogen, und die Reise hatte begonnen. Tom
fühlte sich erhoben durch seinen Erfolg -- er wußte, daß es die letzte
Fahrt sei, die das Boot an diesem Abend machte.
Nach langen zwölf bis fünfzehn Minuten stoppte das Fahrzeug, und Tom glitt
über Bord und schwamm im Dunkeln dem Ufer zu; er landete fünfzig Meter
unterhalb -- zur Sicherheit vor etwaigen herumstreichenden Bekannten. Er
lief durch wenig belebte Straßen und befand sich bald am hinteren Zaun
seiner Tante. Er kletterte hinüber, näherte sich behutsam dem Haus und
spähte durch das Wohnzimmerfenster, da er dort Licht sah.
Da saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe Harpers Mutter, dicht
zusammengedrängt, eifrig schwatzend. Sie saßen am Bett, und dieses stand
zwischen ihnen und der Tür. Tom schlich vorsichtig zur Tür und begann
vorsichtig den Drücker zu drücken. Dann drückte er kräftiger, und die Tür
knarrte. Er setzte seine Tätigkeit fort und hielt jedesmal inne, sobald es
knarrte, bis er glaubte, auf den Knien durchkriechen zu können. Und so
steckte er den Kopf hinein, und versuchte es vorsichtig.
,,Warum flackert das Licht so?" sagte Tante Polly. Tom beeilte sich.
,,Ich glaub gar, die Tür ist offen! Wahrhaftig, sie ist offen! Hören denn
die Gespenstergeschichten heut gar nicht auf! Geh' hin und mach sie zu,
Sid!"
Im selben Moment verschwand Tom unterm Bett. Er lag und verschnaufte 'ne
Zeitlang, und dann kroch er so weit vor, daß er Tante Pollys Füße fast
berühren konnte.
,,Aber, wie ich sagte," fing Tante Polly wieder an, ,,er war nicht
_schlecht_, nur -- wie soll ich sagen -- gerissen! Nur ein bißchen
unbesonnen, wissen Sie, und gedankenlos-flüchtig. Er dachte nie mehr nach
als ein Füllen. Bös meint' er's _nie_, er war der gutherzigste Junge, der
jemals dagewesen ist," und sie begann zu weinen.
,,Grad' so war's mit meinem Joe -- immer voll von Dummheiten und zu jedem
Unfug aufgelegt; und so selbstlos und gutmütig, wie nur einer sein kann --
und es schmerzt mich schrecklich, zu denken, daß ich hingehen konnte und
ihm eine runterhauen, weil er die Milch genommen haben sollte, und nicht
daran dachte, daß ich sie als sauer selbst fortgegossen hatte -- und ich
soll ihn nie wiedersehen in dieser Welt, nie, nie, nie -- armer verlassener
Junge!" Mrs. Harper schluchzte, als solle ihr das Herz brechen.
,,Ich hoffe, Tom ist besser dran, _wo_ er ist," sagte Sid, ,,aber wenn er
in manchen Dingen _hier_ besser gewesen wäre --"
,,Sid!" Tom fühlte ordentlich den strengen Blick aus den Augen der alten
Dame, obwohl er sie nicht sehen konnte. ,,Nicht ein Wort gegen meinen Tom,
nun er fort ist! Gott wird sich _seiner_ annehmen, sorg _du_ nur für dich
selbst, mein Lieber. O, Mrs. Harper, ich weiß nicht, wie ich's ohne ihn
aushalten soll -- ich weiß nicht, wie ich's ohne ihn aushalten soll! Er war
so anhänglich an mich -- obwohl er mein altes Herz zuweilen fast gebrochen
hätte!"
,,Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei
gelobt! Aber 's ist so hart -- o, 's ist _so_ hart! Noch letzten Samstag
ließ Joe einen Schwärmer mir unter der Nase platzen, und ich schlug ihn
nieder. Damals wußt' ich freilich nicht, wie bald -- o, wenn ich's noch mal
erleben könnte, ich würd' ihn dafür umarmen und segnen."
,,Ja, ja, ich kann's mir denken, was Sie fühlen, Mrs. Harper, ganz genau
weiß ich, was Sie fühlen! 's ist noch nicht länger als gestern abend, da
nahm Tom die Katze und füllte sie voll ,Schmerzenstöter', und ich dachte,
das Tier würd' das Haus einreißen! Und -- Gott verzeih' mir -- ich gab ihm
eins mit dem Fingerhut auf den Kopf -- armer Junge, armer toter Junge! Aber
er ist jetzt raus aus allen Schmerzen. Und die letzten Worte, die ich von
ihm gehört habe, waren --"
Aber diese Erinnerung war zu viel für die alte Dame, und sie brach völlig
zusammen. Tom schluchzte jetzt selbst -- mehr aus Mitleid mit sich selbst
als mit sonst jemand. Er konnte auch Mary weinen und von Zeit zu Zeit ein
freundliches Wort über sich sprechen hören. Er fing an, eine bessere
Meinung als bisher von sich selbst zu haben. Schließlich war er durch
seiner Tante Kummer so tief ergriffen, daß er drauf und dran war, unter dem
Bett hervorzukommen und sie mit seiner Wiederkunft freudig zu überraschen,
und der Theatereffekt war ganz nach seinem Geschmack, aber er widerstand
doch und verhielt sich still.
Er fuhr fort zu lauschen und setzte sich aus allerhand Andeutungen
zusammen, daß man erst angenommen habe, die Burschen seien beim Schwimmen
umgekommen; dann wurde das kleine Floß vermißt; dann verkündeten ein paar
Jungen, die Ausreißer hätten versprochen, das Dorf solle bald ,,von ihnen
hören". Die weisen Häupter hatten dies und das zusammengereimt und erklärt,
die Strolche seien auf diesem Floß davongefahren und würden bald in der
nächsten Stadt unterwärts anlangen. Aber gegen Mittag war das Floß gefunden
worden, ungefähr fünf oder sechs Meilen unterhalb des Dorfes an der
Missouriküste, und da hatte man die Hoffnung aufgegeben; sie mußten
ertrunken sein, denn sonst hätte der Hunger sie bei Einbruch der Nacht nach
Haus getrieben -- wenn nicht schon früher. Man glaubte, die Suche nach den
Leichen sei darum erfolglos geblieben, weil sich das Unglück in der Mitte
des Stromes zugetragen habe, denn die Jungen als gute Schwimmer würden sich
sonst ans Ufer gerettet haben. Das war Mittwoch abend. Wenn sie bis Samstag
noch nicht gefunden sein würden, müßte man alle Hoffnung aufgeben, und der
Trauergottesdienst sollte dann am Sonntag morgen stattfinden. Tom
schauderte.
Mrs. Harper wünschte mit weinerlicher Stimme ,,Gute Nacht" und rüstete sich
zum Abmarsch. Dann, mit plötzlichem Impuls, umarmten sich die beiden
verwaisten Frauen, weinten sich nach Herzenslust aus und trennten sich.
Tante Polly war doppelt zärtlich, indem sie Sid und Mary ,,Gute Nacht"
sagte. Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte aus Herzensgrund.
Tante Polly kniete nieder und betete für Tom so eindringlich, so
leidenschaftlich und mit so grenzenloser Liebe in ihren Worten und ihrer
alten, zitternden Stimme, daß er wieder, lange bevor sie zu Ende war, in
Tränen zerfloß.
Er mußte noch lange, nachdem sie zu Bett gegangen war, warten, denn von
Zeit zu Zeit stieß sie immer noch mal einen herzbrechenden Seufzer aus,
warf sich unruhig hin und her und konnte nicht zur Ruhe gelangen. Aber
schließlich war sie doch still und seufzte nur noch bisweilen im Schlaf.
Nun kroch der Junge hervor, richtete sich am Bett in die Höhe, beschattete
das Licht mit der Hand und stand lange, sie betrachtend. Sein Herz war voll
Mitleid mit ihr. Er zog seine Sykomorenrinde hervor und legte sie neben den
Leuchter. Aber es fiel ihm etwas ein, und er überlegte. Auf seinem Gesicht
lag der glückliche Widerschein seiner Gedanken. Schnell steckte er die
Rinde wieder in die Tasche, dann beugte er sich herunter, küßte die welken
Lippen und machte sich verstohlen davon, die Tür hinter sich schließend.
Er nahm seinen Weg wieder zum Dampfboot, fand niemand dort vor und begab
sich kühn an Bord des Schiffes, welches, wie er wußte, verlassen war -- bis
auf einen Wächter, der sich darin einzuschließen und zu schlafen pflegte
wie ein steinernes Bild. Er zog das kleine Boot heran, sprang hinein und
schwamm bald wieder draußen auf dem Strom. Als er eine Meile vom Dorfe
entfernt war, steuerte er querüber und legte sich tüchtig ins Zeug. Er
erreichte genau die Landungsstelle an der anderen Seite -- eine Kleinigkeit
für ihn. Große Lust hatte er, das Boot zu kapern, denn er meinte, man müsse
es doch als ,,Schiff" betrachten und es sei somit legitime Beute für einen
Seeräuber. Aber dann sagte er sich, daß genaue Nachforschungen danach
angestellt werden würden, und das hätte mit einer Entdeckung enden können.
So sprang er ans Ufer und drang in den Wald ein. Er setzte sich nieder und
hielt lange Rast, sich quälend mit Anstrengungen, wach zu bleiben, und dann
strebte er wieder seiner ,,Heimat" zu. Die Nacht war fast zu Ende. Es war
heller Morgen, bis er sich der Insel gegenüber befand. Er ruhte wieder, bis
die Sonne ganz herauf war und den Fluß mit ihrem Glanz übergoß, und dann
sprang er ins Wasser. Kurz darauf stand er triefend am Eingang des Lagers
und hörte Joe sagen: ,,Nein, Tom ist treu, Huck, und er wird wiederkommen.
Er wird _nicht_ durchbrennen. Er weiß, daß es 'ne Schande für 'nen
Seeräuber wär, und Tom ist zu stolz für so was. Er ist auf irgend was aus.
Möcht' aber wohl wissen, was?"
,,Na -- die Sachen da gehören doch jetzt uns, nicht?"
,,Beinahe, aber nicht ganz, Huck. Das Geschreibsel sagt, sie sind unser
Eigentum, wenn er nicht bis zum Frühstück wieder da ist."
,,Was er _ist_," rief Tom in theatralischer Pose, großartig ins Lager
tretend.
Ein prächtiges Frühstück, aus Schinken und Fisch bestehend, war bald zur
Stelle, und während sich die Jungen darüber hermachten, berichtete Tom (mit
vielen Ausschmückungen) seine Abenteuer. Sie waren eine edle, prahlerische
Gesellschaft von Helden, als seine Erzählung beendet war. Dann machte Tom
sich davon an einen schattigen Ort, um bis Mittag zu schlafen, die anderen
Piraten brachen auf zu Fischzug und Entdeckungsreisen.
Sechzehntes Kapitel.
Nach dem Mittagessen machte sich die ganze Bande auf nach der Sandbank, um
dort Schildkröteneier zu suchen. Sie stießen Löcher in den Sand, und wenn
sie eine hohle Stelle fanden, warfen sie sich auf die Knie und gruben mit
den Händen. Manchmal erwischten sie fünfzig bis sechzig Eier auf einem
Haufen. Es waren vollkommen runde, weiche Dinger, ein bißchen kleiner wie
'ne englische Walnuß. So hatten sie ein köstliches Eigericht für den Abend,
und ebenso am Freitag morgen. Nach dem Frühstück liefen sie mit Hurra und
Purzelbäumen zum Strand, jagten sich einander herum, warfen die Kleider ab
und waren ganz nackt; und dann setzten sie ihr lustiges Treiben im seichten
Wasser fort, gegen die Strömung anlaufend, welche ihnen um die Beine spülte
und den Spaß noch mehr erhöhte. Zuweilen standen sie zusammen und spritzten
sich mit der flachen Hand gegenseitig Wasser ins Gesicht, indem sie sich,
einander den Rücken zukehrend, heranschlichen, um den Spritzern zu
entgehen, und sich dann plötzlich packten und so lange kämpften, bis der
Stärkste seinen Gegner geduckt hatte -- und dann verwandelten sie sich alle
drei in ein Gewirr von weißen Armen und Beinen, und tauchten zugleich
wieder auf, schnaufend, lachend, spuckend und atemlos.
Nachdem sie sich so ordentlich ausgetobt hatten, stiegen sie heraus, warfen
sich in den trockenen, heißen Sand, lagen da und bedeckten sich ordentlich
damit, und dann liefen sie wieder zum Wasser, und das Spiel begann von
neuem. Schließlich fiel ihnen ein, daß ihr nackter Zustand mit
fleischfarbigen Trikots große Ähnlichkeit habe. So zogen sie einen Kreis in
den Sand und hatten einen Zirkus -- mit drei Clowns darin, denn niemand
wollte diesen stolzesten Posten einem anderen überlassen. Darauf suchten
sie ihre Murmeln hervor und spielten, bis auch dies Vergnügen langweilig
wurde.
Huck und Joe schwammen hierauf abermals; Tom wollte nicht mitmachen, denn
er fand, daß er beim Anziehen seine Klapperschlangenschnur von den Knöcheln
verloren hatte, und er wunderte sich, wie er ohne den Schutz dieses
geheimnisvollen Schutzmittels so lange vor einem Krampf bewahrt worden sei.
Er wagte sich nicht wieder ins Wasser, bis er sie wiedergefunden hatte, und
inzwischen waren die anderen müde und im Begriff, sich auszuruhen.
Herumschlendernd, trennten sie sich allmählich, verfielen in Trübsinn und
fingen an, über die breite Wasserfläche hinüberzuschauen, wo das Dorf
schläfrig in der Sonne lag. Tom ertappte sich dabei, wie er mit der Zehe
,,Becky" in den Sand schrieb; er wischte es aus, ärgerlich über seine
Schwäche. Aber er schrieb es nochmals -- trotzdem; er konnte nichts dafür.
Er wischte es nochmals aus und zog sich aus aller Versuchung, indem er die
anderen Jungen zusammentrieb und sie gegeneinander schubste.
Aber Joes Geist war allmählich gänzlich niedergedrückt. Er hatte solches
Heimweh, daß er sein Elend kaum noch tragen konnte. Die Tränen waren bei
ihm dem Überlaufen nahe. Sogar Huck war melancholisch. Toms Herz war
schwer, doch er gab sich Mühe, es nicht zu zeigen. Er hatte ein Geheimnis,
das er noch nicht preisgeben wollte, wenn aber diese Depression nicht bald
gehoben werden konnte, mußte er es verraten. Er sagte mit möglichst
sichtbarer Heiterkeit: ,,Ich glaube, 's sind schon vor uns Piraten auf der
Insel gewesen. Wollen wir doch mal nachsehen! Vielleicht haben sie hier
Schätze vergraben. Würd's euch nicht gefallen, irgendwo auf 'ne alte
verrostete Kiste voll Gold oder Silber zu stoßen, he?"
Es erhob sich aber nur ein schwacher Begeisterungssturm, der bald verflogen
war. Tom versuchte noch eine oder zwei Kriegslisten; aber auch diese
schlugen fehl. Es war recht entmutigend. Joe saß da, mit einem Stock im
Sande stochernd und schaute sehr trübselig drein.
Schließlich sagte er: ,,Ach, Jungens, laßt's uns aufgeben. Ich möcht' heim.
's ist so einsam hier."
,,Ach was, Joe, das wird schon nach und nach besser werden," entgegnete
Tom. ,,Allein schon die famose Gelegenheit zum Fischen."
,,Mag nichts wissen vom Fischen. Ich will heim!"
,,Aber, Joe, nirgends kann man so gut schwimmen wie hier."
,,Schwimmen ist nichts. Ich hab' gar keine Lust zum Schwimmen, wenn nicht
wer da ist, der mir sagt, ich soll's _nicht_ tun. Ich _will_ nach Haus!"
,,Ach, Feigling! Wickelkind! Du möchtst bloß zu deiner Alten -- schätz'
ich."
,,Ja -- ich _will_ zu meiner Mutter! Und du wolltst auch, wenn du eine
hättst. Ich bin nicht mehr Wickelkind als du!" Und Joe schluchzte ein
wenig.
,,Na, 's ist gut, wollen wir das heulende Muttersöhnchen nach Haus lassen,
nicht, Huck? Armes Ding -- wenn's halt Sehnsucht hat, seine Mutter
wiederzusehen? Soll's halt. Du bleibst hier, nicht, Huck? Wir wollen
bleiben?"
,,J -- a," sagte Huck, ohne viel Überzeugung.
,,So lang' ich lebe, sprech ich nicht mehr mit dir," sagte Joe aufsehend.
,,Das hast du davon." Trübselig stand er auf und begann sich anzukleiden.
,,Mach mir auch was draus," warf Tom hin. ,,'s braucht dich niemand. Mach,
dass du heimkommst und laß dich auslachen. Bist 'n schöner Pirat! Huck und
ich, wir sind keine Schreibabies. Wir wollen bleiben, nicht, Huck? Laß ihn
gehen, wenn er durchaus will. Denke doch, zur Not werden wir fertig ohne
ihn."
Aber trotzdem war Tom nicht recht wohl zumute, es beunruhigte ihn doch, zu
sehen, wie Joe trotzig fortfuhr, sich anzuziehen. Und dann war's
unangenehm, wie Huck mit den Augen den Vorbereitungen Joes folgte, so
aufmerksam und mit so unheimlichem Schweigen. Plötzlich begann Joe, ohne
ein Wort des Abschieds, auf das Illinoisufer zu waten. Tom begann das Herz
zu sinken. Er schielte nach Huck. Huck konnte den Blick nicht ertragen und
senkte die Augen. Dann sagte er: ,,Du -- Tom -- ich will auch gehen. 's war
schon bis jetzt so einsam, jetzt wird's noch schlimmer werden. Gehen wir
auch, Tom?"
,,Ich geh' nicht! Du kannst ja gehen, wenn du willst. Ich bleib'!"
,,Tom -- ich will lieber gehen."
,,Na, 's ist gut, so geh' doch! Wer hindert dich denn?"
Huck fing an, seine zerstreuten Kleider aufzusammeln.
,,Tom," sagte er, ,,wollt', du gingst mit. Denk mal drüber nach. Wir wollen
drüben am Ufer auf dich warten."
,,Da, da könnt ihr 'ne hübsch' lange Zeit warten, sag' ich dir."
Huck schlich kummervoll davon, und Tom schaute ihm nach, während ein
heftiges Verlangen, seinem Stolz zum Trotz hinterher zu laufen, an seinem
Herzen riß. Er hoffte, sie würden stehen bleiben, aber sie wateten langsam
weiter.
Plötzlich überkam Tom das Bewußtsein, wie einsam und still es dann sein
würde. Er kämpfte einen letzten Kampf mit seinem Stolz und dann rannte er
seinen Kameraden nach, brüllend: ,,Wartet, wartet doch! Will euch was
sagen!"
Sie blieben sofort stehen und drehten sich um. Als er bei ihnen angelangt
war, begann er, sein Geheimnis auszukramen, und sie hörten mürrisch zu, bis
sie zuletzt begriffen, was die Pointe bei der Sache sei, und in ein wahres
Kriegsgeheul von Beifall ausbrachen und sagten, 's wäre großartig, und wenn
er ihnen das früher gesagt hätte, würden sie nicht fortgegangen sein. Tom
brachte eine plausible Entschuldigung vor; in Wahrheit aber hatte er
gefürchtet, daß nicht einmal sein Geheimnis sie veranlassen würde, noch
länger bei ihm zu bleiben, und darum hatte er es als letztes
Auskunftsmittel zurückgehalten.
Die Ausreißer kehrten vergnügt zurück und nahmen mit Feuereifer ihre Spiele
wieder auf, fortwährend mit staunender Bewunderung über Toms fabelhaften
Plan und seine Genialität sich unterhaltend.
Nach einem opulenten Eier- und Fischschmaus erklärte Tom, er wolle rauchen
lernen. Joe gefiel die Idee, und er sagte, er wolle es auch lernen. So
machte Huck Pfeifen und füllte sie. Die beiden Neulinge hatten bisher noch
nie etwas anderes geraucht als Schokoladezigarren, und die haben niemals
als männlich gegolten.
Nun streckten sie sich aus, stützten sich auf die Ellbogen und begannen
zögernd zu paffen und mit wenig Vertrauen. Der Rauch hatte einen
unangenehmen Geschmack, und sie räusperten sich ein wenig, aber Tom sagte:
,,Pah! 's ist ja so leicht! Hätt' ich gewußt, daß das alles sei, hätt ich's
schon längst gelernt!"
,,Ich auch," meinte Joe. ,,'s ist ja gar nichts."
,,Gott, wie oft hab' ich 'nen Mann rauchen gesehen, und gedacht: wollt',
ich könnt's auch. Aber ich hab' nie gedacht, ich _könnt's_. So geht's mir
immer, nicht, Huck? Du hast's mich oft sagen hören, nicht, Huck? Huck weiß,
daß ich's gesagt hab'."
,,Ja, oft genug," sagte Huck.
,,Na, ich _hab's_ auch," fing Tom nochmals an. ,,Hundertmal. Mal da unten
beim Schlachthaus. Erinnerst du dich nicht, Huck? Bob Tanner war da und
Johnny Miller und Jeff Thatcher, damals, als ich's sagte. Erinnerst du dich
nicht, Huck, daß ich's gesagt hab'?"
,,Ja, 's ist an dem," entgegnete Huck. ,,'s war den Tag, als ich 'ne weiße
Murmel verloren hatte -- nee, 's war den Tag vorher."
,,Da sagt' ich's dir," bestätigte Tom. ,,Huck erinnert's."
,,Glaub', ich könnt' die Pfeife rauchen -- alle Tage," sagte Joe. ,,Fühl'
mich gar nicht schlecht."
,,Na, ich auch nicht. Ich könnt' alle Tage rauchen, aber ich wette, Jeff
Thatcher könnt's nicht."
,,Jeff Thatcher! Lieber Gott -- keine zwei Züge könnt' _der_ vertragen! Laß
's ihn nur einmal versuchen -- er soll schon sehen."
,,Ich wollt', er tät's, und Johnny Miller -- wollt', ich könnt' Johnny
Miller 's versuchen sehen."
,,Meinst du, ich nicht? Na, der Johnny Miller würd's grad so wenig können
wie sonst was! Bloß 'n bissel Rauch würd' _den_ schon umschmeißen!"
,,Natürlich würd's das, Joe! Du, ich wollt', die Jungens könnten uns jetzt
mal sehen."
,,Na, das mein' ich auch!"
,,Wißt ihr was! Sagt nichts davon, und wenn sie dann mal dabei sind, geh'
ich auf dich zu und sag': ,Joe, hast du 'ne Pfeife? Möcht' mal rauchen!'
Und du sagst, so ganz beiläufig, als wenn's nichts wär', du sagst: ,Ja, ich
hab' meine alte Pfeife, und dann noch eine, aber mein Tabak ist nicht
_sehr_ gut.' Und ich sag': ,O, 's ist schon recht, wenn er uns stark genug
ist.' Und dann du raus mit den Pfeifen und wir ordentlich drauf los, und
dann _die_ Augen, die die machen werden!"
,,Verdammt, das ist famos, Tom! Wollt, 's wär' _jetzt_!"
So plauderten sie noch 'ne Weile; aber plötzlich begann das Gespräch zu
stocken, und dann hörte es ganz auf. Das Stillschweigen wurde drückend; das
Ausspucken nahm wunderbar zu. Jede Pore im Innern des Mundes schien bei den
beiden sich in einen spuckenden Springbrunnen zu verwandeln. Kaum konnten
sie die Behälter unter der Zunge oft genug entleeren, um eine
Überschwemmung zu vermeiden; trotz aller Anstrengungen aber gelangten
kleine Ergüsse den Hals hinunter -- und jedesmal folgte plötzliches
Aufschlucken darauf. Beide sahen blaß und elend aus. Joes Pfeife fiel aus
seinen kraftlosen Händen. Toms folgte. Beider Springbrunnen waren in voller
Tätigkeit, und beider Pumpen arbeiteten fieberhaft.
Joe sagte mit schwacher Stimme: ,,Hab' mein Messer verloren. Denke, 's wird
gut sein, hinzugehen und zu suchen."
Tom, mit zitternden Lippen und ebenso schwacher Stimme sagte: ,,Ich helf
dir. Du gehst nach der Seite, und ich will nach der andern gehen -- zur
Quelle. -- Nein -- du brauchst -- nicht zu -- kommen -- -- Huck, -- wir --
wir finden's -- schon --"
So setzte sich Huck nieder und wartete 'ne Stunde. Dann fand er, es sei
sehr einsam und ging, seine Kameraden zu suchen. Sie waren weit weg im
Walde, beide sehr blaß, beide schliefen fest. Aber etwas belehrte ihn, daß,
hatten sie irgend welche Beschwerden gehabt, sie sich davon befreit hatten.
Beim Nachtessen waren sie eben nicht redselig; sie hatten einen hohlen
Blick. Und als Huck nach der Mahlzeit seine Pfeife wieder stopfte und ihnen
die ihrigen geben wollte, sagten sie: nein, sie fühlten sich nicht recht
wohl -- irgend etwas beim Mittagessen sei ihnen nicht gut bekommen.
Siebzehntes Kapitel.
Ungefähr um Mitternacht erwachte Joe und rief die Jungen an. Drückende
Schwüle lag in der Luft, das hatte etwas zu bedeuten. Die Jungen drückten
sich aneinander und suchten die freundliche Gesellschaft des Feuers, obwohl
die matte, tote Hitze der reglosen Atmosphäre erstickend war. Sie saßen
still, horchend und wartend. Jenseits des Lichtschimmers ging alles in der
Schwärze der Finsternis auf. Plötzlich fuhr ein zitternder Blitzstrahl
herunter, der auf einen Augenblick die Umgebung erleuchtete und dann wieder
schwand. Nach kurzer Zeit kam wieder einer, etwas schwächer. Dann noch
einer. Darauf ging ein leises Zittern durch die Bäume des Waldes, und die
Knaben empfanden eine kurze Kühlung im Gesicht und zitterten bei dem
Gedanken, daß der Geist der Nacht an ihnen vorübergegangen sei. Dann eine
Pause. Und dann verwandelte ein zauberhafter Blitzstrahl die Nacht in den
Tag und zeigte jeden einzelnen Grashalm, der um ihre Füße herum wuchs. Und
außerdem zeigte er drei weiße entsetzte Gesichter. Ein schwerer
Donnerschlag kam rollend und polternd vom Himmel herunter und verlor sich
in der Ferne in dumpfem Grollen. Ein kühler Lufthauch machte sich fühlbar,
in den Blättern raschelnd und die aufgehäufte Asche über den Feuerherd
wirbelnd. Ein neuer blendender Schein erhellte den Wald, und ein Krach
folgte, der die Baumwipfel über den Häuptern der Kinder zu zerreißen
schien. Sie fuhren erschreckt zusammen bei der vollkommenen Finsternis, die
darauf folgte. Ein paar schwere Regentropfen fielen klatschend auf die
Blätter.
,,Schnell, Jungens, zum Zelt," schrie Tom.
Sie rannten davon, über Wurzeln stolpernd und sich in Schlinggewächse
verwickelnd -- nicht zwei von ihnen in gleicher Richtung. Ein furchtbarer
Windstoß fuhr durch die Wipfel, jeden Laut verschlingend. Ein blendender
Blitz folgte dem anderen, ein krachender Donnerschlag dem anderen. Und
jetzt prasselte durchnässender Regen nieder, und der tobende Orkan fegte
ihn in Bündeln über die Erde hin.
Die Jungen schrien einander zu, aber der heulende Wind und die dröhnenden
Donnerschläge verschlangen ihre Stimmen völlig. Indessen drangen sie doch
nacheinander durch und suchten Schutz unter dem Zelt, kalt, zitternd und
triefend von Wasser. Gesellschaft im Unglück zu haben, schien ihnen alles
erträglicher zu machen.
Sie konnten nicht sprechen, das alte Segel schlug zu wahnsinnig, selbst
wenn die anderen Stimmen es ihnen erlaubt hätten. Der Sturm stieg höher und
höher, und plötzlich flog das Segel, aus seinen Klammern losgerissen, auf
den Flügeln des Windes davon. Die Knaben faßten sich an den Händen und
flohen, stolpernd und sich wund stoßend, in den Schutz einer großen Eiche,
die am Flußufer stand. Jetzt war der Kampf auf seinem Höhepunkt angelangt.
Bei dem unaufhörlichen Leuchten, das den Himmel in Flammen setzte, trat
alles rund umher in grelles, schattenloses Licht; die sich beugenden Bäume,
der wogende, von Schaum weißgefärbte Strom, das treibende Flußwasser. Die
steilen Felsenufer auf der anderen Seite schauten zuweilen durch die
Regenwolken. Alle Augenblicke erlag ein Baumriese der Gewalt und brach
krachend durch das Unterholz. Und die furchtbaren Donnerschläge folgten
sich in ohrenzerreißendem, explosionsähnlichem Schmettern, scharf und
krachend und unbeschreiblich ängstigend. Der Sturm erhöhte sich zu
beispielloser Wut, die die ganze Insel in Stücke reißen, sie zu verbrennen,
bis zu den Baumwipfeln versenken und jedes Lebewesen auf ihr vernichten zu
wollen schien, alles gleichzeitig und in _einem_ Augenblick. Es war eine
schreckliche Nacht für heimatlose junge Herzen.
Aber endlich hatte der Kampf ausgetobt, die Naturkräfte ruhten, schwächer
und schwächer tönend und brummend -- Friede herrschte. Die Jungen schlichen
zum Lager zurück -- nicht wenig eingeschüchtert. Und doch fanden sie dort,
daß sie alle Ursache hatten, dankbar zu sein, denn die große Sykomore, die
Beschützerin ihres Lagers, war jetzt eine Ruine, vom Blitz zerschmettert --
und sie waren während der Katastrophe nicht darunter gewesen.
Alles im Lager war durchnäßt, das Feuer erloschen; denn sie waren
leichtsinnige Herumtreiber, wie alle ihresgleichen, und hatten keine
Vorsichtsmaßregeln gegen den Regen getroffen. Das war sehr ärgerlich, denn
sie waren durchweicht und verfroren. Sie fingen an, über ihr Mißgeschick zu
jammern; aber plötzlich entdeckten sie, daß das Feuer sich an dem Baum,
unter dem es gebrannt hatte, so weit hinauf fortgepflanzt hatte, daß eine
Handbreit oder so erhalten geblieben war und noch schwach glimmte. Sie
belebten es geduldig mit Zweigen und Rinde des umgestürzten Baumes, bis sie
es wieder ordentlich entfacht hatten. Sie trockneten ihren gekochten
Schinken und hielten eine Mahlzeit ab, und dann saßen sie am Feuer und
verbreiteten sich über ihre nächtlichen Abenteuer und schmückten sie aus
bis zum Morgen, denn es gab kein trockenes Plätzchen in der ganzen
Umgebung, wo sie hätten ruhen können.
Als die Sonne auf die Knaben zu scheinen begann, überwältigte sie die
Müdigkeit, und sie gingen zur Sandbank und legten sich zum Schlaf nieder.
Allmählich wurden sie von der Sonne geröstet und machten sich daher in
trüber Stimmung ans Frühstück. Sie fühlten sich übellaunig und steif in
allen Gliedern und hatten Heimweh, mehr als je. Tom erkannte die Anzeichen
davon und versuchte, die Piraten, so gut er es vermochte, aufzuheitern.
Aber sie kümmerten sich den Teufel um Murmeln, Zirkus, Schwimmen oder sonst
was. Er erinnerte sie an das großartige Geheimnis und erzielte einen
Schimmer von Frohsinn. So lange der anhielt, suchte er sie für ein neues
Spiel zu interessieren. Es war, für eine Weile das Piratenspielen
aufzugeben und zur Abwechselung mal Indianer zu sein. Sie waren von der
Idee begeistert; und so dauerte es nicht lange, da waren sie tätowiert,
tätowiert von Kopf bis zu Fuß mit schwarzem Schmutz, gleich den Zebras,
alle natürlich Häuptlinge, und dann rannten sie heulend durch die Wälder,
um englische Niederlassungen anzugreifen.
Dann trennten sie sich in drei feindliche Stämme und stürzten aus
Hinterhalten mit schrecklichem Kriegsgeschrei aufeinander los und töteten
einander tausendweise. Es war ein blutiger Tag. Darum war es ein
befriedigender.
Zur Mittagszeit versammelten sie sich wieder im Lager, hungrig und
glücklich. Aber jetzt zeigte sich ein Hindernis -- feindliche Indianer
konnten das Friedensbrot nicht miteinander brechen, ohne erst Frieden zu
machen, und _das_ war einfach unmöglich, ohne eine Friedenspfeife zu
rauchen. Es gab keinen anderen Weg, von dem sie je gehört hätten. Zwei von
den Wilden wünschten jetzt, immer Piraten geblieben zu sein. Indessen -- es
war nichts zu machen, so forderten sie denn mit so viel Unbefangenheit, als
sie auftreiben konnten, die Pfeifen, und taten, wie es sich gehört, einen
Zug daraus.
Und _wie_ glücklich waren sie dann, daß sie Wilde geworden waren; denn sie
hatten dadurch etwas gewonnen. Sie merkten, daß sie jetzt ein bißchen
rauchen konnten, ohne fortgehen und ein verlorenes Messer suchen zu müssen.
Es wurde ihnen nicht mehr so schlecht, daß es ihnen Unannehmlichkeiten
bereitet hätte. Sie hatten aber keine Lust, diese stolze Errungenschaft aus
Mangel an Übung wieder zu verlieren: o nein, sie übten sie nach dem Essen
mit recht schönem Erfolg, und so verbrachten sie einen herrlichen Abend.
Sie waren mit ihrer neuen Kunst stolzer und glücklicher, als wenn sie sechs
Indianerstämme skalpiert und hingeschlachtet hätten. Lassen wir sie
schmauchen, plaudern und prahlen -- denn wir haben im Augenblick nichts
mehr mit ihnen zu schaffen.
Achtzehntes Kapitel.
Im Dorfe herrschte indessen an jenem friedlichen Samstag nachmittag
durchaus nicht besondere Heiterkeit. Harpers und Tante Pollys Familie waren
in Trauer und Kummer und vielen Tränen.
Ungewöhnliche Ruhe lag über dem Ort, obwohl es auch sonst still genug
herzugehen pflegte. Mit zerstreuter Miene gingen die Einwohner ihren
Geschäften nach und sprachen wenig; aber sie seufzten oft. Der freie
Samstag erschien eine Last für die Kinder. Sie hatten kein Herz für ihre
Spiele und gaben sie schließlich ganz auf.
Nachmittags begab sich Becky Thatcher in trüber Stimmung auf den
verlassenen Schulhof und fühlte sich sehr einsam. Aber sie fand dort
nichts, was sie hätte aufheitern können.
,,O, wenn ich doch seinen alten Messingknopf wiederfinden könnte," seufzte
sie halblaut. ,,Jetzt hab' ich gar nichts zur Erinnerung an ihn!" Und sie
schluckte ein paar Tränen hinunter.
Plötzlich blieb sie stehen und flüsterte: ,,Grad' _hier_ war's. Ach Gott,
wenn ich's nochmal tun sollte, ich würd's nicht sagen -- ich würd's nicht
sagen für die ganze Welt! Aber er ist jetzt fortgegangen -- und ich werd'
ihn nie -- nie wiedersehen --"
Dieser Gedanke ließ sie zusammenbrechen, sie schlich fort, während die
Tränen ihr über die Backen niederflossen.
Dann kam ein Haufe Buben und Mädel -- Spielkameraden von Tom und Joe, --
schauten über den Zaun und besprachen in halbem Ton, wie Tom dies und das
tat in der letzten Zeit, wo sie ihn gesehen hatten, und wie Joe diesen und
jenen nebensächlichen Ausspruch getan hatte (mit unheimlichem Voraussehen
der Ereignisse, wie sie jetzt wußten!) -- und jeder Sprecher bezeichnete
ganz genau die Stelle, wo die vermißten Flüchtlinge damals gestanden
hatten, und dann fügten sie hinzu: ,,und ich stand gerad so, gerad wie ich
jetzt steh', und als wenn _du er_ wärest, und ich hab' genau auf alles
geachtet, und er lächelte -- genau _so_ -- und dann überlief es mich
ordentlich, ganz -- schreck -- lich, ihr wißt ja auch, und ich konnt' mir
gar nicht denken, _was_ es sein könne, aber _jetzt_ weiß ich's."
Darauf erhob sich ein Streit, wer die toten Jungen zuletzt gesehen habe,
viele erhoben diesen traurigen Anspruch und boten Beweise, mehr oder
weniger durch Zeugen erhärtet, an; und als endgültig festgestellt war, wer
sie in der Tat zuletzt gesehen und die letzten Worte mit ihnen gewechselt
hatte, bekamen die Betreffenden dadurch eine Art geheiligter Bedeutung und
wurden von allen angestaunt und beneidet. Ein armer, kleiner Bursche, der
niemals besonders beachtet worden war, sagte, mit ordentlich stolzem
Ausdruck: ,,Na, _mich_ hat Tom Sawyer mal geprügelt!"
Aber dieser Ruhm war sehr vergänglich. Die meisten der Jungen konnten das
sagen, und das verringerte die Auszeichnung doch sehr. Die Gesellschaft
trollte sich, mit halber Stimme noch weiter Erinnerungen an die verlorenen
Helden austauschend.
Als am nächsten Tage die Sonntagsschule zu Ende war, begann die Glocke zu
läuten, statt, wie sonst, zu klingeln. Es war ein sehr stiller Sonntag, und
der traurige Ton schien sich mit der sinnenden Ruhe, die auf der Natur lag,
zu vermischen. Die Dorfbewohner trafen nach und nach ein, in der Vorhalle
einen Augenblick stehen bleibend und wispernd sich über das traurige
Ereignis unterhaltend.
Aber im Gotteshause wurde nicht geflüstert. Nur das feierliche Rascheln der
Kleider, indem sie sich auf ihre Plätze begaben, störte hier die Stille.
Niemand wußte sich zu erinnern, daß die Kirche je so voll gewesen wäre.
Es war eine erwartungsvolle, dumpfe Stille, und dann trat Tante Polly,
gefolgt von Sid und Mary und durch die Harpersche Familie, alle in tiefer
Trauer, und die ganze Gemeinde sowie der Geistliche erhoben sich
ehrfurchtsvoll und blieben stehen, bis die Leidtragenden auf der ersten
Bank sich niedergelassen hatten.
Wieder trat allgemeines Schweigen ein, nur zuweilen durch unterdrücktes
Schluchzen unterbrochen, und dann erhob der Geistliche die Hände und
betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, worauf der Text folgte: Ich
bin der Trost und das Leben.
Im Verlauf seiner Predigt gab der Geistliche solche Bilder von der
Sanftmut, dem ehrenhaften Lebenswandel und den vielversprechenden Talenten
der verlorenen Durchgänger, daß jedermann, sich einbildend, diese Porträts
zu erkennen, Schmerz empfand bei dem Gedanken, daß er gegen all das bisher
blind gewesen sei und an den armen Jungen beständig nichts als Fehler und
Flecken gesehen hatte. Der Geistliche erzählte manch rührendes Ereignis aus
dem Leben der Verschwundenen, das ihre sanften, edelmütigen Naturen zeigte,
und das Volk konnte jetzt leicht sehen, _wie_ edel und schön diese
Vorkommnisse waren und sich mit Kummer daran erinnern, daß sie ihnen
damals, als sie sich zutrugen, als arge Spitzbubenstreiche erschienen
waren, die den Ochsenziemer verdienten. Die Gemeinde wurde mehr und mehr
gerührt, je weiter die ergreifende Predigt fortschritt, bis schließlich
alles geknickt war und seine tränenreichen Klagen zu einem Chorus
selbstanklagenden Schluchzens vereinigte; sogar der Geistliche überließ
sich seinen Gefühlen und weinte auf offener Kanzel.
Auf dem Chor entstand ein Rascheln, auf das aber niemand achtete; einen
Augenblick später knarrte die Tür der Kirche. Der Geistliche hob die
strömenden Augen vom Taschentuch und stand wie angedonnert. Eins um das
andere Augenpaar folgte dem seinigen, und dann, wie von _einem_ Impuls
getrieben, erhob sich die Gemeinde und sah, wie die drei toten Jungen ganz
gemütlich den Gang heraufgeschlendert kamen, Tom voran, dann Joe, zuletzt
Huck, eine Ruine wandelnder Lumpen, mit schafsmäßig-verdutztem Gesicht. Sie
waren in dem unbenutzten Chor versteckt gewesen und hatten ihrer eigenen
Leichenrede zugehört.
Tante Polly, Mary und die Harpers warfen sich auf die Wiederauferstandenen,
sie mit Küssen überschüttend und Danksagungen ausstoßend, während der arme
Huck verwirrt und unbehaglich dabei stand, ohne im geringsten zu wissen,
was er mit sich anfangen und wohin er sich vor all den Augen, von denen ihn
keines bewillkommnete, wenden sollte.
Er stand einen Augenblick zögernd und machte einen schüchternen Versuch,
sich wegzustehlen, aber Tom ergriff ihn und sagte:
,,Tante Polly, 's ist nicht recht. 's muß sich jemand freuen, Huck
wiederzusehen!"
,,Und 's soll auch! Ich _freue_ mich, ihn zu sehen, armes, verlassenes
Kind!"
Und Tante Polly wandte ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit jetzt ihm zu --
was ihn nur noch unbehaglicher machte als vorher.
Plötzlich schrie der Geistliche aus vollem Halse: ,,Lobet den Herren, den
mächtigen König der Ehren! -- Singt -- und legt euer Herz rein!"
Und sie taten's. Daß alte Lob- und Danklied drang mit triumphierender
Inbrunst empor, und während es alles erzittern machte, schaute Tom Sawyer,
der Seeräuber, um sich auf die neidische Jugend ringsum und bekannte in
seinem Herzen, daß dies der stolzeste Moment in seinem Leben sei!
Als die Gemeinde hinausströmte, meinten alle, sie möchten sich wohl nochmal
lächerlich machen um dies Danklied nochmal so singen zu hören.
Tom erhielt an diesem Tage mehr Püffe und Küsse -- je nach Tante Pollys
Stimmung, als vorher in einem Jahre; und er wußte jetzt ganz genau, was am
meisten Dank gegen Gott und Liebe zu ihm ausdrückte.
Neunzehntes Kapitel.
Das war Toms großes Geheimnis -- der Gedanke, nach Hause zurückzukehren und
mit seinen Piratenbrüdern ihre eigene Grabrede anzuhören. Sie waren in der
Nacht auf den Sonntag auf einem Baumstamm ans Missouriufer
hinübergeschwommen, wo sie fünf oder sechs Meilen unterhalb des Dorfes
landeten; hatten darauf dicht beim Orte im Walde geschlafen bis beinahe zum
hellen Tage, waren durch mehrere abgelegene Gäßchen zur Kirche geschlichen
und hatten ihren Schlaf auf dem Chor zwischen einem Chaos von zerbrochenen
Bänken beendet.
Beim Frühstück am Montag morgen waren Tante Polly und Mary sehr zärtlich
mit Tom und sehr aufmerksam auf seine Wünsche.
Die Unterhaltung war ungewöhnlich lebhaft. Im Verlaufe derselben sagte
Tante Polly: ,,Na, Tom, ich will nicht grad' sagen, daß es 'ne besonders
_nette_ Sache war, alle Leute in Trübsal zu halten, fast 'ne Woche lang,
während ihr Jungen euch 'ne gute Zeit machtet; aber traurig ist's, Tom, daß
du so verstockt sein konntest, _mich_ leiden zu lassen! Wenn du auf 'nem
Baumstamme zu deiner Leichenrede rüberkommen konntest, hättst du wohl auch
kommen können, um mir 'n Zeichen zu geben, daß du _nicht_ tot seiest,
sondern einfach davongelaufen."
,,Ja, Tom," sagte Mary, ,,das hättst du tun können. Und ich glaube, du
_hätt'st_ es getan, wenn du dran gedacht hättest."
,,Hättst du, Tom?" fragte Tante Polly, während ihr Gesicht sich
erwartungsvoll aufhellte. ,,Na -- sag', hättst du's getan, wenn du dran
gedacht hättest?"
,,Ich -- na -- ich weiß doch nicht! 's hätt' ja alles verraten!"
,,Tom, ich hätt' doch gedacht, du hättst mich zu lieb für so was," seufzte
Tante Polly traurig, in einem Ton, bei dem Tom sehr ungemütlich wurde. ,,'s
wär' doch _etwas_ gewesen, wenn du dir die Mühe genommen hättst, dran zu
denken -- wenn du's schon nicht _tatst_."
,,Na, Tantchen, gräm, dich nur nicht darüber," beruhigte Mary. ,,'s ist mal
so Toms flüchtige Art -- er ist ja immer so zerstreut, daß er nie an was
denkt."
,,Um so schlimmer. Sid hätt' dran gedacht. Und Sid würd' auch gekommen und
's _getan_ haben. Tom, du wirst eines Tages noch mal zurückdenken, wenn's
zu spät ist, und wünschen, daß du dich 'n bißchen mehr um mich gekümmert
hättst, wo's dir doch so leicht gewesen wär'."
,,Na, Tantchen, du weißt doch, ich hab' dich lieb," schmeichelte Tom.
,,Ich würd's besser wissen, wenn du's mehr zeigtest."
,,Wollt', ich hätt' dran gedacht," sagte Tom in reuevollem Ton. ,,aber --
ich hab' wenigstens _geträumt_ von dir. 's ist doch _was_, nicht?"
,,'s ist nicht viel -- 's ist für 'ne Katze viel -- aber 's ist mehr als
nichts. Was hast du denn geträumt?"
,,Na, in der Mittwochnacht träumte mir, ihr säßet zusammen, dicht beim
Bett, Sid saß auf der Holzkiste und Mary dicht bei ihm."
,,So war's -- so war's ganz genau! Bin doch froh, daß du wenigstens von uns
zu träumen dich bequemt hast."
,,Und ich träumte, Joe Harpers Mutter wär' hier."
,,Na -- sie _war_ hier! Träumtest du noch mehr?"
,,O -- 'nen Haufen! Aber 's ist jetzt alles verschwommen."
,,Na, versuch's nur -- besinn' dich -- geht's nicht?"
,,'s scheint mir so was, als wenn der Wind -- der Wind ausgeblasen hätt' --
--"
,,Denk' besser nach, Tom! Der Wind hat nichts ausgeblasen -- na!"
Tom preßte während eines Augenblicks gespannten Nachdenkens die Finger
gegen die Stirn und sagte dann: ,,Na -- jetzt weiß ich's! Jetzt hab' ich's
wieder! Er ließ das Licht flackern --"
,,Gott erbarm' dich! Weiter. Tom, weiter!"
,,Und mir kam's vor, als hättst du gesagt: ,Na -- ich glaub' gar, die Tür
--'"
,,Weiter, Tom!"
,,Laß mich 'nen Augenblick nachdenken! Nur 'nen Augenblick. -- Richtig, ja,
-- du sagtest, du meintest, die Tür wär' offen."
,,So wahr ich hier sitz' -- ich sagte so! Sagt' ich's nicht, Mary? Weiter!"
,,Und dann -- und dann -- -- ja, ich weiß nicht _ganz_ gewiß, aber 's ist
mir doch, als hättst du Sid hingehen lassen und -- und -- --"
,,Na, na? _Wohin_ ließ ich ihn gehen? Was ließ ich ihn tun, Tom?"
,,Du ließest ihn -- du, -- ach, du ließest, ihn die Tür zumachen!"
,,Beim Himmel, 's ist so! So was hab' ich doch mein' Tag' noch nicht
gehört! Sag' mir keiner mehr, Träume bedeuten nichts! Die überkluge Harper
soll davon zu wissen bekommen, eh ich 'ne Stunde älter bin. Möcht' doch
sehen, wie sie mit ihrem Geschwätz von Aberglauben um das 'rum kommt!
Weiter, Tom!"
,,O, jetzt ist mir alles so klar wie der Tag! Dann sagtest du, ich wär'
nicht schlecht, nur leichtsinnig und gedankenlos, und dächte nie an irgend
was -- wie -- wie -- glaub', 's war 'n Füllen -- oder so."
,,Na, so _war's_, ja! Na -- Gottes Wunder! Weiter, Tom!"
,,Und dann fingst du an zu weinen."
,,Ja, ich tat's ich tat's! Und wahrhaftig nicht zum erstenmal. -- Und dann
--"
,,Dann begann Mrs. Harper zu weinen und sagte, Joe wär' grad' so einer, und
sie wollte, sie hätt' ihn nicht gehaun deswegen, daß er den Rahm genommen
haben sollte, den sie doch selbst weggeschüttet gehabt hätt' --"
,,Tom! Der Geist war über dir! Du hattst Sehergabe -- ja, gewiß, das hattst
du! Herrgott! Weiter, Tom!"
,,Dann sagte Sid -- -- er sagte --"
,,Glaub', ich sagte gar nichts," warf Sid schnell ein.
,,Doch, du tatst es Sid," entgegnete Mary.
,,Laßt das Zanken und laßt Tom sprechen. _Was_ sagte er, Tom?"
,,Er sagte -- ich denk', er sagte, er hoffe, ich wär besser dran, wo ich
jetzt sei, aber wenn ich manchmal besser gewesen wär' --"
,,Da -- hört ihr's? 's waren seine eigenen Worte!"
,,Und du leuchtetest ihm ordentlich heim."
,,Ich denke wohl, _daß_ ich's tat! 's muß ein Engel hier gewesen sein! Ein
Engel war hier, 's ist zweifellos!"
,,Und Mrs. Harper erzählte von Joe, wie er ihr durch 'nen Schwärmer 'nen
Schrecken eingejagt hätte, und _du_ erzähltest von Peter und dem
,Schmerzenstöter' --"
,,So wahr ich leb'!"
,,Und dann schwatztet ihr alle durcheinander, daß der Fluß nach uns
durchsucht worden sei und daß am Sonntag unsere Leichenfeier sein sollt',
und dann fielst du und die alte Mrs. Harper euch in die Arme und weintet,
und dann ging sie fort."
,,'s war ganz genau so! 's war genau so, so gewiß, wie ich hier aus dem
Stuhl sitz'. Tom, hättst es nicht besser erzählen können, wenn du hier
gewesen wärst! Und was dann? Weiter, Tom!"
,,Dann träumte ich, daß du für mich betetest -- und ich konnt dich sehen
und jedes Wort hören, das du sagtest. Und dann gingst du zu Bett, und ich
war so traurig, daß ich auf 'n Stück Sykomorenrinde schrieb: ,Wir sind
nicht tot -- wir sind nur fort, um Piraten zu werden,' und legte das auf
den Tisch neben den Leuchter. Und dann sahst du so lieb aus, wie du dalagst
und schliefst, daß ich träumte, ich beugte mich über dich und küßte dich."
,,Tatst du's, Tom? Tatst du's? _Dafür_ vergeb' ich dir wahrhaftig alles!"
Und sie schloß den Jungen mit solcher Inbrunst in ihre Arme, daß er sich
wie der schwärzeste der Verräter erschien.
,,'s war sehr nett -- 's war aber doch nur ein -- Traum," brummte Sid für
sich halblaut, aber hörbar.
,,Halt den Mund, Sid! Jedermann tut im Traum ganz genau dasselbe, was er
tun würde, wenn er wach wär'! Hier, Tom, ist ein schöner Apfel, den ich für
dich aufgehoben hab', wenn du mal wiedergefunden würdst -- nun fort zur
Schule! Ich dank dem lieben Gott und Vater für uns alle, daß ich dich
wiederbekommen hab', er ist langmütig und barmherzig gegen die, so an ihn
glauben und sein Wort halten; obwohl ich weiß, daß ich seine Güte nicht
verdiene; aber wenn nur die Guten seinen Segen hätten und seine Hand, ihnen
auf den rauhen Pfaden des Lebens beizustehen, würd' hier wenig Fröhlichkeit
sein, und wenige würden, wenn die lange Nacht kommt, zu seiner Herrlichkeit
eingehen dürfen. -- Na, macht fort, Sid, Mary, Tom -- macht fort, packt
euch, habt mich lange genug aufgehalten."
Die Kinder gingen zur Schule und die alte Dame zu Mrs. Harper, um ihren
Unglauben durch Toms wundervollen Traum zu vernichten. Sid hütete sich
wohl, den Gedanken auszusprechen, der ihn beherrschte, als er das Haus
verließ: ,,Ein bißchen durchsichtig -- 's ist doch zu lang für 'nen Traum,
-- und nicht _ein_ Irrtum."
Welch ein Held war Tom geworden! Er sprang und tollte nicht mehr herum,
sondern bewegte sich mit würdevollem Ernst, wie es sich für einen Piraten
geziemt, der fühlt, daß er der Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit
ist. Und er war es in der Tat; er suchte sich so zu stellen, als sehe er
die Blicke nicht und höre nicht die Bemerkungen, wie er so
dahinschlenderte, aber sie waren wahrer Balsam für ihn. Kleinere Jungen als
er hefteten sich an seine Fersen, stolz, mit ihm gesehen zu werden und von
ihm geduldet, als wäre er der Trommler an der Spitze einer Prozession
gewesen oder der Elefant, der eine Menagerie in die Stadt führt.
Gleichalterige Jungen wollten gar nicht wissen, daß er überhaupt
fortgewesen sei, aber sie verzehrten sich nichtsdestoweniger vor Neid. Sie
hätten alles dafür gegeben, seine dunkle, sonnenverbrannte Haut zu besitzen
und seinen glänzenden Ruf; und Tom hätte beides nicht einmal für einen
Zirkus fortgegeben.
In der Schule machten die Kinder so viel aus ihm und Joe, und zeigten ihnen
so wortreiche Bewunderung, daß es gar nicht lange dauerte, bis die beiden
Helden ganz unleidlich aufgeblasen wurden. Sie fingen an, ihre Abenteuer
ihren hungrigen Zuhörern zu erzählen -- aber sie fingen immer nur an; die
Geschichten konnten auch kein Ende haben bei einer an ausschmückenden
Abschweifungen so fruchtbaren Phantasie als die ihrige war. Und
schließlich, als sie ihre Pfeifen herauszogen und nachlässig anfingen, zu
rauchen, war der höchste Gipfel des Ruhmes erreicht.
Tom nahm sich vor, in Zukunft sich nicht mehr um Becky Thatcher zu kümmern.
Ruhm war ihm genug. Er wollte nur für den Ruhm leben. Nun er eine
hervorragende Persönlichkeit war, würde sie wohl versuchen, wieder
,,anzubinden". Na, mochte sie -- sie sollte sehen, daß er ebenso
unempfänglich sein konnte wie andere Leute. Grade kam sie daher. Tom
stellte sich, als sehe er sie nicht. Er ging fort und gesellte sich zu
einer anderen Gruppe Buben und Mädchen und begann zu erzählen. Bald merkte
er, daß sie aufgeregt, mit glühenden Backen und glänzenden Augen,
umhertrippelte und sich stellte, als denke sie an gar nicht anderes, als
sich mit anderen Schulmädchen herumzuschubsen und ein lautes Gelächter
auszustoßen, wenn sie eine erwischt hatte; aber er merkte auch, daß sie
ihre Gefangenen immer in seiner Nähe machte, und daß sie dann stets
verstohlen zu ihm hinüberschielte. Das schmeichelte der lasterhaften
Eitelkeit in ihm, und statt daß es ihn getrieben hätte, wieder einzulenken,
machte es ihn nur noch arroganter und ließ ihn noch geflissentlicher eine
Miene aufsetzen, als wisse er gar nichts von ihrer Anwesenheit. Plötzlich
gab sie ihr Umhertollen auf, strich unentschlossen herum, seufzte ein
paarmal und suchte Tom verstohlen und sehnsuchtsvoll mit den Augen. Dann
entdeckte sie, wie angelegentlich Tom mit Amy Lawrence plauderte. Sie
empfand einen stechenden Schmerz und wurde auf einmal zerstreut und
unsicher. Sie nahm sich vor, davonzugehen, aber ihre Füße trugen sie, ihrem
Vorsatz zum Trotz, wieder zu der Gruppe hin. Sie sagte zu einem Mädchen,
unmittelbar neben Tom -- mit erzwungener Ausgelassenheit: ,,Du, Mary
Austin! Du böses Mädel, warum kamst du gestern nicht zur Sonntagsschule?"
,,Ich war doch da -- hast du mich denn nicht gesehen?"
,,Aber, nein! Warst du da? Wo saßest du denn?"
,,In Miß Peters ihrer Klasse, wo ich immer sitze. Ich hab' _dich_ gesehen."
,,So, wirklich? Na, 's ist doch närrisch, daß _ich dich_ nicht gesehen
hab'. Ich wollt' dir doch von dem Picknick sagen."
,,O, das ist famos! Wer will eins geben?"
,,Meine Mama läßt _mich_ eins geben."
,,Ach, wie reizend! Hoff doch, daß ich auch kommen darf?"
,,Na, natürlich, 's ist doch _mein_ Picknick. 's kann jeder kommen, den ich
will -- und _dich_ will ich."
,,Das ist mal nett. Wann ist's denn?"
,,Na -- bald. So um die Ferien 'rum."
,,Das wird mal 'n Spaß! Hast du alle Knaben und Mädchen eingeladen?"
,,Ja, alle, die meine Freunde sind -- oder sein wollen," und sie schielte
wieder so verstohlen nach Tom; aber er erzählte grade Amy Lawrence von dem
schrecklichen Sturm auf der Insel und wie der Blitz die große Sykomore
traf, ,,_ganz_ dicht bei mir, keine drei Schritt davon."
,,Du, darf ich auch kommen?" fragte Gracie Miller.
,,Und ich?" Sally Rogers.
,,Und ich auch?" Susy Harper. ,,Und Joe?"
,,Ja."
Und so immer weiter mit freudigem Händeklatschen, bis alle in der Gruppe
sich ihre Einladung geholt hatten bis auf Tom und Amy. Dann wandte sich Tom
kalt ab, immer noch erzählend, und zog Amy mit sich fort. Beckys Lippen
zitterten, und die Tränen traten ihr in die Augen. Sie unterdrückte diese
verräterischen Zeichen mit forzierter Heiterkeit und fing an zu plappern,
aber das Vergnügen am Picknick war zu Ende, und auch aus allem anderen
machte sie sich nun nichts mehr. Sobald es ging, lief sie davon, versteckte
sich und befreite sich nach der Art ihres Geschlechts durch Tränen von
ihrem Kummer. Dann saß sie verdrießlich, mit beleidigter Miene da, bis die
Glocke erklang. Mit rachsüchtigem Ausdruck in den Augen sprang sie auf, gab
ihren dicken Zöpfen einen tüchtigen Schubs und dachte, sie wisse jetzt
schon, was sie zu tun habe.
In der Ecke setzte Tom seine Schäkerei mit Amy mit jubelnder
Selbstzufriedenheit fort. Und er brannte darauf, Becky zu finden und sie
mit seiner Überlegenheit zu foltern. Schließlich entdeckte er sie, aber das
Herz fiel ihm plötzlich in die Hosen. Sie saß auf einem Bänkchen hinterm
Schulhaus ganz gemütlich, mit Alfred Temple, in ein Bilderbuch schauend.
Und so vertieft waren beide, und ihre Köpfe steckten über dem Buch so dicht
zusammen, daß sie gar nichts um sich her wahrzunehmen schienen. Eifersucht
rann glühend heiß durch Toms Adern. Er begann, sich selbst zu hassen, weil
er die Gelegenheit zur Versöhnung, die ihm Becky geboten, nicht benützt
hatte. Er nannte sich selbst einen Narren und gab sich alle Ehrentitel, die
ihm gerade einfallen wollten. Er hätte schreien mögen vor Wut. Amy
schwatzte ganz vergnügt weiter, indem sie auf und ab gingen, denn ihr Herz
war voll Seligkeit, aber Toms Zunge schien gelähmt zu sein. Er hörte gar
nicht, was Amy sagte, und so oft sie eine Pause machte, um seine Antwort
abzuwarten, konnte er nur irgend eine tölpelhafte Bemerkung hervorstammeln,
die möglichst oft ganz falsch angebracht war. Immer wieder suchte er nach
der Hinterseite des Schulhauses zu gelangen, um sich an dem verhaßten
Anblick zu weiden. Er konnte nicht anders. Und es folterte ihn, zu sehen,
wie Becky Thatcher gar nicht zu wissen schien, daß er auch noch im Lande
oder überhaupt unter den Lebenden weile. Indessen sah sie ihn sehr wohl;
und sie war sich ihres Sieges sehr wohl bewußt und sah ihn mit Wollust
ebenso leiden, wie sie vorher gelitten hatte.
Amys Glück fing an, unerträglich zu werden. Tom schützte allerlei
Angelegenheiten, die er zu erledigen hatte, vor. Er _mußte_ fort, und die
Zeit verrann. Aber vergeblich -- das Mädel ließ nicht locker. Tom dachte:
O, hol sie der Teufel -- soll ich sie nie los werden? Schließlich mußte er
aber _wirklich_ seine Angelegenheiten besorgen; sie gab ihm arglos das
Versprechen, nach der Schule ihm ,,auflauern" zu wollen. Und er rannte
davon, sie dafür verwünschend.
,,Jeder andere Junge!" dachte Tom, mit den Zähnen knirschend, ,,jeder
andere im ganzen Dorf, nur nicht dieser Heilige, der denkt, weil er sich
fein anzieht, ist er 'n Vornehmer. Na, wart' nur! Hab' ich dich am ersten
Tag, wo du hier warst, geprügelt, mein Kerlchen, werd' ich's jetzt ja wohl
auch noch können! Wart' nur, bis ich dich mal tüchtig beim Kragen nehm'!
Möcht's gleich tun am liebsten, und --"
Und mit wahrer Wonne prügelte er 'nen imaginären Jungen durch -- in der
Luft herumfuchtelnd, stoßend und puffend.
,,Na, wird's -- wird's? Wirst du bald ,genug' sagen? So, nu merk's dir für
'n andermal!"
So war der Kampf bald zu seiner Zufriedenheit beendigt.
Tom rannte mittags heim. Sein Gewissen ertrug's nicht, nochmals Amys
dankbare Glückseligkeit anzusehen, und seine Eifersucht erlaubte keine
andere Zerstreuung. Becky setzte ihr Bilder-Besehen mit Alfred fort, aber
als sich Minute an Minute reihte und kein Tom kam, um sich quälen zu
lassen, begann ihr Triumphgefühl sich abzukühlen, und sie verlor das
Interesse; Unaufmerksamkeit und Geistesabwesenheit folgten, und dann
Melancholie. Ein paarmal fing sie mit dem Gehör Fußtritte auf, aber es war
jedesmal vergebliches Hoffen; kein Tom kam. Schließlich wurde ihr ganz
elend zumute, und sie wünschte, sie hätte die Sache nicht so weit
getrieben. Als der arme Alfred bemerkte, daß sie ihm entschlüpfte, nicht
wußte, wie, und fortwährend krampfhaft schrie: ,,O, hier ist 'n famoses!
Schau dies mal an!" verlor sie schließlich die Geduld und sagte: ,,Ach was,
quäl' mich nicht! Hab' keine Lust mehr dazu!" brach in Tränen aus, sprang
auf und rannte davon.
Alfred trottete nebenher und wollte sie trösten und beruhigen, aber sie
sagte:
,,Mach, daß du dich fortscherst und laß mich allein, willst du? Ich mag
dich gar nicht!"
So blieb der Junge denn zurück, sich wundernd, was er verbrochen haben
könne -- denn sie hatte ihm doch versprochen, den ganzen Nachmittag Bilder
zu besehen -- und sie rannte heulend davon. Dann kehrte Alfred betrübt ins
Schulhaus zurück. Er fühlte sich gedemütigt und beleidigt. Er fand aber
sehr leicht die Wahrheit heraus -- das Mädel hatte ganz einfach ihr Spiel
mit ihm getrieben, nur um ihren Zorn an Tom Sawyer auszulassen. Er haßte
Tom durchaus nicht weniger, als dieser Gedanke in ihm aufstieg. Nichts
wünschte er mehr, als auf irgend eine Weise diesem Jungen was einzubrocken,
ohne selbst was zu riskieren. Toms Rechtschreibebuch fiel ihm in die Augen.
Die Gelegenheit war günstig. Dankbar öffnete er es bei der Lektion für den
Nachmittag und goß Tinte über die Seite. Becky, einen Augenblick hinter ihm
durchs Fenster schauend, sah es und drückte sich davon, ohne sich zu
verraten.
Sie lief nach Haus, in der Absicht, Tom zu suchen und ihm alles zu sagen.
Tom würde ihr dankbar sein und aller Zank wäre damit zu Ende. Bevor sie
aber den halben Weg zurückgelegt hatte, war sie anderen Sinnes geworden.
Der Gedanke daran, wie sie Tom behandelt hatte, als sie von ihrem Picknick
sprach, kam wieder brennend über sie und erfüllte sie mit Scham.
Sie beschloß, ihn in der Sache mit dem beschmutzten Buch ruhig in der
Patsche stecken zu lassen und ihn obendrein für immer und ewig zu hassen.
Zwanzigstes Kapitel.
Tom langte in verdrießlichster Laune zu Hause an, und das erste Wort, das
Tante Polly an ihn richtete, zeigte ihm, daß er seinen Kummer an einen sehr
wenig versprechenden Ort getragen habe.
,,Tom, ich möchte dir doch gleich die Haut über die Ohren ziehn!"
,,Tantchen, was hab' ich denn getan?"
,,Na, du hast genug getan. Da geh' ich altes, einfältiges Weib zur Harper
hinüber und denk', ich will sie an all den Unsinn vom Träumen glauben
machen, und siehe da -- sie hat von Joe herausbekommen, daß du 'rüber
gekommen bist und hast alles gehört, was wir in der Nacht gesprochen haben.
Tom, ich weiß nicht, was aus 'nem Jungen werden soll, der sich so benimmt.
's macht mich so traurig, zu denken, daß du mich ruhig zur Harper gehen
ließt und so 'ne Närrin aus mir machen konntest -- ohne 'n Wort zu sagen."
Das war nun 'ne neue Ansicht von der Sache. Seine Gerissenheit von heut
morgen war Tom als famoser Witz und äußerst genial erschienen. Jetzt
erschien sie ihm höchst mittelmäßig und schäbig. Er ließ den Kopf hängen
und wußte in diesem Augenblick nicht, was sagen. Dann sagte er schüchtern:
,,Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht getan -- aber ich dachte nicht
dran."
,,Ach, Kind, du denkst eben nie. Du denkst an nichts als dein eigenes
Pläsier. Daran hast du gedacht, den weiten Weg von Jacksons Insel herüber
bei Nacht und Nebel zu machen, um über unsern Kummer zu lachen, und hast
dran gedacht, mich mit 'ner Lüge von dem Traum zu betrügen, aber _daran_
hast du nicht gedacht, Mitleid zu haben und uns vor Sorge zu bewahren."
,,Tantchen, ich weiß jetzt, 's war gemein, aber 's war ja nicht meine
Absicht, gemein zu sein; auf Ehre, das war's nicht! Und dann -- ich bin
_nicht_ rüber gekommen, um über euch zu lachen!"
,,Warum also bist du gekommen?"
,,'s war, um dir zu sagen, daß du dir keine Sorge zu machen brauchst, weil
wir davongelaufen waren."
,,Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Frau auf der Welt, wenn ich dran
glauben könnte, daß du daran gedacht hast, aber du weißt, du tatst es
_nicht_, und ich weiß es _auch_, Tom."
,,Aber, gewiß -- ganz gewiß, 's war so, Tantchen -- ich will mich nicht
mehr rühren können, wenn's nicht so ist!"
,,Ach, Tom, lüg' nicht -- tu's nicht! Das macht die Sache nur hundertmal
schlimmer."
,,Ich hab' aber nicht gelogen, Tante. 's ist die Wahrheit! Ich wollt' dir
den Kummer ersparen -- das allein war's, was mich nach Hause trieb."
,,Die ganze Welt würd' ich drum geben, könnt' ich's glauben! 'nen ganzen
Haufen Dummheiten würd' ich dir dafür vergessen, Tom. 's war schlimm genug,
daß du fortliefst und so schlecht handeltest. Aber, 's ist begreiflich.
Aber warum _sagtest_ du mir's nicht, Tom?"
,,Warum? Na -- sieh, Tante, als ihr anfingt, vom Trauergottesdienst zu
sprechen, kam mir auf einmal die Idee, 'rüber zu kommen und mich in der
Kirche zu verstecken und da bracht' ich's nicht fertig, mir das selbst zu
verderben. So steckt' ich die Rinde wieder in die Tasche und hielt den
Mund."
,,Was für 'ne Rinde?"
,,Die Rinde, worauf ich geschrieben hatte, daß wir Piraten geworden seien.
Jetzt wollt' ich nur, du wärst aufgewacht, als ich dich küßte -- auf Ehre,
ich wollt's!"
Das strenge Gesicht Tante Pollys hellte sich auf und Zärtlichkeit zitterte
in ihrer Stimme: ,,_Hast_ du mich geküsst, Tom?"
,,Freilich hab' ich's getan."
,,Weißt du's gewiß, daß du's tatst?"
,,Aber ja, ich tat's, Tantchen -- ganz gewiß!"
,,Warum küßtest du mich, Tom?"
,,Weil ich dich lieb hab', und du im Schlafen seufztest und ich so traurig
war."
Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte das Zittern in ihrer Stimme
nicht verbergen, als sie sagte: ,,Küß mich noch mal, Tom! -- Und jetzt fort
mit dir zur Schule, und ärgere mich nicht wieder."
Sobald er fort war, rannte sie zum Wandschrank und riß die Ruine der Jacke
heraus, in der Tom unter die Piraten gegangen war. Dann hielt sie wieder
inne und sagte zu sich: ,,Nein, ich tu's nicht. Armer Junge -- ich denke,
du hast's gelogen -- aber 's ist 'ne gesegnete, gesegnete Lüge, 's ist was
Treuherziges drin. Ich hoffe, der Herr -- ich _weiß_, der Herr wird ihm
vergeben, denn 's war doch gutherzig von ihm, das zu sagen. Aber, ich will
gar nicht wissen, _daß_ es 'ne Lüge ist. Ich _will_ nicht nachsehn."
Sie tat die Jacke wieder fort und stand eine Minute unentschlossen. Zum
zweitenmal streckte sie die Hand aus nach dem Kleidungsstück, und zum
zweitenmal zog sie sie zurück. Und nochmals griff sie danach, und diesmal
ermutigte sie sich selbst mit dem Gedanken: ,,'s ist 'ne gute Lüge -- 's
ist 'ne gute Lüge -- ich will mich nicht dadurch kränken lassen." So griff
sie in die Tasche der Jacke. Einen Moment später las sie unter Tränen Toms
Schriftstück und schluchzte: ,,Jetzt könnt' ich dem Jungen vergeben, und
wenn er 'ne Million dummer Streiche gemacht hätte."
Einundzwanzigstes Kapitel.
Es war etwas in Tante Pollys Art, als sie Tom küßte, das seinen betrübten
Geist wieder aufrichtete und ihn wieder leichtherzig und glücklich machte.
Er rannte zur Schule und hatte das Glück, auf Becky Thatcher zu stoßen.
Seine Stimmung wechselte beständig. Ohne einen Augenblick der Überlegung
rannte er auf sie zu und sagte: ,,Hab' mich heut morgen ganz gemein
benommen, Becky, und jetzt bin ich so traurig drüber. Ich will nie, nie
wieder so was tun, so lang' ich leb' -- willst du jetzt wieder gut sein?"
Das Mädchen blieb stehen und schaute ihn verächtlich an: ,,Ich würd' dir
dankbar sein, wenn du dich um dich selbst kümmern würdst, _Herr_ Thomas
Sawyer! Ich werd' _nie_ wieder mit dir sprechen."
Sie hob stolz den Kopf und spazierte davon. Tom war so verblüfft, daß er
nicht mal Geistesgegenwart genug hatte, zu sagen: ,,Wie's beliebt, Jungfer
Naseweis," bis der rechte Augenblick vorüber war. So sagte er gar nichts.
Aber er war nichtsdestoweniger in heller Wut. Er rannte auf den Schulhof,
wünschend, sie wär 'n Junge, und sich vorstellend, wie er sie durchprügeln
wollte, _wenn_ sie einer wär. Er suchte ihr zu begegnen, und als sie
vorbeikam, schleuderte er ihr eine bissige Bemerkung zu. Sie gab sie ihm
zurück, und der traurige Bruch war vollständig. Becky glaubte, in ihrem Haß
kaum abwarten zu können, bis die Schule begönne, so ungeduldig war sie, Tom
seine Prügel für das besudelte Buch bekommen zu sehen. Wenn sie noch ein
bißchen gezweifelt hatte, ob sie Alfred Temple anzeigen solle, hatte Toms
beleidigendes Benehmen diese Zweifel endgültig beseitigt.
Armes Mädchen, sie wußte nicht, wie nahe sie selbst solchem Unglück sei.
Der Lehrer, Mr. Dobbins, hegte trotz seiner mittleren Jahre noch
unbefriedigten Ehrgeiz. Sein Lieblingswunsch war gewesen, Doktor zu werden,
aber Armut hatte entschieden, daß er nichts weiter werden solle als ein
Dorfschulmeister. Täglich zog er ein geheimnisvolles Buch aus seinem Pult
und vertiefte sich darin, wenn gerade keine der Klassen aufsagte. Er hielt
das Buch unter sicherem Verschluß. Nicht ein Bengel war in der Schule, der
nicht darauf gebrannt hätte, einen Blick hineinzuwerfen, aber es bot sich
niemals eine Gelegenheit. Alle Buben und Mädel hatten ihre eigene Ansicht
über den Inhalt des Buches; aber nicht zwei Ansichten stimmten überein, und
es gab kein Mittel, diese Streitfrage zu entscheiden. Jetzt, als Becky am
Pult vorbeikam, das nahe der Tür stand, sah sie, daß der Schlüssel steckte.
's war ein wundervoller Moment. Sie schaute um sich, sah sich allein und im
nächsten Augenblick hielt sie das Buch in der Hand. Das Titelblatt --
,,Anatomie von Professor Irgendwer" -- brachte ihr keine Aufklärung. So
begann sie die Blätter umzuwenden. Plötzlich stieß sie auf eine hübsche
gestochene und übermalte Abbildung -- eine menschliche Figur. In dem
Augenblick fiel ein Schatten aufs Papier, und Tom kam ins Zimmer gerannt
und gewahrte ein Eckchen der Abbildung. Becky hielt das Buch rasch
beiseite, wollte es zumachen und hatte das Unglück, das Bild bis fast zur
Mitte durchzureißen. Sie warf das Buch ins Pult, drehte den Schlüssel um
und rannte davon, vor Wut und Schrecken schreiend: ,,Tom Sawyer, du bist
doch so gemein wie nur möglich, jemand so zu erschrecken und zu sehen, was
man da grad hat!"
,,Aber, wie konnt' ich denn wissen, _daß_ du da was besehen hast?"
,,Du solltest dich vor dir selbst schämen, Tom Sawyer! Du weißt wohl, daß
du mir aufgepaßt hast! Ach Gott, was soll ich tun, was soll ich tun! Ich
werd' geprügelt, und ich bin noch _nie -- mals_ geprügelt worden in der
Schule --" Dann stampfte sie mit ihrem kleinen Fuß und heulte: ,,Sei so
gemein, wenn du willst! Ich weiß auch was, was _du_ kriegst! Wart nur,
wirst's schon sehn! Scheußlich!" Und sie rannte aus der Tür, unter einer
neuen Flut von Tränen.
Tom stand still, ganz erstaunt über diesen Ausbruch. Dann sagte er zu sich:
,,Was für 'n sonderbares Stück von 'ner Närrin so 'n Mädel ist. Niemals
geprügelt in der Schule! Gott, was sind Prügel! Das ist recht so 'n Mädel
-- alle sind sie dünnhäutig und schwachherzig. Na, ich werd' nicht hingehn
und diese Närrin beim alten Dobbins verklatschen, aber 's kommt auf irgend
'ne andere Art ja doch raus; na, was geht's mich an? Der alte Dobbins wird
fragen, wer das Buch zerrissen hat. 's wird's niemand sagen. Dann fragt er
der Reihe nach, wie er's immer tut -- fragt die erste und dann so weiter,
und dann, wenn er ans rechte Mädel kommt, weiß er's, ohne daß sie's sagt.
Die Mädel verraten sich ja immer! Sie haben auch gar keinen Schneid. Sie
verrät sich gleich. Na, 's ist 'ne nette Patsche für Becky Thatcher, 's
gibt kein Mittel, da raus zu kommen." Tom dachte noch einen Augenblick
darüber nach und fügte dann hinzu: ,,Na, meinetwegen; 's wird ihr Spaß
machen, mich in so 'ner Patsche stecken zu sehn -- mag sie's auch mal
ausbaden!"
Tom begab sich wieder zu der Gesellschaft spektakelnder Jungen draußen.
Bald kam der Lehrer und die Schule begann. Tom fühlte kein besonderes
Interesse fürs Studium. Fortwährend schielte er auf die Mädchenseite,
Beckys Gesicht störte ihn. Alles in allem, fühlte er kein Mitleid mit ihr
und dann konnte er ihr ja auch nicht helfen. Aber er konnte auch keine
rechte Schadenfreude, die diesen Namen wirklich verdient hätte, auftreiben.
Plötzlich wurden die Tintenkleckse in seinem Buche entdeckt, und jetzt war
sein Geist mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Becky fuhr aus
ihrer Zerstreutheit auf und verfolgte mit großem Interesse die weitere
Entwickelung. Sie glaubte nicht, daß sich Tom herausreden könne, und sie
hatte recht. Das Leugnen schien die Sache für Tom nur schlimmer zu machen.
Becky bemühte sich nach Kräften, sich drüber zu freuen, und versuchte auch,
zu glauben, _daß_ sie sich drüber freue, aber sie fand, daß es doch nicht
so ganz gewiß sei. Als die Situation ganz kritisch wurde, fühlte sie die
Versuchung, aufzuspringen und Alfred Temple anzuzeigen, aber sie machte
eine Anstrengung und bezwang sich, zu schweigen, denn, sagte sie zu sich:
,,Er wird mich mit dem Bild anzeigen, ganz gewiß. Ich würd' kein Wort
sagen, und könnt' ich sein Leben retten."
Tom nahm seine Prügel in Empfang und ging auf seinen Platz zurück, nicht so
ganz mit gebrochenem Herzen, denn er sagte sich, es wäre möglich, daß er
selbst die Tinte über das Buch gegossen habe, ohne es zu wissen -- in
Gedanken; geleugnet hatte er nur der Form wegen und weil's mal so Sitte
war, und beim Leugnen geblieben war er aus Prinzip.
Eine ganze Stunde schlich herum; der Lehrer saß nickend auf seinem Thron,
die Luft wurde nur von dem Gemurmel der Lernenden bewegt. Allmählich
richtete sich Mr. Dobbins auf, gähnte, schaute in seinem Reiche umher und
griff nach seinem Buch, schien aber unentschlossen, ob er es herausnehmen
oder liegen lassen solle. Die meisten Augen leuchteten schwach auf, aber
zwei waren unter den Kindern, welche alle seine Bewegungen mit Interesse
verfolgten. Mr. Dobbins fingerte ein paar Augenblicke in Gedanken am Buche
herum, dann nahm er's heraus und setzte sich im Stuhl zurecht, um zu lesen.
Tom schielte auf Becky. Er fing einen suchenden, hilflosen, furchtsamen
Blick auf, der wie eine Kugel sein Herz durchbohrte. Sofort vergaß er
seinen Streit mit ihr. Ruhig -- etwas mußte geschehen! und zwar sofort
geschehen! Aber seine Tatkraft wurde durch die Unmittelbarkeit der Gefahr
gelähmt. Gott -- er hatte eine Idee! Er wollte hinstürzen, das Buch
ergreifen, aus der Tür rennen und fort! Aber er zauderte einen einzigen
Moment, und die Gelegenheit war vorbei -- der Lehrer öffnete das Buch.
Hätte Tom doch die Gelegenheit nochmals zurückrufen können! Zu spät -- er
wußte, für Becky gab's keine Rettung mehr! Im nächsten Augenblick hatte der
Lehrer das Verbrechen entdeckt. Jedes Auge senkte sich unter seinem starren
Blick. Es lag etwas darin, was auch den Unschuldigsten mit Furcht erfüllte.
Stillschweigen herrschte, daß man hätte bis wenigstens zehn zählen können.
Der Lehrer wurde beständig zorniger. Nun fragte er: ,,Wer zerriß dieses
Buch?"
Kein Ton. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Das Stillschweigen
dauerte fort. Der Lehrer prüfte ein Gesicht nach dem anderen auf etwaiges
Schuldbewußtsein hin.
,,Benjamin Rogers, zerrissest du dieses Buch?"
Kopfschütteln. Neue Pause.
,,Josef Harper, tatest du es?"
Wiederum Kopfschütteln. Toms Unruhe wurde größer und größer unter der
langsamen Tortur dieses Vorgehens. Der Lehrer betrachtete prüfend die Bänke
der Knaben eine Weile, dann wandte er sich zu den Mädchen:
,,Amy Lawrence?"
Kopfschütteln.
,,Gracie Miller?"
Dasselbe Zeichen.
,,Susan Harper, tatest du dies?"
Wiederum Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky Thatcher. Tom zitterte
von Kopf bis zu Fuß vor Aufregung und dem Gefühl der Machtlosigkeit.
,,Rebekka Thatcher" -- (Tom schielte auf ihr Gesicht, es war weiß vor
Schreck) -- ,,zerrissest du -- nein, sieh mir ins Gesicht" -- (ihre Hände
erhoben sich bittend) ,,zerrissest du dieses Buch?"
Ein Gedanke schoß gleich einer Erleuchtung durch Toms Hirn. Er sprang auf
die Füße und rief: ,,_Ich_ tat's! --"
Die ganze Schule war starr vor Staunen über solche Kühnheit. Tom stand
einen Moment unbeweglich, um seine Lebensgeister zu sammeln; und als er
vorschritt, seine Prügel in Empfang zu nehmen, schienen ihm Überraschung,
Dankbarkeit, Anbetung, die aus den Augen der armen Becky zu ihm sprachen,
Lohn genug für hundert Trachten Prügel. Begeistert durch den Glanz seiner
eigenen Tat, nahm er ohne einen einzigen Schrei die saftigsten Prügel
entgegen, die Mr. Dobbins jemals ausgeteilt hatte; ebenso gleichgültig
empfing er die grausame Verschärfung der Strafe durch Zuerteilung von zwei
Stunden Arrest -- denn er wußte, wer draußen auf ihn warten würde, bis
seine Gefangenschaft vorüber sei.
Tom ging an diesem Abend zu Bett voll Rachegedanken gegen Alfred Temple;
denn voll Scham und Reue hatte Becky ihm alles gesagt, ihre eigene
Verräterei nicht vergessend. Aber selbst das Verlangen nach Rache mußte
bald weicheren Gefühlen weichen, und er schlief ein, Beckys letzte Worte
als süße Musik in seinen Ohren:
,,Tom, wie _konntest_ du so edel sein!"
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Ferien nahten heran. Der Lehrer, immer streng, wurde jetzt noch
strenger und genauer, denn er wollte sich am Examenstage mit seiner Schule
von der besten Seite zeigen. Rute und Lineal kamen jetzt selten zur Ruhe --
besonders bei den kleinen Burschen. Nur die größten Jungen und die jungen
Damen von achtzehn bis zwanzig kamen ohne Prügel davon.
Und Mr. Dobbins' Prügel waren noch dazu ganz ausgesucht. Denn obwohl er
unter seiner Perücke einen vollkommen kahlen und glänzenden Schädel barg,
stand er doch erst in mittleren Jahren und fühlte durchaus noch keine
Schwäche in seinen Muskeln. Als der große Tag herannahte, trat alle
Tyrannei, die in ihm war, zutage; er schien ein grausames Vergnügen daran
zu finden, das kleinste Verbrechen zu bestrafen. Die Folge davon war, daß
auch die kleinsten Burschen ihre Tage in Schrecken und Angst verbrachten,
ihre Nächte in finsterem Rachebrüten. Sie ließen sich keine Gelegenheit
entgehen, dem Lehrer einen Streich zu spielen. Aber er blieb stets Sieger.
Die Vergeltung, welche jeder Rachetat folgte, war so ausgiebig und
großartig, daß die Jungen stets schmählich geschlagen den Kampfplatz
verließen. Schließlich zettelten sie eine gemeinsame Verschwörung an und
heckten einen Plan aus, der einen blendenden Erfolg versprach. Sie
entdeckten sich dem Anstreicherlehrling, setzten ihm ihre Idee auseinander
und forderten seine Beihilfe. Der hatte seine eigenen Gründe, davon
entzückt zu sein, denn der Lehrer wohnte in seines Vaters Familie und hatte
ihm hinreichend Anlaß gegeben, ihn zu hassen. Des Lehrers Frau wollte in
wenigen Tagen zu einem Besuch aufs Land gehen, und so stand der Ausführung
des Planes nichts entgegen. Der Lehrer pflegte sich für große Gelegenheiten
dadurch vorzubereiten, daß er sich einen hübschen kleinen Rausch zulegte,
und der Anstreicherlehrling sagte, daß, wenn am Examenstage des Lehrers
Zustand die rechte Höhe erreicht haben würde, er die Sache schon machen
wolle, während jener seinen Nicker mache; er wolle ihn dann noch eben zur
rechten Zeit wecken und zur Schule expedieren.
Als die Zeit erfüllet war, trat dann das interessante Ereignis ein. Um acht
Uhr des Abends war das Schulhaus festlich erleuchtet und mit Girlanden und
Festons von Papier und Blumen geschmückt. Der Lehrer thronte in seinem
großen Sessel auf einem erhöhten Podium, die schwarze Tafel hinter sich. Er
sah leidlich angeheitert aus. Zwei Reihen Bänke auf jeder Seite und sechs
ihm gegenüber wurden durch die Würdenträger des Ortes und die Eltern der
kleinen Gesellschaft eingenommen. Zu seiner Linken, hinter den Reihen der
Erwachsenen, war für diese Gelegenheit eine geräumige Plattform
aufgestellt, auf der die Schüler saßen, die an den Übungen des Abends
teilnehmen sollten. Reihen von kleinen Stöpseln zu einem höchst
unleidlichen Zustand des Mißbehagens zurecht gewaschen und angezogen;
Reihen von tölpelhaften größeren Jungen; weiß-strahlende Bänke von Mädchen
und jungen Damen, in Leinen und Musselin gekleidet und augenscheinlich
stolz auf ihre nackten Arme, ihren von der Großmama geerbten Schmuck, ihr
Spitzwerk von rotem und blauem Band, und die Blumen in ihrem Haar. Der Rest
des Saales war von unbeteiligten Schülern und Schülerinnen angefüllt.
Die Prüfung begann. Ein sehr kleiner Bengel stand auf und deklamierte mit
schafsmäßigem Gesicht:
Kaum glaubt ihr, daß so'n kleiner Mann
Hier vor euch stehn und sprechen kann -- usw.
sich selbst mit den peinlich abgemessenen, krampfhaften Bewegungen
begleitend, wie sie eine Maschine gemacht haben würde -- noch dazu eine
etwas aus der Ordnung geratene Maschine. Aber er schlüpfte leidlich, wenn
auch zu Tode geängstigt, durch und erhielt 'ne hübsche Menge Applaus, als
er seine gezwungene Verbeugung produzierte und sich zurückzog.
Ein kleines, verschämtes Mädchen lispelte darauf: ,,Mary hat ein kleines
Lamm" usw., machte einen mitleiderregenden Knicks, erhielt ebenfalls ihren
Anteil am Beifall und setzte sich, hochrot und glücklich.
Jetzt trat Tom mit gemachter Zuversicht vor und begann mit donnerndem
Pathos das unverwüstliche ,,Gib mir Freiheit oder Tod --" unter wilden,
wahnwitzigen Gebärden zu deklamieren -- und blieb in der Mitte stecken.
Lähmende Angst packte ihn, die Knie zitterten unter ihm, er war nahe daran,
zu ersticken. Es ist wahr, er hatte des Hauses Sympathie für sich, aber
auch des Hauses Schweigen, was ebenso schwer wog wie jene. Der Lehrer
runzelte die Stirn, und das vervollständigte seine Verwirrung.
Tom kämpfte noch 'ne Weile und dann marschierte er ab, völlig geschlagen.
Ein schwacher Versuch des Beifalls erstarb bald wieder.
Es folgte: ,,Der Knabe stand auf brennendem Deck", ,,Hernieder kam einst
Assurs Macht" und andere deklamatorische Perlen. Dann wurden Leseübungen
sowie ein Buchstabier-Gefecht vorgeführt. Die kleine Lateinklasse bestand
mit Ehren. Der Hauptschlager des Abends kam jedoch jetzt erst, die
,,Originalaufsätze" der jungen Damen. Der Reihe nach trippelten sie vor bis
zum Rand der Plattform, räusperten sich, hoben ihr Manuskript (von einem
zierlichen Band zusammengehalten) und begannen mit lobenswerter Beachtung
des Ausdrucks und der Satzzeichen zu lesen. Die Themata waren dieselben,
die bei ähnlichen Gelegenheiten vor ihnen von ihren Mamas, Großmamas und
zweifellos all ihren weiblichen Vorfahren bis zurück zu den Kreuzzügen,
gewählt worden waren. ,,Freundschaft" hieß eins, ,,Erinnerungen früher
Tage" ein anderes; dann ,,Die Religion in der Geschichte", ,,Das Land der
Träume", ,,Die Vorteile der Kultur", ,,Vergleiche der politischen
Staatsformen", ,,Melancholie", ,,Letzte Liebe", ,,Wünsche des Herzens" usw.
Ein vorwiegender Zug in all diesen Aufsätzen war eine erzwungene,
aufdringliche Schwermut; ein anderer verschwenderischer Gebrauch
hochtrabender, geschwollener Redensarten; ferner die Manier, Worte und
Bilder zu Tode zu hetzen; was sie aber ganz besonders unerträglich machte,
waren die unleidlichen, salbungsvollen Moralpauken, womit jeder, aber auch
jeder abschloß.
Was auch der Gegenstand sein mochte, jedesmal gab's schließlich die
krampfhaftesten Anstrengungen, ihn in solche Betrachtungen auslaufen zu
lassen, damit Tugend und Frömmigkeit der Verfasserin nur ja gehörig ins
rechte Licht gerückt würden. Die offenbare Verlogenheit dieser Machwerke
war aber doch nicht imstande, Widerwillen gegen derartige Verwirrungen des
Schulunterrichts zu erzeugen, und ist es überhaupt heutzutage nicht;
wahrscheinlich war es überhaupt immer so, solange die Welt steht. Es gibt
einfach keine Schule unseres Landes, wo sich die jungen Mädchen nicht
verpflichtet fühlen, ihre Aufsätze mit solch einem Sermon zu schließen. Und
man wird finden, daß die Sermone der verlogensten und am wenigsten wirklich
religiösen Mädchen immer und ausnahmslos die längsten und frömmsten sind.
Aber genug davon. Ein Prophet gilt ja nichts in seinem Vaterlande. Kehren
wir zum Examen zurück. Der erste der vorgelesenen Aufsätze betitelte sich:
,,Ist dies das Leben?" Vielleicht kann der Leser einen Auszug daraus
vertragen.
,,Mit welch überschwenglichen Gefühlen pflegt der
jugendliche Geist vorwärts auf all die zu erwartenden
Freudenfeste des Lebens zu schauen! Die Einbildungskraft
ist geschäftig, rosig gefärbte Bilder der Freude zu
malen. Im Geiste sieht sie sich als Günstling des
Glückes, sieht sie sich inmitten strahlender Festlichkeiten,
,,die Siegerin aller Siegerinnen". Ihre reizende Figur,
in entzückende Kleider gehüllt, wirbelt durch alle Irrwege
berauschender Tänze. Ihr Auge ist das glänzendste,
ihr Fuß der leichteste in der ganzen jugendschönen Gesellschaft.
In solch entzückenden Träumen rinnt die Zeit
rasch und angenehm dahin, und die ersehnte Stunde
ihres Eintrittes in die ersehnte Welt, von der sie so
vielversprechend geschwärmt hat, schlägt. Wie märchenhaft
erscheint alles ihren entzückten Blicken! Jedes neue
Erlebnis scheint ihr schöner als das letzte. Aber bald
findet sie, daß unter dieser verlockenden Hülle alles leer
und schal ist. Schmeichelei, die einst ihren Stolz kitzelte,
wirkt jetzt verletzend auf ihr Ohr. Der Ballsaal hat
seinen Reiz eingebüßt; und mit verwüsteter Gesundheit
und gebrochenem Herzen wendet sie sich ab, in dem
Bewußtsein, daß irdische Freuden die Bedürfnisse der
Seele nicht befriedigen können!"
Und so weiter, und so weiter. Von Zeit zu Zeit, während der Vorlesung, gab
es kurzes Beifallsklatschen, von leise geflüsterten Ausrufen, wie: ,,Wie
süß!" ,,Äußerst gewandt!" ,,So wahr!" usw. begleitet, und nachdem die Sache
mit einer besonders niederschmetternden moralischen Nutzanwendung beendet
war, war der Applaus geradezu enthusiastisch.
Worauf ein schmächtiges, melancholisches Mädchen, dessen Gesicht die
interessante Blässe besaß, die von Pillen und schlechter Verdauung
herrührt, vortrat und ein sogenanntes Gedicht vorlas. Zwei Verse davon
werden genügen.