Das Majorat

Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschloß der Freiherrlich

von R..schen Familie, R..sitten genannt. Die Gegend ist rauh und öde,

kaum entsprießt hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande,

und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt,

schließt sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein

dürftiger Föhrenwald, dessen ewige, düstre Trauer den bunten Schmuck

des Frühlings verschmäht, und in dem statt des fröhlichen Jauchzens

der zu neuer Lust erwachten Vögelein nur das schaurige Gekrächze

der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkündenden Möwen

widerhallt. Eine Viertelstunde davon ändert sich plötzlich die Natur.

Wie durch einen Zauberschlag ist man in blühende Felder, üppige Äcker

und Wiesen versetzt. Man erblickt das große, reiche Dorf mit dem

geräumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines

freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines großen Schlosses

sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte.

Die Nachfolger, auf ihren Gütern in Kurland hausend, ließen den Bau

liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen

Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem

finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam

liegenden Schlosse zusagte.

Er ließ das verfallene Gebäude, so gut es gehen wollte, herstellen und

sperrte sich darin ein mit einem grämlichen Hausverwalter und geringer

Dienerschaft. Nur selten sah man ihn im Dorfe, dagegen ging und ritt

er oft am Meeresstrande hin und her, und man wollte aus der Ferne

bemerkt haben, wie er in die Wellen hineinsprach und dem Brausen und

Zischen der Brandung zuhorchte, als vernehme er die antwortende Stimme

des Meergeistes.

Auf der höchsten Spitze des Wartturms hatte er ein Kabinett einrichten

und mit Fernröhren - mit einem vollständigen astronomischen

Apparat versehen lassen; da beobachtete er Tages, nach dem Meer

hinausschauend, die Schiffe, die oft gleich weißbeschwingten

Meervögeln am fernen Horizont vorüberflogen. Sternenhelle Nächte

brachte er hin mit astronomischer oder, wie man wissen wollte, mit

astrologischer Arbeit, worin ihm der alte Hausverwalter beistand.

Überhaupt ging zu seinen Lebzeiten die Sage, daß er geheimer

Wissenschaft, der sogenannten schwarzen Kunst, ergeben sei, und daß

eine verfehlte Operation, durch die ein hohes Fürstenhaus auf das

empfindlichste gekränkt wurde, ihn aus Kurland vertrieben habe. Die

leiseste Erinnerung an seinen dortigen Aufenthalt erfüllte ihn mit

Entsetzen, aber alles sein Leben Verstörende, was ihm dort geschehen,

schrieb er lediglich der Schuld der Vorfahren zu, die die Ahnenburg

böslich verließen.

Um für die Zukunft wenigstens das Haupt der Familie an das Stammhaus

zu fesseln, bestimmte er es zu einem Majoratsbesitztum. Der

Landesherr bestätigte die Stiftung um so lieber, als dadurch eine an

ritterlicher Tugend reiche Familie, deren Zweige schon in das Ausland

herüberrankten, für das Vaterland gewonnen werden sollte. Weder

Roderichs Sohn, Hubert, noch der jetzige Majoratsherr, wie sein

Großvater Roderich geheißen, mochte indessen in dem Stammschlosse

hausen, beide blieben in Kurland. Man mußte glauben, daß sie, heitrer

und lebenslustiger gesinnt als der düstre Ahnherr, die schaurige Öde

des Aufenthaltes scheuten.

Freiherr Roderich hatte zwei alten, unverheirateten Schwestern seines

Vaters, die, mager ausgestattet, in Dürftigkeit lebten, Wohnung und

Unterhalt auf dem Gute gestattet. Diese saßen mit einer bejahrten

Dienerin in den kleinen warmen Zimmern des Nebenflügels, und außer

ihnen und dem Koch, der im Erdgeschoß ein großes Gemach neben

der Küche inne hatte, wankte in den hohen Zimmern und Sälen des

Hauptgebäudes nur noch ein abgelebter Jäger umher, der zugleich die

Dienste des Kastellans versah. Die übrige Dienerschaft wohnte im Dorfe

bei dem Wirtschaftsinspektor.

Nur in später Herbstzeit, wenn der erste Schnee zu fallen begann, und

die Wolfs-, die Schweinsjagden aufgingen, wurde das öde, verlassene

Schloß lebendig. Dann kam Freiherr Roderich mit seiner Gemahlin,

begleitet von Verwandten, Freunden und zahlreichem Jagdgefolge,

herüber aus Kurland. Der benachbarte Adel, ja selbst jagdlustige

Freunde aus der naheliegenden Stadt fanden sich ein, kaum vermochten

Hauptgebäude und Nebenflügel die zuströmenden Gäste zu fassen, in

allen Öfen und Kaminen knisterten reichlich zugeschürte Feuer, vom

grauen Morgen bis in die Nacht hinein schnurrten die Bratenwender,

Trepp' auf, Trepp' ab liefen hundert lustige Leute, Herren und Diener,

dort erklangen angestoßene Pokale und fröhliche Jägerlieder, hier die

Tritte der nach gellender Musik Tanzenden, überall lautes Jauchzen und

Gelächter, und so glich vier bis sechs Wochen hindurch das Schloß mehr

einer prächtigen, an vielbefahrner Landstraße liegenden Herberge, als

der Wohnung des Gutsherrn.

Freiherr Roderich widmete diese Zeit, so gut es sich nur tun ließ,

ernstem Geschäfte, indem er, zurückgezogen aus dem Strudel der Gäste,

die Pflichten des Majoratsherrn erfüllte. Nicht allein, daß er sich

vollständige Rechnung der Einkünfte legen ließ, so hörte er auch jeden

Vorschlag irgendeiner Verbesserung, sowie die kleinste Beschwerde

seiner Untertanen an und suchte alles zu ordnen, jedem Unrechten oder

Unbilligen zu steuern, wie er es nur vermochte. In diesen Geschäften

stand ihm der alte Advokat V., von Vater auf Sohn vererbter

Geschäftsträger des R..schen Hauses und Justitiarius der in P.

liegenden Güter, redlich bei, und V. pflegte daher schon acht Tage vor

der bestimmten Ankunft des Freiherrn nach dem Majoratsgute abzureisen.

Im Jahre 179- war die Zeit gekommen, daß der alte V. nach R..sitten

reisen sollte. So lebenskräftig der Greis von siebzig Jahren sich auch

fühlte, mußte er doch glauben, daß eine hülfreiche Hand im Geschäft

ihm wohltun werde. Wie im Scherz sagte er daher eines Tages zu mir:

»Vetter!« (so nannte er mich, seinen Großneffen, da ich seine Vornamen

erhielt) »Vetter! ich dächte, du ließest dir einmal etwas Seewind um

die Ohren sausen und kämst mit mir nach R..sitten. Außerdem, daß du

mir wacker beistehen kannst in meinem manchmal bösen Geschäft, so

magst du dich auch einmal im wilden Jägerleben versuchen und zusehen,

wie, nachdem du einen Morgen ein zierliches Protokoll geschrieben,

du den andern solch trotzigem Tier, als da ist ein langbehaarter,

greulicher Wolf oder ein zahnfletschender Eber, ins funkelnde Auge

zu schauen oder gar es mit einem tüchtigen Büchsenschuß zu erlegen

verstehest.«

Nicht so viel Seltsames von der lustigen Jagdzeit in R..sitten hätte

ich schon hören, nicht so mit ganzer Seele dem herrlichen alten

Großonkel anhängen müssen, um nicht hocherfreut zu sein, daß er mich

diesmal mitnehmen wolle. Schon ziemlich geübt in derlei Geschäften,

wie er sie vorhatte, versprach ich mit tapferm Fleiß ihm alle Mühe und

Sorge abzunehmen.

Andern Tags saßen wir, in tüchtige Pelze eingehüllt, im Wagen

und fuhren durch dickes, den einbrechenden Winter verkündendes

Schneegestöber nach R..sitten.

Unterwegs erzählte mir der Alte manches Wunderliche von dem Freiherrn

Roderich, der das Majorat stiftete und ihn, seines Jünglingsalters

ungeachtet, zu seinem Justitiarius und Testamentsvollstrecker

ernannte. Er sprach von dem rauhen, wilden Wesen, das der alte Herr

gehabt und das sich auf die ganze Familie zu vererben schiene, da

selbst der jetzige Majoratsherr, den er als sanftmütigen, beinahe

weichlichen Jüngling gekannt, von Jahr zu Jahr mehr davon ergriffen

werde.

Er schrieb mir vor, wie ich mich keck und unbefangen betragen müßte,

um in des Freiherrn Augen was wert zu sein, und kam endlich auf die

Wohnung im Schlosse, die er ein für allemal gewählt, da sie warm,

bequem und so abgelegen sei, daß wir uns, wenn und wie wir wollten,

dem tollen Getöse der jubilierenden Gesellschaft entziehen könnten. In

zwei kleinen, mit warmen Tapeten behangenen Zimmern, dicht neben dem

großen Gerichtssaal im Seitenflügel, dem gegenüber, wo die alten

Fräuleins wohnten, da wäre ihm jedesmal seine Residenz bereitet.

Endlich nach schneller, aber beschwerlicher Fahrt kamen wir in tiefer

Nacht nach R..sitten.

Wir fuhren durch das Dorf, es war gerade Sonntag, im Kruge Tanzmusik

und fröhlicher Jubel, des Wirtschaftsinspektors Haus von unten bis

oben erleuchtet, drinnen auch Musik und Gesang; desto schauerlicher

wurde die Öde, in die wir nun hineinfuhren. Der Seewind heulte in

schneidenden Jammertönen herüber und, als habe er sie aus tiefem

Zauberschlaf geweckt, stöhnten die düstern Föhren ihm nach in dumpfer

Klage. Die nackten schwarzen Mauern des Schlosses stiegen empor aus

dem Schneegrunde, wir hielten an dem verschlossenen Tor. Aber da half

kein Rufen, kein Peitschengeknalle, kein Hämmern und Pochen, es war,

als sei alles ausgestorben, in keinem Fenster ein Licht sichtbar.

Der Alte ließ seine starke dröhnende Stimme erschallen: »Franz -

Franz! Wo steckt Ihr denn? Zum Teufel, rührt Euch! - Wir erfrieren

hier am Tor! Der Schnee schmeißt einem ja das Gesicht blutrünstig

- rührt Euch, zum Teufel.« Da fing ein Hofhund zu winseln an, ein

wandelndes Licht wurde im Erdgeschosse sichtbar, Schlüssel klapperten,

und bald knarrten die gewichtigen Torflügel auf.

»Ei, schön willkommen, schön willkommen, Herr Justitiarius, ei, in dem

unsaubern Wetter!« So rief der alte Franz, indem er die Laterne hoch

in die Hände hob, so daß das volle Licht auf sein verschrumpftes, zum

freundlichen Lachen sonderbar verzogenes Gesicht fiel. Der Wagen fuhr

in den Hof, wir stiegen aus, und nun gewahrte ich erst ganz des alten

Bedienten seltsame, in eine altmodische, weite, mit vielen Schnüren

wunderlich ausstaffierte Jägerlivrei gehüllte Gestalt.

Über die breite weiße Stirn legten sich nur ein paar graue Löckchen,

der untere Teil des Gesichts hatte die robuste Jägerfarbe, und

unerachtet die verzogenen Muskeln das Gesicht zu einer beinahe

abenteuerlichen Maske formten, söhnte doch die etwas dümmliche

Gutmütigkeit, die aus den Augen leuchtete und um den Mund spielte,

alles wieder aus.

»Nun, alter Franz«, fing der Großonkel an, indem er sich im Vorsaal

den Schnee vom Pelze abklopfte, »nun, alter Franz, ist alles bereitet,

sind die Tapeten in meinen Stuben abgestaubt, sind die Betten

hineingetragen, ist gestern und heute tüchtig geheizt worden?« »Nein«,

erwiderte Franz sehr gelassen, »nein, mein wertester Herr Justitiarius,

das ist alles nicht geschehen.«

»Herr Gott«, fuhr der Großonkel auf, »ich habe ja zeitig genug

geschrieben, ich komme ja stets nach dem richtigen Datum, das ist

ja eine Tölpelei, nun kann ich in eiskalten Zimmern hausen.« »Ja,

wertester Herr Justitiarius«, sprach Franz weiter, indem er sehr

sorglich mit der Lichtschere von dem Docht einen glimmenden Räuber

abschnippte und ihn mit dem Fuße austrat, »ja, sehn Sie, das alles,

vorzüglich das Heizen, hätte nicht viel geholfen, denn der Wind und

der Schnee, die hausen gar zu sehr hinein durch die zerbrochenen

Fensterscheiben, und da« »Was«, fiel der Großonkel ihm in die Rede,

den Pelz weit auseinanderschlagend und beide Arme in die Seiten

stemmend, »was, die Fenster sind zerbrochen, und Ihr, des Hauses

Kastellan, habt nichts machen lassen?«

»Ja, wertester Herr Justitiarius«, fuhr der Alte ruhig und gelassen

fort, »man kann nur nicht recht hinzu wegen des vielen Schutts und der

vielen Mauersteine, die in den Zimmern herumliegen.« »Wo zum Tausend

Himmel Sapperment kommen Schutt und Steine in meine Zimmer?« schrie

der Großonkel. »Zum beständigen fröhlichen Wohlsein, mein junger

Herr!« rief der Alte, sich höflich bückend, da ich eben nieste,

setzte aber gleich hinzu: »Es sind die Steine und der Kalk von der

Mittelwand, die von der großen Erschütterung einfiel.«

»Habt Ihr ein Erdbeben gehabt?« platzte der Großonkel zornig heraus.

»Das nicht, wertester Herr Justitiarius«, erwiderte der Alte, mit

dem ganzen Gesicht lächelnd, »aber vor drei Tagen ist die schwere,

getäfelte Decke des Gerichtssaals mit gewaltigem Krachen eingestürzt.«

»So soll doch das« - Der Großonkel wollte, heftig und aufbrausend,

wie er war, einen schweren Fluch ausstoßen; aber indem er mit der

Rechten in die Höhe fuhr und mit der Linken die Fuchsmütze von der

Stirn rückte, hielt er plötzlich inne, wandte sich nach mir um und

sprach laut auflachend: »Wahrhaftig, Vetter! wir müssen das Maul

halten, wir dürfen nicht weiter fragen; sonst erfahren wir noch

ärgeres Unheil, oder das ganze Schloß stürzt uns über den Köpfen

zusammen.«

»Aber«, fuhr er fort, sich nach dem Alten umdrehend, »aber, Franz,

konntet Ihr denn nicht so gescheit sein, mir ein anderes Zimmer

reinigen und heizen zu lassen? Konntet Ihr nicht irgendeinen Saal im

Hauptgebäude schnell einrichten zum Gerichtstage?« »Dieses ist auch

bereits alles geschehen«, sprach der Alte, indem er freundlich nach

der Treppe wies und sofort hinaufzusteigen begann. »Nun seht mir

doch den wunderlichen Kauz«, rief der Onkel, indem wir dem Alten

nachschritten.

Es ging fort durch lange hochgewölbte Korridore, Franzens flackerndes

Licht warf einen wunderlichen Schein in die dicke Finsternis.

Säulen, Kapitäler und bunte Bogen zeigten sich oft wie in den Lüften

schwebend, riesengroß schritten unsere Schatten neben uns her, und die

seltsamen Gebilde an den Wänden, über die sie wegschlüpften, schienen

zu zittern und zu schwanken, und ihre Stimmen wisperten in den

dröhnenden Nachhall unserer Tritte hinein: »Weckt uns nicht, weckt uns

nicht, uns tolles Zaubervolk, das hier in den alten Steinen schläft!«

Endlich öffnete Franz, nachdem wir eine Reihe kalter, finstrer

Gemächer durchgangen, einen Saal, in dem ein hellaufloderndes

Kaminfeuer uns mit seinem lustigen Knistern wie mit heimatlichem Gruß

empfing. Mir wurde gleich, sowie ich eintrat, ganz wohl zumute, doch

der Großonkel blieb mitten im Saal stehen, schaute ringsumher und

sprach mit sehr ernstem, beinahe feierlichem Ton: »Also hier, dies

soll der Gerichtssaal sein?« - Franz, in die Höhe leuchtend, so daß

an der breiten dunklen Wand ein heller Fleck, wie eine Türe groß,

ins Auge fiel, sprach dumpf und schmerzhaft: »Hier ist ja wohl schon

Gericht gehalten worden!«

»Was kommt Euch ein, Alter?« rief der Onkel, indem er den Pelz schnell

abwarf und an das Kaminfeuer trat. »Es fuhr mir nur so heraus«, sprach

Franz, zündete die Lichter an und öffnete das Nebenzimmer, welches zu

unsrer Aufnahme ganz heimlich bereitet war.

Nicht lange dauerte es, so stand ein gedeckter Tisch vor dem Kamin,

der Alte trug wohlzubereitete Schüsseln auf, denen, wie es uns beiden,

dem Großonkel und mir, recht behaglich war, eine tüchtige Schale nach

echt nordischer Art gebrauten Punsches folgte. Ermüdet von der Reise,

suchte der Großonkel, sowie er gegessen, das Bette; das Neue, Seltsame

des Aufenthalts, ja selbst der Punsch, hatte aber meine Lebensgeister

zu sehr aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Franz räumte den Tisch

ab, schürte das Kaminfeuer zu und verließ mich mit freundlichen

Bücklingen.

Nun saß ich allein in dem hohen, weiten Rittersaal. Das Schneegestöber

hatte zu schlackern, der Sturm zu sausen aufgehört, heitrer Himmel

war's geworden, und der helle Vollmond strahlte durch die breiten

Bogenfenster, alle finstre Ecken des wunderlichen Baues, wohin der

düstere Schein meiner Kerzen und des Kaminfeuers nicht dringen konnte,

magisch erleuchtend.

So wie man es wohl noch in alten Schlössern antrifft, waren auf

seltsame altertümliche Weise Wände und Decke des Saals verziert,

diese mit schwerem Getäfel, jene mit fantastischer Bilderei und

buntgemaltem, vergoldetem Schnitzwerk. Aus den großen Gemälden,

mehrenteils das wilde Gewühl blutiger Bären- und Wolfsjagden

darstellend, sprangen in Holz geschnitzte Tier- und Menschenköpfe

hervor, den gemalten Leibern angesetzt, so daß, zumal bei der

flackernden, schimmernden Beleuchtung des Feuers und des Mondes, das

Ganze in greulicher Wahrheit lebte.

Zwischen diesen Gemälden waren lebensgroße Bilder, in Jägertracht

dahinschreitende Ritter, wahrscheinlich der jagdlustigen Ahnherren,

eingefügt. Alles, Malerei und Schnitzwerk, trug die dunkle Farbe

langverjährter Zeit; um so mehr fiel der helle kahle Fleck an

derselben Wand, durch die zwei Türen in Nebengemächer führten, auf;

bald erkannte ich, daß dort auch eine Tür gewesen sein müßte, die

später zugemauert worden, und daß eben dies neue, nicht einmal der

übrigen Wand gleich gemalte oder mit Schnitzwerk verzierte Gemäuer auf

jene Art absteche. -

Wer weiß es nicht, wie ein ungewöhnlicher, abenteuerlicher Aufenthalt

mit geheimnisvoller Macht den Geist zu erfassen vermag, selbst

die trägste Fantasie wird wach in dem von wunderlichen Felsen

umschlossenen Tal in den düstern Mauern einer Kirche o. s., und will

sonst nie Erfahrnes ahnen.

Setze ich nun noch hinzu, daß ich zwanzig Jahr alt war und mehrere

Gläser starken Punsch getrunken hatte, so wird man es glauben, daß

mir in meinem Rittersaal seltsamer zumute wurde als jemals. Man denke

sich die Stille der Nacht, in der das dumpfe Brausen des Meers, das

seltsame Pfeifen des Nachtwindes wie die Töne eines mächtigen, von

Geistern gerührten Orgelwerks erklangen - die vorüberfliegenden

Wolken, die oft, hell und glänzend, wie vorbeistreifende Riesen durch

die klirrenden Bogenfenster zu gucken schienen - in der Tat, ich mußt'

es in dem leisen Schauer fühlen, der mich durchbebte, daß ein fremdes

Reich nun sichtbar und vernehmbar aufgehen könne.

Doch dies Gefühl glich dem Frösteln, das man bei einer lebhaft

dargestellten Gespenstergeschichte empfindet und das man so gern

hat. Dabei fiel mir ein, daß in keiner günstigeren Stimmung das

Buch zu lesen sei, das ich so wie damals jeder, der nur irgend

dem Romantischen ergeben, in der Tasche trug. Es war Schillers

»Geisterseher«. Ich las und las und erhitzte meine Fantasie immer mehr

und mehr.

Ich kam zu der mit dem mächtigsten Zauber ergreifenden Erzählung von

dem Hochzeitsfest bei dem Grafen von V.- Gerade wie Jeronimos blutige

Gestalt eintritt, springt mit einem gewaltigen Schlage die Tür auf,

die in den Vorsaal führt. - Entsetzt fahre ich in die Höhe, das Buch

fällt mir aus den Händen. Aber in demselben Augenblick ist alles

still, und ich schäme mich über mein kindliches Erschrecken.

Mag es sein, daß durch die durchströmende Zugluft oder auf andere

Weise die Tür aufgesprengt wurde. - Es ist nichts - meine überreizte

Fantasie bildet jede natürliche Erscheinung gespenstisch! - So

beschwichtigt, nehme ich das Buch von der Erde auf und werfe

mich wieder in den Lehnstuhl - da geht es leise und langsam mit

abgemessenen Tritten quer über den Saal hin, und dazwischen seufzt und

ächzt es, und in diesem Seufzen, diesem Ächzen liegt der Ausdruck des

tiefsten menschlichen Leidens, des trostlosesten Jammers - Ha! das ist

irgendein eingesperrtes krankes Tier im untern Stock. Man kennt ja die

akustische Täuschung der Nacht, die alles entfernt Tönende in die Nähe

rückt - wer wird sich nur durch so etwas Grauen erregen lassen. - So

beschwichtige ich mich aufs neue, aber nun kratzt es, indem lautere,

tiefere Seufzer, wie in der entsetzlichen Angst der Todesnot

ausgestoßen, sich hören lassen, an jenem neuen Gemäuer.

»Ja, es ist ein armes eingesperrtes Tier - ich werde jetzt laut rufen,

ich werde mit dem Fuß tüchtig auf den Boden stampfen, gleich wird

alles schweigen oder das Tier unten sich deutlicher in seinen

natürlichen Tönen hören lassen!«- So denke ich, aber das Blut gerinnt

in meinen Adern - kalter Schweiß steht auf der Stirne, erstarrt bleib'

ich im Lehnstuhle sitzen, nicht vermögend aufzustehen, viel weniger

noch zu rufen.

Das abscheuliche Kratzen hört endlich auf - die Tritte lassen sich

aufs neue vernehmen - es ist, als wenn Leben und Regung in mir

erwachte, ich springe auf und trete zwei Schritte vor, aber da

streicht eine eiskalte Zugluft durch den Saal, und in demselben

Augenblick wirft der Mond sein helles Licht auf das Bildnis eines sehr

ernsten, beinahe schauerlich anzusehenden Mannes, und als säusle seine

warnende Stimme durch das stärkere Brausen der Meereswellen, durch

das gellendere Pfeifen des Nachtwindes, höre ich deutlich: »- Nicht

weiter - nicht weiter, sonst bist du verfallen dem entsetzlichen Graus

der Geisterwelt!«

Nun fällt die Tür zu mit demselben starken Schlage wie zuvor, ich

höre die Tritte deutlich auf dem Vorsaal - es geht die Treppe hinab

- die Haupttür des Schlosses öffnet sich rasselnd und wird wieder

verschlossen. Dann ist es, als würde ein Pferd aus dem Stalle gezogen

und nach einer Weile wieder in den Stall zurückgeführt dann ist alles

still! In demselben Augenblick vernahm ich, wie der alte Großonkel im

Nebengemach ängstlich seufzte und stöhnte, dies gab mir alle Besinnung

wieder, ich ergriff die Leuchter und eilte hinein. Der Alte schien mit

einem bösen, schweren Traume zu kämpfen.

»Erwachen Sie - erwachen Sie«, rief ich laut, indem ich ihn sanft bei

der Hand faßte und den hellen Kerzenschein auf sein Gesicht fallen

ließ. Der Alte fuhr auf mit einem dumpfen Ruf, dann schaute er mich

mit freundlichen Augen an und sprach: »Das hast du gut gemacht,

Vetter, daß du mich wecktest. Ei, ich hatte einen sehr häßlichen

Traum, und daran ist bloß hier das Gemach und der Saal schuld, denn

ich mußte dabei an die vergangene Zeit und an manches Verwunderliche

denken, was hier sich begab. Aber nun wollen wir recht tüchtig

ausschlafen!«

Damit hüllte sich der Alte in die Decke und schien sofort

einzuschlafen. Als ich die Kerzen ausgelöscht und mich auch ins Bette

gelegt hatte, vernahm ich, daß der Alte leise betete.

Am andern Morgen ging die Arbeit los, der Wirtschaftsinspektor kam

mit den Rechnungen, und Leute meldeten sich, die irgendeinen Streit

geschlichtet, irgendeine Angelegenheit geordnet haben wollten. Mittags

ging der Großonkel mit mir herüber in den Seitenflügel, um den beiden

alten Baronessen in aller Form aufzuwarten. Franz meldete uns,

wir mußten einige Augenblicke warten und wurden dann durch ein

sechzigjähriges gebeugtes, in bunte Seide gekleidetes Mütterchen,

die sich das Kammerfräulein der gnädigen Herrschaft nannte, in das

Heiligtum geführt.

Da empfingen uns die alten, nach längst verjährter Mode abenteuerlich

geputzten Damen mit komischem Zeremoniell, und vorzüglich war ich ein

Gegenstand ihrer Verwunderung, als der Großonkel mich mit vieler Laune

als einen jungen, ihm beisteheenden Justizmann vorstellte. In ihren

Mienen lag es, daß sie bei meiner Jugend das Wohl der R..sittenschen

Untertanen gefährdet glaubten.

Der ganze Auftritt bei den alten Damen hatte überhaupt viel

Lächerliches, die Schauer der vergangenen Nacht fröstelten aber noch

in meinem Innern, ich fühlte mich wie von einer unbekannten Macht

berührt, oder es war mir vielmehr, als habe ich schon an den Kreis

gestreift, den zu überschreiten und rettungslos unterzugehen es nur

noch eines Schritts bedürfte, als könne nur das Aufbieten aller mir

inwohnenden Kraft mich gegen das Entsetzen schützen, das nur dem

unheilbaren Wahnsinn zu weichen pflegt. So kam es, daß selbst die

alten Baronessen in ihren seltsamen hochaufgetürmten Frisuren,

in ihren wunderlichen stoffnen, mit bunten Blumen und Bändern

ausstaffierten Kleidern mir statt lächerlich, ganz graulich und

gespenstisch erschienen.

In den alten gelbverschrumpften Gesichtern, in den blinzenden Augen

wollt' ich es lesen, in dem schlechten Französisch, das halb durch

die eingekniffenen blauen Lippen, halb durch die spitzen Nasen

herausschnarrte, wollt' ich es hören, wie sich die Alten mit den

unheimlichen, im Schlosse herumspukenden Wesen wenigstens auf guten

Fuß gesetzt hätten und auch wohl selbst Verstörendes und Entsetzliches

zu treiben vermochten.

Der Großonkel, zu allem Lustigen aufgelegt, verstrickte mit seiner

Ironie die Alten in ein solches tolles Gewäsche, daß ich in anderer

Stimmung nicht gewußt hätte, wie das ausgelassenste Gelächter in mich

hineinschlucken, aber wie gesagt, die Baronessen samt ihrem Geplapper

waren und blieben gespenstisch, und der Alte, der mir eine besondere

Lust bereiten wollte, blickte mich ein Mal übers andere ganz

verwundert an.

Sowie wir nach Tische in unserm Zimmer allein waren, brach er los:

»Aber, Vetter, sag' mir um des Himmels willen, was ist dir? - Du

lachst nicht, du sprichst nicht, du issest nicht, du trinkst nicht?

Bist du krank? oder fehlt es sonst woran?«

Ich nahm jetzt gar keinen Anstand, ihm alles Grauliche, Entsetzliche,

was ich in voriger Nacht überstanden, ganz ausführlich zu erzählen.

Nichts verschwieg ich, vorzüglich auch nicht, daß ich viel Punsch

getrunken und in Schillers »Geisterseher« gelesen. »Bekennen muß

ich dies«, setzte ich hinzu, »denn so wird es glaublich, daß meine

überreizte arbeitende Fantasie all die Erscheinungen schuf, die nur

innerhalb den Wänden meines Gehirns existierten.«

Ich glaubte, daß nun der Großonkel mir derb zusetzen würde mit

körnichten Späßen über meine Geisterseherei, statt dessen wurde er

sehr ernsthaft, starrte in den Boden hinein, warf dann den Kopf

schnell in die Höhe und sprach, mich mit dem brennenden Blick seiner

Augen anschauend: »Ich kenne dein Buch nicht, Vetter! aber weder

seinem, noch dem Geist des Punsches hast du jenen Geisterspuk zu

verdanken. Wisse, daß ich dasselbe, was dir widerfuhr, träumte. Ich

saß, so wie du (so kam es mir vor), im Lehnstuhl bei dem Kamin, aber

was sich dir nur in Tönen kundgetan, das sah ich, mit dem innern Auge

es deutlich erfassend.

Ja! ich erblickte den greulichen Unhold, wie er hereintrat, wie

er kraftlos an die vermauerte Tür schlich, wie er in trostloser

Verzweiflung an der Wand kratzte, daß das Blut unter den zerrissenen

Nägeln herausquoll, wie er dann hinabstieg, das Pferd aus dem Stalle

zog und in den Stall zurückbrachte. Hast du es gehört, wie der Hahn

im fernen Gehöfte des Dorfes krähte? Da wecktest du mich, und ich

widerstand bald dem bösen Spuk des entsetzlichen Menchen, der noch

vermag, das heitre Leben grauenhaft zu verstören.«

Der Alte hielt inne, aber ich mochte nicht fragen, wohlbedenkend, daß

er mir alles aufklären werde, wenn er es geraten finden sollte. Nach

einer Weile, in der er, tief in sich gekehrt, dagesessen, fuhr der

Alte fort: »Vetter, hast du Mut genug, jetzt nachdem du weißt, wie

sich alles begibt, den Spuk noch einmal zu bestehen? und zwar mit mir

zusammen?«

Es war natürlich, daß ich erklärte, wie ich mich jetzt dazu ganz

entkräftigt fühle. »So wollen wir«, sprach der Alte weiter, »in

künftiger Nacht zusammen wachen. Eine innere Stimme sagt mir, daß

meiner geistigen Gewalt nicht sowohl, als meinem Mute, der sich auf

festes Vertrauen gründet, der böse Spuk weichen muß, und daß es kein

freveliches Beginnen, sondern ein frommes, tapferes Werk ist, wenn ich

Leib und Leben daran wage, den bösen Unhold zu bannen, der hier die

Söhne aus der Stammburg der Ahnherrn treibt. -

Doch! von keiner Wagnis ist ja die Rede, denn in solch festem

redlichen Sinn, in solch frommen Vertrauen, wie es in mir lebt, ist

und bleibt man ein siegreicher Held. - Aber sollt' es dennoch Gottes

Wille sein, daß die böse Macht mich anzutasten vermag, so sollst du,

Vetter, es verkünden, daß ich im redlichen christlichen Kampf mit dem

Höllengeist, der hier sein verstörendes Wesen treibt, unterlag! - Du!

- halt dich ferne! dir wird dann nichts geschehen!«

Unter mancherlei zerstreuenden Geschäften war der Abend herangekommen.

Franz hatte, wie gestern, das Abendessen abgeräumt und uns Punsch

gebracht, der Vollmond schien hell durch die glänzenden Wolken, die

Meereswellen brausten, und der Nachtwind heulte und schüttelte die

klirrenden Scheiben der Bogenfenster. Wir zwangen uns, im Innern

aufgeregt, zu gleichgültigen Gesprächen. Der Alte hatte seine

Schlaguhr auf den Tisch gelegt. Sie schlug zwölfe. Da sprang mit

entsetzlichem Krachen die Tür auf, und wie gestern schwebten leise und

langsam Tritte quer durch den Saal, und das Ächzen und Seufzen ließ

sich vernehmen.

Der Alte war verblaßt, aber seine Augen erstrahlten in ungewöhnlichem

Feuer, er erhob sich vom Lehnstuhl, und indem er in seiner großen

Gestalt, hochaufgerichtet, den linken Arm in die Seite gestemmt, den

rechten weit vorstreckend nach der Mitte des Saals, dastand, war er

anzusehen, wie ein gebietender Held.

Doch immer stärker und vernehmlicher wurde das Seufzen und Ächzen, und

nun fing es an abscheulicher als gestern an der Wand hin und her zu

kratzen. Da schritt der Alte vorwärts, gerade auf die zugemauerte Tür

los, mit festen Tritten, daß der Fußboden erdröhnte. Dicht vor der

Stelle, wo es toller und toller kratzte, stand er still und sprach mit

starkem, feierlichem Ton, wie ich ihn nie gehört:

»Daniel, Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde!« Da kreischte es

auf grauenvoll und entsetzlich, und ein dumpfer Schlag geschah, wie

wenn eine Last zu Boden stürzte. »Suche Gnade und Erbarmen vor dem

Thron des Höchsten, dort ist dein Platz! Fort mit dir aus dem Leben,

dem du niemals mehr angehören kannst!«

So rief der Alte noch gewaltiger als vorher, es war, als ginge ein

leises Gewimmer durch die Lüfte und ersterbe im Sausen des Sturms, der

sich zu erheben begann. Da schritt der Alte nach der Tür und warf sie

zu, daß es laut durch den öden Vorsaal widerhallte.

In seiner Sprache, in seinen Gebärden lag etwas Übermenschliches, das

mich mit tiefem Schauer erfüllte. Als er sich in den Lehnstuhl setzte,

war sein Blick wie verklärt, er faltete seine Hände, er betete im

Innern. So mochten einige Minuten vergangen sein, da frug er mit der

milden, tief in das Herz dringenden Stimme, die er so sehr in seiner

Macht hatte: »Nun, Vetter?« Von Schauer - Entsetzen - Angst - heiliger

Ehrfurcht und Liebe durchbebt, stürzte ich auf die Kniee und benetzte

die mir dargebotene Hand mit heißen Tränen. Der Alte schloß mich in

seine Arme, und indem er mich innig an sein Herz drückte, sprach er

sehr weich: »Nun wollen wir auch recht sanft schlafen, lieber Vetter!«

Es geschah auch so, und als sich in der folgenden Nacht durchaus

nichts Unheimliches verspüren ließ, gewannen wir die alte Heiterkeit

wieder, zum Nachteil der alten Baronessen, die, blieben sie auch in

der Tat ein wenig gespenstisch, mit ihrem abenteuerlichen Wesen, doch

nur ergötzlichen Spuk trieben, den der Alte auf possierliche Weise

anzuregen wußte.

Endlich, nach mehreren Tagen, traf der Baron ein mit seiner Gemahlin

und zahlreichem Jagdgefolge, die geladenen Gäste sammelten sich, und

nun ging in dem plötzlich lebendig gewordenen Schlosse das laute wilde

Treiben los, wie es vorhin beschrieben.

Als der Baron gleich nach seiner Ankunft in unsern Saal trat, schien

er über unsern veränderten Aufenthalt auf seltsame Weise befremdet,

er warf einen düstern Blick auf die zugemauerte Tür, und schnell

sich abwendend, fuhr er mit der Hand über die Stirn, als wolle er

irgendeine böse Erinnerung verscheuchen. Der Großonkel sprach von der

Verwüstung des Gerichtssaals und der anstoßenden Gemächer, der Baron

tadelte es, daß Franz uns nicht besser einlogiert habe, und forderte

den Alten recht gemütlich auf, doch nur zu gebieten, wenn ihm irgend

etwas in dem neuen Gemach, das doch viel schlechter sei, als das, was

er sonst bewohnt, an seiner Bequemlichkeit abginge.

Überhaupt war das Betragen des Barons gegen den alten Großonkel

nicht allein herzlich, sondern ihm mischte sich eine gewisse

kindliche Ehrfurcht bei, als stehe der Baron mit dem Alten in

verwandtschaftlichem Respektsverhältnis. Dies war aber auch das

einzige, was mich mit dem rauhen, gebieterischen Wesen des Barons,

das er immer mehr und mehr entwickelte, einigermaßen zu versöhnen

vermochte. Mich schien er wenig oder gar nicht zu beachten, er sah in

mir den gewöhnlichen Schreiber.

Gleich das erstemal, als ich eine Verhandlung aufgenommen, wollte er

etwas in der Fassung unrichtig finden, das Blut wallte mir auf, und

ich war im Begriff, irgend etwas Schneidendes zu erwidern, als der

Großonkel, das Wort nehmend, versicherte, daß ich denn nun einmal

alles recht nach seinem Sinne mache, und daß dieser doch nur hier in

gerichtlicher Verhandlung walten könne.

Als wir allein waren, beschwerte ich mich bitter über den Baron,

der mir immer mehr im Grunde der Seele zuwider werde. »Glaube

mir, Vetter!« erwiderte der Alte, »daß der Baron trotz seines

unfreundlichen Wesens der vortrefflichste, gutmütigste Mensch von der

Welt ist. Dieses Wesen hat er auch, wie ich dir schon sagte, erst seit

der Zeit angenommen, als er Majoratsherr wurde, vorher war er ein

sanfter, bescheidener Jüngling. Überhaupt ist es denn doch aber nicht

mit ihm so arg, wie du es machst, und ich möchte wohl wissen, warum er

dir so gar sehr zuwider ist.«

Indem der Alte die letzten Worte sprach, lächelte er recht höhnisch,

und das Blut stieg mir siedend heiß ins Gesicht. Mußte mir nun nicht

mein Innres recht klar werden, mußte ich es nicht deutlich fühlen, daß

jenes wunderliche Hassen aufkeimte aus dem Lieben, oder vielmehr aus

dem Verlieben in ein Wesen, das mir das holdeste, hochherrlichste zu

sein schien, was jemals auf Erden gewandelt?

Dieses Wesen war niemand als die Baronesse selbst. Schon gleich als

sie angekommen und in einem russischen Zobelpelz, der knapp anschloß

an den zierlich gebauten Leib, das Haupt in reiche Schleier gewickelt,

durch die Gemächer schritt, wirkte ihre Erscheinung auf mich wie ein

mächtiger unwiderstehlicher Zauber. Ja, selbst der Umstand, daß die

alten Tanten in verwunderlicheren Kleidern und Fontangen, als ich

sie noch gesehen, an beiden Seiten neben ihr her trippelten und ihre

französischen Bewillkommnungen herschnatterten, während sie, die

Baronin, mit unbeschreiblich milden Blicken um sich her schaute und

bald diesem, bald jenem freundlich zunickte, bald in dem rein tönenden

kurländischen Dialekt einige deutsche Worte dazwischen flötete, schon

dieses gab ein wunderbar fremdartiges Bild, und unwillkürlich reihte

die Fantasie dies Bild an jenen unheimlichen Spuk, und die Baronesse

wurde der Engel des Lichts, dem sich die bösen gespenstischen Mächte

beugen.

Die wunderherrliche Frau tritt lebhaft vor meines Geistes Augen. Sie

mochte wohl damals kaum neunzehn Jahre zählen, ihr Gesicht, ebenso

zart wie ihr Wuchs, trug den Ausdruck der höchsten Engelsgüte,

vorzüglich lag aber in dem Blick der dunklen Augen ein

unbeschreiblicher Zauber, wie feuchter Mondesstrahl ging darin eine

schwermütige Sehnsucht auf; so wie in ihrem holdseligen Lächeln ein

ganzer Himmel voll Wonne und Entzücken. Oft schien sie ganz in sich

selbst verloren, und dann gingen düstre Wolkenschatten über ihr holdes

Antlitz.

Man hätte glauben sollen, irgendein verstörender Schmerz müsse sie

befangen, mir schien es aber, daß wohl die düstere Ahnung einer

trüben, unglücksschwangeren Zukunft es sei, von der sie in solchen

Augenblicken erfaßt werde, und auch damit setzte ich auf seltsame

Weise, die ich mir weiter gar nicht zu erklären wußte, den Spuk im

Schlosse in Verbindung.

Den andern Morgen, nachdem der Baron angekommen, versammelte sich die

Gesellschaft zum Frühstück, der Alte stellte mich der Baronesse vor,

und wie es in solcher Stimmung, wie die meinige war, zu geschehen

pflegt, ich nahm mich unbeschreiblich albern, indem ich auf die

einfachen Fragen der holden Frau, wie es mir auf dem Schlosse gefalle

u.s., mich in die wunderlichsten sinnlosesten Reden verfing, so daß

die alten Tanten meine Verlegenheit wohl lediglich dem profunden

Respekt vor der Herrin zuschrieben, sich meiner huldreich annehmen

zu müssen glaubten und mich in französischer Sprache als einen ganz

artigen und geschickten jungen Menschen, als einen »garcon tres joli«

anpriesen.

Das ärgerte mich, und plötzlich mich ganz beherrschend, fuhr mir ein

Witzwort heraus in besserem Französisch, als die Alten es sprachen,

worauf sie mich mit großen Augen anguckten und die langen spitzen

Nasen reichlich mit Tabak bedienten.

An dem ernsteren Blick der Baronesse, mit dem sie sich von mir ab zu

einer anderen Dame wandte, merkte ich, daß mein Witzwort hart an eine

Narrheit streifte, das ärgerte mich noch mehr, und ich verwünschte die

Alten in den Abgrund der Hölle.

Die Zeit des schäferischen Schmachtens, des Liebesunglücks in

kindischer Selbstbetörung hatte in mir der alte Großonkel längst

wegironiert, und wohl merkt' ich, daß die Baronin tiefer und mächtiger

als noch bis jetzt eine Frau mich in meinem innersten Gemüt gefaßt

hatte. Ich sah, ich hörte nur sie, aber bewußt war ich mir deutlich

und bestimmt, daß es abgeschmackt, ja wahnsinnig sein würde,

irgendeine Liebelei zu wagen, wiewohl ich auch die Unmöglichkeit

einsah, wie ein verliebter Knabe von weitem zu staunen und anzubeten,

dessen ich mich selbst hätte schämen müssen.

Der herrlichen Frau näherzutreten, ohne ihr nur mein inneres Gefühl

ahnen zu lassen, das süße Gift ihrer Blicke, ihrer Worte einsaugen und

dann fern von ihr, sie lange, vielleicht immerdar im Herzen tragen,

das wollte und konnte ich. Diese romantische, ja wohl ritterliche

Liebe, wie sie mir aufging in schlafloser Nacht, spannte mich

dermaßen, daß ich kindisch genug war, mich selbst auf pathetische

Weise zu haranguieren und zuletzt sehr kläglich zu seufzen:

»Seraphine, ach Seraphine!« so daß der Alte erwachte und mir zurief:

»Vetter! Vetter! ich glaube, du fantasierst mit lauter Stimme! Tu's

bei Tage, wenn's möglich ist, aber zur Nachtzeit laß mich schlafen!«

Ich war nicht wenig besorgt, daß der Alte, der schon mein aufgeregtes

Wesen bei der Ankunft der Baronin wohl bemerkt, den Namen gehört haben

und mich mit einem sarkastischen Spott überschütten werde, er sagte

am andern Morgen aber nichts weiter, als bei dem Hineingehen in

den Gerichtssaal: »Gott gebe jedem gehörigen Menschenverstand und

Sorglichkeit, ihn in gutem Verschluß zu halten. Es ist schlimm, mir

nichts, dir nichts sich in einen Hasenfuß umzusetzen.« Hierauf nahm er

Platz an dem großen Tisch und sprach: »Schreibe fein deutlich, lieber

Vetter! damit ich's ohne Anstoß zu lesen vermag.«

Die Hochachtung, ja die kindliche Ehrfurcht, die der Baron meinem

alten Großonkel erzeigte, sprach sich in allem aus. So mußte er auch

bei Tische den ihm von vielen beneideten Platz neben der Baronesse

einnehmen, mich warf der Zufall bald hier-, bald dorthin, doch

pflegten gewöhnlich ein paar Offiziere aus der nahen Hauptstadt mich

in Beschlag zu nehmen, um sich über alles Neue und Lustige, was dort

geschehen, recht auszusprechen und dabei wacker zu trinken.

So kam es, daß ich mehrere Tage hindurch ganz fern von der Baronesse,

am untern Ende des Tisches saß, bis mich endlich ein Zufall in ihre

Nähe brachte. Als der versammelten Gesellschaft der Eßsaal geöffnet

wurde, hatte mich gerade die Gesellschafterin der Baronin, ein nicht

mehr ganz junges Fräulein, aber sonst nicht häßlich und nicht ohne

Geist, in ein Gespräch verwickelt, das ihr zu behagen schien. Der

Sitte gemäß mußte ich ihr den Arm geben, und nicht wenig erfreut war

ich, als sie der Baronin ganz nahe Platz nahm, die ihr freundlich

zunickte.

Man kann denken, daß nun alle Worte, die ich sprach, nicht mehr der

Nachbarin allein, sondern hauptsächlich der Baronin galten. Mag es

sein, daß meine innere Spannung allem, was ich sprach, einen besondern

Schwung gab, genug, das Fräulein wurde aufmerksamer und aufmerksamer,

ja zuletzt unwiderstehlich hineingezogen in die bunte Welt stets

wechselnder Bilder, die ich ihr aufgehen ließ.

Sie war, wie gesagt, nicht ohne Geist, und so geschah es bald, daß

unser Gespräch, ganz unabhängig von den vielen Worten der Gäste, die

hin und her streiften, auf seine eigene Hand lebte und dorthin, wohin

ich es haben wollte, einige Blitze sandte. Wohl merkt' ich nämlich,

daß das Fräulein der Baronin bedeutende Blicke zuwarf, und daß diese

sich mühte uns zu hören. Vorzüglich war dies der Fall, als ich, da

das Gespräch sich auf Musik gewandt, mit voller Begeisterung von

der herrlichen, heiligen Kunst sprach und zuletzt nicht verhehlte,

daß ich, trockner, langweiliger Juristerei, der ich mich ergeben,

unerachtet, den Flügel mit ziemlicher Fertigkeit spiele, singe und

auch wohl schon manches Lied gesetzt habe.

Man war in den andern Saal getreten, um Kaffee und Liköre zu nehmen,

da stand ich unversehens, selbst wußte ich nicht wie, vor der Baronin,

die mit dem Fräulein gesprochen. Sie redete mich sogleich an, indem

sie, doch freundlicher und in dem Ton, wie man mit einem Bekannten

spricht, jene Fragen, wie mir der Aufenthalt im Schlosse zusage u.s.,

wiederholte. Ich versicherte, daß in den ersten Tagen die schauerliche

Öde der Umgebung, ja selbst das altertümliche Schloß mich seltsam

gestimmt habe, daß aber eben in dieser Stimmung viel Herrliches

aufgegangen und daß ich nur wünsche, der wilden Jagden, an die ich

nicht gewöhnt, überhoben zu sein.

Die Baronin lächelte, indem sie sprach: »Wohl kann ich's mir denken,

daß Ihnen das wüste Treiben in unsern Föhrenwäldern nicht eben

behaglich sein kann. Sie sind Musiker, und täuscht mich nicht alles,

gewiß auch Dichter! Mit Leidenschaft liebe ich beide Künste! - ich

spiele selbst etwas die Harfe, das muß ich nun in R..sitten entbehren,

denn mein Mann mag es nicht, daß ich das Instrument mitnehme, dessen

sanftes Getön schlecht sich schicken würde zu dem wilden Halloh, zu

dem gellenden Hörnergetöse der Jagd, das sich hier nur hören lassen

soll! - O mein Gott! wie würde mich hier Musik erfreun!«

Ich versicherte, daß ich meine ganze Kunst aufbieten werde, ihren

Wunsch zu erfüllen, daß es doch im Schlosse unbezweifelt ein

Instrument, sei es auch nur ein alter Flügel, geben werde. Da lachte

aber Fräulein Adelheid (der Baronin Gesellschafterin) hell auf und

frug, ob ich denn nicht wisse, daß seit Menschengedenken im Schlosse

keine andern Instrumente gehört worden, als krächzende Trompeten, im

Jubel lamentierende Hörner der Jäger und heisere Geigen, verstimmte

Bässe, meckernde Hoboen herumziehender Musikanten.

Die Baronin hielt den Wunsch, Musik und zwar mich zu hören, fest, und

beide, sie und Adelheid, erschöpften sich in Vorschlägen, wie ein

leidliches Fortepiano herbeigeschafft werden könne. In dem Augenblick

schritt der alte Franz durch den Saal. »Da haben wir den, der für

alles guten Rat weiß, der alles herbeischafft, selbst das Unerhörte

und Ungesehene!«

Mit diesen Worten rief ihn Fräulein Adelheid heran, und indem sie

ihm begreiflich machte, worauf es ankomme, horchte die Baronin mit

gefalteten Händen, mit vorwärts gebeugtem Haupt, dem Alten mit mildem

Lächeln ins Auge blickend, zu. Gar anmutig war sie anzusehen, wie ein

holdes, liebliches Kind, das ein ersehntes Spielzeug nur gar zu gern

schon in Händen hätte. Franz, nachdem er in seiner weitläufigen Manier

mehrere Ursachen hergezählt hatte, warum es denn schier unmöglich sei,

in der Geschwindigkeit solch ein rares Instrument herbeizuschaffen,

strich sich endlich mit behaglichem Schmunzeln den Bart und sprach:

»Aber die Frau Wirtschaftsinspektorin drüben im Dorfe schlägt ganz

ungemein geschickt das Clavizimbel, oder wie sie es jetzt nennen mit

dem ausländischen Namen, und singt dazu so fein und lamentabel, daß

einem die Augen rot werden wie von Zwiebeln und man hüpfen möchte mit

beiden Beinen.«

»Und besitzt ein Fortepiano!« fiel Fräulein Adelheid ihm in die

Rede. »Ei, freilich«, fuhr der Alte fort, »direkt aus Dresden ist es

gekommen - ein -« »O das ist herrlich«, unterbrach ihn die Baronin

»ein schönes Instrument«, sprach der Alte weiter, »aber ein wenig

schwächlich, denn als der Organist neulich das Lied: >In allen meinen

Taten< darauf spielen wollte, schlug er alles in Grund und Boden, so

daß-«

»O mein Gott«, riefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid, »so

daß«, fuhr der Alte fort, »es mit schweren Kosten nach R - geschafft

und dort repariert werden mußte.« »Ist es denn nun wieder hier?« frug

Fräulein Adelheid ungeduldig. »Ei freilich, gnädiges Fräulein! und die

Frau Wirtschaftsinspektorin wird es sich zur Ehre rechnen.«

In diesem Augenblick streifte der Baron vorüber, er sah sich wie

befremdet nach unserer Gruppe um und flüsterte spöttisch lächelnd der

Baronin zu: »Muß Franz wieder guten Rat erteilen?« Die Baronin schlug

errötend die Augen nieder, und der alte Franz stand, erschrocken

abbrechend, den Kopf gerade gerichtet, die herabhängenden Arme dicht

an den Leib gedrückt, in soldatischer Stellung da.

Die alten Tanten schwammen in ihren stoffnen Kleidern auf uns zu

und entführten die Baronin. Ihr folgte Fräulein Adelheid. Ich war

wie bezaubert stehen geblieben. Entzücken, daß ich nun ihr, der

Angebeteten, die mein ganzes Wesen beherrschte, mich nahen werde,

kämpfte mit düsterm Mißmut und Ärger über den Baron, der mir als ein

rauher Despot erschien. War er dies nicht, durfte dann wohl der alte

eisgraue Diener so sklavisch sich benehmen?

»Hörst du, siehst du endlich?« rief der Großonkel, mir auf die

Schulter klopfend; wir gingen hinauf in unser Gemach. »Dränge dich

nicht so an die Baronin«, sprach er, als wir angekommen, »wozu soll

das, überlaß es den jungen Gecken, die gern den Hof machen, und an

denen es ja nicht mangelt.« - Ich erzählte, wie alles gekommen, und

forderte ihn auf mir nun zu sagen, ob ich seinen Vorwurf verdiene, er

erwiderte aber darauf nichts als: »Hm hm« - zog den Schlafrock an,

setzte sich mit angezündeter Pfeife in den Lehnstuhl und sprach

von den Ereignissen der gestrigen Jagd, mich foppend über meine

Fehlschüsse.

Im Schloß war es still geworden, Herren und Damen beschäftigten sich

in ihren Zimmern mit dem Putz für die Nacht. Jene Musikanten mit den

heisern Geigen, mit den verstimmten Bässen und den meckernden Hoboen,

von denen Fräulein Adelheid gesprochen, waren nämlich angekommen, und

es sollte für die Nacht nichts Geringeres geben, als einen Ball in

bestmöglicher Form.

Der Alte, den ruhigen Schlaf solch faselndem Treiben vorziehend, blieb

in seinem Gemach, ich hingegen hatte mich eben zum Ball gekleidet,

als es leise an unsere Tür klopfte und Franz hineintrat, der mir mit

behaglichem Lächeln verkündete, daß soeben das Clavizimbel von der

Frau Wirtschaftsinspektorin in einem Schlitten angekommen und zur

gnädigen Frau Baronin getragen worden sei. Fräulein Adelheid ließe

mich einladen, nur gleich herüberzukommen.

Man kann denken, wie mir alle Pulse schlugen, mit welchem innern süßen

Erbeben ich das Zimmer öffnete, in dem ich sie fand. Fräulein Adelheid

kam mir freudig entgegen. Die Baronin, schon zum Ball völlig geputzt,

saß ganz nachdenklich vor dem geheimnisvollen Kasten, in dem die Töne

schlummern sollten, die zu wecken ich berufen.

Sie stand auf, so in vollem Glanz der Schönheit strahlend, daß ich,

keines Wortes mächtig, sie anstarrte. »Nun Theodor«, (nach der

gemütlichen Sitte des Nordens, die man im tieferen Süden wiederfindet,

nannte sie jeden bei seinem Vornamen) »nun, Theodor«, sprach sie

freundlich, »das Instrument ist gekommen, gebe der Himmel, daß es

Ihrer Kunst nicht ganz unwürdig sein möge.«

Sowie ich den Deckel öffnete, rauschten mir eine Menge gesprungener

Saiten entgegen, und sowie ich einen Akkord griff, klang es, da alle

Saiten, die noch ganz geblieben, durchaus verstimmt waren, widrig

und abscheulich. »Der Organist ist wieder mit seinen zarten Händchen

drüber her gewesen«, rief Fräulein Adelheid lachend, aber die Baronin

sprach ganz mißmutig: »Das ist denn doch ein rechtes Unglück! ach,

ich soll denn hier nun einmal keine Freude haben!« Ich suchte in dem

Behälter des Instruments und fand glücklicherweise einige Rollen

Saiten, aber durchaus keinen Stimmhammer! - Neue Klagen! - jeder

Schlüssel, dessen Bart in die Wirbel passe, könne gebraucht werden,

erklärte ich; da liefen beide, die Baronin und Fräulein Adelheid,

freudig hin und wieder, und nicht lange dauerte es, so lag ein ganzes

Magazin blanker Schlüsselchen vor mir auf dem Resonanzboden.

Nun machte ich mich emsig drüber her - Fräulein Adelheid, die Baronin

selbst mühte sich mir beizu stehen, diesen - jenen Wirbel probierend

- Da zieht einer den trägen Schlüssel an, »es geht, es geht!« riefen

sie freudig - Da rauscht die Saite, die sich schier bis zur Reinheit

herangeächzt, gesprungen auf, und erschrocken fahren sie zurück!

Die Baronin hantiert mit den kleinen zarten Händchen in den spröden

Drahtsaiten, sie reicht mir die Nummern, die ich verlange, und hält

sorgsam die Rolle, die ich abwickle, plötzlich schnurrt eine auf, so

daß die Baronin ein ungeduldiges Ach! ausstößt - Fräulein Adelheid

lacht laut auf, ich verfolge den verwirrten Knäuel bis in die Ecke des

Zimmers, und wir alle suchen aus ihm noch eine gerade unzerknickte

Saite herauszuziehen, die dann aufgezogen zu unserm Leidwesen wieder

springt - aber endlich - endlich sind gute Rollen gefunden, die Saiten

fangen an zu stehen, und aus dem mißtönigen Summen gehen allmählich

klare, reine Akkorde hervor!

»Ach, es glückt, es glückt - das lnstrument stimmt sich!« ruft die

Baronin, indem sie mich mit holdem Lächeln anblickt! - Wie schnell

vertrieb dies gemeinschaftliche Mühen alles Fremde, Nüchterne,

das die Konvenienz hinstellt, wie ging unter uns eine heimische

Vertraulichkeit auf, die, ein elektrischer Hauch mich durchglühend,

die verzagte Beklommenheit, welche wie Eis auf meiner Brust lag,

schnell wegzehrte.

Jener seltsame Pathos, wie ihn solche Verliebtheit, wie die meinige,

wohl erzeugt, hatte mich ganz verlassen und so kam es, daß, als nun

endlich das Pianoforte leidlich gestimmt war, ich, statt, wie ich

gewollt, meine innern Gefühle in Fantasien recht laut werden zu

lassen, in jene süße liebliche Kanzonetten verfiel, wie sie aus dem

Süden zu uns herübergeklungen.

Während dieser »Senza di te« - dieser »Sentimi idol mio«, dieser

»Almen se non poss'io« und hundert »morir mi sento's« und »Addio's«

und »Oh dio's« wurden leuchtender und leuchtender Seraphinens Blicke.

Sie hatte sich dicht neben mir an das Instrument gesetzt, ich fühlte

ihren Atem an meiner Wange spielen; indem sie ihren Arm hinter mir

auf die Stuhllehne stützte, fiel ein weißes Band, das sich von dem

zierlichen Ballkleide losgenestelt, über meine Schulter und flatterte,

von meinen Tönen, von Seraphinens leisen Seufzern berührt, hin und

her wie ein getreuer Liebesbote! Es war zu verwundern, daß ich den

Verstand behielt!

Als ich, mich auf irgendein neues Lied besinnend, in den Akkorden

herumfuhr, sprang Fräulein Adelheid, die in einer Ecke des Zimmers

gesessen, herbei, kniete vor der Baronin hin und bat, ihre beiden

Hände erfassend und an die Brust drückend: »O liebe Baronin

Seraphinchen, nun mußt du auch singen!« Die Baronin erwiderte: »Wo

denkst du aber auch hin, Adelheid! - wie mag ich mich denn vor unserm

Virtuosen da mit meiner elenden Singerei hören lassen!«

Es war lieblich anzuschauen, wie sie, gleich einem frommverschämten

Kinde, die Augen niederschlagend und hocherrötend mit der Lust und mit

der Scheu kämpfte.

Man kann denken, wie ich sie anflehte, und, als sie kleine

kurländische Volkslieder erwähnte, nicht nachließ, bis sie, mit der

linken Hand herüberlangend, einige Töne auf dem Instrument versuchte,

wie zur Einleitung. Ich wollte ihr Platz machen am Instrument, sie

ließ es aber nicht zu, indem sie versicherte, daß sie nicht eines

einzigen Akkordes mächtig sei, und daß ebendeshalb ihr Gesang ohne

Begleitung sehr mager und unsicher klingen werde.

Nun fing sie mit zarter, glockenreiner, tief aus dem Herzen tönender

Stimme ein Lied an, dessen einfache Melodie ganz den Charakter jener

Volkslieder trug, die so klar aus dem Innern herausleuchten, daß wir

in dem hellen Schein, der uns umfließt, unsere höhere poetische Natur

erkennen müssen.

Ein geheimnisvoller Zauber liegt in den unbedeutenden Worten des

Textes, der zur Hieroglyphe des Unaussprechlichen wird, von dem unsere

Brust erfüllt. Wer denkt nicht an jene spanische Kanzonetta, deren

Inhalt den Worten nach nicht viel mehr ist, als: »Mit meinem Mädchen

schifft' ich auf dem Meer, da wurd' es stürmisch, und mein Mädchen

wankte furchtsam hin und her. Nein! nicht schiff' ich wieder mit

meinem Mädchen auf dem Meer!« So sagte der Baronin Liedlein nichts

weiter: »Jüngst tanzt' ich mit meinem Schatz auf der Hochzeit, da

fiel mir eine Blume aus dem Haar, die hob er auf und gab sie mir und

sprach: >Wann, mein Mädchen, gehn wir wieder zur Hochzeit?<«

Als ich bei der zweiten Strophe dies Liedchen in harpeggierenden

Akkorden begleitete, als ich in der Begeisterung, die mich erfaßt,

die Melodien der folgenden Lieder gleich von den Lippen der Baronin

wegstahl, da erschien ich ihr und der Fräulein Adelheid wie der größte

Meister der Tonkunst, sie überhäuften mich mit Lobsprüchen. Die

angezündeten Lichter des Ballsaals im Seitenflügel brannten hinein in

das Gemach der Baronin, und ein mißtöniges Geschrei von Trompeten und

Hörnern verkündete, daß es Zeit sei, sich zum Ball zu versammeln.

»Ach, nun muß ich fort«, rief die Baronin, ich sprang auf vom

Instrument. »Sie haben mir eine herrliche Stunde bereitet - es waren

die heitersten Momente, die ich jemals hier in R..sitten verlebte.«

Mit diesen Worten reichte mir die Baronin die Hand; als ich sie im

Rausch des höchsten Entzückens an die Lippen drückte, fühlte ich ihre

Finger heftig pulsierend an meiner Hand anschlagen! Ich weiß nicht,

wie ich in des Großonkels Zimmer, wie ich dann in den Ballsaal kam. -

Jener Gaskogner fürchtete die Schlacht, weil jede Wunde ihm tödlich

werden müsse, da er ganz Herz sei! - Ihm mochte ich, ihm mag jeder in

meiner Stimmung gleichen! Jede Berührung wird tödlich. Der Baronin

Hand, die pulsierenden Finger hatten mich getroffen wie vergiftete

Pfeile, mein Blut brannte in den Adern!

Ohne mich gerade auszufragen, hatte der Alte am andern Morgen doch

bald die Geschichte des mit der Baronin verlebten Abends heraus, und

ich war nicht wenig betreten, als er, der mit lachendem Munde und

heitrem Tone gesprochen, plötzlich sehr ernst wurde und anfing: »Ich

bitte dich, Vetter, widerstehe der Narrheit, die dich mit aller Macht

ergriffen! Wisse, daß dein Beginnen, so harmlos wie es scheint, die

entsetzlichsten Folgen haben kann, du stehst in achtlosem Wahnsinn

auf dünner Eisdecke, die bricht unter dir, ehe du dich es versiehst,

und du plumpst hinein. Ich werde mich hüten, dich am Rockschoß

festzuhalten, denn ich weiß, du rappelst dich selbst wieder heraus

und sprichst, zum Tode erkrankt: >Das bißchen Schnupfen bekam ich

im Traume<; aber ein böses Fieber wird zehren an deinem Lebensmark,

und Jahre werden hingehen, ehe du dich ermannst. Hol' der Teufel

deine Musik, wenn du damit nichts Besseres anzufangen weißt, als

empfindelnde Weiber hinauszutrompeten aus friedlicher Ruhe.«

»Aber«, unterbrach ich den Alten, »kommt es mir denn in den Sinn, mich

bei der Baronin einzuliebeln?« »Affe!« rief der Alte, »wüßt' ich das,

so würfe ich dich hier durchs Fenster!«

Der Baron unterbrach das peinliche Gespräch, und das beginnende

Geschäft riß mich auf aus der Liebesträumerei, in der ich nur

Seraphinen sah und dachte. In der Gesellschaft sprach die Baronin nur

dann und wann mit mir einige freundliche Worte, aber beinahe kein

Abend verging, daß nicht heimliche Botschaft kam von Fräulein

Adelheid, die mich hinrief zu Seraphinen. Bald geschah es, daß

mannigfache Gespräche mit der Musik wechselten. Fräulein Adelheid, die

beinahe nicht jung genug war, um so naiv und drollig zu sei, sprang

mit allerlei lustigem und etwas konfusem Zeuge dazwischen, wenn ich

und Seraphine uns zu vertiefen begannen in sentimentale Ahnungen und

Träumereien. Aus mancher Andeutung mußt' ich bald erfahren, daß der

Baronin wirklich irgend etwas Verstörendes im Sinn liege, wie ich

es gleich, als ich sie zum ersten Male sah, in ihrem Blick zu lesen

glaubte, und die feindliche Wirkung des Hausgespenstes ging mir ganz

klar auf. Irgend etwas Entsetzliches war oder sollte geschehen. Wie

oft drängte es mich, Seraphinen zu erzählen, wie mich der unsichtbare

Feind berührt, und wie ihn der Alte, gewiß für immer, gebannt habe,

aber eine mir selbst unerklärliche Scheu fesselte mir die Zunge in dem

Augenblick, als ich reden wollte.

Eines Tages fehlte die Baronin bei der Mittagstafel; es hieß, sie

kränkle und könne das Zimmer nicht verlassen. Teilnehmend frug man

den Baron, ob das Übel von Bedeutung sei. Er lächelte auf fatale

Art, recht wie bitter höhnend, und sprach: »Nichts als ein leichter

Katarrh, den ihr die rauhe Seeluft zugeweht, die nun einmal hier kein

süßes Stimmchen duldet und keine andern Töne leidet, als das derbe

Halloh der Jagd.« - Bei diesen Worten warf der Baron mir, der ihm

schrägüber saß, einen stechenden Blick zu.

Nicht zu dem Nachbar, zu mir hatte er gesprochen. Fräulein Adelheid,

die neben mir saß, wurde blutrot; vor sich hin auf den Teller starrend

und mit der Gabel darauf herumkritzelnd, lispelte sie: »Und noch heute

siehst du Seraphinen, und noch heute werden deine süßen Liederchen

beruhigend sich an das kranke Herz legen.« Auch Adelheid sprach diese

Worte für mich, aber in dem Augenblick war es mir, als stehe ich mit

der Baronin in unlauterm verbotenem Liebesverhältnis, das nur mit dem

Entsetzlichen, mit einem Verbrechen, endigen könne.

Die Warnungen des Alten fielen mir schwer aufs Herz. - Was sollte ich

beginnen! Sie nicht mehr sehen? - Das war, solange ich im Schlosse

blieb, unmöglich, und durfte ich auch das Schloß verlassen und nach K.

zurückgehen, ich vermochte es nicht. Ach! nur zu sehr fühlt' ich, daß

ich nicht stark genug war, mich selbst aufzurütteln aus dem Traum,

der mich mit fantastischem Liebesglück neckte. Adelheid erschien mir

beinahe als gemeine Kupplerin, ich wollte sie deshalb verachten und

doch, mich wieder besinnend, mußte ich mich meiner Albernheit schämen.

Was geschah in jenen seligen Abendstunden, das nur im mindesten ein

näheres Verhältnis mit Seraphinen, als Sitte und Anstand es erlaubten,

herbeiführen konnte? Wie durfte es mir einfallen, daß die Baronin

irgend etwas für mich fühlen sollte, und doch war ich von der Gefahr

meiner Lage überzeugt!

Die Tafel wurde zeitiger aufgehoben, weil es noch auf Wölfe gehen

sollte, die sich in dem Föhrenwalde, ganz nahe dem Schlosse, hatten

blicken lassen. Die Jagd war mir recht in meiner aufgeregten Stimmung,

ich erklärte dem Alten, mitziehn zu wollen, er lächelte mich zufrieden

an, sprechend: »Das ist brav, daß du auch einmal dich herausmachst,

ich bleibe heim, du kannst meine Büchse nehmen, und schnalle auch

meinen Hirschfänger um, im Fall der Not ist das eine gute sichre

Waffe, wenn man nur gleichmütig bleibt.«

Der Teil des Waldes, in dem die Wölfe lagern mußten, wurde von den

Jägern umstellt. Es war schneidend kalt, der Wind heulte durch die

Föhren und trieb mir die hellen Schneeflocken ins Gesicht, daß ich,

als nun vollends die Dämmerung einbrach, kaum sechs Schritte vor mir

hinschauen konnte. Ganz erstarrt verließ ich den mir angewiesenen

Platz und suchte Schutz tiefer im Walde. Da lehnte ich an einem Baum,

die Büchse unterm Arm. Ich vergaß die Jagd, meine Gedanken trugen mich

fort zu Seraphinen ins heimische Zimmer. Ganz entfernt fielen Schüsse,

in demselben Moment rauschte es im Röhricht, und nicht zehn Schritte

von mir erblickte ich einen starken Wolf, der vorüberrennen wollte.

Ich legte an, drückte ab, - ich hatte gefehlt, das Tier sprang mit

glühenden Augen auf mich zu, ich war verloren, hatte ich nicht

Besonnenheit genug, das Jagdmesser herauszureißen, das ich dem Tier,

als es mich packen wollte, tief in die Gurgel stieß, so daß das Blut

mir über Hand und Arm spritzte. Einer von den Jägern des Barons, der

mir unfern gestanden, kam nun mit vollem Geschrei herangelaufen, und

auf seinen wiederholten Jagdruf sammelten sich alle um uns.

Der Baron eilte auf mich zu: »Um des Himmels willen. Sie bluten? - Sie

bluten - Sie sind verwundet?« Ich versicherte das Gegenteil; da fiel

der Baron über den Jäger her, der mir der nächste gestanden, und

überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er nicht nachgeschossen, als ich

gefehlt, und unerachtet dieser versicherte, daß das gar nicht möglich

gewesen, weil in derselben Sekunde der Wolf auf mich zugestürzt, so

daß jeder Schuß mich hätte treffen können, so blieb doch der Baron

dabei, daß er mich, als einen minder erfahrnen Jäger, in besondere

Obhut hätte nehmen sollen.

Unterdessen hatten die Jäger das Tier aufgehoben, es war das größte

der Art, das sich seit langer Zeit hatte sehen lassen, und man

bewunderte allgemein meinen Mut und meine Entschlossenheit, unerachtet

mir mein Benehmen sehr natürlich schien, und ich in der Tat an die

Lebensgefahr, in der ich schwebte, gar nicht gedacht hatte.

Vorzüglich bewies sich der Baron teilnehmend, er konnte gar nicht

aufhören zu fragen, ob ich, sei ich auch nicht von der Bestie

verwundet, doch nichts von den Folgen des Schrecks fürchte. Es ging

zurück nach dem Schlosse, der Baron faßte mich, wie einen Freund,

unter den Arm, die Büchse mußte ein Jäger tragen. Er sprach noch

immer von meiner heroischen Tat, so daß ich am Ende selbst an meinen

Heroismus glaubte, alle Befangenheit verlor und mich selbst dem

Baron gegenüber als ein Mann von Mut und seltener Entschlossenheit

festgestellt fühlte.

Der Schulknabe hatte sein Examen glücklich bestanden, war kein

Schulknabe mehr, und alle demütige Ängstlichkeit des Schulknaben

war von ihm gewichen. Erworben schien mir jetzt das Recht, mich

um Seraphinens Gunst zu mühen. Man weiß ja, welcher albernen

Zusammenstellungen die Fantasie eines verliebten Jünglings fähig ist.

Im Schlosse, am Kamin bei dem rauchenden Punschnapf, blieb ich der

Held des Tages; nur der Baron selbst hatte außer mir noch einen

tüchtigen Wolf erlegt, die übrigen mußten sich begnügen, ihre

Fehlschüsse dem Wetter - der Dunkelheit zuzuschreiben und greuliche

Geschichten von sonst auf der Jagd erlebtem Glück und überstandener

Gefahr zu erzählen.

Von dem Alten glaubte ich nun gar sehr gelobt und bewundert zu werden;

mit diesem Anspruch erzählte ich ihm mein Abenteuer ziemlich breit und

vergaß nicht, das wilde, blutdürstige Ansehn der wilden Bestie mit

recht grellen Farben auszumalen. Der Alte lachte mir aber ins Gesicht

und sprach: »Gott ist mächtig in den Schwachen!«

Als ich des Trinkens, der Gesellschaft überdrüssig, durch den Korridor

nach dem Gerichtssaal schlich, sah ich vor mir eine Gestalt, mit dem

Licht in der Hand, hineinschlüpfen. In den Saal tretend, erkannte ich

Fräulein Adelheid. »Muß man nicht umherirren wie ein Gespenst, wie ein

Nachtwandler, um Sie, mein tapferer Wolfsjäger, aufzufinden!« - So

lispelte sie mir zu, indem sie mich bei der Hand ergriff.

Die Worte: »Nachtwandler - Gespenst«, fielen mir, hier an diesem Orte

ausgesprochen, schwer aufs Herz; augenblicklich brachten sie mir die

gespenstischen Erscheinungen jener beiden graulichen Nächte in Sinn

und Gedanken, wie damals heulte der Seewind in tiefen Orgeltönen

herüber, es knatterte und pfiff schauerlich durch die Bogenfenster,

und der Mond warf sein bleiches Licht gerade auf die geheimnisvolle

Wand, an der sich das Kratzen vernehmen ließ. Ich glaubte Blutflecke

daran zu erkennen.

Fräulein Adelheid mußte, mich noch immer bei der Hand haltend, die

Eiskälte fühlen, die mich durchschauerte. »Was ist Ihnen, was ist

Ihnen«, sprach sie leise, »Sie erstarren ja ganz? - Nun, ich will

Sie ins Leben rufen. Wissen Sie wohl, daß die Baronin es gar nicht

erwarten kann, Sie zu sehen? Eher glaubt sie nicht, daß der böse Wolf

Sie wirklich nicht zerrissen hat. Sie ängstigt sich unglaublich! Ei,

ei, mein Freund, was haben Sie mit Seraphinchen angefangen! Noch

niemals habe ich sie so gesehen. - Hu! - wie jetzt der Puls anfängt zu

prickeln! - wie der tote Herr so plötzlich erwacht ist! Nein, kommen

Sie - fein leise - wir müssen zur kleinen Baronin!«

Ich ließ mich schweigend fortziehen; die Art, wie Adelheid von der

Baronin sprach, schien mir unwürdig, und vorzüglich die Andeutung des

Verständnisses zwischen uns gemein. Als ich mit Adelheid eintrat,

kam Seraphine mir mit einem leisen Ach! drei - vier Schritte rasch

entgegen, dann blieb sie, wie sich besinnend, mitten im Zimmer stehen,

ich wagte, ihre Hand zu ergreifen und sie an meine Lippen zu drücken.

Die Baronin ließ ihre Hand in der meinigen ruhen, indem sie sprach:

»Aber mein Gott, ist es denn Ihres Berufs, es mit Wölfen aufzunehmen?

Wissen Sie denn nicht, daß Orpheus', Amphions fabelhafte Zeit

längst vorüber ist, und daß die wilden Tiere allen Respekt vor den

vortrefflichsten Sängern ganz verloren haben?«

Diese anmutige Wendung, mit der die Baronin ihrer lebhaften Teilnahme

sogleich alle Mißdeutung abschnitt, brachte mich augenblicklich in

richtigen Ton und Takt. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ich

nicht, wie gewöhnlich, mich an das Instrument setzte, sondern neben

der Baronin auf dem Kanapee Platz nahm.

Mit dem Wort: »Und wie kamen Sie denn in Gefahr?« erwies sich unser

Einverständnis, daß es heute nicht auf Musik, sondern auf Gespräch

abgesehen sei. Nachdem ich meine Abenteuer im Walde erzählt und der

lebhaften Teilnahme des Barons erwähnt, mit der leisen Andeutung, daß

ich ihn deren nicht für fähig gehalten, fing die Baronin mit sehr

weicher, beinahe wehmütiger Stimme an: »O, wie muß Ihnen der Baron so

stürmisch, so rauh vorkommen, aber glauben Sie mir, nur während des

Aufenthalts in diesen finstern unheimlichen Mauern, nur während des

wilden Jagens in den öden Föhrenwäldern ändert er sein ganzes Wesen,

wenigstens sein äußeres Betragen. Was ihn vorzüglich so ganz und gar

verstimmt, ist der Gedanke, der ihn beständig verfolgt, daß hier

irgend etwas Entsetzliches geschehen werde: daher hat ihn Ihr

Abenteuer, das zum Glück ohne üble Folgen blieb, gewiß tief

erschüttert.

Nicht den geringsten seiner Diener will er der mindesten Gefahr

ausgesetzt wissen, viel weniger einen lieben neugewonnenen Freund,

und ich weiß gewiß, daß Gottlieb, dem er schuld gibt, Sie im Stiche

gelassen zu haben, wo nicht mit Gefängnis bestraft werden, doch die

beschämende Jägerstrafe dulden wird, ohne Gewehr, mit einem Knittel in

der Hand, sich dem Jagdgefolge anschließen zu müssen.

Schon, daß solche Jagden, wie hier, nie ohne Gefahr sind, und daß der

Baron, immer Unglück befürchtend, doch in der Freude und Lust daran

selbst den bösen Dämon neckt, bringt etwas Zerrissenes in sein Leben,

das feindlich selbst auf mich wirken muß. Man erzählt viel Seltsames

von dem Ahnherrn, der das Majorat stiftete, und ich weiß es wohl, daß

ein düsteres Familiengeheimnis, das in diesen Mauern verschlossen, wie

ein entsetzlicher Spuk die Besitzer wegtreibt und es ihnen nur möglich

macht, eine kurze Zeit hindurch im lauten wilden Gewühl auszudauern.

Aber ich! wie einsam muß ich mich in diesem Gewühl befinden, und wie

muß mich das Unheimliche, das aus allen Wänden weht, im Innersten

aufregen! Sie, mein lieber Freund, haben mir die ersten heitern

Augenblicke, die ich hier verlebte, durch Ihre Kunst verschafft! - wie

kann ich Ihnen denn herzlich genug dafür danken!« - Ich küßte die mir

dargebotenen Hand, indem ich erklärte, daß auch ich gleich am ersten

Tage oder vielmehr in der ersten Nacht das Unheimliche des Aufenthalts

bis zum tiefsten Entsetzen gefühlt habe.

Die Baronin blickte mir starr ins Gesicht, als ich jenes Unheimliche

der Bauart des ganzen Schlosses, vorzüglich den Verzierungen im

Gerichtssaal, dem sausenden Seewinde u.s.w. zuschrieb. Es kann sein,

daß Ton und Ausdruck darauf hindeuteten, daß ich noch etwas anderes

meine, genug, als ich schwieg, rief die Baronin heftig: »Nein, nein -

es ist Ihnen irgend etwas Entsetzliches geschehen in jenem Saal, den

ich nie ohne Schauer betrete! - ich beschwöre Sie - sagen Sie mir

alles!«-

Zur Totenblässe war Seraphinens Gesicht verbleicht, ich sah wohl

ein, daß es nun geratener sei, daß ich alles, was mir widerfahren,

getreulich zu erzählen, als Seraphinens aufgeregter Fantasie es zu

überlassen, vielleicht einen Spuk, der in mir unbekannter Beziehung,

noch schrecklicher sein konnte als der erlebte, sich auszubilden. Sie

hörte mich an, und immer mehr und mehr stieg ihre Beklommenheit und

Angst. Als ich des Kratzens an der Wand erwähnte, schrie sie auf:

»Das ist entsetzlich - ja, ja in dieser Mauer ist jenes fürchterliche

Geheimnis verborgen!«

Als ich dann weiter erzählte, wie der Alte mit geistiger Gewalt und

Übermacht den Spuk gebannt, seufzte sie tief, als würde sie frei von

einer schweren Last, die ihre Brust gedrückt. Sich zurücklehnend,

hielt sie beide Hände vors Gesicht. Erst jetzt bemerkte ich, daß

Adelheid uns verlassen.

Längst hatte ich geendet, und da Seraphine noch immer schwieg,

stand ich leise auf, ging an das Instrument und mühte mich, in

anschwellenden Akkorden tröstende Geister heraufzurufen, die

Seraphinen dem finstern Reiche, das sich ihr in meiner Erzählung

erschlossen, entführen sollten. Bald intonierte ich so zart, als ich

es vermochte, eine jener heiligen Kanzonen des Abbate Steffani.

In den wehmutsvollen Klängen des: »Ooi, perchè piangete« - erwachte

Seraphine aus düstern Träumen und horchte mild lächelnd, glänzende

Perlen in den Augen, mir zu. - Wie geschah es denn, daß ich vor ihr

hinkniete, daß sie sich zu mir herabbeugte, daß ich sie mit meinen

Armen umschlang, daß ein langer glühender Kuß auf meinen Lippen

brannte? - Wie geschah es denn, daß ich nicht die Besinnung verlor,

daß ich es fühlte, wie sie sanft mich an sich drückte, daß ich sie aus

meinen Armen ließ und, schnell mich emporrichtend, an das Instrument

trat?

Von mir abgewendet, ging die Baronin einige Schritte nach dem Fenster

hin, dann kehrte sie um und trat mit einem beinahe stolzen Anstande,

der ihr sonst gar nicht eigen, auf mich zu. Mir fest ins Auge

blickend, sprach sie: »Ihr Onkel ist der würdigste Greis, den

ich kenne, er ist der Schutzengel unserer Familie - möge er mich

einschließen in sein frommes Gebet!«

Ich war keines Wortes mächtig, verderbliches Gift, das ich in jenem

Kusse eingezogen, gärte und flammte in allen Pulsen, in allen Nerven!

- Fräulein Adelheid trat herein - die Wut des innern Kampfes strömte

aus in heißen Tränen, die ich nicht zurückzudrängen vermochte!

Adelheid blickte mich verwundert und zweifelhaft lächelnd an - ich

hätte sie ermorden können. Die Baronin reichte mir die Hand und sprach

mit unbeschreiblicher Milde: »Leben Sie wohl, mein lieber Freund! -

Leben Sie recht wohl, denken Sie daran, daß vielleicht niemand besser

als ich Ihre Musik verstand. - Ach! diese Töne werden lange - lange in

meinem Innern wiederklingen.«

Ich zwang mir einige unzusammenhängende alberne Worte ab und lief nach

unserm Gemach. Der Alte hatte sich schon zur Ruhe begeben. Ich blieb

im Saal, ich stürzte auf die Knie, ich weinte laut - ich rief den

Namen der Geliebten, kurz, ich überließ mich den Torheiten des

verliebten Wahnsinns trotz einem, und nur der laute Zuruf des über

mein Toben aufgewachten Alten: »Vetter, ich glaube du bist verrückt

geworden oder balgst dich aufs neue mit einem Wolf? - Schier dich zu

Bette, wenn es dir sonst gefällig ist«- nur dieser Zuruf trieb mich

hinein ins Gemach, wo ich mich mit dem festen Vorsatz niederlegte, nur

von Seraphinen zu träumen.

Es mochte schon nach Mitternacht sein, als ich, noch nicht

eingeschlafen, entfernte Stimmen, ein Hin- und Herlaufen und das

Öffnen und Zuschlagen von Türen zu vernehmen glaubte. Ich horchte auf,

da hörte ich Tritte auf dem Korridor sich nahen, die Tür des Saals

wurde geöffnet, und bald klopfte es an unser Gemach.

»Wer ist da?« rief ich laut; da sprach es draußen: »Herr Justitiarius

- Herr Justitiarius, wachen Sie auf - wachen Sie auf!« Ich erkannte

Franzens Stimme, und indem ich frug: »Brennt es im Schlosse?« wurde

der Alte wach und rief: »Wo brennt es? wo ist schon wieder verdammter

Teufelsspuk los?« »Ach, stehen Sie auf, Herr Justitiarius«, sprach

Franz, »stehen Sie auf, der Herr Baron verlangt nach Ihnen!« »Was will

der Baron von mir«, frug der Alte weiter, »was will er von mir zur

Nachtzeit? weiß er nicht, daß das Justitiariat mit dem Justitiarius zu

Bette geht und ebensogut schläft, als er?«

»Ach«, rief nun Franz ängstlich, »lieber Herr Justitiarius, stehen Sie

doch nur auf - die gnädige Frau Baronin liegt im Sterben!« Mit einem

Schrei des Entsetzens fuhr ich auf. »Öffne Franzen die Tür«, rief mir

der Alte zu; besinnungslos wankte ich im Zimmer herum, ohne Tür und

Schloß zu finden. Der Alte mußte mir beistehen, Franz trat bleich mit

verstörtem Gesicht herein und zündete die Lichter an.

Als wir uns kaum in die Kleider geworfen, hörten wir schon den Baron

im Saal rufen: »Kann ich Sie sprechen, lieber V?« »Warum hast du dich

angezogen, Vetter, der Baron hat nur nach mir verlangt?« frug der

Alte, im Begriff herauszutreten. »Ich muß hinab - ich muß sie sehen

und dann sterben«, sprach ich dumpf und wie vernichtet vom trostlosen

Schmerz.

»Ja so! da hast du recht, Vetter!« Dies sprechend, warf mir der Alte

die Tür vor der Nase zu, daß die Angeln klirrten, und verschloß sie

von draußen. Im ersten Augenblick, über diesen Zwang empört, wollt'

ich die Tür einrennen, aber mich schnell besinnend, daß dieses nur die

verderblichen Folgen einer ungezügelten Raserei haben könne, beschloß

ich, die Rückkehr des Alten abzuwarten, dann aber, koste es, was es

wolle, seiner Aufsicht zu entschlüpfen.

Ich hörte den Alten heftig mit dem Baron reden, ich hörte mehrmals

meinen Namen nennen, ohne weiteres verstehen zu können. Mit jeder

Sekunde wurde mir meine Lage tödlicher. Endlich vernahm ich, wie dem

Baron eine Botschaft gebracht wurde, und wie er schnell davonrannte.

Der Alte trat wieder in das Zimmer »Sie ist tot« mit diesem Schrei

stürzte ich dem Alten entgegen »Und du bist närrisch!« fiel er

gelassen ein, faßte mich und drückte mich in einen Stuhl. »lch muß

hinab«, schrie ich, »Ich muß hinab, sie sehen, und sollt' es mir das

Leben kosten!«

»Tue das, lieber Vetter«, sprach der Alte, indem er die Tür verschloß,

den Schlüssel abzog und in die Tasche steckte. Nun flammte ich auf in

toller Wut, ich griff nach der geladenen Büchse und schrie: »Hier vor

Ihren Augen jage ich mir die Kugel durch den Kopf, wenn Sie nicht

sogleich mir die Tür öffnen.« Da trat der Alte dicht vor mir hin

und sprach, indem er mich mit durchbohrendem Blick ins Auge faßte:

»Glaubst du, Knabe, daß du mich mit deiner armseligen Drohung

erschrecken kannst? - Glaubst du, daß mir dein Leben was wert ist,

wenn du vermagst, es in kindischer Albernheit wie ein abgenutztes

Spielzeug wegzuwerfen? Was hast du mit dem Weibe des Barons zu

schaffen? - wer gibt dir das Recht, dich wie ein überlästiger Geck da

hinzudrängen, wo du nicht hingehörst, und wo man dich auch gar nicht

mag? Willst du den liebenden Schäfer machen in ernster Todesstunde?«

Ich sank vernichtet in den Lehnstuhl - Nach einer Weile fuhr der

Alte mit milderer Stimme fort: »Und damit du es nur weißt, mit der

angeblichen Todesgefahr der Baronin ist es wahrscheinlich ganz und gar

nichts - Fräulein Adelheid ist denn nun gleich außer sich über alles,

wenn ihr ein Regentropfen auf die Nase fällt, so schreit sie: >Welch

ein schreckliches Unwetter!< Zum Unglück ist der Feuerlärm bis zu den

alten Tanten gedrungen, die sind unter unziemlichem Weinen mit einem

ganzen Arsenal von stärkenden Tropfen - Lebenselixieren, und was weiß

ich sonst, angerückt - Eine starke Anwandlung von Ohnmacht.«

Der Alte hielt inne, er mochte bemerken, wie ich im Innern kämpfte. Er

ging einigemal die Stube auf und ab, stellte sich wieder vor mir hin,

lachte recht herzlich und sprach: »Vetter, Vetter! was treibst du für

närrisches Zeug? Nun! es ist einmal nicht anders, der Satan treibt

hier seinen Spuk auf mancherlei Weise, du bist ihm ganz lustig in die

Krallen gelaufen, und er macht jetzt sein Tänzchen mit dir.«

Er ging wieder einige Schritte auf und ab, dann sprach er weiter: »Mit

dem Schlaf ist's nun einmal vorbei, und da dächt' ich, man rauchte

eine Pfeife und brächte so noch die paar Stündchen Nacht und

Finsternis hin!« - Mit diesen Worten nahm der Alte eine tönerne Pfeife

vom Wandschrank herab und stopfte sie, ein Liedchen brummend, langsam

und sorgfältig. Dann suchte er unter vielen Papieren, bis er ein Blatt

herausriß, es zum Fidibus zusammenknetete und ansteckte.

Die dicken Rauchwolken von sich blasend, sprach er zwischen den

Zähnen: »Nun, Vetter, wie war es mit dem Wolf?« Ich weiß nicht, wie

dies ruhige Treiben des Alten seltsam auf mich wirkte. - Es war, als

sei ich gar nicht mehr in R..sitten - die Baronin weit weit von mir

entfernt, so daß ich sie nur mit den geflügelten Gedanken erreichen

könne! - Die letzte Frage des Alten verdroß mich. »Aber«, fiel ich

ein, »finden Sie mein Jagdabenteuer so lustig, so zum Bespötteln

geeignet?«

»Mitnichten«, erwiderte der Alte, »mitnichten, Herr Vetter, aber du

glaubst nicht, welch komisches Gesicht solch ein Kiekindiewelt wie

du schneidet, und wie er sich überhaupt so possierlich dabei macht,

wenn der liebe Gott ihn einmal würdigt, was Besonderes ihm passieren

zu lassen. Ich hatte einen akademischen Freund, der ein stiller,

besonnener, mit sich einiger Mensch war. Der Zufall verwickelte ihn,

der nie Anlaß zu dergleichen gab, in eine Ehrensache, und er, den die

mehresten Burschen für einen Schwächling, für einen Pinsel hielten,

benahm sich dabei mit solchem ernstem entschlossenem Mute, daß alle

ihn höchlich bewunderten.

Aber seit der Zeit war er auch umgewandelt. Aus dem fleißigen

besonnenen Jünglinge wurde ein prahlhafter, unausstehlicher Raufbold.

Er kommerschierte und jubelte und schlug, dummer Kinderei halber,

sich so lange, bis ihn der Senior einer Landsmannschaft, die er auf

pöbelhafte Weise beleidigt, im Duell niederstieß.

Ich erzähle dir das nur so, Vetter, du magst dir dabei denken, was du

willst! Um nun wieder auf die Baronin und ihre Krankheit zu kommen«-

Es ließen sich in dem Augenblick leise Tritte auf dem Saal hören, und

mir war es, als ginge ein schauerliches Ächzen durch die Lüfte! »Sie

ist hin!« - der Gedanke durchfuhr mich wie ein tötender Blitz!

Der Alte stand rasch auf und rief laut: »Franz Franz!« »Ja, lieber

Herr Justitiarius«, antwortete es draußen. »Franz«, fuhr der Alte

fort, »schüre ein wenig das Feuer im Kamin zusammen, und ist es

tunlich, so magst du für uns ein paar Tassen guten Tee bereiten! - Es

ist verteufelt kalt«, wandte sich der Alte zu mir, »und da wollen wir

uns lieber draußen am Kamine was erzählen.« Der Alte schloß die Tür

auf, ich folgte ihm mechanisch.

»Wie geht's unten?«, frug der Alte. »Ach«, erwiderte Franz, »es hatte

gar nicht viel zu bedeuten, die gnädige Frau Baronin sind wieder ganz

munter und schieben das bißchen Ohnmacht auf einen bösen Traum!« Ich

wollte aufjauchzen vor Freude und Entzücken, ein sehr ernster Blick

des Alten wies mich zur Ruhe. »Ja«, sprach der Alte, »im Grunde

genommen wär's doch besser, wir legten uns noch ein paar Stündchen

aufs Ohr - Laß es nur gut sein mit dem Tee, Franz!«

»Wie Sie befehlen, Herr Justitiarius«, erwiderte Franz und verließ den

Saal mit dem Wunsch einer geruhsamen Nacht, unerachtet schon die Hähne

krähten. »Höre, Vetter«, sprach der Alte, indem er die Pfeife im

Kamin ausklopfte, »höre, Vetter, gut ist's doch, daß dir kein Malheur

passiert ist mit Wölfen und geladenen Büchsen!« Ich verstand jetzt

alles und schämte mich, daß ich dem Alten Anlaß gab, mich zu behandeln

wie ein ungezogenes Kind.

»Sei so gut«, sprach der Alte am andern Morgen, »sei so gut, lieber

Vetter, steige herab und erkundige dich, wie es mit der Baronin steht.

Du kannst nur immer nach Fräulein Adelheid fragen, die wird dich denn

wohl mit einem tüchtigen Bulletin versehen.« - Man kann denken, wie

ich hinabeilte. Doch in dem Augenblick, als ich leise an das Vorgemach

der Baronin pochen wollte, trat mir der Baron rasch aus demselben

entgegen.

Er blieb verwundert stehen und maß mich mit finsterm, durchbohrenden

Blick. »Was wollen Sie hier!« fuhr es ihm heraus. Unerachtet mir das

Herz im Innersten schlug, nahm ich mich zusammen und erwiderte mit

festem Ton: »Mich im Auftrage des Onkels nach dem Befinden der

gnädigen Frau erkundigen.« »O es war ja gar nichts - ihr gewöhnlicher

Nervenzufall. Sie schläft sanft, und ich weiß, daß sie wohl und munter

bei der Tafel erscheinen wird! Sagen Sie das - Sagen Sie das« Dies

sprach der Baron mit einer gewissen leidenschaftlichen Heftigkeit, die

mir anzudeuten schien, daß er um die Baronin besorgter sei, als er es

wolle merken lassen.

Ich wandte mich, um zurückzukehren, da ergriff der Baron plötzlich

meinen Arm und rief mit flammendem Blick: »Ich habe mit Ihnen zu

sprechen, junger Mann!« Sah ich nicht den schwerbeleidigten Gatten vor

mir, und mußt' ich nicht einen Auftritt befürchten, der vielleicht

schmachvoll für mich enden konnte? Ich war unbewaffnet, doch im Moment

besann ich mich auf mein künstliches Jagdmesser, das mir der Alte erst

in R..sitten geschenkt und das ich noch in der Tasche trug.

Nun folgte ich dem mich rasch fortziehenden Baron mit dem Entschluß,

keines Leben zu schonen, wenn ich Gefahr laufen sollte, unwürdig

behandelt zu werden. Wir waren in des Barons Zimmer eingetreten,

dessen Tür er hinter sich abschloß. Nun schritt er mit

übereinandergeschlagenen Armen heftig auf und ab, dann blieb er vor

mir stehen und wiederholte: »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, junger

Mann!«

Der verwegenste Mut war mir gekommen, und ich wiederholte mit erhöhtem

Ton: »Ich hoffe, daß es Worte sein werden, die ich ungeahndet hören

darf!« Der Baron schaute mich verwundert an, als verstehe er mich

nicht. Dann blickte er finster zur Erde, schlug die Arme über den

Riicken und fing wieder an im Zimmer auf und ab zu rennen. Er nahm die

Büchse herab und stieß den Ladestock hinein, als wolle er versuchen,

ob sie geladen sei oder nicht!

Das Blut stieg mir in den Adern, ich faßte nach dem Messer und schritt

dicht auf den Baron zu, um es ihm unmöglich zu machen, auf mich

anzulegen. »Ein schönes Gewehr«, sprach der Baron, die Büchse wieder

in den Winkel stellend. Ich trat einige Schritte zurück und der Baron

an mich heran; kräftiger auf meine Schulter schlagend, als gerade

nötig, sprach er dann: »Ich muß Ihnen aufgeregt und verstört

vorkommen, Theodor, ich bin es auch wirklich von der in tausend

Ängsten durchwachten Nacht.

Der Nervenzufall meiner Frau war durchaus nicht gefährlich, das sehe

ich jetzt ein, aber hier - hier in diesem Schloß, in das ein finstrer

Geist gebannt ist, fürcht' ich das Entsetzliche, und dann ist es auch

das erstemal, daß sie hier erkrankte. Sie - Sie allein sind schuld

daran!«

Wie das möglich sein könne, davon hätte ich keine Ahnung, erwiderte

ich gelassen. »Oh«, fuhr der Baron fort, »o wäre der verdammte

Unglückskasten der Inspektorin auf blankem Eise zerbrochen in tausend

Stücke, o wären Sie doch nein! - nein! Es sollte, es mußte so sein,

und ich allein bin schuld an allem. An mir lag es, in dem Augenblick,

als Sie anfingen in dem Gemach meiner Frau Musik zu machen, Sie von

der ganzen Lage der Sache, von der Gemütsstimmung meiner Frau zu

unterrichten.«

Ich machte Miene zu sprechen »Lassen Sie mich reden«, rief der Baron,

»ich muß im voraus Ihnen alles voreilige Urteil abschneiden. Sie

werden mich für einen rauhen, der Kunst abholden Mann halten. Ich bin

das keineswegs, aber eine auf tiefe Überzeugung gebaute Rücksicht

nötigt mich, hier womöglich solcher Musik, die jedes Gemüt und auch

gewiß das meinige ergreift, den Eingang zu versagen. Erfahren Sie,

daß meine Frau an einer Erregbarkeit kränkelt, die am Ende alle

Lebensfreude wegzehren muß.

In diesen wunderlichen Mauern kommt sie gar nicht heraus aus dem

erhöhten, überreizten Zustande, der sonst nur momentan einzutreten

pflegt, und zwar oft als Vorbote einer ernsten Krankheit. Sie fragen

mit Recht, warum ich der zarten Frau diesen schauerlichen Aufenthalt,

dieses wilde verwirrte Jägerleben nicht erspare? Aber nennen Sie

es immerhin Schwäche, genug, mir ist es nicht möglich, sie allein

zurückzulassen. In tausend Ängsten und nicht fähig Ernstes zu

unternehmen würde ich sein, denn ich weiß es, die entsetzlichsten

Bilder von allerlei verstörendem Ungemach, das ihr widerfahren,

verließen mich nicht im Walde, nicht im Gerichtssaal.

Dann aber glaube ich, daß dem schwächlichen Weibe gerade diese

Wirtschaft hier wie ein erkräftigendes Stahlbad anschlagen muß.

Wahrhaftig, der Seewind, der nach seiner Art tüchtig durch die Föhren

saust, das dumpfe Gebelle der Doggen, der keck und munter schmetternde

Hörnerklang muß hier siegen über die verweichelnden, schmachtelnden

Pinseleien am Klavier, das so kein Mann spielen sollte, aber Sie haben

es darauf angelegt, meine Frau methodisch zu Tode zu quälen!«

Der Baron sagte dies mit verstärkter Stimme und wildfunkelnden Augen -

das Blut stieg mir in den Kopf, ich machte eine heftige Bewegung mit

der Hand gegen den Baron, ich wollte sprechen, er ließ mich nicht zu

Worte kommen »Ich weiß, was Sie sagen wollen«, fing er an, »ich weiß

es und wiederhole es, daß Sie auf dem Wege waren, meine Frau zu töten,

und daß ich Ihnen dies auch nicht im mindesten zurechnen kann, wiewohl

Sie begreifen, daß ich dem Dinge Einhalt tun muß. - Kurz! - Sie

exaltieren meine Frau durch Spiel und Gesang, und als sie in dem

bodenlosen Meere träumerischer Visionen und Ahnungen, die Ihre Musik

wie ein böser Zauber heraufbeschworen hat, ohne Halt und Steuer

umherschwimmt, drücken Sie sie hinunter in die Tiefe mit der Erzählung

eines unheimlichen Spuks, der Sie oben im Gerichtssaal geneckt haben

soll.

Ihr Großonkel hat mir alles erzählt, aber ich bitte Sie, wiederholen

Sie mir alles, was Sie sahen oder nicht sahen - hörten - fühlten

- ahnten.« Ich nahm mich zusammen und erzählte ruhig, wie es sich

damit begeben, von Anfang bis zu Ende. Der Baron warf nur dann und

wann einzelne Worte, die sein Erstaunen ausdrückten, dazwischen.

Als ich darauf kam, wie der Alte sich mit frommem Mut dem Spuk

entgegengestellt und ihn gebannt habe mit kräftigen Worten, schlug

er die Hände zusammen, hob sie gefaltet zum Himmel empor und rief

begeistert: »Ja, er ist der Schutzgeist der Familie! ruhen soll in der

Gruft der Ahnen seine sterbliche Hülle!«

Ich hatte geendet. »Daniel, Daniel! was machst du hier zu

dieser Stunde!« murmelte der Baron in sich hinein, indem er mit

übereinandergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abschritt. »Weiter

war es also nichts, Herr Baron?« frug ich laut, indem ich Miene machte

mich zu entfernen. Der Baron fuhr auf wie aus einem Traum, faßte

freundlich mich bei der Hand und sprach: »Ja lieber Freund, meine

Frau, der Sie so arg mitgespielt haben, ohne es zu wollen, die müssen

Sie wieder herstellen, - Sie allein können das.«

Ich fühlte mich errötend, und stand ich dem Spiegel gegenüber, so

erblickte ich gewiß in demselben ein sehr albernes verdutztes Gesicht.

Der Baron schien sich an meiner Verlegenheit zu weiden, er blickte mir

unverwandt ins Auge mit einem recht fatalen ironischen Lächeln. »Wie

in aller Welt sollte ich es anfangen«, stotterte ich endlich mühsam

heraus.

»Nun, nun«, unterbrach mich der Baron, »Sie haben es mit keiner

gefährlichen Patientin zu tun. Ich nehme jetzt ausdrücklich Ihre

Kunst in Anspruch. Die Baronin ist nun einmal hereingezogen in den

Zauberkreis Ihrer Musik, und sie plötzlich herauszureißen, würde

töricht und grausam sein. Setzen Sie die Musik fort. Sie werden zur

Abendstunde in den Zimmern meiner Frau jedesmal willkommen sein. Aber

gehen Sie nach und nach über zu kräftigerer Musik, verbinden Sie

geschickt das Heitere mit dem Ernsten und dann, vor allen Dingen,

wiederholen Sie die Erzählung von dem unheimlichen Spuk recht oft. Die

Baronin gewöhnt sich daran, sie vergißt, daß der Spuk hier in diesen

Mauern hauset, und die Geschichte wirkt nicht stärker auf sie, als

jedes andere Zaubermärchen, das in irgendeinem Roman, in irgendeinem

Gespensterbuch ihr aufgetischt worden. Das tun sie, lieber Freund.«

Mit diesen Worten entließ mich der Baron. Ich ging - Ich war

vernichtet in meinem eignen Innern, herabgesunken zum bedeutungslosen,

törichten Kinde! Ich Wahnsinniger, der ich glaubte, Eifersucht könne

sich in seiner Brust regen; er selbst schickt mich zu Seraphinen, er

selbst sieht in mir nur das willenlose Mittel, das er braucht und

wegwirft, wie es ihm beliebt! Vor wenigen Minuten fürchtete ich den

Baron, es lag in mir tief im Hintergrunde verborgen das Bewußtsein

der Schuld, aber diese Schuld ließ mich das höhere, herrliche Leben

deutlich fühlen, dem ich zugereift; nun war alles versunken in

schwarze Nacht, und ich sah nur den albernen Knaben, der in kindischer

Verkehrtheit die papierne Krone, die er sich auf den heißen Kopf

stülpte, für echtes Gold gehalten.

Nachtstücke · 第 13 / 16 题