Am Michaelistage, eben als bei den Karmelitern die Abendhora
eingeläutet wurde, fuhr ein mit vier Postpferden bespannter
stattlicher Reisewagen, donnernd und rasselnd durch die Gassen des
kleinen polnischen Grenzstädtchens L., und hielt endlich still vor der
Haustür des alten teutschen Bürgermeisters. Neugierig steckten die
Kinder die Köpfe zum Fenster heraus, aber die Hausfrau stand auf von
ihrem Sitze und rief, indem sie ganz unmutig ihr Nähzeug auf den Tisch
warf, dem Alten, der aus dem Nebenzimmer schnell eintrat, entgegen:
»Schon wieder Fremde, die unser stilles Haus für eine Gastwirtschaft
halten, das kommt aber von dem Wahrzeichen her. Warum hast du auch die
steinerne Taube über der Tür aufs neue vergolden lassen?« Der Alte
lächelte schlau und bedeutsam ohne etwas zu erwidern; im Augenblick
hatte er den Schlafrock abgeworfen, das Ehrenkleid, das vom Kirchgange
her noch wohlgebürstet über der Stuhllehne hing, angezogen, und ehe
die ganz erstaunte Frau den Mund zur Frage öffnen konnte, stand er
schon, sein Samtmützchen unterm Arm, so daß sein silberweißes Haupt
in der Dämmerung hell aufschimmerte, vor dem Kutschenschlage, den
indessen ein Diener geöffnet. Eine ältliche Frau im grauen Reisemantel
stieg aus dem Wagen, ihr folgte eine hohe jugendliche Gestalt mit
dicht verhülltem Antlitz die auf des Bürgermeisters Arm gestützt, in
das Haus hinein mehr wankte als schritt, und kaum ins Zimmer getreten,
wie halb entseelt in den Lehnstuhl sank, den die Hausfrau auf des
Alten Wink schnell herangerückt. Die ältere Frau sprach leise und sehr
wehmütig zu dem Bürgermeister: »Das arme Kind! - ich muß wohl noch
einige Augenblicke bei ihr verweilen«, damit machte sie Anstalt ihren
Reisemantel herunterzuziehen, worin ihr des Bürgermeisters ältere
Tochter beistand, so daß bald ihr Nonnengewand, sowie ein auf der
Brust funkelndes Kreuz sichtbar wurde, welches sie als Äbtissin eines
Zisterzienser Nonnenklosters darstellte. Die verhüllte Dame hatte
unterdessen nur durch ein leises, kaum vernehmbares Ächzen kund getan,
daß sie noch lebe und endlich die Hausfrau um ein Glas Wasser gebeten.
Die brachte aber allerlei stärkende Tropfen und Essenzen herbei, und
pries ihre Wunderkraft, indem sie die Dame bat, doch nur die dicken,
schweren Schleier, die ihr alles freie Atmen verhindern müßten,
abzulegen. Mit der Hand jede Annäherung der Hausfrau abwehrend, mit
allen Zeichen des Abscheues den Kopf zurückbeugend, verwarf aber die
Kranke den Vorschlag, und selbst, als sie endlich es sich gefallen
ließ, den Duft einer starken Lebensessenz einzuziehen, als sie etwas
von dem verlangten Wasser, in das die besorgte Hausfrau einige Tropfen
eines bewährten Elixiers hineingetan, genoß, tat sie alles dies unter
den Schleiern, ohne sie nur im mindesten zu lüpfen. »Ihr habt doch,
mein lieber, alter Herr!« wandte sich die Äbtissin zum Bürgermeister,
»Ihr habt doch alles so bereitet, wie es gewünscht worden?«
- »Jawohl«, erwiderte der Alte, »jawohl! ich hoffe, mein
durchlauchtigster Fürst soll mit mir zufrieden sein, so wie die Dame,
für die ich alles zu tun bereit bin, was nur in meinen Kräften steht.«
- »So laßt mich«, fuhr die Äbtissin fort, »mit meinem armen Kinde noch
einige Augenblicke allein.« Die Familie mußte das Zimmer verlassen.
Man hörte, wie die Äbtissin eifrig und salbungsvoll der Dame zusprach,
und wie diese endlich auch zu reden begann mit einem Ton, der tief bis
ins Herz drang. Ohne gerade zu horchen, blieb denn doch die Hausfrau
an der Türe des Zimmers stehen, indessen wurde italienisch gesprochen,
und selbst dies machte für sie den ganzen Auftritt geheimnisvoller und
vermehrte die Beklommenheit, welche ihr den Mund verschloß. Frau und
Tochter trieb der Alte fort, um für Wein und andere Erfrischungen zu
sorgen, er selbst ging in das Zimmer zurück. Getrösteter, gefaßter
schien die verschleierte Dame, welche mit gebeugtem Haupt und
gefalteten Händen vor der Äbtissin stand. Diese verschmähte es nicht,
etwas von den Erfrischungen anzunehmen, die ihr die Hausfrau darbot,
dann rief sie: »Nun ist es Zeit!« Die verschleierte Dame sank nieder
auf die Knie, die Äbtissin legte die Hände auf ihr Haupt und sprach
leise Gebete. Als diese geendet, schloß sie, indem häufige Tränen ihr
über die Wangen rollten, die Verschleierte in die Arme und drückte sie
heftig wie im Übermaß des Schmerzes an die Brust, dann gab sie gefaßt
und würdevoll der Familie die Benediktion und eilte, vom Alten
geleitet, rasch in den Wagen, vor dem die frisch angelegten Postpferde
laut wieherten. In vollem Juchzen und Blasen jug der Postillion durch
die Gassen zum Tore hinaus. Als nun die Hausfrau gewahrte, daß die
verschleierte Dame, für die man ein paar schwere Koffer vom Wagen
abgepackt und hineingetragen, dablieb, wohl gar auf lange Zeit
eingezogen sei, konnte sie sich gar nicht lassen vor peinlicher
Neugier und Sorge. Sie trat hinaus auf den Hausflur und dem Alten, der
eben in das Zimmer wollte, in den Weg. »Um Christus willen«, flüsterte
sie leise und ängstlich, »um Christus willen, welch einen Gast bringst
du mir ins Haus, denn du weißt doch ja von allem und hast es mir nur
verschwiegen.« - »Alles, was ich weiß, sollst du auch erfahren«,
erwiderte der Alte ganz ruhig. »Ach, ach!« fuhr die Frau noch
ängstlicher fort, »du weißt aber vielleicht nicht alles; wärst du nur
jetzt im Zimmer gewesen. Sowie die Frau Äbtissin abgefahren, mochte es
der Dame doch wohl zu beklommen werden in ihren dicken Schleiern. Sie
nahm den großen schwarzen Kreppflor, der ihr bis an die Knie reichte,
herab, und da sah ich« - »Nun was sahst du denn«, fiel der Alte der
Frau, die zitternd sich umschaute, als erblicke sie Gespenster, in die
Rede. »Nein«, sprach die Frau weiter, »die Gesichtszüge konnte ich
unter den dünnen Schleiern gar nicht deutlich erkennen, aber wohl die
Totenfarbe, ach die greuliche Totenfarbe. Aber nun Alter, nun merk
auf: deutlich, nur zu deutlich, ganz sonnenklar liegt's am Tage,
daß die Dame guter Hoffnung ist. In wenigen Wochen kommt sie ins
Kindbett.« - »Das weiß ich ja, Frau«, sprach der Alte ganz mürrisch,
»und damit du nur nicht umkommen mögest vor Neugier und Unruhe, will
ich dir mit zwei Worten alles erklären. Wisse also, daß Fürst Z.,
unser hoher Gönner, mir vor einigen Wochen schrieb, die Äbtissin des
Zisterzienserklosters in O. werde mir eine Dame bringen, die ich bei
mir in meinem Hause aufnehmen solle, in aller Stille, jedes Aufsehen
sorglich vermeidend. Die Dame, welche nicht anders genannt sein
wolle, als schlechtweg Cölestine, werde bei mir ihre nahe Entbindung
abwarten, und dann nebst dem Kinde, das sie geboren, wieder
abgeholt werden. Füge ich nun noch hinzu, daß der Fürst mir mit den
eindringlichsten Worten die sorgsamste Pflege der Dame empfohlen und
für die ersten Auslagen und Bemühungen einen tüchtigen Beutel mit
Dukaten, den du in meiner Kommode finden und beäugeln kannst,
beigefügt hat, so werden wohl alle Bedenken aufhören.« - »So müssen
wir«, sprach die Hausfrau, »vielleicht arger Sünde, wie sie die
Vornehmen treiben, die Hand bieten.« Noch ehe der Alte darauf etwas
erwidern konnte, trat die Tochter zum Zimmer heraus, und rief ihn zur
Dame, welche sich nach Ruhe sehne und in das für sie bestimmte Gemach
geführt zu werden wünsche. Der Alte hatte die beiden Zimmerchen des
obern Stocks so gut ausschmücken lassen, als er es nur vermochte,
und war nicht wenig betreten, als Cölestine frug, ob er außer diesen
Gemächern nicht noch eins, dessen Fenster hintenheraus gingen,
besitze. Er verneinte das und fügte nur, um ganz gewissenhaft zu sein,
hinzu, daß zwar noch ein einziges Gemach mit einem Fenster nach dem
Garten heraus, vorhanden, dies dürfte aber gar kein Zimmer, sondern
nur eine schlechte Kammer genannt werden; kaum so geräumig, um ein
Bette, einen Tisch und einen Stuhl hineinzustellen, ganz einer elenden
Klosterzelle gleich. Cölestine verlangte augenblicklich, diese Kammer
zu sehen, und erklärte, kaum hineingekommen, daß eben dieses Gemach
ihren Wünschen und Bedürfnissen angemessen sei, daß sie nur in diesem
und keinem andern wohnen, und es nur dann, wenn ihr Zustand durchaus
größeren Raum und eine Krankenwärterin erfordern solle, mit einem
größern vertauschen werde. Verglich der Alte schon jetzt dieses enge
Gemach mit einer Klosterzelle, so war es andern Tages ganz dazu
geworden. Cölestine hatte ein Marienbild an die Wand geheftet und auf
den alten hölzernen Tisch, der unter dem Bilde stand, ein Kruzifix
hingestellt. Das Bette bestand in einem Strohsack und einer wollenen
Decke, und außer einem hölzernen Schemmel und noch einem kleinen
Tisch, litt Cölestine kein anderes Gerät. Die Hausfrau, ausgesöhnt
mit der Fremden durch den tiefen zehrenden Schmerz, der sich in
ihrem ganzen Wesen offenbarte, glaubte nach gewöhnlicher Weise sie
aufheitern, unterhalten zu müssen, die Fremde bat aber mit den
rührendsten Worten, eine Einsamkeit nicht zu verstören, in der allein
mit ganz der Jungfrau und den Heiligen zugewandtem Sinn sie Tröstung
finde. Jedes Tages, sowie der Morgen graute, begab sich Cölestine zu
den Karmelitern, um die Frühmesse zu hören; den übrigen Tag schien sie
unausgesetzt Andachtsübungen gewidmet zu haben, denn so oft es auch
nötig wurde sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, fand man sie entweder
betend oder in frommen Büchern lesend. Sie verschmähte andere Speise
als Gemüse, anderes Getränk als Wasser, und nur die dringendsten
Vorstellungen des Alten, daß ihr Zustand, das Wesen, das in ihr
lebe, bessere Kost fordere, konnte sie endlich vermögen, zuweilen
Fleischbrühe und etwas Wein zu genießen. Dieses strenge klösterliche
Leben, hielt es auch jeder im Hause für die Buße begangener Sünde,
erweckte doch zu gleicher Zeit inniges Mitleiden und tiefe Ehrfurcht,
wozu denn auch der Adel ihrer Gestalt, die siegende Anmut jeder ihrer
Bewegungen nicht wenig beitrug. Was aber diesen Gefühlen für die
fremde Heilige etwas Schauerliches beimischte, war der Umstand, daß
sie die Schleier durchaus nicht ablegte, so daß keiner ihr Gesicht zu
erschauen vermochte. Niemand kam in ihre Nähe, als der Alte und der
weibliche Teil seiner Familie, und diese, niemals aus dem Städtchen
gekommen, konnten unmöglich durch das Wiedererkennen eines Gesichts,
das sie vorher nicht gesehen, dem Geheimnis auf die Spur kommen. Wozu
also die Verhüllung? - Die geschäftige Fantasie der Weiber erfand bald
ein greuliches Märchen. Ein fürchterliches Abzeichen (so lautete die
Fabel), die Spur der Teufelskralle, hatte das Gesicht der Fremden
gräßlich verzerrt, und darum die dicken Schleier. Der Alte hatte Mühe
dem Gewäsche zu steuern und zu verhindern, daß wenigstens _vor_ der Türe
seines Hauses nicht Abenteuerliches von der Fremden geschwatzt wurde,
deren Aufenthalt in des Bürgermeisters Hause freilich in der Stadt
bekannt geworden. Ihre Gänge nach dem Karmeliterkloster blieben auch
nicht unbemerkt, und bald nannte man sie des Bürgermeisters schwarze
Frau, womit freilich sich von selbst die Idee einer spukhaften
Erscheinung verband. Der Zufall wollte, daß eines Tages, als die
Tochter der Fremden die Speisen in das Zimmer brachte, der Luftstrom
den Schleier erfaßte und aufhob; mit Blitzesschnelle wandte sich die
Fremde, so daß sie sich in demselben Moment dem Blick des Mädchens
entzog. Diese kam aber erblaßt und an allen Gliedern zitternd herab.
Keine Verzerrung, aber so wie die Mutter ein totenbleiches, hatte
sie ein marmorweißes Antlitz erschaut, aus dessen tiefen Augenhöhlen
es seltsam hervorblitzte. Der Alte schob mit Recht vieles auf des
Mädchens Einbildung, aber auch ihm war es, im Grunde genommen, so
zumute wie allen; er wünschte das verstörende Wesen, trotz aller
Frömmigkeit, die es bewies, fort aus seinem Hause. Bald darauf weckte
in einer Nacht der Alte die Hausfrau und sagte ihr, daß er schon seit
einigen Minuten ein leises Wimmern und Ächzen, ein Klopfen vernehme,
das von Cölestinens Zimmer zu kommen scheine. Die Frau, von der Ahnung
ergriffen, was das sein könne, eilte hinauf. Sie fand Cölestinen,
angezogen und in ihre Schleier gewickelt, auf dem Bette halb
ohnmächtig liegen und überzeugte sich bald, daß die Niederkunft nahe
sei. Schnell traf man die längst vorbereiteten Anstalten, und in
weniger Zeit war ein gesundes holdes Knäblein geboren. Dies Ereignis,
hatte man es auch längst vorausgesehen, trat doch wie unerwartet ein,
und vernichtete in seinen Folgen das drückende unheimliche Verhältnis
mit der Fremden, welches auf der Familie schwer gelastet hatte. Der
Knabe schien, wie ein sehnender Mittler, Cölestinen dem Menschlichen
wieder näher zu bringen. Ihr Zustand litt keine strenge asketische
Übungen, und indem ihre Hülflosigkeit ihr die Menschen, welche sie mit
liebender Sorgfalt pflegten, aufnötigte, gewöhnte sie sich mehr und
mehr an ihren Umgang. Die Hausfrau dagegen, die nun die Kranke warten,
ihr selbst die nahrhafte Suppe kochen und darreichen konnte, vergaß in
dieser häuslichen Sorge alles Böse, was ihr sonst über die rätselhafte
Fremde in den Sinn gekommen. Sie dachte nicht mehr daran, daß ihr
ehrbares Haus vielleicht zum Schlupfwinkel der Schande dienen sollte.
Der Alte jubelte ganz verjüngt und hätschelte den Knaben, als sei ihm
ein Enkelkind geboren, und er, wie alle übrige, hatten sich daran
gewöhnt, daß Cölestine verschleiert blieb, ja selbst während der
Entbindung. Die Wehmutter hatte ihr schwören müssen, daß, trete ja
ein Zustand der Bewußtlosigkeit ein, doch die Schleier nicht gelüpft
werden sollten, außer von ihr, der Wehmutter selbst, im Fall der
Todesgefahr. Es war gewiß, daß die Alte Cölestinen unverschleiert
gesehen, sie sagte aber darüber nichts, als: »Die arme junge Dame
muß sich ja wohl so verhüllen« - Nach einigen Tagen erschien der
Karmelitermönch, der den Knaben getauft hatte. Seine Unterredung mit
Cölestinen, niemand durfte zugegen sein, dauerte länger als zwei
Stunden. Man hörte ihn eifrig sprechen und beten. Als er fortgegangen,
fand man Cölestinen im Lehnstuhl sitzend, auf dem Schoße den Knaben,
um dessen kleine Schultern ein Skapulier gelegt war, und der ein
Agnusdei auf der Brust trug. Wochen und Monate vergingen, ohne daß,
wie der Bürgermeister geglaubt hatte, und wie es ihm auch vom Fürsten
Z. gesagt worden, Cölestine mit dem Kinde abgeholt wurde. Sie hätte
ganz eintreten können in den friedlichen Kreis der Familie, wären die
fatalen Schleier nicht gewesen, die immer den letzten Schritt zur
freundlichen Annährung hemmten. Der Alte nahm es sich heraus, dies
der Fremden selbst freimütig zu äußern, doch als sie mit dumpfem
feierlichen Ton erwiderte: »Nur im Tode fallen diese Schleier«,
schwieg er davon und wünschte aufs neue, daß der Wagen mit der
Äbtissin erscheinen möge.
Der Frühling war herangekommen, von einem Spaziergange kehrte die
Familie des Bürgermeisters heim, Blumensträuße in den Händen tragend,
deren schönste der frommen Cölestine bestimmt waren. Eben als sie
ins Haus treten wollten, sprengte ein Reiter heran, eifrig nach
dem Bürgermeister fragend. Der Alte sprach, er sei selbst der
Bürgermeister und stehe vor seinem Hause. Da sprang der Reiter herab
vom Pferde, das er festband an den Pfosten und stürzte mit dem
gellenden Ruf. »Sie ist hier, sie ist hier«, ins Haus und die Treppe
herauf. Man hörte eine Tür einschlagen und Cölestinens Angstgeschrei.
Der Alte, von Entsetzen erfaßt, eilte nach. Der Reiter - wie nun
sichtlich, war ein Offizier von der französischen Jägergarde mit
vielen Orden geschmückt, hatte den Knaben aus der Wiege gerissen und
in den linken, mit dem Mantel umschlungenen Arm genommen; den rechten
hatte Cölestine erfaßt, alle Kraft aufbietend, den Räuber des Kindes
zurückzuhalten. Im Ringen riß der Offizier den Schleier herab ein
todstarres marmorweißes Antlitz, von schwarzen Locken umschattet,
blickte ihn an, glühende Strahlen aus den tiefen Augenhöhlen
schießend, während schneidende Jammertöne aus den halbgeöffneten
unbewegten Lippen quollen. Der Alte nahm wahr, daß Cölestine eine
weiße, dicht anschließende Maske trug. »Entsetzliches Weib! willst du,
daß auch mich deine Raserei ergreife?« schrie der Offizier, indem er
sich mit Gewalt losriß, so daß Cölestine zu Boden stürzte. Nun umfaßte
sie aber seine Knie, indem sie mit dem Ausdruck des unsäglichsten
Schmerzes, mit einem Ton, der das Herz durchschnitt, flehte: »Laß mir
das Kind! - o laß mir das Kind! - nicht um die ewige Seligkeit sollst
du mich bringen. - Um Christus - um der heiligen Jungfrau willen - laß
mir das Kind - laß mir das Kind.« - Und bei diesen Jammertönen regte
sich keine Muskel, regten sich nicht die Lippen des Totenantlitzes, so
daß dem Alten, der Hausfrau - allen, die ihm gefolgt, vor Grauen das
Blut in den Adern stockte! »Nein«, schrie der Offizier wie in heller
Verzweiflung, »nein, unmenschliches, unerbittliches Weib, das Herz
konntest du aus dieser Brust reißen, aber verderben sollst du nicht im
heillosen Wahnsinn das Wesen, das sich tröstend an die blutende Wunde
legt!« - Fester drückte der Offizier das Kind an sich, so daß es laut
zu weinen begann - da brach Cölestine aus in ein dumpfes Heulen:
»Rache - des Himmels Rache über dich - du Mörder!« - »Laß ab! -
laß ab - fort mit dir, du Höllenspuk!« kreischte der Offizier, und
schleuderte mit einer konvulsivischen Bewegung des Fußes Cölestinen
weit von sich, und wollte zur Türe heraus. Der Alte trat ihm in den
Weg, er riß aber schnell ein Terzerol hervor, rief, die Mündung gegen
den Alten gekehrt: »Die Kugel durch den Kopf dem, der dem Vater sein
Kind zu entreißen gedenkt«, stürzte die Treppe herab, schwang sich
aufs Pferd ohne das Kind zu lassen, und sprengte in vollem Galopp
davon. - Die Hausfrau voll Herzensangst, wie es nun um Cölestinen
stehen, und was nun mit ihr anzufangen sein würde, überwand ihr Grauen
vor der entsetzlichen Totenmaske, und eilte herauf ihr beizustehen.
Wie erstaunte sie, als sie Cölestinen mitten im Zimmer gleich einer
Statue mit herabhängenden Armen lautlos stehend fand. Sie redete sie
an, keine Antwort. Nicht vermögend den Anblick der Maske zu tragen,
hing sie ihr die Schleier um, die auf dem Boden lagen, kein Regen und
Bewegen. Cölestine war in einen automatähnlichen Zustand gesunken,
der die Hausfrau mit neuer Angst und Pein erfüllte, so daß sie ganz
inbrünstig zu Gott flehte, sie nur von dieser unheimlichen Fremden zu
befreien. Ihre Bitte wurde zur Stelle erhört, denn eben hielt derselbe
Wagen, der Cölestinen gebracht, vor der Türe. Die Äbtissin kam, mit
ihr Fürst Z. des alten Bürgermeisters hoher Gönner. Als der erfahren,
was sich soeben zugetragen, sprach er sehr mild und ruhig: »So kamen
wir zu spät, und müssen uns wohl in Gottes Fügung schicken.« Man
brachte Cölestinen herab, die sich starr und lautlos, ohne Zeichen
eignen Willens und eigner Willkür, fortführen und in den Wagen setzen
ließ, der schnell fortrollte. Dem Alten, der ganzen Familie war so
zumute, als erwachten sie nun erst aus einem bösen spukhaften Traum,
der sie sehr geängstet.
Bald darauf, als sich dies in dem Hause des Bürgermeisters von
L. begeben, wurde in dem Zisterzienser Nonnenkloster zu O. eine
Logenschwester mit ungewöhnlicher Feierlichkeit begraben und ein
dumpfes Gerücht ging, daß diese Logenschwester die Gräfin Hermenegilda
von C. gewesen, von der man glaubte, sie sei mit ihres Vaters
Schwester, der Fürstin von Z., nach Italien gegangen. Zur selbigen
Zeit erschien Graf Nepomuk von C., Hermenegildas Vater, in Warschau
und trat, sich nur ein kleines Gütchen in der Ukraine vorbehaltend,
seine sämtlichen übrigen beträchtlichen Besitzungen den beiden Söhnen
des Fürsten Z., seinen Neffen, vermöge eines gerichtlichen Akts ohne
Einschränkung ab. Man fragte nach der Ausstattung seiner Tochter,
da hob er den düstern tränenschweren Blick gen Himmel und sagte mit
dumpfer Stimme: »Sie ist ausgestattet!« - Er nahm gar keinen Anstand,
nicht allein jenes Gerücht von Hermenegildas Tode im Kloster zu O. zu
bestätigen, sondern auch das besondere Verhängnis zu offenbaren, das
über Hermenegilda gewaltet und sie einer duldenden Märtyrin gleich
frühzeitig in das Grab gezogen. Manche Patrioten, gebeugt, aber nicht
zerknickt durch den Fall des Vaterlandes, gedachten den Grafen aufs
neue in geheime Verbindungen zu ziehen, die die Herstellung des
polnischen Staats bezweckten, aber nicht mehr den feurigen, für
Freiheit und Vaterland beseelten Mann, der sonst zu jeder gewagten
Unternehmung mit unerschütterlichem Mute die Hand bot, fanden sie,
sondern einen ohnmächtigen, von wildem Schmerz zerrissenen Greis,
der allen Welthändeln entfremdet im Begriff stand, sich in tiefer
Einsamkeit zu vergraben. Sonst, zu jener Zeit, als nach der ersten
Teilung Polens die Insurrektion vorbereitet wurde, war des Grafen
Nepomuk von C. Stammgut der geheime Sammelplatz der Patrioten. Dort
entzündeten sich die Gemüter bei feierlichen Mahlen zum Kampf für
das gefallene Vaterland. Dort erschien wie ein Engelsbild vom Himmel
gesendet zur heiligen Weihe Hermenegilda in dem Kreise der jungen
Helden. Wie es den Frauen ihrer Nation eigen, nahm sie teil an allen,
selbst an politischen Verhandlungen und äußerte, die Lage der Dinge
wohl beachtend und erwägend, in einem Alter von noch nicht siebzehn
Jahren, oft manchmal allen übrigen entgegen, eine Meinung, die von dem
außerordentlichsten Scharfsinn, von der klarsten Umsicht zeigte und
die mehrenteils den Ausschlag gab. Nächst ihr war niemanden das
Talent des schnellen Überblicks, des Auffassens und scharfgeründeten
Darstellens der Lage der Dinge mehr eigen, als dem Grafen Stanislaus
von R., einem feurigen, hochbegabten Jünglinge von zwanzig Jahren.
So geschah es, daß Hermenegilda und Stanislaus oft allein in raschen
Diskussionen die zur Sprache gebrachten Gegenstände verhandelten,
Vorschläge prüften - annahmen - verwarfen, andere aufstellten, und daß
die Resultate des Zweigesprächs zwischen dem Mädchen und dem Jünglinge
oft selbst von den alten staatsklugen Männern, die zu Rate saßen, als
das Klügste und Beste, was zu beginnen, anerkannt werden mußten. Was
war natürlicher, als an die Verbindung dieser beiden zu denken, in
deren wunderbaren Talenten das Heil des Vaterlandes emporzukeimen
schien. Außerdem war aber auch die nähere Verzweigung beider Familien
schon deshalb in dem Augenblick politisch wichtig, weil man sie von
verschiedenem Interesse beseelt glaubte, wie der Fall bei manchen
andern Familien in Polen zutraf. Hermenegilda, ganz durchdrungen von
diesen Ansichten, nahm den ihr bestimmten Gatten als ein Geschenk des
Vaterlandes auf, und so wurden mit ihrer feierlichen Verlobung die
patriotischen Zusammenkünfte auf dem Gute des Vaters beschlossen. Es
ist bekannt, daß die Polen unterlagen, daß mit Kosziuskos Fall eine
zu sehr auf Selbstvertrauen und falsch vorausgesetzte Rittertreue
basierte Unternehmung scheiterte. Graf Stanislaus, dem seine frühere
militärische Laufbahn, seine Jugend und Kraft eine Stelle im
Heer anwies, hatte mit Löwenmut gefochten. Mit Not schmählicher
Gefangenschaft entgangen, auf den Tod verwundet, kam er zurück. Nur
Hermenegilda fesselte ihn noch ans Leben, in ihren Armen glaubte er
Trost, verlorne Hoffnung wiederzufinden. Sowie er nur leidlich von
seinen Wunden genesen, eilte er auf die Güter des Grafen Nepomuk, um
dort aufs neue, aufs schmerzlichste verwundet zu werden. Hermenegilda
empfing ihn mit beinahe höhnender Verachtung. »Seh ich den Helden,
der in den Tod gehen wollte für das Vaterland?« - So rief sie ihm
entgegen; es war, als wenn sie in törichtem Wahnsinn den Bräutigam
für einen jener Paladine der fabelhaften Ritterzeit gehalten, dessen
Schwert allein Armeen vernichten konnte. Was halfen alle Beteuerungen,
daß keine menschliche Kraft zu widerstehen vermochte dem brausenden,
alles verschlingenden Strom, der sich über das Vaterland hinwälzte,
was half alles Flehen der inbrünstigen Liebe, Hermenegilda, als
könne sich ihr todkaltes Herz nur im wilden Treiben der Welthändel
entzünden, blieb bei dem Entschluß, ihre Hand nur dann dem Grafen
Stanislaus geben zu wollen, wenn die Fremden aus dem Vaterlande
vertrieben sein würden. Der Graf sah zu spät ein, daß Hermenegilda ihn
nie liebte, so wie er sich überzeugen mußte, daß die Bedingnis, die
Hermenegilda aufstellte, vielleicht niemals, wenigstens erst in
geraumer Zeit erfüllt werden konnte. Mit dem Schwur der Treue bis in
den Tod verließ er die Geliebte und nahm französische Dienste, die ihn
in den Krieg nach Italien führten. - Man sagt den polnischen Frauen
nach, daß ein eignes launisches Wesen sie auszeichne. Tiefes Gefühl,
sich hingebender Leichtsinn, stoische Selbstverleugnung, glühende
Leidenschaft, todstarre Kälte, alles das, wie es bunt gemischt in
ihrem Gemüte liegt, erzeugt das wunderliche unstete Treiben auf
der Oberfläche, das dem _Spiel_ gleicht der in stetem Wechsel
fortplätschernden Wellen des im tiefsten Grunde bewegten Bachs. -
Gleichgültig sah Hermenegilda den Bräutigam scheiden, aber kaum waren
einige Tage vergangen, als sie sich von solch unaussprechlicher
Sehnsucht befangen fühlte, wie sie nur die glühendste Liebe erzeugen
kann. Der Sturm des Krieges war verrauscht, die Amnestie wurde
proklamiert, man entließ die polnischen Offiziere aus der
Gefangenschaft. So geschah es, daß mehrere von Stanislaus'
Waffenbrüdern sich nach und nach auf des Grafen Gute einfanden. Mit
tiefem Schmerz gedachte man jener unglücklichen Tage, aber auch mit
hoher Begeisterung des Löwenmuts, womit alle, aber keiner mehr als
Stanislaus gefochten. Er hatte die zurückweichenden Bataillone, da, wo
schon alles verloren schien, aufs neue ins Feuer geführt, es war ihm
geglückt, die feindlichen Reihen mit seiner Reuterei zu durchbrechen.
Das Schicksal des Tages wankte, da traf ihn eine Kugel und mit dem
Ausruf: »Vaterland - Hermenegilda!« stürzte er in Blut gebadet vom
Pferde herab. Jedes Wort dieser Erzählung war ein Dolchstich, der tief
in Hermenegildas Herz fuhr. »Nein! ich wußt es nicht, daß ich ihn
unaussprechlich liebte seit dem ersten Augenblick, als ich ihn sah!
- Welch ein höllisches Blendwerk konnte mich Ärmste verführen, daß
ich zu leben gedachte ohne ihn, der mein einziges Leben ist! - Ich
habe ihn in den Tod geschickt - er kehrt nicht wieder!« - So brach
Hermenegilda aus in stürmische Klagen, die allen in die Seele drangen.
Schlaflos, von steter Unruhe gefoltert, durchirrte sie zur Nachtzeit
den Park, und, als vermöge der Nachtwind ihre Worte hinzutragen zu
dem fernen Geliebten, rief sie in die Lüfte hinein: »Stanislaus -
Stanislaus - kehre zurück - ich bin es - Hermenegilda ist es, die dich
ruft - hörst du mich denn nicht - kehre zurück, sonst muß ich vergehen
in banger Sehnsucht, in trostloser Verzweiflung!«
Hermenegildas überreizter Zustand schien übergehen zu wollen in
wirklichen hellen Wahnsinn, der sie zu tausend Torheiten trieb. Graf
Nepomuk, voll Kummer und Angst um das geliebte Kind, glaubte, daß
ärztliche Hülfe hier vielleicht wirksam sein könnte, und es gelang ihm
in der Tat, einen Arzt zu finden, der es sich gefallen ließ einige
Zeit auf dem Gute zu bleiben und sich der Leidenden anzunehmen. So
richtig berechnet seine mehr psychische als physische Kurmethode aber
auch sein mochte, so wenig sich ihre Wirkung auch ganz ableugnen ließ,
so blieb es doch zweifelhaft, ob von wirklichem Genesen jemals die
Rede würde sein können, da nach langer Stille sich ganz unerwartet
wieder die seltsamsten Paroxismen einstellten. Ein eignes Abenteuer
gab der Sache eine andere Wendung. Hermenegilda hatte eben den kleinen
Ulanen, ein Püppchen, das sie sonst wie den Geliebten ans Herz
gedrückt, dem sie die süßesten Namen gegeben, unwillig ins Feuer
geworfen, weil er durchaus nicht singen wollte: »Podrosz twoia nam
niemila, milsza przyiaszn w Kraiwbyla etc.« Im Begriff, von dieser
Expedition in ihr Zimmer zurückzukehren, befand sie sich auf dem
Vorsaal, als es klingend und klirrend hinter ihr her schritt. Sie
schaute um sich, erblickte einen Offizier in voller Uniform der
französischen Jägergarde, der den linken Arm in der Binde trug, und
stürzte mit dem lauten Ruf.- »Stanislaus, mein Stanislaus!« ihm
ohnmächtig in die Arme. Der Offizier, eingewurzelt im Boden vor
Erstaunen und Überraschung, hatte nicht wenig Mühe Hermenegilda, die,
groß und üppig gebaut, eben keine geringe Last war, mit einem Arm,
dessen er nur mächtig, aufrecht zu erhalten. Er drückte sie fest
und fester an sich, und indem er Hermenegildas Herz an seiner
Brust schlagen fühlte, mußte er sich gestehen, daß dies eins der
entzückendsten Abenteuer sei, das er je erlebt. Sekunde auf Sekunde
verging, der Offizier ganz entzündet vom Liebesfeuer, das in tausend
elektrischen Funken der holden Gestalt, die er in seinen Armen hielt,
entströmte, drückte glühende Küsse auf die süßen Lippen. So fand ihn
Graf Nepomuk, der aus seinen Zimmern trat. Auch er rief aufjauchzend
vor Freude: »Graf Stanislaus!« - In dem Augenblick erwachte
Hermenegilda, und umschlang ihn inbrünstig, indem sie ganz außer sich
von neuem rief. »Stanislaus! - mein Geliebter! mein Gatte!« - Der
Offizier im ganzen Gesicht glühend, zitternd - außer aller Fassung,
trat einen Schritt zurück, indem er sich sanft Hermenegildas
stürmischer Umarmung entzog. »Es ist der süßeste Augenblick meines
Lebens - aber nicht schwelgen will ich in der Seligkeit, die mir nur
ein Irrtum bereitet - ich bin ja nicht Stanislaus - ach ich bin es
ja nicht.« - So sprach der Offizier stotternd und zagend; entsetzt
prallte Hermenegilda zurück, und als sie sich, den Offizier schärfer
ins Auge fassend, überzeugt, daß die freilich ganz wunderbare
Ähnlichkeit des Offiziers mit dem Geliebten sie getäuscht, eilte sie
fort laut jammernd und klagend. Graf Nepomuk konnte, da der Offizier
sich nun als den jüngern Vetter des Grafen Stanislaus, als den Grafen
Xaver von R. kund tat, es kaum für möglich halten, daß der Knabe in
so kurzer Zeit zum kräftigen Jünglinge herangewachsen. Freilich kam
hinzu, daß die Strapazen des Kriegs dem Gesicht, der ganzen Haltung,
einen männlichern Charakter gaben, als es sonst der Fall gewesen sein
würde. Graf Xaver hatte nämlich mit seinem ältern Vetter Stanislaus
zugleich das Vaterland verlassen, wie er, französische Kriegsdienste
genommen und in Italien gefochten. Damals kaum achtzehn Jahre alt,
zeichnete er sich doch bald, als besonnener und löwenkühner Kriegsheld
auf solche Weise aus, daß ihn der Feldherr zu seinem Adjutanten erhob,
und jetzt war er, ein zwanzigjähriger Jüngling, schon zum Obristen
heraufgestiegen. Erhaltene Wunden, nötigten ihn einige Zeit
auszuruhen. Er kehrte in das Vaterland zurück, und Aufträge von
Stanislaus an die Geliebte führten ihn auf den Landsitz des Grafen
Nepomuk, wo er empfangen wurde, als sei er der Geliebte selbst. Graf
Nepomuk und der Arzt, beide gaben sich alle nur ersinnliche Mühe,
Hermenegilda, die ganz vernichtet von Scham und bitterm Schmerz, ihr
Zimmer nicht verlassen wollte, solange Xaver im Hause, zu beruhigen,
aber umsonst. Xaver war außer sich, daß er Hermenegilda nicht
wiedersehen sollte. Er schrieb ihr, daß er unverschuldet eine für ihn
unglückliche Ähnlichkeit zu hart büße. Aber nicht ihn allein, sondern
den Geliebten Stanislaus selbst träfe das von jenem verhängnisvollen
Moment erzeugte Mißgeschick, da ihm, dem Überbringer süßer
Liebesbotschaft, jetzt alle Gelegenheit geraubt worden, ihr selbst,
wie er gesollt, den Brief, den er von Stanislaus bei sich trage,
einzuhändigen, und noch alles von Mund zu Mund hinzuzufügen, was
Stanislaus in der Hast des Augenblicks nicht mehr schreiben konnte.
Hermenegildas Kammerfrau, die Xaver in sein Interesse gezogen,
übernahm die Bestellung zur günstigen Stunde, und was dem Vater, dem
Arzt nicht gelungen, bewirkte Xaver durch sein Schreiben. Hermenegilda
entschloß sich ihn zu sehen. In tiefem Schweigen, mit niedergesenktem
Blick empfing sie ihn in ihrem Gemach. Xaver nahte sich mit leisem
schwankenden Schritt, er nahm Platz vor dem Sofa, auf dem sie saß,
aber indem er sich herabbeugte von dem Stuhl, kniete er mehr vor
Hermenegilda, als daß er saß, und so flehte er in den rührendsten
Ausdrücken, mit einem Ton, als habe er sich des unverzeihlichsten
Verbrechens anzuklagen, nicht auf sein Haupt möge sie die Schuld des
Irrtums laden, der ihn die Seligkeit des geliebten Freundes empfinden
lassen. Nicht ihn, nein Stanislaus selbst habe sie in der Wonne des
Wiedersehens umarmt. Er übergab den Brief, und fing an von Stanislaus
zu erzählen, wie er mit echt ritterlicher Treue selbst im blutigen
Kampf seiner Dame gedenke, wie nur sein Herz glühe für Freiheit
und Vaterland usw. Xaver erzählte mit lebendigem Feuer, er riß
Hermenegilden hin, die alle Scheu bald überwunden, den zauberischen
Blick ihrer Himmelsaugen unverwandt auf ihn richtete, so daß er, ein
neuer, von Turandots Blick getroffener, Kalaf, durchbebt von süßer
Wonne, nur mühsam die Erzählung fortspann. Ohne es selbst zu wissen,
bedrängt von dem innern Kampf gegen die Leidenschaft, die in hellen
Flammen auflodern wollte, verlor er sich in die weitläuftige
Beschreibung einzelner Gefechte. Er sprach von Kavallerieangriffen -
gesprengten Massen - eroberten Batterien. - Ungeduldig unterbrach ihn
Hermenegilda, indem sie rief. »Oh, weg mit diesen blutigen Szenen
eines Schauspiels der Hölle - sage - sage mir nur, daß er mich liebt,
daß Stanislaus mich liebt!« - Da ergriff Xaver, ganz ermutigt,
Hermenegildas Hand, die er heftig an seine Brust drückte. »Höre
ihn selbst, deinen Stanislaus!« so rief er, und nun strömten die
Beteurungen der glühendsten Liebe, wie sie nur dem Wahnsinn der
verzehrendsten Leidenschaft eigen, von seinen Lippen. Er war zu
Hermenegildas Füßen gesunken, sie hatte ihn mit beiden Armen
umschlungen, aber indem er, schnell aufgesprungen, sie an seine Brust
drücken wollte, fühlte er sich heftig zurückgestoßen. Hermenegilda
sah ihn mit starrem seltsamen Blick an und sprach mit dumpfer Stimme:
»Eitle Puppe, wenn ich dich auch zum Leben erwärme an meiner Brust, so
bist du doch nicht Stanislaus, und kannst es auch nimmer werden!« -
Hierauf verließ sie das Zimmer mit leisen langsamen Schritten. Xaver
sah zu spät seine Unbesonnenheit ein. Daß er bis zum Wahnsinn in
Hermenegilda, in die Braut des verwandten Freundes verliebt sei,
fühlte er nur zu lebhaft, ebenso aber auch, daß er bei jedem Schritt,
den er zugunsten seiner törichten Leidenschaft zu tun gesonnen, sich
würde treulosen Freundschaftsbruch vorwerfen müssen. Schnell abreisen,
ohne Hermenegilda wiederzusehen, das war der heroische Entschluß, den
er wirklich auf der Stelle so weit ausführte, daß er zu packen und
seinen Wagen anzuspannen befahl. Graf Nepomuk war hoch verwundert, als
Xaver von ihm Abschied nahm; er bot alles auf ihn festzuhalten, doch
mit einer Festigkeit, mehr von einer Art Krampf, als von wahrer
Geistesstärke erzeugt, blieb Xaver dabei, daß besondere Ursachen ihn
forttrieben. Den Säbel umgeschnallt, die Feldmütze in der Hand, stand
er in der Mitte des Zimmers, der Bediente mit dem Mantel auf dem
Vorsaal - unten vor der Türe wieherten ungeduldig die Pferde. - Da
ging die Tür auf, Hermenegilda trat herein, mit unbeschreiblicher
Anmut schritt sie auf den Grafen zu, und sprach hold lächelnd: »Sie
wollen fort, lieber Xaver? - und noch so vieles dacht ich von meinem
geliebten Stanislaus zu hören! - Wissen Sie wohl, daß mich Ihre
Erzählungen wunderbar trösten?« - Xaver schlug hocherrötend die Augen
nieder, man nahm Platz, Graf Nepomuk versicherte ein Mal über das
andere, seit vielen Monaten habe er Hermenegilda nicht in dieser
heitern unbefangenen Stimmung gesehen. Auf seinen Wink wurde, da die
Zeit herangekommen, die Abendtafel in demselben Zimmer bereitet. Der
edelste Ungarwein perlte in den Gläsern, und volle Glut auf den Wangen
nippte Hermenegilda aus dem gefüllten Pokal hochfeiernd das Andenken
des Geliebten, Freiheit und Vaterland. Zur Nacht reise ich fort,
dachte Xaver im Innern, und frug in der Tat, als die Tafel aufgehoben,
den Bedienten, ob der Wagen warte; der, erwiderte der Bediente, sei
längst, wie Graf Nepomuk befohlen, abgepackt und abgespannt in die
Remise geschoben, die Pferde fräßen im Stall und Woyciech schnarche
unten auf dem Strohsack. Xaver ließ es dabei bewenden. Hermenegildas
unvermutete Erscheinung hatte den Grafen überzeugt, daß es nicht
allein möglich, sondern auch rätlich und angenehm sei zu bleiben, und
von dieser Überzeugung kam er zu der andern, daß es nur darauf ankomme
sich zu besiegen, das heißt, Ausbrüchen der innern Leidenschaft zu
wehren, die, den geisteskranken Zustand Hermenegildas aufreizend, nur
ihm in jeder Hinsicht verderblich werden könnten. Wie dann nun alles
sich weiter fügen würde, so beschloß Xaver seine Betrachtung, sollte
selbst Hermenegilda aus ihren Träumen erwacht, die heitere Gegenwart
der düstern Zukunft vorziehen, das liege denn alles in der
Konstellation zusammenwirkender Umstände und an Treulosigkeit, an
Freundschaftsbruch sei nicht zu denken. Sowie Xaver andern Tages
Hermenegilden wiedersah, gelang es ihm in der Tat, indem er sorglich
auch das Kleinste vermied, was sein zu heißes Blut hätte in Wallung
setzen können, seine Leidenschaft niederzukämpfen. In den Schranken
der strengsten Sitte bleibend, ja selbst ein frostig Zeremoniell
beachtend, gab er nur dem Gespräch die Schwingen jener Galanterie, die
den Weibern mit süßem Zucker verderbliches Gift beibringt. Xaver, ein
zwanzigjähriger Jüngling, in eigentlichen Liebeshändeln unerfahren,
entfaltete, von dem sichern Takt fürs Böse im Innern geleitet,
die Kunst des erfahrenen Meisters. Nur von Stanislaus, von seiner
unaussprechlichen Liebe zur süßen Braut, sprach er, aber durch die
volle Glut, die er dann entzündet, wußte er geschickt sein eignes Bild
durchschimmern zu lassen, so daß Hermenegilda in arger Verwirrung
selbst nicht wußte, wie beide Bilder, das des abwesenden Stanislaus
und das des gegenwärtigen Xaver, trennen. Xavers Gesellschaft wurde
bald der aufgeregten Hermenegilda zum Bedürfnis, und so geschah
es, daß man sie beinahe beständig, und oft wie im traulichen
Liebesgespräch zusammen sah. Die Gewohnheit überwand mehr und mehr
Hermenegildas Scheu und in eben dem Grade überschritt Xaver jene
Schranken des frostigen Zeremoniells, in die er sich anfangs mit
klugem Vorbedacht gebannt hatte. Arm in Arm gingen Hermenegilda
und Xaver in dem Park umher, und sorglos ließ sie ihre Hand in der
seinigen, wenn er im Zimmer neben ihr sitzend von dem glücklichen
Stanislaus erzählte. Kam es nicht auf Staatshändel, auf die Sache
des Vaterlandes an, so war Graf Nepomuk eben keines Blickes in die
Tiefe fähig, er begnügte sich mit dem, was er auf der Oberfläche
wahrzunehmen imstande, sein für alles übrige totes Gemüt vermochte die
vorüberfliehenden Bilder des Lebens nur dem Spiegel gleich im Moment
zu reflektieren, spurlos schwanden sie dahin. Ohne Hermenegildas
inneres Wesen zu ahnen, hielt er es für gut, daß sie endlich die
Püppchen, die bei ihrem törigten wahnsinnigen Treiben den Geliebten
vorstellen mußten, mit einem lebendigen Jüngling vertauscht, und
glaubte mit vieler Schlauheit vorauszusehen, daß Xaver, der ihm als
Schwiegersohn ebenso lieb, bald ganz in Stanislaus' Stelle treten
werde. Er dachte nicht mehr an den treuen Stanislaus. Xaver glaubte
dieses ebenfalls, da nun, nachdem ein paar Monate vergangen,
Hermenegilda, so sehr ihr ganzes Wesen auch von dem Andenken an
Stanislaus erfüllt schien, es sich doch gefallen ließ, daß Xaver
mehr und mehr sich ihr annäherte mit eigner Bewerbung. Eines Morgens
hieß es, daß Hermenegilda sich in ihre Gemächer mit der Kammerfrau
eingeschlossen habe, und durchaus niemanden sehen wolle. Graf Nepomuk
glaubte nicht anders, als daß ein neuer Paroxismus eingetreten sei,
der sich bald legen werde. Er bat den Grafen Xaver, die Gewalt, die er
über Hermenegilda gewonnen, jetzt zu ihrem Heil zu üben, wie erstaunte
er aber, als Xaver es nicht allein durchaus verweigerte, sich
Hermenegilden auf irgend eine Weise zu nähern, sondern sich auch in
seinem ganzen Wesen auf eigne Art verändert zeigte. Statt wie sonst
beinahe zu keck aufzutreten, war er verschüchtert, als habe er
Gespenster gesehen, der Ton seiner Stimme schwankend - der Ausdruck
matt und unzusammenhängend. - Er sprach davon, daß er nun durchaus
nach Warschau müßte, daß er Hermenegilden wohl niemals wiedersehen
werde - daß in der letzten Zeit ihr verstörtes Wesen ihm Grauen
und Entsetzen erregt - daß er Verzicht geleistet auf alles Glück
der Liebe, daß er nun erst in der an Wahnsinn grenzenden Treue
Hermenegildas, die Treulosigkeit, die er an dem Freunde begehen
wollen, zu seiner tiefsten Beschämung fühle, daß schleunige Flucht
sein einziges Rettungsmittel sei. Graf Nepomuk begriff alles
nicht, nur schien es ihm endlich klar zu werden, daß Hermenegildas
wahnsinnige Schwärmerei den Jüngling angesteckt. Er suchte ihm dies
zu beweisen, doch umsonst. Xaver widerstrebte um so heftiger, als
dringender Nepomuk ihm die Notwendigkeit bewies, daß er Hermenegilda
von allen Bizarrerien heilen, folglich sie wiedersehen müsse.
Schnell war der Streit geendet, als Xaver, wie von unsichtbarer
unwiderstehlicher Gewalt getrieben, hinabrannte, sich in den Wagen
warf und davonfuhr.
Graf Nepomuk, voller Gram und Zorn über Hermenegildas Betragen,
bekümmerte sich nicht mehr um sie, und so geschah es, daß mehrere Tage
vergingen, die sie ungestört, auf ihrem Zimmer eingeschlossen, von
niemanden als ihrer Kammerfrau gesehen, zubrachte.
In tiefen Gedanken, ganz erfüllt von den Heldentaten jenes Mannes, den
die Polen damals anbeteten wie ein falsches Götzenbild, saß Nepomuk
eines Tages in seinem Zimmer, als die Tür aufging und Hermenegilda
in voller Trauer mit lang herabhängendem Witwenschleier eintrat.
Langsamen feierlichen Schrittes nahte sie sich dem Grafen, ließ sich
dann auf die Knie nieder und sprach mit bebender Stimme: »O mein Vater
- Graf Stanislaus, mein geliebter Gatte, ist hinüber - er fiel als
Held im blutigen Kampf: - vor dir kniet seine bejammernswerte Witwe!«
- Graf Nepomuk mußte dies um so mehr für einen neuen Ausbruch der
zerrütteten Gemütsstimmung Hermenegildas halten, als noch Tages zuvor
Nachrichten von dem Wohlbefinden des Grafen Stanislaus eingelaufen
waren. Er hob Hermenegilden sanft auf, indem er sprach: »Beruhige dich
liebe Tochter, Stanislaus ist wohl, bald eilt er in deine Arme.« -
Da atmete Hermenegilda auf wie im schweren Todesseufzer und sank von
wildem Schmerz zerrissen neben dem Grafen hin in die Polster des
Sofas. Doch nach wenigen Sekunden wieder zu sich selbst gekommen,
sprach sie mit wunderbarer Ruhe und Fassung: »Laß es mich dir sagen,
lieber Vater! wie sich alles begeben, denn du mußt es wissen, damit du
in mir die Witwe des Grafen Stanislaus von R. erkennest. - Wisse, daß
ich vor sechs Tagen in der Abenddämmerung mich in dem Pavillon an der
Südseite unseres Parks befand. Alle meine Gedanken, mein ganzes Wesen
dem Geliebten zugewendet, fühlt ich meine Augen sich unwillkürlich
schließen, nicht in Schlaf, nein, in einen seltsamen Zustand versank
ich, den ich nicht anders nennen kann, als waches Träumen. Aber bald
schwirrte und dröhnte es um mich her, ich vernahm ein wildes Getümmel,
es fiel ganz in der Nähe Schuß auf Schuß. Ich fuhr auf, und war nicht
wenig erstaunt mich in einer Feldhütte zu befinden. Vor mir kniete er
selbst - mein Stanislaus. - Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich
drückte ihn an meine Brust - >Gelobt sei Gott<, rief er, >du lebst, du
bist mein!< - Er sagte mir, ich sei gleich nach der Trauung in tiefe
Ohnmacht gesunken, und ich törigt Ding erinnerte mich jetzt erst, daß
ja Pater Cyprianus, den ich in diesem Augenblick erst zur Feldhütte
hinausschreiten sah, uns ja eben in der nahen Kapelle unter dem Donner
des Geschützes, unter dem wilden Toben der nahen Schlacht getraut
hatte. Der goldne Trauring blinkte an meinem Finger. Die Seligkeit,
mit der ich nun aufs neue den Gatten umarmte, war unbeschreiblich; nie
gefühltes namenloses Entzücken des beglückten Weibes durchbebte mein
Inneres - mir schwanden die Sinne - da wehte es mich an mit eiskaltem
Frost - ich schlug die Augen auf - entsetzlich! mitten im Gewühl der
wilden Schlacht - vor mir die brennende Feldhütte, aus der man mich
wahrscheinlich gerettet! - Stanislaus bedrängt von feindlichen Reitern
- Freunde sprengen heran ihn zu retten - zu spät, von hinten haut
ihn ein Reiter herab vom Pferde.« - Aufs neue sank Hermenegilda
überwältigt von dem entsetzlichen Schmerz ohnmächtig zusammen. Nepomuk
eilte nach stärkenden Mitteln, doch es bedurfte ihrer nicht, mit
wunderbarer Kraft faßte sich Hermenegilda zusammen. »Der Wille des
Himmels ist erfüllt«, sprach sie dumpf und feierlich, »nicht zu klagen
ziemt es mir, aber bis zum Tode dem Gatten treu, soll kein irdisches
Bündnis mich von ihm trennen. Um ihn trauern, für ihn, für unser Heil
beten, das ist jetzt meine Bestimmung, und nichts soll diese mir
verstören.« Graf Nepomuk mußte mit vollem Recht glauben, daß der
innerlich brütende Wahnsinn Hermenegildas sich durch jene Vision Luft
gemacht habe, und da die ruhige klösterliche Trauer Hermenegildas um
den Gatten kein ausschweifendes beunruhigendes Treiben zuließ, so
war dem Grafen Nepomuk dieser Zustand, den die Ankunft des Grafen
Stanislaus schnell enden mußte, ganz recht. Ließ Nepomuk zuweilen
etwas von Träumereien und Visionen fallen, so lächelte Hermenegilda
schmerzlich, dann drückte sie aber den goldnen Ring, den sie am Finger
trug, an den Mund und benetzte ihn mit heißen Tränen. Graf Nepomuk
bemerkte mit Erstaunen, daß dieser Ring wirklich ein ganz fremder war,
den er nie bei seiner Tochter gesehen, da es indessen tausend Fälle
gab, wie sie dazu gekommen sein konnte, so gab er sich nicht einmal
die Mühe weiter nachzuforschen. Wichtiger war ihm die böse Nachricht,
daß Graf Stanislaus in feindliche Gefangenschaft geraten sei.
Hermenegilda fing an auf eigne Weise zu kränkeln, sie klagte oft über
eine seltsame Empfindung, die sie eben nicht Krankheit nennen könne,
die aber ihr ganzes Wesen auf seltsame Art durchbebe. Um diese Zeit
kam Fürst Z. mit seiner Gemahlin. Die Fürstin hatte, als Hermenegildas
Mutter frühzeitig starb, ihre Stelle vertreten und schon deshalb wurde
sie von ihr mit kindlicher Hingebung empfangen. Hermenegilda erschloß
der würdigen Frau ihr ganzes Herz und klagte mit der bittersten
Wehmut, daß, unerachtet sie für die Wahrheit aller Umstände rücksichts
der wirklich vollzogenen Trauung mit Stanislaus, die überzeugendsten
Beweise habe, man sie doch eine wahnsinnige Träumerin schelte. Die
Fürstin, von allem unterrichtet und von Hermenegildas zerrüttetem
Gemütszustande überzeugt, hütete sich wohl ihr zu widersprechen; sie
begnügte sich damit, ihr zu versichern, daß die Zeit alles aufklären
werde und daß es wohlgetan sei, sich in frommer Demut dem Willen
des Himmels ganz zu ergeben. Aufmerksamer wurde die Fürstin,
als Hermenegilda von ihrem körperlichen Zustande sprach und die
sonderbaren Anfälle beschrieb, die ihr Inneres zu verstören schienen.
Man sah, wie die Fürstin mit der ängstlichsten Sorgfalt über
Hermenegilda wachte und wie ihre Bekümmernis in dem Grade stieg, als
Hermenegilda sich ganz zu erholen schien. Die todblassen Wangen und
Lippen röteten sich wieder, die Augen verloren das düstre unheimliche
Feuer, der Blick wurde mild und ruhig, die abgemagerten Formen
rundeten sich mehr und mehr, kurz Hermenegilda blühte ganz auf in
voller Jugend und Schönheit. Und doch schien die Fürstin sie für
kränker als jemals zu halten, denn: »Wie ist dir, was hast du mein
Kind? - was fühlst du?« so frug sie, quälende Besorgnis im Gesicht,
sobald Hermenegilda nur seufzte oder im mindesten erblaßte. Graf
Nepomuk, der Fürst, die Fürstin berateten sich, was es denn nun werden
solle mit Hermenegilda und ihrer fixen Idee, Stanislaus' Witwe zu
sein. »Ich glaube leider«, sprach der Fürst, »daß ihr Wahnsinn
unheilbar bleiben wird, denn sie ist körperlich kerngesund und nährt
den zerrütteten Zustand ihrer Seele mit voller Kraft. - Ja«, fuhr er
fort, als die Fürstin schmerzlich vor sich hinblickte, »ja sie ist
kerngesund, unerachtet sie zur Ungebühr und zu ihrem offenbaren
Nachteil wie eine Kranke gepflegt, gehätschelt und geängstet wird.«
Die Fürstin, welche diese Worte trafen, faßte den Grafen Nepomuk ins
Auge und sprach rasch und entschieden: »Nein! - Hermenegilda ist nicht
krank, aber, läge es nicht im Reich der Unmöglichkeit, daß sie sich
vergangen haben könnte, so würde ich überzeugt sein, daß sie sich in
guter Hoffnung befinde.« Damit stand sie auf und verließ das Zimmer.
Wie vom Blitz getroffen starrten sich Graf Nepomuk und der Fürst
an. Dieser, zuerst das Wort aufnehmend, meinte, daß seine Frau auch
zuweilen von den sonderbarsten Visionen heimgesucht werde. Graf
Nepomuk sprach aber sehr ernst: »Die Fürstin hat darin recht, daß
ein Vergehen der Art von seiten Hermenegildas durchaus im Reich der
Unmöglichkeit liegt, wenn ich dir aber sage, daß, als Hermenegilda
gestern vor mir herging, mir es selbst wie ein närrischer Gedanke
durch den Sinn fuhr: >Nun seht einmal, die junge Witwe ist ja guter
Hoffnung<; daß dieser Gedanke offenbar nur durch das Betrachten ihrer
Gestalt erzeugt werden konnte, wenn ich dir das alles sage, so wirst
du es natürlich finden, wie die Worte der Fürstin mich mit trüber
Besorgnis, ja mit der peinlichsten Angst erfüllen.« - »So muß«,
erwiderte der Fürst, »der Arzt oder die weise Frau entscheiden und
entweder das vielleicht voreilige Urteil der Fürstin vernichtet oder
unsere Schande bestätigst werden.« Mehrere Tage schwankten beide von
Entschluß zu Entschluß. Beiden wurden Hermenegildas Formen verdächtig,
die Fürstin sollte entscheiden was jetzt zu tun. Sie verwarf die
Einmischung eines vielleicht plauderhaften Arztes und meinte, daß
andere Hülfe wohl erst in fünf Monaten nötig sein würde. »Welche
Hülfe?« schrie Graf Nepomuk entsetzt. »Ja«, fuhr die Fürstin mit
erhöhter Stimme fort, »es ist nun gar kein Zweifel mehr, Hermenegilda
ist entweder die verruchteste Heuchlerin, die jemals geboren, oder
es waltet ein unerforschliches Geheimnis - genug, sie ist guter
Hoffnung!« Ganz erstarrt vor Schreck fand Graf Nepomuk keine Worte;
endlich sich mühsam ermannend beschwor er die Fürstin, koste es was es
wolle, von Hermenegilda selbst zu erforschen, wer der Unglückselige
sei, der die unauslöschliche Schmach über sein Haus gebracht. »Noch«,
sprach die Fürstin, »noch ahnet Hermenegilda nicht, daß ich um ihren
Zustand weiß. Von dem Moment, wenn ich es ihr sagen werde, wie es um
sie steht, verspreche ich mir alles. Überrascht wird sie die Larve der
Heuchlerin fallen lassen oder es muß sich sonst ihre Unschuld auf eine
wunderbare Weise offenbaren, unerachtet ich es auch nicht zu träumen
vermag, wie dies sollte geschehen können.« Noch denselben Abend war
die Fürstin mit Hermenegilda, deren mütterliches Ansehn mit jeder
Stunde zuzunehmen schien, allein auf ihrem Zimmer. Da ergriff die
Fürstin das arme Kind bei beiden Armen, blickte ihr scharf ins Auge
und sagte mit schneidendem Ton: »Liebe, du bist guter Hoffnung!« Da
schlug Hermenegilda den wie von himmlischer Wonne verklärten Blick
in die Höhe und rief mit dem Ton des höchsten Entzückens: »O Mutter,
Mutter, ich weiß es ja! - Lange fühlt ich es, daß ich, fiel auch
der teure Gatte unter den mörderischen Streichen der wilden Feinde,
dennoch unaussprechlich glücklich sein sollte. Ja! - jener Moment
meines höchsten irdischen Glücks lebt in mir fort, ich werde ihn ganz
wieder haben den geliebten Gatten in dem teuern Pfande des süßen
Bundes.« Der Fürstin war es, als finge sich alles an um sie zu drehen,
als wollten ihr die Sinne schwinden. Die Wahrheit in Hermenegildas
Ausdruck - ihr Entzücken, ihre wahrhafte Verklärung ließ keinen
Gedanken an erheucheltes Wesen, an Trug aufkommen und doch konnte
nur toller Wahnsinn auf ihre Behauptung etwas geben. Von dem letzten
Gedanken ganz erfaßt, stieß die Fürstin Hermenegilda von sich, indem
sie heftig rief. »Unsinnige! Ein Traum hätte dich in den Zustand
versetzt, der Schmach und Schande über uns alle bringt! - glaubst du,
daß du mich mit albernen Märchen zu hintergehen vermagst? - Besinne
dich - laß alle Ereignisse der vorigen Tage dir vorübergehen. Ein
reuiges Bekenntnis kann uns vielleicht versöhnen.« In Tränen gebadet,
ganz aufgelöst von herbem Schmerz sank Hermenegilda vor der Fürstin
auf die Knie und jammerte: »Mutter, auch du schiltst mich eine
Träumerin, auch du glaubst nicht daran, daß die Kirche mich mit
Stanislaus verband, daß ich sein Weib bin? - Aber sieh doch nur hier
den Ring an meinem Finger was sage ich! - _Du_, _du_ kennst ja meinen
Zustand, ist denn das nicht genug dich zu überzeugen, daß ich nicht
träumte?« Die Fürstin nahm mit dem tiefsten Erstaunen wahr, daß
Hermenegilden der Gedanke eines Vergehens gar nicht einkam, daß sie
die Hindeutung darauf gar nicht aufgefaßt, gar nicht verstanden. Der
Fürstin ihre Hände heftig an die Brust drückend, flehte Hermenegilda
immerfort, sie möge doch nur jetzt, da es ihr Zustand außer Zweifel
setze, an ihren Gatten glauben, und die ganz bestürzte, ganz außer
sich gesetzte Frau wußte in der Tat selbst nicht mehr, was sie der
Armen sagen, welchen Weg sie überhaupt einschlagen sollte, dem
Geheimnis, das hier walten mußte, auf die Spur zu kommen. Erst nach
mehreren Tagen erklärte die Fürstin dem Gemahl und dem Grafen Nepomuk,
daß es unmöglich sei von Hermenegilda, die sich von dem Gatten
schwanger glaube, mehr herauszubringen, als wovon sie selbst im
Innersten der Seele überzeugt sei. Die Männer voller Zorn schalten
Hermenegilda eine Heuchlerin und insonderheit schwur Graf Nepomuk,
daß, wenn gelinde Mittel sie nicht von dem wahnsinnigen Gedanken, ihm
ein abgeschmacktes Märchen aufzuheften, zurückbringen würden, er es
mit strengen Maßregeln versuchen werde. Die Fürstin meinte dagegen,
daß jede Strenge eine zwecklose Grausamkeit sein würde. Überzeugt sei
sie nämlich, wie gesagt, daß Hermenegilda keinesweges heuchle, sondern
daran, was sie sage, mit voller Seele glaube. »Es gibt«, fuhr sie
fort, »noch manches Geheimnis in der Welt, das zu begreifen wir
gänzlich außerstande sind. Wie, wenn das lebhafte Zusammenwirken des
Gedankens auch eine physische Wirkung haben könnte, wie wenn eine
geistige Zusammenkunft zwischen Stanislaus und Hermenegilda sie in den
uns unerklärlichen Zustand versetzte?« Unerachtet alles Zorns, aller
Bedrängnis des fatalen Augenblicks konnten sich der Fürst und Graf
Nepomuk doch des lauten Lachens nicht enthalten, als die Fürstin
diesen Gedanken äußerte, den die Männer den sublimsten nannten, der
je das Menschliche ätherisiert habe. Die Fürstin blutrot im ganzen
Gesicht meinte, daß den rohen Männern der Sinn für dergleichen
abginge, daß sie das ganze Verhältnis, in das ihr armes Kind,
an dessen Unschuld sie unbedingt glaube, geraten, anstößig und
abscheulich finde, und daß eine Reise, die sie mit ihr zu unternehmen
gedenke, das einzige und beste Mittel sei, sie der Arglist, dem Hohne
ihrer Umgebung zu entziehen. Graf Nepomuk war mit diesem Vorschlage
sehr zufrieden, denn da Hermenegilda selbst gar kein Geheimnis aus
ihrem Zustande machte, so mußte sie, sollte ihr Ruf verschont bleiben,
freilich aus dem Kreise der Bekannten entfernt werden.
Dies ausgemacht, fühlten sich alle beruhigt. Graf Nepomuk dachte kaum
mehr an das beängstigende Geheimnis selbst, als er nur die Möglichkeit
sah, es der Welt, deren Hohn ihm das bitterste war, zu verbergen, und
der Fürst urteilte sehr richtig, daß bei der seltsamen Lage der Dinge,
bei Hermenegildas unerheucheltem Gemütszustande freilich gar nichts
anders zu tun sei, als die Auflösung des wunderbaren Rätsels der Zeit
zu überlassen. Eben wollte man nach geschlossener Beratung auseinander
gehen, als die plötzliche Ankunft des Grafen Xaver von R. über alle
neue Verlegenheit neue Kümmernis brachte. Erhitzt von dem scharfen
Ritt, über und über mit Staub bedeckt, mit der Hast eines von wilder
Leidenschaft Getriebenen stürzte er ins Zimmer und rief, ohne Gruß,
alle Sitte nicht beachtend, mit starker Stimme: »Er ist tot, Graf
Stanislaus! nicht in Gefangenschaft geriet er - nein - er wurde
niedergehauen von den Feinden - hier sind die Beweise!« - Damit
steckte er mehrere Briefe, die er schnell hervorgerissen, dem Grafen
Nepomuk in die Hände. Dieser fing ganz bestürzt an zu lesen. Die
Fürstin sah in die Blätter hinein, kaum hatte sie wenige Zeilen
erhascht, als sie mit zum Himmel emporgerichtetem Blick die Hände
zusammenschlug und schmerzlich ausrief: »Hermenegilda! - armes Kind!
- welches unerforschliche Geheimnis!« - Sie hatte gefunden, daß
Stanislaus' Todestag gerade mit Hermenegildas Angabe zusammentraf, daß
sich alles so begeben, wie sie es in dem verhängnisvollen Augenblick
geschaut hatte. »Er ist tot«, sprach nun Xaver rasch und feurig,
»Hermenegilda ist frei, mir, der ich sie liebe wie mein Leben,
steht nichts mehr entgegen, ich bitte um ihre Hand!« - Graf Nepomuk
vermochte nicht zu antworten, der Fürst nahm das Wort und erklärte,
daß gewisse Umstände es ganz unmöglich machten, jetzt auf seinen
Antrag einzugehen, daß er in diesem Augenblick nicht einmal
Hermenegilda sehen könne, daß es also das beste sei, sich wieder
schnell zu entfernen, wie er gekommen. Xaver entgegnete, daß er
Hermenegildas zerrütteten Gemütszustand, von dem wahrscheinlich die
Rede sei, recht gut kenne, daß er dies aber um so weniger für ein
Hindernis halte, als gerade seine Verbindung mit Hermenegilda jenen
Zustand enden würde. Die Fürstin versicherte ihm, daß Hermenegilda
ihrem Stanislaus Treue bis in den Tod geschworen, jede andere
Verbindung daher verwerfen würde, übrigens befinde sie sich gar nicht
mehr auf dem Schlosse. Da lachte Xaver laut auf und meinte, nur des
Vaters Einwilligung bedürfe er; Hermenegildas Herz zu rühren, das
solle man nur ihm überlassen. Ganz erzürnt über des Jünglings
ungestüme Zudringlichkeit erklärte Graf Nepomuk, daß er in diesem
Augenblick vergebens auf seine Einwilligung hoffe und nur sogleich
das Schloß verlassen möge. Graf Xaver sah ihn starr an, öffnete die
Tür des Vorsaals und rief hinaus, Woyciech solle den Mantelsack
hereinbringen, die Pferde absatteln und in den Stall führen. Dann kam
er ins Zimmer zurück, warf sich in den Lehnstuhl, der dicht am Fenster
stand, und erklärte ruhig und ernst: ehe er Hermenegilda gesehen und
gesprochen, werde ihn nur offne Gewalt vom Schlosse wegtreiben. Graf
Nepomuk meinte, daß er dann auf einen recht langen Aufenthalt rechnen
könne, übrigens aber erlauben müsse, daß er seinerseits das Schloß
verlasse. Alle, Graf Nepomuk, der Fürst und seine Gemahlin gingen
hierauf aus dem Zimmer, um so schnell als möglich Hermenegilda
fortzuschaffen. Der Zufall wollte indessen, daß sie gerade in dieser
Stunde, ganz wider ihre sonstige Gewohnheit, in den Park gegangen war.
Xaver, durch das Fenster blickend, an dem er saß, gewahrte sie ganz
in der Ferne wandelnd. Er rannte hinunter in den Park und erreichte
endlich Hermenegilda, als sie eben in jenen verhängnisvollen Pavillon
an der Südseite des Parks trat. Ihr Zustand war nun schon beinahe
jedem Auge sichtlich. »O all ihr Mächte des Himmels«, rief Xaver, als
er vor Hermenegilda stand, dann stürzte er aber zu ihren Füßen und
beschwor sie, unter den heiligsten Beteurungen seiner glühendsten
Liebe, ihn zum glücklichsten Gatten aufzunehmen. Hermenegilda, ganz
außer sich vor Schreck und Überraschung, sagte ihm: ein böses Geschick
habe ihn hergeführt, ihre Ruhe zu stören - niemals, niemals würde
sie, dem geliebten Stanislaus zur Treue bis in den Tod verbunden, die
Gattin eines andern werden. Als nun aber Xaver nicht aufhörte mit
Bitten und Beteurungen, als er endlich in toller Leidenschaft ihr
vorhielt, daß sie sich selbst täusche, daß sie _ihm_ ja schon die
süßesten Liebesaugenblicke geschenkt, als er, aufgesprungen vom Boden,
sie in seine Arme schließen wollte, da stieß sie ihn, den Tod im
Antlitz, mit Abscheu und Verachtung zurück, indem sie rief. »Elender,
selbstsüchtiger Tor, ebensowenig, wie du das süße Pfand meines Bundes
mit Stanislaus vernichten kannst, ebensowenig vermagst du mich zum
verbrecherischen Bruch der Treue zu verführen - fort aus meinen
Augen!« Da streckte Xaver die geballte Faust ihr entgegen, lachte laut
auf in wildem Hohn und schrie: »Wahnsinnige, brachst du denn nicht
selbst jenen albernen Schwur? - Das Kind, das du unter dem Herzen
trägst, _mein_ Kind ist es, _mich_ umarmtest du hier an dieser Stelle -
_meine_ Buhlschaft warst du und bleibst du, wenn ich dich nicht erhebe
zu meiner Gattin.« - Hermenegilda blickte ihn an, die Glut der Hölle
in den Augen, dann kreischte sie auf. »Ungeheuer!« und sank wie zum
Tode getroffen nieder auf den Boden.
Wie von allen Furien verfolgt, rannte Xaver in das Schloß zurück, er
traf auf die Fürstin, die er mit Ungestüm bei der Hand ergriff und
hineinzog in die Zimmer. »Sie hat mich verworfen mit Abscheu - mich,
den Vater ihres Kindes!« - »Um aller Heiligen willen! Du? - Xaver! -
mein Gott! - sprich, wie war es möglich?« - so rief, von Entsetzen
ergriffen, die Fürstin. »Mag mich verdammen«, fuhr Xaver gefaßter
fort, »mag mich verdammen wer da will, aber glüht ihm gleich mir das
Blut in den Adern, gleich mir wird er in solchem Moment sündigen.
In dem Pavillon traf ich Hermenegilda in einem seltsamen Zustande,
den ich nicht zu beschreiben vermag. Sie lag wie festschlafend und
träumend auf dem Kanapee. Kaum war ich eingetreten, als sie sich
erhob, auf mich zukam, mich bei der Hand ergriff und feierlichen
Schritts durch den Pavillon ging. Dann kniete sie nieder, ich tat ein
gleiches, sie betete, und ich bemerkte bald, daß sie im Geiste einen
Priester vor uns sah. Sie zog einen Ring vom Finger, den sie dem
Priester darreichte, ich nahm ihn und steckte ihr einen goldnen
Ring an, den ich von meinem Finger zog, dann sank sie mit der
inbrünstigsten Liebe in meine Arme. - Als ich entfloh, lag sie in
tiefem bewußtlosen Schlaf.« - »Entsetzlicher Mensch! - ungeheurer
Frevel!« schrie die Fürstin ganz außer sich. - Graf Nepomuk und
der Fürst traten hinein, in wenigen Worten erfuhren sie Xavers
Bekenntnisse, und wie tief wurde der Fürstin zartes Gemüt verwundet,
als die Männer Xavers freveliche Tat sehr verzeihlich und durch
seine Verbindung mit Hermenegilda gesühnt fanden. »Nein«, sprach die
Fürstin, »nimmer wird Hermenegilda _dem_ die Hand als Gattin reichen,
der es wagte, wie der hämischte Geist der Hölle, den höchsten Moment
ihres Lebens mit dem ungeheuersten Frevel zu vergiften.« - »Sie wird«,
sprach Graf Xaver mit kaltem höhnenden Stolz, »sie wird mir die Hand
reichen müssen, um ihre Ehre zu retten - ich bleibe hier und alles
fügt sich.« - In diesem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch, man
brachte Hermenegilda, die der Gärtner im Pavillon leblos gefunden,
in das Schloß zurück. Man legte sie auf das Sofa; ehe es die Fürstin
verhindern konnte, trat Xaver hinan und faßte ihre Hand. Da fuhr sie
mit einem entsetzlichen Schrei, nicht menschlicher Ton, nein, dem
schneidenden Jammerlaut eines wilden Tiers ähnlich, in die Höhe und
starrte in gräßlicher Verzuckung den Grafen mit funkensprühenden Augen
an. Der taumelte wie vom tötenden Blitz getroffen zurück und lallte
kaum verständlich: »Pferde!« - Auf den Wink der Fürstin brachte
man ihn herab. - »Wein! - Wein!« schrie er, stürzte einige Gläser
hinunter, warf sich dann erkräftigt aufs Pferd und jug davon. -
Hermenegildas Zustand, der aus dumpfen Wahnsinn in wilde Raserei
übergehen zu wollen schien, änderte auch Nepomuks und des Fürsten
Gesinnungen, die nun erst das Entsetzliche, Unsühnbare von Xavers Tat
einsahen. Man wollte nach dem Arzt senden, aber die Fürstin verwarf
alle ärztliche Hülfe, wo nur geistlicher Trost vielleicht wirken
könne. Statt des Arztes erschien also der Karmelitermönch Cyprianus,
Beichtvater des Hauses. Auf wunderbare Weise gelang es ihm,
Hermenegilda aus der Bewußtlosigkeit des stieren Wahnsinns zu
erwecken. Noch mehr! - bald wurde sie ruhig und gefaßt; sie sprach
ganz zusammenhängend mit der Fürstin, der sie den Wunsch äußerte, nach
ihrer Niederkunft ihr Leben im Zisterzienserkloster zu O. in steter
Reue und Trauer hinzubringen. Ihren Trauerkleidern hatte sie Schleier
hinzugefügt, die ihr Gesicht undurchdringlich verhüllten und die
sie niemals lüpfte. Pater Cyprianus verließ das Schloß, kam aber
nach einigen Tagen wieder. Unterdessen hatte der Fürst Z. an den
Bürgermeister zu L. geschrieben, dort sollte Hermenegilda ihre
Niederkunft abwarten und von der Äbtissin des Zisterzienserklosters,
einer Verwandten des Hauses, dahingebracht werden, während die Fürstin
nach Italien reiste, und angeblich Hermenegilda mitnahm. - Es war
Mitternacht, der Wagen, der Hermenegilda nach dem Kloster bringen
sollte, stand vor der Türe. Von Gram gebeugt erwartete Nepomuk, der
Fürst, die Fürstin, das unglückliche Kind, um von ihr Abschied zu
nehmen. Da trat sie in Schleier gehüllt, an der Hand des Mönchs,
in das von Kerzen hell erleuchtete Zimmer. Cyprianus sprach mit
feierlicher Stimme: »Die Laienschwester Cölestina sündigte schwer,
als sie sich noch in der Welt befand, denn der Frevel des Teufels
befleckte ihr reines Gemüt, doch ein unauflösliches Gelübde bringt ihr
Trost - Ruhe und ewige Seligkeit! - Nie wird die Welt mehr das Antlitz
schauen, dessen Schönheit den Teufel anlockte - schaut her! - so
beginnt und vollendet Cölestina ihre Buße!« - Damit hob der Mönch
Hermenegildas Schleier auf, und schneidendes Weh durchfuhr alle,
da sie die blasse Totenlarve erblickten, in die Hermenegildas
engelschönes Antlitz auf immer verschlossen! - Sie schied, keines
Wortes mächtig, von dem Vater, der ganz aufgelöst von verzehrendem
Schmerz nicht mehr leben zu können dachte. Der Fürst, sonst ein
gefaßter Mann, badete sich in Tränen, nur der Fürstin gelang es, mit
aller Macht den Schrecken jenes grauenvollen Gelübdes niederkämpfend,
sich aufrecht zu erhalten in milder Fassung.
Wie Graf Xaver Hermenegildas Aufenthalt und sogar den Umstand, daß
das geborne Kind der Kirche geweiht sein sollte, erfahren, ist
unerklärlich. Wenig nutzte ihm der Raub des Kindes, denn als er nach
P. gekommen, und es in die Hände einer vertrauten Frau zur Pflege
geben wollte, war es nicht, wie er glaubte, von der Kälte ohnmächtig
geworden, sondern tot. Darauf verschwand Graf Xaver spurlos, und man
glaubte, er habe sich den Tod gegeben. Mehrere Jahre waren vergangen,
als der junge Fürst Boleslaw von Z. auf seinen Reisen nach Neapel in
die Nähe des Posilippo kam. Dort in der anmutigsten Gegend liegt ein
Kamaldulenserkloster, zu dem der Fürst heraufstieg, um eine Aussicht
zu genießen, die ihm als die reizendste in ganz Neapel geschildert
worden. Eben im Begriff, auf die herausspringende Felsenspitze im
Garten zu treten, die ihm als der schönste Punkt beschrieben, bemerkte
er einen Mönch, der vor ihm auf einem großen Stein Platz genommen
und, ein aufgeschlagenes Gebetbuch auf dem Schoß, in die Ferne
hinausschaute. Sein Antlitz, in den Grundzügen noch jugendlich, war
nur durch tiefen Gram entstellt. Dem Fürsten kam, als er den Mönch
näher und näher betrachtete, eine dunkle Erinnerung. Er schlich näher
heran und es fiel ihm gleich ins Auge, daß das Gebetbuch in polnischer
Sprache abgefaßt war. Darauf redete er den Mönch polnisch an, dieser
wandte sich voller Schreck um, kaum hatte er aber den Fürsten
erblickt, als er sein Gesicht verhüllte und schnell, wie vom
bösen Geist getrieben, durch die Gebüsche entfloh. Fürst Boleslaw
versicherte, als er dem Grafen Nepomuk das Abenteuer erzählte, dieser
Mönch sei niemand anders gewesen, als der Graf Xaver von R.