Ich eilte zum Alten, der schon auf mich wartete. »Nun Vetter, wo

bleibst du denn, wo bleibst du denn?« rief er mir entgegen. »lch habe

mit dem Baron gesprochen«, warf ich schnell und leise hin, ohne den

Alten anschauen zu können. »Tausend Sapperlot!« sprach der Alte wie

verwundert, »Tausend Sapperlot, dacht ich's doch gleich! - der Baron

hat dich gewiß herausgefordert, Vetter?« - Das schallende Gelächter,

das der Alte gleich hinterher aufschlug, bewies mir, daß er auch

dieses Mal, wie immer, ganz und gar mich durchschaute.

Ich biß die Zähne zusammen ich mochte kein Wort erwidern, denn wohl

wußt' ich, daß es dessen nur bedurfte, um sogleich von den tausend

Neckereien überschüttet zu werden, die schon auf des Alten Lippen

schwebten.

Die Baronin kam zur Tafel im zierlichen Morgenkleide, das, blendend

weiß, frisch gefallenen Schnee besiegte. Sie sah matt aus und

abgespannt, doch als sie nun, leise und melodisch sprechend, die

dunklen Augen erhob, da blitzte süßes, sehnsüchtiges Verlangen aus

düsterer Glut, und ein flüchtiges Rot überflog das lilienblasse

Antlitz. Sie war schöner als jemals. Wer ermißt die Torheiten eines

Jünglings mit zu heißem Blut im Kopf und Herzen!

Den bittern Groll, den der Baron in mir aufgeregt, trug ich über auf

die Baronin. Alles erschien mir wie eine heillose Mystifikation, und

nun wollt' ich beweisen, daß ich gar sehr bei vollem Verstande sei und

über die Maßen scharfsichtig. - Wie ein schmollendes Kind vermied ich

die Baronin und entschlüpfte der mich verfolgenden Adelheid, so daß

ich, wie ich gewollt, ganz am Ende der Tafel zwischen den beiden

Offizieren meinen Platz fand, mit denen ich wacker zu zechen begann.

Beim Nachtisch stießen wir fleißig die Gläser zusammen, und, wie es in

solcher Stimmung zu geschehen pflegt, ich war ungewöhnlich laut und

lustig.

Ein Bedienter hielt mir einen Teller hin, auf dem einige Bonbons

lagen, mit den Worten: »Von Fräulein Adelheid.« Ich nahm, und bemerkte

bald, daß auf einem der Bonbons mit Silberstift gekritzelt stand: »Und

Seraphine?«- Das Blut wallte mir auf in den Adern. Ich schaute hin

nach Adelheid, die sah mich an mit überaus schlauer, verschmitzter

Miene, nahm das Glas und nickte mir zu mit leisem Kopfnicken.

Beinahe willkürlos murmelte ich still: »Seraphine«, nahm mein Glas und

leerte es mit einem Zuge. Mein Blick flog hin zu ihr, ich gewahrte,

daß sie auch in dem Augenblick getrunken hatte und ihr Glas eben

hinsetzte - ihre Augen trafen die meinen, und ein schadenfroher Teufel

raunte es mir in die Ohren: »Unseliger! - Sie liebt dich doch!«

Einer der Gäste stand auf und brachte, nordischer Sitte gemäß, die

Gesundheit der Frau vom Hause aus. Die Gläser erklangen im lauten

Jubel - Entzücken und Verzweiflung spalteten mir das Herz - die Glut

des Weins flammte in mir auf, alles drehte sich in Kreisen, es war,

als müßte ich vor aller Augen hinstürzen zu ihren Füßen und mein Leben

aushauchen!

»Was ist Ihnen, lieber Freund?« Diese Frage meines Nachbars gab mir

die Besinnung wieder, aber Seraphine war verschwunden. - Die Tafel

wurde aufgehoben. Ich wollte fort, Adelheid hielt mich fest, sie

sprach allerlei, ich hörte, ich verstand kein Wort - sie faßte mich

bei beiden Händen und rief mir laut lachend etwas in die Ohren. - Wie

von der Starrsucht gelähmt, blieb ich stumm und regungslos. Ich weiß

nur, daß ich endlich mechanisch ein Glas Likör aus Adelheids Hand nahm

und es austrank, daß ich mich einsam in einem Fenster wiederfand, daß

ich dann hinausstürzte aus dem Saal, die Treppe hinab, und hinauslief

in den Wald.

In dichten Flocken fiel der Schnee herab, die Föhren seufzten, vom

Sturm bewegt; wie ein Wahnsinniger sprang ich umher in weiten Kreisen,

und lachte und schrie wild auf: »Schaut zu, schaut zu! - Heisa! der

Teufel macht sein Tänzchen mit dem Knaben, der zu speisen gedachte

total verbotene Früchte.«

Wer weiß, wie mein tolles Spiel geendet, wenn ich nicht meinen Namen

laut in den Wald hineinrufen gehört. Das Wetter hatte nachgelassen,

der Mond schien hell durch die zerrissenen Wolken, ich hörte Doggen

anschlagen und gewahrte eine finstere Gestalt, die sich mir näherte.

Es war der alte Jäger. »Ei, ei, lieber Herr Theodor!« fing er an, »wie

haben Sie sich denn verirrt in dem bösen Schneegestöber, der Herr

Justitiarius warten auf Sie mit vieler Ungeduld!«

Schweigend folgte ich dem Alten. Ich fand den Großonkel im

Gerichtssaal arbeitend. »Das hast du gut gemacht«, rief er mir

entgegen, »das hast du sehr gut gemacht, daß du ein wenig ins Freie

gingst, um dich gehörig abzukühlen. Trinke doch nicht so viel Wein, du

bist noch viel zu jung dazu, das taugt nicht.« Ich brachte kein Wort

hervor, schweigend setzte ich mich hin an den Schreibtisch.

»Aber sage mir nur, lieber Vetter, was wollte denn eigentlich der

Baron von dir?« - Ich erzählte alles und schloß damit, daß ich

mich nicht hergeben wollte zu der zweifelhaften Kur, die der Baron

vorgeschlagen. »Würde auch gar nicht angehen«, fiel der Alte mir in

die Rede, »denn wir reisen morgen in aller Frühe fort, lieber Vetter!«

Es geschah so, ich sah Seraphinen nicht wieder!

Kaum angekommen in K., klagte der alte Großonkel, daß er mehr als

jemals sich von der beschwerlichen Fahrt angegriffen fühle. Sein

mürrisches Schweigen, nur unterbrochen von heftigen Ausbrüchen der

übelsten Laune, verkündete die Rückkehr seiner podagristischen

Zufälle. Eines Tages wurd' ich schnell hingerufen, ich fand den Alten,

vom Schlage getroffen, sprachlos auf dem Lager, einen zerknitterten

Brief in der krampfhaft geschlossenen Hand.

Ich erkannte die Schriftzüge des Wirtschaftsinspektors aus R..sitten,

doch, von dem tiefsten Schmerz durchdrungen, wagte ich es nicht, den

Brief dem Alten zu entreißen, ich zweifelte nicht an seinem baldigen

Tod. Doch, noch ehe der Arzt kam, schlugen die Lebenspulse wieder, die

wunderbar kräftige Natur des siebzigjährigen Greises widerstand dem

tödlichen Anfall, noch desselben Tages erklärte ihn der Arzt außer

Gefahr. Der Winter war hartnäckiger als jemals, ihm folgte ein rauher,

düsterer Frühling, und so kam es, daß nicht jener Zufall sowohl, als

das Podagra, von dem bösen Klima wohl gehegt, den Alten für lange Zeit

auf das Krankenlager warf.

In dieser Zeit beschloß er, sich von jedem Geschäft ganz

zurückzuziehen. Er trat seine Justitiariate an andere ab, und so

war mir jede Hoffnung verschwunden, jemals wieder nach R..sitten zu

kommen. Nur meine Pflege litt der Alte, nur von mir verlangte er

unterhalten, aufgeheitert zu werden. Aber wenn auch in schmerzlosen

Stunden seiner Heiterkeit wiedergekehrt war, wenn es an derben Späßen

nicht fehlte, wenn es selbst zu Jagdgeschichten kam, und ich jeden

Augenblick vermutete, meine Heldentat, wie ich den greulichen Wolf

mit dem Jagdmesser erlegt, würde herhalten müssen - niemals - niemals

erwähnte er unseres Aufenthalts in R..sitten, und wer mag nicht

einsehen, daß ich aus natürlicher Scheu mich wohl hütete, ihn geradezu

darauf zu bringen.

Meine bittre Sorge, meine stete Mühe um den Alten hatte Seraphinens

Bild in den Hintergrund gestellt. Sowie des Alten Krankheit nachließ,

gedachte ich lebhafter wieder jenes Moments im Zimmer der Baronin,

der mir wie ein leuchtender, auf ewig für mich untergegangener Stern

erschien. Ein Ereignis rief allen empfundenen Schmerz hervor, indem es

mich zugleich, wie eine Erscheinung aus der Geisterweit, mit eiskalten

Schauern durchbebte!

Als ich nämlich eines Abends die Brieftasche, die ich in R..sitten

getragen, öffne, fällt mir aus den aufgeblätterten Papieren eine

dunkle, mit einem weißen Bande umschlungene Locke entgegen, die ich

augenblicklich für Seraphinens Haar erkenne! Aber als ich das Band

näher betrachte, sehe ich deutlich die Spur eines Blutstropfens!

Vielleicht wußte Adelheid in jenen Augcnblicken des bewußtlosen

Wahnsinns, der mich am letzten Tage ergriffen, mir dies Andenken

geschickt zuzustellen, aber warum der Blutstropfe, der mich

Entsetzliches ahnen ließ und jenes beinahe zu schäfermäßige Pfand zur

schauervollen Mahnung an eine Leidenschaft, die teures Herzblut kosten

konnte, hinaufsteigerte?

Das war jenes weiße Band, das mich, zum erstenmal Seraphinen nahe, wie

im leichten losen Spiel umflatterte, und dem nun die dunkle Macht das

Wahrzeichen der Verletzung zum Tode gegeben. Nicht spielen soll der

Knabe mit der Waffe, deren Gefährlichkeit er nicht ermißt!

Endlich hatten die Frühlingsstürme zu toben aufgehört, der Sommer

behauptete sein Recht, und war erst die Kälte unerträglich, so wurd'

es nun, als der Julius begonnen, die Hitze. Der Alte erkräftigte sich

zusehends und zog, wie er sonst zu tun pflegte, in einen Garten der

Vorstadt. An einem stillen lauen Abende saßen wir in der duftenden

Jasminlaube, der Alte war ungewöhnlich heiter und dabei nicht,

wie sonst, voll sarkastischer Ironie, sondern mild, beinahe weich

gestimmt.

»Vetter«, fing er an, »ich weiß nicht, wie mir heute ist, ein ganz

besonderes Wohlsein, wie ich es seit vielen Jahren nicht gefühlt,

durchdringt mich mit gleichsam elektrischer Wärme. Ich glaube, das

verkündet mir einen baldigen Tod.« Ich mühte mich, ihn von dem düstern

Gedanken abzubringen. »Laß es gut sein, Vetter«, sprach er, »lange

bleibe ich nicht mehr hier unten, und da will ich dir noch eine Schuld

abtragen! Denkst du noch an die Herbstzeit in R..sitten?« - Wie ein

Blitz durchfuhr mich diese Frage des Alten, noch ehe ich zu antworten

vermochte, fuhr er weiter fort: »Der Himmel wollte es, daß du dort

auf ganz eigne Weise eintratst und wider deinen Willen eingeflochten

wurdest in die tiefsten Geheimnisse des Hauses. Jetzt ist es an der

Zeit, daß Du alles erfahren mußt.

Oft genug, Vetter, haben wir über Dinge gesprochen, die du mehr

ahntest als verstandest. Die Natur stellt den Zyklus des menschlichen

Lebens in dem Wechsel der Jahreszeiten symbolisch dar, das sagen sie

alle, aber ich meine das auf andere Weise als alle. Die Frühlingsnebel

fallen, die Dünste des Sommers verdampfen, und erst des Herbstes

reiner Äther zeigt deutlich die ferne Landschaft, bis das Hienieden

versinkt in die Nacht des Winters.

Ich meine, daß im Hellsehen des Alters sich deutlicher das Walten der

unerforschlichen Macht zeigt. Es sind Blicke vergönnt in das gelobte

Land, zu dem die Pilgerfahrt beginnt mit dem zeitlichen Tode.

Wie wird mir in diesem Augenblick so klar das dunkle Verhängnis

jenes Hauses, dem ich durch festere Bande, als Verwandtschaft sie zu

schlingen vermag, verknüpft wurde. Wie liegt alles so erschlossen vor

meines Geistes Augen! - doch, wie ich nun alles so gestaltet vor mir

sehe, das Eigentliche, das kann ich nicht mit Worten sagen, keines

Menschen Zunge ist dessen fähig. Höre, mein Sohn, das, was ich dir nur

wie eine merkwürdige Geschichte, die sich wohl zutragen konnte, zu

erzählen vermag. Bewahre tief in deiner Seele die Erkenntnis, daß die

geheimnisvollen Beziehungen, in die du dich vielleicht nicht unberufen

wagtest, dich verderben konnten! - doch das ist nun vorüber!«

Die Ceschichte des R..schen Majorats, die der Alte jetzt erzählte,

trage ich so treu im Gedächtnis, daß ich sie beinahe mit seinen Worten

(er sprach von sich selbst in der dritten Person) zu wiederholen

vermag.

In einer stürmischen Herbstnacht des Jahres 1760 weckte ein

entsetzlicher Schlag, als falle das ganze weitläuftige Schloß in

tausend Trümmer zusammen, das Hausgesinde in R..sitten aus tiefem

Schlafe. Im Nu war alles auf den Beinen, Lichter wurden angezündet,

Schrecken und Angst im leichenblassen Gesicht, keuchte der

Hausverwalter mit den Schlüsseln herbei, aber nicht gering war jedes

Erstaunen, als man in tiefer Totenstille, in der das pfeifende

Gerassel der mühsam geöffneten Schlösser, jeder Fußtritt recht

schauerlich widerhallte, durch unversehrte Gänge, Säle, Zimmer fort

und fort wandelte.

Nirgends die mindeste Spur irgendeiner Verwüstung. Eine finstere

Ahnung erfaßte den alten Hausverwalter. Er schritt hinauf in den

großen Rittersaal, in dessen Seitenkabinett der Freiherr Roderich v.

R. zu ruhen pflegte, wenn er astronomische Beobachtungen angestellt.

Eine zwischen der Tür dieses und eines andern Kabinetts angebrachte

Pforte führte durch einen engen Gang unmittelbar in den astronomischen

Turm.

Aber sowie Daniel (so war der Hausverwalter geheißen) diese Pforte

öffnete, warf ihm der Sturm, abscheulich heulend und sausend, Schutt

und zerbröckelte Mauersteine entgegen, so daß er von Entsetzen weit

zurückprallte und, indem er den Leuchter, dessen Kerzen prasselnd

verlöschten, an die Erde fallen ließ, laut aufschrie: »O Herr des

Himmels! der Baron ist jämmerlich zerschmettert!«

In dem Augenlick ließen sich Klagelaute vernehmen, die aus dem

Schlafkabinett des Freiherrn kamen. Daniel fand die übrigen Diener um

den Leichnam ihres Herrn versammelt. Vollkommen und reicher gekleidet

als jemals, ruhigen Ernst im unentstellten Gesichte, fanden sie ihn

sitzend in dem großen, reich verzierten Lehnstuhle, als ruhe er aus

von gewichtiger Arbeit.

Es war aber der Tod, in dem er ausruhte. Als es Tag geworden,

gewahrte man, daß die Krone des Turms in sich eingestürzt. Die großen

Quadersteine hatten Decke und Fußboden des astronomischen Zimmers

eingeschlagen, nebst den nun voranstürzenden mächtigen Balken mit

gedoppelter Kraft des Falles das untere Gewölbe durchbrochen und einen

Teil der Schloßmauer und des engen Ganges mit fortgerissen. Nicht

einen Schritt durch die Pforte des Saals durfte man tun, ohne Gefahr,

wenigstens achtzig Fuß hinabzustürzen in tiefe Gruft.

Der alte Freiherr hatte seinen Tod bis auf die Stunde vorausgesehen

und seine Söhne davon benachrichtigt. So geschah es, daß gleich

folgenden Tages Wolfgang Freiherr von R., ältester Sohn des

Verstorbenen, mithin Majoratsherr, eintraf. Auf die Ahnung des alten

Vaters wohl bauend, hatte er, sowie er den verhängnisvollen Brief

erhalten, sogleich Wien, wo er auf der Reise sich gerade befand,

verlassen und war, so schnell es nur gehen wollte, nach R..sitten

geeilt.

Der Hausverwalter hatte den großen Saal schwarz ausschlagen und

den alten Freiherrn in den Kleidern, wie man ihn gefunden, auf ein

prächtiges Paradebette, das hohe silberne Leuchter mit brennenden

Kerzen umgaben, legen lassen. Schweigend schritt Wolfgang die Treppe

herauf, in den Saal hinein und dicht hinan an die Leiche des Vaters.

Da blieb er mit über die Brust verschränkten Armen stehen und schaute

starr und düster mit zusammengezogenen Augenbrauen dem Vater ins

bleiche Antlitz. Er glich einer Bildsäule, keine Träne kam in seine

Augen. Endlich, mit einer beinahe krampfhaften Bewegung, den rechten

Arm hin nach der Leiche zuckend, murmelte er dumpf:

»Zwangen dich die Gestirne, den Sohn, den du liebtest, elend zu

machen?« - Die Hände zurückgeworfen, einen kleinen Schritt hinter sich

getreten, warf nun der Baron den Blick in die Höhe und sprach mit

gesenkter, beinahe weicher Stimme: »Armer, betörter Greis! Das

Fastnachtsspiel mit seinen läppischen Täuschungen ist nun vorüber! Nun

magst du erkennen, daß das kärglich zugemessene Besitztum hienieden

nichts gemein hat mit dem jenseits über den Sternen - Welcher Wille,

welche Kraft reicht hinaus über das Grab?«

Wieder schwieg der Baron einige Sekunden - dann rief er heftig:

»Nein, nicht ein Quentlein meines Erdenglücks, das du zu vernichten

trachtetest, soll mir dein Starrsinn rauben«, und damit riß er ein

zusammengelegtes Papier aus der Tasche und hielt es zwischen zwei

Fingern hoch empor an eine dicht bei der Leiche stehende brennende

Kerze. Das Papier, von der Kerze ergriffen, flackerte hoch auf, und

als der Widerschein der Flamme auf dem Gesicht des Leichnams hin und

her zuckte und spielte, war es, als rührten sich die Muskeln und der

Alte spräche tonlose Worte, so daß der entfernt stehenden Dienerschaft

tiefes Grauen und Entsetzen ankam.

Der Baron vollendete sein Geschäft mit Ruhe, indem er das letzte

Stückchen Papier, das er flammend zu Boden fallen lassen, mit dem Fuße

sorglich austrat. Dann warf er noch einen düstern Blick auf den Vater

und eilte mit schnellen Schritten zum Saal hinaus.

Andern Tages machte Daniel den Freiherrn mit der neuerlich geschehenen

Verwüstung des Turms bekannt und schilderte mit vielen Worten, wie

sich überhaupt alles in der Todesnacht des alten seligen Herrn

zugetragen, indem er damit endete, daß es wohl geraten sein würde,

sogleich den Turm herstellen zu lassen, da, stürze noch mehr zusammen,

das ganze Schloß in Gefahr stehe, wo nicht zertrümmert, doch hart

beschädigt zu werden.

»Den Turm herstellen?« fuhr der Freiherr den alten Diener, funkelnden

Zorn in den Augen, an, »den Turm herstellen? Nimmermehr! - Merkst du

denn nicht«, fuhr er dann gelassener fort, »merkst du denn nicht,

Alter, daß der Turm nicht so, ohne weitern Anlaß, einstürzen konnte?

Wie, wenn mein Vater selbst die Vernichtung des Orts, wo er seine

unheimliche Sterndeuterei trieb, gewünscht, wie, wenn er selbst

gewisse Vorrichtungen getroffen hätte, die es ihm möglich machten,

die Krone des Turms, wenn er wollte, einstürzen und so das Innere des

Turms zerschmettern zu lassen? Doch dem sei, wie ihm wolle, und mag

auch das Schloß zusammenstürzen, mir ist es recht. Glaubt ihr denn,

daß ich in dem abenteuerlichen Eulenneste hier hausen werde? - Nein!

jener kluge Ahnherr, der in dem schönen Talgrunde die Fundamente zu

einem neuen Schloß legen ließ, der hat mir vorgearbeitet, dem will ich

folgen.«

»Und so werden«, sprach Daniel kleinlaut, »dann auch wohl die

alten treuen Diener den Wanderstab zur Hand nehmen müssen.« »Daß

ich«, erwiderte der Freiherr, »mich nicht von unbehülflichen

schlotterbeinichten Greisen bedienen lassen werde, versteht sich von

selbst, aber verstoßen werde ich keinen. Arbeitslos soll euch das

Gnadenbrot gut genug schmecken.«

»Mich«, rief der Alte voller Schmerz, »mich, den Hausverwalter, so

außer Aktivität -« Da wandte der Freiherr, der, dem Alten den Rücken

gekehrt, im Begriff stand, den Saal zu verlassen, sich plötzlich um,

blutrot im ganzen Gesichte vor Zorn, die geballte Faust vorgestreckt,

schritt er auf den Alten zu und schrie mit fürchterlicher Stimme:

»Dich, du alter heuchlerischer Schurke, der du mit dem alten Vater das

unheimliche Wesen triebst dort oben, der du dich wie ein Vampir an

sein Herz legtest, der vielleicht des Alten Wahnsinn verbrecherisch

nützte, um in ihm die höllischen Entschlüsse zu erzeugen, die mich an

den Rand des Abgrunds brachten dich sollte ich hinausstoßen wie einen

räudigen Hund!«

Der Alte war vor Schreck über diese entsetzlichen Reden dicht neben

dem Freiherrn auf beide Knie gesunken, und so mochte es geschehen,

daß dieser, indem er vielleicht unwillkürlich, wie denn im Zorn oft

der Körper dem Gedanken mechanisch folgt und das Gedachte mimisch

ausführt, bei den letzten Worten den rechten Fuß vorschleuderte, den

Alten so hart an der Brust traf, daß er mit einem dumpfen Schrei

umstürzte. Er raffte sich mühsam in die Höhe, und indem er einen

sonderbaren Laut, gleich dem heulenden Gewimmer eines auf den Tod

wunden Tieres, ausstieß, durchbohrte er den Freiherrn mit einem Blick,

in dem Wut und Verzweiflung glühten. Den Beutel mit Geld, den ihm

der Freiherr im Davonschreiten zugeworfen, ließ er unberührt auf dem

Fußboden liegen.

Unterdessen hatten sich die in der Gegend befindlichen nächsten

Verwandten des Hauses eingefunden, mit vielem Prunk wurde der alte

Freiherr in der Familiengruft, die in der Kirche von R..sitten

befindlich, beigesetzt, und nun, da die geladenen Gäste sich wieder

entfernt, schien der neue Majoratsherr, von der düstern Stimmung

verlassen, sich des erworbenen Besitztums recht zu erfreuen. Mit V.,

dem Justitiarius des alten Freiherrn, dem er gleich, nachdem er ihn

nur gesprochen, sein volles Vertrauen schenkte und ihn in seinem Amt

bestätigte, hielt er genaue Rechnung über die Einkünfte des Majorats

und überlegte, wieviel davon verwandt werden könne zu Verbesserungen

und zum Aufbau eines neuen Schlosses.

V. meinte, daß der alte Freiherr unmöglich seine jährlichen Einkünfte

aufgezehrt haben könne, und daß, da sich unter den Briefschaften nur

ein paar unbedeutende Kapitalien in Bankoscheinen befanden, und die

in einem eisernen Kasten befindliche bare Summe tausend Taler nur um

weniges überstiege, gewiß irgendwo noch Geld verborgen sein müsse. Wer

anders konnte davon unterrichtet sein, als Daniel, der, störrisch und

eigensinnig, wie er war, vielleicht nur darauf wartete, daß man ihn

darum befrage.

Der Baron war nicht wenig besorgt, daß Daniel, den er schwer

beleidigt, nun nicht sowohl aus Eigennutz, denn was konnte ihm, dem

kinderlosen Greise, der im Stammschlosse R..sitten sein Leben zu enden

wünschte, die größte Summe Geldes helfen, als vielmehr, um Rache zu

nehmen für den erlittenen Schimpf, irgendwo versteckte Schätze lieber

vermodern lassen, als ihm entdecken werde. Er erzählte V. den ganzen

Vorfall mit Daniel umständlich und schloß damit, daß nach mehreren

Nachrichten, die ihm zugekommen, Daniel allein es gewesen sei, der

in dem alten Freiherrn einen unerklärlichen Abscheu, seine Söhne in

R..sitten wiederzusehen, zu nähren gewußt habe. Der Justitiarius

erklärte diese Nachrichten durchaus für falsch, da kein menschliches

Wesen auf der Welt imstande gewesen sei, des alten Freiherrn

Entschlüsse nur einigermaßen zu lenken, viel weniger zu bestimmen, und

übernahm es übrigens, dem Daniel das Geheimnis wegen irgend in einem

verborgenen Winkel aufbewahrten Geldes zu entlocken.

Es bedurfte dessen gar nicht, denn kaum fing der Justitiarius an:

»Aber wie kommt es denn, Daniel, daß der alte Herr so wenig bares Geld

hinterlassen?« so erwiderte Daniel mit widrigem Lächeln: »Meinen Sie

die paar Taler, Herr Justitiarius, die Sie in dem kleinen Kästchen

fanden? das übrige liegt ja im Gewölbe neben dem Schlafkabinett des

alten gnädigen Herrn! Aber das Beste«, fuhr er dann fort, indem sein

Lächeln sich zum abscheulichen Grinsen verzog und blutrotes Feuer

in seinen Augen funkelte, »aber das Beste, viele tausend Goldstücke

liegen da unten im Schutt vergraben!«

Der Justitiarius rief sogleich den Freiherrn herbei, man begab sich

in das Schlafkabinett, in einer Ecke desselben rückte Daniel an dem

Getäfel der Wand, und ein Schloß wurde sichtbar. Indem der Freiherr

das Schloß mit gierigen Blicken anstarrte, dann aber Anstalt machte,

die Schlüssel, welche an dem großen Bunde hingen, den er mit vielem

Geklapper mühsam aus der Tasche gezerrt, an dem glänzenden Schlosse zu

versuchen, stand Daniel da, hoch aufgerichtet und wie mit hämischem

Stolz herabblickend auf den Freiherrn, der sich niedergebückt hatte,

um das Schloß besser in Augenschein zu nehmen.

Den Tod im Antlitz, mit bebender Stimme, sprach er dann: »Bin ich ein

Hund, hochgnädiger Freiherr! - so bewahr' ich auch in mir des Hundes

Treue.« Damit reichte er dem Baron einen blanken stählernen Schlüssel

hin, den ihm dieser mit hastiger Begier aus der Hand riß und die Tür

mit leichter Mühe öffnete. Man trat in ein kleines, niedriges Gewölbe,

in welchem eine große eiserne Truhe mit geöffnetem Deckel stand. Auf

den vielen Geldsäcken lag ein Zettel. Der alte Freiherr hatte mit

seinen wohlbekannten großen altväterischen Schriftzügen darauf

geschrieben:

Einmal hundert und fünfzigtausend Reichstaler in alten Friedrichsdor

erspartes Geld von den Einkünften des Majoratsgutes R..sitten, und

ist diese Summe bestimmt zum Bau des Schlosses. Es soll ferner der

Majoratsherr, der mir folgt, im Besitztum von diesem Gelde auf

dem höchsten Hügel, östlich gelegen dem alten Schloßturm, den er

eingestürzt finden wird, einen hohen Leuchtturm zum Besten der

Seefahrer aufführen und allnächtlich feuern lassen.

R..sitten in der Michaelisnacht des Jahres 1760.

Roderich Freiherr von R.

Erst als der Freiherr die Beutel, einen nach dem andern, gehoben und

wieder in den Kasten fallen lassen, sich ergötzend an dem klirrenden

Klingen des Goldes, wandte er sich rasch zu dem alten Hausverwalter,

dankte ihm für die bewiesene Treue und versicherte, daß nur

verleumderische Klätschereien schuld daran wären, daß er ihm anfangs

übel begegnet. Nicht allein im Schlosse, sondern in vollem Dienst als

Hausverwalter, mit verdoppeltem Gehalt, solle er bleiben.

»Ich bin dir volle Entschädigung schuldig, willst du Gold, so nimm dir

einen von jenen Beuteln!«- So schloß der Freiherr seine Rede, indem er

mit niedergeschlagenen Augen, vor dem Alten stehend, mit der Hand nach

dem Kasten hinzeigte, an den er nun aber noch einmal hintrat und die

Beutel musterte. Dem Hausverwalter trat plötzlich glühende Röte ins

Gesicht, und er stieß einen entsetzlichen, dem heulenden Gewimmer

eines auf den Tod wunden Tiers ähnlichen Laut aus, wie ihn der

Freiherr dem Jutistitiarius beschrieben. Dieser erbebte, denn was der

Alte nun zwischen den Zähnen murmelte, klang wie: »Blut für Gold!« Der

Freiherr, vertieft in den Anblick des Schatzes, hatte von allem nicht

das mindeste bemerkt; Daniel, den es wie im krampfigen Fieberfrost

durch alle Glieder geschüttelt, nahte sich mit gebeugtem Haupt in

demütiger Stellung dem Freiherrn, küßte ihm die Hand und sprach mit

weinerlicher Stimme, indem er mit dem Taschentuch sich über die Augen

fuhr, als ob er Tränen wegwische:

»Ach, mein lieber gnädiger Herr, was soll ich armer, kinderloser

Greis mit dem Golde? - aber das doppelte Gehalt, das nehme ich an mit

Freuden und will mein Amt verwalten rüstig und unverdrossen!«

Der Freiherr, der nicht sonderlich auf die Worte des Alten geachtet,

ließ nun den schweren Deckel der Truhe zufallen, daß das ganze Gewölbe

krachte und dröhnte, und sprach dann, indem er die Truhe verschloß

und die Schlüssel sorgfältig auszog, schnell hingeworfen: »Schon gut,

schon gut Alter! Aber du hast noch«, fuhr er fort, nachdem sie schon

in den Saal getreten waren, »aber du hast noch von vielen Goldstücken

gesprochen, die unten im zerstörten Turm liegen sollen« Der Alte trat

schweigend an die Pforte und schloß sie mit Mühe auf. Aber sowie er

die Flügel aufriß, trieb der Sturm dickes Schneegestöber in den Saal;

aufgescheucht flatterte ein Rabe kreischend und krächzend umher,

schlug mit schwarzen Schwingen gegen die Fenster und stürzte sich, als

er die offene Pforte wiedergewonnen, in den Abgrund.

Der Freiherr trat hinaus in den Korridor, bebte aber zurück, als er

kaum einen Blick in die Tiefe geworfen. »Abscheulicher Anblick -

Schwindel«, stotterte er und sank wie ohnmächtig dem Justitiarius in

die Arme. Er raffte sich jedoch gleich wieder zusammen und frug, den

Alten mit scharfen Blicken erfassend: »Und da unten?« -

Der Alte hatte indessen die Pforte wieder verschlossen, er drückte nun

noch mit ganzer Leibeskraft dagegen, so daß er keuchte und ächzte, um

nur die großen Schlüssel aus den ganz verrosteten Schlössern loswinden

zu können. Dies endlich zustande gebracht, wandte er sich um nach

dem Baron und sprach, die großen Schlüssel in der Hand hin und her

schiebend, mit seltsamen Lächeln: »Ja, da unten liegen tausend und

tausend - alle schönen Instrumente des seligen Herrn - Teleskope,

Quadranten - Globen - Nachtspiegel alles liegt zertrümmert im Schutt

zwischen den Steinen und Balken!«

»Aber, bares Geld, bares Geld«, fiel der Freiherr ein, »du hast von

Goldstücken gesprochen, Alter?«

»Ich meine nur«, erwiderte der Alte, »Sachen, welche viele tausend

Goldstücke gekostet.«

Mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen. Der Baron zeigte sich

hoch erfreut, nun, mit einemmal, zu allen Mitteln gelangt zu sein,

deren er bedurfte, seinen Lieblingsplan ausführen, nämlich ein neues

prächtiges Schloß aufbauen zu können. Zwar meinte der Justitiarius,

daß nach dem Willen des Verstorbenen nur von der Reparatur, von dem

völligen Ausbau des alten Schlosses, die Rede sein könne, und daß in

der Tat jeder neue Bau schwerlich die ehrwürdige Größe, den ernsten

einfachen Charakter des alten Stammhauses erreichen werde, der

Freiherr blieb aber bei seinem Vorsatz und meinte, daß in solchen

Verfügungen, die nicht durch die Stiftungsurkunde sanktioniert worden,

der tote Wille des Dahingeschiedenen weichen müsse.

Er gab dabei zu verstehen, daß es seine Pflicht sei, den Aufenthalt

in R..sitten so zu verschönern, als es nur Klima, Boden und Umgebung

zulasse, da er gedenke, in kurzer Zeit als sein innig geliebtes Weib

ein Wesen heimzuführen, die in jeder Hinsicht der größten Opfer würdig

sei.

Die geheimnisvolle Art, wie der Freiherr sich über das vielleicht

schon insgeheim geschlossene Bündnis äußerte, schnitt dem Justitiarius

jede weitere Frage ab, indessen fand er sich durch die Entscheidung

des Freiherrn insofern beruhigt, als er wirklich in seinem Streben

nach Reichtum mehr die Begier, eine geliebte Person das schönere

Vaterland, dem sie entsagen mußte, ganz vergessen zu lassen, als

eigentlichen Geiz finden wollte.

Für geizig, wenigstens für unausstehlich habsüchtig mußte er sonst

den Baron halten, der, im Golde wühlend, die alten Friedrichsdor

beäugelnd, sich nicht enthalten konnte, mürrisch aufzufahren: »Der

alte Halunke hat uns gewiß den reichsten Schatz verschwiegen, aber

künftigen Frühling laß ich den Turm ausräumen unter meinen Augen.«

Baumeister kamen, mit denen der Freiherr weitläufig überlegte, wie mit

dem Bau am zweckmäßigsten zu verfahren sei. Er verwarf Zeichnung auf

Zeichnung, keine Architektur war ihm reich, großartig genug. Nun

fing er an, selbst zu zeichnen, und, aufgeheitert durch diese

Beschäftigungen, die ihm beständig das sonnenhelle Bild der

glücklichsten Zukunft vor Augen stellten, erfaßte ihn eine frohe

Laune, die oft an Ausgelassenheit anstreifte, und die er allen

mitzuteilen wußte.

Seine Freigebigkeit, die Opulenz seiner Bewirtung widerlegte

wenigstens jeden Verdacht des Geizes. Auch Daniel schien nun ganz

jenen Tort, der ihm geschehen, vergessen zu haben. Er betrug sich

still sind demütig gegen den Freiherrn, der ihn, des Schatzes in der

Tiefe halber, oft mit mißtrauischen Blicken verfolgte. Was aber allen

wunderbar vorkam, war, daß der Alte sich zu verjüngen schien von Tage

zu Tage. Es mochte sein, daß ihn der Schmerz um den alten Herrn tief

gebeugt hatte, und er nun den Verlust zu verschmerzen begann, wohl

aber auch, daß er nun nicht, wie sonst, kalte Nächte schlaflos auf

dem Turm zubringen und bessere Kost, guten Wein, wie es ihm gefiel,

genießen durfte, genug, aus dem Greise schien ein rüstiger Mann werden

zu wollen mit roten Wangen und wohlgenährtem Körper, der kräftig

auftrat und mit lauter Stimme mitlachte, wo es einen Spaß gab.

Das lustige Leben in R..sitten wurde durch die Ankunft eines Mannes

unterbrochen, von dem man hätte denken sollen, er gehöre nun gerade

hin. Wolfgangs jüngerer Bruder, Hubert, war dieser Mann, bei dessen

Anblick Wolfgang, im Antlitz den bleichen Tod, laut aufschrie:

»Unglücklicher, was willst du hier!« Hubert stürzte dem Bruder in die

Arme, dieser faßte ihn aber und zog ihn mit sich fort und hinauf in

ein entferntes Zimmer, wo er sich mit ihm einschloß. Mehrere Stunden

blieben beide zusammen, bis endlich Hubert herabkam mit verstörtem

Wesen und nach seinen Pferden rief.

Der Justitiarius trat ihm in den Weg, er wollte vorüber, V., von der

Ahnung ergriffen, daß vielleicht gerade hier ein tödlicher Bruderzwist

enden könnte, bat ihn, wenigstens ein paar Stunden zu verweilen, und

in dem Augenblick kam auch der Freiherr herab, laut rufend: »Bleibe

hier, Hubert! Du wirst dich besinnen!« - Huberts Blicke heiterten sich

auf, er gewann Fassung, und indem er den reichen Leibpelz, den er,

schnell abgezogen, hinter sich dem Bedienten zuwarf, nahm er V.s Hand

und sprach, mit ihm in die Zimmer schreitend, mit einem verhöhnenden

Lächeln: »Der Majoratsherr will mich doch also hier leiden.«

V. meinte, daß gewiß sich jetzt das unglückliche Mißverständnis lösen

werde, welches nur bei getrenntem Leben habe gedeihen können. Hubert

nahm die stählerne Zange, die beim Kamin stand, zur Hand, und indem

er damit ein astiges, dampfendes Stück Holz auseinander klopfte und

das Feuer besser aufschürte, sprach er zu V.: »Sie merken, Herr

Justitiarius, daß ich ein gutmütiger Mensch bin und geschickt

zu allerlei häuslichen Diensten. Aber Wolfgang ist voll der

wunderlichsten Vorurteile und - ein kleiner Geizhals.«

V. fand es nicht geraten, weiter in das Verhältnis der Brüder

einzudringen, zumal Wolfgangs Gesicht, sein Benehmen, sein Ton den

durch Leidenschaften jeder Art im Innersten zerrissenen Menschen ganz

deutlich zeigte.

Um des Freiherrn Entschlüsse in irgendeiner das Majorat betreffenden

Angelegenheit zu vernehmen, ging V. noch am späten Abend hinauf

in sein Gemach. Er fand ihn, wie er, die Arme über den Rücken

zusammengeschränkt, ganz verstört mit großen Schritten das Zimmer maß.

Er blieb stehen, als er endlich den Justitiarius erblickte, faßte

seine beiden Hände, und düster ihm ins Auge schauend, sprach er mit

gebrochener Stimme: »Mein Bruder ist gekommen! Ich weiß«, fuhr er

fort, als V. kaum den Mund zur Frage geöffnet, »ich weiß, was Sie

sagen wollen. Ach, Sie wissen nichts. Sie wissen nicht, daß mein

unglücklicher Bruder - ja unglücklich nur will ich ihn nennen - daß er

wie ein böser Geist mir überall in den Weg tritt und meinen Frieden

stört. An ihm liegt es nicht, daß ich nicht unaussprechlich elend

wurde, er tat das Seinige dazu, doch der Himmel wollt' es nicht.

Seit der Zeit, daß die Stiftung des Majorats bekannt wurde, verfolgt

er mich mit tödlichem Haß. Er beneidet mich um das Besitztum, das

in seinen Händen wie Spreu verflogen wäre. Er ist der wahnsinnigste

Verschwender, den es gibt. Seine Schuldenlast übersteigt bei weitem

die Hälfte des freien Vermögens in Kurland, die ihm zufällt, und nun,

verfolgt von Gläubigern die ihn quälen, eilt er her und bettelt um

Geld.«

»Und Sie, der Bruder, verweigern« wollte ihm V. in die Rede fallen,

doch der Freiherr rief, indem er V.s Hände fahren ließ und einen

starken Schritt zurücktrat, laut und heftig: »Halten Sie ein! ja!

ich verweigere! Von den Einkünften des Majorats kann und werde ich

keinen Taler verschenken! Aber hören Sie, welchen Vorschlag ich dem

Unsinnigen vor wenigen Stunden vergebens machte, und dann richten Sie

über mein Pflichtgefühl.

Das freie Vermögen in Kurland ist, wie Sie wissen, bedeutend, auf die

mir zufallende Hälfte wollt' ich verzichten, aber zugunsten seiner

Familie. Hubert ist verheiratet in Kurland an ein schönes armes

Fräulein. Sie hat ihm Kinder erzeugt und darbt mit ihnen. Die Güter

sollten administriert, aus den Revenüen ihm die nötigen Gelder zum

Unterhalt angewiesen, die Gläubiger vermöge Abkommens befriedigt

werden. Aber was gilt ihm ein ruhiges, sorgenfreies Leben, was gilt

ihm Frau und Kind! Geld, bares Geld in großen Summen will er haben,

damit er in verruchtem Leichtsinn es verprassen könne!

Welcher Dämon hat ihm das Geheimnis mit den einhundert und

funfzigtausend Talern verraten, davon verlangt er die Hälfte nach

seiner wahnsinnigen Weise, behauptend, dies Geld sei, getrennt vom

Majorat, als freies Vermögen zu achten. Ich muß und werde ihm dies

verweigern, aber mir ahnt es, mein Verderben brütet er aus im Innern!«

So sehr V. sich auch bemühte, dem Freiherrn den Verdacht wider seinen

Bruder auszureden, wobei er sich freilich, uneingeweiht in die näheren

Verhältnisse, mit ganz allgemeinen moralischen, ziemlich flachen

Gründen behelfen mußte, so gelang ihm dies doch ganz und gar nicht.

Der Freiherr gab ihm den Auftrag, mit dem feindseligen geldgierigen

Hubert zu unterhandeln.

V. tat dies mit so viel Vorsicht, als ihm nur möglich war, und freute

sich nicht wenig, als Hubert endlich erklärte: »Mag es dann sein, ich

nehme die Vorschläge des Majoratsherrn an, doch unter der Bedingung,

daß er mir jetzt, da ich auf dem Punkt stehe, durch die Härte meiner

Gläubiger Ehre und guten Namen auf immer zu verlieren, tausend

Friedrichsdor bar vorschieße und erlaube, daß ich künftig, wenigstens

einige Zeit hindurch, meinen Wohnsitz in dem schönen R..sitten bei dem

gütigen Bruder nehme.« »Nimmermehr!« schrie der Freiherr auf, als ihm

V. diese Vorschläge des Bruders hinterbrachte, »nimmermehr werde ich's

zugeben, daß Hubert auch nur eine Minute in meinem Hause verweile,

sobald ich mein Weib hergebracht! - Gehen Sie, mein teurer Freund,

sagen Sie dem Friedenstörer, daß er zweitausend Friedrichsdor haben

soll, nicht als Vorschuß, nein als Geschenk, nur fort - fort!«

V. wußte nun mit einemmal, daß der Freiherr sich ohne Wissen des

Vaters schon verheiratet hatte, und daß in dieser Heirat auch der

Grund des Bruderzwistes liegen mußte. Hubert hörte stolz und gelassen

den Justitiarius an und sprach, nachdem er geendet, dumpf und düster:

»Ich werde mich besinnen, vor der Hand aber noch einige Tage hier

bleiben!«

V. bemühte sich, dem Unzufriedenen darzutun, daß der Freiherr doch

in der Tat alles tue, ihn durch die Abtretung des freien Vermögens,

soviel als möglich, zu entschädigen, und daß er über ihn sich durchaus

nicht zu beklagen habe, wenn er gleich bekennen müsse, daß jede

Stiftung, die den Erstgeborenen so vorwiegend begünstige und die

andern Kinder in den Hintergrund stelle, etwas Gehässiges habe.

Hubert riß, wie einer, der Luft machen will der beklemmten Brust, die

Weste von oben bis unten auf; die eine Hand in die offne Busenkrause

begraben, die andere in die Seite gestemmt, drehte er sich mit einer

raschen Tänzerbewegung auf einem Fuße um und rief mit schneidender

Stimme: »Pah! - das Gehässige wird geboren vom Haß« dann schlug er ein

gellendes Gelächter auf und sprach: »Wie gnädig doch der Majoratsherr

dem armen Bettler seine Goldstücke zuzuwerfen gedenkt.« V. sah nun

wohl ein, daß von völliger Aussöhnung der Brüder gar nicht die Rede

sein könne.

Hubert richtete sich in den Zimmern, die ihm in den Seitenflügeln des

Schlosses angewiesen worden, zu des Freiherrn Verdruß auf recht langes

Bleiben ein. Man merkte, daß er oft und lange mit dem Hausverwalter

sprach, ja, daß dieser sogar zuweilen mit ihm auf die Wolfsjagd zog.

Sonst ließ er sich wenig sehen und mied es ganz, mit dem Bruder allein

zusammen zu kommen, welches diesem eben ganz recht war.

V. fühlte das Drückende dieses Verhältnisses, ja er mußte sich es

selbst gestehen, daß die ganz besondere unheimliche Manier Huberts

in allem, was er sprach und tat, alle Lust recht geflissentlich

zerstörend, eingriff. Jener Schreck des Freiherrn, als er den Bruder

eintreten sah, war ihm nun ganz erklärlich.

V. saß allein in der Gerichtsstube unter den Akten, als Hubert

eintrat, ernster, gelassener als sonst, und mit beinahe wehmütiger

Stimme sprach: »Ich nehme auch die letzten Vorschläge des Bruders

an, bewirken Sie, daß ich die zweitausend Friedrichsdor noch heute

erhalte, in der Nacht will ich fort zu Pferde - ganz allein« »Mit dem

Geld?« frug V. »Sie haben recht«, erwiderte Hubert, »ich weiß, was Sie

sagen wollen - die Last! Stellen sie es in Wechsel auf Isak Lazarus

in K.! - Noch in dieser Nacht will ich hin nach K. Es treibt mich von

hier fort, der Alte hat seine bösen Geister hier hineingehext!«

»Sprechen Sie von Ihrem Vater, Herr Baron?« frug V. sehr ernst.

Huberts Lippen bebten, er hielt sich an dem Stuhl fest, um nicht

umzusinken, dann aber, sich plötzlich ermannend, rief er: »Also noch

heute, Herr Justitiarius«, und wankte, nicht ohne Anstrengung, zur Tür

hinaus. »Er sieht jetzt ein, daß keine Täuschungen mehr möglich sind,

daß er nichts vermag gegen meinen festen Willen«, sprach der Freiherr,

indem er den Wechsel auf Isak Lazarus in K. ausstellte. Eine Last

wurde seiner Brust entnommen durch die Abreise des feindlichen

Bruders, lange war er nicht so froh gewesen als bei der Abendtafel.

Hubert hatte sich entschuldigen lassen, alle vermißten ihn recht gern.

V. wohnte in einem etwas abgelegenen Zimmer, dessen Fenster nach dem

Schloßhofe herausgingen. In der Nacht fuhr er plötzlich auf aus dem

Schlafe, und es war ihm, als habe ein fernes, klägliches Wimmern ihn

aus dem Schlafe geweckt. Mochte er aber auch horchen, wie er wollte,

es blieb alles totenstill, und so mußte er jenen Ton, der ihm in die

Ohren geklungen, für die Täuschung eines Traums halten. Ein ganz

besonderes Gefühl von Grauen und Angst bemächtigte sich seiner aber so

ganz und gar, daß er nicht im Bette bleiben konnte. Er stand auf und

trat ans Fenster. Nicht lange dauerte es, so wurde das Schloßtor

geöffnet, und eine Gestalt mit einer brennenden Kerze in der Hand trat

heraus und schritt über den Schloßhof. V. erkannte in der Gestalt

den alten Daniel und sah, wie er die Stalltür öffnete, in den Stall

hineinging und bald darauf ein gesatteltes Pferd herausbrachte.

Nun trat aus der Finsternis eine zweite Gestalt hervor, wohl

eingehüllt in einen Pelz, eine Fuchsmütze auf dem Kopf. V. erkannte

Hubert, der mit Daniel einige Minuten hindurch heftig sprach, dann

aber sich zurückzog. Daniel führte das Pferd wieder in den Stall,

verschloß diesen und ebenso die Tür des Schlosses, nachdem er über den

Hof, wie er gekommen, zurückgekehrt. Hubert hatte wegreisen wollen und

sich in dem Augenblick eines andern besonnen, das war nun klar. Ebenso

aber auch, daß Hubert gewiß mit dem alten Hausverwalter in irgendeinem

gefährlichen Bündnisse stand. V. konnte kaum den Morgen erwarten, um

den Freiherrn von den Ereignissen der Nacht zu unterrichten. Es galt

nun wirklich, sich gegen Anschläge des bösartigen Hubert zu waffnen,

die sich, wie V. jetzt überzeugt war, schon gestern in seinem

verstörten Wesen kundgetan.

Andern Morgens zur Stunde, wenn der Freiherr aufzustehen pflegte,

vernahm V. ein Hin- und Herrennen, Türauf-, Türzuschlagen, ein

verwirrtes Durcheinander und Schreien. Er trat hinaus und stieß

überall auf Bediente, die, ohne auf ihn zu achten, mit leichenblassen

Gesichtern ihm vorbei - treppauf - treppab - hinaus - hinein durch die

Zimmer rannten.

Endlich erfuhr er, daß der Freiherr vermißt und schon stundenlang

vergebens gesucht werde. In Gegenwart des Jägers hatte er sich ins

Bette gelegt, er mußte dann aufgestanden sein und sich im Schlafrock

und Pantoffeln, mit dem Armleuchter in der Hand, entfernt haben,

denn eben diese Stücke wurden vermißt. V. lief, von düsterer Ahnung

getrieben, in den verhängnisvollen Saal, dessen Seitenkabinett gleich

dem Vater Wolfgang zu seinem Schlafgemach gewählt hatte.

Die Pforte zum Turm stand weit offen, tief entsetzt schrie V. laut

auf: »Dort in der Tiefe liegt er zerschmettert!« - Es war dem so.

Schnee war gefallen, so daß man von oben herab nur den zwischen

den Steinen hervorragenden starren Arm des Unglücklichen deutlich

wahrnehmen konnte. Viele Stunden gingen hin, ehe es den Arbeitern

gelang, mit Lebensgefahr auf zusammengebundenen Leitern herabzusteigen

und dann den Leichnam an Stricken heraufzuziehen. Im Krampf der

Todesangst hatte der Baron den silbernen Armleuchter festgepackt, die

Hand, die ihn noch festhielt, war der einzige unversehrte Teil des

ganzen Körpers, der sonst durch das Anprallen an die spitzen Steine

auf das gräßlichste zerschellt worden.

Alle Furien der Verzweiflung im Antlitz, stürzte Hubert herbei, als

die Leiche eben hinaufgeborgen und in dem Saal, gerade an der Stelle

auf einen breiten Tisch gelegt worden, wo vor wenigen Wochen der alte

Roderich lag. Niedergeschmettert von dem gräßlichen Anblick, heulte

er: »Bruder - o mein armer Bruder nein, das hab' ich nicht erfleht

von den Teufeln, die über mir waren!« - V. erbebte vor dieser

verfänglichen Rede, es war ihm so, als müsse er zufahren auf Hubert,

als den Mörder seines Bruders. Hubert lag von Sinnen auf dem Fußboden,

man brachte ihn ins Bette, und er erholte sich, nachdem er stärkende

Mittel gebraucht, ziemlich bald.

Sehr bleich, düstern Gram im halb erloschnen Auge, trat er dann bei V.

ins Zimmer und sprach, indem er, vor Mattigkeit nicht fähig zu stehen,

sich langsam in einen Lehnstuhl niederließ: »Ich habe meines Bruders

Tod gewünscht, weil der Vater ihm den besten Teil des Erbes zugewandt

durch eine törichte Stiftung - jetzt hat er seinen Tod gefunden

auf schreckliche Weise - ich bin Majoratsherr, aber mein Herz ist

zermalmt, ich kann, ich werde niemals glücklich sein. Ich bestätige

Sie im Amte, Sie erhalten die ausgedehntesten Vollmachten rücksichts

der Verwaltung des Majorats, auf dem ich nicht zu hausen vermag!«

Hubert verließ das Zimmer und war in ein paar Stunden schon auf dem

Wege nach K.

Es schien, daß der unglückliche Wolfgang in der Nacht aufgestanden

war und sich vielleicht in das andere Kabinett, wo eine Bibliothek

aufgestellt, begeben wollen. In der Schlaftrunkenheit verfehlte er

die Tür, öffnete statt derselben die Pforte, schritt vor und stürzte

hinab. Diese Erklärung enthielt indessen immer viel Erzwungenes.

Konnte der Baron nicht schlafen, wollte er sich noch ein Buch aus der

Bibliothek holen, um zu lesen, so schloß dieses alle Schlaftrunkenheit

aus, aber nur so war es möglich, die Tür des Kabinetts zu verfehlen

und statt dieser die Pforte zu öffnen. Überdem war diese fest

verschlossen und mußte erst mit vieler Mühe aufgeschlossen werden.

»Ach«, fing endlich, als V. diese Unwahrscheinlichkeit vor

versammelter Dienerschaft entwickelte, des Freiherrn Jäger, Franz

geheißen, an, »ach, lieber Herr Justitiarius, so hat es wohl sich

nicht zugetragen!« - »Wie denn anders?« fuhr ihn V. an.

Franz, ein ehrlicher treuer Kerl, der seinem Herrn hätte ins Grab

folgen mögen, wollte aber nicht vor den andern mit der Sprache heraus,

sondern behielt sich vor, das, was er davon zu sagen wisse, dem

Justistiarius allein zu vertrauen. V. erfuhr nun, daß der Freiherr zu

Franz sehr oft von den vielen Schätzen sprach, die da unten in dem

Schutt begraben lägen, und daß er oft, wie vom bösen Geist getrieben,

zur Nachtzeit noch die Pforte, zu der den Schlüssel ihm Daniel hatte

geben müssen, öffnete und mit Sehnsucht hinabschaute in die Tiefe nach

den vermeintlichen Reichtümern. Gewiß war es nun wohl so, daß in jener

verhängnisvollen Nacht der Freiherr, nachdem ihn der Jäger schon

verlassen, noch einen Gang nach dem Turm gemacht und ihn dort ein

plötzlicher Schwindel erfaßt und herabgestürzt hatte.

Daniel, der von dem entsetzlichen Tode des Freiherrn auch sehr

erschüttert schien, meinte, daß es gut sein würde, die gefährliche

Pforte fest vermauern zu lassen, welches denn auch gleich geschah.

Freiherr Hubert von R., jetziger Majoratsbesitzer, ging, ohne sich

wieder in R..sitten sehen zu lassen, nach Kurland zurück. V. erhielt

alle Vollmachten, die zur unumschränkten Verwaltung des Majorats nötig

waren.

Der Bau des neuen Schlosses unterblieb, wogegen, so viel möglich, das

alte Gebäude in guten Stand gesetzt wurde. Schon waren mehrere Jahre

verflossen, als Hubert zum erstenmal zur späten Herbstzeit sich in

R..sitten einfand, und nachdem er mehrere Tage mit V., in seinem

Zimmer eingeschlossen, zugebracht, wieder nach Kurland zurückging. Bei

seiner Durchreise durch K. hatte er bei der dortigen Landesregierung

sein Testament niedergelegt.

Während seines Aufenthaltes in R..sitten sprach der Freiherr, der in

seinem tiefsten Wesen ganz geändert schien, viel von Ahnungen eines

nahen Todes. Diese gingen wirklich in Erfüllung, denn er starb schon

das Jahr darauf. Sein Sohn, wie er Hubert geheißen, kam schnell

herüber von Kurland, um das reiche Majorat in Besitz zu nehmen. Ihm

folgten Mutter und Schwester.

Der Jüngling schien alle bösen Eigenschaften der Vorfahren in sich zu

vereinen, er bewies sich als stolz, hochfahrend, ungestüm, habsüchtig

gleich in den ersten Augenblicken seines Aufenthalts in R..sitten. Er

wollte auf der Stelle vieles ändern lassen, welches ihm nicht bequem,

nicht gehörig schien, den Koch warf er zum Hause hinaus, den Kutscher

versuchte er zu prügeln welches aber nicht gelang, da der baumstarke

Kerl die Frechheit hatte, es nicht leiden zu wollen; kurz, er war im

besten Zuge, die Rolle des strengen Majoratsherrn zu beginnen, als V.

ihm mit Ernst und Festigkeit entgegentrat, sehr bestimmt versichernd,

kein Stuhl solle hier gerückt werden, keine Katze das Haus verlassen,

wenn es ihr noch sonst darin gefalle, vor Eröffnung des Testaments.

»Sie unterstehen sich hier, dem Majoratsherrn« fing der Baron an. V.

ließ den vor Wut schäumenden Jüngling jedoch nicht ausreden, sondern

sprach, indem er ihn mit durchbohrenden Blicken maß:

»Keine Übereilung, Herr Baron! Durchaus dürfen Sie hier nicht regieren

wollen vor Eröffnung des Testaments; jetzt bin ich, ich allein hier

Herr und werde Gewalt mit Gewalt zu vertreiben wissen. Erinnern Sie

sich, daß ich kraft meiner Vollmacht als Vollzieher des väterlichen

Testaments, kraft der getroffenen Verfügungen des Gerichts berechtigt

bin, Ihnen den Aufenthalt hier in R..sitten zu versagen, und ich rate

Ihnen, um das Unangenehme zu verhüten, sich ruhig nach K. zu begeben.«

Der Ernst des Gerichtshalters, der entschiedene Ton, mit dem er

sprach, gab seinen Worten gehörigen Nachdruck, und so kam es, daß der

junge Baron, der mit gar zu spitzigen Hörnern anlaufen wollte wider

den festen Bau, die Schwäche seiner Waffen fühlte und für gut

fand, im Rückzuge seine Beschämung mit einem höhnischen Gelächter

auszugleichen.

Drei Monate waren verflossen und der Tag gekommen, an dem nach dem

Willen des Verstorbenen das Testament in K., wo es niedergelegt

worden, eröffnet werden sollte. Außer den Gerichtspersonen, dem

Baron und V. befand sich noch ein junger Mensch von edlem Ansehn

in dem Gerichtssaal, den V. mitgebracht, und den man, da ihm ein

eingeknöpftes Aktenstück aus dem Busen hervorragte, für V.s Schreiber

hielt. Der Baron sah ihn, wie er es beinahe mit allen übrigen machte,

über die Achsel an und verlangte stürmisch, daß man die langweilige

überflüssige Zeremonie nur schnell und ohne viele Worte und

Schreiberei abmachen solle. Er begreife nicht, wie es überhaupt in

dieser Erbangelegenheit, wenigstens hinsichts des Majorats, auf ein

Testament ankommen könne, und werde, insofern hier irgend etwas

verfügt sein solle, es lediglich von seinem Willen abhängen, das zu

beachten oder nicht.

Hand und Siegel des verstorbenen Vaters erkannte der Baron an, nachdem

er einen flüchtigen mürrischen Blick darauf geworfen, dann, indem der

Gerichtsschreiber sich zum lauten Ablesen des Testaments anschickte,

schaute er gleichgültig nach dem Fenster hin, den rechten Arm

nachlässig über die Stuhllehne geworfen, den linken Arm gelehnt

auf den Gerichtstisch, und auf dessen grüner Decke mit den Fingern

trommelnd.

Nach einem kurzen Eingange erklärte der verstorbene Freiherr Hubert v.

R., daß er das Majorat niemals als wirklicher Majoratsherr besessen,

sondern dasselbe nur namens des einzigen Sohnes des verstorbenen

Freiherrn Wolfgang von R., nach seinem Großvater Roderich geheißen,

verwaltet habe; dieser sei derjenige, dem nach der Familiensukzession

durch seines Vaters Tod das Majorat zugefallen. Die genauesten

Rechnungen über Einnahme und Ausgabe, über den vorzufindenden Bestand

u.s.w. würde man in seinem Nachlaß finden. Wolfgang von R., so

erzählte Hubert in dem Testament, lernte auf seinen Reisen in Genf

das Fräulein Julie von St. Val kennen und faßte eine solche heftige

Neigung zu ihr, daß er sich nie mehr von ihr zu trennen beschloß. Sie

war sehr arm, und ihre Familie, unerachtet von gutem Adel, gehörte

eben nicht zu den glänzendsten.

Schon deshalb durfte er auf die Einwilligung des alten Roderich,

dessen ganzes Streben dahin ging, das Majoratshaus auf alle nur

mögliche Weise zu erheben, nicht hoffen. Er wagte es dennoch,

von Paris aus dem Vater seine Neigung zu entdecken; was aber

vorauszusehen, geschah wirklich, indem der Alte bestimmt erklärte, daß

er schon selbst die Braut für den Majoratsherrn erkoren und von einer

andern niemals die Rede sein könne.

Wolfgang, statt, wie er sollte, nach England hinüberzuschiffen, kehrte

unter dem Namen Born nach Genf zurück und vermählte sich mit Julien,

die ihm nach Verlauf eines Jahres den Sohn gebar, der mit dem Tode

Wolfgangs Majoratsherr wurde. Darüber, daß Hubert, von der ganzen

Sache unterrichtet, so lange schwieg und sich selbst als Majoratsherr

gerierte, waren verschiedene Ursachen angeführt, die sich auf frühere

Verabredungen mit Wolfgang bezogen, indessen unzureichend und aus der

Luft gegriffen schienen.

Wie vom Donner gerührt, starrte der Baron den Gerichtsschreiber an,

der mit eintöniger schnarrender Stimme alles Unheil verkündete. Als er

geendet, stand V. auf, nahm den jungen Menschen, den er mitgebracht,

bei der Hand und sprach, indem er sich gegen die Anwesenden verbeugte:

»Hier, meine Herren, habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn Roderich

von R., Majoratsherrn von R..sitten, vorzustellen!« Baron Hubert

blickte den Jüngling, der, wie vom Himmel gefallen, ihn um das reiche

Majorat, um die Hälfte des freien Vermögens in Kurland brachte,

verhaltenen Grimm im glühenden Auge, an, drohte dann mit geballter

Faust und rannte, ohne ein Wort hervorbringen zu können, zum

Gerichtssaal hinaus.

Von den Gerichtspersonen dazu aufgefordert, holte jetzt Baron Roderich

die Urkunden hervor, die ihn als die Person, für die er sich ausgab,

legitimieren sollten. Er überreichte den beglaubigten Auszug aus den

Registern der Kirche, wo sein Vater sich trauen lassen, worin bezeugt

wurde, daß an dem und dem Tage der Kaufmann Wolfgang Born, gebürtig

aus K., mit dem Fräulein Julie von St. Val in Gegenwart der genannten

Personen durch priesterliche Einsegnung getraut worden. Ebenso hatte

er seinen Taufschein (er war in Genf als von dem Kaufmann Born mit

seiner Gemahlin Julie, geb. v. St. Val, in gültiger Ehe erzeugtes Kind

getauft worden), verschiedene Briefe seines Vaters an seine schon

längst verstorbene Mutter, die aber alle nur mit W. unterzeichnet

waren.

V. sah alle diese Papiere mit finsterm Gesichte durch und sprach,

ziemlich bekümmert, als er sie wieder zusammenschlug: »Nun, Gott wird

helfen!«

Schon andern Tages reichte der Freiherr Hubert von R. durch

einen Advokaten, den er zu seinem Rechtsfreunde erkoren, bei der

Landesregierung in K. eine Vorstellung ein, worin er auf nichts

weniger antrug, als sofort die Übergabe des Majorats R..sitten an

ihn zu veranlassen. Es verstehe sich von selbst, sagte der Advokat,

daß weder testamentarisch, noch auf irgendeine andere Weise,

der verstorbene Freiherr Hubert von R. habe über das Majorat

verfügen können. Jenes Testament sei also nichts anders, als die

aufgeschriebene und gerichtlich übergebene Aussage, nach welcher der

Freiherr Wolfgang von R. das Majorat an einen Sohn vererbt haben

solle, der noch lebe, die keine höhere Beweiskraft, als jede andere

irgendeines Zeugen haben und also unmöglich die Legitimation des

angeblichen Freiherrn Roderich von R. bewirken könne.

Vielmehr sei es die Sache dieses Prätendenten, sein vorgebliches

Erbrecht, dem hiermit ausdrücklich widersprochen werde, im Wege des

Prozesses darzutun und das Majorat, welches jetzt nach dem Recht

der Sukzession dem Baron Hubert von R. zugefallen, zu vindizieren.

Durch den Tod des Vaters sei der Besitz unmittelbar auf den Sohn

übergegangen; es habe keiner Erklärung über den Erbschaftsantritt

bedurft, da der Majoratsfolge nicht entsagt werden könne, mithin

dürfte der jetzige Majoratsherr in dem Besitze nicht durch ganz

illiquide Ansprüche turbiert werden.

Was der Verstorbene für Grund gehabt habe, einen andern Majoratsherrn

aufzustellen, sei ganz gleichgültig, nur werde bemerkt, daß er selbst,

wie aus den nachgelassenen Papieren erforderlichen Falls nachgewiesen

werden könne, eine Liebschaft in der Schweiz gehabt habe, und so sei

vielleicht der angebliche Bruderssohn der eigne, in einer verbotenen

Liebe erzeugte, dem er in einem Anfall von Reue das reiche Majorat

zuwenden wollen.

So sehr auch die Wahrscheinlichkeit für die im Testament behaupteten

Umstände sprach, so sehr auch die Richter hauptsächlich die letzte

Wendung, in der der Sohn sich nicht scheute, den Verstorbenen eines

Verbrechens anzuklagen, empörte, so blieb doch die Ansicht der Sache,

wie sie aufgestellt worden, die richtige, und nur den rastlosen

Bemühungen V.s, der bestimmten Versicherung, daß der die Legitimation

des Freiherrn Roderich von R. bewirkende Beweis in kurzer Zeit auf das

bündigste geführt werden solle, konnte es gelingen, daß die Übergabe

des Majorats noch ausgesetzt und die Fortdauer der Administration bis

nach entschiedener Sache verfügt wurde.

V.sah nur zu gut ein, wie schwer es ihm werden würde, sein

Versprechen zu halten. Er hatte alle Briefschaften des alten Roderich

durchstöbert, ohne die Spur eines Briefes oder sonst eines Aufsatzes

zu finden, der Bezug auf jenes Verhältnis Wolfgangs mit dem Fräulein

von St. Val gehabt hätte. Gedankenvoll saß er in R..sitten in dem

Schlafkabinett des alten Roderich, das er ganz durchsucht, und

arbeitete an einem Aufsatze für den Notar in Genf, der ihm als ein

scharfsinniger tätiger Mann empfohlen worden, und der ihm einige

Notizen schaffen sollte, die die Sache des jungen Freiherrn ins klare

bringen konnten.

Es war Mitternacht worden, der Vollmond schien heil hinein in den

anstoßenden Saal, dessen Tür offen stand. Da war es, als schritte

jemand langsam und schwer die Treppe herauf und klirre und klappere

mit Schlüsseln. V. wurde aufmerksam, er stand auf, ging in den Saal

und vernahm nun deutlich, daß jemand sich durch den Flur der Türe des

Saals nahte. Bald darauf wurde diese geöffnet, und ein Mensch mit

leichenblassem entstellten Antlitz, in Nachtkleidern, in der einen

Hand den Armleuchter mit brennenden Kerzen, in der andern den großen

Schlüsselbund, trat langsam hinein.

V. erkannte augenblicklich den Hausverwalter und war im Begriff,

ihm zuzurufen, was er so spät in der Nacht wolle, als ihn in dem

ganzen Wesen des Alten, in dem zum Tode erstarrten Antlitz etwas

Unheimliches, Gespenstisches mit Eiskälte anhauchte. Er erkannte, daß

er einen Nachtwandler vor sich habe. Der Alte ging mit gemessenen

Schritten quer durch den Saal, gerade los auf die vermauerte Tür, die

ehemals zum Turm führte. Dicht vor derselben blieb er stehen und stieß

aus tiefer Brust einen heulenden Laut aus, der so entsetzlich in dem

ganzen Saale widerhallte, daß V. erbebte vor Grauen.

Dann, den Armleuchter auf den Fußboden gestellt, den Schlüsselbund an

den Gürtel gehängt, fing Daniel an, mit beiden Händen an der Mauer zu

kratzen, daß bald das Blut unter den Nägeln hervorquoll, und dabei

stöhnte er und ächzte, wie gepeinigt von einer namenlosen Todesqual.

Nun legte er das Ohr an die Mauer, als wolle er irgend etwas

erlauschen, dann winkte er mit der Hand, wie jemanden beschwichtigend,

bückte sich, den Armleuchter wieder vom Boden aufhebend, und schlich

mit leisen gemessenen Schritten nach der Türe zurück.

V. folgte ihm behutsam mit dem Leuchter in der Hand. Es ging die

Treppe herab, der Alte schloß die große Haupttür des Schlosses auf, V.

schlüpfte geschickt hindurch; nun begab er sich nach dem Stall, und

nachdem er zu V.s tiefem Erstaunen den Armleuchter so geschickt

hingestellt hatte, daß das ganze Gebäude genugsam erhellt wurde ohne

irgendeine Gefahr, holte er Sattel und Zeug herbei und rüstete mit

großer Sorglichkeit, den Gurt fest-, die Steigbügel hinaufschnallend,

ein Pferd aus, das er losgebunden von der Krippe.

Nachdem er noch ein Büschel Haare über den Stirnriemen weg durch die

Hand gezogen, nahm er, mit der Zunge schnalzend und mit der einen Hand

ihm den Hals klopfend, das Pferd beim Zügel und führte es heraus.

Draußen im Hofe blieb er einige Sekunden stehen in der Stellung, als

erhalte er Befehle, die er kopfnickend auszuführen versprach. Dann

führte er das Pferd zurück in den Stall, sattelte es wieder ab und

band es an die Krippe. Nun nahm er den Armleuchter, verschloß den

Stall, kehrte in das Schloß zurück und verschwand endlich in sein

Zimmer, das er sorgfältig verriegelte.

V. fühlte sich von diesem Auftritt im Innerstein ergriffen, die

Ahnung einer entsetzlichen Tat erhob sich vor ihm wie ein schwarzes

höllisches Gespenst, das ihn nicht mehr verließ. Ganz erfüllt von

der bedrohlichen Lage seines Schützlings, glaubte er wenigstens das,

was er gesehen, nützen zu müssen zu seinem Besten. Andern Tages, es

wollte schon die Dämmerung einbrechen, kam Daniel in sein Zimmer, um

irgendeine sich auf den Hausstand beziehende Anweisung einzuholen.

Da faßte ihn V. bei beiden Armen und fing an, indem er ihn zutraulich

auf den Sessel niederdrückte: »Höre, alter Freund Daniel! lange habe

ich dich fragen wollen, was hältst du denn von dem verworrenen Kram,

den uns Huberts sonderbares Testament über den Hals gebracht hat?

Glaubst du denn wohl, daß der junge Mensch wirklich Wolfgangs in

rechtsgültiger Ehe erzeugter Sohn ist?« Der Alte, sich über die Lehne

des Stuhls wegbeugend und V.s starr auf ihn gerichteten Blicken

ausweichend, rief mürrisch: »Pah! er kann es sein; er kann es auch

nicht sein. Was schiert's mich, mag nun hier Herr werden, wer da

will.«

»Aber ich meine«, fuhr V. fort, indem er dem Alten näher rückte und

die Hand auf seine Schulter legte, »aber ich meine, da du des alten

Freiherrn ganzes Vertrauen hattest, so verschwieg er dir gewiß nicht

die Verhältnisse seiner Söhne. Er erzählte dir von dem Bündnis, das

Wolfgang wider seinen Willen geschlossen?« - »Ich kann mich auf

dergleichen gar nicht besinnen«, erwiderte der Alte, indem er auf

eingezogene Art laut gähnte. »Du bist schläfrig, Alter«, sprach V.,

»hast du vielleicht eine unruhige Nacht gehabt?« - »Daß ich nicht

wüßte«, entgegnete der Alte frostig, »aber ich will nun gehen und das

Abendessen bestellen.«

Hiermit erhob er sich schwerfällig vom Stuhl, indem er sich den

gekrümmten Rücken rieb und abermals und zwar noch lauter gähnte als

zuvor. »Bleibe doch noch, Alter«, rief V., indem er ihn bei der Hand

ergriff und zum Sitzen nötigen wollte, der Alte blieb aber vor dem

Arbeitstisch stehen, auf den er sich mit beiden Händen stemmte, den

Leib übergebogen nach V. hin, und mürrisch fragend: »Nun was soll's

denn, was schiert mich das Testament, was schiert mich der Streit um

das Majorat« »Davon«, fiel ihm V. in die Rede, »wollen wir auch gar

nicht mehr sprechen: von ganz etwas anderm, lieber Daniel! - Du bist

mürrisch, du gähnst, das alles zeugt von besonderer Abspannung, und

nun möcht' ich beinahe glauben, daß du es wirklich gewesen bist in

dieser Nacht.« »Was bin ich gewesen in dieser Nacht«, frug der Alte,

in seiner Stellung verharrend. »Als ich« sprach V. weiter, »gestern

mitternacht dort oben in dem Kabinett des alten Herrn neben dem großen

Saal saß, kamst du zur Türe herein, ganz starr und bleich, schrittest

auf die zugemauerte Tür los, kratztest mit beiden Händen an der Mauer

und stöhntest, als wenn du große Qualen empfändest. Bist du denn ein

Nachtwandler, Daniel?«

Der Alte sank zurück in den Stuhl, den ihm V. schnell unterschob. Er

gab keinen Laut von sich, die tiefe Dämmerung ließ sein Gesicht nicht

erkennen, V. bemerkte nur, daß er kurz Atem holte und mit den Zähnen

klapperte.

»Ja«, fuhr V. nach kurzem Schweigen fort, »Ja, es ist ein eignes Ding

mit den Nachtwandlern. Andern Tages wissen sie von diesem sonderbaren

Zustande, von allem, was sie wie in vollem Wachen begonnen haben,

nicht das allermindeste.« - Daniel blieb still. »Ähnliches«, sprach V.

weiter, »wie gestern mit dir, habe ich schon erlebt. Ich hatte einen

Freund, der stellte so wie du, trat der Vollmond ein, regelmäßig

nächtliche Wanderungen an. Ja, manchmal setzte er sich hin und schrieb

Briefe. Am merkwürdigsten war es aber, daß, fing ich an, ihm ganz

leise ins Ohr zu flüstern, es mir bald gelang ihn zum Sprechen zu

bringen. Er antwortete gehörig auf alle Fragen, und selbst das, was er

im Wachen sorglich verschwiegen haben würde, floß nun unwillkürlich,

als könne er der Kraft nicht widerstehen, die auf ihn einwirkte, von

seinen Lippen. - Der Teufel! ich glaube, verschwiege ein Mondsüchtiger

irgendeine begangene Untat noch so lange, man könnte sie ihm abfragen

in dem seltsamen Zustande. - Wohl dem, der ein reines Gewissen hat,

wie wir beide, guter Daniel, wir können schon immer Nachtwandler sein,

uns wird man kein Verbrechen abfragen.

Aber höre, Daniel, gewiß willst du herauf in den astronomischen Turm,

wenn du so abscheulich an der zugemauerten Türe kratzest? - Du willst

gewiß laborieren wie der alte Roderich? Nun, das werd' ich dir

nächstens abfragen!« Der Alte hatte, während V. dieses sprach, immer

stärker und stärker gezittert, jetzt flog sein ganzer Körper, von

heillosem Krampf hin- und hergeworfen, und er brach aus in ein

gellendes, unverständiges Geplapper. V. schellte die Diener herauf.

Man brachte Lichter, der Alte ließ nicht nach, wie ein willkürlos

bewegtes Automat hob man ihn auf und brachte ihn ins Bette. Nachdem

beinahe eine Stunde dieser heillose Zustand gedauert, verfiel er in

tiefer Ohnmacht ähnlichen Schlaf. Als er erwachte, verlangte er Wein

zu trinken, und als man ihm diesen gereicht, trieb er den Diener, der

bei ihm wachen wollte, fort und verschloß sich, wie gewöhnlich, in

sein Zimmer.

V. hatte wirklich beschlossen, den Versuch anzustellen, in dem

Augenblick, als er davon gegen Daniel sprach, wiewohl er sich selbst

gestehen mußte, einmal, daß Daniel, vielleicht erst jetzt von seiner

Mondsucht unterrichtet, alles anwenden werde, ihm zu entgehen, dann

aber, daß Geständnisse, in diesem Zustande abgelegt, eben nicht

geeignet sein würden, darauf weiter fortzubauen. Demunerachtet begab

er sich gegen Mitternacht in den Saal, hoffend, daß Daniel, wie es

in dieser Krankheit geschieht, gezwungen werden würde, willkürlos zu

handeln.

Um Mitternacht erhob sich ein großer Lärm auf dem Hofe. V. hörte

deutlich ein Fenster einschlagen, er eilte berab, und als er die Gänge

durchschritt, wallte ihm ein stinkender Dampf entgegen, der, wie

er bald gewahrte, aus dem geöffneten Zimmer des Hausverwalters

herausquoll. Diesen brachte man eben todstarr herausgetragen, um ihn

in einem andern Zimmer ins Bette zu legen. Um Mitternacht wurde ein

Knecht, so erzählten die Diener, durch ein seltsames dumpfes Pochen

geweckt, er glaubte, dem Alten sei etwas zugestoßen, und schickte sich

an aufzustehen, um ihm zu Hülfe zu kommen, als der Wächter auf dem

Hofe laut rief: »Feuer, Feuer! in der Stube des Herrn Verwalters

brennt's lichterloh!«

Auf dies Geschrei waren gleich mehrere Diener bei der Hand, aber alles

Mühen, die Tür des Zimmers einzubrechen, blieb umsonst. Nun eilten

sie heraus auf den Hof, aber der entschlossene Wächter hatte schon

das Fenster des niedrigen, im Erdgeschosse befindlichen Zimmers

eingeschlagen die brennenden Gardinen herabgerissen, worauf ein paar

hineingegossene Eimer Wasser den Brand augenblicklich löschten. Den

Hausverwalter fand man mitten im Zimmer auf der Erde liegend in tiefer

Ohnmacht. Er hielt noch fest den Armleuchter in der Hand, dessen

brennende Kerzen die Gardinen erfaßt und so das Feuer veranlaßt

hatten. Brennende herabfallende Lappen hatten dem Alten die

Augenbrauen und ein gut Teil Kopfhaare weggesengt. Bemerkte der

Wächter nicht das Feuer, so hätte der Alte hülflos verbrennen müssen.

Zu nicht geringer Verwunderung fanden die Diener, daß die Tür des

Zimmers von innen durch zwei ganz neu angeschrobene Riegel, die noch

den Abend vorher nicht dagewesen, verwahrt war.

V. sah ein, daß der Alte sich hatte das Hinausschreiten aus dem Zimmer

unmöglich machen wollen, widerstehen konnt er dem blinden Triebe

nicht. Der Alte verfiel in eine ernste Krankheit; er sprach nicht, er

nahm nur wenig Nahrung zu sich und starrte, wie festgeklammert von

einem entsetzlichen Gedanken, mit Blicken, in denen sich der Tod

malte, vor sich hin. V. glaubte, daß der Alte von dem Lager nicht

erstehen werde.

Alles, was sich für seinen Schützling tun ließ, hatte V. getan, er

mußte ruhig den Erfolg abwarten und wollte deshalb nach K. zurück. Die

Abreise war für den folgenden Morgen bestimmt. V. packte spät abends

seine Skripturen zusammen, da fiel ihm ein kleines Paket in die

Hände, welches ihm der Freiherr Hubert von R. versiegelt und mit der

Aufschrift: »Nach Eröffnung meines Testaments zu lesen« zugestellt und

das er unbegreiflicherweise noch nicht beobachtet hatte. Er war im

Begriff dieses Paket zu entsiegeln, als die Tür aufging und mit leisen

gespenstischen Schritten Daniel hereintrat. Er legte eine schwarze

Mappe, die er unter dem Arm trug, auf den Schreibtisch, dann mit einem

tiefen Todesseufzer auf beide Knie sinkend, V.s Hände mit den seinen

krampfhaft fassend, sprach er hohl und dumpf, wie aus tiefem Grabe:

»Auf dem Schafott stürb' ich nicht gern! der dort oben richtet!« -

dann richtete er sich unter angstvollem Keuchen mühsam auf und verließ

das Zimmer, wie er gekommen.

V. brachte die ganze Nacht hin, alles das zu lesen, was die schwarze

Mappe und Huberts Paket enthielt. Beides hing genau zusammen und

bestimmte von selbst die weitern Maßregeln, die nun zu ergreifen.

Sowie V. in K. angekommen, begab er sich zum Freiherrn Hubert von

R., der ihn mit rauhem Stolz empfing. Die merkwürdige Folge einer

Unterredung, welche mittags anfing und bis spät in die Nacht hinein

ununterbrochen fortdauerte, war aber, daß der Freiherr andern Tages

vor Gericht erklärte, daß er den Prätendenten des Majorats dem

Testamente seines Vaters gemäß für den in rechtsgültiger Ehe von dem

ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R., Wolfgang von R., mit dem

Fräulein Julie von St. Val erzeugten Sohn, mithin für den rechtgültig

legitimierten Majoratserben anerkenne. Als er von dem Gerichtssaal

herabstieg, stand sein Wagen mit Postpferden vor der Türe, er reiste

schnell ab und ließ Mutter und Schwester zurück. Sie würden ihn

vielleicht nie wiedersehen, hatte er ihnen mit andern rätselhaften

Äußerungen geschrieben.

Roderichs Erstaunen über diese Wendung, die die Sache nahm, war nicht

gering, er drang in V. ihm doch nur zu erklären, wie dies Wunder habe

bewirkt werden können, welche geheimnisvolle Macht im Spiele sei. V.

vertröstete ihn indessen auf künftige Zeiten, und zwar, wenn er Besitz

genommen haben würde von dem Majorat. Die Übergabe des Majorats

konnte nämlich deshalb nicht geschehen, weil nun die Gerichte, nicht

befriedigt durch jene Erklärung Huberts, außerdem die vollständige

Legitimation Roderichs verlangten. V. bot dem Freiherrn die Wohnung in

R..sitten an und setzte hinzu, daß Huberts Mutter und Schwester, durch

seine schnelle Abreise in augenblickliche Verlegenheit gesetzt, den

stillen Aufenthalt auf dem Stammgute der geräuschvollen teuren Stadt

vorziehen würden.

Das Entzücken, womit Roderich den Gedanken ergriff, mit der Baronin

und ihrer Tochter wenigstens eine Zeitlang unter einem Dache zu

wohnen, bewies, welchen tiefen Eindruck Seraphine, das holde, anmutige

Kind, auf ihn gemacht hatte. In der Tat wußte der Freiherr seinen

Aufenthalt in R..sitten so gut zu benutzen, daß er, wenige Wocben

waren vergangen, Seraphinens innige Liebe und der Mutter beifällig

Wort zur Verbindung mit ihr gewonnen hatte.

Dem V. war das alles zu schnell, da bis jetzt Roderichs Legitimation

als Majoratsherr von R..sitten noch immer zweifelhaft geblieben.

Briefe aus Kurland unterbrachen das Idyllenleben auf dem Schlosse.

Hubert hatte sich gar nicht auf den Gütern sehen lassen, sondern war

unmittelbar nach Petersburg gegangen, dort in Militärdienste getreten

und stand jetzt auf dem Felde gegen die Perser, mit denen Rußland

gerade im Kriege begriffen. Dies machte die schnelle Abreise der

Baronin mit ihrer Tochter nach den Gütern, wo Unordnung und Verwirrung

herrschte, nötig.

Roderich, der sich schon als den aufgenommenen Sohn betrachtete,

unterließ nicht die Geliebte zu begleiten, und so wurde, da V.

ebenfalls nach K. zurückkehrte, das Schloß einsam, wie vorher. Des

Hausverwalters böse Krankheit wurde schlimmer und schlimmer, so daß

er nicht mehr daraus zu erstehen glaubte, sein Amt wurde einem alten

Jäger, Wolfgangs treuem Diener, Franz geheißen, übertragen. Endlich

nach langem Harren erhielt V. die günstigsten Nachrichten aus der

Schweiz. Der Pfarrer, der Wolfgangs Trauung vollzogen, war längst

gestorben, indessen fand sich in dem Kirchenbuche von seiner Hand

notiert, daß derjenige, den er unter dem Namen Born mit dem Fräulein

Julie St. Val ehelich verbunden, sich bei ihm als Freiherr Wolfgang

von R., ältesten Sohn des Freiherrn Roderich von R. auf R..sitten,

vollständig legitimiert habe.

Außerdem wurden noch zwei Trauzeugen, ein Kaufmann in Genf und ein

alter französischer Kapitän, der nach Lyon gezogen, ausgemittelt,

denen Wolfgang ebenfalls sich entdeckt hatte, und ihre eidlichen

Aussagen bekräftigten den Vermerk des Pfarrers im Kirchenbuche.

Mit den in rechtlicher Form ausgefertigten Verhandlungen in der

Hand, fuhrte nun V. den vollständigen Nachweis der Rechte seines

Machtgebers, und nichts stand der Übergabe des Majorats im Wege, die

im künftigen Herbst erfolgen sollte. Hubert war gleich in der ersten

Schlacht, der er beiwohnte, geblieben, ihn hatte das Schicksal seines

jüngern Bruders, der ein Jahr vor seines Vaters Tode ebenfalls im

Felde blieb, getroffen; so fielen die Güter in Kurland der Baronesse

Seraphine von R. zu und wurden eine schöne Mitgift für den

überglücklichen Roderich.

Der November war angebrochen, als die Baronin, Roderich mit seiner

Braut in R..sitten anlangte. Die Übergabe des Majorats erfolgte und

dann Roderichs Verbindung mit Seraphinen. Manche Woche verging im

Taumel der Lust, bis endlich die übersättigten Gäste nach und nach das

Schloß verließen zur großen Zufriedenheit V.s, der von R..sitten nicht

scheiden wollte, ohne den jungen Majoratsherrn auf das genaueste

einzuweihen in alle Verhältnisse des neuen Besitztums.

Mit der strengsten Genauigkeit hatte Roderichs Oheim die Rechnungen

über Einnahme und Ausgabe geführt, so daß, da Roderich nur eine

geringe Summe jährlich zu seinem Unterhalt bekam, durch die

Überschüsse der Einnahme jenes bares Kapital, das man in des alten

Freiherrn Nachlaß vorfand, einen bedeutenden Zuschuß erhielt. Nur in

den ersten drei Jahren hatte Hubert die Einkünfte des Majorats in

seinen Nutzen verwandt, darüber aber ein Schuldinstrument ausgestellt

und es auf den ihm zustehenden Anteil der Güter in Kurland versichern

lassen.

V. hatte seit der Zeit, als ihm Daniel als Nachtwandler erschien, das

Schlafgemach des alten Roderich zu seinem Wohnzimmer gewählt, um desto

sicherer das erlauschen zu können, was ihm Daniel nachher freiwillig

offenbarte. So kam es, daß dies Gemach und der anstoßende große Saal

der Ort blieb, wo der Freiherr mit V. im Geschäft zusammenkam. Da

saßen nun beide beim hellodernden Kaminfeuer an dem großen Tische, V.

mit der Feder in der Hand, die Summen notierend und den Reichtum des

Majoratsherrn berechnend, dieser mit aufgestemmtem Arm hineinblinzelnd

in die aufgeschlagenen Rechnungsbücher, in die gewichtigen Dokumente.

Keiner vernahm das dumpfe Brausen der See, das Angstgeschrei der

Möwen, die, das Unwetter verkündend, im Hin- und Herflattern an

die Fensterscheiben schlugen, keiner achtete des Sturms, der, um

Mitternacht heraufgekommen, in wildem Tosen das Schloß durchsauste, so

daß alle Unkenstimmen in den Kaminen, in den engen Gängen erwachten

und widerlich durcheinander pfiffen und heulten. Als endlich nach

einem Windstoß, vor dem der ganze Bau erdröhnte, plötzlich der ganze

Saal im düstern Feuer des Vollmonds stand, rief V.: »Ein böses

Wetter!«

Der Freiherr, ganz vertieft in die Aussicht des Reichtums, der ihm

zugefallen, erwiderte gleichgültig, indem er mit zufriedenem Lächeln

ein Blatt des Einnahmebuchs umschlug: »In der Tat, sehr stürmisch.«

Aber wie fuhr er, von der eisigen Faust des Schreckens berührt, in die

Höhe, als die Tür des Saals aufsprang und eine bleiche, gespenstische

Gestalt sichtbar wurde, die, den Tod im Antlitz, hineinschritt.

Daniel, den V. so wie jedermann in tiefer Krankheit ohnmächtig

daliegend, nicht für fähig hielt ein Glied zu rühren, war es, der,

abermals von der Mondsucht befallen, seine nächtliche Wanderung

begonnen.

Lautlos starrte der Freiherr den Alten an, als dieser nun aber unter

angstvollen Seufzern der Todesqual an der Wand kratzte, da faßte

den Freiherrn tiefes Entsetzen. Bleich im Gesicht wie der Tod, mit

emporgesträubtem Haar sprang er auf, schritt in bedrohlicher Stellung

zu auf den Alten und rief mit starker Stimme, daß der Saal dröhnte:

»Daniel! Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!« Da stieß der

Alte jenes grauenvolle heulende Gewimmer aus, gleich dem Todeslaut des

getroffenen Tiers, wie damals, als ihm Wolfgang Gold für seine Treue

bot, und sank zusammen.

V. rief die Bedienten herbei, man hob den Alten auf, alle Versuche,

ihn zu beleben, blieben vergebens. Da schrie der Freiherr wie außer

sich: »Herr Gott! - Herr Gott! habe ich denn nicht gehört, daß

Nachtwandler auf der Stelle des Todes sein können, wenn man sie beim

Namen ruft? Ich! - Ich Unglückseligster - ich habe den armen Greis

erschlagen! - Zeit meines Lebens habe ich keine ruhige Stunde mehr!«

V., als die Bedienten den Leichnam fortgetragen und der Saal leer

geworden, nahm den immerfort sich anklagenden Freiherrn bei der Hand,

führte ihn in tiefem Schweigen vor die zugemaurte Tür und sprach:

»Der hier tot zu Ihren Füßen niedersank, Freiherr Roderich, war der

verruchte Mörder Ihres Vaters!« Als säh' er Geister der Hölle, starrte

der Freiherr den V. an. Dieser fuhr fort: »Es ist nun wohl an der

Zeit, Ihnen das gräßliche Geheimnis zu enthüllen, das auf diesem

Unhold lastete und ihn, den Fluchbeladenen, in den Stunden des Schlafs

umhertrieb. Die ewige Macht ließ den Sohn Rache nehmen an dem Mörder

des Vaters. Die Worte, die Sie dem entsetzlichen Nachtwandler in

die Ohren donnerten, waren die letzten, die Ihr unglücklicher Vater

sprach!«

Bebend, unfähig, ein Wort zu sprechen, hatte der Freiherr neben V.,

der sich vor den Kamin setzte, Platz genommen. V. fing mit dem Inhalt

des Aufsatzes an, den Hubert für V. zurückgelassen und den er erst

nach Eröffnung des Testaments entsiegeln sollte. Hubert klagte sich

mit Ausdrücken, die von der tiefsten Reue zeigten, des unversöhnlichen

Hasses an, der in ihm gegen den ältern Bruder Wurzel faßte von dem

Augenblick, als der alte Roderich das Majorat gestiftet hatte. Jede

Waffe war ihm entrissen, denn wär' es ihm auch gelungen auf hämische

Weise, den Sohn mit dem Vater zu entzweien, so blieb dies ohne

Wirkung, da Roderich selbst nicht ermächtigt war, dem ältesten Sohn

die Rechte der Erstgeburt zu entreißen, und es, wandte sich auch sein

Herz und Sinn ganz ab von ihm, doch nach seinen Grundsätzen nimmermehr

getan hätte.

Erst als Wolfgang in Genf das Liebesverhältnis mit Julien von St.

Val begonnen, glaubte Hubert den Bruder verderben zu können. Da fing

die Zeit an, in der er im Einverständnisse mit Daniel auf bübische

Weise den Alten zu Entschlüssen nötigen wollte, die den Sohn zur

Verzweiflung bringen mußten.

Er wußte, daß nur die Verbindung mit einer der ältesten Familien des

Vaterlandes nach dem Sinn des alten Roderich den Glanz des Majorats

auf ewige Zeiten begründen konnte. Der Alte hatte diese Verbindung

in den Gestirnen gelesen, und jedes freveliche Zerstören der

Konstellation konnte nur Verderben bringen über die Stiftung.

Wolfgangs Verbindung mit Julien erschien in dieser Art dem Alten ein

verbrecherisches Attentat, wider Beschlüsse der Macht gerichtet, die

ihm beigestanden im irdischen Beginnen, und jeder Anschlag, Julien,

die wie ein dämonisches Prinzip sich ihm entgegengeworfen, zu

verderben, gerechtfertigt.

Hubert kannte des Bruders an Wahnsinn streifende Liebe zu Julien, ihr

Verlust müßte ihn elend machen, vielleicht töten, und um so lieber

wurde er tätiger Helfershelfer bei den Plänen des Alten, als er selbst

sträfliche Neigung zu Julien gefaßt und sie für sich zu gewinnen

hoffte. Eine besondere Schickung des Himmels wollt' es, daß die

giftigsten Anschläge an Wolfgangs Entschlossenheit scheiterten, ja

daß es ihm gelang, den Bruder zu täuschen. Für Hubert blieb Wolfgangs

wirklich vollzogene Ehe sowie die Geburt eines Sohnes ein Geheimnis.

Mit der Vorahnung des nahen Todes kam dem alten Roderich zugleich der

Gedanke, daß Wolfgang jene ihm feindliche Julie geheiratet habe, in

dem Briefe, der dem Sohn befahl, am bestimmten Tage nach R..sitten zu

kommen, um das Majorat anzutreten, fluchte er ihm, wenn er nicht jene

Verbindung zerreißen werde. Diesen Brief verbrannte Wolfgang bei der

Leiche des Vaters.

An Hubert schrieb der Alte, daß Wolfgang Julien geheiratet habe, er

werde aber diese Verbindung zerreißen. Hubert hielt dies für die

Einbildung des träumerischen Vaters, erschrak aber nicht wenig, als

Wolfgang in R..sitten selbst mit vieler Freimütigkeit die Ahnung des

Alten nicht allein bestätigte, sondern auch hinzufügte, daß Julie ihm

einen Sohn geboren, und daß er nun in kurzer Zeit Julien, die ihn bis

jetzt für den Kaufmann Born aus M. gehalten, mit der Nachricht seines

Standes und seines reichen Besitztums hoch erfreuen werde. Selbst

wolle er hin nach Genf, um das geliebte Weib zu holen.

Noch ehe er diesen Entschluß ausführen konnte, ereilte ihn der Tod.

Hubert verschwieg sorglich, was ihm von dem Dasein eines in der Ehe

mit Julien erzeugten Sohnes bekannt, und riß so das Majorat an sich,

das diesem gebührte. Doch nur wenige Jahre waren vergangen, als ihn

tiefe Reue ergriff. Das Schicksal mahnte ihn an seine Schuld auf

fürchterliche Weise durch den Haß, der zwischen seinen beiden Söhnen

mehr und mehr emporkeimte. »Du bist ein armer dürftiger Schlucker«,

sagte der älteste, ein zwölfjähriger Knabe, zu dem jüngsten, »aber ich

werde, wenn der Vater stirbt, Majoratsherr von R..sitten, und da mußt

du demütig sein und mir die Hand küssen, wenn ich dir Geld geben soll

zum neuen Rock.« - Der jüngste, in volle Wut geraten über des Bruders

höhnenden Stolz, warf das Messer, das er gerade in der Hand hatte,

nach ihm hin und traf ihn beinahe zum Tode.

Hubert, großes Unglück fürchtend, schickte den jüngsten fort nach

Petersburg, wo er später als Offizier unter Suwarow wider die

Franzosen focht und blieb. Vor der Welt das Geheimnis seines

unredlichen betrügerischen Besitzes kundzutun, davon hielt ihn die

Scham, die Schande, die über ihn gekommen, zurück, aber entziehen

wollte er dem rechtmäßigen Besitzer keinen Groschen mehr. Er zog

Erkundigungen ein in Genf und erfuhr, daß die Frau Born, trostlos über

das unbegreifliche Verschwinden ihres Mannes gestorben, daß aber der

junge Roderich Born von einem wackern Mann, der ihn aufgenommen,

erzogen werde. Da kündigte sich Hubert unter fremdem Namen als

Verwandter des auf der See umgekommenen Kaufmann Born an und schickte

Summen ein, die hinreichten, den jungen Majoratsherrn sorglich und

anständig zu erziehn.

Wie er die Überschüsse der Einkünfte des Majorats sorgfältig sammelte;

wie er dann testamentarisch verfügte, ist bekannt. Über den Tod seines

Bruders sprach Hubert in sonderbaren rätselhaften Ausdrücken, die

so viel erraten ließen, daß es damit eine geheimnisvolle Bewandtnis

haben mußte, und daß Hubert wenigstens mittelbar teilnahm an einer

gräßlichen Tat. Der Inhalt der schwarzen Mappe klärte alles auf. Der

verräterischen Korrespondenz Huberts mit Daniel lag ein Blatt bei, das

Daniel beschrieben und unterschrieben hatte. V. las ein Geständnis,

vor dem sein Innerstes erbebte.

Auf Daniels Veranlassung war Hubert nach R..sitten gekommen,

Daniel war es, der ihm von den gefundenen einhundertfünfzigtausend

Reichstalern geschrieben. Man weiß, wie Hubert von dem Bruder

aufgenommen wurde, wie er, getäuscht in allen seinen Wünschen und

Hoffnungen, fort wollte, wie ihn V. zurückhielt. In Daniels Innerm

kochte blutige Rache, die er zu nehmen hatte an dem jungen Menschen,

der ihn ausstoßen wollen wie einen räudigen Hund. Der schürte und

schürte an dem Brande, von dem der verzweifelnde Hubert verzehrt

wurde. Im Föhrenwalde auf der Wolfsjagd, im Sturm und Schneegestöber

wurden sie einig über Wolfgangs Verderben. »Wegschaffen« murmelte

Hubert, indem er seitwärts wegblickte und die Büchse anlegte. »Ja,

wegschaffen,« grinste Daniel, »aber nicht so, nicht so.«

Nun vermaß er sich hoch und teuer, er werde den Freiherrn ermorden,

und kein Hahn solle darnach krähen. Hubert, als er endlich Geld

erhalten, tat der Anschlag leid, er wollte fort, um jeder weitern

Versuchung zu widerstehen. Daniel selbst sattelte in der Nacht

das Pferd und führte es aus dem Stalle, als aber der Baron sich

aufschwingen wollte, sprach Daniel mit schneidender Stimme: »Ich

dächte, Freiherr Hubert, du bliebst auf dem Majorat, das dir in

diesem Augenblick zugefallen, denn der stolze Majoratsherr liegt

zerschmettert in der Gruft des Turms!«

Daniel hatte beobachtet, daß, von Golddurst geplagt, Wolfgang oft in

der Nacht aufstand, vor die Tür trat, die sonst zum Turme führte, und

mit sehnsüchtigen Blicken hinabschaute in die Tiefe, die nach Daniels

Versicherung noch bedeutende Schätze bergen sollte. Darauf gefaßt,

stand in jener verhängnisvollen Nacht Daniel vor der Türe des Saals.

Sowie er den Freiherrn die zum Turm führende Tür öffnen hörte, trat er

hinein und dem Freiherrn nach, der dicht an dem Abgrunde stand. Der

Freiherr drehte sich um und rief, als er den verruchten Diener, dem

der Mord schon aus den Augen blitzte, gewahrte, entsetzt: »Daniel,

Daniel, was machst du hier zu dieser Stunde!«

Aber da kreischte Daniel wild auf: »Hinab mit dir, du räudiger Hund«

und schleuderte mit einem kräftigen Fußstoß den Unglücklichen hinunter

in die Tiefe! - Ganz erschüttert von der gräßlichen Untat, fand der

Freiherr keine Ruhe auf dem Schlosse, wo sein Vater ermordet. Er ging

auf seine Güter nach Kurland und kam nur jedes Jahr zur Herbstzeit

nach R..sitten. Franz, der alte Franz, behauptete, daß Daniel, dessen

Verbrechen er ahnde, noch oft zur Zeit des Vollmonds spuke, und

beschrieb den Spuk gerade so, wie ihn V. später erfuhr und bannte. Die

Entdeckung dieser Umstände, welche das Andenken des Vaters schändeten,

trieben auch den jungen Freiherrn Hubert fort in die Welt.

So hatte der Großonkel alles erzählt, nun nahm er meine Hand und

sprach, indem ihm volle Tränen in die Augen traten, mit sehr weicher

Stimme: »- Vetter - Vetter auch sie die holde Frau, hat das böse

Verhängnis, die unheimhche Macht, die dort auf dem Stammschlosse

hauset, ereilt! Zwei Tage nachdem wir R..sitten verlassen,

veranstaltete der Freiherr zum Beschluß eine Schlittenfahrt. Er selbst

fährt seine Gemahlin, doch, als es talabwärts geht, reißen die Pferde,

plötzlich auf unbegreifliche Weise scheu geworden, aus in vollem

wütenden Schnauben und Toben. >Der Alte - der alte ist hinter uns

her<, schreit die Baronin auf mit schneidender Stimme! In dem

Augenblick wird sie durch den Stoß, der den Schatten umwirft, weit

fortgeschleudert. - Man findet sie leblos - sie ist hin! Der Freiherr

kann sich nimmer trösten, seine Ruhe ist die eines Sterbenden! Nimmer

kommen wir wieder nach R..sitten, Vetter!«

Der alte Großonkel schwieg, ich schied von ihm mit zerrissenem Herzen,

und nur die alles beschwichtigende Zeit konnte den tiefen Schmerz

lindern, in dem ich vergehen zu müssen glaubte.

Jahre waren vergangen. V. ruhte längst im Grabe, ich hatte mein

Vaterland verlassen. Da trieb mich der Sturm des Krieges, der

verwüstend über ganz Deutschland hinbrauste, in den Norden hinein,

fort nach Petersburg. Auf der Rückreise, nicht mehr weit von K., fuhr

ich in einer finstern Sommernacht dem Gestade der Ostsee entlang, als

ich vor mir am Himmel einen großen funkelnden Stern erblickte. Näher

gekommen, gewahrte ich wohl an der roten flackernden Flamme, daß das,

was ich für einen Stern gehalten, ein starkes Feuer sein müsse, ohne

zu begreifen, wie es so hoch in den Lüften schweben könne.

»Schwager! was ist das für ein Feuer dort vor uns?« frug ich den

Postillon. »Ei«, erwiderte dieser, »ei, das ist kein Feuer, das ist

der Leuchtturm von R..sitten.« R..sitten! sowie der Postillon den

Namen nannte, sprang in hellem Leben das Bild jener verhängnisvollen

Herbsttage hervor, die ich dort erlebte. Ich sah den Baron -

Seraphinen, aber auch die alten wunderlichen Tanten, mich selbst

mit blankem Milchgesicht, schön frisiert und gepudert, in zartes

Himmelblau gekleidet ja mich, den Verliebten, der wie ein Ofen seufzt,

mit Jammerlied auf seiner Liebsten Braue!

In der tiefen Wehmut, die mich durchbebte, flackerten wie bunte

Lichterchen V.s derbe Späße auf, die mir nun ergötzlicher waren als

damals. So von Schmerz und wunderbarer Lust bewegt, stieg ich am

frühen Morgen in R..sitten aus dem Wagen, der vor der Postexpedition

hielt. Ich erkannte das Haus des Ökonomieinspektors, ich frug nach

ihm. »Mit Verlaub«, sprach der Postschreiber, indem er die Pfeife aus

dem Munde nahm und an der Nachtmütze rückte, »mit Verlaub, hier ist

kein Ökonomieinspektor, es ist ein königliches Amt, und der Herr

Amtsrat belieben noch zu schlafen.«

Auf weiteres Fragen erfuhr ich, daß schon vor sechzehn Jahren

der Freiherr Roderich von R., der letzte Majoratsbesitzer, ohne

Deszendenten gestorben und das Majorat der Stiftungsurkunde gemäß dem

Staate anheimgefallen sei. Ich ging hinauf nach dem Schlosse, es lag

in Ruinen zusammengestürzt. Man hatte einen großen Teil der Steine zu

dem Leuchtturm benutzt, so versicherte ein alter Bauer, der aus dem

Föhrenwalde kam und mit dem ich mich ins Gespräch einließ. Der wußte

auch von dem Spuk zu erzählen, wie er auf dem Schlosse gehaust

haben sollte, und versicherte, daß noch jetzt sich oft, zumal beim

Vollmonde, grauenvolle Klagelaute in dem Gestein hören ließen.

Armer, alter, kurzsichtiger Roderich! Welche böse Macht beschworst du

herauf, die den Stamm, den du mit fester Wurzel für die Ewigkeit zu

pflanzen gedachtest, im ersten Aufkeimen zum Tode vergiftete.

Nachtstücke · 第 14 / 16 题