»Du spielst Geige?« rief sie maßlos überrascht aus. Freude stand in

ihren hellen Augen.

»Du spielst ja sehr gut!« sagte sie, noch mehr überrascht.

Schwedenklee kam in Verlegenheit. Er erinnerte sich an die Zeit -- viele

Jahre war es her -- da er begeistert mit den Musikstudenten zweimal in

der Woche musizierte, da er sogar den Ehrgeiz besessen hatte, Geiger zu

werden -- still!

Es stellte sich heraus, daß auch Ellen Geige spielte. Ihr Vater hatte

sie unterrichtet.

»So spiele.«

»Nein. Ich werde üben, wenn du nicht zuhörst. Ich habe lange nicht

gespielt.«

»Weshalb nicht?«

Ellen errötete.

»Papa verkaufte seine Geige.«

»Ja, weshalb denn?«

»Er verkaufte sie, als Mama starb. Wir hatten so große Ausgaben damals.«

Schwedenklee fragte nichts mehr.

»Es ist keine besondere Geige«, sagte er. »Aber wenn du mir eine Freude

bereiten willst, Ellen, so nimm sie als Geschenk an.«

Alles, alles wollte er ihr schenken, nur um ein freudiges Feuer in ihren

Augen zu entzünden. Zart und kühl war die Haut ihrer Schultern. Sie war

nicht schöner als andere Frauen, oh, keineswegs, aber sie war jung und

unerfahren, das war alles, was sie anderen Frauen voraus hatte. Es war

die Jugend, nicht mehr, nicht weniger.

* * * * *

Er bemühte sich, Ellens Wünsche und Pläne zu erforschen. Sie war scheu,

sprach nie von sich und den Dingen, die sie im Innersten beschäftigten.

Sie errötete, wenn man sie nach ihren Wünschen fragte, und erklärte, sie

wünsche nichts. Vielleicht aber hatte sie irgendwelche Neigungen, Lust

zur Musik, zu irgendeinem Berufe? In allen Dingen wollte er ihr wie ein

Freund zur Seite stehen.

Endlich überwand Ellen ihre Scheu und erschloß sich. Es fand sich, daß

Ellen längst einen Entschluß gefaßt hatte. Verlegen und errötend

bekannte sie, daß sie zur Bühne gehen wolle. Mehr als das, es stellte

sich heraus, daß ihre Ausbildung bei verschiedenen Lehrern bereits so

weit gefördert war, daß sie schon in diesem Sommer, wäre der Todesfall

nicht eingetreten, in ihr erstes Engagement in einen kleinen Badeort

hätte gehen sollen.

Schwedenklee, der fürchtete, daß das Theater sie ihm entfremden könne,

versuchte sie umzustimmen. Aber Ellen hing voller Leidenschaft an dem

gewählten Berufe. Sie war fest entschlossen, denselben verführerischen

und gefährlichen Weg zu gehen wie ihre Eltern.

»Nun gut«, dachte Schwedenklee. »Ich habe gute Beziehungen zu den

Theatern in Berlin. Sie wird es leichter haben, soll es leichter haben,

als andere. Freilich: das Theater -- lieber wäre mir ein anderer Beruf

-- lieber wäre mir gar kein Beruf ...«

Ellen hatte einen hellen, ergreifenden Sopran: vielleicht Sängerin?

Nun, sie sollte wählen, sie sollte werden, was sie wollte!

Tagelang stand eine Überraschung in Schwedenklees Augen. Ellens

Neugierde war aufs höchste gestiegen.

Eines Tages wurde ein kleiner funkelnagelneuer Stutzflügel vor dem Hause

abgeladen. Es war ein Glück, daß Ellen im Walde war! Als sie zurückkam,

fand sie den Flügel im Speisezimmer. Ein kleiner Strauß von

Frühlingsblumen stand darauf, und an der Vase lehnte eine Karte, auf die

Schwedenklee geschrieben hatte: der kleinen Ellen für ihre neue

Wohnstube.

Ellen war überglücklich. Sie schlang ihre weichen, nach Gras und Wald

duftenden Arme um seinen Hals. Die Berührung ihrer Arme war leise und

doch unsagbar innig.

Am Abend fand das erste Konzert statt. Schwedenklee spielte aus

bekannten Opern, und er spielte außerordentlich aufgeregt. Er spielte

Klavier keineswegs so gut wie Geige. Aber er spielte ohne Mühe, las

gewandt, und zudem konnte er die meisten Opern auswendig. Schon nach

wenigen Tagen hatte er sich wieder eingespielt, und der kleine Flügel

sang und donnerte wie ein Provinzorchester, das sich alle Mühe gibt. Nun

begann er auch einzelne Partien halblaut zu singen.

Ellen war wie verzaubert. Mit glänzenden Augen saß sie da, den Mund

offen, die Ohren leuchteten purpurrot. Ihre Kindheit erwachte, da sie in

einer Luft von Musik aufwuchs.

Bald aber -- wie angezogen -- stand sie hinter Schwedenklees Stuhl und

begleitete ihn mit leiser, erregt bebender Stimme.

Fast jeden Abend wurde musiziert. Draußen die Nacht, der Mond klettert

in den samtschwarzen Himmel empor, die Bäume brausen.

Mehr und mehr verlor Ellen ihre Scheu, und ihre Stimme strömte klar,

rührend, voller Leidenschaft. Sie glühte vor Erregung.

»Vielleicht werden wir doch noch eine Sängerin aus dir machen, Ellen?«

»Papa sagte, meine Stimme sei zu klein«, erwiderte Ellen, errötend über

das Lob.

»Nun, wir werden ja sehen.« Schon war auch Schwedenklee vom Fieber

ergriffen: oft sah er sie, Ellen, seine Ellen, auf der Bühne stehen,

umbrandet vom Beifall.

22

Ellen verbarg nicht ihre Dankbarkeit für Schwedenklees Fürsorge und

Anteilnahme an allem, was sie betraf. Sie hielt diese Fürsorge für

völlig uneigennützig, der tiefen Freundschaft entspringend, die ihn mit

ihren Eltern verbunden hatte. Natürlich verriet ihr ihr weiblicher

Instinkt, daß er sie gern um sich sah. Wirkliches und aufrichtiges

Vertrauen aber empfand sie erst seit den letzten Wochen, da er sich so

lebhaft für ihre Pläne interessierte.

Er hatte ihr eine kleine Bibliothek, die sie für ihre Studien brauchte,

besorgt.

Mit allem Eifer gab sie sich der Arbeit hin. Jeden Morgen verschwand sie

nach dem Frühstück in den Wald, der an Schwedenklees Acker grenzte. Erst

gegen Mittag kehrte sie zurück, die Wangen gerötet, Glanz und den

Widerschein frohen Erlebens in den Augen.

Neugierig schlich ihr Schwedenklee eines Tages nach. Er hätte sie nie

finden können, wenn nicht der Hund ihr Versteck verraten hätte. Auf

einer Kuppe des Waldes war eine kleine, von Erlen umgebene Lichtung, so

dicht abgeschlossen, daß es nahezu unmöglich war, die Lichtung zu

finden.

Dies war Ellens Versteck. Er beobachtete, wie sie mit dem Buche in der

Hand auf und ab ging. Sie sprach, deklamierte, ohne daß er die Worte

verstanden hätte. Sie spielte! Sie kniete flüchtig nieder, hob die Arme,

sie flüchtete, sie wehrte unsichtbare Feinde ab, erstarrte in Qualen,

löste sich befreit -- wieder klang ihre Stimme.

»Was mag sie wohl spielen?« dachte Schwedenklee neugierig in seinem

Versteck. Nie kam sie ihm seltsamer, rührender vor als in diesem Moment.

Offenbar war sie nicht zufrieden. Wieder kniete sie nieder, ihre dünnen,

zarten Hände flehten, ihre ganze Gestalt, die Arme, die Neigung ihres

Kopfes. Wieder wich sie zurück -- herrlich und wunderbar erschien sie

ihm, leidenschaftlich hingegeben ihrem Werke, inmitten der Einsamkeit

und Heiligkeit des Waldes.

Strolly, der Hund, gewöhnt an ihr wunderliches Gebaren, lag im Grase,

den Kopf zwischen die Pfoten gesteckt. In der Gabel eines Astes

entdeckte Schwedenklee den schwarzen Kater.

Bei einer lebhaften Geste schreckte der Hund auf und sprang an ihr

empor. Sie umarmte ihn, küßte ihn und beide wälzten sie sich im Grase.

Hell und herzlich klang Ellens Gelächter.

Heute, morgen, übermorgen belauschte sie Schwedenklee klopfenden

Herzens. Aber der Hund lief hin und her, bellte -- endlich stutzte

Ellen, unterbrach ihre Deklamation und lauschte. Sie machte Miene, dem

Hund zu folgen.

Schwedenklee entfloh und belauschte sie fortan nicht mehr.

Trotz dem kameradschaftlichen, harmlosen und nahezu kindlichen Tone, der

zwischen ihnen herrschte, bewahrte Ellen immer noch eine gewisse Scheu

und Fremdheit. Zuweilen sprach sie von ihren Hoffnungen in der Zukunft,

niemals, oder fast niemals rührte sie an die Vergangenheit.

Bis zum Alter von ungefähr fünfzehn Jahren hatte sie wohl ein ziemlich

sorgloses, ja heiteres Leben geführt. Dann kam die Krankheit der Mutter.

Ellen, ein Kind noch, führte den Haushalt, die Sorge trat ihr ganz nahe.

Früh gereift in manchen Dingen, hatte die Schwere dieser Jahre sie in

ihrer seelischen Entwicklung in anderer Beziehung gehemmt.

Unentwickelter als Mädchen ihres Alters, die sorglos und heiter

erblühten, war sie in anderen Dingen.

Oft beobachtete Schwedenklee, wie sie mit den Tieren plauderte. Sie

sprach mit ihnen wie mit kleinen Geschwistern, so naiv gläubig und

zärtlich. Die Tiere aber schienen sie völlig zu verstehen.

»Wie rührend sie ist!« dachte Schwedenklee, und ein tiefes Gefühl der

Dankbarkeit und des Glückes erfüllte ihn.

23

Sterne, das Rauschen der Bäume, der laue Wind haucht, das Gras flüstert

unter den Büschen, eine Eule schreit schwingend in der Finsternis. Die

Dunkelheit berauscht, die Seele ist trunken von der Stille.

Unfaßbar war Schwedenklee diese wundervolle, weiche Dunkelheit, die in

den Städten ausgestorben ist, vertrieben vom elektrisch glühenden

Kohlenfaden. Jeden Abend überraschte sie ihn aufs neue. Unfaßbar die

Stille. Unfaßbar die Sterne, die auf ihn herabstürzten, wenn er das Auge

zum Firmament hob. Matter Glanz lag auf dem Meere, ein feiner roter

Lichtfunke glitt irgendwo in die Weite.

Wie ein Verzauberter, sich selbst fremd, wanderte Schwedenklee in der

Dunkelheit hin und her, sobald Ellen sich zurückgezogen hatte. Beglückt

hörte er zuweilen ihre Stimme in die Stille dringen. Sie sprach mit dem

Hunde, der in ihrem Zimmer schlief. Ellen schloß die Läden ihres Zimmers

nicht, wenn sie sich entkleidete. Diese Reinheit rührte ihn, und er

hütete sich wohl, ihrem Fenster zu nahe zu kommen. Nur aus der Ferne,

durch die Büsche hindurch, wagte er zuweilen einen kurzen Blick: ihre

Arme ordneten die Haare, sie schritt im Nachtgewand zur Kerze, spitzte

den Mund und blies das Licht aus. Ihr schönes mädchenhaftes Profil blieb

noch lange in der Dunkelheit haften, zuletzt verschwand der kindlich

gespitzte Mund.

Schwedenklee setzte sich auf die Treppe des Hauses. Hingegeben, voller

Andacht atmete er Stille und Dunkelheit ein. Zu denken, daß es Menschen

gab, die in dieser Stunde in rauchigen Kaffeehäusern saßen und

schmutzige Karten mischten! Zu denken, daß er vor Jahren gerade vor

dieser Dunkelheit und Stille die Flucht ergriffen hatte! Unvorstellbar

der Gedanke, daß er einmal wieder in diese Höllenstadt zurückkehren

würde.

In der Tat, war sein Leben bisher nicht leer, sinnlos? Welche

Freudlosigkeit, Nüchternheit, Betäubung, Unrast, Lärm, Flucht vor sich

selbst.

Wunderbare Wendung, die sein Leben genommen hatte! Deutlich erkannte er

die Hand eines wohlwollenden Schicksals.

Schwedenklee blickte in die Dunkelheit und überließ sich seinen

Empfindungen. Schon fühlte er die Schwere nicht mehr, schon schien er zu

schweben, schon schien er zu segeln auf den Fittichen der Nacht.

* * * * *

Mitten in einer lauten Nacht -- die Zweige peitschten gegen das Fenster

und der Vollmond flog rasend dahin -- erwachte Schwedenklee plötzlich,

von einem Gedanken gepeinigt. Dieser Gedanke quälte ihn so sehr, daß

sein Herz schmerzte. Es war ein Gedanke, den er in all den Wochen

verscheucht hatte, so oft er sich nahte.

Er erhob sich, in Schweiß gebadet, warf den seidenen Schlafrock über und

ging in dem schattigen, von Lichtschwertern durchzuckten Zimmer hin und

her, immer hin und her.

»Und wenn sie doch mein Kind wäre?« flüsterte er. Da! Nun war er

ausgesprochen, der Gedanke!

Schwedenklee taumelte, so stark erschütterte ihn der Gedanke.

Die arme Ellen, sie war damals von Paris nach Nürnberg gefahren und

hatte dort schon in den ersten Tagen Blank kennengelernt. Blank hatte

sich sofort in sie verliebt und sie hatten -- nach anfänglichem Zögern

Ellens -- geheiratet. Anfangs Januar des nächsten Jahres war die kleine

Ellen geboren worden.

Soweit die Tatsachen -- gänzlich unverfänglich, wie man zugeben wird,

von dem verhältnismäßig frühen Termin der Geburt des Kindes abgesehen.

Ja, wann zum Beispiel hatte Ellen Fröhlich Paris verlassen? April, März,

früher? Ja, mein Gott, _man lebte damals in den Tag hinein_ -- wer

dachte an solch abenteuerliche Möglichkeiten?

Nein, der Termin der Geburt war ohne Bedeutung. Leidenschaftlich und

rasch ist die Jugend, hatte er nicht selbst in dieser Hinsicht genug

Erfahrungen gesammelt?

Aber Schwedenklee erinnerte sich noch heute deutlich an eine Andeutung

im ersten Brief, den Ellen Fröhlich von Nürnberg aus schrieb, eine

Andeutung, die ihm sofort die Hitze ins Gesicht getrieben hatte. Er

hatte diese Andeutung ignoriert, und in den folgenden Briefen war nicht

mehr die Rede davon gewesen. Später hatte er sich seiner Feigheit

geschämt, und gerade aus diesem Grunde erwachte ein leichtes, nicht

abzuschüttelndes Gefühl der Scham in ihm im Augenblick, da die

Erinnerung an Ellen Fröhlich unerwartet in ihm geweckt wurde. Es war

natürlich auch möglich, daß er diese Andeutung, jene dunkel klingende

Bemerkung, völlig mißverstanden hatte?

Und doch, um ehrlich zu sein, augenblicklich hatte er sich an diese

seltsame Andeutung erinnert, als Blank ihm seinerzeit schrieb:

vielleicht habe ich Ihnen Mitteilungen zu machen, die Sie interessieren

könnten!

Es gab aber ein weiteres gewichtiges Argument: Weshalb hatte Blank, der

ihm alle Einzelheiten seines Lebens anvertraute, _nie mit einer Silbe

erwähnt, daß er eine Tochter besaß_? Ja, weshalb, bei allen Göttern?

Schwedenklees Herz blieb stehen. Der Schweiß brach erneut aus seiner

Stirn.

Ja, war es nicht das allersonderbarste, daß Blank nie von seiner Tochter

sprach? Wie?

War es -- mehr noch! -- nicht auffallend, daß Blank kurz vor seinem Tode

alle Papiere, die er besaß, vernichtete?

»Es steht fest,« resümierte Schwedenklee, zitternd vor Erregung, »Ellen

ist deine Tochter! Ich will es dir beweisen!«

Nehmen wir es einmal an: sofort ist Blanks sonderbares Benehmen, sind

all seine Worte und Anspielungen sonnenklar.

Ellen Fröhlich trug dein Kind unter dem Herzen, als sie von Paris kam.

Sie machte eine Andeutung, sie war überzeugt, du würdest auf diese

Anspielung hin sofort zu ihr eilen. Blank berichtete ja, daß sie dich

bestimmt erwartete. Du ignoriertest die Andeutung, du kamst nicht. Sie

haßte dich! Ließ sie dir nicht bestellen: Sage ihm, daß ich ihm nicht

mehr grolle! Grolle? Oh, ja, nun wurde es klar. Blank liebte sie rasend,

er nahm das Kind als sein Kind entgegen. Das war das Geheimnis ihrer

Ehe! Aus welchem anderen Grunde solltest du zwanzig Jahre hindurch in

dieser Ehe diese wichtige Rolle gespielt haben? Weshalb vergaß man dich

nicht? Nun, sehr einfach, weil man dich nicht vergessen konnte! Das Kind

...

Als Ellen fühlte, daß ihre Kräfte zu Ende gingen, war es da angesichts

der wirtschaftlichen Not nicht naheliegend, daß die beiden im Interesse

des Kindes beschlossen, das Geheimnis preiszugeben? Blank sollte zu dir

kommen, dich sprechen, dir das Geheimnis enthüllen. Aber du wolltest ihn

nicht empfangen -- er war gezwungen, Anspielungen zu machen, die dich

stutzig machen sollten. Ja, ja -- so ist es und nicht anders!

Er kam zu dir -- aber im Augenblick, da er dich sah, war es ihm gänzlich

unmöglich, aus rasender Liebe für das Kind, aus rasender Eifersucht, die

entscheidenden Worte zu sprechen. Aus diesem Grunde sprach er nie von

seiner Tochter ...

Es ist ja nur selbstverständlich: wäre mit der jungen Ellen nicht ein

Geheimnis verknüpft, so würde Blank in der ersten Stunde zu allererst

nur von ihr erzählt haben ...

»Alles, alles erklärt sich!«

Schwedenklee schwankte durch das Zimmer. »Ja,« sagte er zu sich,

inbrünstig, bis zu Tränen erregt, »ohne jeden Zweifel -- sie ist dein

Kind! Und morgen werde ich es ihr sagen. Von morgen an werden unsere

Beziehungen einen anderen Charakter tragen.«

Schon aber blieb Schwedenklee verwirrt stehen. Obwohl es heiß im Zimmer

war, zitterte er vor Frost. Nein, das, gerade das war ja gänzlich

unmöglich!

»Oder werde ich es ihr lieber nicht sagen --?« flüsterte er, aufs

äußerste erregt.

»Oder werde ich es ihr _nie_ sagen?«

»Aber selbst: wenn ich es ihr sagen würde, wie würde ich sie

_überzeugen_ können?«

»Nie würde ich sie überzeugen können! Sie wird mich für einen Betrüger

halten. Sie wird mich hassen, weil ich das Andenken ihrer Eltern schmähe

...«

Schwedenklee trat an das Fenster und blickte lange, ratlos, verquält,

zum rasend fliehenden hellblinkenden Mond empor. Dann tauchte er wieder

in das warme Dunkel des Zimmers zurück.

»Es ist ja alles Unsinn!« dachte er und nahm die Wanderung wieder auf.

»Völliger Unsinn! Sie ist _nicht_ dein Kind!«

»Nein, nun werde ich es dir beweisen! Die Sache ist ja so einfach, wenn

man sie ruhig betrachtet, und alles andere sind leere Spekulationen.«

Ellen Fröhlich war lange leidend. Sie lebte wie alle schwer Leidenden,

fast ausschließlich in der Erinnerung. Ihre Erlebnisse, wie die der

meisten Frauen, einfach, klar und nicht chaotisch, ließen sich leicht

überblicken, und so konnte sie nicht umhin, an das Erlebnis in Paris zu

denken. Sie fand das verblaßte Bild. Vielleicht sagte sie zu Blank:

bring es ihm, wenn ich einmal nicht mehr bin, grüße ihn von mir. Ich

grolle ihm nicht mehr -- weil er mich damals so schwer enttäuschte ...

Blank konnte auch recht gut ganz von selbst auf den Gedanken gekommen

sein! Verlassen, arm, krank, suchte er Anlehnung, Stütze. Nichts wäre

verständlicher. Der Gedanke an die Zukunft seines Kindes marterte ihn.

Mit dem Starrsinn eines Verzweifelten klammerte er sich an dich.

Vielleicht, sicher, hatte ihm auch seine Frau nahegelegt, daß in der

letzten Not du dich wohl als Freund erweisen würdest.

Ich reagierte nicht auf seine Briefe. Er machte bedeutsam klingende

Anspielungen, um meine Neugierde zu reizen -- Anspielungen, die er

augenblicklich widerrief, als er seine Absicht, mich kennenzulernen,

erreicht hatte.

Während er harmlos zu plaudern versuchte, während er zu lächeln

versuchte, marterte ihn vielleicht der Gedanke: kann man diesem da --

wenn es zum Äußersten kommen sollte --, kann man diesem da, diesem

Schwedenklee, das Kind anvertrauen? Wird er nicht, teilnahmslos und

gleichgültig, die Bitte eines Unglücklichen verhallen lassen?

Nun schien auch plötzlich die Bemerkung Sinn zu bekommen, die er machte,

als er nach dem Abendessen in der Droschke fortrollte: einmal werden Sie

vielleicht begreifen, welche Bedeutung es für mich hat, Sie näher

kennengelernt zu haben.

Weshalb aber sprach er nicht von Ellen? Aus Scheu, aus Scham -- aus

letzter Scham ...

»So und nicht anders ist die Sache«, wiederholte Schwedenklee, »und

alles andere sind nervöse Konstruktionen --«

»Und ein Argument gibt es, wichtiger als alle, unwiderlegbar!«

»Nehmen wir an, Ellen wäre deine Tochter -- hätte der sterbende Blank,

der ja noch die Kraft hatte, dir zu schreiben, hätte er in dieser

furchtbaren Stunde nicht die Wahrheit bekannt? Schon um sicher zu sein,

daß du Ellen gut aufnehmen würdest?«

»Mit dem Tod vor Augen -- nein, nein, ganz unmöglich!«

»Sie ist natürlich nicht deine Tochter!« rief Schwedenklee beglückt aus.

Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Die Erregung hatte ihn völlig

erschöpft.

»Wie albern die Menschen doch sind!« dachte er befreit und leicht. »Wie

albern! Mit welchem Unsinn sie sich die Köpfe angefüllt haben! Es ist ja

schließlich höchst einerlei, ob sie nun mein Kind ist oder nicht. Das

wesentliche ist ja doch, daß sie bei mir ist! Sie ist mein, sie wird

mein sein, sie wird meine Geliebte, meine Frau sein -- ja, selbst wenn

ich es wüßte, daß sie mein Kind ist! Ich werde glücklich sein. Was

kümmert mich schließlich alles andere?«

Schon graute der Tag. Abgezehrt, verhärmt sank der Mond, eine blasse,

zerfressene Scheibe, in den Morgennebel, der aus den Feldern stieg. Ein

früher Vogel schrie geisterhaft.

Spät am Morgen erwachte Schwedenklee. Als er sich ankleidete und durchs

Fenster blickte, sah er Ellen hoch oben auf einem Wagen herrlich

gehobelter Bretter sitzen, der so eben von einem Gespann starker

Bauernpferde in den Hof gezogen wurde. Es war der Fußboden des Anbaues.

Sie lachte mit dem Kutscher. Strolly, der Hund, tanzte wie rasend vor

den Nasen der Pferde. Ellen erblickte ihn am Fenster, und ihr zarter Arm

winkte, während die Sonne auf ihren Wangen funkelte.

Verflüchtigt waren die Nachtgespenster.

24

Die Saat schoß aus der Erde, über Nacht wuchs das Gras auf der Wiese.

Die Wälder standen plötzlich in dichtem Grün. In Schwedenklees

verwahrlostem Garten erblühten plötzlich Scharen von Lilien, Päonien,

Stauden aller Art, Schlingrosen -- vor Jahren hatte er sie gepflanzt und

völlig vergessen. Der kleine Obstgarten, Pflaumen und Birnen, war eine

einzige schneeige Wolke, zwischen Haus und Wald gebettet. Ellen war

nichts als seliges Staunen.

Heiß und plötzlich setzte der Sommer ein. Reichtum quoll aus der Erde,

Gräser, Blumen, Unkraut. Schon wogte das junge Getreide, der Klee stand

einen Schuh hoch. Bis an die Knie standen die Kühe im Gras, die Pferde

grasten in der grünen Koppel, die Schweine grunzten auf dem schwitzenden

Misthaufen. Die Hühner gackerten lärmend, und Scharen von Küken

wimmelten um die Glucken. Der Bauer schnitt die erste Mahd, und der

Schweiß rann ihm über das braune Gesicht.

Ellen hatte bis jetzt fast immer dunkle Kleider getragen. Sie

vertauschte sie nun endgültig mit hellen Sommerkleidern. So erschien sie

plötzlich weltlicher, reizender, strahlender -- Schwedenklees Blicke

hingen an ihr, wie sie durch den Garten schritt, in den Wald lief, sich

zu einer Blume bückte, das lockere Haar mit der Hand in den Nacken warf.

Schwedenklee schien größer geworden zu sein, da er sich besser hielt.

Sein Bauch war fast völlig verschwunden, sein Gesicht, wenn auch noch

massig und viereckig, war straff und braun, niemand konnte leugnen, daß

er sich um zehn Jahre verjüngt hatte.

Er war in diesem Frühling und Sommer nicht müßig gewesen. Zusammen mit

Ellen hatte er einen neuen Obstgarten angelegt, gegen hundert Bäume, er

hatte eine Bewässerungsanlage von fünfzig Meter Länge gebaut. Er hatte

Wege ausgehoben, Bauschutt und Sand gefahren und festgestampft. Nun war

er dabei, eine Laube zu zimmern, die eine herrliche Aussicht bot. Er

hatte Schwielen an den Händen, ganz wie der Bauer. Am Abend sank er

todmüde ins Bett, um wie ein Stein zu schlafen.

Sie waren viel auf den Rädern unterwegs. Ein wenig außer Atem folgte

Schwedenklee Ellen, die wie ein Rennfahrer dahinfuhr. Ellen hatte auch

kutschieren gelernt, etwas ängstlich noch saß sie, die Peitsche in der

Hand, in steifer Haltung auf dem Bock, und die Pferde trappelten hurtig

dahin. Schwedenklee hatte ihr einen kleinen eleganten Wagen gekauft.

Das kameradschaftliche Verhältnis zwischen Ellen und Schwedenklee hatte

an Herzlichkeit gewonnen. Sie lachten und schwatzten zusammen -- nicht

wie Erwachsene eigentlich, eher wie Kinder. Sie umarmte ihn, schmiegte

sich an ihn, er gab ihr einen Gutenachtkuß, wenn sie schlafen ging.

Bald!

Schwedenklee war in großer Erregung. Oft ging er, verwirrt und unruhig,

mit großen Schritten im Garten hin und her und sprach halblaut mit sich

selbst.

Bald! Bald! Tausend Kosenamen hatte er für Ellen in Gedanken, zärtliche

Namen, deren er sich vor Wochen noch geschämt hätte.

* * * * *

Der Sommer stand in voller Glut, die Mückenschwärme tanzten über den

Wegen, in den Augen glänzte Schweiß. Vom Strande unten stiegen an den

Abenden häufig bunte Leuchtkugeln in den Nachthimmel empor, der Strand

wimmelte von Menschen. Die Saison stand auf der Höhe.

Der Anbau war fertig, ein mit Bändern geschmückter Tannenbaum funkelte

auf dem First.

Schwedenklee hatte den Handwerkern ein Faß Bier gestiftet, am Abend aber

sollte das Ereignis im Hause gefeiert werden. Schon seit einer Woche war

das Programm erörtert worden.

»Heute abend um sieben, Ellen, mache dich schön!« sagte Schwedenklee.

Augusta hatte ihr letztes hergegeben. Allerlei Leckerbissen als

Vorspeise, eine göttliche Suppe mit Leberklößchen, gebratene Hähnchen

mit dem herrlichsten Salat der Welt. Törtchen von Walderdbeeren, Ellen

hatte sie gesammelt. Sekt im eisigen Wasser des Brunnens gekühlt. Im

Speisezimmer brannten zwei Dutzend Kerzen. Zur Feier des Tages durften

Strolly und Munki bei Tisch gegenwärtig sein. Sie benahmen sich anfangs

gesittet, aber, ganz wie Kinder bei außerordentlichen Anlässen, wurden

sie mehr und mehr ausgelassen: zuletzt sprang der Kater, von

unbezwinglicher Begierde fortgerissen, mitten auf den Tisch und

versuchte ein Hähnchen zu stehlen.

Schwedenklees Erlebnis · 第 9 / 11 段