Pohl, der mit Ellen in der hellen Sonne auf einem Heuhaufen der gemähten
Wiese saß. (Schon mußte Ellen wieder laut herauslachen!) »Habt die
Gnade, das Programm entgegenzunehmen, das wir für Euch, um unsere
Ergebenheit zu bezeigen, entworfen haben: Zuerst die olympischen Spiele,
die sofort ihren Anfang nehmen. Sodann Festtafel bei Don Philipp mit
königlichen Weinen. Hierauf Festvorstellung im Hoftheater Euer
Durchlaucht: Figaros Hochzeit. Später Divertissements, Empfang, Defilé,
Cour. Genehm? -- Anfang! Don Philipp befiehlt den Beginn! Pagen heran!
Zurück der Pöbel!«
»Ich starte,« fügte Pohl rasch hinzu, »nimm die Uhr, Ellen. Los!« Wie
ein fliehender Hirsch umrundete er die Wiese. Nie in seinem Leben hatte
Schwedenklee solch einen Läufer gesehen.
»Ellen Blank!« schrie Pohl. Und Ellen lief. Schwedenklee war ergriffen,
als er sie laufen sah. Sie schleuderte die Knie, daß man ihre Wäsche
sah. Ihr Haarschopf fiel herunter und sie steckte ihn im Laufen auf.
Während sie lief, schrie sie aber ununterbrochen vor Vergnügen und
Erregung.
Nun kam die Reihe an Schwedenklee. Er tat sein Bestes, um sich nicht zu
blamieren. Blutrot und schwitzend kam er an.
»Don Philipp hat gewonnen!« entschied Pohl. Er behauptete allen Ernstes,
daß Schwedenklee ihn um zwei Sekunden geschlagen habe, und überreichte
ihm mit feierlicher Ansprache einen Birkenzweig.
Es ist eine Tatsache, daß Erwachsene viel kindischer sein können -- in
besonderen, seltenen Stunden -- als Kinder, und es kann als Maßstab
ihrer Unverdorbenheit und Güte gelten, wenn sie diese Fähigkeit noch
besitzen.
Jedenfalls, je länger die olympischen Spiele währten, desto
ausgelassener wurden die drei.
Pohl war unerschöpflich an Erfindungen. Es gab Läufe, Sprünge, Hüpfen
auf einem Bein. Dann mußte man mit einer Hand an einem Aste hängen.
Schwedenklee hing, bis er blau im Gesicht wurde. Er schlug alle Rekorde.
Zuletzt kam der Sprung in den Strohhaufen -- vom Dache des Stalles aus,
drei Meter tief. Pohl sprang im Hechtsprung, als spränge er ins Wasser.
Ellen sprang mit festgehaltenen Kleidern, schreiend und lachend.
Schwedenklee riskierte einen Purzelbaum. Kaum aber war er ins Stroh
versunken, so spürte er, wie die beiden über ihn herfielen und ihn immer
wieder mit Stroh bedeckten. Völlig außer Atem (und fast etwas böse!)
wühlte er sich endlich heraus. Er war mit Strohhalmen gespickt und sah
so komisch aus, daß Ellen laut herauslachen mußte.
* * * * *
Pohl kniete vor ihm. »Don Philipp, nehmet mein Haupt!«
Schwedenklee hatte seine gute Laune schon wiedergefunden.
26
Nach dem Abendessen -- diesmal hatte Ellen die Kerzen angezündet! --
wurde programmäßig »Figaros Hochzeit« aufgeführt.
Richard sang Figaro -- vollendet, mit einer frischen, kernigen Stimme,
er agierte, als stände er auf der Bühne. Ellen hatte -- sehr erregt --
Susanna und Cherubino übernommen. Sie sang schön, rührend, mit leicht
zitternder Stimme. Was übrigblieb, fiel Schwedenklee zu, der sich recht
und schlecht aus der Affäre zog.
Es war -- alles in allem -- ein wundervoller Sommertag, ein Tag, der
kein Ende zu nehmen schien. Die Divertissements fielen aus. Ellen wurde
ins Bett geschickt, da ihre Augen vor Müdigkeit fieberten.
Die Herren aber saßen noch bei einer Flasche Wein.
»Eine neue Flasche, Don Philipp!«
»Sofort!«
Nach der dritten Flasche bot Pohl Schwedenklee die Brüderschaft an. Sie
stießen an.
»Selten habe ich einen solch prachtvollen Menschen kennengelernt wie
dich, Don Philipp!« schrie Pohl, indem er begeistert aufsprang.
Schwedenklee kletterte nun selbst in den Keller, um einen ganz
besonderen Rheinwein zu holen, einen seltsamen Jahrgang.
»Und nun Schluß mit all den Dummheiten!« rief der Sänger aus. »Ein
ernstes Wort. Daß du dich des armen Blank erbarmt hast, das soll dir
ewig unvergessen bleiben! Daß du dich aber wie ein Vater Ellens
annahmst, das wird dir Gott im Himmel persönlich danken! Dafür laß dich
umarmen, bester aller Menschen!«
Pohl drückte Schwedenklee an seine Brust und küßte ihn. Beide hatten
Tränen in den Augen.
Es war das erstemal, daß Schwedenklee von einem Mann geküßt worden war.
27
Am gestrigen Tage hatte sich wahrhaftig keine Gelegenheit geboten, mit
Ellen über die Dinge zu sprechen, die Schwedenklee so sehr am Herzen
lagen. Dieser unglaubliche Bursche, der wie ein Meteor vom Himmel
gefallen war.
Heute -- um die Wahrheit zusagen --, Schwedenklee war mit etwas schwerem
Kopf aufgestanden, er war müde, verschlafen, apathisch und freute sich
während des ganzen Tages schon auf die Stunde des Schlafengehens. Welch
ein Glück, daß dieser Pohl, so amüsant er auch war, am Mittag wieder
abreiste!
Aber trotz seiner Müdigkeit beobachtete Schwedenklee, oder sollte er
sich täuschen? -- daß mit Ellen seit gestern eine Veränderung vor sich
gegangen war. Sie schien merkwürdig erregt, sie lachte ohne jeden Grund,
zerstreut lief sie hin und her, den ganzen Nachmittag war sie mit ihrer
Wäsche und Garderobe beschäftigt.
Von der Antwort auf die bewußte wichtige Frage war nicht die Rede!
Vergebens wartete Schwedenklee auf ein Wort, einen Blick. Sie stammelte
erregt, wenn sie mit ihm sprach, ihr Blick flackerte, sie errötete,
schlug die Augen nieder. Es schien ihm sogar, als ob sie ihm auswiche
...
Am nächsten Tage aber glaubte Schwedenklee zu seinem nicht geringen
Staunen zu beobachten, daß Ellen ernsthaft damit beschäftigt war,
einzupacken.
Die Sache war, kurz gesagt, die: der Direktor der Vereinigten
Sommertheater in Hamburg war Pohls bester Freund. Es bestand, wie Pohl
versichert hatte, gar kein Zweifel, daß er Ellen engagieren würde. Im
Sommer sollte sie sich in kleineren Rollen einspielen, um im Herbst mit
dem Ensemble nach Bremen überzusiedeln. Ein gutes, ein vorzügliches
Theater! Der Zufall hatte ihr eine herrliche Gelegenheit geboten, eine
geradezu selten günstige Gelegenheit, ihre Laufbahn zu beginnen. War
Ellens glückliche Verwirrtheit nicht verständlich?
Natürlich. Oh, Schwedenklee verstand ja wohl manches, er verschloß sich
keineswegs vernünftigen Gründen, er wußte nur zu gut, daß eine Frau, die
sich die Bühne in den Kopf gesetzt hatte, durch nichts abzubringen war.
Aber, hatte sie, Ellen, denn ganz vergessen, daß sie ihm auf eine
bestimmte Frage eine bestimmte Antwort schuldig war?
Er bemühte sich, die Sache von der scherzhaften Seite zu nehmen. »Du
hast ja noch Zeit, Ellen, wozu diese Aufregung?«
»Ich muß bereit sein, wenn das Telegramm kommt!« schrie Ellen.
Ja, sie schien es in der Tat ganz vergessen zu haben. Allen Andeutungen,
die er wagte, wich sie aus. So oft er sie »antwortheischend« ansah --
oh, sie verstand seinen Blick sehr wohl! --, geriet sie in hilflose
Verwirrung. Sie lenkte sofort errötend ab, sie sprach von ihren Plänen,
Erwartungen, und beschwor ihn, nicht nach Hamburg zu kommen, wenn sie
das erstemal auftrat. Sie würde auf der Bühne kein Wort hervorbringen
können. Aber er mußte ihr versprechen zu kommen, sobald sie einigermaßen
eingespielt wäre.
»Aber, ich sehe schon, du wirst nicht kommen, Don Philipp. Du wirst mich
rasch vergessen!« sagte sie mit hochgezogener Braue.
Also, er würde _sie_ vergessen? Schwedenklee fand vor Erstaunen kein
Wort der Entgegnung.
* * * * *
So vergingen zwei Tage in Unruhe und Spannung. Dann aber sah Ellen den
Depeschenboten an der Gartentüre, und sie rannte ihm entgegen.
Strahlend vor Freude schwenkte sie das Telegramm.
Sie umarmte Schwedenklee. »Er hat mich engagiert!« schrie sie in größter
Erregung. »Der Direktor war verreist, daher die Verspätung!« Rasch löste
sie sich aus der Umarmung und stürzte zu Augusta und beschwor sie, ihr
zu helfen, sie wisse weder aus noch ein.
»Mein Gott, Augusta, ob die Wäsche noch trocknen wird?«
Schwedenklee fühlte, daß er erbleichte: er wußte nun, daß sie ihn
verlassen würde.
War es zu glauben: in diesen wenigen Tagen hatte Ellen alles vergessen,
das Badezimmer mit den Palmen, Florenz, Paris, Japan -- sie dachte gar
nicht mehr daran. Sie hatte auch ganz vergessen, daß sie ihm versprochen
hatte, auf eine gewisse Frage zu antworten ...
Aber nein, nein, sie hatte nicht vergessen. Sie dachte vielleicht jede
Sekunde daran! Sie stammelte, errötend, verlegen, voller Scham: »Du
verstehst mich doch? Ich freue mich, tätig zu sein, ich freue mich
_anzufangen_. Es ist ja so schön bei dir, du weißt es, aber --! Ich muß
ja zusehen, mir mein Leben selbst zu gestalten. Du verstehst mich doch?«
Schwedenklee verstand alles!
»Ich verstehe sehr wohl!« sagte er, lächelnd, nachsichtig, verzeihend.
Aber diese Nachsicht schien sie zu quälen. »Nein, du verstehst mich
vielleicht doch nicht?«
»Doch, ich verstehe dich, Ellen.«
Ihr Blick ruhte groß und voller Scheu auf ihm, während ihre Hände seine
Wangen streichelten. Genau so zart und sanft, mit zitternden Fingern,
wie die Hände ihrer Mutter -- seinerzeit in Paris ...
28
Schwedenklee sitzt in der Nacht auf der Treppe des Hauses. Das Haus ist
dunkel, schwarz der Wald, Schwedenklee sitzt in völliger Finsternis.
Zuweilen schlägt Feuer aus der Treppe des Hauses: das ist Schwedenklees
Zigarre, die Funken stiebt.
Heute, morgen, übermorgen sitzt Schwedenklee in der Nacht, und nur
zuweilen fahren wilde Funken aus seiner Zigarre.
Ruhelos rennt der Hund hin und her, die Nase am Boden. Durch den Garten,
über die Felder, in den Wald, immer die Nase am Boden, alten Spuren
nach. In der Nacht fällt Regen, und nun ist der Hund plötzlich ruhiger.
Ellen also war ins Engagement abgereist ...
Er hatte nicht mehr erwartet, daß sie ihm auf die gewisse Frage
antworten würde -- und doch, sie hatte es getan! Auf dem kleinen
Bahnhof, der wimmelte von lauten Badegästen, hatte sie zart seinen Arm
berührt und ihn mit einem Blicke angesehen -- ja, was für ein Blick war
es doch?
Das war ihre Antwort! Schwedenklee atmete tief -- ja! Und er hatte sie
verstanden. Sie sagte: »Es wäre ja alles so wunderbar gewesen, aber
siehst du -- es ist nicht so einfach ...«
Nun, er hatte verstanden, vollkommen. O gewiß, es war nicht so einfach
...
Es ist ja möglich, dachte Schwedenklee, daß ihr, die hilflos und
vereinsamt im Leben steht, im ersten Augenblick eine Verbindung mit dir
erwägenswert erschien. Es ist wahrscheinlich, daß sie auf deinen
Vorschlag eingegangen wäre, da sie einen anderen Ausweg nicht fand! Da
aber erschien Pohl! Seine Stimme weckte plötzlich die Stimmen ihrer
Jugend. Und was die Hauptsache ist: er zeigte ihr einen Ausweg, in einem
Augenblick, da sie ratlos war, keinen Ausweg fand, ja nicht einmal mehr
an die Möglichkeit eines Ausweges dachte. Daher ihre unverständliche
Erregung. Blitzschnell folgte sie ihren Instinkten.
»Aber wozu die vielen Worte?« sagte Schwedenklee zu sich. »Es gibt eine
viel einfachere Erklärung: sie liebte dich nicht! Sie fühlte, daß diese
Verbindung für sie nie glücklich sein konnte. Ja, die Wahrheit ist
zuweilen bitter!«
Und dann kam da vielleicht noch etwas hinzu ...
Schwedenklee lächelte.
»Sie versteht es ja heute noch nicht, weshalb sie so begierig war, nach
Hamburg zu reisen -- die Reine, Wundervolle!« flüsterte er. »Später,
später! Ich habe vom ersten Augenblick an alles geahnt!«
»Daß ich noch das Wettrennen um die Wiese mitmachte! Und an dem Ast hing
ich so lange, daß mir heute noch der Arm weh tut!«
Funken fuhren aus Schwedenklees Zigarre.
Jeden Abend saß Schwedenklee in der Dunkelheit auf der Treppe des
Hauses, und die Funken stoben. Es war Neumond.
Am Tage arbeitete er an seiner Terrasse.
»Diese fünfzig Kubikmeter Erde werden wir schon bewältigen!« sagte er,
selbstbewußt, und der Schweiß rann ihm über das Gesicht.
Es darf indessen nicht verschwiegen werden, daß Schwedenklee in diesen
Tagen sich häufig selbst in den Weinkeller begab.
Es gibt Menschen, die einen Stoß in die Herzgrube ohne besondere
Erschütterung ertragen, sie sind sehr selten, andere, die lamentieren
und ein großes Geschrei machen, und wieder andere, die einfach eine
Flasche aufziehen, sich räuspern und eine Zigarre anzünden ...
Schwedenklee stand in diesen Tagen sehr spät auf und ging erst schlafen,
wenn der Morgen graute. Augusta betrachtete ihn mit vorwurfsvollen
Blicken. Er aß ihr zu wenig.
Ja, diese Augusta, sie war keineswegs so albern, wie er glaubte. Sie sah
in sein eingesunkenes, verstörtes Gesicht und sagte sich: »Diese
Frauenzimmer, wie sie ihm zusetzen -- es ist schon eine Schande!«
Der Neubau war fertig. Er roch nach Kalk, Gips und Glaserkitt. Auch das
Badezimmer -- das alle Badezimmer Deutschlands schlagen sollte -- war im
Rohbau fertig. Die versenkte Wanne war vier Meter lang und zwei Meter
breit, die Hähne blitzten. Eines Tages mühte sich ein Fuhrwerk, ein
kleiner Wald auf Rädern, die Straße herauf: die Blattpflanzen kamen. Sie
hatten ein Vermögen gekostet.
»Stellen Sie sie einfach in den Baderaum!« sagte Schwedenklee. Da
standen sie, bis sie verkamen.
Weshalb aber, zum Teufel, war es in diesem Neubau so kalt? Strömte der
Putz diese Kälte aus? Schwedenklee betrat den Neubau nicht mehr.
* * * * *
Zart und fein stieg die Mondsichel aus dem Meer empor.
Schwedenklee saß im Dunkel auf der Treppe des Hauses und rauchte.
Er hatte heute den ersten Brief Ellens erhalten. »Dank, Dank -- du wirst
mich verstehen -- du bist mir gewiß nicht böse ...«
Ja, gewiß, Schwedenklee gehörte zur Klasse jener Menschen, die alles
verstehen und daher alles vergeben, denen nichts Menschliches fremd ist
-- gewiß, er verstand alles. Mehr als sie ahnte! Und böse? Nein, böse
konnte Schwedenklee überhaupt nicht werden.
Und doch, gerade an diesem Abend wurde Schwedenklee von starker Unruhe
erfaßt. Er ging auf und ab, die Funken sprühten aus seiner Zigarre.
Schweiß brach aus seiner Stirn.
Seine Augen sanken ein. »_Wenn sie nun aber doch mein Kind wäre?_« sagte
er voller Gram. »Auch die Krankenschwester, du erinnerst dich, sagte,
sie glaube, Blank habe dir besondere Mitteilungen zu machen ...«
»Hätte ich Gewißheit -- alles wäre ja anders!«
Verraten wir es: Schwedenklee ging in die Dunkelheit, wo sie am
schwärzesten war, um hier, ganz im Dunklen, obschon niemand in der Nähe
war, die Finger in die Augen zu drücken und zu stöhnen.
Ja, Schwedenklee hatte heute einen schlechten Tag. Er strich die ganze
Nacht in der Finsternis hin und her, fröstelte im Nachtnebel.
»Gerade als ich die Hand nach ihr ausstreckte --!« sagte er, aber er
sprach nicht weiter.
29
Am nächsten Tage gab Schwedenklee plötzlich seine Arbeit an der Terrasse
auf. Er stach den Spaten in die Erde, und hier mochte er steckenbleiben,
bis er verfaulte, wenn ihn der Pächter nicht unter Dach nahm.
Schwedenklee hatte einen neuen resedafarbenen Anzug, den er noch nie
getragen hatte. Diesen Anzug legte er an. Er rasierte sich sorgfältig
und begab sich in den Badeort.
Hier saß er auf der Terrasse des Kasinos und betrachtete mit finsterer
und verächtlicher Miene die promenierenden Badegäste. Was für
entsetzliche Frauen! Dick, formlos, lächerlich, unverschämt in ihrer
Einbildung, grotesk in ihrer Eitelkeit, mit falschen Haaren, gemalt, die
meisten krummbeinig -- ah, Schwedenklee war zur Zeit nicht gut auf die
Frauen zu sprechen.
Am dritten Tage -- seine Miene war gleich geringschätzig und abweisend
-- hörte er plötzlich eine Frauenstimme: »Ist es möglich, Herr
Schwedenklee?« Und ein heiteres Lachen.
Zwei flachsblonde Frauen in dünnen Sommerkleidern standen vor ihm,
Schwestern. Er hatte die eine der Schwestern gekannt, bevor sie
verheiratet war, die Unverheiratete lernte er heute erst kennen.
Schwedenklee lächelte verlegen und wich etwas auffällig zurück. Zu nahe
drangen ihm Atem und Parfüm der beiden Damen. Die heitere Stimme klang
ihm zu laut ins Ohr. Nichts haßte er mehr als die Aufdringlichkeit der
Frauen, die der Ansicht waren, daß eine vorübergehende Verliebtheit eine
Freundschaft fürs ganze Leben bedeute.
Knapp und kühl klangen Schwedenklees Antworten. Die Flachsblonden aber
schienen seine Zurückhaltung gar nicht zu merken und lachten fröhlich
und laut.
Schwedenklee erhob sich und ging. Ein paar Tage vergrub er sich in
Siebenbirken. Dann aber erschien er wieder im Badeort, und schon nach
einigen Tagen ruderte er die beiden Flachsblonden hinaus in die See.
Von nun an begab sich Schwedenklee schon am Morgen in seinem
resedafarbenen Anzug in den Badeort. Er aß im Kasino und kehrte erst
spät nach Siebenbirken zurück.
Nach einer Woche reisten die flachsblonden Schwestern nach Berlin
zurück.
Schwedenklee blieb zu Hause. Er beschäftigte sich wieder mit seinem
Zentralbahnhof, rauchte, trank, lebte in den Nächten. Kaum hatte er aber
einen Brief aus Berlin erhalten, der ihn sehr heiter stimmte, so befahl
er Augusta zu packen.
30
Es regnete leise, als Schwedenklee nach Berlin zurückkehrte. Die Stadt
dampfte. Seine Wohnung umfing ihn mit Behagen.
»Vielleicht ist es doch das beste so! Wer weiß, wozu es gut war --!«
sagte er sich, indem er in den weichen Hausschuhen auf und ab ging.
Dann telephonierte er lange in bester Laune.
»Augusta,« sagte er, »morgen abend drei Gedecke, lassen Sie es an nichts
fehlen!«
Gewiß, Schwedenklee erhielt Briefe von Ellen und schrieb ihr wieder. Die
erste Firma Berlins mußte auf seine Kosten Ellens Bühnengarderobe
anfertigen, und Schwedenklee selbst überwachte die Fertigstellung der
Kostüme.
Schwedenklee wußte sehr wohl, was er versprochen hatte. Eines Tages
packte er einen Handkoffer und fuhr nach Bremen. Er fand Ellen heiter,
strahlend, wunderbar erblüht, er beobachtete, befriedigt fast, daß die
beiden, Pohl und Ellen, einander um vieles nähergekommen und sehr
glücklich waren.
»Don Philipp, herrlichster aller Menschen!« schrie Pohl begeistert und
umarmte ihn, als sie im Bremer Ratskeller in später Nacht eine Flasche
leerten.
* * * * *
_Und wenn sie doch dein Kind wäre?_
Auch diese Frage, die ihn oft in den Nächten gemartert hatte, daß er
schlaflos auf und ab ging, die sein Herz verbrannte -- auch diese Frage
verblaßte allmählich in Schwedenklees Herzen -- --
Als der erste Schnee fiel, erschien Schwedenklee eines Abends wieder um
neun Uhr in seinem alten Stammcafé. Sein Rücken schien etwas gebeugt,
sein Gesicht hatte die Prälatenröte eingebüßt und schien etwas fahl, die
dünnen Haare waren grauer -- sonst aber war es ganz der alte
Schwedenklee. Mit lauter Herzlichkeit wurde er von den Spielern
empfangen. Nach einer Viertelstunde aber war es, als sei er nicht eine
Stunde abwesend gewesen. Schon saß er an einem der Pokertische, und drei
Kiebitze rückten ihre Stühle hinter seinen Sessel.
Ende
Werke von Bernhard Kellermann
Yester und Li
Roman. 152. Auflage
Ingeborg
Roman. 115. Auflage
Der Tor
Roman. 50. Auflage
Das Meer
Roman. 87. Auflage
Der Tunnel
Roman. 227. Auflage
Der 9. November
Roman. 51. Auflage
Die Heiligen
Novelle
Illustriert von Magnus Zeller
12. Auflage
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 17]:
... Die Anstrengungen seines Berufes hatten ihm fast sämtliche ...
... Die Anstrengungen seines Berufes hatten ihn fast sämtliche ...
[S. 103]:
... sich es bescheidener und war zufrieden, in der Komparerie ...
... sich es bescheidener und war zufrieden, in der Komparserie ...
[S. 180]:
... deren Namen Schwedenklee nie merken konnte. ...
... deren Namen Schwedenklee sich nie merken konnte. ...
End of Project Gutenberg's Schwedenklees Erlebnis, by Bernhard Kellermann