ihrer Schulter. Der Hund saß, ganz Spannung und Bereitschaft, an ihrer
Seite -- ihre Augen blendeten vor Freude.
Schwedenklees Fröhlichkeit klang anfangs etwas gezwungen. Ein Schatten
war über sein Gesicht gebreitet. Gewiß, alles war wunderbar, es war ein
Abend, auf den er sich seit Wochen freute, ein Abend von ganz besonderer
Bedeutung, ein Schicksalsabend, und nur um die Feierlichkeit dieser
Stunde zu betonen, ohne jeden Nebengedanken, hatte er die zwei Dutzend
Kerzen angezündet. Aber als Ellen eintrat, strahlend, den Widerschein
der Kerzen in den klaren Augen, mußte er sich plötzlich an das Diner
erinnern, das er seinerzeit in Paris Ellens Mutter gab, mit den
Spiegeln, im Hotel Panthéon.
Unvollkommen ist das menschliche Gehirn eingerichtet, dachte er, voller
Vorwurf gegen den Schöpfer, gänzlich unvollkommen. Die Erfindung eines
Pedanten. Kaum zündet man ein paar Kerzen an, schon ist man gezwungen,
an Dinge zu denken, die zwanzig Jahre zurückliegen -- weshalb? Etwas
steif und melancholisch sah sein Gesicht anfangs aus, etwas
melancholisch und dunkel klang seine Stimme. Mit einem Faltengekräusel
in der gebräunten Stirn saß er inmitten der vierundzwanzig Kerzen.
Vielleicht ist es Vermessenheit? dachte er, und sein Herz wurde
plötzlich düster. Vielleicht hat ein Mensch wie ich gar nicht mehr das
Recht, die Hand auszustrecken nach ...! Ellen -- die Liebliche -- sie
ahnte nichts, wie sollte sie?
In diesem Augenblick aber sprang Munki auf den Tisch und versuchte ein
geröstetes Hähnchen mit der Kralle zu angeln. Ellen gelang es gerade
noch in der letzten Sekunde, den Kater abzufangen. Sie warf ihn ein
paarmal hoch in die Luft, um ihn dann an ihr Herz zu drücken und seinen
wilden struppigen Kopf mit Küssen zu bedecken. Ihr Lachen klang so
heiter und glücklich, daß Schwedenklee augenblicklich mit fortgerissen
wurde. Der Kater hatte den Abend gerettet.
Schwedenklee erhob sich und füllte mit der großen Geste des erfahrenen
Zechers die Kelche. Fort mit den törichten Gedanken, fort! Gehen wir dem
Schicksal beherzt entgegen ...
»Auf deine Gesundheit, Ellen!« rief er und ließ das Glas im Lichte der
Kerzen funkeln.
»Sekt?« sagte Ellen. »Ich habe noch nie Sekt getrunken, es ist das
erstemal!«
»Versuch' es nur! Es ist noch niemand daran gestorben.«
»Er kitzelt!« rief Ellen und lachte.
In wunderbarer Laune verlief das Diner. Schwedenklee wurde gesprächig.
Sie tranken auf Ellens Zukunft, ihren Ruhm, sie tranken auf ihre
Freundschaft und auf die Herrlichkeit dieses Sommers. Der Sekt hatte
Schwedenklees Gesicht gerötet, seine Augen glänzten, sein Gebiß
leuchtete jung und stark. Er fühlte sich wieder als derselbe lebensfrohe
Schwedenklee, der er in Paris war, seinerzeit. Zwanzig Jahre -- was
sollen sie bedeuten, es ist nur ein albernes Vorurteil ... Nein, damals
gab es nichts Unmögliches für ihn -- und heute?
Schwedenklee leerte den Kelch und warf ihn lachend gegen die Wand.
Ellen saß mit blendenden Augen, umweht vom Schein der Kerzen. Ihre Haut
leuchtete wie Blüten. Häufig kühlte sie die heißen Wangen mit den Rücken
der schmalen Hände. Sie lachte übermütig, und schon nach dem dritten
Glas lachte sie ausgelassen über die geringste Kleinigkeit. Sie fütterte
die Tiere mit Leckerbissen, und Strolly, obschon ein großer Hund, durfte
auf ihrem Schoß sitzen.
»Unser Haus ist also glücklich fertig!« sagte Schwedenklee. »Nun beginnt
die Einrichtung. Es soll wunderbar werden, warte nur! Ein so behagliches
Nest wollen wir uns bauen, und hörst du, ein Bett soll Ellen bekommen --
wie ein Traum!«
»Ja, wie eine Muschel soll es sein und ganz in Spitzen eingehüllt --«
»O, wie fein!« lachte Ellen.
»Und dann werden wir hier in Mecklenburg herumfahren und antike hübsche
Möbel zusammenkaufen.«
Ausführlich besprachen sie die Einrichtung des Hauses. Schwedenklee
wurde nicht müde, neue Vorschläge zu machen.
»Und welche Farbe soll dein Schlafzimmer bekommen, Ellen?«
Ellen dachte lange nach. »Rosa!« rief sie. »Weißt du, so ein zartes
Rosa, wie Korallen.«
»Und dein Wohnzimmer?«
»Himmelblau!«
Schwedenklee lächelte. Ob wohl die Farben zusammenstimmen würden?
»Weshalb sollten sie nicht zusammenstimmen?«
»Gut also -- und dann das Badezimmer. Blattpflanzen, Palmen, Gummibäume,
Farne, Kakteen -- es wird wie ein Palmenhaus sein, Ellen!«
Wohl eine volle Stunde wurde über das Badezimmer gesprochen, das das
schönste und originellste in ganz Deutschland werden würde. Dafür sollte
sein, Schwedenklees Name bürgen!
»Aber Arbeit! Viel Arbeit. Bis alles soweit ist, wird auch schon der
Herbst da sein, Ellen!«
»Oh, weh!«
»Ja. Und dann werden wir nach Berlin zurückkehren und du wirst deine
Studien wieder aufnehmen. Ich werde dich zu den ersten Lehrern bringen.
Viele kenne ich ja persönlich.« Schwedenklee renommierte ein wenig mit
seinen Bühnenbekanntschaften.
Ellen war hell begeistert. »Wie ich mich auf die Arbeit freue!
Hoffentlich enttäuscht mein Talent nicht.«
»Weshalb sollte dein Talent enttäuschen? Ich sage dir nur eines« --
Schwedenklee lächelte vielsagend und zwinkerte ein wenig mit den Augen
-- »du hast mehr Talent, als du je ahnen kannst, ja!«
»Mein Himmel!« Ellen wirft erregt die Hände in die Luft.
»Du wirst also deine Studien aufnehmen. Aber wir werden immerhin noch
Zeit haben, um im Winter auf vierzehn Tage nach St. Moritz zu fahren.«
»St. Moritz?«
»Ja. Es ist phantastisch im Winter. Es gibt dort Häuser, zehnstöckig --
wie in Neuyork. Du wirst sehen. Es ist wunderbar. Am Tage Sport, abends
Tanz.«
»Und dann,« fuhr Schwedenklee fort, »im Frühling fahren wir auf einige
Wochen nach Florenz. Du sollst Florenz sehen! Ein Schmuckkästchen! Ein
Museum! Die Straßen allein sind schon ein Museum!«
»Wie herrlich!«
Schwedenklee entwarf Plan um Plan. Schön und berauschend stand die
Zukunft vor ihm.
Augusta hatte längst abserviert. Die Kerzen erloschen, es brannten nur
noch drei. Da sah man auch plötzlich den dunkeln Nachthimmel, flimmernd
von Sternen, in der offenen Türe stehen. Es funkelten die großen
Sternbilder, deren Namen Schwedenklee sich nie merken konnte.
Berauschend strich der Atem der Sommernacht ins Zimmer, die Grillen
feilten. Wolken von Düften hoben sich aus der trächtigen Erde.
Plötzlich knatterte es und am Himmel erschienen farbige Leuchtkugeln und
Feuerräder. Rote Lohe schlug aus dem Meer empor, und die Sterne wurden
bleich und unscheinbar.
Nein, Ellen hatte noch nichts von der Welt gesehen, noch gar nichts.
Aber ihre Augen weiteten sich, heiß vor Begierde, wenn er erzählte.
Höher noch schwang sich die feine Braue, und die Lippen atmeten erregt.
Er also war ausersehen, er, ihr die Wunder der Erde zu zeigen, ihr
keusches Staunen, ihre reine Verzücktheit zu genießen! Er! Dank den
erhabenen Göttern ...
Dann also würde er ihr Paris zeigen: wimmelnde Stadt, immer auf den
Beinen, ohne Schlaf, bebend von Lärm, widerhallend von Freude,
schwimmend in Licht.
Und dann also --
Erregt ging Schwedenklee hin und her, von den großen Sternbildern zu
Ellen mit den glänzenden Augen und heißen Wangen, immer hin und her.
Auch auf einem großen Dampfer war sie ja noch nicht gewesen: surrend und
tobend Tag und Nacht, das kühle gischtende Meer durchschneidend,
angefüllt mit Luxus und Behaglichkeit. Meer, Wolken -- unbeschreiblich
herrlich! Nein, sie hatte ja noch nichts, gar nichts gesehen -- wie
glücklich er war!
So würden sie also dahinfahren, Tag um Tag. Indien! Japan!
»Japan?« rief Ellen und schlug die kleinen Hände zusammen.
»Ja, Japan. Ich bin ja auch noch nicht dagewesen, aber es soll ein
einziges Wunder sein. Man fährt in kleinen Wagen dahin, von braunen,
flinken Burschen gezogen -- die Teehäuser, die Tempel -- und die ganze
Bevölkerung in Kimonos und auf hohen Stöckelschuhen. Da gibt es einen
Berg, den man immer auf den Holzschnitten abgebildet sieht -- wie heißt
er doch? Fujiyama! Diesen Fujiyama wollen wir besteigen!«
Wie Ellen sich freute zu reisen, die Welt zu sehen! Denn sie hatte ja
bis jetzt nichts gesehen. Sie kannte nur Dresden, Berlin, und einmal war
sie in Potsdam gewesen.
Man höre! Schwedenklee lachte laut heraus.
Und wieder ging Schwedenklee erregt hin und her, von den großen
Sternbildern zu Ellen, von Ellen zu den großen Sternbildern. Immer
größer wurden seine Schritte. Seine Stimme klang plötzlich unsicher.
Sie würden also reisen, und er versprach, ihr die Welt zu zeigen, so
wahr er hier auf und ab gehe.
»Aber«, begann Schwedenklee tastend, »in welcher Form -- ich meine, in
welchem gegenseitigen Verhältnis werden wir zusammen reisen?«
Ellen verstand nicht.
»Ich meine, in welcher Eigenschaft wirst du mit mir reisen?«
Schwedenklee blieb stehen, sein Herz pochte.
»In welcher Eigenschaft?« Ellen saß mit offenen Lippen. Sie konnte gar
nicht begreifen.
»Ja.« Aus lauter Hilflosigkeit runzelte Schwedenklee die Stirn. »Du
kannst doch nicht etwa als meine Nichte mit mir reisen, oder als meine
Sekretärin.«
Ellen lachte laut heraus!
Ihr Lachen ermutigte Schwedenklee wieder. Er verlor etwas seine
Befangenheit. »Auch als meine Tochter doch wohl nicht?« fragte er.
»Nein!« Ellen schlug sofort die Augen nieder.
Mutig ergriff Schwedenklee ihre beiden Hände. Er bemühte sich, seiner
Stimme einen heiteren, harmlosen Klang zu geben, als er fortfuhr: »Dann
bleibt ja nur eines, Ellen --?«
Groß und hell bis in die tiefsten Tiefen waren Ellens Augen auf ihn
gerichtet. Sie errötete, ein zarter Gluthauch überzog blitzschnell
Gesicht und Nacken. Ja, nun hatte sie verstanden. Ihre Arme begannen
leise zu zittern. Sie zog die Hände an sich, schob den Sessel weit
zurück und stand auf.
»Sprich nicht!« rief sie und hielt sich die Ohren zu, da sie sah, daß
Schwedenklee Miene machte, weiterzusprechen. Sie schüttelte hastig den
Kopf, in entzückender Verwirrung. »Nicht heute, nicht jetzt, frage nicht
--« stammelte sie -- »wie sollte ich heute antworten können? Sprich
nicht -- morgen ...«
»Gut, dann morgen. Ich wollte dich nicht erschrecken, Ellen. Gute
Nacht.« Er streckte ihr die Hand hin.
Sie nahm seine Hand. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, so sanft, daß
er sie kaum fühlte, und bot ihm -- zum erstenmal -- die Lippen zum
Gutenachtkuß. Ihr Mund war heiß und weich.
* * * * *
Fiebernd, mit heißem Kopf, trat Schwedenklee ins Freie.
»Ihr Sterne!« sagte er zu den großen Sternbildern, trunken vom Sekt,
berauscht von seinem Glück, und blickte lange zum flimmernden Firmament
empor. »Du grundgütiger Himmel, herrlich und wunderbar ist das Leben!«
Es war ja wohl kein Zweifel, daß sie einwilligen würde. Immer noch
fühlte er ihren heißen, weichen Mund auf seinen Lippen. So zart, wie ein
Hauch nur.
»Ja, dies ist die Lösung, und ich werde glücklich sein!«
Mit glühenden Schläfen ging Schwedenklee lautlosen Schrittes durch das
taunasse Gras. Der Schweiß rann ihm über das Gesicht. Kühle hauchte vom
Walde her. Sternschnuppen schossen über den Himmel.
Schwedenklee träumte, die Augen weit geöffnet. »Und immer wird sie um
mich sein,« flüsterte er, »am Morgen, am Mittag, in der Nacht. Immer
werde ich sie sehen, fühlen, sie wird plaudern, und ich werde entzückt
sein, nur ihre Stimme zu hören.«
»Ich werde mit ihr reisen. Ich habe ja Geld, ich kann alles, alles
bezahlen! Wenn es sein muß, verkaufe ich die Bauplätze! Die Menschen
werden auf der Straße, in den Dielen der Hotels die Hälse verdrehen. Und
meine Bekannten werden sagen: Seht an, Schwedenklee, ja, das ist ein
Bursche!«
»Schwedenklee, geschworener Gegner der Ehe, wird also plötzlich
heiraten? Seht an! Nun, laß sie reden. Eine junge Frau, die reizendste
Frau der Erde werde ich haben -- und glücklich sein -- laß sie reden
--!«
»Vielleicht aber --?«
Schwedenklee ging hastig weiter, über ein gemähtes Kleefeld, im
silbernen Licht der Sternennacht.
»Vielleicht aber werde ich Kinder haben? Kinder? Ich, der Väter, die
ihre Sprößlinge spazieren führen, immer ungeheuer komisch fand -- nun
weshalb nicht? Man wird sie baden, pudern, pflegen -- sie werden
schreien -- aber was schadet es, laß sie nur schreien. Sie werden süß
sein. Und Ellen -- dieses süße Wesen, selbst noch ein Kind -- Mutter!«
Schwedenklee blieb erschüttert stehen. Sternschnuppen fegten über ihn
hin.
»Eins, zwei, drei --« zählte Schwedenklee. »Also drei Kinder! Gut!«
»Sie, die selbst noch so zart ist, ein Kind fast --!«
Ȇberlegen wir: mein bisheriges Leben -- nein, keine Reue, keine
Vorwürfe -- was geschehen ist, ist geschehen -- aber es wird von nun an
_Sinn_ in mein Dasein kommen, dieses In-den-Tag-hinein-Leben hat ein
Ende.«
Ein Verzauberter, ging Schwedenklee über die Felder. Süß stieg der
Geruch der Erde auf. Nie in seinem Leben hatte er diesen Glanz der
Gestirne gesehen.
»Und wir werden reisen, und alle werden mich beneiden! Welch ein junges,
herrliches Wesen er sich erobert hat, werden sie sagen, seht an, dieser
tolle Knabe! Und sie -- Ellen -- eine schlechte Partie wird sie ja nicht
machen. Nein, das kann wohl niemand behaupten ...«
»Und wodurch habe gerade ich dieses Glück verdient?« fragte
Schwedenklee. »Durch nichts, durch nichts ...«
»Durch nichts!« rief er triumphierend und herausfordernd. »So ist das
Leben!«
25
Schwedenklee schlief in dieser Nacht wunderbar! Er träumte angenehm: er
packte Koffer, Koffer, streute Trinkgelder um sich, Scharen von Kellnern
dienerten, Autos rollten, Dampfer tuteten, beglückt fühlte er Ellens
Gegenwart in jeder Sekunde, ohne daß er sie eigentlich je sah -- sie
waren unterwegs.
Spät am Morgen erwachte er, dampfend und erfrischt vom Schlaf. Es war
fast schon neun Uhr. Ellen hatte soeben gefrühstückt und erhob sich vom
Tisch, als er eintrat.
Sie errötete, rasch und tief -- augenblicklich mußte er wieder an ihre
heißen, weichen Lippen denken -- flüchtig, mit einer gewissen Hast,
berührten ihre kühlen Finger seine Hand.
»Was für Langschläfer wir doch sind!« rief sie lachend aus. »Ich habe
einen richtigen Katzenjammer!« Und sie strich sich mit den Fingerspitzen
über die Schläfen, so daß die Hände ihr Gesicht verbargen. »Und was für
törichte Dinge ich wohl geschwatzt haben mag, heute nacht?«
Schon war sie zur Türe hinaus.
Schwedenklee fand ihre mädchenhafte Verwirrung entzückend. Sie schämte
sich, ohne jeden Grund. Wie herrlich, diese Reinheit!
Nein, er hatte natürlich nicht erwartet, daß sie ihm um den Hals fallen
würde, keineswegs. Sie war ein junges Mädchen, vor eine bedeutsame Frage
gestellt, sie mußte Zeit zur Überlegung haben -- er würde weder mahnen
noch drängen, nicht, daß man einmal sagen könnte, er habe sie
überrumpelt.
Und doch ...
Nein, nein, Schwedenklee war gewissermaßen dankbar, daß sich die erste
Begegnung nach seinem Antrag so und nicht anders abgespielt hatte.
Er frühstückte mit gutem Appetit. Aber, während er ein Ei in der Hand
aufschlug, konnte er doch den Gedanken nicht unterdrücken, daß es
schließlich nicht nötig war für Ellen, so rasch, so verwirrt und
verlegen wegzulaufen. Nein, nein, ganz unter uns, er hätte es hübscher
und richtiger gefunden, wenn sie ihm zum Beispiel beim Frühstück
Gesellschaft geleistet hätte.
Mit einer kleinen Falte in der Stirn zerlegte er eine Sardine.
Schwedenklee begann den Tag mit einer gewissen Feierlichkeit. Er ging
bedächtig durch die Ställe, was er selten tat, er sprach lange und fast
freundschaftlich mit dem Pächter, er stand und blickte über Felder und
Äcker. Hell glänzte der Tag, eine Lerche schmetterte im Sonnendunst,
sein Herz wurde heiter und froh.
Trotzdem -- je länger er stand und in den hellen Tag hineinblickte --
desto leerer und verwirrter wurde es in seinem Herzen. Er fühlte sich
vereinsamt, verlassen, der Glanz des Tages bedrückte ihn. Obschon er
sich geschworen hatte, Ellen in ihrem Versteck im Walde nie mehr zu
belauschen, trieb ihn doch ein unwiderstehliches Verlangen, sie zu
sehen, hinein in den Wald. Er pirschte sich vorsichtig durch das
Erlengebüsch, erschreckend bei jedem Knacken eines Astes. Die Naturbühne
aber war verlassen. Ellen war nicht da.
Schwedenklee kehrte enttäuscht in den Garten zurück und nahm, um die
Langeweile zu verscheuchen, die Leere, mit übertriebenem Eifer seine
Arbeit auf. Der Garten, muß man wissen, stieg von der Eingangspforte zur
Treppe des Hauses sanft an. Schwedenklee beabsichtigte, diese Steigung
in zwei Terrassen abzubauen, die, mit Stauden und Sommerblumen
bepflanzt, dem Vorgarten ein heiteres und repräsentatives Gepräge geben
sollten. Schon seit Wochen war er mit dieser Terrassierung beschäftigt,
die Arbeit würde noch Wochen beanspruchen.
Eifrig handhabte er den Spaten. Die Sonne stach scharf ins Genick. Und
Ellen, wo war sie?
* * * * *
Plötzlich hörte er eine Stimme, eine kernige, helle, etwas
selbstbewußte, ja arrogante Männerstimme.
»Erlauben Sie mal, hören Sie mal!« rief diese Stimme.
Schwedenklee richtete sich auf. Ein dicker Schweißtropfen lief über
seine Nase.
An der Gartentüre stand ein junger Mann. So unangenehm ihn der
selbstbewußte, herrische Ton der Stimme berührt hatte, so sympathisch
erschien ihm zu seiner Überraschung das Aussehen des jungen Mannes. Er
war ein hübscher, großer Bursche mit gebräuntem Gesicht und hellen
blauen Augen, blonden, strähnigen Haaren, die flott zurückgebürstet
waren. Das Gesicht strahlte Jugend, Gesundheit und Selbstvertrauen. Er
trug einen lichtgrünen Touristenanzug, graue Wickelgamaschen, gelbe
Schuhe und einen weichen, breiten Kragen. Keinen Hut. Ein Badegast,
dachte Schwedenklee. Häufig verirrten sich Badegäste an seine Türe.
»Sind wir hier richtig?« rief die helle, selbstsichere Stimme. »Ist dies
die Residenz des Herrn Schwedenklee?«
Schwedenklee, etwas verwundert, nickte.
»Nun wohl, Dank den erhabenen Göttern!«
Der junge Mann klinkte die Türe auf und stieg die Stufen empor.
In der Geste des Aufklinkens der Pforte, in der Art des Eintretens
erkannte Schwedenklees geschultes Auge sofort die Bühne.
Etwas unwillig stach er den Spaten in die Erde und wischte sich den
Schweiß vom Gesicht.
»Und wo, teurer Freund,« fuhr der Eindringling mit strahlender Miene und
einer höflichen Verbeugung fort, »wo können wir diesen sagenhaften
Millionär Schwedenklee finden?«
»Schwedenklee, das bin ich.«
Lachend, mit übertriebenem Erstaunen trat der Gast einen Schritt zurück.
»Sie? Verzeihen Sie, man sagte mir: ein _älterer Herr_! Es ist mir eine
Ehre, mich Ihnen zu Füßen zu legen: Richard Pohl -- nicht zu verwechseln
mit dem berühmten Nord- oder Südpol gleichen Namens -- Mitglied der
Vereinigten Sommertheater in Hamburg.« Kräftig und zutraulich schüttelte
er Schwedenklees Hand. »Also Sie sind es, dessen Güte die Himmel rühmen?
Es ist mir eine hohe Freude!«
»Seit einigen Tagen bin ich hinter Ihnen her«, fuhr Pohl gesprächig und
lebhaft fort. »Sie sehen eine Art Odysseus vor sich! Ja, in der Tat, es
ist nicht leicht, Sie zu finden, Ehrwürdiger, und selbst hier im Ort
hatte ich noch Mühe. Aber nicht Sie suche ich eigentlich, obschon es
sich der Mühe lohnte, sondern eine Dame: Ellen Blank!«
Aus der weitschweifigen Erzählung erfuhr Schwedenklee, daß Pohl mit der
Familie Blank schon seit der Dresdener Zeit bekannt war. Er war der Sohn
eines Musikers der Dresdener Oper, und Blank war sein erster Lehrer
gewesen. Zufällig hatte er in einer Fachzeitung von Blanks Tod gelesen.
Er schrieb einen Brief an Ellen nach Berlin, bekam ihn aber als
unbestellbar zurück, mit einem zweiten Brief erging es ihm ebenso.
Sobald seine Tätigkeit es ihm erlaubte, fuhr er nach Berlin, um Ellens
Spur aufzufinden, was ihm erst nach vieler Mühe gelang, nachdem er die
Hilfe der Polizei in Anspruch genommen hatte. Ja, und nun also war er
endlich hier, und er strahlte vor Freude und Genugtuung, sein Ziel
erreicht zu haben.
Schwedenklee hörte ihm mit zerstreuter Miene zu. Ganz offen gestanden,
zu keiner Zeit hätte ihm der Besuch ungelegener kommen können als gerade
heute, an einem solch ungeheuer bedeutsamen Tage.
»Welcher Teufel führt ihn gerade heute hierher!« dachte er, während Pohl
seiner Bewunderung über die herrliche Aussicht beredten Ausdruck
verlieh. Diese Aussicht riß ihn derart hin, daß er Miene machte zu
singen. »Gerade heute, da ich auf Ellens Bescheid warte und nicht weiß,
was ich vor Ungeduld tun soll!« Die überschäumende Fröhlichkeit und
heitere Natürlichkeit des Sängers -- trotz seiner etwas erkünstelten
Redeweise -- söhnten ihn indessen rasch wieder aus. »Nun gut, er wird
über Mittag bleiben, und am Abend sind wir ihn wieder los!«
»Einen kleinen Imbiß werden Sie wohl nicht abschlagen?« Immer wenn
Schwedenklee in Verlegenheit war, bot er seinen Gästen zu essen oder zu
trinken an.
Pohl aß mit vorzüglichem Appetit. Er hatte seit Tagen, während seiner
Irrfahrt, nur sehr wenig zu sich genommen. Mit Genuß schlürfte er eine
kleine Flasche Bordeaux.
Ellen war noch immer nicht zurückgekehrt.
Pohl wollte sie im Walde suchen, aber Schwedenklee machte ihm klar, daß
der Wald tief und labyrinthisch sei und Ellen ihre geheimen
Schleichpfade habe.
»Gut, so werden wir sie rufen!«
Schwedenklee lächelte.
Aber Pohl kümmerte sich nicht darum. Er trat einen Schritt vor, reckte
sich in die Höhe und legte die Hände an die Wangen. Dann pumpte er die
breite Brust voller Luft und schrie: »Ellen!« Schwedenklees Ohren
gellten, der Ruf fuhr hell dahin, das Echo klang aus dem Walde. In der
Ferne arbeiteten Landleute auf dem Felde, sie alle hoben die Köpfe.
»Sie werden sehen, es wird nicht lange dauern und wir haben sie hier. --
Ellen!« Noch lauter hallte der Ruf. Die Luft schmetterte, der ganze Wald
hallte. Laut und hell antwortete das Echo. Die Pferde, die in der Koppel
grasten, blieben stehen und blickten neugierig herüber.
Das Sonderbare geschah: kurz nach Pohls drittem Rufe erschien etwas
Gelbes zwischen den Büschen. Es war Strolly, hoch auf den Beinen
stehend, den Kopf gehoben. Dann teilten sich die Brombeerstauden, und
Ellen sprang auf den Acker. Ihr weißes Kleid flatterte im Winde.
Pohl rief und schwenkte die Arme. Ellens Haltung war ganz Staunen. Sie
erkannte ihn nicht. Plötzlich aber stieß Ellen einen hohen Schrei aus
und winkte und begann zu laufen. Wie der Wind flog der blonde junge
Bursche ihr entgegen, und während er lief, lachte und rief er.
Schwedenklee kehrte, etwas übelgelaunt, zu seinem Terrassenbau zurück.
Er wollte bei der Begrüßung nicht stören.
* * * * *
Ellen erschien bei ihm. Sie umschlang ihn freudig mit den Armen. »Ich
habe Besuch bekommen!« rief sie, glühend vor Erregung. »Richard ist
gekommen! Ich muß Augusta verständigen. Er hat Zeit bis zum Frühzug.
Augusta muß ihm ihr Zimmer abtreten. Du bist doch einverstanden, daß er
bei uns bleibt? Ich kenne Richard schon seit sieben Jahren.«
»Du bist ja die Herrin im Haus!« antwortete Schwedenklee schweißtriefend
und strich etwas verlegen über ihre heiße Wange.
Ellen stürzte ins Haus.
Das Mittagessen verlief in ausgelassener Stimmung. Ellen konnte kaum
einen Bissen über die Lippen bringen, so sehr mußte sie über Pohls
Schnurren und seine drollige Ausdrucksweise lachen. Er hatte eine Anrede
für Schwedenklee gefunden, die sie begeisterte! Er nannte Schwedenklee,
etwas keck und zutraulich nach einer so kurzen Bekanntschaft: Don
Philipp!
»Don Philipp! Wie herrlich der Name zu dir paßt!« lachte sie, indem sie
sich an ihn schmiegte.
Nach Tisch legte sich Schwedenklee aufs Ohr. Er war noch müde vom
gestrigen Abend. Nach einstündigem Schlaf erwachte er: in vorzüglicher
Laune. Er war nunmehr direkt erfreut über Pohls Besuch! Seit vielen
Wochen war er mit Ellen allein, ihre Gespräche waren etwas monoton
geworden, viele Gesprächsstoffe nahezu erschöpft. Oft war es etwas sehr
still auf Siebenbirken, nicht für ihn, o nein, er liebte die Ruhe, aber,
wie er fand, für Ellen. Der Besuch regte sie an. Es war sehr wohltuend,
daß ein Hauch der Umwelt in das Leben auf Siebenbirken strich.