Trabacchio mit Namen, den man seiner geheimnisvollen stets glücklichen
Kuren wegen insgemein den Wunderdoktor zu nennen pflegte. Es schien,
als wenn das Alter nichts über ihn vermöge; denn er schritt rasch
und jugendlich daher, unerachtet mehrere Eingeborne ihm nachrechnen
konnten, daß er an die achtzig Jahre alt sein müßte. Sein Gesicht war
auf eine seltsame grausige Weise verzerrt und verschrumpft, und seinen
Blick konnte man kaum ohne innern Schauer ertragen, wiewohl er oft
den Kranken wohl tat, so daß man sagte, bloß durch den scharf auf den
Kranken gehefteten Blick heile er oftmals schwere hartnäckige Übel.
Über seinen schwarzen Anzug warf er gewöhnlich einen weiten roten
Mantel mit goldnen Tressen und Troddeln, unter dessen bauschichten
Falten der lange Stoßdegen hervorragte. So lief er mit einer Kiste
seiner Arzneien, die er selbst bereitete, durch die Straßen von Neapel
zu seinen Kranken, und jeder wich ihm scheu aus. Nur in der höchsten
Not wandte man sich an ihn, aber niemals schlug er es aus einen
Kranken zu besuchen, hatte er dabei auch nicht sonderlichen Gewinn zu
hoffen. Mehrere Weiber starben ihm schnell; immer waren sie ausnehmend
schön und insgemein Landdirnen gewesen. Er sperrte sie ein und
erlaubte ihnen, nur unter Begleitung einer alten ekelhaft häßlichen
Frau die Messe zu hören. Diese Alte war unbestechlich; jeder noch so
listig angelegte Versuch junger Lüstlinge, den schönen Frauen des
Doktor Trabacchio näher zu kommen, blieb fruchtlos. Unerachtet Doktor
Trabacchio von Reichen sich gut bezahlen ließ, so stand doch seine
Einnahme mit dem Reichtum an Geld und Kleinodien, den er in seinem
Hause aufgehäuft hatte und den er niemanden verhehlte, in keinem
Verhältnis. Dabei war er zu Zeiten freigebig bis zur Verschwendung,
und hatte die Gewohnheit jedesmal, wenn ihm eine Frau gestorben, ein
Gastmahl zu geben, dessen Aufwand wohl doppelt soviel betrug, als
die reichste Einnahme, die ihm seine Praxis ein ganzes Jahr hindurch
verschaffte. Mit seiner letzten Frau hatte er einen Sohn erzeugt, den
er ebenso einsperrte, wie seine Weiber; niemand bekam ihn zu sehen.
Nur bei dem Gastmahl, das er nach dem Tode dieser Frau gab, saß der
kleine dreijährige Knabe an seiner Seite, und alle Gäste waren über
die Schönheit und die Klugheit des Kindes [verwundert], das man,
verriet sein körperliches Ansehen nicht sein Alter, seinem Benehmen
nach wenigstens für zwölfjährig hätte halten können. Eben bei diesem
Gastmahl äußerte der Doktor Trabacchio, daß, da nunmehr sein Wunsch,
einen Sohn zu haben, erreicht sei, er nicht mehr heiraten werde. Sein
übermäßiger Reichtum, aber noch mehr sein geheimnisvolles Wesen, seine
wunderbaren Kuren, die bis ins Unglaubliche gingen, da bloß einigen
von ihm bereiteten und eingeflößten Tropfen, ja oft bloß seiner
Betastung, seinem Blick, die hartnäckigsten Krankheiten wichen, gaben
endlich Anlaß zu allerlei seltsamen Gerüchten, die sich in Neapel
verbreiteten. Man hielt den Doktor Trabacchio für einen Alchymisten,
für einen Teufelsbeschwörer, ja man gab ihm endlich schuld, daß er
mit dem Satan im Bündnis stehe. Die letzte Sage entstand aus einer
seltsamen Begebenheit, die sich mit einigen Edelleuten in Neapel
zutrug. Diese kehrten einst spät in der Nacht von einem Gastmahl
zurück und gerieten, da sie im Weinrausch den Weg verfehlt, in eine
einsame verdächtige Gegend. Da rauschte und raschelte es vor ihnen und
sie wurden mit Entsetzen gewahr, daß ein großer leuchtendroter Hahn,
ein zackicht Hirschgeweihe auf dem Kopfe tragend, mit ausgebreiteten
Flügeln. daherschritt, und sie mit menschlichen funkelnden Augen
anstarrte. Sie drängten sich in eine Ecke, der Hahn schritt vorüber,
und ihm folgte eine große Figur im glänzenden goldverbrämten Mantel.
Sowie die Gestalten vorüber waren, sagte einer von den Edelleuten
leise: »Das war der Wunderdoktor Trabacchio.« Alle, nüchtern geworden
durch den entsetzlichen Spuk, ermutigten sich und folgten dem
angeblichen Doktor mit dem Hahn, dessen Leuchten den genommenen
Weg zeigte. Sie sahen, wie die Gestalten wirklich auf das Haus des
Doktors, das auf einem fernen leeren öden Platze stand, zuschritten.
Vor dem Hause angekommen, rauschte der Hahn in die Höhe, und schlug
mit den Flügeln an das große Fenster über dem Balkon, das sich
klirrend öffnete; die Stimme eines alten Weibes meckerte: »Kommt -
kommt nach Haus - kommt nach Haus - warm ist das Bett, und Liebchen
wartet lange schon - lange schon!« Da war es, als stiege der Doktor
auf einer unsichtbaren Leiter empor, und rausche nach dem Hahn durch
das Fenster, welches zugeschlagen wurde, daß es die einsame Straße
entlang klirrte und dröhnte. Alles war im schwarzen Dunkel der Nacht
verschwunden und die Edelleute standen stumm und starr vor Grausen
und Entsetzen. Dieser Spuk, die Überzeugung der Edelleute, daß die
Gestalt, der der teuflische Hahn vorleuchtete, niemand anders, als der
verrufene Doktor Trabacchio gewesen, war für das geistliche Gericht,
dem alles zu Ohren kam, genug, dem satanischen Wundermann sorglich in
aller Stille nachzuspüren. Man brachte in der Tat heraus, daß in den
Zimmern des Doktors sich oft ein roter Hahn befand, mit dem er auf
wunderliche Weise zu sprechen und zu disputieren schien, als sprächen
Gelehrte über zweifelhafte Gegenstände ihres Wissens. Das geistliche
Gericht war im Begriff den Doktor Trabacchio einzuziehen als
einen verruchten Hexenmeister; aber das weltliche Gericht kam dem
geistlichen zuvor und ließ den Doktor durch die Sbirren aufheben und
ins Gefängnis schleppen, da er eben von dem Besuch eines Kranken
heimkehrte. Die Alte war schon früher aus dem Hause geholt worden,
den Knaben hatte man nicht finden können. Die Türen der Zimmer wurden
verschlossen und versiegelt, Wachen rings um das Haus gestellt. -
Folgendes war der Grund dieses gerichtlichen Verfahrens. Seit einiger
Zeit starben mehrere angesehene Personen in Neapel und in der
umliegenden Gegend und zwar nach der Ärzte einstimmigem Urteil an
Gift. Dies hatte viele Untersuchungen veranlaßt, die fruchtlos
blieben, bis endlich ein junger Mann in Neapel, ein bekannter Lüstling
und Verschwender, dessen Oheim vergiftet worden, die gräßliche Tat
mit dem Zusatz eingestand, daß er das Gift von dem alten Weibe, der
Haushälterin Trabacchios, gekauft habe. Man spürte der Alten nach, und
ertappte sie, als sie eben ein festverschlossenes kleines Kistchen
forttragen wollte, in dem man kleine Phiolen fand, die mit dem Namen
von allerlei Arzneimitteln versehen waren, unerachtet sie flüssiges
Gift enthielten. Die Alte wollte nichts eingestehen; als man ihr
indessen mit der Tortur drohte, da bekannte sie, daß der Doktor
Trabacchio schon seit vielen Jahren jenes künstliche Gift, das unter
dem Namen Aqua Toffana bekannt sei, bereite, und daß der geheime
Verkauf dieses Gifts, der durch sie bewirkt worden, beständig seine
reichste Erwerbsquelle gewesen. Ferner sei es nur zu gewiß, daß er mit
dem Satan im Bündnis stehe, der in verschiedenen Gestalten bei ihm
einkehre. Jedes seiner Weiber habe ihm ein Kind geboren, ohne daß
es jemand außer dem Hause geahnet. Das Kind habe er denn allemal,
nachdem es neun Wochen, oder neun Monate alt worden, unter besonderen
Zurüstungen und Feierlichkeiten auf unmenschliche Weise geschlachtet,
indem er ihm die Brust aufgeschnitten und das Herz herausgenommen.
Jedesmal sei der Satan bei dieser Operation, bald in dieser, bald in
jener Gestalt, meistens aber als Fledermaus mit menschlicher Larve,
erschienen, und habe mit breiten Flügeln das Kohlfeuer angefacht, bei
dem Trabacchio aus des Kindes Herzblut köstliche Tropfen bereitet,
die jeder Siechheit kräftig widerständen. Die Weiber hätte Trabacchio
bald nachher auf diese, oder jene heimliche Weise getötet, so daß
der schärfste Blick des Arztes wohl nie auch die kleinste Spur der
Ermordung habe auffinden können. Nur Trabacchios letztes Weib, die
ihm einen Sohn geboren, der noch lebe, sei des natürlichen Todes
gestorben.
Der Doktor Trabacchio gestand alles unverhohlen ein und schien eine
Freude daran zu finden, das Gericht mit den schauerlichen Erzählungen
seiner Untaten und vorzüglich der nähern Umstände seines entsetzlichen
Bündnisses mit dem Satan in Verwirrung zu setzen, Die Geistlichen,
welche dem Gericht beiwohnten, gaben sich alle nur ersinnliche Mühe,
den Doktor zur Reue und zur Erkenntnis seiner Sünden zu bringen; aber
es blieb vergebens, da Trabacchio sie nur verhöhnte und verlachte.
Beide, die Alte und Trabacchio, wurden zum Scheiterhaufen verurteilt.
- Man hatte unterdessen das Haus des Doktors untersucht und alle seine
Reichtümer hervorgeholt, die, nach Abzug der Gerichtskosten, an die
Hospitäler verteilt werden sollten. In Trabacchios Bibliothek fand
man nicht ein einziges verdächtiges Buch und noch viel weniger gab es
Gerätschaften, die auf die satanische Kunst, die der Doktor getrieben,
hätten hindeuten sollen. Nur ein verschlossenes Gewölbe, dessen viele
durch die Mauer herausragende Röhren das Laboratorium verrieten,
widerstand, als man es öffnen wollte, aller Kunst und aller Gewalt.
Ja, wenn Schlosser und Maurer unter der Aufsicht des Gerichts sich
eifrig bemühten, endlich durchzubrechen, so daß wohl der Zweck
erreicht worden wäre, da kreischten im Innern des Gewölbes
entsetzliche Stimmen, es rauschte auf und nieder, wie mit eiskalten
Flügeln schlug es an die Gesichter der Arbeiter und ein schneidender
Zugwind pfiff in gellenden gräßlichen Tönen durch den Gang, so daß von
Grausen und Entsetzen ergriffen alle flohen, und am Ende niemand mehr
sich an die Tür des Gewölbes wagen wollte, aus Furcht wahnsinnig zu
werden vor Angst und Schrecken. Den Geistlichen, die sich der Tür
nahten, ging es nicht besser und es blieb nichts übrig, als die
Ankunft eines alten Dominikaners aus Palermo zu erwarten, dessen
Standhaftigkeit und Frömmigkeit bisher alle Künste des Satans weichen
mußten. Als dieser Mönch sich nun in Neapel befand, war er bereit den
teuflischen Spuk in Trabacchios Gewölbe zu bekämpfen, und verfügte
sich hin, ausgerüstet mit Kreuz und Weihwasser, begleitet von mehreren
Geistlichen und Gerichtspersonen, die aber weit von der Tür entfernt
blieben. Der alte Dominikaner ging betend auf die Tür los; aber da
erhob sich heftiger das Rauschen und Brausen, und die entsetzlichen
Stimmen verworfener Geister lachten gellend heraus. Der Geistliche
ließ sich jedoch nicht irre machen; er betete kräftiger das Kruzifix
emporhaltend und die Tür mit Weihwasser besprengend. »Man gebe mir ein
Brecheisen!« rief er laut; zitternd reichte es ihm ein Maurerbursche
hin, aber kaum setzte es der alte Mönch an die Türe, als sie mit
furchtbar erschütterndem Knall aufsprang. Blaue Flammen leckten
überall an den Wänden des Gewölbes herauf und eine betäubende
erstickende Hitze strömte aus dem Innern. Demunerachtet wollte der
Dominikaner hineintreten; da stürzte der Boden des Gewölbes ein, daß
das ganze Haus erdröhnte und Flammen prasselten aus dem Abgrunde
hervor, die wütend um sich griffen und alles rings umher erfaßten.
Schnell mußte der Dominikaner mit seiner Begleitung fliehen, um nicht
zu verbrennen, oder verschüttet zu werden. Kaum waren sie auf der
Straße, als das ganze Haus des Doktor Trabacchio in Flammen stand. Das
Volk lief zusammen und jauchzte und jubelte, als es des verruchten
Hexenmeisters Wohnung brennen sah, ohne auch nur das mindeste zur
Rettung zu tun. Schon war das Dach eingestürzt, das inwendige Holzwerk
flammte zu den Wänden heraus und nur die starken Balken des obern
Stocks widerstanden noch der Gewalt des Feuers. Aber vor Entsetzen
schrie das Volk auf, als es Trabacchios zwölfjährigen Sohn mit
einem Kistchen unter dem Arm einen dieser glimmenden Balken entlang
schreiten sah. Nur einen Moment dauerte diese Erscheinung, sie
verschwand plötzlich in den hochaufschlagenden Flammen. - Der
Doktor Trabacchio schien sich herzinniglich zu freuen, als er diese
Begebenheit erfuhr und ging mit verwegener Frechheit zum Tode. Als man
ihn an den Pfahl band, lachte er hell auf und sagte zu dem Henker, der
ihn mordlustig recht fest anschnürte: »Sieh dich vor, Geselle, daß
diese Stricke nicht an deinen Fäusten brennen.« Dem Mönch, der sich
ihm zuletzt noch nahen wollte, rief er mit fürchterlicher Stimme zu:
»Fort! - zurück von mir! Glaubst du denn, daß ich so dumm sein werde,
euch zu Gefallen einen schmerzlichen Tod zu leiden? - noch ist
meine Stunde nicht gekommen.« - Nun fing das angezündete Holz an zu
prasseln; kaum erreichte aber die Flamme den Trabacchio, als es hell
aufloderte, wie Strohfeuer und von einer fernen Anhöhe ein gellendes
Hohngelächter sich hören ließ. Alles schaute hin und Grausen ergriff
das Volk, als [es] den Doktor Trabacchio leibhaftig in dem schwarzen
Kleide, dem goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den
niedergekrempten spanischen Hut mit der roten Feder auf dem Kopfe, das
Kistchen unter dem Arm, ganz wie er sonst durch die Straßen von Neapel
zu laufen pflegte, erblickte. Reiter, Sbirren, hundert andere aus
dem Volk stürzten hin nach dem Hügel, aber Trabacchio war und blieb
verschwunden. Die Alte gab ihren Geist auf unter den entsetzlichsten
Qualen, unter den gräßlichsten Verwünschungen ihres verruchten Herrn,
mit dem sie unzählige Verbrechen geteilt.
Der sogenannte Ignaz Denner war nun kein anderer, als eben der Sohn
des Doktors, der sich damals durch die höllischen Künste seines Vaters
mit einem Kistchen der seltensten und geheimnisvollsten Kostbarkeiten
aus den Flammen rettete. Schon seit der frühesten Jugend unterrichtete
ihn der Vater in den geheimen Wissenschaften und seine Seele war dem
Teufel verschrieben, noch ehe er sein volles Bewußtsein erlangt. Als
man den Doktor Trabacchio ins Gefängnis warf, blieb der Knabe in dem
geheimnisvollen verschlossenen Gewölbe unter den verworfenen Geistern,
die des Vaters höllischer Zauber hineingebannt; da aber endlich dieser
Zauber der Macht des Dominikaners weichen mußte, ließ der Knabe die
verborgenen mechanischen Kräfte wirken, und Flammen entzündeten sich,
die in wenigen Minuten das ganze Haus in Brand steckten, während der
Knabe selbst unversehrt durch das Feuer fort zum Tore hinaus in den
Wald eilte, den ihm der Vater bezeichnet hatte. Nicht lange dauerte
es, so erschien auch Doktor Trabacchio, und floh schnell mit dem
Sohne, bis sie wohl an drei Tagereisen von Neapel in die Ruinen
eines alten römischen Gebäudes kamen, wo der Eingang zu einer weiten
geräumigen Höhle versteckt lag. Hier wurde der Doktor Trabacchio
von einer zahlreichen Räuberbande, mit der er längst in Verbindung
gestanden, und der er durch seine geheime Wissenschaft die
wesentlichsten Dienste geleistet, mit lautem Jubel empfangen. Die
Räuber wollten ihn mit nichts Geringerem lohnen, als mit der Krönung
zum Räuberkönige, wodurch er sich zum Oberhaupt aller Banden, die in
Italien und dem südlichen Deutschland verbreitet waren, aufgeschwungen
hätte. Der Doktor Trabacchio erklärte, diese Würde nicht annehmen
zu können, da er der besondern Konstellation wegen, die über ihn
walte, nunmehr ein ganz unstetes Leben führen müsse, und von keinem
Verhältnis gebunden werden könne; doch werde er noch immer den Räubern
mit seiner Kunst und Wissenschaft beistehn, und sich dann und wann
sehen lassen. Da beschlossen die Räuber, den zwölfjährigen Trabacchio
zum Räuberkönige zu wählen und damit war der Doktor höchlich
zufrieden, so daß der Knabe von Stund an unter den Räubern blieb,
und, als er funfzehn Jahr alt worden, schon als wirkliches Oberhaupt
mit ihnen auszog. Sein ganzes Leben war von nun an ein Gewebe von
Greueltaten und Teufelskünsten, in welche ihn der Vater, der sich
oftmals blicken ließ und zuweilen wochenlang einsam mit seinem Sohne
in der Höhle blieb, immer mehr einweihte. Die kräftigen Maßregeln
des Königs von Neapel gegen die Räuberbanden, die immer kecker und
verwegener wurden, noch mehr aber die entstandenen Zwistigkeiten der
Räuber hoben endlich das gefährliche Bündnis unter _einem_ Oberhaupte
auf und den Trabacchio selbst, der sich durch seinen Stolz und durch
seine Grausamkeit verhaßt gemacht hatte, konnten seine vom Vater
erlernte Teufelskünste nicht vor den Dolchen seiner Untergebenen
schützen. Er floh nach der Schweiz, gab sich den Namen Ignaz Denner,
und besuchte als reisender Kaufmann die Messen und Jahrmärkte in
Deutschland, bis sich aus den zerstreuten Gliedern jener großen
Bande eine kleinere bildete, die den vormaligen Räuberkönig zu ihrem
Oberhaupt wählte. Trabacchio versicherte, wie sein Vater noch zur
Stunde lebe, ihn noch im Gefängnis besucht, und Rettung von der
Gerichtsstätte versprochen habe. Nur dadurch, daß, wie er nun wohl
einsehe, göttliche Schickung den Andres vom Tode errettet, sei die
Macht seines Vaters entkräftet worden, und er wolle nun als reuiger
Sünder allen Teufelskünsten abschwören und geduldig die gerechte
Todesstrafe erleiden.
Andres, der alles dieses aus dem Munde des Grafen von Vach erfuhr,
zweifelte keinen Augenblick, daß es wohl eben Trabacchios Bande
gewesen, die ehemals im Neapolitanischen seinen Herrn anfiel, so wie
er überzeugt war, daß der alte Doktor Trabacchio selbst im Gefängnis
ihm wie der leibhaftige Satan erschien und verlocken wollte zum
bösen Beginnen. Nun sah er erst recht ein, in welch großer Gefahr er
geschwebt hatte seit der Zeit, als Trabacchio in sein Haus getreten;
wiewohl er noch immer nicht begreifen konnte, warum es denn der
Verruchte so ganz und gar auf ihn und sein Weib gemünzt hatte, da der
Vorteil, den er aus seinem Aufenthalt in dem Jägerhause zog, nicht so
bedeutend sein konnte.
Andres befand sich nach den entsetzlichen Stürmen nun in ruhiger
glücklicher Lage, allein zu erschütternd hatten jene Stürme getobt,
um nicht in seinem ganzen Leben dumpf nachzuhallen. Außer dem, daß
Andres, sonst ein starker kräftiger Mann, durch den Gram, durch
das lange Gefängnis, ja durch den unsäglichen Schmerz der Tortur
körperlich zugrunde gerichtet, siech und krank daherschwankte und kaum
noch die Jagd treiben konnte, so welkte auch Giorgina, deren südliche
Natur von dem Grame, von der Angst, von dem Entsetzen wie von
brennender Glut aufgezehrt wurde, zusehends hin. Keine Hülfe war
für sie mehr vorhanden, sie starb wenige Monate nach ihres Mannes
Rückkehr. Andres wollte verzweifeln und nur der wunderschöne kluge
Knabe, der Mutter getreues Ebenbild, vermochte ihn zu trösten. Um
dieses willen tat er alles, sein Leben zu erhalten, und sich soviel
als möglich zu kräftigen, so daß er nach Verlauf von beinahe zwei
Jahren wohl an Gesundheit zugenommen und manchen lustigen Jägergang in
den Forst unternehmen konnte. - Der Prozeß wider den Trabacchio hatte
endlich sein Ende erreicht und er war, so wie vor alter Zeit sein
Vater, zum Tode durchs Feuer verdammt worden, den er in weniger Zeit
erleiden sollte.
Andres kam eines Tages, als die Abenddämmerung schon eingebrochen, mit
seinem Knaben aus dem Forst zurück; schon war er dem Schlosse nahe,
als er ein klägliches Gewimmer vernahm, das aus dem ihm nahen
ausgetrockneten Feldgraben zu kommen schien. Er eilte näher und
erblickte einen Menschen, der in elende schmutzige Lumpen gehüllt, im
Graben lag und unter großen Schmerzen den Geist aufgeben zu wollen
schien. Andres warf Flinte und Büchsensack ab, und zog mit Mühe
den Unglücklichen heraus; aber als er nun dem Menschen ins Gesicht
blickte, erkannte er mit Entsetzen den Trabacchio. Zurückschaudernd
ließ er von ihm ab; aber da wimmerte Trabacchio dumpf. »Andres,
Andres, bist du es? um der Barmherzigkeit Gottes willen, der ich meine
Seele empfohlen, habe Mitleid mit mir! Wenn du mich rettest, rettest
du eine Seele von ewiger Verdammnis; denn bald ereilt mich ja der Tod,
und noch nicht vollendet ist meine Buße!« - »Verdammter Heuchler«,
schrie Andres auf; »Mörder meines Kindes, meines Weibes, hat dich
nicht der Satan wieder hergeführt, damit du mich vielleicht noch
verderbest? Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Stirb und vermodere
wie ein Aas, Verruchter!« Andres wollte ihn zurückstoßen in den
Graben; da heulte Trabacchio in wildem Jammer: »Andres! du rettest den
Vater deines Weibes, deiner Giorgina, die für mich betet am Throne des
Höchsten!« Andres schauderte zusammen; mit Giorginas Namen fühlte er
sich von schmerzlicher Wehmut ergriffen. Mitleid mit dem Mörder seiner
Ruhe, seines Glücks, durchdrang ihn, er faßte den Trabacchio, lud
ihn mit Mühe auf und trug ihn nach seiner Wohnung, wo er ihn mit
stärkenden Mitteln erquickte. Bald erwachte Trabacchio aus der
Ohnmacht, in die er versunken.
In der Nacht vor der Hinrichtung ergriff den Trabacchio die
entsetzlichste Todesangst; er war überzeugt, daß ihn nichts mehr
von der namenlosen Marter des Feuertodes retten würde. Da faßte
und rüttelte er in wahnsinniger Verzweiflung die Eisenstäbe des
Gitterfensters und zerbröckelt blieben sie in seinen Händen. Ein
Strahl der Hoffnung fiel in seine Seele. Man hatte ihn in einen Turm
dicht neben dem trocknen Stadtgraben gesperrt; er schaute in die Tiefe
und der Entschluß sich hinabzustürzen, und so sich zu retten, oder zu
sterben, war auf der Stelle gefaßt. Der Ketten hatte er sich bald mit
geringer Anstrengung entledigt. Als er sich hinauswarf, vergingen ihm
die Sinne, er erwachte, als die Sonne hell strahlte. Da sah er, wie er
zwischen Strauchwerk in hohes Gras gefallen, aber an allen Gliedern
verstaucht und verrenkt, vermochte er sich nicht zu regen und zu
rühren. Schmeißfliegen und anderes Ungeziefer setzten sich auf seinen
halbnackten Körper und stachen und leckten sein Blut, ohne daß er sie
abwehren konnte. So brachte er einen martervollen Tag hin. Erst des
Nachts gelang es ihm weiter zu kriechen und er war glücklich genug,
an eine Stelle zu kommen, wo sich etwas Regenwasser gesammelt hatte,
welches er begierig einschlürfte. Er fühlte sich gestärkt und
vermochte mühsam hinanzuklimmen und sich fortzuschleichen, bis er den
Forst erreichte, der unfern von Fulda anhob und sich beinahe bis an
das Vachsche Schloß erstreckte. So war er bis in die Gegend gekommen,
wo ihn Andres mit dem Tode ringend fand. Die entsetzliche Anstrengung
der letzten Kraft hatte ihn ganz erschöpft und wenige Minuten später
hätte ihn Andres sicherlich tot gefunden. Ohne daran zu denken, was
künftig mit dem Trabacchio, der der Obrigkeit entflohen, werden
sollte, brachte ihn Andres in ein einsames Zimmer und pflegte ihn auf
alle nur mögliche Weise, aber so behutsam ging er dabei zu Werke, daß
niemand die Anwesenheit des Fremden ahnte; denn selbst der Knabe,
gewohnt dem Vater blindlings zu gehorchen, verschwieg getreulich
das Geheimnis. Andres frug nun den Trabacchio, ob er denn gewiß und
wahrhaftig Giorginas Vater sei. »Allerdings bin ich das«, erwiderte
Trabacchio. »In der Gegend von Neapel entführte ich einst ein
bildschönes Mädchen, die mir eine Tochter gebar. Nun weißt du schon,
Andres, daß eines der größten Kunststücke meines Vaters die Bereitung
jenes köstlichen wundersamen Liquors war, wozu das Hauptingredienz
das Herzblut von Kindern ist, die neun Wochen, neun Monate, oder neun
Jahre alt und von den Eltern dem Laboranten freiwillig anvertraut sein
müssen. Je näher die Kinder mit dem Laboranten in Beziehung stehen,
desto wirkungsvoller entsteht aus ihrem Herzblut Lebenskraft, stete
Verjüngung, ja selbst die Bereitung des künstlichen Goldes. Deshalb
schlachtete mein Vater seine Kinder und ich war froh, das Töchterlein,
das mir mein Weib geboren, auf solche verruchte Weise höheren Zwecken
opfern zu können. Noch kann ich nicht begreifen, auf welche Weise mein
Weib die böse Absicht ahnte; aber sie war vor Ablauf der neunten Woche
verschwunden und erst nach mehrern Jahren erfuhr ich, daß sie in
Neapel gestorben sei und ihre Tochter Giorgina bei einem grämlichen
geizhalsigen Gastwirt erzogen würde. Ebenso wurde mir ihre
Verheiratung mit dir und dein Aufenthalt bekannt. Nun kannst du dir
erklären, Andres, warum ich deinem Weibe gewogen war und warum ich,
ganz erfüllt von meinen verruchten Teufelskünsten, deinen Kindern so
nachstellte. - Aber dir, Andres, dir allein und deiner wunderbaren
Rettung durch Gottes Allmacht verdanke ich meine tiefe Reue, meine
innere Zerknirschung. Übrigens ist das Kistchen mit Kleinodien, das
ich deinem Weibe gab, dasjenige, welches ich auf des Vaters Geheiß
aus den Flammen rettete, du kannst es getrost aufbewahren für deinen
Knaben.« - »Das Kistchen«, fiel Andres ein, »hat Euch ja Giorgina
wiedergegeben an jenem schrecklichen Tag, da Ihr den gräßlichen Mord
verübtet?«
»Allerdings«, erwiderte Trabacchio; »allein ohne daß es Giorgina
wußte, kam es wieder in Euern Besitz. Seht nur nach in der großen
schwarzen Truhe, die in Euerm Hausflur steht, da werdet Ihr das
Kistchen auf dem Boden finden.« Andres suchte in der Truhe und fand
das Kistchen wirklich ganz in dem Zustande wieder, wie er es damals
zum erstenmal von Trabacchio in Verwahrung erhalten.
Andres fühlte in sich unheimlichen Unmut, ja er konnte sich des
Wunsches nicht erwehren, daß Trabacchio tot gewesen sein möge, als er
ihn im Graben fand. Freilich schien Trabacchios Reue und Buße wahrhaft
zu sein; denn ohne seine Klause zu verlassen, brachte er seine Zeit
nur damit hin, in andächtigen Büchern zu lesen und seine einzige
Ergötzlichkeit war die Unterhaltung mit dem kleinen Georg, den er über
alles zu lieben schien. Andres beschloß indessen doch auf seiner Hut
zu sein und eröffnete bei erster Gelegenheit das ganze Geheimnis dem
Grafen von Vach, der über das seltene Spiel des Schicksals nicht
wenig verwundert war. So vergingen einige Monate, der Spätherbst
war eingetreten und Andres mehr auf der Jagd, als sonst. Der Kleine
blieb gewöhnlich bei dem Großvater und einem alten Jäger, der um das
Geheimnis wußte. Eines Abends war Andres von der Jagd zurückgekehrt,
als der alte Jäger hineintrat und nach seiner treuherzigen Weise
anfing: »Herr, Ihr habt einen bösen Kumpan im Hause. Zu dem kommt
der Gottseibeiuns! durchs Fenster und geht wieder ab in Rauch und
Dampf.« Dem Andres wurde es bei dieser Rede zumut, als hätt ihn ein
Blitzstrahl getroffen. Er wußte nur zu genau, was das zu bedeuten
hatte; als ihm der alte Jäger weiter erzählte, wie er schon mehrere
Tage hintereinander in später Abenddämmerung in Trabacchios Zimmer
seltsame Stimmen gehört, die wie im Zank durcheinander geplappert, und
heute zum zweitenmal habe es ihm, indem er Trabacchios Türe schnell
geöffnet, geschienen, als rausche eine Gestalt im roten goldverbrämten
Mantel zum Fenster hinaus. In vollem Zorn eilte Andres herauf zum
Trabacchio, hielt ihm vor, was sein Jäger ausgesagt und kündigte ihm
an, daß er sich's gefallen lassen müsse, ins Schloßgefängnis gesperrt
zu werden, wenn er nicht allen bösen Tritten entsage. Trabacchio blieb
ruhig, und erwiderte im wehmütigen Ton: »Ach, lieber Andres! nur
zu wahr ist es, daß mein Vater, dessen Stündlein noch immer nicht
gekommen, mich auf unerhörte Weise peinigt und quält. Er will, daß ich
mich ihm wieder zuwende, und der Frömmigkeit, dem Heil meiner Seele
entsage, allein ich bin standhaft geblieben, und glaube nicht, daß er
wiederkehren wird, da er gesehen, daß er nicht mehr über mich Macht
hat. Bleibe ruhig, lieber Sohn Andres! und laß mich bei dir als ein
frommer Christ versöhnt mit Gott sterben!« In der Tat schien auch
die feindliche Gestalt auszubleiben, indessen war es, als würden
Trabacchios Augen wieder glühender, er lächelte zuweilen so seltsam
höhnisch, wie sonst. Während der Betstunde, die Andres jeden Abend mit
ihm zu halten pflegte, schien er oft krampfhaft zu erzittern; zuweilen
strich eine seltsam pfeifende Zugluft durch das Zimmer, welche die
Blätter der Gebetbücher raschelnd umschlug, ja die Bücher selbst dem
Andres aus den Händen warf. »Gottloser Trabacchio, verruchter Satan!
_Du_ bist es, der hier höllischen Spuk treibt! Was willst du von mir?
hebe dich weg, denn du hast keine Macht über mich! - hebe dich weg!«
- So rief Andres mit starker Stimme! Da lachte es höhnisch durch das
Zimmer hin, und schlug wie mit schwarzen Fittigen an das Fenster. Und
doch war es nur der Regen, der an das Fenster geschlagen, und der
Herbstwind, der durch das Zimmer geheult, wie Trabacchio meinte, als
das Unwesen wieder einmal recht arg war und Georg vor Angst weinte.
»Nein«, rief Andres: »Euer gottloser Vater könnte hier nicht so
herumspuken, wenn Ihr aller und jeder Gemeinschaft mit ihm entsagt
hättet. Ihr müßt fort von mir. Eure Wohnung ist Euch längst bereitet.
Ihr müßt fort ins Schloßgefängnis; dort möget Ihr Euern Spuk treiben
wie Ihr wollt.« Trabacchio weinte heftig, er bat um aller Heiligen
willen ihn im Hause zu dulden und Georg, ohne zu begreifen, was das
alles wohl bedeute, stimmte in seine Bitten ein. »So bleibt denn noch
morgen hier«, sagte Andres, »ich will sehen, wie es mit der Betstunde
gehen wird, wenn ich heimkomme von der Jagd.« Am andern Tage gab es
herrliches Herbstwetter, und Andres versprach sich eine reiche Beute.
Als er von dem Anstand zurückkehrte, war es ganz finster geworden. Er
fühlte sich im innersten Gemüt besonders bewegt; seine merkwürdigen
Schicksale, Giorginas Bild, sein ermordeter Knabe traten ihm so
lebendig vor Augen, daß er tief in sich gekehrt, immer langsamer und
langsamer den Jägern nachschlenderte, bis er sich endlich unversehends
auf einem Nebenwege allein im Forst befand. Im Begriff zurückzukehren
in den breiten Waldweg, wurde er ein blendendes Licht gewahr, welches
durch das dickste Gebüsch flackerte. Da ergriff ihn eine wunderbare
verworrene Ahnung großer Greueltat, die verübt werde; er drang durch
das Dickicht, er war dem Feuer nahe, da stand des alten Trabacchio
Gestalt im goldverbrämten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den
niedergekrempten Hut mit roter Feder auf dem Kopfe, das Arzneikistchen
unterm Arm. Mit glühenden Augen blickte die Gestalt in das Feuer,
das wie in rot und blau flammenden Schlangen unter einer Retorte
hervorloderte. Vor dem Feuer lag Georg nackt ausgebreitet auf einer
Art Rost und der verruchte Sohn des satanischen Doktors hatte hoch
das funkelnde Messer erhoben zum Todesstoß. Andres schrie auf vor
Entsetzen; aber sowie der Mörder sich umblickte, sauste schon die
Kugel aus Andres' Büchse und Trabacchio stürzte mit zerschmettertem
Gehirn über das Feuer hin, das im Augenblick erlosch. Die Gestalt des
Doktors war verschwunden. Andres sprang hinzu, stieß den Leichnam
beiseite, band den armen Georg los und trug ihn schnell fort bis
ins Haus. Dem Knaben fehlte nichts; nur die Todesangst hatte ihn
ohnmächtig gemacht. Den Andres trieb es heraus in den Wald, er
wollte sich von Trabacchios Tode überzeugen und den Leichnam gleich
verscharren; er weckte daher den alten Jäger, der in tiefen,
wahrscheinlich von Trabacchio bewirkten Schlaf gesunken, und beide
gingen mit Laterne, Hacke und Spaten an die nicht weit entlegene
Stelle. Da lag der blutige Trabacchio; aber sowie Andres sich näherte,
richtete er sich mit halbem Leibe auf, starrte ihn gräßlich an und
röchelte dumpf. »Mörder! Mörder des Vaters deines Weibes, aber meine
Teufel sollen dich quälen!« - »Fahre zur Hölle, du satanischer
Bösewicht«, schrie Andres, der dem Entsetzen, das ihn übermannen
wollte, widerstand; »fahre hin zur Hölle, du, der du den Tod
hundertfältig verdient hast, dem ich den Tod gab, weil er versuchten
Mord an meinem Kinde, an dem Kinde seiner Tochter verüben wollte!
Du hast nur Buße und Frömmigkeit geheuchelt um schändlichen Verrats
willen, aber nun bereitet der Satan manche Qual deiner Seele, die du
ihm verkauft.« Da sank Trabacchio heulend zurück und immer dumpfer und
dumpfer wimmernd gab er seinen Geist auf. Nun gruben die beiden Männer
ein tiefes Loch, in das sie Trabacchios Körper warfen. »Sein Blut
komme nicht über mich!« sprach Andres, »aber ich konnte nicht
anders, ich war dazu ausersehen von Gott, meinen Georg zu retten und
hundertfältige Frevel zu rächen. Doch will ich für seine Seele beten
und ein kleines Kreuz auf sein Grab stellen.« Als andern Tages Andres
dieses Vorhaben ausfahren wollte, fand er die Erde aufgewühlt, der
Leichnam war verschwunden. Ob das nun von wilden Tieren, oder wie
sonst bewirkt, blieb in Zweifel. Andres ging mit seinem Knaben und dem
alten Jäger zum Grafen von Vach, und berichtete treulich die ganze
Begebenheit. Der Graf von Vach billigte die Tat des Andres, der zur
Rettung seines Sohnes einen Räuber und Mörder niedergestreckt hatte
und ließ den ganzen Verlauf der Sache niederschreiben und im Archiv
des Schlosses aufbewahren.
Die schreckliche Begebenheit hatte den Andres tief im Innersten
erschüttert, und wohl mochte er sich deshalb, wenn die Nacht
eingebrochen, schlaflos auf dem Lager wälzen. Aber wenn er so zwischen
Wachen und Träumen hinbrütete, da hörte er es im Zimmer knistern und
rauschen, und ein roter Schein fuhr hindurch und verschwand wieder.
Sowie er anfing zu horchen und zu schauen, da murmelte es dumpf. »Nun
bist du Meister - du hast den Schatz - du hast den Schatz - gebeut
über die Kraft, sie ist dein!« - Dem Andres war es, als wolle ein
unbekanntes Gefühl ganz eigner Wohlbehaglichkeit und Lebenslust in
ihm aufgehen; aber sowie die Morgenröte durch die Fenster brach, da
ermannte sich Andres und betete, wie er es zu tun gewohnt, kräftig und
inbrünstig zu dem Herrn, der seine Seele erleuchtete. »Ich weiß was
nun noch meines Amts und Berufs ist, um den Versucher zu bannen und
die Sünde abzuwenden von meinem Hause!« - So sprach Andres, nahm
Trabacchios Kistchen und warf es, ohne es zu öffnen, in eine tiefe
Bergschlucht. Nun genoß Andres eines ruhigen heitern Alters, das keine
feindliche Macht zu zerstören vermochte.
Die Jesuiterkirche in G.
In eine elende Postchaise gepackt, die die Motten, wie die Ratten
Prosperos Fahrzeug, aus Instinkt verlassen hatten, hielt ich endlich,
nach halsbrechender Fahrt, halbgerädert, vor dem Wirtshause auf dem
Markte in G. Alles Unglück, das mir selbst begegnen können, war auf
meinen Wagen gefallen, der zerbrochen bei dem Postmeister der letzten
Station lag. Vier magere abgetriebene Pferde schleppten nach mehrern
Stunden endlich mit Hülfe mehrerer Bauern und meines Bedienten das
baufällige Reisehaus herbei; die Sachverständigen kamen, schüttelten
die Köpfe und meinten, daß eine Hauptreparatur nötig sei, die zwei,
auch wohl drei Tage dauern könne. Der Ort schien mir freundlich,
die Gegend anmutig und doch erschrak ich nicht wenig über den mir
gedrohten Aufenthalt. Warst du, günstiger Leser! jemals genötigt, in
einer kleinen Stadt, wo du niemanden - niemanden kanntest, wo du jedem
fremd bliebst, drei Tage zu verweilen, und hat nicht irgend ein tiefer
Schmerz den Drang nach gemütlicher Mitteilung in dir weggezehrt, so
wirst du mein Unbehagen mit mir fühlen. In dem Wort geht ja erst der
Geist des Lebens auf in allem um uns her; aber die Kleinstädter sind
wie ein in sich selbst verübtes, abgeschlossenes Orchester eingespielt
und eingesungen, nur ihre eignen Stücke gehen rein und richtig, jeder
Ton des Fremden dissoniert ihren Ohren und bringt sie augenblicklich
zum Schweigen. - Recht mißlaunig schritt ich in meinem Zimmer auf
und ab; da fiel mir plötzlich ein, daß ein Freund in der Heimat, der
ehemals ein paar Jahre hindurch in G. gewesen, oft von einem gelehrten
geistreichen Manne sprach, mit dem er damals viel umgegangen. Auch des
Namens erinnerte ich mich: es war der Professor im Jesuiter-Kollegio
Aloysius Walther. Ich beschloß hinzugehen und meines Freundes
Bekanntschaft für mich selbst zu nutzen. Man sagte mir im Kollegio,
daß Professor Walther zwar eben lese, aber in kurzer Zeit endigen
werde, und stellte mir frei, ob ich wiederkommen, oder in den
äußeren Sälen verweilen wolle. Ich wählte das letzte. Überall sind
die Klöster, die Kollegien, die Kirchen der Jesuiten in jenem
italienischen Stil gebaut, der auf antike Form und Manier gestützt,
die Anmut und Pracht dem heiligen Ernst, der religiösen Würde
vorzieht. So waren auch hier die hohen, luftigen, hellen Säle mit
reicher Architektur geschmückt, und sonderbar genug stachen gegen
Heiligenbilder, die hie und da an den Wänden zwischen ionischen Säulen
hingen, die Superporten ab, welche durchgehends Genientänze, oder gar
Früchte und Leckerbissen der Küche darstellten. - Der Professor trat
ein, ich erinnerte ihn an meinen Freund, und nahm auf die Zeit meines
gezwungenen Aufenthalts seine Gastlichkeit in Anspruch. Ganz, wie ihn
mein Freund beschrieben, fand ich den Professor; hellgesprächig -
weltgewandt - kurz, ganz in der Manier des höheren Geistlichen, der
wissenschaftlich ausgebildet, oft genug über das Brevier hinweg in das
Leben geschaut hat, um genau zu wissen, wie es darin hergeht. Als ich
sein Zimmer auch mit moderner Eleganz eingerichtet fand, kam ich auf
meine vorigen Bemerkungen in den Sälen zurück, die ich gegen den
Professor laut werden ließ. »Es ist wahr«, erwiderte er, »wir haben
jenen düstern Ernst, jene sonderbare Majestät des niederschmetternden
Tyrannen, die im gotischen Bau unsere Brust beklemmt, ja wohl ein
unheimliches Grauen erregt, aus unseren Gebäuden verbannt, und es ist
wohl verdienstlich, unsern Werken die regsame Heiterkeit der Alten
anzueignen.« - »Sollte aber«, erwiderte ich, »nicht eben jene heilige
Würde, jene hohe zum Himmel strebende Majestät des gotischen Baues
recht von dem wahren Geist des Christentums erzeugt sein, der,
übersinnlich, dem sinnlichen, nur in dem Kreis des Irdischen
bleibenden Geiste der antiken Welt geradezu widerstrebt?« - Der
Professor lächelte. »Ei«, sprach er, »das höhere Reich soll man
erkennen in dieser Welt und diese Erkenntnis darf geweckt werden
durch heitere Symbole, wie sie das Leben, ja der aus jenem Reich ins
irdische Leben herabgekommene Geist, darbietet. Unsere Heimat ist wohl
dort droben; aber solange wir hier hausen, ist unser Reich auch von
dieser Welt.« Jawohl, dachte ich: in allem was ihr tatet, bewieset
ihr, daß euer Reich von dieser Welt, ja nur allein von dieser Welt
ist. Ich sagte aber das, was ich dachte, keinesweges dem Professor
Aloysius Walther, welcher also fortfuhr: »Was Sie von der Pracht
unserer Gebäude hier am Orte sagen, möchte sich wohl nur auf die
Annehmlichkeit der Form beziehen. Hier, wo der Marmor unerschwinglich
ist, wo große Meister der Malerkunst nicht arbeiten mögen, hat man
sich, der neuern Tendenz gemäß, mit Surrogaten behelfen müssen. Wir
tun viel, wenn wir uns zum polierten Gips versteigen, mehrenteils
schafft nur der Maler die verschiedenen Marmorarten, wie es eben
jetzt in unserer Kirche geschieht, die, Dank sei es der Freigebigkeit
unserer Patronen, neu dekoriert wird.« Ich äußerte den Wunsch, die
Kirche zu sehen; der Professor führte mich hinab, und als ich in den
korinthischen Säulengang, der das Schiff der Kirche formte, eintrat,
fühlte ich wohl den nur zu freundlichen Eindruck der zierlichen
Verhältnisse. Dem Hochaltare links war ein hohes Gerüste errichtet,
auf dem ein Mann stand, der die Wände in Giallo antik übermalte. »Nun
wie geht es, Berthold?« rief der Professor hinauf Der Maler wandte
sich nach uns um, aber gleich fuhr er wieder fort zu arbeiten, indem
er mit dumpfer beinahe unvernehmbarer Stimme sprach: »Viel Plage -
krummes verworrenes Zeug - kein Lineal zu brauchen - Tiere - Affen -
Menschengesichter - Menschengesichter - o ich elender Tor!« Das letzte
rief er laut mit einer Stimme, die nur der tiefste im Innersten
wühlende Schmerz erzeugt; ich fühlte mich auf die seltsamste Weise
angeregt, jene Worte und der Ausdruck des Gesichts, der Blick, womit
er zuvor den Professor anschaute, brachten mir das ganze zerrissene
Leben eines unglücklichen Künstlers vor Augen. Der Mann mochte kaum
über vierzig Jahre alt sein; seine Gestalt, war sie auch durch
den unförmlichen schmutzigen Maleranzug entstellt, hatte was
unbeschreiblich Edles, und der tiefe Gram konnte nur das Gesicht
entfärben, das Feuer, was in den schwarzen Augen strahlte, aber nicht
auslöschen. Ich frug den Professor, was es mit dem Maler wohl für eine
Bewandtnis hätte. »Es ist ein fremder Künstler«, erwiderte er, »der
sich gerade zu der Zeit hier einfand, als die Reparatur der Kirche
beschlossen worden. Er unternahm die Arbeit, die wir ihm antrugen,
mit Freuden, und in der Tat war seine Ankunft ein Glücksfall für uns;
denn weder hier, noch in der Gegend weit umher hätten wir einen Maler
auftreiben können, der für alles, dessen es hier zu malen bedarf, so
tüchtig gewesen wäre. Übrigens ist es der gutmütigste Mensch von der
Welt, den wir alle recht lieben, und so kommt es denn, daß er in
unserm Kollegio gut aufgenommen wurde. Außer dem ansehnlichen Honorar,
das er für seine Arbeit erhält, verköstigen wir ihn; dies ist aber für
uns ein sehr geringer Aufwand, denn er ist beinahe zu mäßig, welches
freilich seinem kränklichen Körper zusagen mag.«
»Aber«, fiel ich ein, »er schien heute so mürrisch - so aufgeregt.«
- »Das hat seine besondere Ursache«, erwiderte der Professor, »doch
lassen Sie uns einige schöne Gemälde der Seiten-Altäre anschauen,
die vor einiger Zeit ein glücklicher Zufall uns verschaffte. Nur
ein einziges Original, ein Dominichino, ist dabei, die anderen
sind von unbekannten Meistern der italienischen Schule, aber, sind
Sie vorurteilsfrei, so werden Sie gestehen müssen, daß jedes den
berühmtesten Namen tragen dürfte.« Ich fand es ganz so, wie der
Professor gesagt hatte. Es war seltsam, daß das einzige Original
gerade zu den schwächern Stücken gehörte, war es nicht wirklich das
schwächste, und daß dagegen die Schönheit mancher Gemälde ohne Namen
mich unwiderstehlich hinriß. Über das Gemälde eines Altars war eine
Decke herabgelassen; ich frug nach der Ursache. »Dies Bild«, sprach
der Professor, »ist das schönste was wir besitzen, es ist das Werk
eines jungen Künstlers der neueren Zeit - gewiß sein letztes, denn
sein Flug ist gehemmt. - Wir mußten in diesen Tagen das Gemälde aus
gewissen Gründen verhängen lassen, doch bin ich vielleicht morgen,
oder übermorgen imstande, es Ihnen zu zeigen.« - Ich wollte weiter
fragen, indessen schritt der Professor rasch durch den Gang fort, und
das war genug, um seine Unlust zu zeigen, mir weiter zu antworten.
Wir gingen in das Kollegium zurück, und gern nahm ich des Professors
Einladung an, der mit mir nachmittags einen nahgelegenen Lustort
besuchen wollte. Spät kehrten wir heim, ein Gewitter war aufgestiegen,
und kaum langte ich in meiner Wohnung an, als der Regen herabströmte.
Es mochte wohl schon Mitternacht sein, da klärte sich der Himmel
auf, und nur noch entfernt murmelte der Donner. Durch die geöffneten
Fenster wehte die laue, mit Wohlgerüchen geschwängerte, Luft in das
dumpfe Zimmer, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, unerachtet
ich müde genug war, noch einen Gang zu machen; es glückte mir, den
mürrischen Hausknecht, der schon seit zwei Stunden schnarchen mochte,
zu erwecken, und ihn zu bedeuten, daß es kein Wahnsinn sei, noch um
Mitternacht spazieren zu gehen, bald befand ich mich auf der Straße.
Als ich bei der Jesuiterkirche vorüberging, fiel mir das blendende
Licht auf, das durch ein Fenster strahlte. Die kleine Seitenpforte war
nur angelehnt, ich trat hinein und wurde gewahr, daß vor einer hohen
Blende eine Wachsfackel brannte. Näher gekommen bemerkte ich, daß vor
der Blende ein Netz von Bindfaden ausgespannt war, hinter dem eine
dunkle Gestalt eine Leiter hinauf und hinunter sprang, und in die
Blende etwas hineinzuzeichnen schien. Es war Berthold, der den
Schatten des Netzes mit schwarzer Farbe genau überzog. Neben der
Leiter auf einer hohen Staffelei stand die Zeichnung eines Altars. Ich
erstaunte über den sinnreichen Einfall. Bist du, günstiger Leser, mit
der edlen Malerkunst was weniges vertraut, so wirst du ohne weitere
Erklärung sogleich wissen, was es mit dem Netz, dessen Schattenstriche
Berthold in die Blende hineinzeichnete, für eine Bewandtnis hat.
Berthold sollte in die Blende einen hervorspringenden Altar malen.
Um die kleine Zeichnung richtig in das Große zu übertragen, mußte er
beides, den Entwurf und die Fläche, worauf der Entwurf ausgeführt
werden sollte, dem gewöhnlichen Verfahren gemäß mit einem Netz
überziehn. Nun war es aber keine Fläche, sondern eine halbrunde
Blende, worauf gemalt werden sollte; die Gleichung der Quadrate,
die die krummen Linien des Netzes auf der Höhlung bildeten, mit den
geraden des Entwurfs und die Berichtigung der architektonischen
Verhältnisse, die sich herausspringend darstellen sollten, war daher
nicht anders zu finden, als auf jene einfache geniale Weise. Wohl
hütete ich mich vor die Fackel zu treten und mich so durch meinen
Schlagschatten zu verraten, aber nahe genug zur Seite stand ich,
um den Maler genau zu beobachten. Er schien mir ganz ein anderer,
vielleicht war es nur Wirkung des Fackelscheins, aber sein Gesicht
war gerötet, seine Augen blitzten wie vor innerm Wohlbehagen, und
als er seine Linien fertig gezeichnet, stellte er sich mit in die
Seite gestemmten Händen vor die Blende hin, und pfiff, die Arbeit
beschauend, ein muntres Liedchen. Nun wandte er sich um und riß das
ausgespannte Netz herunter. Da fiel ihm meine Gestalt ins Auge, »he
da! he da!« rief er laut: »seid Ihr es Christian?« - Ich trat auf ihn
zu, erklärte ihm was mich in die Kirche gelockt, und, den sinnreichen
Einfall mit dem Schattennetz hochpreisend, gab ich mich als Kenner und
Ausüber der edlen Malerkunst zu erkennen. Ohne mir darauf weiter zu
antworten, sprach Berthold: »Christian ist auch weiter nichts, als ein
Faulenzer; treu wollte er aushalten bei mir die ganze Nacht hindurch,
und nun liegt er gewiß irgendwo auf dem Ohr! - Mein Werk muß
vorrücken, denn morgen malt sich's vielleicht hier in der Blende
teufelmäßig schlecht - und allein kann ich doch jetzt nichts machen.«
Ich erbot mich ihm behilflich zu sein. Er lachte laut auf, faßte mich
bei beiden Schultern und rief.- »Das ist ein exzellenter Spaß; was
wird Christian sagen, wenn er morgen merkt, daß er ein Esel ist, und
ich seiner gar nicht bedurft habe? Nun so kommt, fremder Geselle und
Bruder, helft mir erst fein bauen.« Er zündete einige Kerzen an, wir
liefen durch die Kirche, schleppten Böcke und Bretter herbei und bald
stand ein hohes Gerüst in der Blende.
»Nun frisch zugereicht«, rief Berthold, indem er heraufstieg. Ich
erstaunte über die Schnelligkeit, mit der Berthold die Zeichnung ins
Große übertrug; keck zog er seine Linien, niemals gefehlt, immer
richtig und rein. An dergleichen Dinge, in früherer Zeit gewöhnt, half
ich dem Maler treulich, indem ich, bald oben, bald unter ihm stehend,
die langen Lineale in die angedeuteten Punkte einsetzte und festhielt,
die Kohlen spitz schliff und ihm zureichte usw. »Ihr seid ja gar ein
wackerer Gehülfe«, rief Berthold ganz fröhlich, »und Ihr«, erwiderte
ich, »in der Tat einer der geübtesten Architektur-Maler, die es geben
mag; habt Ihr denn bei Eurer fertigen kecken Faust nie andere Malerei
getrieben als diese? - Verzeiht meine Frage.« - »Was meint ihr denn
eigentlich?« sprach Berthold, »Nun«, erwiderte ich, »ich meine, daß
Ihr zu etwas Besserem taugt, als Kirchenwände mit Marmorsäulen zu
bemalen. Architektur-Malerei bleibt doch immer etwas Untergeordnetes;
der Historien-Maler, der Landschafter steht unbedingt höher. Geist und
Fantasie, nicht in die engen Schranken geometrischer Linien gebannt,
erheben sich in freiem Fluge. Selbst das einzige Fantastische Eurer
Malerei, die sinnetäuschende Perspektive, hängt von genauer Berechnung
ab, und so ist die Wirkung das Erzeugnis, nicht des genialen
Gedankens, sondern nur mathematischer Spekulation.« Der Maler hatte,
während ich dies sprach, den Pinsel abgesetzt und den Kopf in die Hand
gestützt. »Unbekannter Freund«, fing er jetzt mit dumpfer feierlicher
Stimme an: »Unbekannter Freund, du frevelst, wenn du die verschiedenen
Zweige der Kunst in Rangordnung stellen willst, wie die Vasallen eines
stolzen Königs. Und noch größerer Frevel ist es, wenn du nur die
Verwegenen achtest, welche taub für das Klirren der Sklavenkette,
fühllos für den Druck des Irdischen, sich frei, ja selbst sich Gott
wähnen und schaffen und herrschen wollen über Licht und Leben. -
Kennst du die Fabel von dem Prometheus, der Schöpfer sein wollte, und
das Feuer vom Himmel stahl, um seine toten Figuren zu beleben? - Es
gelang ihm, lebendig schritten die Gestalten daher, und aus ihren
Augen strahlte jenes himmlische Feuer, das in ihrem Innern brannte;
aber rettungslos wurde der Frevler, der sich angemaßt Göttliches zu
fahen, verdammt zu ewiger fürchterlicher Qual. Die Brust, die das
Göttliche geahnt, in der die Sehnsucht nach dem Überirdischen
aufgegangen, zerfleischte der Geier, den die Rache geboren und der
sich nun nährte von dem eignen Innern des Vermessenen. Der das
Himmlische gewollt, fühlte ewig den irdischen Schmerz.« - Der Maler
stand in sich versunken da. »Aber«, rief ich: »Aber Berthold, wie
beziehen Sie das alles auf Ihre Kunst? Ich glaube nicht, daß irgend
jemand es für vermessenen Frevel halten kann, Menschen zu bilden, sei
es durch Malerei, oder Plastik.« Wie in bitterm Hohn lachte Berthold
auf. »Ha ha - Kinderspiel ist kein Frevel! - Kinderspiel ist's wie
sie's machen, die Leute, die getrost ihre Pinsel in die Farbentöpfe
stecken und eine Leinwand beschmieren, mit der wahrhaftigen Begier,
Menschen darzustellen; aber es kommt so heraus, als habe, wie es in
jenem Trauerspiele steht, irgend ein Handlanger der Natur versucht
Menschen zu bilden, und es sei ihm mißlungen. - Das sind keine
freveliche Sünder, das sind nur arme unschuldige Narren! Aber Herr! -
wenn man nach dem Höchsten strebt - nicht Fleischeslust, wie Tizian
- nein das Höchste der göttlichen Natur, der Prometheusfunken im
Menschen - Herr! - es ist eine Klippe - ein schmaler Strich, auf dem
man steht - der Abgrund ist offen! - über ihm schwebt der kühne Segler
und ein teuflischer Trug läßt ihn unten - unten _das_ erblicken, was er
oben über den Sternen erschauen wollte!« - Tief seufzte der Maler auf,
er fuhr mit der Hand über die Stirn, und blickte dann in die Höhe.
»Aber was schwatze ich mit Euch, Geselle, da drunten für tolles Zeug,
und male nicht weiter? - Schaut her Geselle, das nenne ich treu und
ehrlich gezeichnet. Wie herrlich ist die Regel! - alle Linien einen
sich zum bestimmten Zweck, zu bestimmter deutlich gedachter Wirkung.
Nur das Gemessene ist rein menschlich; was drüber geht, vom Übel. Das
Übermenschliche muß Gott, oder Teufel sein; sollten beide nicht in der
Mathematik von Menschen übertroffen werden? Sollt es nicht denkbar
sein, daß Gott uns ausdrücklich erschaffen hätte, um das, was nach
gemessenen erkennbaren Regeln darzustellen ist, kurz, das rein
Kommensurable, zu besorgen für seinen Hausbedarf, so wie wir
unsrerseits wieder Sägemühlen und Spinnmaschinen bauen, als
mechanische Werkmeister unseres Bedarfs. Professor Walther behauptete
neulich, daß gewisse Tiere bloß erschaffen wären, um von andern
gefressen zu werden, und das käme doch am Ende zu unserm Nutzen
heraus, so wie z.B. die Katzen den angebornen Instinkt hätten, Mäuse
zu fressen, damit diese uns nicht den Zucker, der zum Frühstück bereit
läge, wegknappern sollten. Am Ende hat der Professor recht - Tiere
und wir selbst sind gut eingerichtete Maschinen, um gewisse Stoffe zu
verarbeiten, und zu verknoten für den Tisch des unbekannten Königs.
- Nun frisch - frisch, Geselle - reiche mir die Töpfe! - Alle Töne
hab ich gestern beim lieben Sonnenlicht abgestimmt, damit mich der
Fackelschein nicht trüge, sie stehn numeriert im Winkel. Reich mir
Numero eins, mein Junge! - Grau in Grau! - Und was wäre das trockne
mühselige Leben, wenn der Herr des Himmels uns nicht so manches bunte
Spielzeug in die Hände gegeben hätte! - Wer artig ist, trachtet nicht,
wie der neugierige Bube, den Kasten zu zerbrechen, in dem es orgelt,
wenn er die äußere Schraube dreht. - Man sagt, es ist ganz natürlich,
daß es drinnen klingt; denn ich drehe ja die Schraube! - Indem ich
dies Gebälk richtig aus dem Augenpunkt aufgezeichnet, weiß ich
bestimmt, daß es sich dem Beschauer plastisch darstellt - Numero
zwei heraufgereicht, Junge! - Nun male ich es aus in den regelrecht
abgestimmten Farben - es erscheint vier Ellen zurücktretend. Das weiß
ich alles gewiß; oh! man ist erstaunlich klug - wie kommt es, daß die
Gegenstände in der Ferne sich verkleinern? Die einzige dumme Frage
eines Chinesen könnte selbst den Professor Eytelwein in Verlegenheit
setzen; doch könnte er sich mit dem orgelnden Kasten helfen und
sprechen, er habe manchmal an der Schraube gedreht, und immer dieselbe
Wirkung erfahren - Violett Numero eins, Junge! - ein anderes Lineal
- dicken ausgewaschenen Pinsel! Ach, was ist all unser Ringen und
Streben nach dem Höheren anders, als das unbeholfene bewußtlose
Hantieren des Säuglings, der die Amme verletzt, die ihn wohltätig
nährt! - Violett Numero zwei - frisch Junge! - das Ideal ist ein
schnöder lügnerischer Traum vom gärenden Blute erzeugt. - Die Töpfe
weg, Junge - ich steige herab. - Der Teufel narrt uns mit Puppen,
denen er Engelsfittige angeleimt.« - Nicht möglich ist es mir, alles
das wörtlich zu wiederholen, was Berthold sprach, indem er rasch
fortmalte, und mich ganz wie seinen Handlanger brauchte. In der
angegebenen Manier fuhr er fort, die Beschränktheit alles irdischen
Beginnens auf das bitterste zu verhöhnen; ach er schaute in die
Tiefe eines auf den Tod verwundeten Gemüts, dessen Klage sich nur in
schneidender Ironie erhebt. Der Morgen dämmerte, der Schein der Fackel
verblaßte vor den hereinbrechenden Sonnenstrahlen. Berthold malte
eifrig fort, aber er wurde stiller und stiller und nur einzelne Laute
- zuletzt nur Seufzer, entflohen der gepreßten Brust. Er hatte den
ganzen Altar mit gehöriger Farbenabstufung angelegt, und schon jetzt,
ohne weiter ausgeführt zu sein, sprang das Gemälde wunderbar hervor.
»In der Tat herrlich - ganz herrlich«, rief ich voll Bewunderung aus.
»Meinen Sie«, sprach Berthold mit matter Stimme: »Meinen Sie, daß
etwas daraus werden wird? - Ich gab mir wenigstens alle Mühe richtig
zu zeichnen; aber nun kann ich nicht mehr.« - »Keinen Pinselstrich
weiter, lieber Berthold!« sprach ich: »es ist beinahe unglaublich,
wie Sie mit einem solchen Werk in wenigen Stunden so weit vorrücken
konnten; aber Sie greifen sich zu sehr an, und verschwenden
Ihre Kraft.« - »Und doch«, erwiderte Berthold, »sind das meine
glücklichsten Stunden. - Vielleicht schwatzte ich zu viel, aber es
sind ja nur Worte, in die sich der das Innere zerreißende Schmerz
auflöst.« - »Sie scheinen sich sehr unglücklich zu fühlen, mein armer
Freund«, sprach ich: »irgend ein furchtbares Ereignis trat feindlich
zerstörend in Ihr Leben!« - Der Maler trug langsam seine Gerätschaften
in die Kapelle, löschte die Fackel aus, kam dann auf mich zu, faßte
meine Hand und sprach mit gebrochener Stimme: »Könnten Sie einen
Augenblick Ihres Lebens ruhigen, heitern Geistes sein, wenn Sie sich
eines gräßlichen, nie zu sühnenden Verbrechens bewußt wären?« -
Erstarrt blieb ich stehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen in
des Malers leichenblasses zerstörtes Gesicht, und er war beinahe
gespenstisch anzusehen, als er fortwankte durch die kleine Pforte in
das Innere des Kollegiums.
Kaum erwarten konnte ich am folgenden Tage die Stunde, die mir
Professor Walther zum Wiedersehen bestimmt hatte. Ich erzählte ihm
den ganzen Auftritt der vorigen Nacht, der mich nicht wenig aufgeregt
hatte; ich schilderte mit den lebendigsten Farben des Malers
wunderliches Benehmen, und verschwieg kein Wort, das er gesprochen,
selbst das nicht, was ihn selbst betroffen. Je mehr ich aber auf des
Professors Teilnahme hoffte, desto gleichgültiger schien er mir, ja er
lächelte selbst über mich auf eine höchst widrige Weise, als ich nicht
nachließ, von Berthold zu reden und in ihn zu dringen, mir ja alles,
was er von dem Unglücklichen wüßte, zu sagen. »Es ist ein wunderlicher
Mensch, dieser Maler«, fing der Professor an: »sanft - gutmütig -
arbeitsam - nüchtern, wie ich Ihnen schon früher sagte, aber schwachen
Verstandes; denn sonst hätte er sich nicht durch irgend ein Ereignis
im Leben, sei es selbst ein Verbrechen, das er beging, herabstimmen
lassen vom herrlichen Historienmaler zum dürftigen Wandpinsler.
« Der Ausdruck Wandpinsler ärgerte mich so wie des Professors
Gleichgültigkeit überhaupt. Ich suchte ihm darzutun, daß noch jetzt
Berthold ein höchst achtungswerten Künstler, und der höchsten regsamen
Teilnahme wert sei. »Nun«, fing der Professor endlich an: »wenn Sie
einmal unser Berthold in solch hohem Grade interessiert, so sollen
Sie alles, was ich von ihm weiß, und das ist nicht wenig, ganz genau
erfahren. Zur Einleitung dessen, lassen Sie uns gleich in die Kirche
gehen! Da Berthold die ganze Nacht hindurch mit Anstrengung gearbeitet
hat, wird er heute vormittags rasten. Wenn wir ihn in der Kirche
fänden, wäre mein Zweck verfehlt.« Wir gingen nach der Kirche, der
Professor ließ das Tuch von dem verhängten Gemälde herunternehmen und
in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemälde auf, wie ich es nie
gesehen. Die Komposition war wie Raffaels Stil, einfach und himmlisch
erhaben! - Maria und Elisabeth in einem schönen Garten auf einem
Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus mit Blumen
spielend, im Hintergrunde seitwärts eine betende männliche Figur! -
Marias holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Frömmigkeit ihrer
ganzen Figur erfüllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie
war schön, schöner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Raffaels
Maria in der Dresdner Galerie verkündete ihr Blick die höhere Macht
der Gottes-Mutter. Ach! mußte vor diesen wunderbaren, von tiefem
Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die
ewigdürstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeöffneten
Lippen nicht tröstend, wie in holden Engels-Melodien, von der
unendlichen Seligkeit des Himmels? - Nieder mich zu werfen in den
Staub vor ihr, der Himmels-Königin, trieb mich ein unbeschreibliches
Gefühl - keines Wortes mächtig konnte ich den Blick nicht abwenden
von dem Bilde ohnegleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz
ausgeführt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen,
und der betende Mann war noch nicht übermalt. Näher getreten erkannte
ich in dem Gesicht dieses Mannes Bertholds Züge. Ich ahnte, was mir
der Professor gleich darauf sagte: »Dieses Bild«, sprach er, »ist
Bertholds letzte Arbeit, das wir vor mehreren Jahren aus N. in
Oberschlesien, wo es von einem unserer Kollegen in einer Versteigerung
gekauft wurde, erhielten. Unerachtet es nicht vollendet ist, ließen
wir es doch statt des elenden Altarblatts, das sonst hier stand,
einfügen. Als Berthold angekommen war und dies Gemälde erblickte,
schrie er laut auf und stürzte bewußtlos zu Boden. Nachher vermied
er sorgfältig, es anzublicken und vertraute mir, daß es seine
letzte Arbeit in diesem Fache sei. Ich hoffte ihn nach und nach zur
Vollendung des Bildes zu überreden, aber mit Entsetzen und Abscheu
wies er jeden Antrag der Art zurück. Um ihn nur einigermaßen heiter
und kräftig zu erhalten, mußte ich das Bild verhängen lassen, solange
er in der Kirche arbeitet. Fiel es ihm nur von ungefähr ins Auge, so
lief er wie von unwiderstehlicher Macht getrieben hin, warf sich laut
schluchzend nieder, bekam seinen Paroxysmus, und war auf mehrere Tage
unbrauchbar.« - »Armer - armer unglücklicher Mann!« rief ich aus,
»welch eine Teufelsfaust griff so grimmig zerstörend in dein
Leben.«-»Oh!« sprach der Professor: »die Hand samt dem Arm ist ihm an
den Leib gewachsen - ja ja! - er selbst war gewiß sein eigner Dämon -
sein Luzifer, der in sein Leben mit der Höllenfackel hineinleuchtete.
Wenigstens geht das aus seinem Leben sehr deutlich hervor.« Ich bat
den Professor, mir doch nur jetzt gleich alles zu sagen, was er über
des unglücklichen Malers Leben wüßte. »Das würde viel zu weitläufig
sein, und viel zu viel Atem kosten«, erwiderte der Professor.
»Verderben wir uns den heitern Tag nicht mit dem trüben Zeuge! Lassen
Sie uns frühstücken, und dann nach der Mühle gehen, wo uns ein tüchtig
zubereitetes Mittagsmahl erwartet.« Ich hörte nicht auf, in den
Professor zu dringen, und nach vielem Hin- und Herreden kam es endlich
heraus, daß gleich nach der Ankunft Bertholds sich ein Jüngling, der
auf dem Kollegio studierte, mit voller Liebe an ihn anschloß, daß
diesem Berthold nach und nach die Begebenheiten seines Lebens
vertraute, die der junge Mann sorglich aufschrieb und dem Professor
Walther das Manuskript übergab. »Es war«, sprach der Professor: »solch
ein Enthusiast, wie Sie, mein Herr, mit Ihrer Erlaubnis! Aber das
Aufschreiben der wunderlichen Begebenheiten des Malers diente ihm in
der Tat zur trefflichen Stilübung.« Mit vieler Mühe erhielt ich von
dem Professor das Versprechen, daß er mir abends nach geendeter
Lustpartie das Manuskript anvertrauen wolle. Sei es, daß es die
gespannte Neugierde war, oder war der Professor wirklich selbst daran
schuld, kurz, niemals hab ich mehr Langeweile empfunden, als _den_ Tag.
Schon die Eiskälte des Professors rücksichts Bertholds war mir fatal;
aber seine Gespräche, die er mit den Kollegen, die an dem Mahl
teilnahmen, führte, überzeugten mich, daß, trotz aller Gelehrsamkeit,
aller Weltgewandtheit, sein Sinn fürs Höhere gänzlich verschlossen,
und er der krasseste Materialist war, den es geben konnte. Das System
von dem Fressen und Gefressenwerden, wie es Berthold anführte,
hatte er wirklich adoptiert. Alles geistige Streben, Erfindungs-,
Schöpfungskraft leitete er aus gewissen Konjunkturen der Eingeweide
und des Magens her, und dabei kramte er noch mehr närrische abnorme
Einfälle aus. Er behauptete z.B. sehr ernsthaft, daß jeder Gedanke
durch die Begattung zweier Fäserchen im menschlichen Gehirne erzeugt
würde. Ich begriff, auf welche Weise der Professor mit solchen tollen
Dingen den armen Berthold, der in verzweifelter Ironie alle günstige
Einwirkung des Höheren anfocht, quälen, und in die noch blutenden
Wunden spitze Dolche einsetzen mußte. Endlich am Abend gab mir der
Professor ein paar beschriebene Bogen mit den Worten: »Hier, lieber
Enthusiast, ist das Studenten-Machwerk. Es ist nicht übel geschrieben,
aber höchst sonderbar und wider alle Regel rückt der Herr Verfasser,
ohne es weiter anzudeuten, Reden des Malers wörtlich in der ersten
Person ein. Übrigens mache ich Ihnen mit dem Aufsatz, über den ich
von Amtswegen verfügen kann, ein Geschenk, da ich weiß, daß Sie kein
Schriftsteller sind. Der Verfasser der Fantasiestücke in Callots
Manier hätte es eben nach seiner tollen Manier arg zugeschnitten und
gleich drucken lassen, welches ich nicht von Ihnen zu erwarten habe.«
Der Professor Aloysius Walther wußte nicht, daß er wirklich
den reisenden Enthusiasten vor sich hatte, wiewohl er es hätte
merken können, und so gebe ich dir, mein günstiger Leser! des
Jesuiten-Studenten kurze Erzählung von dem Maler Berthold. Die Weise,
wie er sich mir zeigte, wird dadurch ganz erklärt, und du, o mein
Leser! wirst dann auch gewahren, wie des Schicksals wunderliches Spiel
uns oft zu verderblichem Irrtum treibt.
»Laßt euern Sohn nur getrost nach Italien reisen! Schon jetzt ist
er ein wackrer Künstler, und es fehlt ihm hier in D. keinesweges an
Gelegenheit, nach den trefflichsten Originalen jeder Art zu studieren,
aber dennoch darf er nicht hier bleiben. Das freie Künstlerleben muß
ihm in dem heitern Kunstlande aufgehen, sein Studium wird dort sich
erst lebendig gestalten, und den eignen Gedanken erzeugen. Das
Kopieren allein hilft ihm nun nichts mehr. Mehr Sonne muß die
aufsprießende Pflanze erhalten, um zu gedeihen und Blüt und Frucht zu
tragen. Euer Sohn hat ein reines wahrhaftiges Künstlergemüt, darum
seid um alles übrige unbesorgt!« So sprach der alte Maler Stephan
Birkner zu Bertholds Eltern. _Die_ rafften alles zusammen was ihr
dürftiger Haushalt entbehren konnte, und statteten den Jüngling aus
zur langen Reise. So ward Bertholds heißester Wunsch, nach Italien zu
gehen, erfüllt.
»Als mir Birkner den Entschluß meiner Eltern verkündete, sprang ich
hoch auf vor Freude und Entzücken. - Wie im Traum ging ich umher die
Tage hindurch, bis zu meiner Abreise. Es war mir nicht möglich, auf
der Galerie einen Pinsel anzusetzen. Der Inspektor, alle Künstler, die
in Italien gewesen, mußten mir erzählen von dem Lande, wo die Kunst
gedeiht. Endlich war Tag und Stunde gekommen. Schmerzlich war der
Abschied von den Eltern, die von düstrer Ahnung gequält, daß sie mich
nicht wiedersehen würden, mich nicht lassen wollten. Selbst der Vater,
sonst ein entschlossener fester Mann, hatte Mühe, Fassung zu erringen.
>Italien - Italien wirst du sehen<, riefen die Kunstbrüder, da loderte
von tiefer Wehmut nur stärker entzündet das Verlangen auf und rasch
schritt ich fort - vor der Eltern Hause schien mir die Bahn des
Künstlers zu beginnen.«
Berthold, in jedem Fache der Malerei vorbereitet, hatte sich doch
vorzüglich der Landschaftsmalerei ergeben, die er mit Liebe und Eifer
trieb. In Rom glaubte er reiche Nahrung für diesen Zweig der Kunst
zu finden; es war dem nicht so. Gerade in dem Kreis der Künstler
und Kunstfreunde, in dem er sich bewegte, wurde ihm unaufhörlich
vorgeredet, daß der Historienmaler allein auf der höchsten Spitze
stehe, und ihm alles übrige untergeordnet sei. Man riet ihm, wolle
er ein bedeutender Künstler werden, doch nur gleich von seinem Fach
abzugehen und sich dem Höheren zuzuwenden, und, dies, verbunden mit
dem nie sonst gefehlten Eindruck, den Raffaels mächtige Fresko-Gemälde
im Vatikan auf ihn machten, bestimmte ihn wirklich, die Landschaft
zu verlassen. Er zeichnete nach jenen Raffaels, er kopierte kleine
Ölgemälde anderer berühmter Meister; alles fiel bei seiner tüchtigen
Praktik recht wohl und schicklich aus, aber nur zu sehr fühlte er, daß
das Lob der Künstler und Kenner ihn nur trösten, aufmuntern sollte. Er
sah es ja selbst, daß seinen Zeichnungen, seinen Kopien alles Leben
des Originals fehle. Raffaels, Correggios himmlische Gedanken
begeisterten (so glaubte er) zum eignen Schaffen, aber sowie er sie
in der Fantasie festhalten wollte, verschwammen sie wie im Nebel, und
alles, was er auswendig zeichnete, hatte, wie jedes nur undeutlich,
verworren Gedachte, kein Regen, keine Bedeutung. Über dieses
vergebliche Ringen und Streben schlich trüber Unmut in seine Seele,
und oft entrann er den Freunden, um in der Gegend von Rom Baumgruppen
- einzelne landschaftliche Partien heimlich zu zeichnen und zu
malen. Aber auch dies geriet nicht mehr wie sonst, und zum erstenmal
zweifelte er an seinem wahren Künstlerberuf. Die schönsten Hoffnungen
schienen untergehn zu wollen. »Ach mein hochverehrter Freund und
Lehrer«, schrieb Berthold an Birkner, »Du hast mir Großes zugetraut,
aber - hier, wo es erst recht licht werden sollte in meiner Seele, bin
ich inne worden, daß das, was Du wahrhaftes Künstlergenie nanntest,
nur etwa Talent - äußere Fertigkeit der Hand war. Sage meinen Eltern,
daß ich bald zurückkehren würde, um irgend ein Handwerk zu erlernen,
das mich künftig ernähre usw.« Birkner schrieb zurück: »Oh, könnte ich
doch bei Dir sein, mein Sohn! um Dich aufzurichten in Deinem Unmut.
Aber glaube mir, Deine Zweifel sind es gerade, die für Dich, für
Deinen Künstlerberuf sprechen. Der, welcher in stetem unwandelbaren
Vertrauen auf seine Kraft immer fortzuschreiten gedenkt, ist ein
blöder Tor, der sich selbst täuscht; denn ihm fehlt ja der eigentliche
Impuls zum Streben, der nur in dem Gedanken der Mangelhaftigkeit ruht.
Harre aus! - Bald wirst Du Dich erkräftigen, und dann ruhig, nicht
durch das Urteil, durch den Rat der Freunde, die Dich zu verstehen
vielleicht gar nicht imstande, gezügelt, _den_ Weg fortwandeln, den Dir
Deines Ichs eigne Natur vorgeschrieben. Ob Du Landschafter bleiben,
ob Du Historienmaler werden willst, wirst Du dann selbst entscheiden
können, und an keine feindliche Absonderung der Zweige eines Stammes
denken.«
Es begab sich, daß gerade zu der Zeit, als Berthold diesen tröstenden
Brief von seinem alten Lehrer und Freunde erhielt, sich Philipp
Hackerts Ruhm in Rom verbreitet hatte. Einige von ihm dort
aufgestellte Stücke von wunderbarer Anmut und Klarheit bewährten des
Künstlers Ruf und selbst die Historienmaler gestanden, es läge auch
in dieser reinen Nachahmung der Natur viel Großes und Vortreffliches.
Berthold schöpfte Atem - er hörte nicht mehr seine Lieblingskunst
verhöhnen, er sah einen Mann, der sie trieb, hochgestellt und verehrt;
wie ein Funke fiel es in seine Seele, daß er nach Neapel wandern und
unter Hackert studieren müsse. Ganz jubilierend schrieb er an Birkner
und an seine Eltern, daß er nun nach hartem Kampf den rechten Weg
gefunden habe, und bald in seinem Fach ein tüchtiger Künstler zu
werden hoffe. Freundlich nahm der ehrliche deutsche Hackert den
deutschen Schüler auf, und bald strebte dieser dem Lehrer in regem
Schwunge nach. Berthold erlangte große Fertigkeit, die verschiedenen
Baum- und Gesträucharten der Natur getreu darzustellen; auch
leistete er nicht Geringes in dem Dunstigen und Duftigen, wie es auf
Hackertschen Gemälden zu finden. Das erwarb ihm vieles Lob, aber auf
ganz eigene Weise schien es ihm bisweilen, als wenn seinen, ja selbst
den Landschaften des Lehrers etwas fehle, das er nicht zu nennen
wußte, und das ihm doch in Gemälden Claude Lorrains, ja selbst in
Salvator Rosas rauhen Wüsteneien entgegentrat. Es erhoben sich
allerlei Zweifel gegen den Lehrer in ihm, und er wurde vorzüglich ganz
unmutig, wenn Hackert mit angestrengter Mühe totes Wild malte, das
ihm der König zugeschickt. Doch überwand er bald dergleichen, wie er
glaubte, freveliche Gedanken und fuhrt fort, mit frommer Hingebung
und deutschem Fleiß nach seines Lehrers Muster zu arbeiten, so daß er
in kurzer Zeit es ihm beinahe gleichtat. So kam es denn, daß er auf
Hackerts ausdrücklichen Anlaß eine große Landschaft, die er treu nach
der Natur gemalt hatte, zu einer Ausstellung, die mehrenteils aus
Hackertschen Landschaften und Stilleben bestand, hergeben mußte. Alle
Künstler und Kenner bewunderten des Jünglings treue saubre Arbeit und
priesen ihn laut. Nur ein ältlicher, sonderbar gekleideter Mann sagte
selbst zu Hackerts Gemälden kein Wort, sondern lächelte nur bedeutsam,
wenn die Lobeserhebungen der Menge recht ausgelassen und toll
daherbrausten. Berthold bemerkte deutlich, wie der Fremde, als er
vor seiner Landschaft stand, mit einer Miene des tiefsten Bedauerns
den Kopf schüttelte und dann sich entfernen wollte. Berthold etwas
aufgebläht durch das allgemeine Lob, das ihm zuteil geworden, konnte
sich des innern Ärgers über den Fremden nicht erwehren. Er trat auf
ihn zu und frug, indem er die Worte schärfer betonte, als gerade
nötig. »Ihr scheint mit dem Bilde nicht zufrieden, mein Herr,
unerachtet es doch wackre Künstler und Kenner nicht ganz übel finden
wollen? Sagt mir gefälligst, woran es liegt, damit ich die Fehler nach
Euerm gütigen Rat abändere und bessere.« Mit scharfem Blicke schaute
der Fremde Berthold an, und sprach sehr ernst: »Jüngling, aus dir
hätte viel werden können.« Berthold erschrak bis ins Innerste vor des
Mannes Blick und seinen Worten; er hatte nicht den Mut, etwas weiter
zu sagen, oder ihm zu folgen, als er langsam zum Saale hinausschritt.
Hackert trat bald darauf selbst hinein, und Berthold eilte, ihm den
Vorfall mit dem wunderlichen Mann zu erzählen. »Ach!« rief Hackert
lachend: »Laß dir das ja nicht zu Herzen gehen! Das war ja unser
brummige Alte, dem nichts recht ist, der alles tadelt; ich begegnete
ihm auf dem Vorsaal. Er ist auf Malta von griechischen Eltern geboren,
ein reicher wunderlicher Kauz, gar kein übler Maler; aber alles was er
macht, hat ein fantastisches Ansehen, welches wohl daher rührt, weil
er über jede Darstellung durch die Kunst ganz tolle absurde Meinungen
und sich ein künstlerisches System gebaut hat, das den Teufel nichts
taugt. Ich weiß recht gut, daß er gar nichts auf mich hält, welches
ich ihm gern verzeihe, da er mir wohlerworbnen Ruhm nicht streitig
machen wird.« Dem Berthold war es zwar, als habe der Malteser irgend
einen wunden Fleck seines Innersten schmerzhaft berührt, aber so wie
der wohltätige Wundarzt, um zu forschen und zu heilen; indessen schlug
er sich das bald aus dem Sinn und arbeitete fröhlich fort, wie zuvor.
Das große, wohlgelungene, allgemein bewunderte Bild hatte ihm Mut
gemacht, das Gegenstück zu beginnen. Einen der schönsten Punkte in
Neapels reicher Umgebung wählte Hackert selbst aus, und so wie jenes
Bild den Sonnenuntergang darstellte, sollte diese Landschaft im
Sonnenaufgang gehalten werden. Berthold bekam viel fremde Bäume, viele
Weinberge, vorzüglich aber viel Nebel und Duft zu malen.
Auf der Platte eines großen Steins, eben in jenem von Hackert
gewählten Punkte, saß Berthold eines Tages, den Entwurf des großen
Bildes nach der Natur vollendend. »Wohl getroffen in der Tat!« sprach
es neben ihm. Berthold blickte auf, der Malteser sah in sein Blatt
hinein, und fügte mit sarkastischem Lächeln hinzu: »Nur eins habt Ihr
vergessen, lieber junger Freund! Schaut doch dort herüber nach der
grün berankten Mauer des fernen Weinbergs! Die Türe steht halb
offen; das müßt Ihr ja anbringen mit gehörigem Schlagschatten - die
halbgeöffnete Türe macht erstaunliche Wirkung!« - »Ihr spottet«,
erwiderte Berthold, »ohne Ursache, mein Herr! Solche Zufälligkeiten
sind keinesweges so verächtlich wie Ihr glaubt und deshalb mag sie
mein Meister wohl anbringen. Erinnert Euch doch nur des aufgehängten
weißen Tuchs in der Landschaft eines alten niederländischen Malers,
das nicht fehlen darf, ohne die Wirkung zu verderben. Aber Ihr scheint
überhaupt kein Freund der Landschaftsmalerei, der ich mich nun einmal
ganz ergeben habe mit Leib und Seele, und darum bitt ich Euch, laßt
mich ruhig fortarbeiten.« - »Du bist in großem Irrtum befangen,
Jüngling«, sprach der Malteser. »Noch einmal sage ich, aus dir hätte
viel werden können; denn sichtlich zeugen deine Werke das rastlose
Bestreben nach dem Höheren, aber nimmer wirst du dein Ziel erreichen,
denn der Weg, den du eingeschlagen, führt nicht dahin. Merk wohl auf,
was ich dir sagen werde! Vielleicht glückt es mir, die Flamme in
deinem Innern, die du, Unverständiger! zu überbauen trachtest,
anzumachen, daß sie hell auflodert und dich erleuchtet; dann wirst du
den wahren Geist, der in dir lebt, zu erschauen vermögen. Hältst du
mich denn für so töricht, daß ich die Landschaft dem historischen
Gemälde unterordne, daß ich nicht das gleiche Ziel, nach dem beide,
Landschafter und Historienmaler, streben sollen, erkenne? - Auffassung
der Natur in der tiefsten Bedeutung des höhern Sinns, der alle Wesen
zum höheren Leben entzündet, das ist der heilige Zweck aller Kunst.
Kann denn das bloße genaue Abschreiben der Natur jemals dahin
führen? - Wie ärmlich, wie steif und gezwungen sieht die nachgemalte
Handschrift in einer fremden Sprache aus, die der Abschreiber nicht
verstand und daher den Sinn der Züge, die er mühsam abschnörkelte,
nicht zu deuten wußte. So sind die Landschaften deines Meisters
korrekte Abschriften eines in ihm fremder Sprache geschriebenen
Originals. - Der Geweihte vernimmt die Stimme der Natur, die in
wunderbaren Lauten aus Baum, Gebüsch, Blume, Berg und Gewässer von
unerforschlichem Geheimnis spricht, die in seiner Brust sich zu
frommer Ahnung gestalten; dann kommt, wie der Geist Gottes selbst, die
Gabe über ihn, diese Ahnung sichtlich in seine Werke zu übertragen.
Ist dir, Jüngling! denn bei dem Beschauen der Landschaften alter
Meister nicht ganz wunderbarlich zumute geworden? Gewiß hast du nicht
daran gedacht, daß die Blätter des Lindenbaums, daß die Pinien, die
Platanen der Natur getreuer, daß der Hintergrund duftiger, das Wasser
klarer sein könnte; aber der Geist, der aus dem Ganzen wehte, hob dich
empor in ein höheres Reich, dessen Abglanz du zu schauen wähntest.
- Daher studiere die Natur zwar auch im Mechanischen fleißig und
sorgfältig, damit du die Praktik des Darstellens erlangen mögest, aber
halte die Praktik nicht für die Kunst selbst. Bist du eingedrungen in
den tiefern Sinn der Natur, so werden selbst in deinem Innern ihre
Bilder in hoher glänzender Pracht aufgehen.« - Der Malteser schwieg;
als aber Berthold tief ergriffen, gebückten Hauptes, keines Wortes
mächtig dastand, verließ ihn der Malteser mit den Worten: »Ich habe
dich durchaus nicht verwirren wollen in deinem Beruf; aber ich weiß,
daß ein hoher Geist in dir schlummert: ich rief ihn an mit starken
Worten, damit er erwache und frisch und frei seine Fittige rege. Lebe
wohl!«
Dem Berthold war es so, als habe der Malteser nur dem, was in seiner
Seele gärte und brauste, Worte gegeben; die innere Stimme brach
hervor. - »Nein! Alles dieses Streben - dieses Mühen ist das
ungewisse, trügerische Umhertappen des Blinden, weg - weg mit allem,
was mich geblendet bis jetzt!« - Er war nicht imstande auch nur einen
Strich weiter an dem Bilde zu zeichnen. Er verließ seinen Meister,
und streifte voll wilder Unruhe umher und flehte laut, daß die höhere
Erkenntnis, von der der Malteser gesprochen, ihm aufgehen möge.
»Nur in süßen Träumen war ich glücklich - selig. Da wurde alles wahr,
was der Malteser gesprochen. Ich lag von zauberischen Düften umspielt
im grünen Gebüsch, und die Stimme der Natur ging vernehmbar im
melodisch klingenden Wehen durch den dunklen Wald. - >Horch - horch
auf - Geweihter! Vernimm die Urtöne der Schöpfung, die sich gestalten
zu Wesen deinem Sinn empfänglich.< - Und indem ich die Akkorde
deutlicher und deutlicher erklingen hörte, war es, als sei ein neuer
Sinn in mir erwacht, der mit wunderbarer Klarheit das erfaßte, was mir
unerforschlich geschienen. - Wie in seltsamen Hieroglyphen zeichnete
ich das mir aufgeschlossene Geheimnis mit Flammenzügen in die Lüfte;
aber die Hieroglyphen-Schrift war eine wunderherrliche Landschaft, auf
der Baum, Gebüsch, Blume, Berg und Gewässer, wie in lautem wonnigem
Klingen sich regten und bewegten.«
Doch eben nur im Traume kam solche Seligkeit über den armen Berthold,
dessen Kraft gebrochen, und der im Innersten verwirrter war, als in
Rom, da er Historienmaler werden wollte. Schritt er durch den dunklen
Wald, so überfiel ihn ein unheimliches Grauen; trat er heraus, und
schaute in die fernen Berge, so griff es wie mit eiskalten Krallen
in seine Brust - sein Atem stockte - er wollte vergehen vor innerer
Angst. Die ganze Natur, ihm sonst freundlich lächelnd, ward ihm zum
bedrohlichen Ungeheuer, und ihre Stimme, die sonst in des Abendwindes
Säuseln, in dem Plätschern des Baches, in dem Rauschen des Gebüsches
mit süßem Wort ihn begrüßt, verkündete ihm nun Untergang und
Verderben. Endlich wurde er, je mehr ihn jene holden Träume trösteten,
desto ruhiger, doch mied er es im Freien allein zu sein, und so kam
es, daß er sich zu ein paar muntern deutschen Malern gesellte, und mit
ihnen häufig Ausflüge nach den schönsten Gegenden Neapels machte.
Einer von ihnen, wir wollen ihn Florentin nennen, hatte es in dem
Augenblick nicht sowohl auf tiefes Studium seiner Kunst, als auf
heitern Lebensgenuß abgesehen, seine Mappe zeugte davon. - Gruppen
tanzender Bauernmädchen - Prozessionen ländliche Feste - alles das
wußte Florentin, so wie es ihm aufstieß, mit sichrer leichter Hand
schnell aufs Blatt zu werfen. Jede Zeichnung, war sie auch kaum mehr
als Skizze, hatte Leben und Bewegung. Dabei war Florentins Sinn
keinesweges für das Höhere verschlossen; im Gegenteil drang er mehr,
als je ein moderner Maler, tief ein in den frommen Sinn der Gemälde
alter Meister. In sein Malerbuch hatte er die Fresko-Gemälde einer
alten Klosterkirche in Rom, ehe die Mauern eingerissen wurden, in
bloßen Umrissen hineingezeichnet. Sie stellten das Martyrium der
heiligen Katharina dar. Man konnte nichts Herrlicheres, reiner
Aufgefaßtes sehen, als jene Umrisse, die auf Berthold einen ganz
eignen Eindruck machten. Er sah Blitze leuchten durch die finstre Öde,
die ihn umfangene und es kam dahin, daß er für Florentins heiteren
Sinn empfänglich wurde, und da dieser zwar den Reiz der Natur, in ihr
aber beständig mehr das menschliche Prinzip mit reger Lebendigkeit
auffaßte, eben dieses Prinzip für den Stützpunkt erkannte, an den er
sich halten müsse, um nicht gestaltlos im leeren Raum zu verschwimmen.
Während Florentin irgend eine Gruppe, der er begegnete, schnell
zeichnete, hatte Berthold des Freundes Malerbuch aufgeschlagen, und
versuchte Katharinas wunderholde Gestalt nachzubilden, welches ihm
endlich so ziemlich glückte, wiewohl er, so wie in Rom vergebens
darnach strebte, seine Figuren dem Original gleich zu beleben. Er
klagte dies dem, wie er glaubte, an wahrer Künstlergenialität ihm weit
überlegenen Florentin, und erzählte zugleich, wie der Malteser zu
ihm über die Kunst gesprochen. »Ei, lieber Bruder Berthold!« sprach
Florentin: »der Malteser hat in der Tat recht, und ich stelle die
wahre Landschaft den tief bedeutsamen heiligen Historien, wie sie die
alten Maler darstellen, völlig gleich. Ja, ich halte sogar dafür, daß
man erst durch das Darstellen der uns näher liegenden organischen
Natur sich stärken müsse, um Licht zu finden in ihrem nächtlichen
Reich. Ich rate dir Berthold, daß du dich gewöhnst Figuren zu
zeichnen, und in ihnen deine Gedanken zu ordnen; vielleicht wird
es dann heller um dich werden.« Berthold tat so wie ihm der Freund
geboten, und es war ihm, als zögen die finstern Wolkenschatten, die
sich über sein Leben gelegt, vorüber.
»Ich mühte mich, das, was nur wie dunkle Ahnung tief in meinem Innern
lag, wie in jenem Traum hieroglyphisch darzustellen, aber die Züge
dieser Hieroglyphenschrift waren menschliche Figuren, die sich in
wunderlicher Verschlingung um einen Lichtpunkt bewegten. - Dieser
Lichtpunkt sollte die herrlichste Gestalt sein, die je eines Bildners
Fantasie aufgegangen; aber vergebens strebte ich, wenn sie im Traume
von Himmelsstrahlen umflossen mir erschien, ihre Züge zu erfassen.
Jeder Versuch, sie darzustellen, mißlang auf schmähliche Weise, und
ich verging in heißer Sehnsucht.« - Florentin bemerkte den bis zur
Krankheit aufgeregten Zustand des Freundes, er tröstete ihn, so gut er
es vermochte. Oft sagte er ihm, daß dies eben die Zeit des Durchbruchs
zur Erleuchtung sei; aber wie ein Träumer schlich Berthold einher,
und alle seine Versuche blieben nur ohnmächtige Anstrengungen des
kraftlosen Kindes.
Unfern Neapel lag die Villa eines Herzogs, die, weil sie die schönste
Aussicht nach dem Vesuv und ins Meer hinein gewährte, den fremden
Künstlern, vorzüglich den Landschaftern gastlich geöffnet war.
Berthold hatte hier öfters gearbeitet, öfter noch in einer Grotte
des Parks zur guten Zeit sich dem Spiel seiner fantastischen Träume
hingegeben. Hier in dieser Grotte saß er eines Tages, von glühender
Sehnsucht, die seine Brust zerriß, gemartert, und weinte heiße Tränen,
daß der Stern des Himmels seine dunkle Bahn erleuchten möge; da
rauschte es im Gebüsch, und die Gestalt eines hochherrlichen Weibes
stand vor der Grotte.
»Die vollen Sonnenstrahlen fielen in das Engelsgesicht. - Sie schaute
mich an mit unbeschreiblichen Blick. - Die heilige Katharina - nein,
mehr als sie - mein Ideal, mein Ideal war es! Wahnsinnig vor Entzücken
stürzte ich nieder, da verschwebte die Gestalt freundlich lächelnd! -
Erhört war mein heißestes Gebet!«
Florentin trat in die Grotte, er erstaunte über Berthold, der mit
verklärtem Blick ihn an sein Herz drückte. - Tränen stürzten ihm aus
den Augen - »Freund - Freund!« stammelte er: »ich bin glücklich -
selig - sie ist gefunden - gefunden!« Rasch schritt er fort, in seine
Werkstatt - er spannte die Leinwand auf, er fing an zu malen. Wie von
göttlicher Kraft beseelt, zauberte er mit der vollen Glut des Lebens
das überirdische Weib, wie es ihm erschienen, hervor. - Sein Innerstes
war von diesem Augenblicke ganz umgewendet. Statt des Trübsinns, der
an seinem Herzmark gezehrt hatte, erhob ihn Frohsinn und Heiterkeit.
Er studierte mit Fleiß und Anstrengung die Meisterwerke der alten
Maler. Mehrere Kopien gelangen ihm vortrefflich, und nun fing er an
selbst Gemälde zu schaffen, die alle Kenner in Erstaunen setzten. An
Landschaften war nicht mehr zu denken, und Hackert bekannte selbst,
daß der Jüngling nun erst seinen eigentlichen Beruf gefunden habe.
So kam es, daß er mehrere große Werke, Altarblätter für Kirchen, zu
malen bekam. Er wählte mehrenteils heitere Gegenstände christlicher
Legenden, aber überall strahlte die wunderherrliche Gestalt seines
Ideals hervor. Man fand, daß Gesicht und Gestalt der Prinzessin
Angiola T... zum Sprechen ähnlich sei, man äußerte dies dem jungen
Maler selbst, und Schlauköpfe gaben spöttisch zu verstehen, der
deutsche Maler sei von dem Feuerblick der wunderschönen Donna tief ins
Herz getroffen. Berthold war hoch erzürnt über das alberne Gewäsch der
Leute, die das Himmlische in das Gemeinirdische herabziehen wollten.
»Glaubt ihr denn«, sprach er, »daß solch ein Wesen wandeln könne
hier auf Erden? In einer wunderbaren Vision wurde mir das Höchste
erschlossen; es war der Moment der Künstlerweihe.« - Berthold lebte
nun froh und glücklich, bis nach Bonapartes Siegen in Italien sich die
französische Armee dem Königreich Neapel nahte, und die alle ruhigen
glücklichen Verhältnisse furchtbar zerstörende Revolution ausbrach.
Der König hatte mit der Königin Neapel verlassen, die Citta war
angeordnet. Der General-Vikar schloß mit dem französischen General
einen schmachvollen Waffenstillstand, und bald kamen die französischen
Kommissarien, um die Summe, die gezahlt werden sollte, in Empfang zu
nehmen. Der General-Vikar entfloh, um der Wut des Volks, das sich von
ihm, von der Citta, von allen, die ihm Schutz gewähren konnten gegen
den andringenden Feind, verlassen glaubte, zu entgehen. Da waren alle
Bande der Gesellschaft gelöst; in wilder Anarchie verhöhnte der Pöbel
Ordnung und Gesetz, und unter dem Geschrei: »Viva la santa fede«
rannten seine wahnsinnigen Horden durch die Straßen, die Häuser der
Großen, von welchen sie sich an den Feind verkauft wähnten, plündernd
und in Brand steckend. Vergebens waren die Bemühungen Moliternos und
Rocca Romanas, Günstlinge des Volks und zu Anführern gewählt, die
Rasenden zu bändigen. Die Herzoge della Torre und Clemens Filomarino
waren ermordet, aber noch war des wütenden Pöbels Blutdurst nicht
gestillt. - Berthold hatte sich aus einem brennenden Hause nur halb
angekleidet gerettet, er stieß auf einen Haufen des Volks, der mit
angezündeten Fackeln und blinkenden Messern nach dem Palast des
Herzogs von T. eilte. Ihn für ihresgleichen haltend, drängten sie ihn
mit sich fort - »viva la santa fede« brüllten die Wahnsinnigen, und in
wenigen Minuten waren der Herzog - die Bediensteten, alles was sich
widersetzte, ermordet, und der Palast loderte hoch in Flammen auf.
- Berthold war immer fort und fort in den Palast hineingedrängt. -
Dicker Rauch wallte durch die langen Gänge. - Er lief schnell durch
die aufgesprengten Zimmer, aufs neue in Gefahr, in den Flammen
umzukommen - vergebens den Ausgang suchend. - Ein schneidendes
Angstgeschrei schallt ihm entgegen - er stürzt durch den Saal. - Ein
Weib ringt mit einem Lazzarone, der es mit starker Faust erfaßt hat,
und im Begriff ist ihm das Messer in die Brust zu stoßen. - Es ist
die Prinzessin - es ist Bertholds Ideal! - Bewußtlos vor Entsetzen,
springt Berthold hinzu - den Lazzarone bei der Gurgel packen - ihn
zu Boden werfen, ihm sein eignes Messer in die Kehle stoßen - die
Prinzessin in die Arme nehmen - mit ihr fliehen durch die flammenden
Säle - die Treppen hinab - fort fort, durch das dickste Volksgewühl
- alles das ist die Tat eines Moments! - Keiner hielt den fliehenden
Berthold auf, mit dem blutigen Messer in der Hand, vom Dampfe schwarz
gefärbt, in zerrissenen Kleidern sah das Volk in ihm den Mörder und
Plünderer, und gönnte ihm seine Beute. In einem öden Winkel der Stadt
unter einem alten Gemäuer, in das er, wie aus Instinkt, sich vor
der Gefahr zu verbergen gelaufen, sank er ohnmächtig nieder. Als er
erwachte, kniete die Prinzessin neben ihm, und wusch seine Stirne mit
kaltem Wasser. »O Dank!« lispelte sie mit wunderlieblicher Stimme;
»Dank den Heiligen, daß du erwacht bist, du mein Rettet, mein alles!«
- Berthold richtete sich auf, er wähnte zu träumen, er blickte mit
starren Augen die Prinzessin an -ja sie war es selbst - die herrliche
Himmelsgestalt, die den Götterfunken in seiner Brust entzündet. -
»Ist es möglich - ist es wahr - lebe ich denn?« rief er aus. »Ja, du
lebst«, sprach die Prinzessin - »du lebst für mich; was du nicht zu
hoffen wagtest, geschah wie durch ein Wunder. Oh, ich kenne dich
wohl, du bist der deutsche Maler Berthold, du liebtest mich ja, und
verherrlichtest mich in deinen schönsten Gemälden. - Konnte ich denn
dein sein? - Aber nun bin ich es immerdar und ewig. - Laß uns fliehen,
o laß uns fliehen!« - Ein sonderbares Gefühl, wie wenn jählinger
Schmerz süße Träume zerstört, durchzuckte Berthold bei diesen
Worten der Prinzessin. Doch als das holde Weib ihn mit den vollen
schneeweißen Armen umfing, als er sie ungestüm an seinen Busen
drückte, da durchbebten ihn süße nie gekannte Schauer und im Wahnsinn
des Entzückens höchster Erdenlust rief er aus: »Oh, kein Trugbild des
Traumes - nein! es ist mein Weib, das ich umfange, es nie zu lassen -
das meine glühende dürstende Sehnsucht stillt!«
Aus der Stadt zu fliehen war unmöglich; denn vor den Toren stand das
französische Heer, dem das Volk, war es gleich schlecht bewaffnet
und ohne alle Anführung, zwei Tage hindurch den Einzug in die
Stadt streitig machte. Endlich gelang es Berthold mit Angiola von
Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel, und dann aus der Stadt zu fliehen.
Angiola, von heißer Liebe zu ihrem Retter entbrannt, verschmähte es
in Italien zu bleiben, die Familie sollte sie für tot halten, und so
Bertholds Besitz ihr gesichert bleiben. Ein diamantnes Halsband und
kostbare Ringe, die sie getragen, waren hinlänglich, in Rom (bis dahin
waren sie langsam fortgepilgert) sich mit allen nötigen Bedürfnissen
zu versehen, und so kamen sie glücklich nach M. im südlichen
Deutschland, wo Berthold sich niederzulassen, und durch die Kunst
sich zu ernähren gedachte. - War's denn nicht ein nie geträumtes,
nie geahntes Glück, daß Angiola, das himmlischschöne Weib, das Ideal
seiner wonnigsten Künstlerträume sein werden müßte, unerachtet sich
alle Verhältnisse des Lebens, wie eine unübersteigbare Mauer zwischen
ihm und der Geliebten auftürmten? - Berthold konnte in der Tat dies
Glück kaum fassen, und schwelgte in namenlosen Wonnen, bis lauter und
lauter die innere Stimme ihn mahnte, seiner Kunst zu gedenken. In M.
beschloß er seinen Ruf durch ein großes Gemälde zu begründen, das er
für die dortige Marienkirche malen wollte. Der einfache Gedanke, Maria
und Elisabeth in einem schönen Garten auf einem Rasen sitzend, die
Kinder Christus und Johannes vor ihnen im Grase spielend, sollte der
ganze Vorwurf des Bildes sein, aber vergebens war alles Ringen nach
einer reinen geistigen Anschauung des Gemäldes. So wie in jener
unglücklichen Zeit der Krisis, verschwammen ihm die Gestalten, und
nicht die himmlische Maria, nein, ein irdisches Weib, ach seine
Angiola selbst stand auf greuliche Weise verzerrt, vor seines Geistes
Augen. - Er gedachte Trotz zu bieten der unheimlichen Gewalt, die ihn
zu erfassen schien, er bereitete die Farben, er fing an zu malen; aber
seine Kraft war gebrochen, all sein Bemühen, so wie damals, nur die
ohnmächtige Anstrengung des unverständigen Kindes. Starr und leblos
blieb was er malte, und selbst Angiola - Angiola, sein Ideal, wurde,
wenn sie ihm saß und er sie malen wollte, auf der Leinwand zum toten
Wachsbilde, das ihn mit gläsernen Augen anstierte. Da schlich sich
immer mehr und mehr trüber Unmut in seine Seele, der alle Freude des
Lebens wegzehrte. Er wollte - er konnte nicht weiter arbeiten, und so
kam es, daß er in Dürftigkeit geriet, die ihn desto mehr niederbeugte,
je weniger Angiola auch nur ein Wort der Klage hören ließ.
»Der immer mehr in mein Innerstes hereinzehrende Gram, erzeugt von
stets getäuschter Hoffnung, wenn ich immer vergebens Kräfte aufbot,
die nicht mehr mein waren, versetzte mich bald in einen Zustand, der
dem Wahnsinne gleich zu achten war. Mein Weib gebar mir einen Sohn,
das vollendete mein Elend und der lange verhaltene Groll brach aus
in hell aufflammenden Haß. _Sie_, _sie_ allein schuf mein Unglück. Nein -
sie war nicht das Ideal, das mir erschien, nur mir zum rettungslosen
Verderben hatte sie trügerisch jenes Himmelsweibes Gestalt und Gesicht
geborgt. In wilder Verzweiflung fluchte ich ihr und dem unschuldigen
Kinde. - Ich wünschte beider Tod, damit ich erlöst werden möge von der
unerträglichen Qual, die wie mit glühenden Messern in mir wühlte! -
Gedanken der Hölle stiegen in mir auf. Vergebens las ich in Angiolas
leichenblassem Gesicht, in ihren Tränen mein rasendes freveliches
Beginnen. - >Du hast mich um mein Leben betrogen, verruchtes Weib<,
brüllte ich auf, und stieß sie mit dem Fuße von mir, wenn sie
ohnmächtig niedersank, und meine Knie umfaßte.«
Bertholds grausames wahnsinniges Betragen gegen Weib und Kind erregte
die Aufmerksamkeit der Nachbaren, die es der Obrigkeit anzeigten. Man
wollte ihn verhaften, als aber die Polizeidiener in seine Wohnung
traten, war er samt Frau und Kind spurlos verschwunden. Berthold
erschien bald darauf zu N. in Oberschlesien; er hatte sich seines
Weibes und Kindes entledigt, und fing voll heitern Mutes an, das Bild
zu malen, das er in M. vergebens begonnen hatte. Aber nur die Jungfrau
Maria und die Kinder Christus und Johannes konnte er vollenden,
dann fiel er in eine furchtbare Krankheit, die ihn dem Tode, den
er wünschte, nahe brachte. Um ihn zu pflegen, hatte man alle seine
Gerätschaften und auch jenes unvollendete Gemälde verkauft, und er
zog, nachdem er nur einigermaßen sich wieder erkräftigt, als ein
siecher elender Bettler von dannen. In der Folge nährte er sich
dürftig durch Wandmalerei, die ihm hie und da übertragen wurde.
»Bertholds Geschichte hat etwas Entsetzliches und Grauenvolles«,
sprach ich zu dem Professor, »ich halte ihn, unerachtet er es nicht
geradezu ausgesprochen, für den ruchlosen Mörder seines unschuldigen
Weibes und seines Kindes.« - »Es ist ein wahnsinniger Tor«, erwiderte
der Professor, »dem ich den Mut zu solcher Tat gar nicht zutraue. Über
diesen Punkt läßt er sich niemals deutlich aus, und es ist die Frage,
ob er sich nicht bloß einbildet, an dem Tode seiner Frau und seines
Kindes schuld zu sein; er malt eben wieder Marmor, erst in künftiger
Nacht vollendet er den Altar, dann ist er bei guter Laune, und
Sie können vielleicht mehr über jenen kitzlichen Punkt von ihm
herausbekommen.« - Ich muß gestehen, daß, dachte ich es mir lebhaft,
um Mitternacht mit Berthold allein in der Kirche mich zu befinden,
mir, nachdem ich seine Geschichte gelesen, ein leiser Schauer durch
die Glieder lief. Ich meinte, er könnte mitunter was weniges der
Teufel sein, trotz seiner Gutmütigkeit und seines treuherzigen Wesens,
und wollte mich deshalb lieber gleich mittags im lieben heitern
Sonnenschein mit ihm abfinden.
Ich fand ihn auf dem Gerüste mürrisch und in sich gekehrt, Marmoradern
sprenkelnd; zu ihm herausgestiegen, reichte ich ihm stillschweigend
die Töpfe. Erstaunt sah er sich nach mir um, »ich bin ja Ihr
Handlanger«, sprach ich leise, das zwang ihm ein Lächeln ab. Nun fing
ich an von seinem Leben zu sprechen, so daß er merken mußte, ich wisse
alles, und er schien zu glauben, er habe mir alles selbst in jener
Nacht erzählt. Leise - leise kam ich auf die gräßliche Katastrophe,
dann sprach ich plötzlich: »Also in heillosem Wahnsinn mordeten Sie
Weib und Kind?« - Da ließ er Farbentopf und Pinsel fallen, und rief,
mich mit gräßlichem Blick anstarrend und beide Hände hoch erhebend:
»Rein sind diese Hände vom Blute meines Weibes, meines Sohnes! Noch
ein solches Wort, und ich stürze mich mit Euch hier vom Gerüste herab,
daß unsere Schädel zerschellen auf dem steinernen Boden der Kirche!«
- Ich befand mich in dem Augenblick wirklich in seltsamer Lage, am
besten schien es mir mit ganz Fremden hineinzufahren. »O sehn Sie
doch, lieber Berthold«, sprach ich so ruhig und kalt, als es mir
möglich war, »wie das häßliche Dunkelgelb auf der Wand dort so
verfließt.« Er schauete hin, und indem er das Gelb mit dem Pinsel
verstrich, stieg ich leise das Gerüst herab, verließ die Kirche und
ging zum Professor, um mich über meinen bestraften Vorwitz tüchtig
auslachen zu lassen.
Mein Wagen war repariert und ich verließ G., nachdem mir der Professor
Aloysius Walther feierlich versprochen, sollte sich etwas Besonderes
mit Berthold ereignen, mir es gleich zu schreiben.
Ein halbes Jahr mochte vergangen sein, als ich wirklich von dem
Professor einen Brief erhielt, in welchem er sehr weitschweifig unser
Beisammensein in G. rühmte. Über Berthold schrieb er mir folgendes:
»Bald nach Ihrer Abreise trug sich mit unserm wunderlichen Maler viel
Sonderbares zu. Er wurde plötzlich ganz heiter, und vollendete auf
die herrlichste Weise das große Altarblatt, welches nun vollends alle
Menschen in Erstaunen setzt. Dann verschwand er, und da er nicht das
mindeste mitgenommen, und man ein paar Tage darauf Hut und Stock
unfern des O - Stromes fand, glauben wir alle, er habe sich freiwillig
den Tod gegeben.«