Schwester bewundernd die Hand »Was für eine prächtige Frau sind Sie
doch!« Diese ungeschlachte, kalte Person, ja, es gab immer noch
Menschen! »Ich komme für alles auf, Schwester Anna,« stotterte er
verlegen. Immer noch zitterte er am ganzen Körper, und seine Zähne
klapperten. Seine Nerven hatten völlig versagt.
»Wir haben nichts, auch nicht einen Pfennig, nur Schulden.«
»Nun, so nehmen Sie, bitte. Ich gehe. Morgen früh bin ich wieder hier,
ich habe heute nicht länger Zeit.«
»Einen Augenblick!« sagte Schwester Anna und nahm ein Päckchen Briefe
von einem verstaubten Brett.
»Das hier ist für Sie, und hier ist ein Brief, den Blank gestern
schrieb.«
»Danke«, stammelte Schwedenklee und stürzte mit seinem Zylinder die
Treppe hinab.
Noch heute wußte Schwedenklee nicht zu sagen, wie er wieder in sein
Stadtviertel zurückgekommen war. Er erwachte aus einer Art von geistiger
Starre, als der Chauffeur die Türe des Autos öffnete. Zu seinem großen
Erstaunen stand das Auto vor seinem Stammcafé.
In einem völlig verstörten, entgeisterten Zustand kam Schwedenklee in
den Billardsaal. Ohne zu denken hatte er offenbar dem Chauffeur das
Stammcafé genannt.
Niemand sprach ihn an, der Kellner wagte kaum guten Abend zu sagen --
jeder fühlte, daß mit Schwedenklee etwas Außergewöhnliches geschehen
war.
»Lieber Freund!« Hinter einer Zeitung verborgen, zitternd an allen
Gliedern, zuweilen Kaffee schlürfend, um seine Erregung zu verbergen,
entzifferte Schwedenklee Blanks letzten Brief.
»Lieber Freund! Ich habe große Eile. Schon umhüllen mich die Schleier
des Todes. Ich verbrenne vor Qual. Der Gedanke an Sie ist mein einziger
Trost, und ich klammere mich an Sie.
Erbarmen Sie sich meiner Tochter Ellen! Beim Andenken Ihrer Mutter --
erbarmen Sie sich meines Kindes. Ich übergebe Ellen Ihrem Schutz!«
Schwedenklee zitterte, totenbleich im Gesicht, hinter seiner Zeitung.
Der Bassist Schwarz näherte sich.
»Nelly ist bitterböse auf Sie!« schrie er laut lachend. »Sie hat eine
Stunde auf Sie gewartet, mein Gott, wie böse sie war!«
Schwedenklee wich dem Blick des Sängers aus.
»Verzeihen Sie«, sagte er leise und stockend, bebend vor verhaltener
Erregung. »Ich komme soeben vom Sterbebett eines Freundes.«
»Oh, ich bitte um Entschuldigung«, stammelte Schwarz und begab sich
rasch zu den Kartentischen.
»Ich übergehe Ellen Ihrem Schutz ...«
Heiß stieg ein heiliges Gelübde aus Schwedenklees Herzen. Plötzlich nahm
er Pelz und Zylinder, und mit einem verwirrten Lächeln auf dem
verstörten Gesicht eilte er zum großen Erstaunen der Gäste rasch die
Treppe hinab.
* * * * *
In den folgenden Tagen sah man Schwedenklee sehr geschäftig: im
Zylinder, schwarzem Überzieher. Er fuhr im Auto ab, er kehrte im Auto
zurück. Den ganzen Tag war er unterwegs, er aß in der Stadt. Er sprach
fast nichts, seine Miene war ernst, feierlich.
Stundenlang ging er, tief in Gedanken versunken, durch die Zimmer seiner
Wohnung. Endlich war er ins reine gekommen. Er klingelte Augusta.
»Augusta,« sagte er, »wir müssen diese Zimmer umräumen. Sagen Sie dem
Portier, daß er mir morgen früh helfen soll. Ich --« er verlor unter
Augustas Blick die Sicherheit -- »wir werden Besuch bekommen. Die
Tochter meines verstorbenen Freundes wird bei uns wohnen.«
Augusta legte den Kopf auf die Seite, zog den Mund breit und betrachtete
ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Dann wandte sie sich hastig ab und schlug
die Türe zu. Das war Augustas Antwort.
»Nun gut,« dachte Schwedenklee, »soll sie gehen, die alberne Gans!«
An einem Nachmittag fuhr ein Auto vor Schwedenklees Haus vor. Zuerst
stieg Schwedenklee aus, sehr erregt, scheue Blicke um sich werfend, und
dann eine schmächtige, ganz in Schwarz gekleidete, tief verschleierte
junge Dame, die eine armselige kleine Handtasche trug und den Blick auf
den Boden heftete.
Unbeweglich, hilflos stand die junge verschleierte Dame auf der Treppe,
während Schwedenklee den Chauffeur entlohnte.
»Augusta!« rief Schwedenklee. Aber niemand regte sich, das Haus schien
verlassen.
Schwedenklee war äußerst verlegen und sehr aufgeregt.
Er hatte zwei kleine Zimmer seiner Wohnung mit antiken Möbeln hübsch und
anheimelnd eingerichtet, so daß ein junges Mädchen von Geschmack daran
Gefallen haben mußte. Sogar einen kleinen elektrischen Ofen hatte er
angeschafft, damit sein Gast nicht frieren solle.
»Ich habe diese kleinen Zimmer für Sie eingerichtet, Ellen«, sagte
Schwedenklee mit unsicherer Stimme. »Hoffentlich fühlen Sie sich wohl
hier. Auf jeden Fall, Sie sind hier ganz zu Hause.«
»Danke«, sagte die tief verschleierte junge Dame tonlos, ohne einen
Blick in die Zimmer zu werfen, die Augen zu Boden gerichtet,
unbeweglich.
»Jedenfalls vergessen Sie nicht, daß Sie hier ganz zu Hause sind«,
wiederholte Schwedenklee verwirrt und ging zur Türe. »Sie werden gleich
Tee bekommen. Ich denke, Sie wollen allein sein, und werde Ihnen Augusta
schicken.«
Das Mädchen in schwarzer Kleidung wandte sich ihm zu.
»Dank für alles, was Sie für Papa getan haben«, flüsterte sie tonlos,
ohne den Blick zu heben. Sie zitterte heftig. Und plötzlich fiel sie vor
Schwedenklee in die Knie. »Dank!«
Schwedenklee hob den schlanken, zarten Körper auf. Er war aufs tiefste
erschüttert.
»Sie sollen nicht so sprechen. Es ist ja alles selbstverständlich.«
Rasch verließ er das Zimmer.
»Jetzt ist sie hier! Jetzt ist sie bei mir!« flüsterte Schwedenklee, als
er die Türe seines Zimmers hinter sich geschlossen hatte, und ein Strom
von Glückseligkeit durchrann ihn.
16
Immer noch sah er sie vor sich, wie sie, die schlanken Hände verkrampft,
mit dem Ausdruck letzter Inbrunst, Andacht, Aufgelöstheit vor dem Bette
kniete, das bleiche, schöne Antlitz verklärt von unbegreiflichem
Schmerz. Eigentlich, sagte er sich, sah sie aus, als ob sie grenzenlos
erstaunt wäre, ja, Staunen, Verwunderung -- nein, ich weiß nicht, es ist
jedenfalls nicht in Worten auszudrücken.
Unauslöschlich hatte sich dieses Bild in sein Gedächtnis eingegraben.
Er liebte es, sich diesem Anblick hinzugeben, obschon ihn die Dampfwolke
peinigte, die aus dem verzerrten Munde des Sterbenden über die rauhe
Wolldecke fuhr.
Dann sah er sie, in letzter Schärfe, in ihrer Trauerkleidung vor sich.
Das schwarze Hütchen, der schwarze Schleier, der ihr Gesicht ganz
durchsichtig erscheinen ließ -- ihre Lippen, ihr atmender Mund, ihr
scheues Tierauge, die Grübchen in ihren glatten Wangen -- und wie bei
ihrer Mutter war das Grübchen auf der rechten Wange etwas tiefer als auf
der linken. Die schwarze Halskrause, aus der ihr feiner Nacken stieg,
ganz wie Ellens, der Mutter, Nacken. Und nun war sie hier!
Lieber Himmel, Schwedenklee war ganz verwirrt!
Es war nicht leicht gewesen, Ellen, die der Schmerz fassungslos gemacht
hatte, in ein Magazin für Trauerkleider zu bringen. Hundertmal
wiederholte Schwedenklee mit unendlicher Geduld: »Aber Sie können doch
nicht _so_ Ihren Vater beerdigen, seien Sie doch vernünftig!«
Endlich ließ sie sich bewegen. Aber sie wünschte das Kleid so einfach
wie nur möglich. Die Verkäuferinnen, gerührt von ihrer Schönheit und
Hilflosigkeit, bemühten sich um sie. Schließlich stand sie fertig
angekleidet vor dem Spiegel. Sie blickte hinein und errötete!
Blitzschnell ergoß sich die Röte, zart, wie ein Hauch, über ihr Gesicht
und ihren Nacken -- ganz wie bei ihrer Mutter. Sie errötete, weil sie
sich in der Trauerkleidung gefallen hatte.
»Und nun neue Schuhe, Ellen!«
Sie sah ihn verständnislos an, während sie im Wagen weiterfuhren.
»Aber Sie können doch nicht in diesen abgetretenen Schuhen --?«
»Aber weshalb sorgen Sie sich um mich?« fragte sie unwillig, die kleine
Stirn zerknittert, und preßte die Hände an die zarten Schläfen.
»Sie vergessen es immer wieder: ich bin ein Freund Ihrer Mutter und
Ihres Vaters.«
Ellen nickte. »Ich vergaß es, ja!«
»Nun will ich alles tun, wie Sie es wünschen«, sagte sie und schmiegte
sich an ihn, in kindlicher Aufwallung, obschon sie neunzehn, zwanzig
Jahre alt sein mußte. »Ich will gehorsam sein.«
Schwedenklee sagte ihr, daß sie sich wegen ihrer Zukunft keine Sorgen zu
machen brauche.
Sie sah ihn ohne jedes Verständnis an. »Ich mache mir ja keine Sorgen.«
»Ich verstehe wohl. Sie müssen aber doch irgendwo bleiben.«
»Bleiben?« Feindselig blendete ihr Blick.
»Ja, natürlich. Sie müssen essen, trinken, schlafen.«
»Nein, nein« -- unterbrach sie ihn -- »nein, das muß ich nicht!«
»Sie haben mir versprochen, an all diese Dinge für Sie denken zu
dürfen.«
»Ja!«
Nach einer Pause fühlte er ihren Blick.
»Papa ist sehr arm gewesen, aber er war trotzdem ein großer Künstler!«
»Ein großer Künstler!«
Ellens scheues, verstörtes Tierauge wanderte ruhelos.
Fragmente ihrer kurzen Gespräche fielen Schwedenklee ein, Blicke,
Bewegungen. Als man den Sarg abholte, kniete Ellen in der Ecke der
Stube. Bei der Beerdigung war Ellen gefaßt. Sie stand wie versteinert,
den Blick zu Boden gerichtet. Sie waren nur zu dritt. Ellen, er, die
weißblonde Schwester, die heftig weinte.
Bei ihrer Mutter waren es nur zwei, dachte Schwedenklee: Blank und
Ellen. Und er erinnerte sich, daß Blank ihm schrieb, er habe sich auf
die Erde geworfen ...
Augusta servierte mit feuchten Augen, mit reuevoller Weichheit, das
Abendessen.
»Sie werden uns also nicht im Stich lassen?« fragte Schwedenklee,
kauend, ohne vom Teller aufzusehen.
»Sagte ich denn das?« Schon weinte Augusta, diese gute Seele. »Ich habe
ihr zugeredet, und sie hat eine Tasse Tee getrunken. Nun will ich sehen,
daß sie noch ein Ei ißt, dieses arme Kind!«
Schwedenklee verbrachte den Abend zu Hause. Die Aufregungen der letzten
Tage hatten ihn so sehr mitgenommen, daß es ihm unerträglich gewesen
wäre, Menschen zu sehen. Er genoß jede Minute des Alleinseins. Seit
vielen Jahren hatte er einen solch zufriedenen, ausgeglichenen Abend
nicht gehabt. Er strich an seiner Bibliothek entlang. »Ich werde ein
schönes Buch lesen, ja!« Seit Jahren hatte er nicht mehr die Sammlung
besessen, sich auf ein umfangreicheres Werk einzulassen.
Er zog eine Reihe von Büchern heraus, ohne sich entschließen zu können.
Die »erotische Abteilung« betrachtete er mit einem verächtlichen
Lächeln.
»Augusta?« Schwedenklee erschien in der Küchentür! »Was macht unser
Gast?«
»Sie hat jetzt den Hut abgenommen. Sie will versuchen zu schlafen, sagte
sie.«
»Hat sie das Ei gegessen?«
»Sie versprach es zu essen.«
Schwedenklee klopfte an Ellens Türe.
»Ich will Ihnen gute Nacht sagen«, sagte er mit väterlicher Wärme, indem
er den Kopf ins Zimmer streckte. »Haben Sie noch irgendwelche Wünsche?«
»O nein, danke«, antwortete Ellens kleine Stimme, ganz fern.
Ellen hatte wirklich den Hut abgenommen. Sie stand mitten im Zimmer und
wandte ihm ihr scheues, helles Auge zu.
»Schlafen Sie wohl. Und wenn Sie Wünsche haben, so klingeln Sie.«
»Ich habe keine Wünsche, danke!«
»Hier ist jener Brief, den Ihr Vater mir hinterließ. Ich lege ihn
hierher, vielleicht haben Sie jetzt Sammlung genug, ihn zu lesen.«
»Danke!« Regungslos stand Ellen.
* * * * *
Das Leben hat merkwürdige Einfälle, dachte Schwedenklee verwundert und
triumphierend zugleich. Ist es nicht sonderbar, daß Ellens Tochter, die
wiedergeborene und verjüngte Ellen, bei mir ist? Wer hätte sich das je
träumen lassen?
Dank einer Fügung des Schicksals habe ich, ohne mein Zutun, plötzlich
eine Tochter bekommen -- ein wunderbares Wesen, ein Kleinod dazu -- den
angebeteten Liebling unglücklicher Eltern ...
Ja, in der Tat, es war das alte Glück Schwedenklees, immer noch folgte
es ihm wie sein Schatten. Wie man sich erinnern wird, erhielt er den
Titel eines »Oberbaurats« vom Oberkellner des Cafés, ohne jede
Anstrengung -- ohne jedes Verdienst hatte ihn das Schicksal plötzlich,
gänzlich unerwartet, mit einer Tochter beschenkt.
Schwedenklee war ganz erfüllt von seinem Glück. Als Blank, dieser gute,
arme Blank, dachte er, mir seinerzeit auflauerte, ahnte ich damals
nicht, daß diese merkwürdige Begegnung eine besondere Bedeutung für mein
Leben haben wird? Wie? Und Blanks unverständliche Bemerkungen,
Anspielungen, seine prüfenden Blicke -- ja, nun verstehe ich alles. Sie
ist in guten Händen bei mir, teuerster Freund -- unwillkürlich hatte er
Blanks Tonfall nachgeahmt, als er »teuerster Freund« sagte.
Schwedenklee hatte die Briefe, die ihm Schwester Anna als ein
Vermächtnis Blanks in der eisigen Küche überreichte, schon flüchtig
durchflogen. Nun aber war er in der ausgeglichenen, ruhigen Verfassung,
sie genauer zu lesen.
Es waren im ganzen sechs Briefe, kürzere und längere, die er an Ellen
von Paris aus geschrieben hatte. Er erkannte seine Handschrift wieder --
seine Handschrift vor zwanzig Jahren --, heute schrieb er etwas
kräftiger und klarer.
In dem ersten Briefe nach Ellens Abreise schrieb er ihr, daß er in ihr
Zimmer gezogen sei (im Hotel Panthéon) und daß sie gegenwärtig sei in
Möbeln und Wänden und tausend kleinen Dingen.
Es lag ja so nahe, dies zu schreiben! Aber, sagte sich Schwedenklee,
welch bodenlose Verlogenheit! Um 9 Uhr abends reiste Ellen, ich weiß es
noch genau -- um 10 Uhr speiste ich mit Fräulein Svenska, mit der
rotbäckigen Schwedin, in diesem Zimmer -- und am nächsten Morgen schrieb
ich diesen Brief.
Und hier, das war offenbar die Antwort auf einen Brief Ellens, in dem
sie ihm für ein Darlehen dankte.
»Kein Wort, liebste Freundin,« schrieb er, »ich bin glücklich, Dir
gefällig sein zu können. Es ist ja so selbstverständlich! Es gibt eine
Solidarität des Adels, der Reichen, sollte es nicht auch eine
Solidarität der Künstler und geistig Schaffenden geben?«
Lesen wir dies nochmals, sagte Schwedenklee, habe ich wirklich diese
Phrasen geschrieben? Ja, er hatte Ellen ganze tausend Franken geschickt
und auf ihren Dankesbrief mit derartig hochtrabenden Worten geantwortet!
In einem anderen Brief entwickelte er mit großer Beredsamkeit und vieler
Wärme ein System, wie die Künstler und geistig Schaffenden zu leben
hätten! Wie Mönche, nicht anders, arm, anspruchslos, materielle Genüsse
und Güter verachtend, nur ihrer Kunst ergeben, in einer
kameradschaftlichen Gemeinschaft. Alle, die dem »Orden« angehörten,
hätten ihre Einnahmen der Gemeinschaft zu überweisen -- um der Welt ein
Beispiel zu geben, wie die Menschen eigentlich leben sollten. Es sollte
künftig nicht mehr Maler geben, die Millionen verdienten, während ihre
Kollegen darbten -- nein, die Millionen der Erfolgreichen sollten in die
Kasse der Gemeinschaft der Maler fließen. Wie bei den Malern, so bei den
Musikern, den Schriftstellern --
»Sind das meine Worte, wahrhaftig? Habe ich je solchen Anschauungen
gehuldigt?«
Schwedenklee war erstaunt, ja förmlich verblüfft, auf diesen ihm
gänzlich fremden, jungen Schwedenklee zu stoßen.
War dieser Einfall vielleicht schlecht? O nein, nein!
War es nicht im Gegenteil ein herrlicher Gedanke? Und was ist daraus
geworden?
Nichts, nichts.
Schwedenklee erhob sich, verlegen. Wirklich nichts! Ich habe diese Idee
ganz einfach -- _vergessen_.
Je länger er in den Briefen las, desto mehr erkannte er, daß der frühere
Schwedenklee und er eigentlich zwei völlig verschiedene Personen waren.
Schwedenklee der Jüngere, der leidenschaftlich soziale Probleme
erörterte, dessen Religion, wie er schrieb, die »Kameradschaft« war --
und Schwedenklee der Ältere, der sich, Gott weiß es, den Kopf nicht mehr
mit derartigen Dingen zerbrach. Ja, in der Tat: zwei Welten. Ein
behaglicher Bourgeois war aus dem jungen Schwedenklee geworden, gestehen
wir es nur -- ein Bourgeois wie die andern, mit genau den gleichen
Ansichten wie der Kaufmann Jaffe, der Kinderkleider fabriziert.
O ja, wahr! Wahr!
Ähnliche Anschauungen kehrten in all den Briefen wieder. Tapfer hatte
sich Schwedenklee der Jüngere den Problemen entgegengeworfen.
»Vorurteilslosigkeit und Mut brauchen wir,« schrieb er, »um dem Leben
entgegenzugehen, das vor uns liegt ...«
Schwedenklee las und staunte. War er das wirklich? Etwas wie ein leises
Schamgefühl überkam ihn.
In einem Briefe fand sich diese Stelle: »Ich finde ja an und für sich,
daß wir schon korrumpiert sind. Wir Künstler müßten gekleidet sein wie
Monteure und Arbeiter, in Manchesterhosen, wir müßten _betonen_, daß wir
und die Bourgeoisie verschiedene Welten sind.«
Er? Er, Schwedenklee in Manchesterhosen? Er bekam einen roten Kopf.
Ja, was ist doch aus diesem Schwedenklee geworden? Mit einem verlegenen
Lächeln erhob sich Schwedenklee. Was ist aus mir geworden? Sein ganzes
Leben, das Leben der letzten zehn, zwanzig Jahre erschien ihm plötzlich
unverständlich ...
* * * * *
»Herr Schwedenklee!«
Jemand pochte an der Türe. Es war Augustas Stimme.
Schwedenklee streifte die Uhr mit einem Blick. Es war schon spät in der
Nacht.
»Was wollen Sie, Augusta?« fragte Schwedenklee, weich und versöhnlich
gestimmt.
»Es ist etwas nicht in Ordnung mit dem Fräulein.«
»Wie --?«
»Ja, es ist etwas nicht in Ordnung!«
Augenblicklich erschien Schwedenklees fahles Gesicht in der Türe.
»Erst stöhnte sie so eigentümlich und jetzt antwortet sie nicht mehr.«
Tödlich erschrocken eilte Schwedenklee an Ellens Türe und pochte. Erst
leise, dann ohne jede Rücksicht.
Nichts regte sich, kein Laut. Aber durch das Schlüsselloch schimmerte
Licht.
Schwedenklees Blicke begegneten dem entsetzten Auge Augustas. Das Haus
schwankte.
Rasch, ohne zu denken, eilte er durch die Zimmer und klinkte die Tür
auf, die vom Speisezimmer in Ellens Räume führte. Diese Türe war offen:
Auf das Sofa gekauert sah er Ellen, in ihren Trauerkleidern, bleich,
still, die blutleeren Lippen schmerzvoll geöffnet, die Augen
erschrocken, wie die eines überraschten Tieres, auf ihn gerichtet. Ihre
kleine Hand hing herab, wie gebrochen ... es tropfte und rieselte --
Sofort übersah Schwedenklee alles.
»Aber mein Kind!« rief er aus und berührte die schmale Schulter. Er war
selbst totenbleich und zitterte an allen Gliedern. In diesem Augenblicke
erkannte er ganz die Größe der Leidenschaft, die ihn für dieses Wesen
erfaßt hatte.
Mit den gleichen Augen eines überraschten, erschrockenen Tieres blickte
ihn Ellen an.
»Verzeihen Sie mir«, flüsterte sie, ohne jede Regung.
Mit der Scherbe eines zerschlagenen Glases hatte Ellen sich die Pulsader
geöffnet.
Um den Teppich nicht zu beflecken, hatte sie eine Blumenvase unter die
herabhängende Hand gestellt.
Im Hause wohnte ein Arzt. In kaum zehn Minuten war er da. Es bestand
keine Gefahr für Ellens Leben.
Schwedenklee schloß die ganze Nacht kein Auge. Kreidebleich, zuweilen in
Ellens Zimmer lauschend, schlich er schwankend in seiner Wohnung hin und
her. Er zitterte und fror entsetzlich. Laß sie leben, großer Gott im
Himmel! Ja, in der Tat, Schwedenklee betete.
Und wieder stand er im dunkeln Speisezimmer und lauschte gegen die
offene Tür. Sie schlief -- ruhig und langsam ging ihr Atem. Der Arzt
hatte ihr Morphium gegeben. Unbegreiflich schön schien es ihm, hier zu
stehen, im dunkeln Zimmer, und ihren leisen Atemzügen zu lauschen.
17
Die Türen zu Ellens Zimmer standen immer offen. Am Tage behütete sie
Augusta und in der Nacht Schwedenklee. Er hatte die Schlösser von Ellens
Türen abgeschraubt. Jede Nacht wachte er, lesend, rauchend, mit sich
plaudernd, Gedanken hingegeben, bis er Augusta am Morgen in der Küche
hörte.
Ellen genas rasch. Eines Tages saß sie in ihrem Bett aufrecht, die
Wangen gerötet, wie in leichtem Fieber, das brünette lockere Haar, das
einen Anflug ins Rötliche hatte, lässig um den zart, gleichsam
zerbrechlich geformten Kopf geschlungen, und _lächelte_. Zum erstenmal
sah Schwedenklee sie lächeln. Ihr Gesichtsausdruck war verändert. Ihr
Auge verträumt, voller Glanz und Hoffnung.
»Schrauben Sie die Schlösser wieder an,« sagte sie klar und wach, »ich
verspreche Ihnen --«
»Kann man Ihnen vertrauen?« fragte er lächelnd.
»Ja!« Sie nickte beschwörend. »Ich gebe Ihnen mein Wort.« Sie winkte ihn
heran. »Jetzt erst verstehe ich Papa!« sagte sie, ihn ernst und groß
anblickend, und berührte seine Hand mit leisen, zarten Fingern. »Er hat
mir viel von Ihnen erzählt. Ein paarmal sagte er mir: wenn du
irgendeinen Rat brauchst, man weiß ja nicht, wie es kommen kann -- so
gehe getrost zu Herrn Schwedenklee. Er ist gütiger als alle Menschen.«
Schwedenklee brachte keine Silbe über die Lippen. Er errötete und schlug
rasch die Augen nieder.
»Jetzt erst verstehe ich Papa!« wiederholte Ellen nickend und zog sich
mit leisen Händen an ihn heran. »Wie soll ich Ihnen danken?«
Schwedenklee lachte, um seine Verlegenheit zu verbergen.
»Sie können mir danken, Ellen, indem Sie mir vertrauen. Sprechen Sie mit
mir, wie mit« -- beinahe hätte er Vater gesagt -- »wie mit einem Bruder.
Verfügen Sie über mich und versprechen Sie, immer Vertrauen zu mir zu
haben, was es auch sei.«
»Ich verspreche es Ihnen«, erwiderte Ellen mit einem ernsten, hellen
Blick. »Ich war so unglücklich!« setzte sie flüsternd hinzu und drückte
leise, kaum merklich, seine Hand, und er fühlte, daß ihre Finger
zitterten.
Schwedenklee sagte nichts. Verwirrt und scheu verließ er ihr Zimmer.
* * * * *
Schwedenklee hatte über eine Woche das Haus nicht verlassen. Er sprach
mit niemanden, er hütete sein Geheimnis! Natürlich war es nicht zu
umgehen gewesen, daß er Nelly von den Ereignissen der letzten Wochen
unterrichtete. Er hatte sie gebeten, ihn für einige Zeit zu
entschuldigen -- bis alles in Ordnung gebracht sei. Telephonisch hatte
er ihr alle Einzelheiten erzählt -- besonders den Selbstmordversuch
Ellens hatte er ausführlich und mit allen Einzelheiten berichtet, obwohl
er sich seiner Schwatzhaftigkeit schämte, noch während er am Telephon
stand. Aber es war doch notwendig, Nelly zu überzeugen, daß er für
einige Zeit ans Haus gebunden sei.
Nelly telephonierte täglich. Der Patient sei noch immer nicht recht in
Ordnung. Er ermahnte sie, ihren Gesangsunterricht nicht zu
vernachlässigen und den dramatischen Unterricht ja nicht zu
unterbrechen. Er sei auch damit einverstanden, daß sie als dramatischen
Lehrer doch Dunker nehme -- ein ziemlich junger, hübscher Schauspieler,
der wegen seiner Liebesabenteuer berühmt war.
Schwedenklee hatte keine Eile, Nelly zu sehen.
Eines Tages aber trat Nelly ohne jede telephonische Anmeldung bei ihm
ein.
Sie erschien Schwedenklee fremd, sozusagen unbekannt. Er erblickte sie
wie aus weiter Ferne -- ihre Züge, ihre interessante Blässe und die
turmartige Frisur, diese »schweren Flechten«, ließen ihn völlig
unberührt.
Nelly verstand seinen Blick sofort: diese unverschämte Gleichgültigkeit
eines erkaltenden Geliebten! Sie war außerordentlich freundlich,
teilnahmsvoll.
»Es ist merkwürdig,« sagte sie, »du hast mir nie gesagt, daß du so
intime Freunde hättest. Im Gegenteil, du klagtest ja immer, du habest
keine Freunde!«
Sie hielt die Teetasse auf den Fingerspitzen, spielte die Dame auf
Teebesuch.
Schwedenklee behandelte sie mit grausamer Höflichkeit. Er spielte den
Herrn, der eine Dame auf Teebesuch bewirtet.
»Natürlich habe ich Freunde -- von früher her. Wir alle haben Freunde
nur von früher her, aus der Jugend. Es ist allerdings wahr, meine
Freunde haben sich wenig um mich bekümmert, und es ist ebenso wahr, daß
ich mich wenig um sie bekümmerte.«
Er sprang auf und reichte ihr Feuer für die Zigarette.
Sie dankte. »Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so lebhaft zu Dunker
geraten hast!«
»Ist er also doch tüchtig?«
»Oh!« Nelly lächelte sonderbar, indem sie die Augen zur Decke hob. »Er
ist ein wirklich moderner Künstler! Aber er ist keck --!« Schwedenklee
sagte nichts. »Er ist sehr keck. Er verfolgt mich unaufhörlich mit
seinen Anträgen.«
»Aber du bist ja kein Kind mehr, Nelly!« Oh, wie gleichgültig klang hier
Schwedenklees Stimme!
Welch bösen Blick sie ihm gab! Aber sofort lächelte sie wieder
gleichmütig. »Ich sagte ihm: spielen Sie Theater auf der Bühne!«
»Sehr gut!« lobte Schwedenklee und lachte.
Pause. Nelly forschte in seinem Gesicht.
»Du bist gar nicht eifersüchtig?« Nelly lachte.
»Eifersüchtig? Ich kenne dich ja, Nelly!« sagte Schwedenklee im Tone
unerschütterlichen Vertrauens.