Das Sanctus

Der Doktor schüttelte bedenklich den Kopf. - »Wie«, rief der

Kapellmeister heftig, indem er vom Stuhle aufsprang, »wie! so sollte

Bettinas Katarrh wirklich etwas zu bedeuten haben?«

- Der Doktor stieß ganz leise drei- oder viermal mit seinem spanischen

Rohr auf den Fußboden, nahm die Dose heraus und steckte sie wieder ein

ohne zu schnupfen, richtete den Blick starr empor, als zähle er die

Rosetten an der Decke und hüstelte mißtönig ohne ein Wort zu reden.

Das brachte den Kapellmeister außer sich, denn er wußte schon, solches

Gebärdenspiel des Doktors hieß in deutlichen lebendigen Worten nichts

anders, als: »Ein böser böser Fall - und ich weiß mir nicht zu raten

und zu helfen, und ich steure umher in meinen Versuchen, wie jener

Doktor im Gilblas di Santillana.« - »Nun, so sag Er es denn nur

geradezu heraus«, rief der Kapellmeister erzürnt, »sag Er es heraus,

ohne so verdammt wichtig zu tun mit der simplen Heiserkeit, die sich

Bettina zugezogen, weil sie unvorsichtigerweise den Shawl nicht

umwarf, als sie die Kirche verließ - das Leben wird es ihr doch eben

nicht kosten, der Kleinen.« - »Mit nichten«, sprach der Doktor, indem

er nochmals die Dose herausnahm, jetzt aber wirklich schnupfte, »mit

nichten, aber höchstwahrscheinlich wird sie in ihrem ganzen Leben

keine Note mehr singen!« Da fuhr der Kapellmeister mit beiden Fäusten

sich in die Haare, daß der Puder weit umherstäubte und rannte im

Zimmer auf und ab, und schrie wie besessen: »Nicht mehr singen? -

nicht mehr singen? - Bettina nicht mehr singen? - Gestorben all die

herrlichen Kanzonette - die wunderbaren Boleros und Seguidillas, die

wie klingender Blumenhauch von ihren Lippen strömten? - Kein frommes

Agnus, kein tröstendes Benedictus von ihr mehr hören? - Oh! oh! - Kein

Miserere, das mich reinbürstete von jedem irdischen Schmutz miserabler

Gedanken - das in mir oft eine ganze reiche Welt makelloser

Kirchenthemas aufgehen ließ? - Du lügst Doktor, du lügst! - Der Satan

versucht dich, mich aufs Eis zu führen. - Der Dom-Organist, der mich

mit schändlichem Neide verfolgt, seitdem ich ein achtstimmiges Qui

tollis ausgearbeitet zum Entzücken der Welt, _der_ hat dich bestochen!

Du sollst mich in schnöde Verzweiflung stürzen, damit ich meine neue

Messe ins Feuer werfe, aber es gelingt _ihm_ - es gelingt _dir_ nicht! -

Hier - hier trage ich sie bei mir, Bettinas Soli« (er schlug auf die

rechte Rocktasche, so daß es gewaltig darin klatschte) »und gleich

soll herrlicher, als je, die Kleine sie mir mit hocherhabener

Glockenstimme vorsingen.« Der Kapellmeister griff nach dem Hute und

wollte fort, der Doktor hielt ihn zurück, indem er sehr sanft und

leise sprach: »Ich ehre Ihren werten Enthusiasmus, holdseligster

Freund! aber ich übertreibe nichts und kenne den Dom-Organisten

gar nicht, es ist nun einmal so! Seit der Zeit, daß Bettina in

der katholischen Kirche bei dem Amt die Solos im Gloria und Credo

gesungen, ist sie von einer solch seltsamen Heiserkeit oder vielmehr

Stimmlosigkeit befallen, die meiner Kunst trotzt und die mich, wie

gesagt, befürchten läßt, daß sie nie mehr singen wird.« - »Gut denn«,

rief der Kapellmeister wie in resignierter Verzweiflung, »gut denn, so

gib ihr Opium - Opium und so lange Opium bis sie eines sanften Todes

dahinscheidet, denn singt Bettina nicht mehr, so darf sie auch nicht

mehr leben, denn sie lebt nur, wenn sie singt - sie existiert nur im

Gesange - himmlischer Doktor, tu mir den Gefallen, vergifte sie je

eher desto lieber. Ich habe Konnexionen im Kriminal-Kollegio, mit dem

Präsidenten studierte ich in Halle, es war ein großer Hornist, wir

bliesen Bizinien zur Nachtzeit mit einfallenden Chören obligater

Hündelein und Kater! - Sie sollen dir nichts tun des ehrlichen Mords

wegen. - Aber vergifte sie - vergifte sie« - »Man ist«, unterbrach der

Doktor den sprudelnden Kapellmeister, »man ist doch schon ziemlich

hoch in Jahren, muß sich das Haar pudern seit geraumer Zeit und doch

noch vorzüglich die Musik anlangend vel quasi ein Hasenfuß. Man

schreie nicht so, man spreche nicht so verwegen vom sündlichen Mord

und Totschlag, man setze sich ruhig hin dort in jenen bequemen

Lehnstuhl und höre mich gelassen an.« Der Kapellmeister rief mit sehr

weinerlicher Stimme: »Was werd ich hören?« und tat übrigens wie ihm

geheißen. »Es ist«, fing der Doktor an, »es ist in der Tat in Bettinas

Zustand etwas ganz Sonderbares und Verwunderliches. Sie spricht laut,

mit voller Kraft des Organs, an irgend eines der gewöhnlichen Halsübel

ist gar nicht zu denken, sie ist selbst imstande einen musikalischen

Ton anzugeben, aber sowie sie die Stimme zum Gesange erheben will,

lähmt ein unbegreifliches Etwas, das sich durch kein Stechen,

Prickeln, Kitzeln oder sonst als ein affirmatives krankhaftes Prinzip

dartut, ihre Kraft, so daß jeder versuchte Ton ohne gepreßt-unrein,

kurz katarrhalisch zu klingen, matt und farblos dahinschwindet.

Bettina selbst vergleicht ihren Zustand sehr richtig demjenigen im

Traum, wenn man mit dem vollsten Bewußtsein der Kraft zum Fliegen doch

vergebens strebt in die Höhe zu steigen. Dieser negative krankhafte

Zustand spottet meiner Kunst und wirkungslos bleiben alle Mittel.

Der Feind, den ich bekämpfen soll, gleicht einem körperlosen Spuk,

gegen den ich vergebens meine Streiche führe. Darin habt Ihr recht

Kapellmeister, daß Bettinas ganze Existenz im Leben durch den

Gesang bedingt ist, denn eben im Gesange kann man sich den kleinen

Paradiesvogel nur denken, deshalb ist sie aber schon durch die

Vorstellung, daß ihr Gesang und mit ihm sie selbst untergehe, so

im Innersten aufgeregt, und fast bin ich überzeugt, daß eben diese

fortwährende geistige Agitation ihr Übelbefinden fördert und meine

Bemühungen vereitelt. Sie ist, wie sie sich selbst ausdrückt, von

Natur sehr apprehensiv, und so glaube ich, nachdem ich monatelang,

wie ein Schiffbrüchiger, der nach jedem Splitter hascht, nach diesem,

jenem Mittel gegriffen und darüber ganz verzagt worden, daß Bettinas

ganze Krankheit mehr psychisch als physisch ist.« - »Recht Doktor«,

rief hier der reisende Enthusiast, der so lange schweigend mit

übereinander geschlagenen Ärmen im Winkel gesessen, »recht Doktor, mit

einemmal habt Ihr den richtigen Punkt getroffen, mein vortrefflicher

Arzt! Bettinas krankhaftes Gefühl ist die physische Rückwirkung

eines psychischen Eindrucks, eben deshalb aber desto schlimmer und

gefährlicher. _Ich_, _ich_ allein kann euch alles erklären, ihr Herren!« -

»Was werd ich hören«, sprach der Kapellmeister noch weinerlicher als

vorher, der Doktor rückte seinen Stuhl näher heran zum reisenden

Enthusiasten und guckte ihm mit sonderbar lächelnder Miene ins

Gesicht. Der reisende Enthusiast warf aber den Blick in die Höhe

und sprach ohne den Doktor oder den Kapellmeister anzusehen:

»Kapellmeister! ich sah einmal einen kleinen buntgefärbten

Schmetterling, der sich zwischen den Saiten Eures Doppelklavichords

eingefangen hatte. Das kleine Ding flatterte lustig auf und nieder und

mit den glänzenden Flügelein um sich schlagend berührte es bald die

obern bald die untern Saiten, die dann leise leise nur dem schärfsten

geübtesten Ohr vernehmbare Töne und Akkorde hauchten, so daß zuletzt

das Tierchen nur in den Schwingungen wie in sanftwogenden Wellen zu

schwimmen oder vielmehr von ihnen getragen zu werden schien. Aber oft

kam es, daß eine stärker berührte Saite, wie erzürnt in die Flügel des

fröhlichen Schwimmers schlug, so daß sie wund geworden den Schmuck

des bunten Blütenstaubs von sich streuten, doch dessen nicht achtend

kreiste der Schmetterling fort und fort im fröhlichen Klingen und

Singen bis schärfer und schärfer die Saiten ihn verwundeten, und er

lautlos hinabsank in die Öffnung des Resonanzbodens.« - »Was wollen

wir damit sagen«, frug der Kapellmeister, »fiat applicatio mein

Bester!« sprach der Doktor. »Von einer besonderen Anwendung ist

hier nicht die Rede«, fuhr der Enthusiast fort, »ich wollte, da ich

obbesagten Schmetterling wirklich auf des Kapellmeisters Klavichord

spielen gehört habe, nur im allgemeinen eine Idee andeuten, die mir

damals einkam, und die alles das, was ich über Bettinas Übel sagen

werde, so ziemlich einleitet. Ihr könnet das Ganze aber auch für eine

Allegorie ansehen, und es in das Stammbuch irgend einer reisenden

Virtuosin hineinzeichnen. Es schien mir nämlich damals, als habe die

Natur ein tausendchörigtes Klavichord um uns herum gebaut, in dessen

Saiten wir herumhantierten, ihre Töne und Akkorde für unsere eigne

willkürlich hervorgebrachte haltend und als würden wir oft zum Tode

wund, ohne zu ahnden, daß der unharmonisch berührte Ton uns die Wunde

schlug.« - »Sehr dunkel«, sprach der Kapellmeister. »Oh«, rief der

Doktor lachend, »o nur Geduld, er wird gleich auf seinem Steckenpferde

sitzen und gestreckten Galopps in die Welt der Ahnungen, Träume,

psychischen Einflüsse, Sympathien, Idiosynkrasien usw. hineinreiten,

bis er auf der Station des Magnetismus absitzt und ein Frühstück

nimmt.« - »Gemach gemach, mein weiser Doktor«, sprach der reisende

Enthusiast, »schmäht nicht auf Dinge, die Ihr, sträuben mögt Ihr Euch

auch wie Ihr wollt, doch mit Demut anerkennen und höchlich beachten

müßt. Habt Ihr es denn nicht selbst eben erst ausgesprochen, daß

Bettinas Krankheit von psychischer Anregung herbeigeführt oder

vielmehr nur ein psychisches Übel ist?« - »Wie kommt«, unterbrach

der Doktor den Enthusiasten, »wie kommt aber Bettina mit dem

unglückseligen Schmetterling zusammen?« - »Wenn man«, fuhr der

Enthusiast fort, »wenn man nun alles haarklein auseinandersieben soll,

und jedes Körnchen beäugeln und bekucken, so wird das eine Arbeit, die

selbst langweilig Langeweile verbreitet! - Laßt den Schmetterling im

Klavichordkasten des Kapellmeisters ruhen! - Übrigens, sagt selbst,

Kapellmeister! ist es nicht ein wahres Unglück, daß die hochheilige

Musik ein integrierender Teil unserer Konversation geworden ist? Die

herrlichsten Talente werden herabgezogen in das gemeine dürftige

Leben! Statt daß sonst aus heiliger Ferne wie aus dem wunderbaren

Himmelsreiche selbst, Ton und Gesang auf uns herniederstrahlte, hat

man jetzt alles hübsch bei der Hand und man weiß genau, wie viel

Tassen Tee die Sängerin oder wie viel Gläser Wein der Bassist trinken

muß, um in die gehörige Tramontane zu kommen. Ich weiß wohl, daß

es Vereine gibt, die ergriffen von dem wahren Geist der Musik sie

untereinander mit wahrhafter Andacht üben, aber jene miserablen

geschmückten, geschniegelten - doch ich will mich nicht ärgern! - Als

ich voriges Jahr hieher kam, war die arme Bettina gerade recht in

der Mode - sie war, wie man sagt, recherchiert, es konnte kaum

Tee getrunken werden ohne Zutat einer spanischen Romanze, einer

italienischen Kanzonetta oder auch wohl eines französischen Liedleins:

Souvent l'amour etc. zu dem sich Bettina hergeben mußte. Ich fürchtete

in der Tat, daß das gute Kind mit samt ihrem herrlichen Talent

untergehen würde in dem Meer von Teewasser, das man über sie

ausschüttete, das geschah nun nicht, aber die Katastrophe trat ein.«

- »Was für eine Katastrophe?« riefen Doktor und Kapellmeister. »Seht

liebe Herren!« fuhr der Enthusiast fort, »eigentlich ist die arme

Bettina - wie man so sagt, verwünscht oder verhext worden, und so hart

es mir ankommt, es zu bekennen, ich - ich selbst bin der Hexenmeister,

der das böse Werk vollbracht hat, und nun gleich dem Zauberlehrling

den Bann nicht zu lösen vermag.« - »Possen - Possen, und wir sitzen

hier und lassen uns mit der größten Ruhe von dem ironischen Bösewicht

mystifizieren.« So rief der Doktor, indem er aufsprang. »Aber zum

Teufel die Katastrophe - die Katastrophe«, schrie der Kapellmeister.

»Ruhig ihr Herren«, sprach der Enthusiast, »jetzt kommt eine Tatsache,

die ich verbürgen kann, haltet übrigens meine Hexerei für Scherz,

unerachtet es mir zuweilen recht schwer aufs Herz fällt, daß ich ohne

Wissen und Willen einer unbekannten psychischen Kraft zum Medium des

Entwickelns und Einwirkens auf Bettina gedient haben mag. Gleichsam

als Leiter mein ich, so wie in der elektrischen Reihe einer den andern

ohne Selbsttätigkeit und eignen Willen prügelt.« - »Hop hop«, rief der

Doktor, »seht wie das Steckenpferd gar herrliche Courbetten verführt.«

- »Aber die Geschichte - die Geschichte«, schrie der Kapellmeister

dazwischen! »Ihr erwähntet«, fuhr der Enthusiast fort, »Ihr erwähntet

Kapellmeister schon zuvor, daß Bettina das letztemal, ehe sie die

Stimme verlor, in der katholischen Kirche sang. Erinnert Euch, daß

dies am ersten Osterfeiertage vorigen Jahres geschah. Ihr hattet Euer

schwarzes Ehrenkleid angetan und dirigiertet die herrliche Haydnsche

Messe aus dem D-Moll. In dem Sopran tat sich ein Flor junger anmutig

gekleideter Mädchen auf, die zum Teil sangen, zum Teil auch nicht;

unter ihnen stand Bettina, die mit wunderbar starker voller Stimme

die kleinen Soli vortrug. Ihr wißt, daß ich mich im Tenor angestellt

hatte, das Sanctus war eingetreten, ich fühlte die Schauer der

tiefsten Andacht mich durchbeben, da rauschte es hinter mir störend,

unwillkürlich drehte ich mich um, und erblickte zu meinem Erstaunen

Bettina, die sich durch die Reihen der Spielenden und Singenden

drängte um den Chor zu verlassen. >Sie wollen fort?< redete ich sie

an. >Es ist die höchste Zeit<, erwiderte sie sehr freundlich, >daß ich

mich jetzt nach der ***Kirche begebe, um noch, wie ich versprochen,

dort in einer Kantate mitzusingen, auch muß ich noch vormittag ein

paar Duetts probieren, die ich heute abend in dem Singetee bei ***

vortragen werde, dann ist Souper bei ***. Sie kommen doch hin? es

werden ein paar Chöre aus dem Händelschen Messias und das erste Finale

aus Figaros Hochzeit gemacht.< Während dieses Gesprächs erklangen

die vollen Akkorde des Sanctus, und das Weihrauchopfer zog in blauen

Wolken durch das hohe Gewölbe der Kirche. >Wissen Sie denn nicht<,

sprach ich, >daß es sündlich ist, daß es nicht straflos bleibt, wenn

man während des Sanctus die Kirche verläßt? - Sie werden so bald nicht

mehr in der Kirche singen!< - Es sollte Scherz sein, aber ich weiß

nicht, wie es kam, daß mit einemmal meine Worte so feierlich klangen.

Bettina erblaßte und verließ schweigend die Kirche. Seit diesem Moment

verlor sie die Stimme. -« Der Doktor hatte sich während der Zeit

wieder gesetzt, und das Kinn auf den Stockknopf gestützt, er blieb

stumm, aber der Kapellmeister rief: »Wunderbar in der Tat, sehr

wunderbar!« - »Eigentlich«, fuhr der Enthusiast fort, »eigentlich

kam mir damals bei meinen Worten nichts Bestimmtes in den Sinn und

ebensowenig setzte ich Bettinas Stimmlosigkeit mit dem Vorfall in der

Kirche nur in den mindesten Bezug. Erst jetzt, als ich wieder hieher

kam und von Euch Doktor erfuhr, daß Bettina noch immer an der

verdrießlichen Kränklichkeit leide, war es mir, als hätte ich schon

damals an eine Geschichte gedacht, die ich vor mehreren Jahren in

einem alten Buche las, und die ich Euch, da sie mir anmutig und

rührend scheint, mitteilen will.« - »Erzählen Sie«, rief der

Kapellmeister, »vielleicht liegt ein guter Stoff zu einer tüchtigen

Oper darin.« - »Könnt Ihr«, sprach der Doktor, »könnt Ihr,

Kapellmeister, Träume - Ahnungen - magnetische Zustände in Musik

setzen, so wird Euch geholfen, auf so was wird die Geschichte doch

wieder herauslaufen.« Ohne dem Doktor zu antworten räusperte sich der

reisende Enthusiast und fing mit erhabener Stimme an: »Unabsehbar

breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von Aragonien

vor den Mauern von Granada aus.« - »Herr des Himmels und der Erden«,

unterbrach der Doktor den Erzähler, »das fängt an als wollt es in

neun Tagen und neun Nächten nicht endigen, und ich sitze hier und die

Patienten lamentieren. Ich schere mich den Teufel um Eure maurischen

Geschichten, den Gonzalvo von Cordova habe ich gelesen, und Bettinas

Seguidillas gehört, aber damit basta, alles was recht ist - Gott

befohlen!« Schnell sprang der Doktor zur Türe heraus, aber der

Kapellmeister blieb ruhig sitzen, indem er sprach: »Es wird eine

Geschichte aus den Kriegen der Mauren mit den Spaniern, wie ich merke,

so was hätt ich längst gar zu gern komponiert. - Gefechte - Tumult

- Romanzen - Aufzüge - Cymbeln - Choräle - Trommeln und Pauken -

ach Pauken! - Da wir nun einmal so zusammen sind, erzählen Sie,

liebenswürdiger Enthusiast, wer weiß, welches Samenkorn die erwünschte

Erzählung in mein Gemüt wirft und was für Riesenlilien daraus

entsprießen.« - »Euch wird«, erwiderte der Enthusiast, »Euch wird nun

Kapellmeister! alles einmal gleich zur Oper und daher kommt es denn

auch, daß die vernünftigen Leute, die die Musik behandeln wie einen

starken Schnaps, den man nur dann und wann in kleinen Portionen

genießt zur Magenstärkung, Euch manchmal für toll halten. Doch

erzählen will ich Euch, und keck möget Ihr, wandelt Euch die Lust an,

manchmal ein paar Akkorde dazwischen werfen.« - Schreiber dieses fühlt

sich gedrungen, ehe er dem Enthusiasten die Erzählung nachschreibt,

dich günstigen Leser zu bitten, du mögest ihm der Kürze halber

zugute halten, wenn er den dazwischen anschlagenden Akkorden den

Kapellmeister vorzeichnet. Statt also zu schreiben: Hier sprach der

Kapellmeister, heißt es bloß der Kapellmeister.

Unabsehbar breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von

Aragonien vor den festen Mauern von Granada aus. Vergebens auf Hülfe

hoffend, immer enger und enger eingeschlossen, verzagte der feige

Boabdil und im bittern Hohn vom Volk, das ihn den kleinen König

nannte, verspottet, fand er nur in den Opfern blutdürstiger

Grausamkeit augenblicklichen Trost. Aber eben in dem Grade, wie die

Mutlosigkeit und Verzweiflung täglich mehr Volk und Kriegsheer in

Granada erfaßte, wurde lebendiger Siegeshoffnung und Kampfeslust

im spanischen Lager. Es bedurfte keines Sturms. Ferdinand begnügte

sich die Wälle zu beschießen, und die Ausfälle der Belagerten

zurückzutreiben. Diese kleinen Gefechte glichen mehr fröhlichen

Turnieren als ernsten Kämpfen und selbst der Tod der im Kampfe

Gefallnen konnte die Gemüter nur erheben, da sie hochgefeiert im

Gepränge des kirchlichen Kultus wie in der strahlenden Glorie des

Märtyrtums für den Glauben erschienen. Gleich nachdem Isabella in das

Lager eingezogen, ließ sie in dessen Mitte ein hohes hölzernes Gebäude

mit Türmen aufführen, von deren Spitzen die Kreuzesfahne herabwehte.

Das Innere wurde zum Kloster und zur Kirche eingerichtet, und

Benediktiner-Nonnen zogen ein, täglichen Gottesdienst übend. Die

Königin, von ihrem Gefolge, von ihren Rittern begleitet, [erschien]

jeden Morgen, die Messe zu hören, die ihr Beichtvater las, von dem

Gesange der im Chor versammelten Nonnen unterstützt. Da begab es sich,

daß Isabella an einem Morgen eine Stimme vernahm, die mit wunderbarem

Glockenklang die andern Stimmen im Chor übertönte. Der Gesang war

anzuhören wie das siegende Schmettern einer Nachtigall, die, die

Fürstin des Hains, dem jauchzenden Volk gebietet. Und doch war die

Aussprache der Worte so fremdartig und selbst die sonderbare ganz

eigentümliche Art des Gesanges tat kund, daß eine Sängerin des

kirchlichen Stils noch ungewohnt, vielleicht zum erstenmal das Amt

singen müsse. Verwundert schaute Isabella um sich und bemerkte, daß

ihr Gefolge von demselben Erstaunen ergriffen worden; doch ahnen mußte

sie wohl, daß hier ein besonderes Abenteuer im Spiel sein müsse, als

ihr der tapfere Heerführer Aguillar, der sich eben im Gefolge befand,

ins Auge fiel. Im Betstuhl kniend, die Hände gefaltet, starrte er zum

Gitter des Chors herauf, glühende inbrünstige Sehnsucht im düstern

Auge. Als die Messe geendet war, begab sich Isabella nach Donna

Marias, der Priorin, Zimmern und frug nach der fremden Sängerin.

»Wollet Euch o Königin«, sprach Donna Maria, »wollet Euch erinnern,

daß vor Mondesfrist Don Aguillar jenes Außenwerk zu überfallen und zu

erobern gedachte, das mit einer herrlichen Terrasse geziert den Mauren

zum Lustort dient. In jeder Nacht schallen die üppigen Gesänge der

Heiden in unser Lager herüber wie verlockende Sirenenstimmen und eben

deshalb wollte der tapfere Aguillar das Nest der Sünde zerstören.

Schon war das Werk genommen, schon wurden die gefangenen Weiber

während des Gefechts abgeführt, als eine unvermutete Verstärkung ihn

tapferer Wehr unerachtet nötigte, abzulassen und sich zurückzuziehen

in das Lager. Der Feind wagte nicht ihn zu verfolgen und so kam es,

daß die Gefangenen und reiche Beute sein blieben. Unter den gefangenen

Weibern befand sich eine, deren trostloses Jammern, deren Verzweiflung

Don Aguillars Aufmerksamkeit erregte. Er nahte sich der Verschleierten

mit freundlichen Worten, aber als hätte ihr Schmerz keine andere

Sprache als Gesang, fing sie, nachdem sie auf der Zither, die ihr

an einem goldnen Bande um den Hals hing, einige seltsame Akkorde

gegriffen hatte, eine Romanze an, die in tiefaufseufzenden

herzzerschneidenden Lauten die Trennung von dem Geliebten, von aller

Lebensfreude klagte. Aguillar tief ergriffen von den wunderbaren

Tönen, beschloß das Weib zurückbringen zu lassen nach Granada; sie

stürzte vor ihm nieder, indem sie den Schleier zurückschlug. Da rief

Aguillar wie außer sich: >Bist du denn nicht Zulema, das Licht des

Gesanges in Granada?< - Zulema, die der Feldherr bei einer Sendung an

Boabdils Hof gesehen, deren wunderbarer Gesang seitdem tief in seiner

Brust widerhallte, war es wirklich. >Ich gebe dir die Freiheit<, rief

Aguillar, aber da sprach der ehrwürdige Vater Agostino Sanchez, der

das Kreuz in der Hand mitgezogen: >Erinnere dich, Herr! daß du, indem

du die Gefangene freilässest, ihr großes Unrecht tust, da sie dem

Götzendienst entrissen, vielleicht bei uns von der Gnade des Herrn

erleuchtet, in den Schoß der Kirche zurückgekehrt wäre.< Aguillar

sprach: >Sie mag bei uns bleiben einen Monat hindurch und dann, fühlt

sie sich nicht durchdrungen von dem Geist des Herrn, zurückgebracht

werden nach Granada.< So kam es, o Herrin! daß Zulema von uns in

dem Kloster aufgenommen wurde. Anfangs überließ sie sich ganz dem

trostlosesten Schmerz und bald waren es wild und schauerlich tönende,

bald tiefklagende Romanzen, mit denen sie das Kloster erfüllte, denn

überall hörte man ihre durchdringende Glockenstimme. Es begab sich,

daß wir einst um Mitternacht im Chor der Kirche versammelt waren und

die Hora nach jener wundervollen heiligen Weise absangen, die der hohe

Meister des Gesanges, Ferreras, uns lehrte. Ich bemerkte im Schein

der Lichter Zulema in der offnen Pforte des Chors stehend und mit

ernstem Blick still und andächtig hineinschauend; als wir paarweise

daherziehend den Chor verließen, kniete Zulema im Gange unfern eines

Marienbildes. Den andern Tag sang sie keine Romanze, sondern blieb

still und in sich gekehrt. Bald versuchte sie auf der tiefgestimmten

Zither die Akkorde jenes Chorals, den wir in der Kirche gesungen, und

dann fing sie an leise leise zu singen, ja selbst die Worte unsers

Gesanges zu versuchen, die sie freilich wunderlich wie mit gebundener

Zunge aussprach. Ich merkte wohl, daß der Geist des Herrn mit milder

tröstender Stimme im Gesange zu ihr gesprochen, und daß sich ihre

Brust öffnen würde seiner Gnade, daher schickte ich Schwester

Emanuela, die Meisterin des Chors, zu ihr, daß sie den glimmenden

Funken anfache, und so geschah es, daß im heiligen Gesange der Kirche

der Glaube in ihr entzündet wurde. Noch ist Zulema nicht durch die

heilige Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, aber vergönnt wurde

es ihr unserm Chor sich beizugesellen, und so ihre wunderbare Stimme

zur Glorie der Religion zu erheben.« Die Königin wußte nun wohl, was

in Aguillars Innerm vorgegangen, als er auf Agostinos Einrede Zulema

nicht zurücksandte nach Granada, sondern sie im Kloster aufnehmen

ließ und um so mehr war sie erfreut über Zulemas Bekehrung zum wahren

Glauben. Nach wenigen Tagen wurde Zulema getauft und erhielt den Namen

Julia. Die Königin selbst, der Marquis von Cadix, Heinrich von Gusman,

die Feldherren Mendoza, Villena, waren die Zeugen des heiligen Akts.

Man hätte glauben sollen, daß Julias Gesang nun noch inniger und

wahrer die Herrlichkeit des Glaubens hätte verkünden müssen und so

geschah es auch wirklich eine kurze Zeit hindurch, indessen bemerkte

Emanuela bald, daß Julia oft auf seltsame Weise von dem Choral abwich,

fremdartige Töne einmischend. Oft hallte urplötzlich der dumpfe

Klang einer tiefgestimmten Zither durch den Chor. Der Ton glich dem

Nachklingen vom Sturm durchrauschter Saiten. Dann wurde Julia unruhig

und es geschah sogar, daß sie wie willkürlos in den lateinischen

Hymnus ein mohrisches Wort einwarf. Emanuela warnte die Neubekehrte,

standhaft zu widerstehen dem Feinde, aber leichtsinnig achtete Julia

dessen nicht und zum Ärgernis der Schwestern sang sie oft, wenn eben

die ernsten heiligen Choräle des alten Ferreras erklungen, tändelnde

mohrische Liebeslieder zur Zither, die sie wieder hochgestimmt hatte.

Sonderbarerweise klangen jetzt die Zithertöne, die oft durch den Chor

sausten, auch hoch und recht widrig beinahe wie das gellende Gepfeife

der kleinen mohrischen Flöten.

Der Kapellmeister. Flauti piccoli - Oktavflötchen. Aber, mein Bester,

noch bis jetzt nichts, gar nichts für die Oper - keine Exposition und

das ist immer die Hauptsache, doch mit der tiefen und hohen Stimmung

der Zither, das hat mich angeregt. Glaubt Ihr nicht, daß der Teufel

ein Tenorist ist? Er ist falsch wie - der Teufel, und daher macht er

alles im Falsett!

Der Enthusiast. Gott im Himmel! - Ihr werdet von Tage zu Tage

witziger, Kapellmeister! Aber Ihr habt recht, lassen wir dem

teuflischen Prinzip alles überhohe unnatürliche Gepfeife, Gequieke

etc. Doch weiter fort in der Erzählung, die mir eigentlich blutsauer

wird, weil ich jeden Augenblick Gefahr laufe, über irgend einen wohl

zu beachtenden Moment wegzuspringen.

Es begab sich, daß die Königin, begleitet von den edlen Feldherren

des Lagers, nach der Kirche der Benedektiner-Nonnen schritt, um

wie gewöhnlich die Messe zu hören. Vor der Pforte lag ein elender

zerlumpter Bettler, die Trabanten wollten ihn fortschaffen, doch halb

erhoben riß er sich wieder los und warf sich heulend nieder, so daß er

die Königin berührte. Ergrimmt sprang Aguillar hervor und wollte den

Elenden mit dem Fuße fortstoßen. Der richtete sich aber mit halbem

Leibe gegen ihn empor und schrie: »Tritt die Schlange - tritt die

Schlange, sie wird dich stechen zum Tode!« und dazu griff er in die

Saiten der unter den Lumpen versteckten Zither, daß sie im gellenden

widrig pfeifenden Tone zerrissen und alle von unheimlichem Grauen

ergriffen, zurückbebten. Die Trabanten schafften das widrige Gespenst

fort und es hieß: der Mensch sei ein gefangener wahnsinniger Mohr,

der aber durch seine tollen Späße und durch sein verwunderliches

Zitherspiel die Soldaten im Lager belustige. Die Königin trat ein und

das Amt begann. Die Schwestern im Chor intonierten das Sanctus, eben

sollte Julia mit mächtiger Stimme wie sonst eintreten: »Pleni sunt

coeli gloria tua«, da ging ein gellender Zitherton durch den Chor,

Julia schlug schnell das Blatt zusammen und wollte den Chor verlassen.

»Was beginnst du?« rief Emanuela. »Oh!« sagte Julia, »hörst du denn

nicht die prächtigen Töne des Meisters? dort bei ihm, mit ihm muß ich

singen!« damit eilte Julia nach der Türe, aber Emanuela sprach mit

sehr ernster feierlicher Stimme: »Sünderin, die du den Dienst des

Herrn entweihst, da du mit dem Munde sein Lob verkündest und im Herzen

weltliche Gedanken trägst, flieh von hinnen, gebrochen ist die Kraft

des Gesanges in dir, verstummt sind die wunderbaren Laute in deiner

Brust die der Geist des Herrn entzündet!« - Von Emanuelas Worten wie

vom Blitz getroffen, schwankte Julia fort. Eben wollten die Nonnen zur

Nachtzeit sich versammeln, um die Hora zu singen, als ein dicker Qualm

schnell die ganze Kirche erfüllte. Bald darauf drangen die Flammen

zischend und prasselnd durch die Wände des Nebengebäudes und erfaßten

das Kloster. Mit Mühe gelang es den Nonnen ihr Leben zu retten,

Trompeten und Hörner schmetterten durch das Lager, aus dem ersten

Schlaf taumelten die Soldaten auf; man sah den Feldherrn Aguillar mit

versengtem Haar, mit halbverbrannten Kleidern aus dem Kloster stürzen,

er hatte Julia, die man vermißte, vergebens zu retten gesucht, keine

Spur von ihr war zu finden. Fruchtlos blieb der Kampf gegen das Feuer,

das von dem Sturm, der sich erhoben, angefacht, immer mehr um sich

griff: in kurzer Zeit lag Isabellens ganzes reiches herrliches Lager

in Asche. Die Mauren im Vertrauen, daß der Christen Unglück ihnen

Sieg bringen würde, wagten mit einer bedeutenden Macht einen Ausfall,

glänzender war aber für die Waffen der Spanier nie ein Kampf gewesen,

als eben dieser, und als sie unter dem jauchzenden Schall der

Trompeten sieggekrönt in ihre Verschanzungen zurückzogen, da bestieg

die Königin Isabella den Thron, den man im Freien errichtet hatte

und verordnete, daß an der Stelle des abgebrannten Lagers eine Stadt

gebaut werde! Zeigen sollte dies den Mauren in Granada, daß niemals

die Belagerung aufgehoben werden würde.

Der Kapellmeister. Dürfte man sich nur mit geistlichen Dingen auf das

Theater wagen, hat man nicht schon seine Not mit dem lieben Publikum,

wenn man hie und da ein bißchen Choral anbringt. Sonst wär die Julia

gar keine üble Partie. Denkt Euch den doppelten Stil, in welchem sie

glänzen kann, erst die Romanzen, dann die Kirchengesänge. Einige

allerliebste spanische und mohrische Lieder hab ich bereits fertig,

auch ist der Sieges-Marsch der Spanier gar nicht übel, so wie ich

das Gebot der Königin melodramatisch zu behandeln willens bin, wie

indessen das Ganze sich zusammenfügen soll, das weiß der Himmel! -

Aber erzählt weiter, kommen wir wieder auf Julia, die hoffentlich

nicht verbrannt sein wird.

Der Enthusiast. Denkt Euch, liebster Kapellmeister, daß jene Stadt,

die die Spanier in einundzwanzig Tagen aufbauten und mit Mauern

umgaben, eben das heute noch stehende Santa Fé ist. Doch indem ich

das Wort so unmittelbar an Euch richte, falle ich aus dem feierlichen

Ton, der allein sich zu dem feierlichen Stoffe paßt. Ich wollte Ihr

spieltet eins von Palestrinas Responsorien, die dort auf dem Pult des

Fortepianos aufgeschlagen liegen.

Der Kapellmeister tat es und hierauf fuhr der reisende Enthusiast

fort:

Die Mauren unterließen nicht, die Spanier während des Aufbaues ihrer

Stadt auf mannigfache Weise zu beunruhigen, die Verzweiflung trieb

sie zur verwegensten Kühnheit und so wurden die Gefechte ernster

als jemals. Aguillar hatte einst ein maurisches Geschwader, das

die spanischen Vorwachen überfallen, bis in die Mauern von Granada

zurückgetrieben. Er kehrte mit seinen Reitern zurück, und hielt unfern

den ersten Verschanzungen bei einem Myrtenwäldchen, sein Gefolge

fortschickend, um so ernstem Gedanken und wehmütiger Erinnerung sich

mit ganzem Gemüt hingeben zu können. Julias Bild stand lebendig vor

seines Geistes Augen. Schon während des Gefechts hörte er ihre Stimme

bald drohend bald klagend ertönen und auch jetzt war es ihm als

säusle ein seltsamer Gesang, halb mohrisches Lied halb christlicher

Kirchengesang, durch die dunklen Myrten. Da rauschte plötzlich

ein mohrischer Ritter im silbernen Schuppenharnisch auf leichtem

arabischen Pferde aus dem Walde hervor und gleich sauste auch der

geworfene Speer dicht bei Aguillars Haupt vorbei. Er wollte mit

gezogenem Schwert auf den Feind losstürzen, als der zweite Speer flog

und seinem Pferde tief in der Brust stecken blieb, daß es sich vor Wut

und Schmerz hoch emporbäumte und Aguillar sich schnell von der Seite

herabschwingen mußte, um schwerem Falle nicht zu erliegen. Der Mohr

war herangesprengt und hieb herab mit der Sichelklinge nach Aguillars

entblößtem Haupt. Aber geschickt parierte Aguillar den Todesstreich

und hieb so gewaltig nach, daß der Mohr sich nur rettete, indem er

tief vom Pferde niedertauchte. In demselben Augenblick drängte sich

des Mohren Pferd dicht an Aguillar, so daß er keinen zweiten Hieb

führen konnte, der Mohr riß seinen Dolch hervor, aber noch ehe er

zustoßen konnte, hatte ihn Aguillar mit Riesenstärke erfaßt, vom

Pferde heruntergezogen und ringend zu Boden geworfen. Er kniete auf

des Mohren Brust und indem er mit der linken Faust des Mohren rechten

Arm so gewaltig gepackt hatte, daß er regungslos blieb, zog er

seinen Dolch. Schon hatte er den Arm erhoben, um des Mohren Kehle zu

durchstoßen, als dieser tief aufseufzte: »Zulema!« - Zur Bildsäule

erstarrt vermochte Aguillar nicht die Tat zu vollenden. »Unseliger«,

rief er, »welch einen Namen nanntest du?« - »Stoße zu«, stöhnte der

Mohr, »stoße zu, du tötest den, der dir Tod und Verderben geschworen

hat. Ja! wisse, verräterischer Christ, wisse, daß es Hichem der letzte

des Stammes Alhamar ist, dem du Zulema raubtest! - Wisse, daß jener

zerlumpte Bettler, der mit den Gebärden des Wahnsinns in eurem

Lager umherschlich, Hichem war, wisse daß es mir gelang, das

dunkle Gefängnis, in dem ihr Verruchte das Licht meiner Gedanken

eingeschlossen, anzuzünden, und Zulema zu retten.« »Zulema -Julia

lebt?« rief Aguillar. Da lachte Hichem gellend auf im grausigen Hohn:

»Ja sie lebt, aber Euer blutiges dornengekröntes Götzenbild hat mit

fluchwürdigem Zauber sie befangen und die duftende glühende Blume des

Lebens eingehüllt in die Leichentücher der wahnsinnigen Weiber, die

Ihr Bräute Eures Götzen nennt. Wisse, daß Ton und Gesang in ihrer

Brust wie angeweht vom giftigen Hauch des Samums erstorben ist. Dahin

ist alle Lust des Lebens mit Zulemas süßen Liedern, darum töte mich

- töte mich, da ich nicht Rache zu nehmen vermag an dir, der du mir

schon mehr als mein Leben entrissest.« Aguillar ließ ab von Hichem und

erhob sich, sein Schwert von dem Boden aufnehmend langsam. »Hichem«,

sprach er: »Zulema, die in heiliger Taufe den Namen Julia empfing,

wurde meine Gefangene im ehrlichen offenen Kampf. Erleuchtet von

der Gnade des Herrn, entsagte sie Mahoms schnödem Dienst und was du

verblendeter Mohr bösen Zauber eines Götzenbildes nennst, war nur die

Versuchung des Bösen, dem sie nicht zu widerstehen vermochte. Nennst

du Zulema deine Geliebte, so sei Julia, die zum Glauben Bekehrte,

die Dame meiner Gedanken, und _sie_ im Herzen, zur Glorie des wahren

Glaubens will ich gegen dich bestehen im wackern Kampf. Nimm deine

Waffen und falle gegen mich aus wie du willst nach deiner Sitte.«

Schnell ergriff Hichem Schwert und Tartsche, aber auf Aguillar

losrennend, wankte er laut aufbrüllend zurück, warf sich auf das

Pferd, das neben ihm stehen geblieben und sprengte gestreckten Galopps

davon. Aguillar wußte nicht was das zu bedeuten haben könnte, aber in

dem Augenblick stand der ehrwürdige Greis Agostino Sanchez hinter ihm

und sprach sanft lächelnd: »Fürchtet Hichem mich oder den Herrn, der

in mir wohnt und dessen Liebe er verschmäht?« Aguillar erzählte alles

was er von Julia vernommen und beide erinnerten sich nun wohl an

die prophetischen Worte Emanuelas, als Julia verlockt von Hichems

Zithertönen alle Andacht im Innern ertötend, den Chor während des

Sanctus verließ.

Der Kapellmeister. Ich denke an keine Oper mehr, aber das Gefecht

zwischen dem Mohren Hichem im Schuppenharnisch und dem Feldherrn

Aguillar ging mir auf in Musik. - Hol es der Teufel! - wie kann

man nun besser gegeneinander ausfallen lassen als es Mozart im Don

Giovanni getan hat. Ihr wißt doch - in der ersten -

Der reisende Enthusiast. Still Kapellmeister! Ich werde nun meiner

schon zu langen Erzählung den letzten Ruck geben. Noch allerlei kommt

vor, und es ist nötig die Gedanken zusammenzuhalten, um so mehr, da

ich immer dabei an Bettina denke, welches mich nicht wenig verwirrt.

Vorzüglich möcht ich gar nicht, daß sie jemals etwas von meiner

spanischen Geschichte erführe und doch ist es mir so, als wenn sie

dort an jener Türe lauschte, welches natürlicherweise pure Einbildung

sein muß. Also weiter.

Immer und immer geschlagen in allen Gefechten, von der

täglich-stündlich zunehmenden Hungersnot gedrückt, sahen sich die

Mauren endlich genötigt, zu kapitulieren und im festlichen Gepränge

unter dem Donner des Geschützes zogen Ferdinand und Isabella in

Granada ein. Priester hatten die große Moschee eingeweiht zur

Kathedrale und dorthin ging der Zug, um in andächtiger Messe, im

feierlichen Te deum laudamus dem Herrn der Heerscharen zu danken für

den glorreichen Sieg über die Diener Mahoms, des falschen Propheten.

Man kannte die nur mühsam unterdrückte, immer neu aufgeifernde Wut der

Mohren und daher deckten Truppenabteilungen, die durch entferntere

Straßen schlagfertig zogen, die durch die Hauptstraße sich bewegende

Prozession. So geschah es, daß Aguillar an der Spitze einer Abteilung

Fußvolks eben auf entfernterem Wege sich nach der Kathedrale, wo das

Amt schon begonnen, begeben wollte, als er sich plötzlich durch einen

Pfeilschuß an der linken Schulter verwundet fühlte. In demselben

Augenblick stürzte ein Haufen Mohren aus einem dunklen Bogengange

hervor, und überfiel die Christen mit verzweifelnder Wut. Hichem an

der Spitze rannte gegen Aguillar an, dieser nur leicht verletzt, kaum

den Schmerz der Wunde fühlend, parierte geschickt den gewaltigen Hieb

und in demselben Augenblick lag auch Hichem mit gespaltenem Kopf zu

seinen Füßen. Die Spanier drangen wütend ein auf die verräterischen

Mohren, die bald heulend flohen und sich in ein steinernes Haus

warfen, dessen Tor sie schnell verschlossen. Die Spanier stürmten

heran, aber da regnete es Pfeile aus den Fenstern, Aguillar befahl

Feuerbrände hineinzuwerfen. Schon loderten die Flammen aus dem Dache

hoch auf, als durch den Donner des Geschützes eine wunderbare Stimme

aus dem brennenden Gebäude erklang: »Sanctus - Sanctus Dominus deus

Sabaoth.« - »Julia - Julia!« rief Aguillar in trostlosem Schmerz, da

öffneten sich die Pforten, und Julia im Gewande der Benediktiner-Nonne

trat hervor mit starker Stimme singend: »Sanctus - Sanctus dominus

deus Sabaoth«, hinter ihr zogen die Mohren in gebeugter Stellung die

Hände auf der Brust zum Kreuz verschränkt. Erstaunt wichen die Spanier

zurück und durch ihre Reihen zog Julia mit den Mohren nach der

Kathedrale - hineintretend intonierte sie das: »Benedictus qui venit

in nomine domini.« Unwillkürlich, als komme die Heilige vom Himmel

gesendet, Heiliges zu verkünden den Gesegneten des Herrn, beugte das

Volk die Knie. Festen Schrittes, den verklärten Blick gen Himmel

gerichtet, trat Julia vor den Hochaltar zwischen Ferdinand und

Isabellen, das Amt singend und die heiligen Gebräuche mit inbrünstiger

Andacht übend. Bei den letzten Lauten des: »Dona nobis pacem«, sank

Julia entseelt der Königin in die Arme. Alle Mohren, die ihr gefolgt,

empfingen, zum Glauben bekehrt, selbigen Tages die heilige Taufe.

So hatte der Enthusiast seine Geschichte geendet, als der Doktor mit

vielem Geräusch eintrat, heftig mit dem Stock auf die Erde stieß

und zornig schrie: »Da sitzen sie noch und erzählen sich tolle

fantastische Geschichten ohne Rücksicht auf Nachbarschaft und machen

die Leute kränker.« - »Was ist denn nun wieder geschehen, mein

Wertester«, sprach der Kapellmeister ganz erschrocken. »Ich weiß es

recht gut«, fiel der Enthusiast ganz gelassen ein. »Nichts mehr und

nichts weniger, als daß Bettina uns stark reden gehört hat, dort

ins Kabinett gegangen ist und alles weiß.« - »Das habt Ihr nun«,

sprudelte der Doktor, »von Euren verdammten lügenhaften Geschichten,

wahnsinniger Enthusiast, daß Ihr reizbare Gemüter vergiftet -

ruiniert, mit Eurem tollen Zeuge; aber ich werde Euch das Handwerk

legen.« - »Herrlicher Doktor!« unterbrach der Enthusiast den Zornigen,

»ereifert Euch nicht und bedenkt, daß Bettinas psychische Krankheit

psychische Mittel erfordert und daß vielleicht meine Geschichte« -

»Still still«, fiel der Doktor ganz gelassen ein, »ich weiß schon,

was Ihr sagen wollt.« - »Zu einer Oper taugt es nicht, aber sonst

gab es darin einige sonderbar klingende Akkorde.« So murmelte der

Kapellmeister, indem er den Hut ergriff und den Freunden folgte.

Als drei Monat darauf der reisende Enthusiast der gesundeten Bettina,

die mit herrlicher Glocken-Stimme Pergoleses Stabat mater (jedoch

nicht in der Kirche, sondern im mäßig großen Zimmer) gesungen hatte,

voll Freude und andächtigen Entzückens die Hand küßte, sprach

sie: »Ein Hexenmeister sind Sie gerade nicht, aber zuweilen

etwas widerhaarigter Natur«, »wie alle Enthusiasten«, setzte der

Kapellmeister hinzu.

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