,,Was fällt dir ein? Angenommen, 's käm' was dazwischen und Indianer-Joe
müßt _nicht_ hängen, wird er uns früher oder später so gewiß töten, daß wir
grad so gut schon jetzt hier liegen könnten!"
,,Huck, das hab' ich mir auch gedacht."
,,Wenn's jemand sagen soll, mag's doch Muff Potter tun, wenn er dumm genug
ist. Der ist ohnehin immer betrunken genug!"
Tom sagte nichts -- er brütete über etwas. Plötzlich wisperte er: ,,Huck,
Muff Potter _weiß_ es nicht. Wie kann er's _sagen_?"
,,Warum sollt er's nicht wissen?"
,,Weil er grad den ekligen Klaps bekommen hatte, als es Joe tat. Meinst du,
da hätt' er's sehen können? Meinst du wirklich, er könnt's wissen?"
,,Beim Henker, 's ist so, Tom!"
,,Und dann -- weißt du -- sollt' ihm nicht der Hieb den Rest gegeben
haben?"
,,Kaum glaublich, Tom! Er hatte Schnaps in sich. Ich konnt's sehen;
übrigens hat er das immer. Wenn mein Alter voll ist, kannst du ihn nehmen
und ihn mit 'nem Kirchturm überhauen -- er spürt's nicht. Er sagt's auch
selbst. Grad so ist's heut mit Muff Potter. Aber wenn einer klar im Kopf
ist, schätz' ich, daß so 'n Klaps genug für ihn sein möchte."
Nach abermaligem nachdenklichem Schweigen fuhr Tom abermals fort:
,,Huck, bist du sicher, daß du den Mund halten kannst?"
,,Tom, wir _müssen_ den Mund halten! Du weißt doch! Dieser Indianer-Teufel
würde nicht mehr Umstände machen, uns abzuschneiden, wie mit 'nen paar
Katzen, wenn wir so dumm wären, zu plappern, und sie henkten ihn _nicht_.
Nun, Tom, komm mal her, laß uns einander schwören -- das müssen wir, Tom!
-- schwören, den Mund zu halten!"
,,Mir recht, Huck. 's wird wohl das beste sein. Wollen wir also die Hand
hochhalten und schwören, daß wir --"
,,Halt mal, so geht's nicht! Das ist gut genug für kleine, alltägliche
Dinge, zum Beispiel bei Mädchen, wenn die einem überall nachlaufen, und
wenn sie -- hm -- wenn man sich verrannt hat, mein' ich -- aber so was geht
bei so 'ner häßlichen Geschichte nicht -- da muß was Schriftliches sein --
und Blut!"
Tom stimmte von ganzem Herzen zu. Die Idee war tief -- und dunkel -- und
schrecklich; die Stunde, die Umstände, die Umgebung -- alles wirkte
zusammen. Er nahm eine glänzend geschliffene Schindel auf, die im Mondlicht
lag, zog ein Stückchen Rotstift aus der Tasche, ließ das Mondlicht sein
Werk bescheinen, und kritzelte mühsam, jeden schwerfälligen Grundstrich
hervorhebend, indem er die Zunge zwischen die Zähne klemmte und sie bei den
Haarstrichen wieder freiließ, folgende Zeilen: ,,Huck Finn und Tom Sawyer
schwöhren, Sie wolen über dies den Mund Halten und sie wünschen, dahs Sie
Tot niederfallen auff ihren Wech, wenn sie jemalls plautern oter
schreiben."
Huckleberry war ganz erfüllt von Toms Fähigkeit im Schreiben und seinem
glanzvollen Stil. Er war im Begriff, mit einem Nagel sich das Fleisch zu
ritzen, als Tom einfiel: ,,Halt, nicht so. Nagel ist Eisen. Der könnte
Grünspan haben."
,,Grünspan -- was ist das?"
,,'s ist Gift, _das_ ist es! Du würdest sofort davon aufgeschwellt werden
-- sollst du sehen!" Darauf nahm Tom eine Nadel, und beide ritzten sich den
Ballen des Daumens und drückten einen Blutstropfen heraus. Schließlich,
nach vielem Quetschen machte sich Tom daran, seine Anfangsbuchstaben zu
malen, indem er den kleinen Finger als Feder benutzte. Dann zeigte er
Huckleberry, wie er ein H und ein F zu machen habe -- und dann war der Eid
bekräftigt.
Sie vergruben die Schindel, häuften unter allerhand Zeremonien und
Zauberformeln einen Hügel darüber, und die ihre Zungen bindenden Fesseln
waren geschmiedet und der Schlüssel dazu lag in der Erde.
Eine menschliche Figur schlüpfte vorsichtig durch eine Lücke am anderen
Ende des verfallenen Gebäudes, aber sie merkten es nicht.
,,Tom," wisperte Huckleberry, ,,sichert uns das davor, zu schwatzen -- für
immer?"
,,Aber, natürlich tut's das! Mag jetzt geschehen, was will -- wir müssen
schweigen. Wir wollen tot niederfallen -- weißt du's denn nicht?"
,,Ja, ich rechne, 's ist an dem."
Sie tuschelten noch 'ne Weile fort. Plötzlich schlug ein Hund mit langem,
kläglichem Ton an, gerade jenseits der Stelle der Mauer, wo sie saßen --
keine zehn Schritt davon. Die Burschen packten einander unwillkürlich in
versteinerndem Schreck.
,,Wen von uns mag er meinen?" flüsterte Huckleberry.
,,Ich weiß nicht -- schau durch die Ritze -- schnell!"
,,Nein, tu du's, Tom!"
,,Ich kann's -- kann's nicht!"
,,Bitte, Tom! -- Da ist's wieder!"
,,Ach, Gott sei Dank," wisperte Tom, ,,ich kenne seine Stimme, 's ist Bull
Harbison."
,,Ach, das ist mal gut! Ich sag dir, Tom, ich war wirklich zu Tod
erschrocken! Meinte wahrhaftig, 's wär 'n fremder Hund."
Der Hund heulte wieder. Die Herzen der Burschen sanken wieder in die Hosen.
,,Ach, verflucht, das ist nicht Bull Harbison!" flüsterte Huckleberry
weinerlich.
Tom, zitternd vor Furcht, rappelte sich auf und legte das Auge an die
Lücke.
Der Ton seiner Stimme war erbarmungswürdig, als er jetzt flüsterte: ,,O,
Huck, 's _ist ein fremder Hund_ --!"
,,Schnell, Tom, schnell, _wen_ von uns meint er?"
,,Huck, er muß uns beide meinen! -- Wir stehen dicht beieinander."
,,O, Tom, ich fürchte -- wir sind futsch! Ich rechne, wohin _ich_ komme,
darüber kann kein Zweifel sein. Ich bin so schlecht, Tom!"
,,Der Teufel hol's! Das kommt davon, wenn man Blindekuh spielt und alles
tut, wovon der Lehrer sagt, daß man's nicht tun soll! Ich wollt', ich wär
so artig gewesen wie Sid -- wenn ich's gekonnt hätte. Aber nein, ich
mocht's nicht sein! Aber wenn ich hier fortkomm', ich sag' dir, ich werd'
_immer_ in die Sonntagsschule gehen." Und Tom begann ein bißchen zu heulen.
,,Du _schlecht_?" Und Huckleberry heulte zur Gesellschaft mit. ,,Ich sag's
dir, Tom, du bist einfach Gold gegen mich! O, Gott, Gott, Gott -- ich
wollte, ich wäre nur halb so gut wie du!"
Tom fuhr zusammen und flüsterte: ,,Schau, Hucky, schau nur! Er wendet uns
ja den _Rücken_ zu!"
Hucky schaute hinaus, und Freude erfüllte sein Herz.
,,Teufel, 's _ist_ so! Tat er's vorher auch schon?"
,,Ja, er tat's, aber ich Dummkopf dachte nicht daran. Na, das ist mal
famos. Aber -- wen kann er nur meinen?"