Vor alter längst verfloßner Zeit lebte in einem wilden einsamen Forst
des Fuldaischen Gebiets ein wackrer Jägersmann, Andres mit Namen. Er
war sonst Leibjäger des Herrn Grafen Aloys von Vach gewesen, den er
auf weiten Reisen durch das schöne Welschland begleitet, und einmal,
als sie auf den unsichern Wegen in dem Königreich Neapel von
Straßenräubern angefallen wurden, durch seine Klugheit und Tapferkeit
aus großer Lebensgefahr gerettet hatte. In dem Wirtshause zu Neapel,
wo sie eingekehrt waren, befand sich ein armes, bildschönes Mädchen,
die von dem Hauswirt, der sie als eine Waise aufgenommen, gar hart
behandelt und zu den niedrigsten Arbeiten in Hof und Küche gebraucht
wurde. Andres suchte sie, so gut er sich ihr verständlich machen
konnte, mit trostreichen Worten aufzurichten, und das Mädchen faßte
solche Liebe zu ihm, daß sie sich nicht mehr von ihm trennen, sondern
mitziehen wollte nach dem kalten Deutschland. Der Graf von Vach,
gerührt von Andres' Bitten und Giorginas Tränen, erlaubte, daß sie
sich zu dem geliebten Andres auf den Kutschbock setzen, und so die
beschwerliche Reise machen durfte. Schon ehe sie über die Grenzen von
Italien hinausgekommen, ließ sich Andres mit seiner Giorgina trauen
und als sie dann nun endlich zurückgekehrt waren auf die Güter des
Grafen von Vach, glaubte dieser den treuen Diener recht zu belohnen,
da er ihn zu seinem Revierjäger ernannte. Mit seiner Giorgina und
einem alten Knecht zog er in den einsamen rauhen Wald, den er
schützen sollte wider die Freijäger und Holzdiebe. Statt des geholten
Wohlstandes, den ihm der Graf von Vach verheißen, führte er aber ein
beschwerliches, mühseliges, dürftiges Leben und geriet bald in Kummer
und Elend. Der kleine Lohn an barem Geld, den er von dem Grafen
erhielt, reichte kaum hin, sich und seine Giorgina zu kleiden; die
geringen Gefälle, die ihm bei Holzverkäufen zukamen, waren selten
und ungewiß und den Garten, auf dessen Bebauung und Benutzung er
angewiesen, verwüsteten oft die Wölfe und die wilden Schweine, er
mochte mit seinem Knecht auf der Hut sein, wie er wollte, so daß
bisweilen in einer Nacht die letzte Hoffnung des Lebensunterhalts
vereitelt ward. Dabei war sein Leben stets bedroht von den Holzdieben
und Freischützen. Jeder Lockung widerstand er als ein wackrer frommer
Mann, der lieber darben, als ungerechtes Gut an sich bringen wollte
und verwaltete sein Amt getreulich und tapfer, deshalb stellten sie
ihm nach auf gefährliche Weise, und nur seine treuen Doggen schützten
ihn vor nächtlichem Überfall des Raubgesindels. Giorgina, des Klimas
und der Lebensweise in dem wilden Forst ganz ungewohnt, welkte
zusehends hin. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe verwandelte sich in
fahles Gelb, ihre lebhaften blitzenden Augen wurden düster, und ihr
voller, üppiger Wuchs magerte mit jedem Tage mehr ab. Oft erwachte sie
in mondheller Nacht. Schüsse krachten in der Ferne durch den Wald, die
Doggen heulten, leise erhob sich der Mann vom Lager und schlich mit
dem Knecht murmelnd hinaus in den Forst. Dann betete sie inbrünstig
zu Gott und zu den Heiligen, daß sie und ihr treuer Mann errettet
werden möchten aus dieser schrecklichen Einöde und aus der steten
Todesgefahr. Die Geburt eines Knaben warf Giorgina endlich auf das
Krankenlager, und immer schwächer und schwächer werdend, sah sie ihr
Ende vor Augen. Dumpf in sich hinbrütend, schlich der unglückliche
Andres umher; alles Glück war mit der Krankheit seines Weibes von ihm
gewichen. Wie neckendes, gespenstisches Wesen guckte das Wild aus den
Büschen; sowie er sein Gewehr abdrückte, war es verstoben in der Luft.
Er konnte kein Tier mehr treffen und nur sein Knecht, ein geübter
Schütze, beschaffte das Wild, welches er dem Grafen von Vach zu
liefern gehalten war. Einst saß er an Giorginas Bette, den starren
Blick auf das geliebte Weib gerichtet, die ermattet zum Tode kaum mehr
atmete. In dumpfem, lautlosem Schmerz hatte er ihre Hand gefaßt und
hörte nicht das Ächzen des Knaben, der nahrungslos verschmachten
wollte. Der Knecht ging schon am frühen Morgen nach Fulda, um für das
letzte Ersparnis einige Erquickung für die Kranke herbeizuschaffen.
Kein menschliches tröstendes Wesen war weit und breit zu finden, nur
der Sturm heulte in schneidenden Tönen des entsetzlichen Jammers durch
die schwarzen Tannen und die Doggen winselten, wie in trostloser
Klage, um den unglücklichen Herrn. Da hörte Andres auf einmal es vor
dem Hause daherschreiten, wie menschliche Fußtritte. Er glaubte,
es wäre der zurückkehrende Knecht, unerachtet er ihn nicht so früh
erwarten konnte, aber die Hunde sprangen heraus und bellten heftig. Es
mußte ein Fremder sein. Andres ging selbst vor die Tür: da trat ihm
ein langer, hagerer Mann entgegen, in grauem Mantel, die Reisemütze
tief ins Gesicht gedrückt. »Ei«, sagte der Fremde: »wie bin ich doch
hier im Walde so irre gegangen! Der Sturm tobt von den Bergen herab,
wir bekommen ein schrecklich Wetter. Möchtet Ihr nicht erlauben,
lieber Herr! daß ich in Euer Haus eintreten und mich von dem
beschwerlichen Wege erholen und erquicken dürfte zur weitern Reise?« -
»Ach Herr«, erwiderte der betrübte Andres, »Ihr kommt in ein Haus der
Not und des Elends und außer dem Stuhl, auf dem Ihr ausruhen könnt,
vermag ich kaum Euch irgend eine Erquickung anzubieten; meinem armen
kranken Weibe mangelt es selbst daran, und mein Knecht, den ich
nach Fulda geschickt, wird erst am späten Abend etwas zur Labung
herbeibringen.« Unter diesen Worten waren sie in die Stube getreten.
Der Fremde legte seine Reisemütze und seinen Mantel ab, unter dem er
ein Felleisen und ein Kistchen trug. Er zog auch ein Stilett und ein
paar Terzerole hervor, die er auf den Tisch legte. Andres war an
Giorginas Bett getreten, sie lag in bewußtlosem Zustande. Der
Fremde trat ebenfalls hinzu, schaute die Kranke lange mit scharfen,
bedächtigen Blicken an und ergriff ihre Hand, den Puls sorglich
erforschend. Als nun Andres voll Verzweiflung ausrief: »Ach Gott, nun
stirbt sie wohl!« da sagte der Fremde: »Mit nichten, lieber Freund!
seid ganz ruhig. Euerm Weibe fehlt nichts als kräftige, gute Nahrung,
und vor der Hand wird ihr ein Mittel, das zugleich reizt und stärkt,
die besten Dienste tun. Ich bin zwar kein Arzt, sondern vielmehr ein
Kaufmann, allein doch in der Arzneiwissenschaft nicht unerfahren, und
besitze aus uralter Zeit her manches Arcanum, welches ich mit mir
führe und auch wohl verkaufe.« Damit öffnete der Fremde sein Kistchen,
holte eine Phiole heraus, tröpfelte von dem ganz dunkelroten Liquor
etwas auf Zucker und gab es der Kranken. Dann holte er aus dem
Felleisen eine kleine geschliffene Flasche köstlichen Rheinweins und
flößte der Kranken ein paar Löffel voll ein. Den Knaben, befahl er,
nur dicht an der Mutter Brust gelehnt ins Bette zu legen und beide der
Ruhe zu überlassen. Dem Andres war es zumute, als sei ein Heiliger
herabgestiegen in die Einöde, ihm Trost und Hülfe zu bringen. Anfangs
hatte ihn der stechende, falsche Blick des Fremden abgeschreckt, jetzt
wurde er durch die sorgliche Teilnahme, durch die augenscheinliche
Hülfe, die er der armen Giorgina leistete, zu ihm hingezogen. Er
erzählte dem Fremden unverhohlen, wie er eben durch die Gnade, die ihm
sein Herr, der Graf von Vach, angedeihen lassen wollen, in Not und
Elend geraten sei und wie er wohl Zeit seines Lebens nicht aus
drückender Armut und Dürftigkeit kommen werde. Der Fremde tröstete
ihn dagegen und meinte, wie oft ein unverhofftes Glück dem
Hoffnungslosesten alle Güter des Lebens bringe, und daß man wohl etwas
wagen müsse, das Glück selbst sich dienstbar zu machen. »Ach lieber
Herr!« erwiderte Andres, »ich vertraue Gott und der Fürsprache der
Heiligen, zu denen wir, ich und mein treues Weib, jeden Tag mit
Inbrunst beten. Was soll ich denn tun, um mir Geld und Gut zu
verschaffen? Ist es mir nach Gottes Weisheit nicht beschieden, so wäre
es ja sündlich, darnach zu trachten; soll ich aber noch in dieser Welt
zu Gütern gelangen, welches ich meines armen Weibes halber wünsche,
die ihr schönes Vaterland verlassen, um mir in diese wilde Einöde
zu folgen, so kommt es wohl, ohne daß ich Leib und Leben wage um
schnödes, weltliches Gut.« Der Fremde lächelte bei diesen Reden des
frommen Andres auf ganz seltsame Weise und war im Begriff, etwas zu
erwidern, als Giorgina mit einem tiefen Seufzer aus dem Schlaf, in den
sie versunken, erwachte. Sie fühlte sich wunderbarlich gestärkt; auch
der Knabe lächelte hold und lieblich an ihrer Brust. Andres war außer
sich vor Freude, er weinte, er betete, er jubelte durch das Haus.
Der Knecht war indessen zurückgekommen und bereitete, so gut er es
vermochte, von den mitgebrachten Lebensmitteln das Mahl, an dem nun
der Fremde teilnehmen sollte. Der Fremde kochte selbst eine Kraftsuppe
für Giorgina, und man sah, daß er allerlei Gewürz und andere
Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen. Es war später
Abend worden, der Fremde mußte daher bei dem Andres übernachten,
und er bat, daß man ihm in derselben Stube, wo Andres und Giorgina
schliefen, ein Strohlager bereiten möge. Das geschah. Andres, den die
Besorgnis um Giorgina nicht schlafen ließ, bemerkte, wie der Fremde
beinahe bei jedem stärkeren Atemzuge Giorginas auffuhr, wie er
stündlich aufstand, leise sich ihrem Bette näherte, ihren Puls
erforschte und ihr Arznei eintröpfelte.
Als der Morgen angebrochen, war Giorgina wieder zusehends besser
geworden. Andres dankte dem Fremden, den er seinen Schutzengel nannte,
aus der Fülle seines Herzens. Auch Giorgina äußerte, wie ihn wohl, auf
ihr inbrünstiges Gebet, Gott selbst gesendet habe zu ihrer Rettung.
Dem Fremden schienen diese lebhaften Ausbrüche des Danks in gewisser
Art beschwerlich zu fallen; er war sichtlich verlegen und äußerte ein
Mal über das andere, wie er ja ein Unmensch sein müsse, wenn er nicht
der Kranken mit seiner Kenntnis und den Arzneimitteln, die er bei sich
führe, habe beistehen sollen. Übrigens sei nicht Andres, sondern er
zum Dank verpflichtet, da man ihn, der Not unerachtet, die im Hause
herrsche, so gastlich aufgenommen, und er wolle auch keineswegs diese
Pflicht unerfüllt lassen. Er zog einen wohlgefüllten Beutel hervor
und nahm einige Goldstücke heraus, die er dem Andres hinreichte. »Ei
Herr«, sagte Andres, »wie und wofür sollte ich denn so vieles Geld von
Euch annehmen? Euch in meinem Hause zu beherbergen, da Ihr Euch in dem
wilden weitläufigen Forst verirrt hattet, das war ja Christenpflicht,
und dünkte Euch das irgend eines Dankes wert, so habt Ihr mich ja
überreich, ja mehr, als ich es nur mit Worten sagen mag, dadurch
belohnt, daß Ihr als ein weiser kunsterfahrner Mann mein liebes Weib
vom augenscheinlichen Tode rettetet. Ach Herr! was Ihr an mir getan,
werde ich Euch ewiglich nicht vergessen, und Gott möge es mir
verleihen, daß ich die edle Tat Euch mit meinem Leben und Blut lohnen
könne.« Bei diesen Worten des wackern Andres fuhr es wie ein rascher
funkelnder Blitz aus den Augen des Fremden. »Ihr müßt, braver Mann«,
sprach er, »durchaus das Geld annehmen. Ihr seid das schon Euerm Weibe
schuldig, der Ihr damit bessere Nahrungsmittel und Pflege verschaffen
könnt; denn dieser bedarf sie nunmehro, um nicht wieder in ihren
vorigen Zustand zurückzufallen, und Euerm Knaben Nahrung geben zu
können.« - »Ach Herr«, erwiderte Andres, »verzeiht es, aber eine
innere Stimme sagt mir, daß ich Euer unverdientes Geld nicht nehmen
darf. Diese innere Stimme, der ich, wie der höhern Eingebung meines
Schutzheiligen, immer vertraut, hat mich bisher sicher durch das Leben
geführt und mich beschützt vor allen Gefahren des Leibes und der
Seele. Wollt Ihr großmütig handeln und an mir Armen ein übriges tun,
so laßt mir ein Fläschlein von Eurer wundervollen Arznei zurück, damit
durch ihre Kraft mein Weib ganz genese.« Giorgina richtete sich im
Bette auf, und der schmerzvolle wehmütige Blick, den sie auf Andres
warf, schien ihn anzusehen, diesmal nicht so strenge auf sein inneres
Widerstreben zu achten, sondern die Gabe des mildtätigen Mannes
anzunehmen. Der Fremde bemerkte das und sprach: »Nun wenn Ihr denn
durchaus mein Geld nicht annehmen wollt, so schenke ich es Euerm
lieben Weibe, die meinen guten Willen, Euch aus der bittern Not zu
retten, nicht verschmähen wird.« Damit griff er noch einmal in den
Beutel, und sich der Giorgina nähernd, gab er ihr wohl noch einmal so
viel Geld, als er vorhin dem Andres angeboten hatte. Giorgina sah das
schöne funkelnde Gold mit vor Freude leuchtenden Augen, sie konnte
kein Wort des Danks herausbringen, die hellen Tränen schossen ihr die
Wangen herab. Der Fremde wandte sich schnell von ihr weg, und sprach
zu Andres: »Seht, lieber Mann! Ihr könnet meine Gabe getrost annehmen,
da ich nur etwas von großem Überfluß Euch mitteile. Gestehen will ich
Euch, daß ich das nicht bin, was ich scheine. Nach meiner schlichten
Kleidung, und da ich wie ein dürftiger wandernder Krämer zu Fuß reise,
glaubt Ihr gewiß, daß ich arm bin und mich nur kümmerlich von kleinem
Verdienst auf Messen und Jahrmärkten nähre: ich muß Euch jedoch sagen,
daß ich durch glücklichen Handel mit den trefflichsten Kleinodien, den
ich seit vielen Jahren treibe, ein sehr reicher Mann geworden, und nur
die einfache Lebensweise aus alter Gewohnheit beibehalten habe. In
diesem kleinen Felleisen und dem Kistchen bewahre ich Juwelen und
köstliche, zum Teil noch im grauen Altertum geschnittene Steine,
welche viele, viele Tausende wert sind. Ich habe diesmal in Frankfurt
sehr glückliche Geschäfte gemacht, so daß das wohl noch lange nicht
der hundertste Teil des Gewinns sein mag, was ich Euerm lieben Weibe
schenkte. Überdem gebe ich Euch das Geld keineswegs umsonst, sondern
verlange von Euch dafür allerlei Gefälligkeiten. Ich wollte, wie
gewöhnlich, von Frankfurt nach Kassel gehen und kam von Schlüchtern
aus vom richtigen Wege ab. Indessen habe ich gefunden, daß der Weg
durch diesen Forst, den sonst die Reisenden scheuen, gerade für einen
Fußgänger recht anmutig ist, weshalb ich denn künftig auf gleicher
Reise immer diese Straße einschlagen und bei Euch einsprechen will.
Ihr werdet daher mich jährlich zweimal bei Euch eintreffen sehen;
nämlich zu Ostern, wenn ich von Frankfurt nach Kassel wandere, und
im späten Herbst, wenn ich von der Leipziger Michaelismesse nach
Frankfurt und von dort nach der Schweiz und wohl auch nach Welschland
gehe. Dann sollt Ihr mich für gute Bezahlung - einen - zwei auch wohl
drei Tage bei Euch beherbergen und das ist die erste Gefälligkeit, um
die ich Euch ersuche.
Ferner bitte ich Euch, dieses kleine Kistchen, worin Waren sind, die
ich in Kassel nicht brauche, und das mir beim Wandern hinderlich ist,
zu behalten, bis ich künftigen Herbst wieder bei Euch einspreche.
Nicht verhehlen will ich, daß die Waren viele Tausende wert sind, aber
ich mag Euch deshalb doch kaum größere Sorglichkeit empfehlen, da ich
nach der Treue und Frömmigkeit, die Ihr an den Tag legt, Euch zutraue,
daß Ihr auch das Geringste, was ich Euch zurückließe, sorgfältig
aufbewahren würdet; zumal werdet Ihr das bei Sachen von solch großem
Werte, als die sind, welche in dem Kistchen verschlossen, sicherlich
tun. Seht, das ist der zweite Dienst, den ich von Euch fordere.
Das Dritte, was ich verlange, wird Euch wohl am schwersten fallen,
unerachtet es mir jetzt am nötigsten tut. Ihr sollt Euer liebes Weib
nur auf diesen Tag verlassen und mich aus dem Forst bis auf die Straße
nach Hirschfeld geleiten, wo ich bei Bekannten einsprechen und dann
meine Reise nach Kassel fortsetzen will. Denn außer dem, daß ich des
Weges im Forst nicht recht kundig bin und mich daher zum zweitenmal
verirren könnte, ohne von einem so wackern Mann, wie Ihr es seid,
aufgenommen zu werden, ist es auch in der Gegend nicht recht geheuer.
Euch als einem Jägersmann aus der Gegend wird man nichts anhaben, aber
ich, als einsamer Wanderer, könnte wohl gefährdet werden. Man sprach
in Frankfurt davon, daß eine Räuberbande, die sonst die Gegend von
Schaffhausen unsicher machte und sich bis nach Straßburg herauf
ausdehnte, nunmehr sich ins Fuldaische geworfen haben soll, da die von
Leipzig nach Frankfurt reisenden Kaufleute ihnen reicheren Gewinst
versprachen, als sie dort finden konnten. Wie leicht wär es möglich,
daß sie mich schon von Frankfurt aus als reichen Juwelenhändler
kennten. Hab ich also ja durch die Rettung Eures Weibes Dank verdient,
so könnt Ihr mich dadurch reichlich lohnen, daß Ihr aus diesem Forste
mich auf Weg und Steg leitet.« Andres war mit Freuden bereit, alles zu
erfüllen, was man von ihm verlangte, und machte sich gleich, wie es
der Fremde wünschte, zur Wanderung fertig, indem er seine Jägeruniform
anzog, seine Doppelbüchse und seinen tüchtigen Hirschfänger
umschnallte und dem Knecht befahl, zwei von den Doggen anzukuppeln.
Der Fremde hatte unterdessen das Kistchen geöffnet und die
prächtigsten Geschmeide, Halsketten - Ohrringe - Spangen
herausgenommen, die er auf Giorginas Bette ausbreitete, so daß sie
ihre Verwunderung und Freude gar nicht bergen konnte. Als nun aber der
Fremde sie aufforderte, doch eine der schönsten Halsketten umzuhängen,
die reichen Spangen auf ihre wunderschön geformten Ärme zu streifen,
und ihr dann einen kleinen Taschenspiegel vorhielt, worin sie sich
nach Herzenslust beschauen konnte, so daß sie in kindischer Lust
aufjauchzte, da sagte Andres zu dem Fremden: »Ach lieber Herr! wie
möget Ihr doch in meinem armen Weibe solche Lüsternheit erregen, daß
sie sich mit Dingen putzt, die ihr nimmermehr zukommen, und auch gar
nicht anstehen. Nehmt mir es nicht übel, Herr! aber die einfache rote
Korallenschnur, die meine Giorgina um den Hals gehängt hatte, als ich
sie zum erstenmal in Neapel sah, ist mir tausendmal lieber, als das
funkelnde blitzende Geschmeide, das mir recht eitel und trügerisch
vorkommt.« - »Ihr seid auch gar zu strenge«, erwiderte der Fremde
höhnisch lächelnd, »daß Ihr Euerm Weibe nicht einmal in ihrer
Krankheit die unschuldige Freude lassen wollt, sich mit meinen schönen
Geschmeiden herauszuputzen, die keineswegs trügerisch, sondern
wahrhaft echt sind. Wißt Ihr denn nicht, daß eben den Weibern solche
Dinge rechte Freude verursachen? Und was Ihr da sagt, daß solcher
Prunk Eurer Giorgina nicht zukomme, so muß ich das Gegenteil
behaupten. Euer Weib ist hübsch genug, sich so herauszuputzen und Ihr
wißt ja nicht, ob sie nicht einmal auch noch reich genug sein wird,
dergleichen Schmuck selbst zu besitzen und zu tragen.« Andres sprach
mit sehr ernstem nachdrücklichen Ton: »Ich bitte Euch, Herr! führt
nicht solche geheimnisvolle verfängliche Reden! Wollt Ihr denn mein
armes Weib betören, daß sie von eitlem Gelüst nach solchem weltlichen
Prunk und Staat nur drückender unsere Armut fühle und um alle
Lebensruhe, um alle Heiterkeit gebracht werde? Packt nur Eure schöne
Sachen ein, lieber Herr! ich will sie Euch treulich bewahren, bis
Ihr zurückkommt. Aber sagt mir nun, wenn, wie es der Himmel verhüten
möge! Euch unterdessen ein Unglück zustoßen sollte, so daß Ihr nicht
mehr zurückkehrtet in mein Haus, wohin soll ich dann das Kistchen
abliefern, und wie lange soll ich auf Euch warten, ehe ich die Juwelen
_dem_ einhändige, den Ihr mir nennen werdet, so wie ich Euch jetzt
um Euern Namen bitte?« - »Ich heiße«, erwiderte der Fremde, »Ignaz
Denner, und bin, wie Ihr schon wisset, Kauf- und Handelsmann. Ich habe
weder Weib, noch Kinder, und meine Verwandte wohnen im Walliser Lande.
_Die_ kann ich aber keineswegs lieben und achten, da sie sich, als ich
noch arm und bedürftig war, um mich gar nicht gekümmert haben. Sollte
ich in drei Jahren mich nicht sehen lassen, so behaltet das Kistchen
ruhig an Euch und, da ich wohl weiß, daß beide, Ihr und Giorgina, Euch
sträuben werdet, das reiche Vermächtnis von mir anzunehmen, so schenke
ich in jenem Fall das Kästchen mit Kleinodien Euerm Knaben, dem ich,
wenn Ihr ihn firmeln laßt, den Namen Ignatius beizugeben bitte.«
Andres wußte in der Tat nicht, was er aus der seltenen Freigebigkeit
und Großmut des fremden Mannes machen sollte. Er stand ganz verstummt
vor ihm, indes Giorgina ihm für seinen guten Willen dankte und
versicherte, zu Gott und den Heiligen fleißig beten zu wollen, daß sie
ihn auf seinen weiten beschwerlichen Reisen beschützen und ihn stets
glücklich in ihr Haus zurückführen möchten. Der Fremde lächelte, so
wie es seine Art war, auf seltsame Weise und meinte, daß wohl das
Gebet einer schönen Frau mehr Kraft haben möge, als das seinige. Das
Beten wolle er daher ihr überlassen und übrigens seinem kräftigen
abgehärteten Körper und seinen guten Waffen vertrauen.
Dem frommen Andres mißfiel diese Äußerung des Fremden höchlich;
indessen verschwieg er das, was er darauf zu erwidern schon im Begriff
stand, und trieb vielmehr den Fremden an, jetzt die Wanderung durch
den Forst zu beginnen, da er sonst erst in später Nacht in sein Haus
zurückkehren und seine Giorgina in Furcht und Angst setzen würde.
Der Fremde sagte beim Abschied noch Giorginen: daß er ausdrücklich ihr
erlaube, sich, wenn es ihr Vergnügen mache, mit seinen Geschmeiden zu
schmücken, da es ihr ja ohnedies in diesem einsamen wilden Forst an
jeder Belustigung mangle. Giorgina errötete vor innerm Vergnügen,
da sie freilich die ihrer Nation eigne Lust an glänzendem Staat und
vorzüglich an kostbaren Steinen nicht unterdrücken konnte. - Nun
schritten Denner und Andres rasch vorwärts durch den finstern öden
Wald. In dem dicksten Gebüsch schnupperten die Doggen umher und
klafften, den Herrn mit klugen beredten Augen anschauend. »Hier ist
es nicht geheuer«, sprach Andres, spannte den Hahn seiner Büchse und
schritt mit den Hunden bedächtig vor dem fremden Kaufmann her. Oft
war es ihm, als rausche es in den Bäumen und bald erblickte er
in der Ferne finstre Gestalten, die gleich wieder in dem Gebüsch
verschwanden. Er wollte seine Doggen loskuppeln. »Tut das nicht,
lieber Mann!« rief Denner, »denn ich kann Euch versichern, daß wir
nicht das mindeste zu fürchten haben.« Kaum hatte er diese Worte
gesprochen, als nur wenige Schritte von ihnen ein großer schwarzer
Kerl mit struppigen Haaren und großem Knebelbart, eine Büchse in der
Hand, aus dem Gebüsch heraustrat. Andres machte sich schußfertig;
»schießt nicht, schießt nicht!« rief Denner; der schwarze Kerl nickte
ihm freundlich zu und verlor sich in den Bäumen. Endlich waren sie aus
dem Walde heraus, auf der lebhaften Landstraße. »Nun danke ich Euch
herzlich für Euer Geleite«, sprach Denner; »kehrt nur jetzt in Eure
Wohnung zurück; sollten Euch wieder solche Gestalten aufstoßen, wie
wir sie gesehen, so zieht ruhig Eure Straße fort, ohne Euch darum zu
kümmern. Tut, als wenn Ihr gar nichts bemerktet, behaltet Eure Doggen
am Strick, Ihr werdet ohne alle Gefahr Eure Wohnung erreichen.« Andres
wußte nicht, was er von dem allen und von dem wunderlichen Kaufmann
denken sollte, der, wie ein Geisterbeschwörer, den Feind zu bannen und
von sich abzuhalten schien. Er konnte nicht begreifen, warum er denn
erst sich habe durch den Wald geleiten lassen. Getrost schritt Andres
durch den Forst zurück, es stieß ihm durchaus nichts Verdächtiges auf
und er kam wohlbehalten in sein Haus, wo ihm seine Giorgina, die sich
munter und kräftig aus dem Bette gemacht, voll Freude in die Arme
fiel.
Durch die Freigebigkeit des fremden Kaufmanns bekam die kleine
Haushaltung des Andres eine ganz andere Gestalt. Kaum war nämlich
Giorgina ganz genesen, als er mit ihr nach Fulda ging und außer
den nötigsten Bedürfnissen noch manches Stück einkaufte, das ihrer
häuslichen Einrichtung abging und wodurch diese das Ansehen eines
gewissen Wohlstandes erhielt. Dazu kam, daß seit dem Besuch des
Fremden die Freijäger und Holzdiebe aus der Gegend gebannt schienen,
und Andres seinem Posten ruhig vorstehen konnte. Auch sein Jagdglück
war wiedergekehrt, so daß er, wie sonst, beinahe niemals einen
Fehlschuß tat. Der Fremde stellte sich zu Michaelis wieder ein und
blieb drei Tage. Der hartnäckigen Weigerung der Wirtsleute unerachtet
war er doch wieder so freigebig, wie das erstemal. Er versicherte, es
sei nun einmal seine Absicht, sie in Wohlstand zu versetzen, und so
sich selbst das Absteigequartier im Walde freundlicher und angenehmer
zu machen.
Nun konnte die bildhübsche Giorgina sich besser kleiden; sie gestand
dem Andres, daß sie der Fremde mit einer zierlich gearbeiteten goldnen
Nadel, wie sie die Mädchen und Weiber in mancher Gegend Italiens
durch das in Zöpfen zusammengeflochtene aufgewirbelte Haar zu stecken
pflegen, beschenkt habe. Andres zog ein finstres Gesicht, aber in
dem Augenblick war Giorgina zur Tür herausgesprungen und nicht lange
dauerte es, so kehrte sie zurück ganz so gekleidet und geschmückt, wie
Andres sie in Neapel gesehen hatte. Die schöne goldne Nadel prangte
in dem schwarzen Haar, in das sie mit malerischem Sinn bunte Blumen
geflochten, und Andres mußte sich nun selbst gestehen, daß der Fremde
sein Geschenk recht sinnig gewählt hatte, um seine Giorgina wahrhaft
zu erfreuen.
Andres äußerte dies unverhohlen und Giorgina meinte, daß der Fremde
wohl ihr Schutzengel sei, der sie aus der tiefsten Dürftigkeit zum
Wohlstande erhebe, und daß sie gar nicht begreife, wie Andres so
wortkarg, so verschlossen gegen den Fremden und überhaupt so traurig,
so in sich gekehrt, bleiben könne. »Ach, liebes Herzensweib!« sprach
Andres, »die innere Stimme, welche mir damals so laut sagte, daß ich
durchaus nichts von dem Fremden annehmen dürfe, die schweigt bis jetzt
keineswegs. Ich werde oft von innern Vorwürfen gemartert; es ist mir,
als ob mit dem Gelde des Fremden unrechtes Gut in mein Haus gekommen
sei und deshalb kann mich nichts recht freuen, was dafür angeschafft
wurde. Ich kann mich jetzt wohl öfter mit einer kräftigen Speise, mit
einem Glase Wein erlaben; glaube mir aber, liebe Giorgina! war einmal
ein guter Holzverkauf vorgefallen und hatte mir der liebe Gott ein
paar ehrlich verdiente Groschen mehr beschert, als gewöhnlich, dann
schmeckte mir ein Glas geringen Weins viel besser, als jetzt der
gute Wein, den der Fremde uns mitbringt. Ich kann mich mit diesem
sonderbaren Kaufmann durchaus nicht befreunden, ja es ist mir in
seiner Gegenwart oft ganz unheimlich zumute. Hast du wohl bemerkt,
liebe Giorgina! daß er niemanden fest anzuschauen vermag? Und dabei
blitzt es zuweilen aus seinen tiefliegenden kleinen Augen so sonderbar
heraus, und dann kann er bei unsern schlichten Reden oft so - bübisch
möcht ich sagen, lachen, daß es mich eiskalt überläuft. - Ach, möchten
nur nicht meine innern Gedanken wahr werden, aber oft ist es mir, als
liege allerlei schwarzes Unheil im Hintergrunde, das nun der Fremde
mit einemmal hervorrufen werde, nachdem er uns in seinen künstlichen
Schlingen gefangen.«
Giorgina suchte ihrem Mann die schwarzen Vorstellungen auszureden,
indem sie versicherte, wie sie oft in ihrem Vaterlande und vorzüglich
bei ihren Pflegeeltern im Wirtshause, Personen kennen gelernt,
deren Äußeres noch viel widriger gewesen sei, unerachtet es am Ende
grundgute Menschen waren. Andres schien getröstet, im Innern beschloß
er aber auf der Hut zu sein.
Der Fremde sprach bei Andres wieder ein, als sein Knabe, ein
wunderschönes Kind, ganz der Mutter Ebenbild, gerade neun Monate alt
geworden. Es war Giorginas Namenstag; sie hatte den Kleinen fremdartig
und sonderbar herausgeputzt, sich selbst in ihre liebe neapolitanische
Tracht geworfen und ein besseres Mahl, als gewöhnlich, bereitet, wozu
der Fremde eine Flasche köstlichen Weins aus dem Felleisen hergab.
Als sie nun fröhlich bei Tische saßen und der kleine Knabe mit solch
wunderbar verständigen Augen umherblickte, hub der Fremde an: »Euer
Kind verspricht in der Tat mit seinem besondern Wesen schon jetzt
recht viel und es ist schade, daß ihr nicht imstande sein werdet, es
gehörig zu erziehen. Ich hätte euch wohl einen Vorschlag zu tun, ihr
werdet ihn aber verwerfen wollen, unerachtet ihr bedenken möchtet, daß
er nur euer Glück, euern Wohlstand bezweckt. Ihr wißt, daß ich reich
und ohne Kinder bin, ich fühle eine ganz besondere Liebe und Zuneigung
zu euerm Knaben - Gebt mir ihn! - Ich bringe ihn nach Straßburg, wo er
von einer Freundin von mir, einer alten ehrbaren Frau, auf das beste
erzogen werden und mir sowie euch große Freude machen soll. Ihr werdet
mit euerm Kinde einer großen Last frei; doch müßt ihr euern Entschluß
schnell fassen, da ich genötigt bin, noch heute abend abzureisen. Auf
meinen Armen trage ich das Kind bis in das nächste Dorf; dort nehme
ich dann ein Fuhrwerk.« Bei diesen Worten des Fremden riß Giorgina
das Kind, das er auf seinen Knien geschaukelt hatte, hastig fort und
drückte es an ihren Busen, indem ihr die Tränen in die Augen traten.
»Seht, lieber Herr!« sprach Andres, »wie meine Frau Euch auf Euern
Vorschlag antwortet, und ebenso bin auch ich gesinnt. Eure Absicht mag
recht gut sein; aber wie möget Ihr doch uns das Liebste rauben wollen,
das wir auf Erden besitzen? wie möget Ihr doch das eine Last nennen,
was unser Leben aufheitern würde, wären wir auch noch in der tiefsten
Dürftigkeit, aus der uns Eure Güte gerissen? Seht, lieber Herr! Ihr
sagtet selbst, daß Ihr ohne Frau und ohne Kinder wäret; Euch ist daher
wohl die Seligkeit fremd, die gleichsam aus der Glorie des offnen
Himmelreichs herabströmt auf Mann und Weib bei der Geburt eines
Kindes. Es ist ja die reinste Liebe und Himmelswonne selbst, von der
die Eltern erfüllt werden, wenn sie ihr Kind schauen, das stumm und
still an der Mutter Brust liegend, doch mit gar beredten Zungen von
ihrer Liebe, von ihrem höchsten Lebensglück spricht. - Nein, lieber
Herr! so groß auch die Wohltaten sind, die Ihr uns erzeigt habt, so
wiegen sie doch lange nicht das auf, was uns unser Kind wert ist;
denn wo gäbe es Schätze der Welt, die diesem Besitz gleichzustellen?
Scheltet uns daher nicht undankbar, lieber Herr! daß wir Euch Euer
Ansinnen so ganz und gar abschlagen. Wäret Ihr selbst Vater, so
bedürfte es weiter gar keiner Entschuldigung für uns.« - »Nun, nun«,
erwiderte der Fremde, indem er finster seitwärts blickte, »ich glaubte
Euch wohlzutun, indem ich Euern Sohn reich und glücklich machte. Seid
ihr nicht damit zufrieden, so ist davon weiter nicht die Rede.« -
Giorgina küßte und herzte den Knaben, als sei er aus großer Gefahr
errettet, und ihr wiedergegeben worden. Der Fremde strebte sichtlich
wieder unbefangen und heiter zu scheinen; man merkte es indessen doch
nur zu deutlich, wie sehr ihn die Weigerung seiner Wirtsleute, ihm
den Knaben zu geben, verdrossen hatte. Statt, wie er gesagt, noch
denselben Abend fortzureisen, blieb er wieder drei Tage, in welchen er
jedoch nicht so, wie sonst bei Giorgina verweilte, sondern mit Andres
auf die Jagd zog und sich bei dieser Gelegenheit viel von dem Grafen
Aloys von Vach erzählen ließ. Als in der Folge Ignaz Denner wieder bei
seinem Freunde Andres einsprach, dachte er nicht mehr an seinen Plan,
den Knaben mit sich zu nehmen. Er war nach seiner Art freundlich wie
vorher, und fuhr fort, Giorgina reichlich zu beschenken, die er noch
überdem wiederholt aufforderte, so oft sie Lust habe sich mit den
Juwelen aus dem Kistchen, das er Andres in Verwahrung gegeben, zu
schmücken, welches sie auch wohl dann und wann heimlich tat. Oft
wollte Denner, wie sonst, mit dem Knaben spielen; dieser sträubte sich
aber und weinte, durchaus mochte er nicht mehr zu dem Fremden gehen,
als wisse er etwas von dem feindlichen Anschlag, ihn seinen Eltern
zu entführen. - Zwei Jahre hindurch hatte der Fremde nun auf seinen
Wanderungen den Andres besucht, und Zeit und Gewohnheit hatten die
Scheu, das Mißtrauen wider Denner endlich überwunden, so daß Andres
seinen Wohlstand ruhig und heiter genoß. Im Herbst des dritten Jahres,
als die Zeit, in der Denner gewöhnlich einzusprechen pflegte, schon
vorüber war, pochte es in einer stürmischen Nacht hart an Andres' Tür,
und mehrere rauhe Stimmen riefen seinen Namen. Erschrocken sprang er
aus dem Bette; als er aber zum Fenster herausfrug, wer ihn in finstrer
Nacht so störe und wie er gleich seine Doggen loslassen werde, um
solche ungebetene Gäste wegzuhetzen, da sagte einer, er möge nur
aufmachen, ein Freund sei da, und Andres erkannte Denners Stimme. Als
er nun mit dem Licht in der Hand die Haustür öffnete, trat ihm Denner
allein entgegen. Andres äußerte, wie es ihm vorgekommen, als ob
mehrere Stimmen seinen Namen gerufen hätten; Denner meinte dagegen,
daß den Andres das Heulen des Windes getäuscht haben müsse. Als sie
in die Stube traten, erstaunte Andres nicht wenig, als er den Denner
näher betrachtete und seinen ganz veränderten Anzug gewahr wurde.
Statt der grauen schlichten Kleidung und des Mantels trug er ein
dunkelrotes Wams und einen breiten ledernen Gurt, in dem ein Stilett
und vier Pistolen staken; außerdem war er noch mit einem Säbel
bewaffnet, selbst das Gesicht schien verändert, indem auf der sonst
glatten Stirn nun buschichte Augenbrauen lagen und ein starker
schwarzer Bart sich über Lippe und Wangen zog. »Andres!« sprach
Denner, indem er ihn mit seinen funkelnden Augen anblitzte, »Andres!
als ich vor beinahe drei Jahren dein Weib vom Tode errettet hatte, da
wünschtest du, daß Gott es dir verleihen möge, mir die dir erzeigte
Wohltat mit deinem Blut und Leben lohnen zu können. Dein Wunsch ist
erfüllt; denn es ist nunmehr der Augenblick gekommen, in dem du mir
deine Dankbarkeit, deine Treue beweisen kannst. Kleide dich an; nimm
deine Büchse und komme mit mir, nur wenige Schritte von deiner Wohnung
sollst du das übrige erfahren.« Andres wußte nicht, was er von Denners
Zumutung halten sollte; der Worte, die er ihm vorhielt, indessen wohl
eingedenk, versicherte er, wie er bereit sei, alles nur mögliche für
ihn zu unternehmen, sobald es nicht der Rechtschaffenheit, Tugend
und Religion zuwiderlaufe. »Darüber kannst du ganz ruhig sein«, rief
Denner, indem er ihm lächelnd auf die Schulter klopfte; und da er
bemerkte, daß Giorgina aufgesprungen war, und vor Angst zitternd und
bebend ihren Mann umklammerte, nahm er sie bei den Armen und sprach,
sie sanft zurückziehend: »Laßt Euern Mann nur immer mit mir ziehen,
in wenigen Stunden ist er wieder gesund bei Euch, und bringt Euch
vielleicht was Schönes mit. Hab ich es denn jemals böse mit euch
gemeint? Habe ich selbst dann, wenn ihr mich verkanntet, nicht immer
euch Gutes erzeigt? Wahrhaftig, ihr seid recht besondere mißtrauische
Leute.« Andres zauderte noch immer sich anzukleiden, da wandte Denner
sich zu ihm und sprach mit zornigem Blick: »Ich hoffe du wirst deine
Zusage halten, denn es gilt nunmehr, das zu beweisen mit der Tat, was
du gesprochen!« Schnell war nun Andres angekleidet, und indem er mit
Denner zur Türe herausschritt, sprach er noch einmal: »Alles, lieber
Herr! will ich für Euch tun, doch etwas Unrechtes werdet Ihr wohl von
mir nicht fordern, da ich auch das Kleinste, was wider mein Gewissen
liefe, nicht vollbringen würde.« Denner antwortete nichts, sondern
schritt rasch vorwärts. Sie waren durch das Dickicht gedrungen bis auf
einen ziemlich geräumigen Rasenplatz; da pfiff Denner dreimal, daß der
Ton ringsumher aus den schaurigen Klüften widerhallte und überall in
den Büschen flackerten Windlichter auf und es rauschte und klirrte in
den dunklen Gängen, bis sich schwarze gräßliche Gestalten gespenstisch
hervordrängten und den Denner im Kreise umringten. Einer aus dem
Kreise trat hervor und sprach auf Andres hindeutend: »Das ist ja wohl
unser neuer Geselle, nicht wahr Hauptmann?« - »Ja«, antwortete Denner,
»ich hab ihn aus dem Bette geholt, er soll sein Probestück machen, es
kann nun gleich vorwärts gehen.« Andres erwachte bei diesen Worten wie
aus dumpfer Betäubung, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne; aber
er ermannte sich und rief heftig: »Was, du schändlicher Betrüger,
für einen Kaufmann gabst du dich aus, und treibst ein höllisches
verruchtes Gewerbe, und bist ein verworfener Räuber? Nimmermehr will
ich dein Geselle sein und teilnehmen an deinen Schandtaten, zu denen
du mich, wie der Satan selbst, auf künstliche hämische Weise verlocken
wolltest? - Laß mich gleich fort, du frevelicher Bösewicht, und räume
mit deiner Rotte dies Gebiet, sonst verrate ich deine Schlupfwinkel
der Obrigkeit, und du bekommst den Lohn für deine Schandtaten; denn
nun weiß ich es wohl, daß du selbst der schwarze Ignaz bist, der mit
seiner Bande an der Grenze gehauset und geraubt, und gemordet hat. -
Gleich lasse mich fort, ich will dich nie mehr schauen.« Denner lachte
laut auf. »Was, du feiger Bube?« sprach er: »du unterstehst dich, mir
zu trotzen, dich meinem Willen, meinem Machtwort entziehen zu wollen?
Bist du nicht längst schon unser Geselle? lebst du nicht schon seit
beinahe drei Jahren von unserm Gelde? schmückt sich dein Weib nicht
mit unserm Raube? Nun stehst du unter uns und willst nicht arbeiten
dafür was du genossen? Folgst du uns nun nicht, zeigst du dich nicht
gleich als unsern rüstigen Kumpan, so lasse ich dich gebunden in
unsere Höhle werfen und meine Gesellen ziehen nach deiner Wohnung,
zünden sie an und ermorden dein Weib und deinen Knaben. Doch ich werde
wohl diese Maßregel, die nur eine Folge deiner Halsstarrigkeit sein
würde, nicht ergreifen dürfen. Nun! - wähle! - es ist Zeit, wir müssen
fort!« - Andres sah nun wohl ein, daß die mindeste Weigerung seiner
geliebten Giorgina und dem Knaben das Leben kosten würde; den
verräterischen bübischen Denner im Innern zur Hölle verfluchend,
beschloß er daher, in seinen Willen sich scheinbar zu fügen, rein
von Diebstahl und Mord zu bleiben und das tiefere Eindringen in die
Schlupfwinkel der Bande nur dazu zu benutzen, bei der ersten günstigen
Gelegenheit ihre Aufhebung und Einziehung zu bewirken. Nach diesem im
stillen gefaßten Entschluß erklärte er dem Denner, wie trotz seines
innern Widerstrebens doch die Dankbarkeit für Giorginas Rettung
ihn verpflichte, etwas zu wagen, und er wolle daher die Expedition
mitmachen, wobei er nur bitte, ihn als einen Neuling, soviel möglich
mit dem tätigen Anteil daran zu verschonen. Denner lobte seinen
Entschluß, indem er hinzufügte, wie er keineswegs verlange, daß er
förmlich zur Bande übertreten solle, vielmehr müsse er Revierjäger
bleiben; denn so wäre er ihm und der Bande schon jetzt von großem
Nutzen gewesen, was denn auch künftig der Fall sein würde.
Es war auf nichts Geringeres abgesehen, als die Wohnung eines reichen
Pachters, die von dem Dorfe abgelegen, unfern dem Walde, stand, zu
überfallen und auszuplündern. Man wußte, daß der Pachter außer dem
vielen Gelde und den Kostbarkeiten, die er besaß, eben jetzt für
verkauftes Getreide eine sehr bedeutende Summe eingenommen hatte, die
er bei sich bewahrte und um so mehr versprachen sich die Räuber einen
reichen Fang. Die Windlichter wurden ausgelöscht und still zogen die
Räuber durch die engen Schleichwege, bis sie dicht an dem Gebäude
standen, welches einige von der Bande umringten. Andere dagegen
stiegen über die Mauer, und sprengten von innen das Hoftor; einige
wurden auf Wache ausgestellt, und unter diesen befand sich Andres.
Bald hörte er, wie die Räuber die Türen erbrachen und ins Haus
stürmten, er vernahm ihr Fluchen, ihr Geschrei, das Geheul der
Gemißhandelten. Es fiel ein Schuß; der Pachter, ein beherzter Mann,
mochte sich zur Wehre setzen - dann wurde es stiller - aufgesprengte
Schlösser klirrten, Räuber schleppten Kisten zum Hoftor heraus. Einer
von des Pachters Leuten mußte in der Finsternis entwischt und ins Dorf
gerannt sein; denn auf einmal tönte die Sturmglocke durch die Nacht,
und bald darauf strömten Haufen mit hellauflodernden Lichtern die
Straße herauf nach der Pachterwohnung. Nun fiel Schuß auf Schuß, die
Räuber sammelten sich im Hofe und streckten alles nieder, was sich der
Mauer näherte. Sie hatten ihre Windfackeln angezündet. Andres, der auf
einer Anhöhe stand, konnte alles übersehen. Mit Entsetzen erblickte er
unter den Bauern, Jäger in der Liverei seines Herrn, des Grafen von
Vach! - Was sollte er tun? - Sich zu ihnen zu begeben, war unmöglich,
nur die schnellste Flucht konnte ihn retten; aber wie festgezaubert
stand er da hinstarrend in den Pachterhof, wo das Gefecht immer
mörderischer wurde; denn durch eine kleine Pforte an der andern Seite
waren die Vachschen Jäger gedrungen und mit den Räubern handgemein
geworden. Die Räuber mußten zurück, sie drängten sich fechtend
durch das Tor nach der Gegend hin, wo Andres stand. Er sah Dennern,
der unaufhörlich lud und schoß und niemals fehlte. Ein junger
reichgekleideten Mann, von Vachschen Jägern umgeben, schien den
Anführer zu machen; auf ihn legte Denner an, aber noch ehe er
abdrückte, stürzte er von einer Kugel getroffen mit einem dumpfen
Schrei nieder. Die Räuber flohen - schon stürzten die Vachschen Jäger
herbei, da sprang, wie von unwiderstehlicher Macht getrieben, Andres
herbei und rettete Dennern, den er, stark wie er war, auf die
Schultern warf und schnell forteilte. Ohne verfolgt zu werden,
erreichte er glücklich den Wald. Nur einzelne Schüsse fielen hin und
wieder und bald wurde es ganz still; ein Zeichen, daß es den Räubern,
die nicht verwundet auf dem Platze liegen geblieben, geglückt war, in
den Wald zu entkommen und daß es den Jägern und Bauern nicht ratsam
schien, in das Dickicht einzubrechen. »Setze mich nur nieder, Andres!
« sprach Denner, »ich bin in den Fuß verwundet und verdammt, daß ich
umstürzte, denn, unerachtet mich die Wunde sehr schmerzt, glaub ich
doch nicht einmal, daß sie bedeutend ist.« Andres tat es, Denner holte
eine kleine Phiole aus der Tasche und als er sie öffnete, strahlte
ein helles Licht heraus, bei dem Andres die Wunde genau untersuchen
konnte: Denner hatte recht; nur ein starker Streifschuß hatte den
rechten Fuß getroffen, der stark blutete. Andres verband die Wunde mit
seinem Schnupftuch, Denner ließ seine Pfeife ertönen, aus der Ferne
wurde geantwortet und nun bat er den Andres, ihn sachte den schmalen
Waldweg heraufzuführen, denn bald würden sie an Ort und Stelle sein.
Wirklich dauerte es auch nicht lange, so sahen sie den Schein von
Windlichtern durch das dunkle Gebüsch brechen und hatten jenen
Rasenplatz erreicht, von dem sie ausgegangen und wo sie die
übriggebliebenen Räuber bereits versammelt fanden. Alle jauchzten vor
Freude auf, als Denner unter sie trat und rühmten den Andres, der,
tief in sich gekehrt, kein Wort vorzubringen vermochte. Es fand sich,
daß über die Hälfte der Bande tot, oder hart verwundet auf dem Platze
liegen geblieben war; indessen hatten einige von den Räubern, die dazu
bestimmt waren, den Raub in Sicherheit zu bringen, mitten im Gefecht
wirklich mehrere Kisten mit kostbarem Gerät, sowie eine ansehnliche
Summe Geld, fortzuschaffen gewußt, so daß, unerachtet das Unternehmen
schlimm ausgegangen, doch die Beute ansehnlich blieb. Als nun das
Nötige besprochen, wandte sich Denner, den man unterdessen ordentlich
verbunden hatte, und der kaum irgend einen Schmerz mehr zu fühlen
schien, zu Andres und sprach: »Ich habe dein Weib vom Tode errettet,
du hast mich in dieser Nacht der Gefangenschaft entzogen und mich
folglich auch von dem mir gewissen Tode befreit, wir sind quitt!
du kannst in deine Wohnung zurückkehren. In den nächsten Tagen,
vielleicht schon morgen, verlassen wir die Gegend; du magst daher
ganz ruhig darüber sein, daß wir dir Ähnliches, so wie heute, zumuten
werden. Du bist ja so ein gottesfürchtiger Narr und uns nicht
brauchbar. Es ist indessen billig, daß du teil am heutigen Raube
nehmest und überdem für meine Rettung belohnt werdest. Nimm daher
diesen Beutel mit Gold und behalte mich in gutem Andenken; denn übers
Jahr hoffe ich bei dir einzusprechen.« - »Gott der Herr soll mich
behüten«, erwiderte Andres heftig, »daß ich auch nur einen Pfennig von
Eurem schändlichen Raube nehmen sollte. Habt Ihr mich doch nur durch
die abscheulichsten Drohungen gezwungen mitzugehen, welches ich
ewiglich bereuen werde. Wohl mag es Sünde gewesen sein, daß ich dich,
du schändlicher Bösewicht! der gerechten Strafe entzogen habe; aber
Gott im Himmel mag es mir nach seiner Langmut verzeihen. Es war, als
flehe in dem Augenblick meine Giorgina um dein Leben, da du das ihrige
errettet, und ich konnte nicht anders, als daß ich dich mit Gefahr
meines Lebens und meiner Ehre, ja das Wohl und Weh meines Weibes und
meines Kindes aufs Spiel setzend, der Gefahr entriß. Denn sprich, was
wäre aus mir, wenn man mich verwundet, ja was wäre aus meinem armen
Weibe, meinem Knaben geworden, wenn man mich erschlagen unter deiner
verruchten Mörderbande gefunden hätte? - Aber sei überzeugt, daß, wenn
du die Gegend nicht verlässest, wenn nur ein einziger hier geschehener
Raub, oder Mord mir kund wird, ich augenblicklich nach Fulda gehe und
der Obrigkeit deine Schlupfwinkel verrate.« - Die Räuber wollten über
den Andres herfallen, um ihn für seine Reden zu züchtigen; Denner
verbot es ihnen jedoch, indem er sagte: »Laßt doch den albernen Kerl
schwatzen, was tut das uns? - Andres«, fuhr Denner fort, »du bist in
meiner Gewalt, so wie dein Weib und dein Knabe. Du sowohl, als diese,
sollen aber ungefährdet bleiben, wenn du mir versprichst, dich ruhig
in deiner Wohnung zu halten und über deine Mitwissenschaft von dem
Vorfall dieser Nacht gänzlich zu schweigen. Das letzte rate ich dir
um so mehr, als meine Rache dich furchtbar treffen und überdem die
Obrigkeit dir selbst wohl deine Hülfe bei der Tat, sowie, daß du schon
lange von meinem Reichtum genossest, nicht so hingehen lassen würde.
Dagegen verspreche ich dir noch einmal, daß ich die Gegend gänzlich
räumen will und wenigstens von mir und meiner Bande hier kein
Unternehmen mehr ausgeführt werden soll.« Nachdem Andres notgedrungen
diese Bedingungen des Räuberhauptmanns eingegangen war und feierlich
versprochen hatte zu schweigen, wurde er von zwei Räubern durch
wildverwachsne Fußsteige auf den breiten Waldweg geführt und es war
längst heller Morgen worden, als er in sein Haus trat und die vor
Sorge und Angst totenbleiche Giorgina umarmte. Er sagte ihr nur im
allgemeinen, daß sich ihm Denner als der verruchteste Bösewicht
offenbart, und er daher alle Gemeinschaft mit ihm abgebrochen habe;
nie solle er mehr seine Schwelle betreten. »Aber das Juwelenkästchen?«
unterbrach ihn Giorgina. Da fiel es dem Andres wie eine schwere Last
aufs Herz. An die Kleinodien, die Denner bei ihm zurückgelassen, hatte
er nicht gedacht, und unerklärlich schien es ihm, daß Dennern auch
nicht ein Wort darüber entfallen war. Er ging mit sich zu Rate, was er
wohl mit diesem Kästchen anfangen solle. Zwar dachte er daran, es nach
Fulda zu bringen und der Obrigkeit zu übergeben; wie sollte er aber
den Besitz desselben beschönigen, ohne sich wenigstens dringender
Gefahr auszusetzen, das dem Denner einmal gegebene Wort zu brechen? Er
beschloß endlich, diesen Schatz getreulich zu bewahren, bis der Zufall
ihm Gelegenheit darbieten würde, es Dennern wieder zuzustellen, oder
besser noch, es, ohne sein Wort zu brechen, an die Obrigkeit zu
bringen.
Der Überfall der Pachterwohnung hatte nicht geringen Schreck in der
ganzen Gegend verursacht; denn es war das kühnste Wagestück, das die
Räuber seit Jahren unternommen und ein sichrer Beweis, daß die Bande,
welche sich erst durch gemeine Diebereien, dann durch das Anhalten
und Berauben einzelner Reisenden kund tat, [sich] bedeutend verstärkt
haben mußte. Nur dem Zufall, daß der Neffe des Grafen von Vach, von
mehreren Leuten seines Oheims begleitet, eben in dem Dorfe, das unfern
der Pachterwohnung lag, übernachtete und auf den ersten Lärm den
Bauern, die gegen die Räuber auszogen, zu Hülfe eilte, hatte der
Pachter die Rettung seines Lebens und des größten Teils seiner
Barschaft zu verdanken. Drei von den Räubern, die auf dem Platz
geblieben waren, lebten noch den andern Tag und gaben Hoffnung, von
ihren Wunden zu genesen. Man hatte sie sorgfältig verbunden und in das
Dorfgefängnis gesperrt; als man indessen am frühen Morgen des dritten
Tages sie abführen wollte, fand man sie durch viele Stiche ermordet,
ohne daß man hätte erraten können, wie das zugegangen. Jede Hoffnung
der Gerichte, von den Gefangenen näheren Aufschluß über die Bande zu
erhalten, war daher vereitelt. Andres schauderte im Innern, als er das
alles erzählen hörte, als er vernahm, wie mehrere Bauern und Jäger des
Grafen von Vach zum Teil getötet, zum Teil schwer verwundet worden. -
Starke Patrouillen von Fuldaischen Reitern durchstreiften den Wald,
und sprachen öfters bei ihm ein; jeden Augenblick mußte Andres
befürchten, daß man Dennern selbst, oder wenigstens einen von der
Bande einbringen, und dieser ihn dann als Genosse jener kühnen
Freveltat erkennen und angeben werde. Zum erstenmal in seinem Leben
fühlte er die folternde Qual des bösen Gewissens, und doch hatte
ihn nur die Liebe zu seinem Weibe, zu dem Knaben, gezwungen, dem
frevelichen Ansinnen Denners nachzugeben.
Alle Nachforschungen blieben fruchtlos, es war unmöglich den Räubern
auf die Spur zu kommen, und Andres überzeugte sich bald, daß Denner
Wort gehalten und die Gegend mit seiner Bande verlassen hatte. Das
Geld, welches er noch von Denners Geschenken übrig behalten, sowie die
goldene Nadel, legte er zu den Kleinodien in das Kistchen; denn er
wollte nicht noch mehr Sünde auf sich laden und von geraubtem Gelde
sich gütlich tun. So kam es denn, daß Andres bald wieder in die vorige
Dürftigkeit und Armut geriet; aber immer mehr erheiterte sich sein
Inneres, je längere Zeit verstrich, ohne daß irgend etwas sein ruhiges
Leben verstört hätte. Nach zwei Jahren gebar ihm sein Weib noch einen
Knaben, ohne jedoch, wie das erstemal, zu erkranken, wiewohl sie sich
herzlich nach jener bessern Kost und Pflege sehnte, die ihr damals so
wohl getan. Andres saß einst in der Abenddämmerung traulich mit seinem
Weibe zusammen, die den jüngstgebornen Knaben an der Brust hatte,
während der ältere sich mit dem großen Hunde herumbalgte, der, als
Liebling seines Herrn, wohl in der Stube sein durfte. Da kam der
Knecht hinein und sagte, wie ein Mensch, der ihm ganz verdächtig
vorkomme, schon seit beinahe einer Stunde um das Haus herumschleiche.
Andres war im Begriff mit seiner Büchse hinauszugehen, als er vor dem
Hause seinen Namen rufen hörte. Er öffnete das Fenster und erkannte
auf den ersten Blick den verhaßten Ignaz Denner, der sich wieder in
den grauen Kaufmannshabit geworfen hatte, und ein Felleisen unter dem
Arme trug. »Andres«, rief Denner, »du mußt mir diese Nacht Herberge
geben in deinem Hause, morgen ziehe ich weiter.« - »Was? Du
unverschämter verruchter Bösewicht?« rief Andres in vollem Zorn, »du
wagst es dich wieder hier sehen zu lassen? Habe ich dir nicht treulich
Wort gehalten, nur damit du dein Versprechen erfüllen und auf immer
diese Gegend verlassen solltest? Du darfst nicht mehr meine Schwelle
betreten - entferne dich schnell, oder ich schieße dich mörderischen
Buben nieder! - Doch warte, ich will dir dein Gold, dein Geschmeide,
womit du Satan mein Weib verblenden wolltest, hinabwerfen; dann magst
du schnell forteilen. Ich lasse dir drei Tage Zeit, spüre ich aber
dann nur auf irgend eine Weise deine und deiner Bande Gegenwart, so
eile ich schnell nach Fulda und entdecke alles, was ich weiß, der
Obrigkeit. Magst du nun deine Drohungen gegen mich und mein Weib
erfüllen wollen, ich verlasse mich auf den Beistand Gottes, und werde
dich Bösewicht mit meinem guten Gewehr zu treffen wissen.« Nun holte
Andres schnell das Kästchen herbei, um es hinabzuwerfen; als er aber
ans Fenster trat, war Denner verschwunden, und unerachtet die Doggen
die ganze Gegend rings ums Haus durchspüren mußten, war es doch nicht
möglich ihn aufzufinden. Andres sah nun wohl ein, wie er, Denners
Bosheit ausgesetzt, nun in großer Gefahr schwebe; er war daher
allnächtlich auf seiner Hut, indessen blieb alles ruhig und Andres
überzeugte sich, daß Denner nur allein den Wald durchstrichen hatte.
Um indessen seinen ängstlichen Zustand zu enden, ja um sein Gewissen
zu beruhigen, das ihn mit Vorwürfen quälte, beschloß er nun
nicht länger zu schweigen, sondern dem Rat in Fulda sein ganzes
unverschuldetes Verhältnis mit Denner zu berichten und zugleich das
Kistchen mit den Kleinodien abzuliefern. Andres wußte wohl, daß er
ohne Strafe nicht abkommen würde, jedoch verließ er sich auf sein
reuiges Bekenntnis eines Fehltritts, zu dem ihn der verruchte Ignaz
Denner, wie der Satan selbst, verlockt und gezwungen, sowie auf die
Fürsprache seines Herrn, des Grafen von Vach, der dem treuen Diener
ein günstiges Zeugnis nicht versagen konnte. Er hatte mit seinem
Knechte mehrmals den Wald durchstreift und nie war ihm etwas
Verdächtiges aufgestoßen; für sein Weib war daher jetzt keine Gefahr
vorhanden und er wollte nun ungesäumt nach Fulda gehen, um seinen
Vorsatz auszufahren. An dem Morgen, als er sich zur Reise bereit
gemacht, kam ein Bote von dem Grafen von Vach, der ihn augenblicklich
auf das Schloß seines Herrn mitgehen hieß. Statt nach Fulda wanderte
er also fort mit dem Boten nach dem Schloß, nicht ohne Bangigkeit,
was wohl dieser ganz ungewöhnliche Ruf seines Herrn zu bedeuten haben
werde. Als er in dem Schloß angekommen, mußte er gleich in das Zimmer
des Grafen treten. »Freue dich, Andres«, rief dieser ihm entgegen,
»dich hat ein ganz unerwartetes Glück getroffen. Erinnerst du
dich wohl noch unsers alten mürrischen Hauswirts in Neapel, des
Pflegevaters deiner Giorgina? Der ist gestorben; aber auf dem
Sterbebette hatte ihn noch das Gewissen gerührt wegen der
abscheulichen Behandlung des armen verwaisten Kindes, und deshalb hat
er ihr zweitausend Dukaten vermacht, die bereits in Wechselbriefen in
Frankfurt angekommen sind und die du bei meinem Bankier heben kannst.
Willst du dich gleich nach Frankfurt aufmachen, so lasse ich dir auf
der Stelle das nötige Zertifikat ausfertigen, damit dir das Geld ohne
Anstand ausgezahlt werde.« Den Andres machte die Freude sprachlos, und
der Graf von Vach ergötzte sich nicht wenig an dem Entzücken seines
treuen Dieners. Andres beschloß, als er sich gefaßt hatte, seinem
Weibe eine unvermutete Freude zu bereiten; er nahm daher seines Herrn
gnädiges Anerbieten an, und machte sich, nachdem er die Urkunde zu
seiner Legitimation erhalten, auf den Weg nach Frankfurt.
Seinem Weibe ließ er sagen, wie ihn der Graf mit wichtigen Aufträgen
verschickt habe, und er daher einige Tage ausbleiben werde. - Als er
in Frankfurt angekommen, wies ihn der Bankier des Grafen, bei dem er
sich meldete, an einen andern Kaufmann, der mit der Auszahlung des
Legats beauftragt sein sollte. Andres fand ihn endlich und erhielt die
ansehnliche Summe wirklich ausgezahlt. Immer nur an Giorgina denkend,
immer darnach trachtend, ihre Freude recht vollkommen zu machen,
kaufte er für sie allerlei schöne Sachen und auch eine goldene Nadel,
der ganz gleich, welche ihr Denner geschenkt hatte, und da er nun
das schwere Felleisen nicht wohl als Fußgänger fortbringen konnte,
verschaffte er sich ein Pferd. So trat er nun, nachdem er sechs Tage
abwesend gewesen, wohlgemut seine Rückreise an. Bald hatte er den
Forst und seine Wohnung erreicht. Er fand das Haus fest verschlossen.
Laut rief er den Knecht, seine Giorgina, niemand antwortete: die Hunde
winselten im Hause eingesperrt. Da ahnete er großes Unglück und schlug
heftig an die Tür und schrie laut: »Giorgina! - Giorgina!« - Nun
rauschte es am Bodenfenster, Giorgina schaute heraus und rief.- »Ach
Gott! - Ach Gott! Andres, bist du es? Gepriesen sei die Macht des
Himmels, daß du nur wieder da bist.« Als Andres nun durch die
geöffnete Tür eintrat, fiel ihm sein Weib totenbleich und laut heulend
in die Arme. Regungslos stand er da; endlich faßte er sein Weib, die
mit erschlafften Gliedern zu Boden sinken wollte, und trug sie in die
Stube. Aber wie mit eisigen Krallen packte ihn das Entsetzen bei dem
gräßlichen Anblick. Die ganze Stube voller Blutflecke an dem Boden,
an den Wänden, sein jüngster Knabe mit zerschnittener Brust tot auf
seinem Bettchen! - »Wo ist George, wo ist George?« schrie Andres
endlich auf in wilder Verzweiflung, aber in dem Augenblick hörte er,
wie der Knabe die Treppe herabtrippelte und nach dem Vater rief. -
Zerbrochene Gläser, Flaschen, Teller lagen umher. Der große schwere
Tisch, sonst an der Wand stehend, war in die Mitte des Zimmers
gerückt, eine sonderbar geformte Kohlpfanne, mehrere Phiolen und eine
Schüssel mit geronnenem Blut standen auf demselben. Andres nahm sein
armes Knäblein aus dem Bette. Giorgina verstand ihn, sie holte Tücher
herbei, in die sie den Leichnam wickelten und im Garten begruben.
Andres schnitt ein kleines Kreuz aus Eichenholz und setzte es auf den
Grabhügel. Kein Wort, kein Laut entfloh den Lippen der unglücklichen
Eltern. In dumpfem düsterem Schweigen hatten sie die Arbeit vollendet
und saßen nun vor dem Hause in der Abenddämmerung, den starren Blick
in die Ferne gerichtet. Erst den andern Tag konnte Giorgina den
Verlauf dessen, was sich in Andres' Abwesenheit zugetragen, erzählen.
Am vierten Tage, nachdem Andres sein Haus verlassen, hatte der Knecht
zur Mittagszeit wieder allerlei verdächtige Gestalten durch den Wald
wanken gesehen, und Giorgina deshalb des Mannes Rückkehr herzlich
gewünscht. Mitten in der Nacht wurde sie durch lautes Toben und
Schreien dicht vor dem Hause aus dem Schlafe geweckt, der Knecht
stürzte herein und verkündete voller Schreck, daß das ganze Haus von
Räubern umringt und an eine Gegenwehr gar nicht zu denken sei. Die
Doggen wüteten, aber bald schien es, als würden sie beschwichtigt und
man rief laut: »Andres! - Andres!« - Der Knecht faßte sich ein Herz,
öffnete ein Fenster und rief herab, daß der Revierjäger Andres nicht
zu Hause sei. »Nun, es tut nichts«, antwortete eine Stimme von unten
herauf, »öffne nur die Tür, denn wir müssen bei euch einkehren, Andres
wird bald nachfolgen.« Was blieb dem Knecht übrig, als die Tür zu
öffnen; da strömte der helle Haufe der Räuber herein und begrüßte
Giorgina als die Frau ihres Kameraden, dem der Hauptmann Freiheit und
Leben zu danken habe. Sie verlangten, daß Giorgina ihnen ein tüchtiges
Essen bereiten möge, weil sie nachts ein schweres Stück Arbeit
vollbracht, das aber herrlich gelungen sei. Zitternd und bebend machte
Giorgina in der Küche ein großes Feuer an und bereitete das Mahl, wozu
sie Wildpret, Wein und allerlei andere Ingredienzien von einem der
Räuber empfing, der der Küchen- und Kellermeister der Bande zu
sein schien. Der Knecht mußte den Tisch decken und das Geschirr
herbeibringen. Er nahm den Augenblick wahr und schlich sich fort
zu seiner Frau in die Küche. »Ach wißt Ihr wohl«, fing er voller
Entsetzen an, »was für eine Tat die Räuber in dieser Nacht verübt
haben? Nach langer Abwesenheit und nach langer Vorbereitung haben sie
vor etlichen Stunden das Schloß des Herrn Grafen von Vach überfallen,
und nach tapferer Gegenwehr mehrere seiner Leute und ihn selbst
getötet, das Schloß aber angezündet.« Giorgina schrie unaufhörlich:
»Ach mein Mann, wenn mein Mann nur auf dem Schlosse gewesen wäre -
Ach, der arme Herr!« - Die Räuber tobten und sangen unterdessen in
der Stube und ließen sich den Wein wohl schmecken, bis ihnen das
Mahl aufgetragen wurde. Der Morgen fing schon an zu dämmern als der
verhaßte Denner erschien; nun wurden die Kisten und Felleisen, die sie
auf ihren Packpferden mitgebracht hatten, geöffnet. Giorgina hörte,
wie sie vieles Geld zählten und wie die Silbergeschirre klirrten; es
schien alles verzeichnet zu werden. Endlich als es schon Lichter Tag
geworden, brachen die Räuber auf, nur Denner blieb zurück. Er nahm
eine freundliche leutselige Miene an, und sprach zu Giorgina: »Ihr
seid wohl recht erschreckt worden, liebe Frau; denn Euer Mann scheint
Euch nicht gesagt zu haben, daß er schon seit geraumer Zeit unser
Kamerad geworden. Es tut mir in der Tat leid, daß er nicht zu Hause
gekommen ist; er muß einen andern Weg eingeschlagen und uns verfehlt
haben. Er war mit uns auf dem Schlosse des Bösewichts, des Grafen von
Vach, der uns vor zwei Jahren auf alle nur mögliche Weise verfolgt hat
und an dem in voriger Nacht wir Rache nahmen. - Er fiel, kämpfend, von
Eures Mannes Hand. Beruhigt Euch nur, liebe Frau, und sagt dem Andres,
daß er mich nun so bald nicht wieder sehen würde, da die Bande sich
auf einige Zeit trennt. Heute abend verlasse ich Euch. - Ihr habt
lauter hübsche Kinder, liebe Frau! Das ist ja wieder ein herrlicher
Knabe.« Mit diesen Worten nahm er den Kleinen von Giorginas Arm und
wußte mit ihm so freundlich zu spielen, daß das Kind lachte und
jauchzte und gern bei ihm blieb, bis er es wieder der Mutter
zurückgab. Schon war es Abend geworden, als Denner zu Giorgina sagte:
»Ihr merkt wohl, daß ich, unerachtet ich kein Weib und keine Kinder
habe, welches mir manchmal recht nahe geht, doch gar zu gern mit
kleinen Kindern spiele und tändle. Gebt mir doch Euern Kleinen auf die
wenigen Augenblicke, die ich noch bei Euch zubringe. Nicht wahr? der
Kleine ist jetzt gerade neun Wochen alt.« Giorgina bejahte das und
gab, jedoch nicht ohne inneres Widerstreben, den kleinen Knaben
Dennern hin, der sich mit ihm vor die Haustür setzte und Giorgina
bat, ihm nun das Abendessen zu bereiten, weil er in einer Stunde fort
müßte. Kaum war Giorgina in die Küche getreten, als sie sah, wie
Denner mit dem Kinde auf dem Arm in die Stube ging. Bald darauf
verbreitete sich ein seltsam riechender Dampf durch das Haus, der aus
der Stube zu quirlen schien. Giorgina wurde von unbeschreiblicher
Angst ergriffen; sie lief schnell nach der Stube und fand die Tür von
innen verriegelt. Es war ihr, als höre sie das Kind leise wimmern.
»Rette, rette mein Kind aus den Klauen des Bösewichts!« so schrie sie,
eine gräßliche Tat ahnend, dem Knecht entgegen, der eben in das Haus
trat. Dieser ergriff schnell die Axt und sprengte die Tür. Dicker
stinkender Dampf schlug ihnen entgegen. Mit einem Sprunge war Giorgina
im Zimmer; der Knabe lag nackt über einer Schüssel, in die sein Blut
tröpfelte. Sie sah nur noch, wie der Knecht mit der Axt ausholte, um
den Denner zu treffen, wie dieser dem Schlage auswich, den Knecht
unterlief und mit ihm rang. Es war ihr, als höre sie jetzt mehrere
Stimmen dicht vor den Fenstern, bewußtlos sank sie zu Boden. Als
sie wieder erwachte, war es finstre Nacht worden, aber ganz betäubt
vermochte sie nicht die erstarrten Glieder zu regen. Endlich wurde es
Tag und nun sah sie mit Entsetzen, wie das Blut im Zimmer schwamm.
Stücke von Denners Kleidern lagen überall umher - ein ausgerissener
Schopf von des Knechts Haaren - die Axt blutig daneben - der Knabe vom
Tische herabgeschleudert mit zerschnittener Brust. Aufs neue wurde
Giorgina ohnmächtig, sie glaubte zu sterben, aber sie erwachte wie
aus dem Todesschlummer, als es schon Mittag geworden. Sie raffte sich
mühsam auf, sie rief laut den Georg, aber als niemand antwortete,
glaubte sie, auch Georg sei ermordet. Die Verzweiflung gab ihr Kräfte,
sie floh aus dem Zimmer in den Hof und schrie laut: »Georg! - Georg!«
Da antwortete es mit matter kläglicher Stimme vom Bodenfenster herab:
»Mutter, ach liebe Mutter, bist du denn da? Komm herauf zu mir! mich
hungert sehr!« - Schnell sprang jetzt Giorgina hinauf und fand den
Kleinen, der vor Angst bei dem Lärm im Hause in die Bodenkammer
gekrochen war und nicht gewagt hatte herauszukommen. Mit Entzücken
drückte Giorgina den Kleinen an die Brust. Sie verschloß das Haus und
wartete nun von Stunde zu Stunde in der Bodenkammer auf Andres, den
sie auch verloren glaubte. Der Knabe hatte von oben herab gesehen, wie
mehrere Männer ins Haus gingen und mit Dennern einen toten Menschen
heraustrugen. - Endlich bemerkte auch Giorgina das Geld und die
schönen Sachen, die Andres mitgebracht hatte. »Ach, so ist es doch
wahr?« schrie sie entsetzt auf, »so bist du doch -« Andres ließ sie
nicht ausreden, sondern erzählte ausführlich, welches Glück sie
betroffen und wie er in Frankfurt gewesen sei, wo er sich ihre
Erbschaft habe auszahlen lassen. Der Neffe des ermordeten Grafen von
Vach war nun Besitzer der Güter worden; bei diesem wollte sich Andres
melden, getreulich alles Geschehene erzählen, Denners Schlupfwinkel
entdecken und bitten, ihn seines Dienstes zu entlassen, der ihm so
viel Not und Gefahr bringe. Giorgina durfte mit dem Knaben im Hause
nicht zurückbleiben. Andres beschloß daher, seine besten leicht
fortzuschaffenden Sachen auf einen kleinen Leiterwagen zu packen, das
Pferd vorzuspannen und so mit seinem Weibe und Kinde eine Gegend auf
immer zu verlassen, die ihm nur die schrecklichsten Erinnerungen
erregen und überdem niemals Ruhe und Sicherheit gewähren konnte.
Der dritte Tag war zur Abreise bestimmt, und eben packten sie einen
Kasten, als ein starkes Pferdegetrappel immer näher und näher kam.
Andres erkannte den Vachschen Förster, der bei dem Schlosse wohnte;
hinter ihm ritt ein Kommando Fuldaischer Dragoner. »Nun da finden wir
ja den Bösewicht gerade bei der Arbeit, seinen Raub in Sicherheit zu
bringen«, rief der Kommissarius des Gerichts, der mitgekommen. Andres
erstarrte vor Staunen und Schreck. Giorgina war halb ohnmächtig. Sie
fielen über ihn her, banden ihn und sein Weib mit Stricken und warfen
sie auf den Leiterwagen, der schon vor dem Hause stand. Giorgina
jammerte laut um den Knaben und flehte um Gottes willen, daß man
ihn ihr mitgeben möge. »Damit du deine Brut auch noch ins höllische
Verderben bringen kannst?« sprach der Kommissarius und riß den Knaben
mit Gewalt aus Giorginas Armen. Schon sollte es fortgehen, da trat der
alte Förster, ein rauher aber biederer Mann, noch einmal an den Wagen
und sagte: »Andres, Andres, wie hast du dich denn von dem Satan
verlocken lassen, solche Freveltaten zu begehen? Immer warst du ja
sonst so fromm und ehrlich!« - »Ach lieber Herr!« schrie Andres auf
im höchsten Jammer, »so wahr Gott im Himmel lebt, so wie ich dereinst
selig zu sterben hoffe, ich bin unschuldig. Ihr habt mich ja gekannt
von früher Jugend her; wie sollte ich, der ich niemals Unrechtes
getan, solch ein abscheulicher Bösewicht geworden sein? - denn ich
weiß wohl, daß Ihr mich für einen verruchten Räuber und Teilnehmer
an der Freveltat haltet, die auf dem Schlosse meines geliebten
unglücklichen Herrn verübt worden ist. Aber ich bin unschuldig bei
meinem Leben und meiner Seligkeit!« - »Nun«, sagte der alte Förster,
»wenn du unschuldig bist, so wird das an den Tag kommen, mag auch noch
so viel wider dich sprechen. Deines Knaben und des Besitztums, was du
zurücklässest, will ich mich getreulich annehmen, so daß, wenn deine
und deines Weibes Unschuld erwiesen, du den Jungen frisch und munter
und deine Sachen unversehrt wiederfinden sollst.« Das Geld nahm
der Kommissarius des Gerichts in Beschlag. Unterweges frug Andres
Giorginen, wo sie denn das Kästchen verwahrt habe; sie gestand, wie
es ihr jetzt leid tue, daß sie es dem Denner überliefert, da es jetzt
der Obrigkeit hätte übergeben werden können. In Fulda trennte man den
Andres von seinem Weibe und warf ihn in ein tiefes finstres Gefängnis.
Nach einigen Tagen wurde er zum Verhör geführt. Man beschuldigte ihn
der Teilnahme an dem im Vachschen Schlosse verübten Raubmorde und
ermahnte ihn die Wahrheit zu gestehen, da schon alles wider ihn so gut
als ausgemittelt sei. Andres erzählte nun getreulich alles, was sich
mit ihm zugetragen, von dem ersten Eintritt des abscheulichen Denners
in sein Haus bis zu dem Augenblick seiner Verhaftung. Er klagte sich
selbst voll Reue des einzigen Vergehens an, daß er, um Weib und Kind
zu retten, bei der Plünderung des Pachters zugegen war, und den Denner
von der Gefangennehmung befreite, und beteuerte seine gänzliche
Unschuld rücksichts des letzten von der Dennerschen Bande verübten
Raubmordes, da er zu ebenderselben Zeit in Frankfurt gewesen sei.
Jetzt öffneten sich die Türen des Gerichtssaals und der abscheuliche
Denner wurde hereingeführt. Als er den Andres erblickte, lachte er
auf in teuflischem Hohn und sprach: »Nun, Kamerad, hast du dich
auch erwischen lassen? Hat dir deines Weibes Gebet denn nicht
herausgeholfen?« Die Richter forderten Dennern auf, sein Bekenntnis
rücksichts des Andres zu wiederholen und er sagte aus, daß eben der
Vachsche Revierjäger Andres, der jetzt vor ihm stehe, schon seit fünf
Jahren mit ihm verbunden und das Jägerhaus sein bester und sicherster
Schlupfwinkel gewesen sei. Andres habe immer den ihm gebührenden
Anteil vom Raube erhalten, wiewohl er nur zweimal tätig bei den
Räubereien mitgewirkt. Einmal nämlich bei der Beraubung des Pachters,
wo er ihn, den Denner, aus der dringendsten Gefahr errettet, und dann
bei dem Unternehmen gegen den Grafen Aloys von Vach, der eben durch
einen glücklichen Schuß des Andres getötet worden sei. - Andres geriet
in Wut, als er diese schändliche Lüge hörte. »Was?« schrie er, »du
verruchter teuflischer Bösewicht, du wagst es, mich der Ermordung
meines lieben armen Herrn anzuklagen, die du selbst verübt? - Ja!
ich weiß es, nur du selbst bist solcher Tat fähig; aber deine Rache
verfolgt mich, weil ich aller Gemeinschaft mit dir entsagt habe,
weil ich drohte, dich als einen verruchten Räuber und Mörder
niederzuschießen, so wie du meine Schwelle betreten würdest. Darum
hast du mit deiner Bande mein Haus überfallen, als ich abwesend war;
darum hast du mein armes unschuldiges Kind und meinen braven Knecht
ermordet! - Aber du wirst der schrecklichen Strafe des gerechten
Gottes nicht entgehen, sollte ich auch deiner Bosheit unterliegen.«
Nun wiederholte Andres sein voriges Bekenntnis unter den heiligsten
Beteurungen der Wahrheit; aber Denner lachte höhnisch und meinte,
warum er denn aus allzugroßer Furcht vor dem Tode noch erst das
Gericht zu belügen sich unterfange, und daß es sich schlecht mit der
Frömmigkeit, von der er so viel Aufhebens mache, vereinbare, daß
er Gott und die Heiligen zur Bekräftigung seiner falschen Aussagen
anrufe. Die Richter wußten in der Tat nicht, was sie von dem Andres,
dessen Miene und Sprache die Wahrheit seiner Aussage zu bestätigen
schien, sowie von Denners kalter Festigkeit denken sollten. - Nun
wurde Giorgina vorgeführt, die in namenlosem Jammer laut weinend auf
den Mann zustürzte. Sie wußte nur Unzusammenhängendes zu erzählen,
und unerachtet sie den Denner des entsetzlichen Mordes ihres
Knaben anklagte, schien Denner doch keineswegs entrüstet, sondern
behauptete, wie er schon früher getan, daß Giorgina nie etwas von den
Unternehmungen ihres Mannes gewußt habe, sondern ganz unschuldig sei.
Andres wurde in sein Gefängnis zurückgeführt.
Einige Tage nachher sagte ihm der ziemlich gutmütige Gefangenwärter,
daß sein Weib, da sowohl Denner, als die übrigen Räuber fortwährend
ihre Unschuld behauptet, sonst auch nichts wider sie ausgemittelt
worden, der Haft entlassen sei. Der junge Graf von Vach, ein
edelmütiger Herr, der sogar an seiner, des Andres, Schuld zu zweifeln
scheinen habe Kaution gestellt, und der alte Förster Giorginen in
einem schönen Wagen abgeholt. Vergebens habe Giorgina gebeten, ihren
Mann sehen zu dürfen; das sei ihr vom Gericht gänzlich abgeschlagen
worden. Den armen Andres tröstete diese Nachricht nicht wenig, da
mehr, als sein Unglück ihm seines Weibes elender Zustand im Gefängnis
zu Herzen ging. Sein Prozeß verschlimmerte sich indessen von Tage zu
Tage. Es war erwiesen, daß eben, wie Denner es angegeben, seit fünf
Jahren Andres in einen gewissen Wohlstand geriet, dessen Quelle nur
die Teilnahme an den Räubereien sein konnte. Ferner gestand Andres
selbst seine Abwesenheit von Hause während der auf dem Vachschen
Schlosse verübten Tat, und seine Angabe wegen seiner Erbschaft und
seines Aufenthalts in Frankfurt blieb verdächtig, weil er den Namen
des Kaufmanns, von dem er das Geld ausgezahlt erhalten haben wollte,
durchaus nicht anzugeben wußte. Der Bankier des Grafen von Vach, sowie
der Hauswirt in Frankfurt, bei dem Andres eingekehrt war, versicherten
einstimmig, wie sie sich des beschriebenen Revierjägers gar nicht
erinnern könnten; der Gerichtshalter des Grafen von Vach, der das
Zertifikat für den Andres ausgefertigt hatte, war gestorben, und
niemand von den Vachschen Dienern wußte etwas von der Erbschaft, da
der Graf nichts davon geäußert, Andres aber auch davon geschwiegen,
weil er, aus Frankfurt zurückkehrend, sein Weib mit dem Gelde
überraschen wollte. So blieb alles, was Andres vorbrachte, um
nachzuweisen, daß er zur Zeit des Raubes in Frankfurt gewesen und das
Geld ehrlich erworben sei, unausgemittelt. Denner blieb dagegen bei
seiner frühern Behauptung und ihm stimmten sämtliche Räuber, die
eingefangen worden, in allem bei. Alles dieses hätte aber die Richter
noch nicht so von der Schuld des unglücklichen Andres überzeugt, als
die Aussage von zwei Vachschen Jägern, die bei dem Schein der Flammen
ganz genau den Andres erkannt und gesehen haben wollten, wie von
ihm der Graf niedergestreckt wurde. Nun war Andres in den Augen des
Gerichts ein verstockter heuchlerischer Bösewicht und gestützt auf
das Resultat aller jener Aussagen und Beweise wurde ihm die Tortur
zuerkannt, um seinen starren Sinn zu beugen, und ihn zum Geständnis zu
bringen. Schon über ein Jahr schmachtete Andres im Kerker, der Gram
hatte seine Kräfte aufgezehrt, und sein sonst robuster starker Körper
war schwach und ohnmächtig geworden. Der schreckliche Tag, an dem
die Pein ihm das Geständnis einer Tat, welche er niemals begangen,
abdringen sollte, kam heran. Man führte ihn in die Folterkammer, wo
die entsetzlichen mit sinnreicher Grausamkeit erfundenen Instrumente
lagen, und die Henkersknechte sich bereiteten, den Unglücklichen zu
martern. Nochmals wurde Andres ermahnt, die Tat, deren er so dringend
verdächtig, ja deren er durch das Zeugnis jener Jäger überführt
worden, zu gestehen. Er beteuerte wiederum seine Unschuld, und
wiederholte alle Umstände seiner Bekanntschaft mit Dennern in
denselben Worten, wie er es im ersten Verhör getan. Da ergriffen ihn
die Knechte, banden ihn mit Stricken und marterten ihn, indem sie
seine Glieder ausrenkten und Stacheln einbohrten in das gedehnte
Fleisch. Andres vermochte nicht die Qual zu ertragen: vom Schmerz
gewaltsam zerrissen, den Tod wünschend, gestand er alles was man
wollte, und wurde ohnmächtig in den Kerker zurückgeschleppt. Man
stärkte ihn, wie es nach erlittener Tortur gewöhnlich, mit Wein und er
fiel in einen zwischen Wachen und Schlafen hinbrütenden Zustand. Da
war es ihm als lösten sich die Steine aus der Mauer, und als fielen
sie krachend herab auf den Boden des Kerkers. Ein blutroter Schimmer
drang durch und in ihm trat eine Gestalt hinein, die, unerachtet sie
Denners Züge hatte, ihm doch nicht Denner zu sein schien. Glühender
funkelten die Augen, schwärzer starrte das struppige Haar auf der
Stirn empor und tiefer senkten sich die finstern Augenbrauen in die
dicke Muskel herab, die über der krummgebogenen Habichtsnase lag. Auf
gräßlich seltsame Weise war das Gesicht verschrumpft und verzerrt, und
die Kleidung fremd und abenteuerlich, wie er Dennern niemals gesehen.
Ein feuerroter mit Gold stark verbrämter weiter Mantel hing in
bauschichten Falten der Gestalt über die Schultern, ein breiter
niedergekrempter spanischer Hut mit herabhängender roter Feder saß
schief auf dem Kopfe, ein langer Stoßdegen hing an der Seite, und
unter dem linken Arm trug die Gestalt ein kleines Kistchen. So
schritt der gespenstische Unhold auf Andres zu in hohlem dumpfen Tone
sprechend: »Nun, Kamerad, wie hat dir die Folter geschmeckt? Du hast
das alles bloß deinem Eigensinn zu verdanken; hättest du dich als zur
Bande gehörig bekannt, so wärst du nun schon gerettet. Versprichst du
aber, dich mir und meiner Leitung ganz zu ergeben, und gewinnst du
es über dich, von diesen Tropfen zu trinken, die aus deines Kindes
Herzblut gekocht sind, so bist du augenblicklich aller Qual entledigt.
Du fühlst dich gesund und kräftig, und für deine weitere Rettung will
ich dann sorgen.« - Andres konnte vor Schreck, Angst und Ermattung
nicht sprechen; er sah, wie seines Kindes Blut in der Phiole, die ihm
die Gestalt hinhielt, in roten Flämmchen spielte; inbrünstig betete er
zu Gott und den Heiligen, daß sie ihn retten möchten aus den Klauen
des Satans, der ihn verfolge und um die ewige Seligkeit bringen wolle,
die er zu erlangen hoffe, sollte er auch eines schimpflichen Todes
sterben. Nun lachte die Gestalt, daß es im Kerker widergellte, und
verschwand im dicken Dampf. Andres erwachte endlich aus dumpfer
Betäubung, er vermochte sich aufzurichten vom Lager; aber wie ward
ihm, als er sah, daß das Stroh, was unter seinem Haupte gelegen, sich
stärker und stärker zu rühren begann und endlich weggeschoben wurde.
Er gewahrte, daß ein Stein aus dem Fußboden von unten herausgedrängt
worden und hörte mehrmals seinen Namen leise rufen. Er erkannte
Denners Stimme und sprach: »Was willst du von mir? Laß mich ruhen, ich
habe mit dir nichts zu schaffen!«- »Andres«, sprach Denner, »ich bin
durch mehrere Gewölbe gedrungen, um dich zu retten; denn, wenn du auf
den Richtplatz kommst, von dem ich errettet wurde, bist du verloren.
Bloß um deines Weibes willen, die mir mehr angehört, als du wohl
denken magst, helfe ich dir. Du bist ein mutloser Feigling. Was
hat dir nun dein erbärmliches Leugnen gefruchtet? Bloß, daß du vom
Vachschen Schloß nicht zu rechter Zeit nach Hause zurückkehrtest und
ich mich zu lange bei deinem Weibe aufhielt, ist schuld, daß man mich
auffing! Da! nimm die Feile und die Säge, befreie dich in künftiger
Nacht von den Ketten und durchsage das Schloß der Kerkertüre;
schleiche durch den Gang! Die äußere Tür linker Hand wird offen stehn,
und draußen wirst du einen von uns finden, der dich weiter geleitet.
Halte dich gut!« Andres nahm die Säge und die Feile, die ihm Denner
hineinreichte und hob dann den Stein wieder in die Öffnung. Er war
entschlossen, _das_ zu tun, wozu ihn die innere Stimme des Gewissens
aufforderte. - Als es Tag geworden und der Gefangenwärter hineintrat,
da sagte er, wie er sehnlich wünsche vor den Richter geführt zu
werden, indem er Wichtiges zu entdecken habe. Noch an demselben
Vormittage wurde sein Verlangen erfüllt, weil man nicht anders
glaubte, als daß Andres neue, bisher noch unbekannt gebliebene,
Freveltaten der Bande gestehen werde. Andres überreichte den Richtern
die von Dennern erhaltenen Instrumente, und erzählte den Vorgang der
Nacht. »Unerachtet ich gewiß und wahrhaftig unschuldig leide, so
soll mich doch Gott behüten, daß ich darnach trachten sollte, meine
Freiheit auf unerlaubte Weise zu erlangen; denn das würde mich ja dem
verruchten Denner, der mich in Schande und Tod gestürzt hat, in die
Hände liefern und ich dann erst durch mein sündliches freveliches
Unternehmen die Strafe verdienen, die ich jetzt unschuldig leiden
werde.« So beschloß Andres seinen Vortrag. Die Richter schienen
erstaunt und von Mitleid für den Unglücklichen durchdrungen, wiewohl
sie durch die mannigfachen Tatsachen, die wider ihn sprachen, zu sehr
von seiner Schuld überzeugt waren, um sein jetziges Benehmen nicht
auch für zweifelhaft zu halten. Die Aufrichtigkeit des Andres und
vorzüglich der Umstand, daß nach jener Anzeige der von Denner
beabsichtigten Flucht, in der Stadt und zwar in der nächsten Umgebung
des Gefängnisses wirklich noch einige von der Bande ertappt und
aufgegriffen wurden, hatte jedoch den wohltätigen Einfluß auf ihn,
daß er aus dem unterirdischen Kerker, in den er gesperrt gewesen,
herausgenommen wurde, und eine lichte Gefängnisstube neben der Wohnung
des Gefangenwärters erhielt. Da brachte er seine Zeit mit Gedanken an
sein treues Weib, an seinen Knaben, und mit gottseligen Betrachtungen
hin, und bald fühlte er sich ermutigt, das Leben auch auf schmerzliche
Weise, wie eine Bürde, abzuwerfen. Nicht genug konnte sich der
Gefangenwärter über den frommen Verbrecher wundern und er mußte
notgedrungen beinahe an seine Unschuld glauben.
Endlich, nachdem beinahe noch ein Jahr verflossen, war der schwierige
verwickelte Prozeß wider Denner und seine Mitschuldigen geschlossen.
Es hatte sich gefunden, daß die Bande bis an die Grenze von Italien
ausgebreitet war und schon seit geraumer Zeit überall raubte und
mordete. Denner sollte gehängt, und dann sein Körper verbrannt werden.
Auch dem unglücklichen Andres war der Strang zuerkannt; seiner Reue
halber, und da er durch das Bekenntnis der ihm von Denner geratenen
Flucht die Entdeckung des Anschlags der Bande, durchzubrechen,
veranlaßt hatte, durfte jedoch sein Körper herabgenommen, und auf der
Gerichtsstätte verscharrt werden.
Der Morgen, an dem Denner und Andres hingerichtet werden sollten, war
angebrochen; da ging die Tür des Gefängnisses auf, und der junge Graf
von Vach trat hinein zum Andres, der auf den Knien lag und still
betete. »Andres«, sprach der Graf, »du mußt sterben. Erleichtere dein
Gewissen noch durch ein offnes Geständnis! Sage mir, hast du deinen
Herrn getötet? Bist du wirklich der Mörder meines Oheims?« - Da
stürzten dem Andres die Tränen aus den Augen, und er wiederholte
nochmals alles, was er vor Gericht ausgesagt, ehe ihm die unleidliche
Qual der Tortur eine Lüge auspreßte. Er rief Gott und die Heiligen an,
die Wahrheit seiner Aussage und seine gänzliche Unschuld an dem Tode
des geliebten Herrn zu bekräftigen.
»So ist hier«, fuhr der Graf von Vach fort, »ein unerklärliches
Geheimnis im Spiele. Ich selbst, Andres, war von deiner Unschuld
überzeugt, unerachtet vieles wider dich sprach; denn ich wußte ja, daß
du von Jugend auf der treuste Diener meines Oheims gewesen bist, und
ihn selbst einmal in Neapel mit Gefahr deines Lebens aus Räuberhänden
gerettet hast. Allein nur noch gestern haben mir die beiden alten
Jäger meines Oheims Franz und Nikolaus geschworen, daß sie dich
leibhaftig unter den Räubern gesehen und genau bemerkt hätten, wie
du selbst meinen Oheim niederstrecktest.« Andres wurde von den
peinlichsten, schrecklichsten Gefühlen durchbohrt; es war ihm, als
wenn der Satan selbst seine Gestalt angenommen habe, um ihn zu
verderben; denn auch Denner hatte ja sogar im Kerker davon gesprochen,
daß er den Andres wirklich gesehen, und so schien selbst die falsche
Beschuldigung vor Gericht auf innerer wahrer Überzeugung zu beruhen.
Andres sagte dies alles unverhohlen, indem er hinzusetzte, daß er sich
der Schickung des Himmels ergebe, nach welcher er den schmählichen
Tod eines Verbrechers sterben solle, daß aber, sei es auch lange Zeit
nachher, seine Unschuld gewiß an den Tag kommen werde. Der Graf von
Vach schien tief erschüttert; er konnte kaum noch dem Andres sagen,
daß, nach seinem Wunsche, der Tag der Hinrichtung seinem unglücklichen
Weibe verschwiegen geblieben sei, und daß sie sich nebst dem Knaben
bei dem alten Förster aufhalte. Die Rathausglocke erklang dumpf und
schauerlich in abgemessenen Pulsen. Andres wurde angekleidet und der
Zug ging mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten unter dem Zuströmen
unzähligen Volks nach der Richtstätte. Andres betete laut und rührte
durch sein frommes Betragen alle, die ihn sahen. Denner hatte die
Miene des trotzigen verstockten Bösewichts. Er schaute munter und
kräftig um sich, und lachte oft den armen Andres tückisch und
schadenfroh an. Andres sollte zuerst hingerichtet werden; er bestieg
gefaßt mit dem Henker die Leiter, da kreischte ein Weib auf und sank
ohnmächtig einem alten Mann in die Arme. Andres blickte hin, es war
Giorgina; laut erflehte er vom Himmel Fassung und Stärke. »Dort,
dort, sehe ich dich wieder, mein armes unglückliches Weib, ich sterbe
unschuldig!« rief er, indem er den Blick sehnsuchtsvoll zum Himmel
erhob. Der Richter rief dem Henker zu, er möge sich fördern, denn es
entstand ein Murren unter dem Volke und es flogen Steine nach Dennern,
der ebenfalls schon die Leiter bestiegen hatte und die Zuschauer
verhöhnte ob ihres Mitleids mit dem frommen Andres. Der Henker legte
dem Andres den Strick um den Hals, da scholl es aus der Ferne her:
»Halt - halt - um Christus willen halt! - Der Mann ist unschuldig!
- ihr richtet einen Unschuldigen hin!« - »Halt - halt!« schrieen
tausend Stimmen und kaum vermochte die Wache zu steuern dem Volk, das
hinzudrang und den Andres von der Leiter herabreißen wollte. Näher
sprengte nun der Mann zu Pferde, der erst gerufen hatte, und Andres
erkannte auf den ersten Blick in dem Fremden den Kaufmann, der ihm in
Frankfurt Giorginas Erbschaft ausgezahlt hatte. Seine Brust wollte
zerspringen vor Freude und Seligkeit, kaum konnte er sich aufrecht
erhalten als er von der Leiter herabgestiegen. Der Kaufmann sagte dem
Richter, daß zu derselben Zeit, als der Raubmord im Vachschen Schlosse
verübt worden, Andres in Frankfurt, also viele Meilen davon entfernt,
gewesen sei, und daß er dies vor Gericht auf die unzweifelhafteste
Weise durch Urkunden und Zeugen dartun wolle. Da rief der Richter:
»Die Hinrichtung des Andres kann keineswegs geschehen; denn dieser
höchstwichtige Umstand beweiset, wenn er ausgemittelt wird, die
völlige Unschuld des Angeklagten. Man führe ihn sogleich nach dem
Gefängnisse zurück.« Denner hatte alles von der Leiter herab ruhig
angesehen; als aber der Richter diese Worte gesprochen, da rollten
seine glühenden Augen, er knirschte mit den Zähnen, er heulte in
wilder Verzweiflung, daß es gräßlich, wie der namenlose Jammer des
wütenden Wahnsinns, durch die Lüfte hallte: »Satan, Satan! du hast
mich betrogen - weh mir! weh mir! es ist aus - aus - alles verloren!«
Man brachte ihn von der Leiter herab, er fiel zu Boden und röchelte
dumpf: »Ich will alles bekennen - ich will alles bekennen!« Auch _seine_
Hinrichtung wurde verschoben und er ins Gefängnis zurückgeführt, wo
ihm jedes Entspringen unmöglich gemacht worden. Der Haß seiner Wächter
war die beste Schutzwehr gegen die Schlauheit seiner Verbündeten.
- Wenige Augenblicke nachher, als Andres bei dem Gefangenenwärter
angekommen, lag Giorgina in seinen Armen. »Ach Andres, Andres«, rief
sie, »nun habe ich dich ganz wieder, da ich weiß, daß du unschuldig
bist; denn auch ich habe an deiner Redlichkeit, an deiner Frömmigkeit
gezweifelt!« - Unerachtet man Giorginen den Tag der Hinrichtung
verschwiegen, war sie doch von unbeschreiblicher Angst, von seltsamer
Ahnung getrieben, nach Fulda geeilt, und gerade auf die Richtstätte
gekommen, als ihr Mann die verhängnisvolle Leiter bestieg, die ihn
zum Tode führen sollte. Der Kaufmann war die ganze lange Zeit der
Untersuchung über auf Reisen in Frankreich und Italien gewesen, und
jetzt über Wien und Prag zurückgekehrt. Der Zufall, oder vielmehr
eine besondere Schickung des Himmels, wollte, daß er gerade in dem
entscheidendsten Augenblick auf dem Richtplatze ankam, und den armen
Andres von dem schmählichen Tode des Verbrechers rettete. Im Gasthofe
erfuhr er die ganze Geschichte des Andres und es fiel ihm gleich
schwer aufs Herz, daß Andres wohl derselbe Revierjäger sein könne,
der vor zwei Jahren eine Erbschaft, die seinem Weibe von Neapel aus
zugefallen, erhob. Schnell eilte er fort und überzeugte sich, als er
nur Andres sah, sogleich von der Wahrheit seiner Vermutung. Durch
die eifrigen Bemühungen des wackern Kaufmanns und des jungen Grafen
von Vach wurde Andres' Aufenthalt in Frankfurt bis auf die Stunde
ausgemittelt, dadurch aber seine völlige Unschuld an dem Raubmorde
dargetan. Denner selbst gestand nun die Richtigkeit der Angabe des
Andres über das Verhältnis mit ihm und meinte nur, der Satan müsse ihn
geblendet haben; denn in der Tat hätte er geglaubt, Andres fechte auf
dem Vachschen Schloß an seiner Seite. Für die erzwungene Teilnahme
an der Ausplünderung des Pachterhofes, sowie für die gesetzwidrige
Rettung Denners, hatte, nach dem Ausspruch der Richter, Andres genug
gebüßt durch das lange harte Gefängnis und durch die ausgestandene
Marter und Todesangst; er wurde daher durch Urtel und Recht von jeder
weiteren Strafe freigesprochen und eilte mit seiner Giorgina auf das
Vachsche Schloß, wo ihm der edle wohltätige Graf im Nebengebäude eine
Wohnung einräumte, von ihm nur die geringen Jagddienste fordernd,
die des Grafen persönliche Liebhaberei notwendig machte. Auch die
Gerichtskosten bezahlte der Graf, so daß Andres und Giorgina in dem
ungekränkten Besitz ihres Vermögens blieben.
Der Prozeß wider den verruchten Ignaz Denner nahm jetzt eine ganz
andere Wendung. Die Begebenheit auf der Gerichtsstätte schien ihn ganz
umgewandelt zu haben. Sein höhnender teuflischer Stolz war gebeugt,
und aus seinem zerknirschten Innern brachen Geständnisse hervor, die
den Richtern das Haar sträubten. Denner klagte sich selbst mit allen
Zeichen tiefer Reue des Bündnisses mit dem Satan an, das er von seiner
frühen Jugendzeit unterhalten, und so wurde vorzüglich hierauf die
fernere Untersuchung mit dem Zutritt dazu verordneter Geistlichkeit
gerichtet. Über seine früheren Lebensverhältnisse erzählte Denner
so viel Sonderbares, daß man es für das Erzeugnis wahnsinniger
Überspannung hätte halten müssen, wenn nicht durch die Erkundigungen,
die man in Neapel, seinem angeblichen Geburtsort, einziehen ließ,
alles bestätigt worden wäre. Ein Auszug aus den von dem geistlichen
Gericht in Neapel verhandelten Akten ergab über Denners Herkunft
folgende merkwürdige Umstände.