»Vielleicht kennst du mich doch nicht? Er ist ein netter Junge! Erst
fünfunddreißig.« Sie lächelte anmutig.
Schwedenklee ignorierte diesen impertinenten Angriff. Dabei war er
überzeugt, daß Nelly sich gar nichts aus Dunker machte -- es war ihm
übrigens völlig gleichgültig.
»Er ist nett. Und was das Reizendste an ihm ist, er ist solch ein Kind.
Er ist -- trotz allem -- ein kleiner Junge!«
»Wirklich?« Schwedenklee lachte anerkennend. »Gerade diese Naivität
liebe ich bei Männern.«
Hier richtete sich Nelly in ihrem Sessel auf. Sie gab ihrem Kopf einen
Ruck und schleuderte die Tasse auf den Teppich. Sie stand auf.
»Aber Nelly?« sagte Schwedenklee, scheinbar völlig erstaunt und gut
gelaunt.
»Was zuviel ist, ist zuviel!« Nellys Brauen flogen in die Höhe.
»Aber ich bitte dich, Nelly!«
»Wenn du mich loshaben willst --«, schrie Nelly mit funkelnden Augen.
»Einen Augenblick ..« Schwedenklee schloß eine Türe.
»Ach so!« sagte Nelly, voller Hohn.
Schwedenklee wurde rot, seine Schläfe zuckte.
»Sie ist ein Mädchen«, sagte er beruhigend, aber seine Stimme zitterte
etwas, im Gefühl der Befriedigung, ihren impertinenten Angriff von
vorhin mit gleicher Impertinenz erwidert zu haben. »Sie soll sich
erholen, und ich möchte jede Aufregung von ihr fernhalten.«
»Oh, welche Rücksichtnahme! Jede Aufregung von ihr fernhalten --!«
»Bitte, Nelly!« sagte Schwedenklee lächelnd, beschwichtigend.
Seine Ruhe und Gleichgültigkeit versetzten sie in Raserei. Ja,
Schwedenklee war als Gegner nicht zu verachten, wenn es darauf ankam.
»Bitte, Nelly«, äffte sie ihm nach. »Ich möchte jede Aufregung von ihr
fernhalten. Ja, ja! Halte mich nicht für so töricht ...«
Schwedenklee sandte ihr einen warnenden Blick zu. Er wußte -- und er
empfand es triumphierend --, daß sie jetzt verspielen würde.
»Du hast dich in ein kleines Mädchen verliebt, das ist alles«, schrie
Nelly außer sich. »Und alles andere -- das mit dem Freunde, mit der
Doppelwaise, mit dem Selbstmordversuch, ist einfach eine dumme Komödie!«
Sie ist verloren, dachte Schwedenklee mit Befriedigung -- und schon mit
einem gewissen Mitleid.
»Nelly!« sagte er beruhigend, beschwörend. »Ich schwöre dir, alles ist
Wahrheit. Du bist heute sehr erregt --«
Ja, Nelly war verloren. Sie schrie, sie verleumdete, beschimpfte. Sie
tobte und verließ rasend das Haus.
Schwedenklee tat aufs tiefste gekränkt und machte keinen Versuch, sie
zurückzurufen.
»Es ist sehr schade«, sagte Schwedenklee, als er allein war und sich mit
zitternden Fingern eine Zigarette anzündete. »Es ist sehr schade, daß
man mit Frauen nicht offen sprechen kann. Nun gut, daß es zu Ende ist!
Fort mit ihr! Fort mit allen -- ich will sie _alle_ nicht mehr sehen --
Gott sei Dank!«
Schwedenklee horchte an Ellens Türe. Kein Laut. Ellen hatte von der
ganzen Szene nichts gehört.
Einige Wochen später aber sagte Ellen: »Es war einmal eine Dame bei
Ihnen. Sie war sehr erregt. Ich möchte nicht irgendwie im Wege sein.«
»Aber Ellen! Wie können Sie so etwas denken. Sie sind zu jung, um das zu
verstehen!«
18
Schwedenklee hatte sich völlig verändert. In all den Wochen von Ellens
Genesung hatte er kaum das Haus verlassen. Ins Stammcafé kam er nicht
mehr. Man wunderte sich. Gerüchte schwirrten. Ein Stammgast berichtete,
Schwedenklee habe in einer Nacht, da er aus dem Café kam, eine junge
Dame -- eine Lebensüberdrüssige -- aus dem Kanal gezogen und zu sich ins
Haus genommen.
Er wies auf eine Notiz hin, die in den Zeitungen erschienen war.
Architekt S. rettete eine Lebensüberdrüssige, die aus Liebeskummer in
den Landwehrkanal sprang.
Kurzum, Schwedenklee erschien nicht mehr im Café, und eine Woche später
war er schon vergessen: ganz als ob er tot wäre.
Schwedenklee holte seine großen Mappen aus der Bibliothek. In der
Bibliothek befanden sich besondere Schränke, und in diesen Schranken
standen die Mappen, die er vor Jahren hatte anfertigen lassen. Es waren
zehn graue Mappen, herrlich gebunden -- manche enthielten gar nichts,
manche enthielten ein, zwei Skizzen, andere mehrere. Die Mappe
»Fabriken« war besonders umfangreich, die Mappe »Warenhäuser« ebenso.
Die dickste Mappe hatte die Aufschrift »Städtebau -- Verkehr«.
Über diese Mappe gebeugt saß Schwedenklee in all den Nächten, da er den
Schlummer Ellens bewachte.
Vor Jahren hatte er sich, man wird sich erinnern, mit
verkehrstechnischen Problemen Berlins intensiv beschäftigt. Es waren
seinerzeit sogar einige Notizen darüber in den Zeitungen erschienen. Es
gab in Berlin ein halbes Dutzend Bahnhöfe: die Bahnhöfe der Stadtbahn,
den Lehrter Bahnhof, den Potsdamer, Anhalter, Schlesischen Bahnhof -- es
war, mit einem Wort, ein völliges Durcheinander.
Schwedenklee aber hatte in der Arbeit vieler Jahre eine Lösung gesucht
und gefunden: von jedem beliebigen Punkte Berlins aus sollte man bequem
jede Reiseroute antreten können!
Schwedenklee plante einen Riesenbahnhof, der gegenüber dem
Reichstagsgebäude, mitten im Tiergarten, gelegen war und, über und unter
der Erde, im Zusammenhang stand mit sämtlichen bereits vorhandenen
Bahnhöfen.
Dieses interessante Problem fesselte ihn von neuem. Es schien ihm noch
schwieriger, noch interessanter geworden zu sein. Ganze Nächte hindurch
zeichnete er. Er plante die Veröffentlichung einer Broschüre, die
Berlin, die Behörden verblüffen sollte.
Ellen genas.
Der Arzt sagte: »Sobald die Witterung es erlaubt, heraus aus der Stadt.
Sie haben doch, höre ich, eine Besitzung auf dem Lande?«
»Ja.«
»Nun gut, dann sobald wie möglich aufs Land.«
Es war noch kalt, noch fiel Schnee, und schon machte Schwedenklee Pläne.
»Augusta,« sagte er, »halten Sie sich bereit. Wir werden bald aufs Land
gehen. Ich hoffe, Sie haben genügend eingekocht --«
Zu Ellen sagte er: »Liebe Ellen, der Arzt will, daß du aufs Land in
frische Luft kommst. Wir werden bald reisen. Aber, liebes Kind, wir
müssen dich etwas ausstaffieren.«
Herrliche und ganz wundervolle Tage für Schwedenklee, da er mit Ellen
einkaufte!
Wäsche, Kleider, Schuhe. Sie besaß ja _nichts_!
Ellen sträubte sich.
»Aber, erlaube doch,« sagte Schwedenklee, so bestimmt, daß Ellen nicht
zu widersprechen wagte, »wir leben nun einmal in dieser Welt! Du mußt
Kleider haben, Mäntel, Hüte, Schuhe ...«
Wochenlang waren sie in den Geschäften unterwegs.
Er stattete sie aus wie eine Braut, als ob sie seine Tochter wäre, die
er zu verheiraten hätte.
Obschon nur Junggeselle, wußte Schwedenklee ganz genau, was eine junge
Dame alles brauchte -- von den Taschentüchern angefangen bis zu den
Unterleibchen und Gürteln, an denen die Strumpfbänder befestigt sind.
Schwedenklee wußte genau, wie Taschentücher einer Dame gearbeitet sein
müssen, wie der Besatz eines Hemdes auszusehen hatte.
Es war Schwedenklees höchste Freude, wenn er sah, wie Ellen errötete,
weil sie sich in einem Kostüm, einem Mantel gefiel. Oder, wenn sie
erregt wurde beim Befühlen von Linnen und Batist.
Ellen war äußerst bescheiden, sie widerstrebte, aber zuletzt gelang es
ihm doch stets, sie umzustimmen. Zu Hause beobachtete er beglückt, wie
sie Hüte und Mäntel vor dem Spiegel aufprobierte und die Erregung ihre
Wangen färbte.
Es war ihm ein Genuß, mit Ellen auf der Straße zu gehen. Niemand ging
vorüber, ohne daß sein Blick gefesselt auf ihrem Gesicht geruht hätte.
Voller Stolz kassierte er all ihre Erfolge ein, die sie nicht einmal
bemerkte. Sie ging leicht, ihr Schritt war leise, wie der ihrer Mutter,
nie hatte er einen solch schwebenden Gang, eine solche natürliche Würde
bei einer Frau beobachtet. Sie ging wie ein Tier, eine Katze vielleicht,
unbewußt und schön, ihre schmalen Hüften spielten.
In einigen Geschäften gebrauchte man die Redensart: »Das gnädige
Fräulein, Ihre Tochter --«
Schwedenklee wurde verlegen, zuweilen blutrot -- Ellen lachte wie ein
Kind. Sie hatte die Gewohnheit, wenn sie schelmisch lachte, die oberen
Zähne in die Unterlippe zu drücken und etwas mit den Augen zu blinzeln.
Einige Sommerkleider für Ellen ließ Schwedenklee bei einer Schneiderin
Henrietta anfertigen, die er von Nelly her kannte.
»Ich begreife nun, weshalb Nelly so rasend eifersüchtig ist«, flüsterte
die Schneiderin eines Tages in unverschämt zutraulichem Tone.
»Ich bitte Sie, die Kleider, so wie sie sind, sofort an mich zu senden
und Rechnung vorzulegen«, schrieb Schwedenklee am gleichen Tage, empört,
daß die unverschämte Person Nelly und Ellen in einem Atem zu nennen
gewagt hatte. Ja, diesem Volke mußte man Manieren beibringen!
19
Endlich waren alle Einkäufe beendet. Koffer wurden gepackt. Der Tag der
Abreise aufs Land wurde festgesetzt.
Der Zug verließ den Bahnhof.
»Nun gehörst du ganz mir«, dachte Schwedenklee triumphierend, und seine
Erregung war so groß, daß seine Hände zitterten.
»Was denkst du?« fragte Ellen, verwirrt durch seinen Blick.
»Ich fürchte, Ellen wird sich langweilen«, erwiderte Schwedenklee
lächelnd, um seine Erregung zu verbergen.
»Ich? Auf dem Lande? Oh, nie!« rief Ellen aus. Dann saß sie still, mit
großen Augen, die erfüllt waren von Genugtuung, diese grauen Hauswände,
zwischen denen der Zug sich durchzwang, hinter sich zu lassen.
»Gott sei Dank!« flüsterte sie und atmete auf, als die Stadt zu Ende war
und die Wiesen kamen.
»Allmächtiger!« dachte Schwedenklee. »Wie wird es sein, wenn ich mit ihr
allein sein werde?«
* * * * *
Schwedenklees Landgut »Siebenbirken« lag an der Ostsee, ganz in der Nähe
von Warnemünde. Es lag nicht direkt am Meer, gewährte aber eine
herrliche Aussicht über die See.
Der Name stammte von Schwedenklee selbst. Früher hatte dieses Bauerngut
überhaupt keinen Namen gehabt, nur eine Hausnummer. Aber da gerade
sieben Birken vor dem Hause standen, hatte Schwedenklee den Besitz sehr
poetisch »Siebenbirken« genannt.
In einer Anwandlung von Weltflucht hatte Schwedenklee vor Jahren
»Siebenbirken« gekauft. Er wollte allein, zurückgezogen, »wie ein Bauer«
leben. Damals. Er hatte das Bauernhaus und die Wirtschaftsgebäude
gelassen, wie sie waren, etwas krumm, plump, mit Stroh gedeckt, und ein
Haus auf einem Punkte errichtet, der die schönste und vollkommenste
Aussicht über die See bot. Seit Jahren hatte er sich nicht mehr um
»Siebenbirken« gekümmert. Er hatte einige Monate -- damals als er
weltflüchtig war -- auf dem Landsitz verbracht und den Bau des
Landhauses geleitet. Als der Bau fertig dastand, war er noch eine Woche
geblieben. Aber am Ende der Woche hatte ihn das Grauen der Einsamkeit
erfaßt. Noch in der Nacht hatte er gepackt: es war ja nicht auszuhalten!
Mit dem Frühzug schon war er nach Berlin gefahren. Nur einige Male war
er noch auf zwei, drei Tage in all den Jahren nach Siebenbirken
gekommen, und stets hatte ihn das Gefühl trostloser Langeweile wieder
vertrieben. Nein, nein, er hatte kein Talent, einsam zu leben!
Verschiedenen Anwandlungen, das Landgut zu verkaufen, hatte er nur aus
Trägheit nicht nachgegeben.
»Ahnte ich etwas?« sagte er sich heute, in sein Inneres horchend.
Der Bauer, an den das Gut verpachtet war, holte sie in einem wackligen
Stuhlwagen ab.
Der Wagen war so klein, daß Augusta mit den Koffern und Kisten auf der
Station warten mußte.
»Wie wunderbar! Wie herrlich!« rief Ellen mit leuchtenden Augen aus, als
sie durch die scharfe Märzluft dahinfuhren. In den Wäldern lag noch da
und dort Schnee.
»Wird es dir hier gefallen?«
Ellen nickte freudig.
Am ersten Tage hätte Schwedenklee nahezu die gute Laune verloren: die
Mahlzeiten schienen ihm etwas sehr ländlich. Augusta ging mit Tränen in
den Augen, fiebernd, aufgelöst, in der völlig kahlen Küche hin und her.
»Es ist ja nichts da, gar nichts da!« sagte sie. Ellen hatte sich eine
von Augustas Schürzen umgebunden und versuchte durch ihre Munterkeit
Augustas Verzweiflung zu verscheuchen.
Am nächsten Tage fuhren Augusta und Ellen zur Stadt, um einzukaufen.
Bepackt mit Töpfen, Schüsseln, Kochlöffeln, Sieben, Porzellan, Gläsern
kehrte der Wagen zurück. Augusta strahlte.
* * * * *
Auf Siebenbirken lebten der Bauer mit seiner Familie, ferner zwei
Pferde, drei Kühe, ein Rudel Schweine, etliche dreißig Hühner, einige
Familien Gänse und Enten. -- Es gab einen Hund, eine Art Schäferhund,
fahlgelb mit dunkelgrauen Rückenhaaren, mit Namen Strolly. Diesen Hund
hatte Schwedenklee aufgezogen, zur Zeit, da er baute, und obschon er nur
zwei-, dreimal auf das Gut zurückgekehrt war, hatte der Hund ihn
wiedererkannt. Das rührte Schwedenklee. »Strolly«, furchtbar bissig und
rasend allen Fremden gegenüber, war liebenswürdig, untergeben, sittsam
und von äußerstem Entgegenkommen gegen Freunde. Schon am ersten Tage war
er zu Ellen übergegangen, obschon ihn sein Feingefühl hinderte, es allzu
deutlich zu zeigen. Sooft er Schwedenklee sah, tat er so, als ob er ihm
die gleiche Anhänglichkeit bewahrt habe. Sobald aber Ellen nur sichtbar
wurde, zeigte sich offen seine Heuchelei.
Es gab einen schwarzen, dicken Kater, Munki, der es liebte, sich auf den
Schultern spazierentragen zu lassen, ein menschenliebendes Tier, das
sich an den Beinen rieb, sobald man sich zeigte. Dick, befriedigt,
glücklich saß der Kater auf Ellens schmaler Schulter. Am dritten Tage
schon war auch er zu Ellen übergegangen.
Es gab eine Stute »Lotte«, die -- ein Phänomen -- mit der Zunge eine
Türklinke hob, sobald sie neben dem Pferdestall Stimmen hörte.
Es gab zwei Hähne, einen dicken alten, mit in hundert Schlachten
zerzausten Federn, und einen jungen -- schlank, graziös, mit den
Bewegungen eines Fechters --, die sich wie Teufel bekämpften. Zuweilen
wurde der jüngere von dem alten bis tief hinein in den Wald gejagt.
Es gab ein kleines Schwein, das zärtlich war wie ein Hund und sich gerne
den Kopf graulen ließ. Das waren die Besonderheiten von Siebenbirken,
sonst war es ein Landgut wie jedes andere. Nicht zu vergessen eine Gans,
die -- ein Einzelgänger, nicht auf dem Hof gebrütet -- von den übrigen
Gänsen verleugnet und gehaßt wurde und den Menschen wie ein Hund folgte.
Sonst wie überall: Geschrei, Gegacker, Lärm, Blöken, und die Jauche rann
aus den Ställen in den großen Misthaufen des Wirtschaftshofes.
Beglückt beobachtete Schwedenklee, daß Ellen auf dem Gute auflebte. Vom
Morgen bis zum Abend war sie unterwegs in Ställen und Scheunen. Munki,
der schwarze Kater, saß auf ihrer Schulter, Strolly sprang ihr bis an
die Ohrläppchen -- und sie zankte den fetten Hahn aus, der sich gegen
den jungen, den sie »Spanier« nannte, albern und eifersüchtig benahm.
Die Blässe ihres Gesichtes verlor sich, zartrotes Geäder erschien auf
den Wangen. Ihre Stimme zwitscherte fröhlich.
Nur dann und wann saß sie in sich versunken abseits, den Blick gequält
in die Ferne gerichtet. An diesen Tagen sprach sie nur selten, leise,
die Stirn zerknittert. Ihr Blick war verschleiert von Schwermut, die
Gedanken ferne.
Ein Zittern durchrieselte sie, wenn man sie berührte. Abends brannten
dann zwei Kerzen in ihrem Zimmer, und am Morgen erschien sie bleich,
verstört, mit geröteten Augen. Aber immer seltener wurden diese Anfälle
schwerer Traurigkeit, die Schwedenklee, besonders anfangs, sehr
beunruhigten.
Ellen interessierte sich für alles, was in der Wirtschaft vorging. Sie
war als Stadtkind nur flüchtig mit dem Lande in Berührung gekommen. Was
für Futter erhielten Hühner und Schweine, weshalb wurde der Acker
gewalzt, wie kam es, daß der Klee zwei, drei Jahre stand, was war
eigentlich »Winterroggen«, von dem so viel die Rede war -- über all das
konnte sie nicht ausführlich genug mit dem Bauer sprechen, und sie
fragte auch Schwedenklee unausgesetzt, Schwedenklee, der kaum Weizen von
Roggen zu unterscheiden vermochte.
Als die Pferde zum erstenmal auf die Koppel durften, war es ein
richtiger Festtag für Ellen. Sie selbst brachte die Pferde in den Stall
zurück. Sie lernte sogar das Melken der Kühe. Schwedenklee hatte sich
nie überwinden können, das Euter einer Kuh zwischen die Finger zu
nehmen.
»Dir gefällt es hier?« Seine größte Sorge war, daß es ihr schließlich
doch nicht gefallen könnte. Allein, fern von allen Menschen wollte er
sie haben. Ja, so mußte es sein, grenzenlos war sein Egoismus, das
Schicksal hatte gesprochen.
»Wir werden also hierbleiben? Du wirst sehen, es ist gar nicht zu
langweilig. Wenn erst die Badegäste kommen werden.«
Ellen zog die Braue hoch, ihre feine nervöse Braue. »Ich will keine
Menschen sehen!«
Wie dankbar war Schwedenklee.
»Du willst also vorläufig nicht nach Berlin zurückkehren?«
»Berlin?« Ellen war entsetzt. »Ich will bei Strolly und Munki bleiben!«
Schwedenklees Gesicht wurde dunkel: er war eifersüchtig auf die Tiere
...
20
Schwedenklee hatte sich von dem Dorftischler einen großen Zeichentisch
nach eigener Angabe anfertigen lassen. Hingegeben an seine Idee
zeichnete er: er hatte nun den großen Berliner Zentralbahnhof weiter in
den Tiergarten hinein verlegt. Er brauchte -- ja, was er brauchte, das
war vor allem Platz! Monumentalität, Raum, Auffahrts- und
Abfahrtsalleen! Nicht, daß man nach zehn Jahren sagte: bei aller
Genialität, Schwedenklee hat es nicht verstanden, zehn, zwanzig, fünfzig
Jahre in die Zukunft zu blicken. Eine Stadt wie Berlin ging wie eine
Mine hoch! Also Raum -- immer tiefer hinein in den großen Tiergarten --.
Aber schon nach kurzer Zeit beschäftigte ihn eine neue Idee
leidenschaftlich.
Das Landhaus war zu klein! Es war nur für ihn, Schwedenklee, berechnet.
Er hatte es seinerzeit mit Absicht so klein gehalten: anders würden ihn,
hatte er befürchtet, fortwährend Bekannte überlaufen! Von einem kleinen,
sehr bescheidenen Gastzimmer abgesehen, das unter dem Dache lag,
enthielt es nur drei Zimmer. Schwedenklee hatte sich auf einen Raum
beschränkt, Ellen bewohnte das andere Zimmer, dazwischen lag die
»Halle«, die als Speiseraum diente. In dem Giebelzimmer hauste Augusta.
Schwedenklee beschloß, das Landhaus in großem Stil auszubauen. In großem
Stil? Nein, in allergrößtem Stil, mochte es kosten, was es wollte.
Tagelang tat er geheimnisvoll. Als er mit sich im reinen war, rief er
Ellen an den Zeichentisch.
Sie kam, den schwarzen Kater auf der Schulter. Strolly sah eifersüchtig
zum Fenster herein und winselte flehentlich.
Lieber Himmel, was für ein stattliches Gebäude das Landhaus plötzlich
geworden war! Nach beiden Seiten und nach der Höhe baute Schwedenklee
aus.
Ellen stimmte allen Plänen zu. So und so -- erklärte Schwedenklee. »Und
du sollst ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer haben -- mit einer kleinen
Loggia.«
»Oh, wie fein!« rief sie aus. »Aber ich brauche alles gar nicht. Ich bin
so zufrieden mit meinem Zimmer!«
»Und hier, siehst du, werden wir das Badezimmer hinausbauen!«
Schwedenklee schwebte eine Art Glashaus vor: in der Mitte ein versenktes
Bassin, ringsum eine Art Gewächshaus mit Palmen, Blattpflanzen, Kakteen.
Schwedenklee sprach mit auffallend unsicherer, stotternder Stimme. Ellen
war hell begeistert.
Schwedenklee verlor sich in Einzelheiten. Erschrocken und fast mystisch
erregt erinnerte er sich, daß er die gleichen Pläne, ganz die gleichen,
mit Ellens Mutter, der unglücklichen Ellen, in vielen Stunden
durchgesprochen hatte! Sein Atem stockte. Wie viele Jahre ist es her?
Und nun steht sie hier, ihre Tochter --! Jetzt aber sollten die Pläne
Wirklichkeit werden!
»Und dann,« sagte er, atemlos vor Erregung -- denn Ellen schmiegte sich,
zärtlich, mädchenhaft, an seine Schulter -- »weißt du, wenn alles fertig
ist, was ich dann tun werde?«
Ihr schönes reines Auge blendete. »Nein.«
»Dann werde ich Siebenbirken der kleinen Ellen schenken.«
»Ich will es nicht haben!« rief Ellen aus, und ihr Blick verriet
Unsicherheit und Argwohn. Sie löste leise die Hände von seiner Schulter
und lief verlegen lachend davon.
»Meine Freude!« stammelte Schwedenklee und erhob sich schwankend, indem
er ihr mit den Blicken folgte.
21
Schon in der nächsten Woche kamen die Werkleute, und der Umbau und
Ausbau des Hauses begann. Es wimmelte auf Siebenbirken plötzlich von
Handwerkern.
Schwedenklee erhob sich schon am frühen Morgen. Er ging mit dem
Meterstab hin und her. Er fertigte für Maurer und Zimmerleute und
Tischler Detailzeichnungen an.
Man muß es zugeben, in den letzten Jahren war Schwedenklee die
Entschlußkraft einigermaßen abhanden gekommen. Er sollte zum Beispiel
einen wichtigen Brief schreiben. Er konnte sich nicht dazu aufraffen. Da
ist dieser Brief, dachte er, es wird höchste Zeit! Aber die Tinte war
dick geworden. Der Brief unterblieb.
Schwedenklee hatte sich sehr geändert. Er sieht, daß eine Latte an einem
Zaun lose ist. Sofort holt er Hammer und Nägel und hämmert, daß es
lustig widerhallt.
Da steht ein alter Fliederbusch, dessen Blätter matt herabhängen.
Schwedenklee hätte früher nie einen Finger gerührt. Jetzt holte er
sofort einen Hammer und einen langen Zimmermannsnagel und meißelt Löcher
in den zementharten Lehm rings um den Stamm.
»Was tust du?« staunt Ellen, hingerissen und voll äußerster
Verwunderung.
Schon schleppt Schwedenklee Wasser heran und gießt die Löcher voll,
sorgfältig, geduldig, bis der Zement sich erweicht. Schon am zweiten
Tage stellen sich die matten Blätter des Fliederbusches steif und prall.
Und Ellen staunt!
Schwedenklee ließ sich wiegen -- auf derselben Wage, wo die Schweine, in
einem Holzverschlag, gewogen wurden. Sein Gewicht war außerordentlich
hoch. Er verschwieg es! Aber man sah ihn nun schon am frühen Morgen mit
dem Spaten im Garten. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts den
ganzen Tag über. Nach einer Woche hatte er bereits fünf Pfund verloren.
Nun begann Schwedenklee schwere Steine, Feldsteine, die in Massen an
einer Hecke angehäuft waren, zu schleppen und zu rollen. Er hatte
beschlossen, einen Steingarten zu bauen. Der Schweiß rann ihm in Strömen
von der Stirne.
In dieser Woche nahm er acht Pfund ab. Schon waren ihm die Hosen zu
weit. Sein Gang war leichter, er lief sogar zuweilen, allerdings nicht
lange, da ihm der Atem kurz wurde. In seine schlaffen Arme kam wieder
Kraft.
Zuweilen strichen Radfahrer flink an Siebenbirken vorbei. Mit einem
merkwürdigen Interesse sah Schwedenklee diesen flinken Radfahrern nach.
»Kannst du radfahren, Ellen?« fragte er eines Tages, voller
Entschlossenheit.
»Nein!«
»Vielleicht wäre es hübsch, Partien zu machen?«
»Oh!«
Schon fuhr Schwedenklee in die Stadt und brachte zwei funkelnagelneue
Räder mit.
Ja, bei Gott, vielleicht hatte Schwedenklee sich doch etwas zuviel
zugemutet! Er fuhr vor etwa zwanzig Jahren Rad und glaubte nicht, daß es
möglich wäre, diese Kunst zu verlernen? Kaum aber hatte er das Rad
bestiegen, als er schon auf der anderen Seite in das Gras hinabstürzte.
Augusta lachte, Ellen lachte, die Handwerker lachten. Wurde Schwedenklee
böse? O nein, auch Schwedenklee lachte. Kühn fuhr er einige zwanzig
Meter geradeaus, um bei einem Holzhaufen zu kentern.
Ellen, zierlich, leicht, gewandt, kletterte in das Rad, und Schwedenklee
führte die Maschine voller Vorsicht. Ellen schrie, lachte -- und wenn
sie fallen sollte, landete sie an Schwedenklees Schulter.
Schon am vierten Tage nach den ersten Übungen unternahmen sie eine
kleine Radtour, die so reich an Erlebnissen war, daß sie tagelang
darüber sprachen.
Schwedenklee wurde in der Tat täglich schlanker. Sein Blick wurde
offener, freimütiger. Seine dicken roten Prälatenwangen wurden flächig
und braun, sein Körper straffte sich. Seine Stimme bekam einen
metallischen Klang.
Schwedenklee trug beim Lesen eine Hornbrille. Einmal trat Ellen ein, die
ihn nie mit dieser abscheulichen Brille gesehen hatte. Sie lächelte, ja
sie mußte laut herauslachen.
In Zukunft trug Schwedenklee diese Brille nicht mehr. Die frische Luft,
die Bewegung stärkten seine Augen in wenigen Wochen so sehr, daß er
keine Brille mehr brauchte.
* * * * *
Eine ganze Woche regnete es. Schwedenklee zeichnete wieder an seinem
Zentralbahnhof.
Dann packte er die Geige aus und begann, lustlos anfangs, Instrument und
Klang entfremdet, ganz leise zu spielen.
Da erschien Ellen plötzlich -- ganz entgeistert! -- in der Türe.