Jedem Reisenden, der bei guter Tageszeit sich dem Städtchen G. von der
südlichen Seite bis auf eine halbe Stunde Weges genähert, fällt der
Landstraße rechts ein stattliches Landhaus in die Augen, welches mit
seinen wunderlichen bunten Zinnen aus finsterm Gebüsch blickend,
emporsteigt. Dieses Gebüsch umkränzte den weitläufigen Garten,
der sich in weiter Strecke talabwärts hinzieht. Kommst du einmal,
vielgeliebter Leser! des Weges, so scheue weder den kleinen Aufenthalt
deiner Reise, noch das kleine Trinkgeld, das du etwa dem Gärtner geben
dürftest, sondern steige fein aus dem Wagen, und laß dir Haus und
Garten aufschließen, vorgebend, du hättest den verstorbenen Eigentümer
des anmutigen Landsitzes, den Hofrat Reutlinger in G., recht gut
gekannt. Im Grunde genommen kannst du dies alsdann mit gutem Fug tun,
wenn es dir gefallen sollte, alles, was ich dir zu erzählen eben im
Begriff stehe, bis ans Ende durchzulesen; denn ich hoffe, der Hofrat
Reutlinger soll dir alsdann mit all seinem sonderbaren Tun und Treiben
so vor Augen stehen, als ob du ihn wirklich selbst gekannt hättest.
Schon von außen findest du das Landhaus auf altertümliche groteske
Weise mit bunten gemalten Zieraten verschmückt, du klagst mit Recht
über die Geschmacklosigkeit dieser zum Teil widersinnigen Wandgemälde,
aber bei näherer Betrachtung weht dich ein besonderer wunderbarer
Geist aus diesen bemalten Steinen an und mit einem leisen Schauer, der
dich überläuft, trittst du in die weite Vorhalle. Auf den in Felder
abgeteilten, mit weißem Gipsmarmor bekleideten Wänden erblickest
du mit grellen Farben gemalte Arabesken, die in den wunderlichsten
Verschlingungen, Menschen- und Tiergestalten, Blumen, Früchte,
Gesteine, darstellen, und deren Bedeutung du ohne weitere
Verdeutlichung zu ahnen glaubst. Im Saal, der den untern Stock in der
Breite einnimmt und bis über den zweiten Stock hinaufsteigt, scheint
in vergoldeter Bilderei alles das plastisch ausgeführt, was erst
durch Gemälde angedeutet wurde. Du wirst im ersten Augenblick vom
verdorbenen Geschmack des Zeitalters Ludwig des Vierzehnten reden,
du wirst weidlich schmälen über das Barocke, Überladene, Grelle,
Geschmacklose dieses Stils, aber bist du nur was weniges meines
Sinnes, fehlt es dir nicht an reger Fantasie, welches ich allemal bei
dir, mein gütiger Leser! voraussetze, so wirst du bald allen in der
Tat gegründeten Tadel vergessen. Es wird dir so zumute werden, als
sei die regellose Willkür nur das kecke Spiel des Meisters mit
Gestaltungen, über die er unumschränkt zu herrschen wußte, dann aber,
als verkette sich alles zur bittersten Ironie des irdischen Treibens,
die nur dem tiefen, aber an einer Todeswunde kränkelnden Gemüt eigen.
Ich rate dir, geliebter Leser! die kleinen Zimmer des zweiten Stocks,
die wie eine Galerie den Saal umgeben, und aus deren Fenstern man
hinabschaut in den Saal, zu durchwandern. Hier sind die Verzierungen
sehr einfach, aber hin und wieder stößest du auf teutsche, arabische
und türkische Inschriften, die sich wunderlich genug ausnehmen. Du
eilst jetzt nach dem Garten, er ist nach altfranzösischer Art mit
langen, breiten, von hohen Taxuswänden umschlossenen Gängen, mit
geräumigen [Bosketts] angelegt, und mit Statuen, mit Fontänen
geschmückt. Ich weiß nicht, ob du, geliebter Leser, nicht auch den
ernsten feierlichen Eindruck, den solch ein altfranzösischer Garten
macht, mit mir fühlst, und ob du solch ein Gartenkunstwerk nicht der
albernen Kleinigkeitskrämerei vorziehst, die in unsern sogenannten
englischen Gärten mit Brückchen und Flüßlein, und Tempelchen und
Gröttchen getrieben wird. Am Ende des Gartens trittst du in einen
finstern Hain von Trauerweiden, Hängebirken und Weymouthskiefern.
Der Gärtner sagt dir, daß dies Wäldchen, wie man es von der Höhe des
Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens
hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in
der Form eines Herzens erbaut. Du tritts hinein, der Boden ist mit
weißen Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz
in gewöhnlicher Größe. Es ist ein dunkelroter in den weißen Marmor
eingefugter Stein. Du bückst dich herab, und entdeckest die in den
Stein eingegrabenen Worte: _Es_ruht!_ In diesem Pavillon, bei diesem
dunkelroten steinernen Herzen, das damals jene Inschrift noch nicht
trug, standen am Tage Mariä Geburt, das heißt am achten September des
Jahres 180- ein großer stattlicher alter Herr und eine alte Dame,
beide sehr reich und schön nach der Mode der sechziger Jahre
gekleidet. »Aber«, sprach die alte Dame, »aber wie kam Ihnen, lieber
Hofrat, denn wieder die bizarre, ich möchte lieber sagen, die
schauervolle Idee, in diesem Pavillon das Grabmal Ihres Herzens, das
unter dem roten Stein ruhen soll, bauen zu lassen?« »Lassen Sie uns«,
erwiderte der alte Herr, »lassen Sie uns, liebe Geheime Rätin, von
diesen Dingen schweigen! - Nennen Sie es das krankhafte Spiel eines
wunden Gemüts, nennen Sie es wie Sie wollen, aber erfahren Sie, daß,
wenn mich mitten unter dem reichen Gut, das das hämische Glück wie ein
Spielzeug dem einfältigen Kinde, das darüber die Todeswunden vergißt,
mir zuwarf, der bitterste Unmut ergreift, wenn alles erfahrne Leid von
neuem auf mich zutritt, daß ich dann hier in diesen Mauern Trost und
Beruhigung finde. Meine Blutstropfen haben den Stein so rot gefärbt,
aber er ist eiskalt, bald liegt er auf meinem Herzen und kühlt die
verderbliche Glut, welche darin loderte.« Die alte Dame sah mit einem
Blick der tiefsten Wehmut herab zum steinernen Herzen, und indem sie
sich etwas herabbückte, fielen ein paar große perlenglänzende Tränen
auf den roten Stein. Da faßte der alte Herr schnell herüber und
ergriff ihre Hand. Seine Augen erblitzten im jugendlichen Feuer; wie
ein fernes mit Blüten und Blumen reich geschmücktes herrliches Land im
schimmernden Abendrot lag eine längst vergangene Zeit voll Liebe und
Seligkeit in seinen glühenden Blicken. »Julie! - Julie! und auch _Sie_
konnten dieses arme Herz so auf den Tod verwunden.« - So rief der alte
Herr mit von der schmerzlichsten Wehmut halberstickter Stimme. »Nicht
mich«, erwiderte die alte Dame sehr weich und zärtlich, »nicht
mich, klagen Sie an, Maximilian! - War es denn nicht Ihr starrer
unversöhnlicher Sinn, Ihr träumerischer Glaube an Ahnungen, an
seltsame, Unheil verkündende Visionen, der Sie forttrieb von mir, und
der mich zuletzt bestimmen mußte, dem sanfteren, beugsameren Mann,
der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben.
Ach! Maximilian, Sie mußten es ja wohl fühlen, wie innig Sie geliebt
wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur
Todesermattung?« Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand
fahren ließ: »O Sie haben recht, Frau Geheime Rätin, ich muß allein
stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles was
Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem
steinernen Herzen.« - »Wie bitter«, fiel die Dame dem alten Herrn in
die Rede, »Wie bitter, wie ungerecht gegen sich selbst, und andere
sind Sie, Maximilian! - Wer kennt Sie denn nicht als den freigebigsten
Wohltäter der Bedürftigen, als den unwandelbarsten Verfechter des
Rechts, der Billigkeit, aber welches böse Geschick warf jenes
entsetzliche Mißtrauen in Ihre Seele, das in einem Wort, in einem
Blick, ja in irgend einem von jeder Willkür unabhängigen Ereignis
Verderben und Unheil ahnet?« - »Hege ich denn nicht alles«, sprach der
alte Herr mit weicherer Stimme und Tränen in den Augen, »hege ich denn
nicht alles, was sich mir nähert, mit der vollsten Liebe? Aber diese
Liebe zerreißt mir das Herz, statt es zu nähren. - Ha!« fuhr er mit
erhöhter Stimme fort, »dem unerforschlichen Geist der Welten gefiel es
mich mit einer Gabe auszustatten, die, mich dem Tode entreißend, mich
hundertmal tötet! - Gleich dem Ewigen Juden, sehe ich das unsichtbare
Kainszeichen auf der Stirne des gleisnerischen Meuters! - Ich
erkenne die geheimen Warnungen, die oft wie spielende Rätsel der
geheimnisvolle König der Welt, den wir Zufall nennen, uns in den Weg
wirft. Eine holde Jungfrau schaut uns mit hellen klaren Isisaugen
an, aber wer ihre Rätsel nicht löst, den ergreift sie mit kräftigen
Löwentatzen, und schleudert ihn in den Abgrund.« - »Noch immer«,
sprach die alte Dame, »noch immer diese verderblichen Träume. Wo blieb
der schöne, artige Knabe, Ihres jüngern Bruders Sohn, den Sie vor
einigen Jahren so liebreich aufgenommen, in dem so viel Liebe und
Trost für Sie aufzukeimen schien?« - »Den«, erwiderte der alte Herr
mit rauher Stimme, »den habe ich verstoßen, es war ein Bösewicht,
eine Schlange, die ich mir zum Verderben im Busen nährte.« - »Ein
Bösewicht! - der Knabe von sechs Jahren?« fragte die Dame ganz
bestürzt. »Sie wissen«, fuhr der alte Herr fort, »die Geschichte
meines jüngern Bruders; Sie wissen, daß er mich mehrmals auf bübische
Weise täuschte, daß, alles brüderliche Gefühl in seiner Brust
ertötend, ihm jede Wohltat, die ich ihm erzeigte, zur Waffe gegen mich
diente. An ihm, an seinem rastlosen Streben lag es nicht, daß nicht
meine Ehre, meine bürgerliche Existenz verloren ging. Sie wissen, wie
er vor mehreren Jahren, in das tiefste Elend versunken, zu mir kam,
wie er mir Änderung seiner verworrenen Lebensweise, wiedererwachte
Liebe heuchelte, wie ich ihn hegte und pflegte, wie er dann seinen
Aufenthalt in meinem Hause nutzte, um gewisse Dokumente - doch genug
davon. Sein Knabe gefiel mir, und diesen behielt ich bei mir, als
der Schändliche, nachdem seine Ränke, die mich in einen meine Ehre
vernichtenden Kriminalprozeß verwickeln sollten, entdeckt worden,
fliehen mußte. Ein warnender Wink des Schicksals befreiete mich von
dem Bösewicht.« - »Und dieser Wink des Schicksals war gewiß einer
Ihrer bösen Träume.« So sprach die alte Dame, doch der alte Herr fuhr
fort: »Hören Sie, urteilen Sie Julie! - Sie wissen, daß meines Bruders
Teufelei mir den härtesten Stoß gab, den ich erlitten - es sei denn,
daß - doch still davon. Mag es sein, daß ich der Seelenkrankheit, die
mich befallen, den Gedanken zuschreiben muß, mir in diesem Wäldchen
eine Grabstätte für mein Herz bereiten zu lassen. Genug, es geschah!
- Das Wäldchen war in Herzform angepflanzt, der Pavillon erbaut, die
Arbeiter beschäftigten sich mit der Marmortäfelung des Fußbodens. Ich
trete hinan, um nach dem Werk zu sehen. Da bemerke ich, daß in einiger
Entfernung der Knabe, so wie ich, Max geheißen, etwas hin- und
herkugelt unter allerlei tollen Bockssprüngen und lautem Gelächter.
Eine finstere Ahnung geht durch meine Seele! - Ich gehe los auf
den Knaben und erstarre, als ich sehe, daß es der rote herzförmig
ausgearbeitete Stein ist, der zum Einlegen in dem Pavillon bereit lag,
den er mit Mühe herausgekugelt hat und mit dem er nun spielt! >Bube!
du spielst mit meinem Herzen, wie dein Vater!< - Mit diesen Worten
stieß ich ihn voll Abscheu von mir, als er sich weinend mir nahte. -
Mein Verwalter erhielt die nötigen Befehle ihn fortzuschaffen, ich
habe den Knaben nicht wiedergesehen!« - »Entsetzlicher Mann!« rief die
alte Dame, die aber der alte Herr sich höflich verbeugend, und mit den
Worten: »Des Schicksals große Grundstriche fügen sich nicht dem feinen
Nonpareil der Damen«, unter dem Arm faßte, und aus dem Pavillon
hinausführte durch das Wäldchen in den Garten. - Der alte Herr war der
Hofrat Reutlinger, die alte Dame aber die Geheime Rätin Foerd. - - Der
Garten bot das allermerkwürdigste Schauspiel dar, was man nur sehen
konnte. Eine große Gesellschaft alter Herren, Geheime Räte, Hofräte
u.a. nebst ihren Familien aus den benachbarten Städtchen hatte sich
versammelt. Alle, selbst die jungen Leute und Mädchen waren ganz
streng nach der Mode des Jahres 1760 gekleidet mit großen Perücken,
gesteiften Kleidern, hohen Frisuren, Reifröcken usw., welches denn
um so mehr einen wunderlichen Eindruck machte, als die Anlagen des
Gartens ganz zu jenem Kostüm paßten. Jeder glaubte sich, wie durch
einen Zauberschlag, in eine längst verflossene Zeit zurückversetzt.
Der Maskerade lag eine wunderliche Idee Reutlingers zum Grunde. Er
pflegte alle drei Jahre am Tage Mariä Geburt auf seinem Landsitz das
»Fest der alten Zeit« zu feiern, wozu er alles aus dem Städtchen, was
nur kommen wollte, einlud, jedoch war es unerläßliche Bedingung, daß
jeder Gast sich in das Kostüm des Jahres 1760 werfen mußte. Jungen
Leuten, denen es lästig gewesen sein würde, dergleichen Kleider
herbeizuschaffen, half der Hofrat aus mit seiner eigenen reichen
Garderobe. - Offenbar wollte der Hofrat diese Zeit hindurch (das Fest
dauerte zwei bis drei Tage) in Rückerinnerungen der alten Jugendzeit
recht schwelgen.
In einer Seitenallee begegneten sich Ernst und Willibald. Beide sahen
sich eine Weile schweigend an und brachen dann in ein helles Gelächter
aus. »Du kommst mir vor«, rief Willibald, »wie der im Irrgarten der
Liebe herumtaumelnde Kavalier.« »Und mich dünkt«, erwiderte Ernst,
»ich hätte dich schon in der asiatischen Banise erblickt.« - »Aber in
der Tat«, fuhr Willibald fort, »des alten Hofrats Einfall ist so übel
nicht. Er will nun einmal sich selbst mystifizieren, er will eine Zeit
hervorzaubern, in der er wahrhaft lebte, unerachtet er noch jetzt ein
munterer starker Greis mit unverwüstlicher Lebenskraft und herrlicher
Frischheit des Geistes, an Erregbarkeit und fantasiereicher Laune es
manchem vor der Zeit abgestumpften Jünglinge zuvortut. Er darf nicht
dafür sorgen, daß jemand in Wort und Gebärde aus dem Kostüm falle,
denn dafür steckt jeder eben in den Kleidern die ihm das ganz
unmöglich machen. Sieh nur wie jüngferlich und zunferlich unsere
jungen Damen in ihren Reifröcken einhertrippeln, wie sie sich des
Fächers zu bedienen wissen. - Wahrhaftig mich selbst ergreift unter
der Perücke, die ich auf meinen Titus gestülpt, ein ganz besonderer
Geist altertümlicher Courtoisie, da ich eben das allerliebste Kind,
des Geh. Rates Foerd jüngste Tochter, die holde Julie erblicke, so
weiß ich gar nicht was mich abhält, mich ihr in demütiger Stellung zu
nahen und mich also zu applizieren und explizieren: >Allerschönste
Julia! wenn wird mir doch die längst gewünschte Ruhe durch deine
Gegenliebe gewährt werden! Es ist ja unmöglich, daß den Tempel dieser
Schönheit ein steinerner Abgott bewohnen könne. Den Marmor bezwingt
der Regen und der Diamant wird durch schlechtes Blut erweichet; dein
Herz will aber einem Ambosse gleichen, welches sich nur durch Schläge
verhärtet; je mehr nun mein Herze klopfet, je unempfindlicher wirst
du. Laß mich doch das Ziel deines Blicks sein, schaue doch wie mein
Herz kocht und meine Seele nach der Erquickung lechzet, welche aus
deiner Anmut quillt. Ach! - willst du mich durch Schweigen betrüben,
unempfindliche Seele? Die toten Felsen antworten ja den Fragenden
durch ein Echo und du willst mich Trostlosen keiner Antwort würdigen?
- O Allerschönste<« - »Ich bitte dich«, unterbrach hier Ernst den
Freund, der mit dem wunderlichsten Gebärdenspiel das alles gesprochen,
»ich bitte dich, halt ein, du bist nun einmal wieder in deiner tollen
Laune und merkst nicht, wie Julie, erst sich uns freundlich nähernd,
mit einem Mal ganz scheu ausbog. Ohne dich zu verstehen, glaubt sie
gewiß so wie alle in gleichem Fall, schonungslos von dir bespöttelt zu
sein, und so bewährst du deinen Ruf als eingefleischten ironischen
Satan und ziehst mich neuen Ankömmling ins Unglück, denn schon
sprechen alle mit zweideutigem Seitenblick und bittersüßem Lächeln:
>Es ist Willibalds Freund.<« - »Laß es gut sein«, sprach Willibald,
»ich weiß es ja, daß viele Leute, zumal junge hoffnungsvolle Mädchen
von sechszehn, siebzehn Jahren mir sorglich ausweichen, aber ich kenne
das Ziel, wohin alle Wege führen, und weiß auch, daß sie dort mir
begegnend oder vielmehr mich wie im eignen Hause angesiedelt treffend,
recht mit vollem freundlichen Gemüt mir die Hand reichen werden.«
- »Du meinst«, sprach Ernst, »eine Versöhnung, wie im ewgen Leben,
wenn der Drang des Irdischen abgeschüttelt.« - »O ich bitte dich«,
unterbrach ihn Willibald, »laß uns doch gescheut sein und nicht alte,
längst besprochene Dinge aufs neue und gerade zur ungünstigsten Stunde
aufrühren. Ungünstig für derlei Gespräche nenne ich nämlich deshalb
eben diese Stunden, weil wir gar nichts Besseres tun können, als uns
dem seltsamen Eindruck alles des Wunderlichen, womit uns Reutlingers
Laune, wie in einen Rahmen eingefaßt hat, hingeben. Siehst du
wohl jenen Baum, dessen ungeheure weiße Blüten der Wind hin- und
herschüttelt? - Cactus grandiflorus kann es nicht sein, denn der blüht
nur mitternachts und ich spüre auch nicht das Aroma, welches sich bis
hierher verbreiten müßte. Weiß der Himmel, welchen Wunderbaum der
Hofrat wieder in sein Tusculum verpflanzt hat.« - Die Freunde gingen
auf den Wunderbaum los und wunderten sich in der Tat nicht wenig, als
sie einen dicken dunklen Holunderbusch trafen, dessen Blüten nichts
anders waren, als hineingehängte weißgepuderte Perücken, die mit
ihren darangehängten Haarbeuteln und Zöpfchen, ein kurioses Spielzeug
des launigten Südwinds, auf- und niederschaukelten. Lautes Lachen
verkündete was hinter den Büschen verborgen. Eine ganze Gesellschaft
alter gemütlicher lebenskräftiger Herren hatte sich auf einem breiten
von buntem Buschwerk umgebenen Rasenplatz versammelt. Die Röcke
ausgezogen, die lästigen Perücken in den Holunder gehängt, schlugen
sie Ballon. Aber niemand übertraf den Hofrat Reutlinger, der den
Ballon bis zu einer unglaublichen Höhe und so geschickt zu treiben
wußte, daß er jedesmal dem Gegenspieler schlaggerecht niederfiel. In
dem Augenblick ließ sich eine abscheuliche Musik von kleinen Pfeifen
und dumpfen Trommeln hören. Die Herren endeten schnell ihr Spiel und
griffen nach ihren Röcken und Perücken. »Was ist denn das nun wieder?«
sprach Ernst. »Ich wette«, erwiderte Willibald, »der türkische
Gesandte zieht ein.« - »Der türkische Gesandte?« frug Ernst ganz
erstaunt. »So nenne ich«, fuhr Willibald fort, »den Baron von Exter,
der sich in G. aufhält und den du noch viel zu wenig gesehen hast, um
in ihm nicht eins der wunderlichsten Originale zu erkennen, die es
geben mag. Er ist ehemals Gesandter unseres Hofes in Konstantinopel
gewesen und noch immer sonnt er sich in dem Reflex dieser
wahrscheinlich genußreichsten Frühlingszeit seines Lebens. Seine
Beschreibung des Palastes, den er in Pera bewohnte, erinnert an
die diamantnen Feen-Paläste in Tausendundeiner Nacht, und seine
Lebensweise an den weisen König Salomo, dem er auch darin gleichen
will, daß er sich wirklich der Herrschaft über unbekannte Naturkräfte
rühmt. In der Tat hat dieser Baron Exter seiner lügnerischen
Prahlerei, seiner Charlatanerie unerachtet, doch etwas Mystisches, das
mich wenigstens in drolligem Abstich mit seiner äußern etwas skurrilen
Erscheinung oft wirklich mystifiziert. Davon, ich meine von seinem
wirklich mystischen Treiben geheimer Wissenschaften, rührt auch seine
enge Verbindung mit Reutlingern her, der diesem Wesen ganz ergeben ist
mit Leib und Seele. - Beide sind wunderliche Träumer, aber jeder auf
seine Weise, übrigens aber entschiedene Mesmerianer.« - Unter diesem
Gespräch waren die Freunde bis an des Gartens großes Gattertor
gelangt, durch welches soeben der türkische Gesandte einzog. Ein
kleiner rundlicher Mann mit einem schönen türkischen Pelz und hohem
aus farbigten Shawls aufgewickeltem Turban angetan. Aus Gewohnheit
hatte er sich aber nicht von der eng anschließenden Zopfperücke
mit kleinen Löckchen, aus Bedürfnis nicht von den filznen
Podagristenstiefeln trennen können, wodurch freilich das türkische
Kostüm schwer verletzt wurde. Seine Begleiter, die das abscheuliche
musikalische Geräusch machten und in denen Willibald trotz der
Vermummung Exters Koch und anderes Hausgesinde erkannte, waren zu
Mohren angerußt und trugen spitze gemalte Papiermützen, den Sanbenitos
nicht unähnlich, welches drollig genug aussah. Den türkischen
Gesandten führte am Arm ein alter Offizier, nach seiner Tracht von
irgend einem Schlachtfelde des Siebenjährigen Krieges erwacht und
erstanden. Es war der General Rixendorf, Kommandant von G., der dem
Hofrat zu Gefallen samt seinen Offizieren sich in das alte Kostüm
geworfen hatte. »Salama milek!« sprach der Hofrat den Baron Exter
umarmend, der sofort den Turban abnahm, und ihn wieder auf die
Perücke stülpte, nachdem er sich den Schweiß von der Stirne mit einem
ostindischen Tuch weggetrocknet. In dem Augenblick bewegte sich auch
in den Zweigen eines Spätkirschenbaums der goldstrahlende Fleck, den
Ernst schon lange betrachtet hatte, ohne enträtseln zu können, was da
oben sitze. Es war bloß der Geheime Kommerzienrat Harscher in einem
goldstoffnen Ehrenkleide, ebensolchen Beinkleidern und silberstoffner
mit blauen Rosenboukets bestreuter Weste, der nun sich aus den
Blättern des Kirschbaums entwickelte, und für sein Alter behende
genug auf der angelehnten Leiter herabstieg und mit ganz feiner etwas
quäkender Stimme singend oder vielmehr kreischend: »Ah! che vedo -
o dio che sento!« dem türkischen Gesandten in die Arme eilte. Der
Kommerzienrat hatte seine Jugendzeit in Italien zugebracht, war ein
großer Musikus und wollte noch immer mittelst eines lang geübten
Falsetts singen wie Farinelli. »Ich weiß«, sprach Willibald, »daß
Harscher sich die Taschen mit Spätkirschen vollgestopft hat, die er,
irgend ein Madrigal süß lamentierend, den Damen präsentieren wird. Da
er aber wie Friedrich der Zweite den Spaniol ohne Dose in der Tasche
ausgeschüttet trägt, wird er mit seiner Galanterie nur widerwilliges
Ablehnen und finstre Gesichter einernten.« - Überall war nun der
türkische Gesandte sowie der Held des Siebenjährigen Krieges mit
Freude und Jubel empfangen worden. Letzterer wurde von Julchen Foerd
mit kindlicher Demut begrüßt, tief beugte sie sich vor dem alten Herrn
und wollte ihm die Hand küssen, da sprang aber der türkische Gesandte
wild dazwischen, rief. »Narrheiten, tolles Zeug!« umarmte Julchen mit
Heftigkeit, wobei er dem Kommerzienrat Harscher sehr hart auf die Füße
trat, der aber vor Schmerz nur ein ganz klein wenig miaute und rannte
dann mit Julien, die er unter den Arm gefaßt, davon. - Man sah, daß er
sehr eifrig mit den Händen focht, den Turban auf- und abstülpte usw.
»Was hat der Alte mit dem Mädchen vor?« sprach Ernst. »In der Tat«,
erwiderte Willibald, »es scheint Wichtiges, denn, ist Exter gleich
des Mädchens Pate und ganz vernarrt in sie, so pflegt er doch nicht
sogleich aus der Gesellschaft mit ihr davonzulaufen.« - In dem
Augenblick blieb der türkische Gesandte stehen, streckte den rechten
Arm weit von sich und rief mit starker Stimme, daß es im ganzen Garten
widerhallte: »Apporte!« - Willibald brach in ein lautes Gelächter aus.
»Wahrhaftig«, sprach er dann, »es ist weiter nichts, als daß Exter
Julien zum tausendstenmal die merkwürdige Geschichte vom Seehunde
erzählt.« Ernst wollte diese merkwürdige Geschichte durchaus wissen.
»Erfahre denn«, sprach Willibald, »daß Exters Palast dicht am Bosporus
lag, so daß Stufen von dem feinsten karrarischen Marmor hinabführten
ins Meer. Eines Tages steht Exter auf der Galerie in die
tiefsinnigsten Betrachtungen versunken, aus denen ihn ein
durchdringender gellender Schrei hinausreißt. Er schaut hinab und
siehe, ein ungeheurer Seehund ist aus dem Meer hinaufgetaucht und
hat einem armen türkischen Weibe, die auf den Marmorstufen saß, den
Knaben von dem Arm hinabgerissen, mit dem er eben abfährt in die
Meereswellen. Exter eilt hinab, das Weib fällt ihm trostlos weinend
und heulend zu Füßen. Exter besinnt sich nicht lange, er tritt dicht
ans Meer auf die letzte Stufe, streckt den Arm aus und ruft mit
starker Stimme: >Apporte!< - Sogleich steigt der Seehund aus der Tiefe
des Meers, im weiten Maule den Knaben, den er zierlich und geschickt,
wie auch ganz unversehrt dem Magier überreicht und sodann jedem Dank
ausweichend, sich wieder entfernt in das Meer niedertaucht.« - »Das
ist stark - das ist stark«, rief Ernst. »Siehst du wohl«, fuhr
Willibald fort, »siehst du wohl, wie Exter jetzt einen kleinen Ring
vom Finger zieht und ihn Julien zeigt? Keine Tugend bleibt unbelohnt!
- Außer dem, daß Exter dem türkischen Weibe den Knaben gerettet hatte,
so beschenkte er sie noch, als er vernahm, daß ihr Mann ein armer
Lastträger, kaum das tägliche Brot zu verdienen vermochte, mit einigen
Juwelen und Goldstücken, freilich nur eine Lumperei, höchstens
zwanzig- bis dreißigtausend Taler an Wert; darauf zog das Weib
einen kleinen Saphir vom Finger und drang ihn Extern auf mit der
Versicherung, es sei ein teures ererbtes Familienstück, das nur durch
Exters Tat gewonnen werden könne. Exter nahm den Ring, der ihm von
geringem Werte schien und erstaunte nicht wenig, als er später durch
eine kaum sichtbare arabische Inschrift an des Ringes Reif belehrt
wurde, daß er des großen Alis Siegelring am Finger trage, mit dem er
jetzt zuweilen Mahomeds Tauben heranlockt und mit ihnen konversiert.«
- »Das sind ganz erstaunliche Dinge«, rief Ernst lachend, »doch laß
uns sehen, was dort in dem geschlossenen Kreise vorgeht, in dessen
Mitte ein klein Ding, wie ein kartesianisches Teufelchen, auf- und
niedergaukelt und quinkeliert.« -
Die Freunde traten auf einen runden Rasenplatz, ringsumher saßen
alte und junge Herren und Damen, in der Mitte sprang ein sehr bunt
gekleidetes, kaum vier Fuß hohes Dämchen, mit einem etwas zu großen
Apfelköpfchen umher, und schnappte mit den Fingerchen und sang mit
einem ganz kleinen, dünnen Stimmchen: »Amenez vos troupeaux bergères!«
- »Solltest du wohl glauben«, sprach Willibald, »daß dies putzige
Figurchen, die so überaus naiv und scharmant tut, Juliens ältere
Schwester ist? Du merkst, daß sie leider zu den Weibern gehört, die
die Natur mit recht bittrer Ironie mystifiziert, indem sie trotz alles
Sträubens zu ewiger Kindheit verdammt, vermöge ihrer Figur und ihres
ganzen Wesens im Alter noch mit jener kindischen Naivität kokettierend
sich und andern herzlich zur Last werden müssen, wobei es denn oft
an gehöriger Verhöhnung nicht mangelt.« - Beiden Freunden wurde das
Dämchen mit ihrer französischen Faselei recht fatal, sie schlichen
daher fort wie sie gekommen und schlossen sich lieber an den
türkischen Gesandten an, der sie fortführte in den Saal, wo eben, da
die Sonne schon niedersank, alles zu der Musik vorbereitet wurde, die
man heute zu geben im Sinne hatte. Der Österleinische Flügel wurde
geöffnet und jedes Pult für die Künstler an seinen Ort gestellt.
Die Gesellschaft sammelte sich nach und nach, Erfrischungen wurden
herumgereicht in altem reichen Porzellan; dann ergriff Reutlinger
eine Geige und führte mit Geschicklichkeit und Kraft eine Sonate von
Corelli aus, wozu ihn der General Rixendorf auf dem Flügel begleitete,
dann bewährte sich der goldstoffne Harscher als Meister auf
der Theorbe. Hierauf begann die Geheime Rätin Foerd eine große
italienische Szene von Anfossi mit seltenem Ausdruck. Die Stimme war
alt, tremulierend und ungleich, aber noch wurde alles dieses durch
die ihr eigne Meisterschaft des Gesanges besiegt. In Reutlingers
verklärtem Blick glänzte das Entzücken längst vergangener Jugend.
Das Adagio war geendet, Rixendorf begann das Allegro, als plötzlich
die Tür des Saals aufgerissen wurde und ein junger wohlgekleideter
Mensch, von hübschem Ansehen, ganz erhitzt und atemlos hinein und zu
Rixendorfs Füßen stürzte. »O Herr General! - Sie haben mich gerettet
- Sie allein - es ist alles gut alles gut! O mein Gott, wie soll ich
Ihnen denn danken.« So schrie der junge Mensch wie außer sich, der
General schien verlegen, er hob den jungen Menschen sanft auf und
führte ihn mit beschwichtigenden Worten heraus in den Garten. Die
Gesellschaft war von dem Auftritt überrascht worden, jeder hatte
in dem Jüngling den Schreiber des Geheimen Rates Foerd erkannt und
schaute diesen mit neugierigen Blicken an. Der nahm aber eine Prise
nach der andern und sprach mit seiner Frau französisch, bis er
endlich, da ihm der türkische Gesandte näher auf den Leib rückte,
rund heraus erklärte: »Ich weiß, Hochzuverehrende! durchaus mir nicht
zu erklären, welcher böse Geist meinen Max hier so plötzlich mit
exaltierten Danksagungen hineingeschleudert hat, werde aber sogleich
die Ehre haben.« - Damit schlüpfte er zur Türe heraus und Willibald
folgte ihm auf dem Fuße. Das dreiblättrige Kleeblatt der Foerdschen
Familie, nämlich die drei Schwestern, Nannette, Clementine und Julie,
äußerten sich auf ganz verschiedene Weise. Nannette ließ den Fächer
auf- und niederrauschen, sprach von Etourderie und wollte endlich
wieder singen: Amenez vos troupeaux, worauf aber niemand achtete.
Julie war abseits in den Winkel getreten und der Gesellschaft den
Rücken zugewendet, war es, als wolle sie nicht allein ihr glühendes
Gesicht, sondern auch einige Tränen verbergen, die ihr, wie man schon
bemerkt, in die Augen getreten. »Freude und Schmerz verwunden mit
gleichem Weh die Brust des armen Menschen, aber färbt der dem
verletzenden Dorn nachquillende Blutstropfe nicht mit höherem Rot die
verbleichende Rose?« So sprach mit vielem Pathos die jeanpaulisierende
Clementine, indem sie verstohlen die Hand eines hübschen jungen,
blonden Menschen faßte, der gar zu gern sich aus den Rosenbanden,
womit ihn Clementine bedrohlich umstrickt und in denen er etwas zu
spitze Dornen verspürt hatte, losgewickelt. Der lächelte aber etwas
fade und sprach nur: »O ja, Beste!« - Dabei schielte er nach einem
seitwärts stehenden Glase Wein, welches er gern auf Clementinens
sentimentalen Spruch geleert. Das ging aber nicht, da Clementine seine
linke Hand festhielt, er aber mit der Rechten soeben das Besitztum
eines Stücks Kuchen ergriffen. In dem Augenblick trat Willibald zur
Saaltür herein und alles stürzte auf ihn zu mit tausend Fragen, wie,
was, warum und woher? Er wollte durchaus nichts wissen, zog aber ein
verschmitzteres Gesicht als jemals. Man ließ nicht ab von ihm, weil
man deutlich bemerkt, daß er im Garten sich mit dem Geheimen Rat
Foerd zum General Rixendorf und zum Schreiber Max gesellt, und heftig
mitgesprochen hatte. »Soll ich denn«, fing er endlich an, »soll ich
denn in der Tat die wichtigste aller Begebenheiten vor der Zeit
ausplaudern, so muß es mir vergönnt werden, zuvörderst an Sie, meine
hochzuverehrenden Damen und Herren, einige Fragen zu richten.« - Man
erlaubte das gern. »Ist Ihnen«, fuhr Willibald nun pathetisch fort,
»ist Ihnen nicht allen der Schreiber des Herrn Geheimen Rat Foerd,
Max geheißen, als ein wohlgebildeten, von der Natur reichlich
ausgestatteter Jüngling bekannt?« - »Ja, ja, ja!« rief der Chor der
Damen. »Ist Ihnen«, frug Willibald weiter, »ist Ihnen nicht sein
Fleiß, seine wissenschaftliche Bildung, seine Geschicklichkeit im
Geschäft bekannt?« - »Ja -ja!« rief der Chor der Herren, und wieder
»Ja, ja, ja!« der vereinigte Chor der Herren und Damen, als Willibald
noch frug, ob Max nicht weiter als der aufgeweckteste Kopf, voller
Possen und Schnurren, sowie endlich als solch geschickter Zeichner
bekannt sei, daß Rixendorf, der als Dilettant in der Malerei
Ungewöhnliches leiste, es nicht verschmäht habe, selbst ihm
zweckmäßigen Unterricht zu erteilen. »Es begab sich«, erzählte nun
Willibald, »daß vor einiger Zeit ein junges Meisterlein von der
ehrsamen Schneiderzunft seine Hochzeit feierte. Es ging dabei hoch
her, Bässe schnurrten, Trompeten schmetterten durch die Gasse. Mit
rechter Wehmut sah des Herrn Geheimen Rats Bedienter, Johann, zu den
erleuchteten Fenstern herauf, das Herz wollte ihm springen, wenn er
unter den Tanzenden Jettchens Tritte zu vernehmen glaubte, die, wie
er wußte, auf der Hochzeit war. Als nun aber Jettchen wirklich zum
Fenster herausguckte, da konnte er es nicht länger aushalten, er lief
nach Hause, warf sich in seinen besten Staat und ging keck herauf in
den Hochzeitsaal. Er wurde wirklich zugelassen, freilich unter der
schmerzlichen Bedingung, daß im Tanz jeder Schneider vor ihm den
Vorzug haben sollte, wodurch er freilich auf die Mädchen angewiesen
wurde, mit denen ob ihrer Häßlichkeit oder sonstigen Untugenden,
niemand tanzen mochte. Jettchen war auf alle Tänze versagt, aber sowie
sie den Geliebten sah, vergaß sie alles, was sie versprochen, und der
beherzte Johann stieß das dünnleibige Schneiderlein, das ihm Jettchen
abtrotzen wollte, zu Boden, daß es über und über purzelte. Dies gab
das Signal zum allgemeinen Aufstande. Johann wehrte sich wie ein Löwe,
Rippenstöße und Ohrfeigen nach allen Seiten austeilend, doch er mußte
der Menge seiner Feinde erliegen und wurde auf schmähliche Weise von
Schneidergesellen die Treppe herabgeworfen. Voll Wut und Verzweiflung
wollte er die Fenster einwerfen, er schimpfte und fluchte, da kam Max,
der nach Hause ging, des Weges und befreite den unglücklichen Johann
aus den Händen der Scharwacht, die eben über ihn herzufallen im
Begriff stand. Nun klagte Johann sein Unglück und wollte durchaus
nicht abstehen von tumultuarischer Rache, doch gelang es endlich dem
klügern Max, ihn zu beruhigen, wiewohl nur unter dem Versprechen, daß
er sich seiner annehmen und die ihm geschehene Unbill so rächen wolle,
daß er ganz gewiß zufrieden sein werde« - Willibald hielt plötzlich
ein. - »Nun? - nun? Und weiter? - Eine Schneiderhochzeit - ein
Liebespaar - Prügel - was soll das dann werden?« So rief es von
allen Seiten. »Erlauben Sie«, fuhr Willibald fort, »erlauben Sie,
Hochzuverehrende! zu bemerken, daß, um mit dem berühmten Weber Zettel
zu reden, in dieser Komödie von Johann und Jettchen Dinge vorkommen,
die nimmermehr gefallen werden. - Es könnte sogar wider den feinsten
Anstand gesündigt werden.« - »Sie werden's schon einzurichten wissen,
lieber Herr Willibald«, sprach die alte Stiftsrätin von Krain, indem
sie ihn auf die Schulter klopfte, »ich für meinen Teil kann einen Puff
vertragen.« - »Der Schreiber Max«, erzählte Willibald weiter, »setzte
sich andern Tages hin, nahm ein großes schönes Blatt Velinpapier,
Bleifeder und Tusche, und zeichnete mit der vollendetsten Wahrheit
einen großen stattlichen Ziegenbock hin. Die Physiognomie dieses
wunderbaren Tiers gab jedem Physiognomen reichlichen Stoff
zum Studium. In dem Blick der geistreichen Augen lag etwas
Überschwengliches, wiewohl um das Maul und um den Bart herum einige
Konvulsionen zitternd zu spielen schienen. Das Ganze zeugte von
innerer unaussprechlicher Qual. In der Tat war auch der gute Bock
beschäftigt, auf eine sehr natürliche, wiewohl schmerzliche Weise
ganz kleine allerliebste, mit Schere und Bügeleisen bewaffnete
Schneiderlein zur Welt zu befördern, die in den wunderlichsten Gruppen
ihre Lebenstätigkeit bewiesen. Unter dem Bilde stand ein Vers, den ich
leider vergessen, doch irr ich nicht, so hieß die erste Zeile: >Ei was
hat der Bock - gegessen.< Ich kann übrigens versichern, daß dieser
wunderbare Bock« - »Genug - genug«, riefen die Damen, »genug von dem
garstigen Tier - von Max, von Max wollen wir hören.« - »Besagter
Max«, nahm Willibald das Wort wieder auf, »besagter Max gab das
wohlausgeführte und vollkommen geratene Tableau dem gekränkten Johann,
der es so geschickt an die Schneiderherberge anzuheften wußte, daß
einen ganzen Tag hindurch das müßige Volk nicht von dem Bildnis
wegkam. Die Straßenjungen schwenkten jubelnd die Mützen und tanzten
jedem Schneiderlein, das sich sehen ließ, hinterher, und sangen und
kreischten gewaltig: >Ei was hat der Bock gegessen.< - >Niemand anders
hat das Blatt gezeichnet, als des Geheimen Rats Max<, sagten die
Maler, >niemand hat die Worte geschrieben, als des Geheimen Rats Max<,
riefen die Schreibmeister, als die ehrsame Schneiderzunft die nötigen
Erkundigungen einzog. Max wurde verklagt und sah, da er nicht wohl
leugnen konnte, einer empfindlichen Gefängnisstrafe entgegen. Da
rannte er voll Verzweiflung zu seinem Gönner, dem General Rixendorf;
bei allen Advokaten war er schon gewesen. Die runzelten die Stirn,
schüttelten die Köpfe und sprachen von hartnäckigem Ableugnen usw.,
was dem ehrlichen Max nicht wohlgefiel. Der General sprach dagegen:
>Du hast einen dummen Streich gemacht, lieber Sohn! die Advokaten
werden dich nicht retten, aber ich, und bloß darum, weil in deinem
Bilde, das ich bereits gesehen, korrekte Zeichnung und verständige
Anordnung ist. Der Bock, als Hauptfigur, hat Ausdruck und
Haltung, sowie die bereits auf dem Boden liegenden Schneider eine
gute Pyramidalgruppe bilden, die reich ist, ohne das Auge zu
verwirren. Sehr weise hast du den im Schmerz der Quetschung sich
hervorarbeitenden Schneider wieder als Hauptfigur der untern Gruppe
behandelt, in seinem Gesicht liegt laokoontisches Weh! Ebenso rühmlich
ist es, daß die fallenden Schneider nicht etwa schweben, sondern
wirklich fallen, wiewohl nicht aus dem Himmel; manche zu gewagte
Verkürzungen sind recht hübsch durch die Bügeleisen maskiert, auch
hast du mit reger Fantasie die Hoffnung neuer Geburten angedeutet.<«
- Die Damen fingen an ungeduldig zu murmeln, und der Goldstoffne
lispelte: »Aber Maxens Prozeß, Verehrter?« - »>Indessen nimm mir's
nicht übel<, sprach der General«, (so fuhr Willibald fort) »>die Idee
des Bildes ist nicht die deinige, sondern uralt; doch das ist es eben,
was dich rettet.< Mit diesen Worten kramte der General in seinem alten
Schreibschranke, holte einen Tabaksbeutel hervor, auf dem sich Maxens
Gedanke sauber und zwar beinahe ganz nach Maxens Weise ausgeführt
befand, überließ denselben seinem Liebling zum Gebrauch und nun war
alles gut.« - »Wie das, wie das?« rief alles durcheinander, aber die
Juristen, die sich in der Gesellschaft befanden, lachten laut, und der
Geheime Rat Foerd, der unterdessen auch hineingetreten war, sprach
lächelnd: »Er leugnete den animum injuriandi, die Absicht zu
beleidigen, und wurde freigesprochen.«- »Will soviel heißen«, fiel
Willibald ihm in die Rede, »als daß Max sprach: >Ich kann nicht
leugnen, daß das Bild von meiner Hand ist; absichtslos und ohne irgend
die von mir so hochverehrte Schneiderzunft kränken zu wollen, kopierte
ich das Blatt nach dem Original, das ich hier mit diesem Tabaksbeutel,
der dem General Rixendorf, meinem Lehrer in der Zeichenkunst, gehört,
überreiche. Einige Variationen habe ich meiner schaffenden Fantasie zu
danken. Das Bild ist mir aus den Händen gekommen, ich habe es weder
jemanden sonst gezeigt, noch gar etwa angeheftet. Über diesen Umstand,
in dem allein die Injurie liegt, erwarte ich den Nachweis.< - Diesen
Nachweis ist die ehrsame Schneiderzunft schuldig geblieben und Max
heute freigesprochen worden. Daher sein Dank, seine unmäßige Freude.«
- Man fand allgemein, daß doch die halb wahnsinnige Art und Weise,
wie Max seinen Dank geäußert, durch die erzählten Umstände nicht ganz
motiviert werde, nur die Geheime Rätin Foerd sprach mit bewegter
Stimme: »Der Jüngling hat ein leicht verwundbares Gemüt und ein
zarteres Ehrgefühl, als je ein anderer. Körperliche Strafe erdulden
zu müssen hätte ihn elend gemacht, ihn auf immer von G. vertrieben.«
- »Vielleicht«, fiel Willibald ein, »liegt hier noch etwas ganz
Besonderes im Hintergrunde.« - »So ist es, lieber Willibald«, sprach
Rixendorf, der hineingetreten war und die Worte der Geheimen Rätin
vernommen hatte, »so ist es, und will es Gott, so soll sich bald alles
recht hell und fröhlich aufklären.« -
Clementine fand die ganze Geschichte sehr unzart, Nannette dachte
gar nichts, aber Julie war sehr heiter geworden. Jetzt ermunterte
Reutlinger die Gesellschaft zum Tanze. Sogleich spielten vier
Theorbisten, unterstützt von ein paar Zinken, Violinen und Bässen,
eine pathetische Sarabande. Die Alten tanzten, die Jungen schauten
zu. Der Goldstoffne zeichnete sich aus durch zierliche und gewagte
Sprünge. Der Abend ging ganz heiter hin, so auch der andere Morgen.
Wie gestern sollte auch heute Konzert und Ball den festlichen
Tag beschließen. Der General Rixendorf saß schon am Flügel, der
Goldstoffne hatte die Theorbe im Arm, die Geheime Rätin Foerd die
Partie in der Hand. Man wartete nur auf die Rückkehr des Hofrats
Reutlinger. Da hörte man im Garten ängstlich rufen und sah die
Bedienten herausrennen. Bald trugen sie den Hofrat mit geisterbleichem
entstelltem Gesicht herein, der Gärtner hatte ihn unweit des
Herzpavillons in tiefer Ohnmacht auf der Erde liegend gefunden. - Mit
einem Schrei des Entsetzens sprang Rixendorf auf vom Flügel. Man eilte
herbei mit spirituosen Mitteln, man fing an, dem Hofrat, der auf einem
Kanapee lag, die Stirne mit Kölnischem Wasser zu reiben, der türkische
Gesandte stieß aber alle zurück, indem er unaufhörlich rief. »Zurück,
zurück, ihr unwissenden ungeschickten Leute! - ihr macht mir den
kerngesunden, muntern Hofrat nur matt und elend!« - Damit schleuderte
er seinen Turban über alle Köpfe weg in den Garten hinein, den Pelz
hinterher. Nun beschrieb er mit der flachen Hand seltsame Kreise um
den Hofrat, die enger und enger werdend, zuletzt beinahe Schläfe und
Herzgrube berührten. Dann hauchte er den Hofrat an, der sogleich die
Augen aufschlug und mit matter Stimme sprach: »Exter! Du hast nicht
gut getan, mich zu wecken! - Die dunkle Macht hat mir den nahen
Tod verkündet, und vielleicht war es mir vergönnt in dieser tiefen
Ohnmacht hineinzuschlummern in den Tod.« - »Possen, Träumer«, rief
Exter, »deine Zeit ist noch nicht gekommen. Schau dich nur um, Herr
Bruder, wo du bist, und sei fein munter wie es sich schickt.« - Der
Hofrat wurde nun gewahr, daß er sich im Saal in voller Gesellschaft
befand. Er erhob sich rüstig vom Kanapee, trat in die Mitte des Saals,
und sprach mit anmutigem Lächeln: »Ich gab Ihnen ein böses Schauspiel,
Verehrte! aber an mir lag es nicht, daß das ungeschickte Volk mich
gerade in den Saal trug. Lassen Sie uns über das störende Intermezzo
schnell hinweggehen, lassen Sie uns tanzen!« - Die Musik begann
sofort, aber als sich alles in der ersten Menuett pathetisch wandte
und drehte, verschwand der Hofrat mit Exter und Rixendorf aus dem
Saal. Als sie in ein entferntes Zimmer gekommen, warf sich Reutlinger
erschöpft in einen Lehnsessel, hielt beide Hände vors Gesicht und
sprach mit von Schmerz gepreßter Stimme: »Oh, meine Freunde! meine
Freunde!« Exter und Rixendorf vermuteten mit Recht, daß irgend etwas
Entsetzliches den Hofrat erfaßt haben müsse, und daß er sich jetzt
darüber erklären werde. »Sag's nur heraus, alter Freund«, sprach
Rixendorf, »sag's nur heraus, dir ist, Gott weiß auf welche Weise,
Schlimmes im Garten begegnet.« - »Aber«, fiel Exter ein, »ich begreife
gar nicht, wie dem Hofrat heute, und überhaupt in diesen Tagen
Schlimmes begegnen konnte, da eben jetzt sein siderisches Prinzip
reiner und herrlicher sich gestaltet als jemals.« - »Doch, doch!« fing
der Hofrat mit dumpfer Stimme an, »Exter! es ist bald aus mit uns, der
kecke Geisterseher klopfte nicht ungestraft an die dunklen Pforten.
Ich wiederhole es dir, daß die geheimnisvolle Macht mich hinter den
Schleier schauen ließ - der nahe, vielleicht gräßliche Tod ist mir
verkündet.« - »So erzähle nur was dir geschah«, fiel Rixendorf ihm
ungeduldig in die Rede, »ich wette, daß alles auf eine wunderliche
Einbildung hinausläuft, ihr verderbt euch beide das Leben mit euern
Fantastereien, du und Exter.«
»So vernehmt es denn«, fuhr der Hofrat fort, indem er aufstand von dem
Lehnstuhl, und zwischen beide Freunde trat, »so vernehmt es denn, was
mich vor Entsetzen und Graus in tiefe Ohnmacht warf. Ihr hattet euch
schon alle in dem Saal versammelt, als ich, selbst weiß ich nicht
wodurch, angetrieben wurde noch einsam einen Gang durch den Garten zu
machen. Unwillkürlich lenkten sich meine Schritte nach dem Wäldchen.
Es war mir, als höre ich ein leises, hohles Pochen und eine leise
klagende Stimme. - Die Töne schienen aus dem Pavillon zu kommen - ich
trete näher, die Tür des Pavillons steht offen - ich erblicke - mich
selbst! - mich selbst! - aber so wie ich war vor dreißig Jahren, in
demselben Kleide, das ich trug an jenem verhängnisvollen Tage, als ich
in trostloser Verzweiflung mein elendes Leben enden wollte, als Julie
wie ein Engel des Lichts mir erschien im bräutlichen Schmuck - es war
ihr Hochzeitstag - die Gestalt - ich - ich lag auf dem Boden vor dem
Herzen, und darauf klopfend, daß es hohl widerhallte, murmelte ich:
>Nie - nie kannst du dich erweichen, du steinernes Herz!< - Regungslos
starrte ich hin, wie der eiskalte Tod rannte es durch meine Adern.
Da trat Julie bräutlich geschmückt, in voller Pracht der blühendsten
Jugend, aus den Gebüschen hervor, und streckte voll süßen Verlangens
die Arme aus nach der Gestalt, nach mir - nach mir dem Jünglinge!
Bewußtlos stürzte ich zu Boden!« Der Hofrat sank halb ohnmächtig
in den Lehnstuhl zurück, aber Rixendorf faßte seine beiden Hände,
rüttelte sie, und rief mit starker Stimme: »Das sahst du, das sahst
du, Bruder, weiter nichts? - Viktoria laß ich schießen aus deinen
japanischen Kanonen! - mit deinem nahen Tode, mit der Erscheinung ist
es nichts, gar nichts! Ich rüttle dich auf aus deinen bösen Träumen,
damit du genesen, und noch lange leben mögest auf Erden.« - Damit
sprang Rixendorf schneller, als es sein Alter zuzulassen schien, zum
Zimmer heraus. Der Hofrat hatte wohl wenig von Rixendorfs Worten
vernommen, er saß da mit geschlossenen Augen. Exter ging mit großen
Schritten auf und ab, runzelte mißmütig die Stirn und sprach: »Ich
wette, der Mensch will wieder alles auf gewöhnliche Manier erklären,
aber das soll ihm schwer werden, nicht wahr, Hofrätchen? wir verstehen
uns auf Erscheinungen! - Ich wollt nur, ich hätte meinen Turban und
meinen Pelz!« - Dies wünschend pfiff er sehr stark auf einer kleinen
silbernen Pfeife, die er beständig bei sich trug, und sogleich brachte
auch ein Mohr aus seinem Gefolge beides, Turban und Pelz. Bald darauf
trat die Geheime Rätin Foerd hinein, ihr folgte der Geheime Rat mit
Julien. Der Hofrat raffte sich auf, und in den Versicherungen, daß ihm
wieder ganz wohl geworden, wurde er es wirklich. Er bat, des ganzen
Vorfalls zu vergessen, und eben wollten alle bis auf Exter, der sich
in seiner türkischen Kleidung aufs Sofa gestreckt, und aus einer
übermäßig langen Pfeife, deren Kopf, auf Räder gestellt, am Boden
hin und her schurrte, Tabak schmauchte und Kaffee trank, in den Saal
zurückkehren, als die Tür aufging, und Rixendorf hastig hereintrat. An
der Hand hielt er einen jungen Menschen in alttatarischer Kleidung.
Es war Max, bei dessen Anblick der Hofrat erstarrte. »Sieh hier dein
Ich, dein Traumbild«, hub Rixendorf an, »es ist mein Werk, daß mein
trefflicher Max hier blieb und von deinem Kammerdiener aus deiner
Garderobe Kleider empfing, um gehörig kostümiert erscheinen zu können.
Er war es, der im Pavillon an dem Herzen kniete. - Ja, an deinem
steinernen Herzen, du harter unempfindlicher Oheim! kniete der Neffe,
den du unbarmherzig verstießest, einer träumerischen Einbildung
halber! Verging sich der Bruder schwer gegen den Bruder, so hat er es
längst gebüßt mit dem Tode im tiefsten Elend - da steht die vaterlose
Waise, dein Neffe - Max, wie du geheißen, dir ähnlich an Leib und
Seele, wie der Sohn dem Vater - tapfer hielt sich der Knabe, der
Jüngling auf den Wellen des brausenden Lebensstroms empor - da - nimm
ihn auf - erweiche dein hartes Herz! - reiche ihm die wohltätige Hand,
daß er eine Stütze habe, wenn zu sehr der Sturm auf ihn einbricht.« -
In demütiger gebeugter Stellung, heiße Tränen in den Augen, hatte sich
der Jüngling dem Hofrat genähert. Der stand da geisterbleich, mit
blitzenden Augen, den Kopf stolz in die Höhe geworfen, stumm und
starr, aber sowie der Jüngling seine Hand erfassen wollte, wich er,
ihn mit beiden Händen von sich abwehrend, zwei Schritte zurück, und
rief mit fürchterlicher Stimme: »Verruchter - willst du mich morden? -
Fort - aus meinen Augen, ja du spielst mit meinem Herzen, mit mir! -
Und auch du Rixendorf verschworen zum läppischen Puppenspiel, das ihr
mir auftischt? - fort - fort aus meinen Augen - _du_ - _du_, der du zu
meinem Untergange geboren - du Sohn des schändlichsten Ver...« - »Halt
ein«, brach Max plötzlich los, indem Zorn und Verzweiflung glühende
Blitze aus seinen Augen schossen, »halt ein, unnatürlicher Oheim
- herzloser, unnatürlicher Bruder. Schuld auf Schuld, Schande und
Schmach hast du auf meines armen unglücklichen Vaters Haupt gehäuft,
der verderblichen Leichtsinn, aber nie Verbrechen in sich hegen
konnte! - Ich wahnsinniger Tor, daß ich glaubte, jemals dein
steinernes Herz rühren, jemals, mit Liebe dich umfangene, meines
Vaters Vergehen sühnen zu können! - Elend - verlassen von aller Welt,
aber an der Brust eines Sohnes hauchte mein Vater sein mühseliges
Leben aus - >Max! - sei brav! - sühne den unversöhnlichen Bruder
- werde sein Sohn<, das war das letzte, was er sprach. - Aber du
verwirfst mich, so wie du alles verwirfst, was sich dir naht mit Liebe
und Ergebung, während der Teufel selbst dich mit trügerischen Träumen
umgaukelt. - Nun, so stirb denn einsam und verlassen! - Mögen
habsüchtige Diener auf deinen Tod lauern und sich in die Beute teilen,
wenn du kaum die lebensmüden Augen geschlossen - statt der Seufzer,
statt der trostlosen Klagen derer, die dir mit treuer Liebe bis in
den Tod anhängen wollten, magst du sterbend das Hohngelächter, die
frechen Scherze der Unwürdigen hören, die dich pflegten, weil du sie
bezahltest mit schnödem Golde! - Niemals, niemals siehst du mich
wieder!« -
Der Jüngling wollte zur Türe hinausstürzen, da sank Julie laut
schluchzend nieder, schnell sprang Max zurück, fing sie in seinen
Armen auf, und heftig sie an seine Brust drückend, rief er mit dem
herzzerreißenden Ton des trostlosesten Jammers: »O Julie, Julie, alle
Hoffnung ist verloren!« - Der Hofrat hatte dagestanden, zitternd
an allen Gliedern, sprachlos - kein Wort konnte sich entwinden den
bebenden Lippen, doch als er Julien in Maxens Armen sah, schrie er
laut auf, wie ein Wahnsinniger. Er ging mit starkem kräftigen Schritt
auf sie los, er riß sie von Maxens Brust hinweg, hob sie hoch in die
Höhe und frug kaum vernehmbar: »Liebst du diesen Max, Julie?« - »Wie
mein Leben«, erwiderte Julie voll tiefen Schmerzes, »wie mein Leben.
Der Dolch, den Sie in sein Herz stoßen, trifft auch das meine!« - Da
ließ sie der Hofrat langsam herab, und setzte sie behutsam nieder in
einen Lehnstuhl. Dann blieb er stehen, die gefalteten Hände an die
Stirn gedrückt. - Es war totenstill ringsumher. Kein Laut - keine
Bewegung der Anwesenden! - Dann sank der Hofrat auf beide Knie.
Lebensröte im Gesicht, helle Tränen in den Augen hob er das Haupt
empor, beide Arme hoch ausgestreckt zum Himmel, sprach er leise und
feierlich: »Ewig wartende unerforschliche Macht dort oben, das war
dein Wille - mein verworrenes Leben nur der Keim, der im Schoß der
Erde ruhend, den frischen Baum emportreibt mit herrlichen Blüten und
Früchten? - O Julie, Julie! - o ich armer verblendeter Tor!« - Der
Hofrat verhüllte sein Gesicht, man vernahm sein Weinen. - So dauerte
es einige Sekunden, dann sprang der Hofrat plötzlich auf, stürzte auf
Max, der wie betäubt dastand, los, riß ihn an seine Brust, und schrie,
wie außer sich: »Du liebst Julien, du bist mein Sohn - nein mehr als
das, du bist _ich_, _ich_ selbst - alles gehört dir - du bist reich, sehr
reich - du hast ein Landgut - Häuser, bares Geld - laß mich bei dir
bleiben, du sollst mir das Gnadenbrot geben in meinen alten Tagen -
nicht wahr, du tust das? - Du liebst mich ja! - nicht wahr, du mußt
mich ja lieben, du bist ja ich selbst - scheue dich nicht vor meinem
steinernen Herzen, drücke mich nur fest an deine Brust, deine
Lebenspulse erweichen es ja! - Max - Max mein Sohn - mein Freund, mein
Wohltäter!« - So ging es fort, daß allen vor diesen Ausbrüchen des
überreizten Gefühls bange wurde. Rixendorf, dem besonnenen Freunde,
gelang es endlich, den Hofrat zu beschwichtigen, der, ruhiger
geworden, nun erst ganz einsah, was er an dem herrlichen Jünglinge
gewonnen, und mit tiefer Rührung gewahrte, wie auch die Geheime Rätin
Foerd in der Verbindung ihrer Julie mit Reutlingers Neffen das neue
Aufkeimen einer alten verlornen Zeit erblickte. Großes Wohlgefallen
äußerte der Geheime Rat, der viel Tabak schnupfte und sich in
wohlgestelltem nationell ausgesprochenem Französisch darüber
ausließ. Zuvörderst sollten nun Juliens Schwestern von dem Ereignis
benachrichtigt werden, die waren aber nirgends aufzufinden. Nannettens
halber hatte man schon in allen großen japanischen Vasen, die in dem
Vestibule herumstanden, nachgesehen, ob sie, zu sehr sich über den
Rand beugend, vielleicht hineingefallen, aber vergebens, endlich fand
man die Kleine unter einem Rosenbüschchen eingeschlafen, wo man sie
nur nicht gleich bemerkt, und ebenso holte man Clementinen in einer
entfernteren Allee ein, wo sie dem entfliehenden blonden Jüngling,
dem sie vergebens nachgesetzt, eben mit lauter Stimme nachrief. »O
der Mensch sieht es oft spät ein, wie sehr er geliebt wurde, wie
vergeßlich und undankbar er war und wie groß das verkannte Herz!« -
Beide Schwestern waren etwas mißmütig über die Heirat der jüngern,
wiewohl viel schöneren und reizenderen Schwester, und vorzüglich
rümpfte die schmähsüchtige Nannette das kleine Stülpnäschen; Rixendorf
nahm sie aber auf den Arm und meinte, sie könnte wohl einmal einen
viel vornehmeren Mann mit einem noch schöneren Gute bekommen. Da
wurde sie vergnügt und sang wieder: »Amenez vos troupeaux bergères!«
Clementine sprach aber sehr ernst und vornehm: »In der häuslichen
Glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wänden
vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufälligste Bestandteil: ihr
Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Naphthaquellen der Liebe,
die aus den verwandten Herzen ineinanderspringen.« - Die Gesellschaft
im Saal, die schon Kunde bekommen von den wunderlichen aber fröhlichen
Ereignissen, erwartete mit Ungeduld das Brautpaar, um mit den
gehörigen Glückwünschen losfahren zu können. Der Goldstoffne, der am
Fenster alles angehört und angeschaut, bemerkte schlau: »Nun weiß ich,
warum der Ziegenbock dem armen Max so wichtig war. Hätte er einmal im
Gefängnis gesteckt, so war durchaus an keine Aussöhnung zu denken.«
Alles applaudierte dieser Meinung, wozu Willibald die Losung gab.
Schon wollte man fort aus dem Nebenzimmer in den Saal, als der
türkische Gesandte, der so lange auf dem Sofa geblieben, nichts
gesprochen, sondern nur durch Hin- und Herrutschen und durch die
seltsamsten Grimassen seine Teilnahme zu erkennen gegeben hatte, wie
toll aufsprang und zwischen die Brautleute fuhr: »Was was«, rief er,
»nun gleich heiraten, gleich heiraten? - Deine Geschicklichkeit,
deinen Fleiß in Ehren, Max! aber du bist ein Kiek-in-die-Welt, ohne
Erfahrung, ohne Lebensklugheit, ohne Bildung. Du setzest deine Füße
einwärts und bist grob in deinen Redensarten wie ich vorhin vernommen,
als du deinen Oheim den Hofrat Reutlinger Du nanntest. Fort in die
Welt! nach Konstantinopel! - da lernst du alles was du brauchst fürs
Leben - dann kehre wieder und heirate getrost mein liebes holdes Kind,
das schöne Julchen.« Alle waren ganz erstaunt über Exters seltsames
Begehren. Der nahm aber den Hofrat auf die Seite; beide stellten sich
gegenüber, legten einander die Hände auf die Achseln und wechselten
einige arabische Worte. Darauf kam Reutlinger zurück, nahm Maxens Hand
und sprach sehr mild und freundlich: »Mein lieber guter Sohn, mein
teurer Max, tue mir den Gefallen und reise nach Konstantinopel, es
kann höchstens sechs Monate dauern, dann richte ich hier die Hochzeit
aus!« - Aller Protestationen der Braut unerachtet mußte Max fort nach
Konstantinopel.
Nun könnte ich, sehr geliebter Leser! wohl füglich meine Erzählung
schließen, denn du magst es dir vorstellen, daß Max, nachdem er aus
Konstantinopel, wo er die Marmorstufe, wohin der Seehund Extern das
Kind apportiert, nebst vielem andern Merkwürdigen geschaut hatte,
zurückgekehrt war, wirklich Julien heiratete, und verlangst wohl nicht
noch zu wissen, wie die Braut geputzt war und wieviel Kinder das Paar
bis jetzt erzeugt hat. Hinzusetzen will ich nur noch, daß am Tage
Mariä Geburt des Jahres 18- Max und Julie einander gegenüber im
Pavillon bei dem roten Herzen knieten. Häufige Tränen fielen auf den
kalten Stein, denn unter ihm lag das ach! nur zu oft blutende Herz des
wohltätigen Oheims. Nicht um des Lord Horions Grabmal nachzuahmen,
sondern weil er des armen Onkels ganze Lebens- und Leidensgeschichte
darin angedeutet fand, hatte Max mit eignet Hand die Worte in den
Stein gegraben:
Es ruht!