Tausend Franken! Reise, Anzug, Hotel, oh, wie wichtig ist das -- Sie

ahnen es nicht, da Sie das Theater nicht kennen. Alles war plötzlich

ermöglicht! Übrigens haben wir Ihnen die tausend Franken nach zwei

Monaten zurückgeschickt«, sagte Blank voller Genugtuung.

»Ja -- was für merkwürdige Zusammenhänge! Und nun wieder! Fühlen Sie,

wie wunderbar die Luft ist!« schwärmte Blank, während sie in den

Grunewald hineinrollten. »Und die Sonne wärmt schon ordentlich! Sie

ahnen nicht, wie glücklich ich bin ...«

Blank lehnte sich behaglich in den Wagen zurück. Er nahm den Hut ab und

ließ die heiße Stirn im Luftzuge kühlen.

12

Fräulein Nelly Wiedehopf -- die Dame mit den turmartig aufgebauten

Haaren und den glänzend polierten Fingernägeln -- hatte ihre

Eigenheiten. Es ging nicht alles so, wie Schwedenklee gedacht hatte.

Einmal erschien sie höchst erregt -- ihr Polarfuchs war gestohlen worden

oder sie hatte ihn verloren. Jedenfalls, der Polarfuchs war

verschwunden. Sie redete tagelang von dem Polarfuchs, war in

schlechtester Laune, so daß sich Schwedenklee endlich entschloß, ihr

einen neuen Polarfuchs zu kaufen. Kaum aber hatte er den Pelz gekauft,

da fand sich der alte Polarfuchs wieder! Und nun ließ sie den alten

Polarfuchs in einen Muff umarbeiten, mit Seidenfutter und einer

eleganten Innenausstattung für Spiegel und sonstige Kleinigkeiten --

vergebens wies Schwedenklee darauf hin, daß der Sommer vor der Türe

stand.

Kürzlich aber passierte folgende, immerhin etwas peinliche Sache: Nelly

erschien mit rotgeweinten Augen. Ihre Tante in Lübeck war gestorben. Sie

brauchte ein Trauerkostüm, Reisegeld und, da die Tante sehr arm war,

noch einen Zuschuß zu den Beerdigungskosten. »Ich kann die Schwester

meiner Mutter unmöglich wie eine Armenhäuslerin begraben lassen auf

städtische Unkosten!« Nelly war völlig aufgelöst. Schwedenklee griff in

die Brieftasche. Besonders der Zuschuß zu den Beerdigungskosten

schmerzte ihn. Ging es nicht etwas sehr weit, daß er sogar die

Bestattungskosten einer Tante tragen sollte, von deren Existenz er erst

in dem Augenblick etwas erfuhr, da sie starb?

Er empfahl Sparsamkeit, die wahre Trauer zeige sich nicht in

Äußerlichkeiten. Er, für seine Person, würde zum Beispiel gern mit einer

einfachen Holzkiste zufrieden sein -- er würde sie einem der

entsetzlichen Särge sogar vorziehen! Überhaupt mache man zu große

Scherereien mit Verstorbenen, die ja nur den einen Wunsch hätten, daß

man sie in Ruhe lasse.

Nelly nannte ihn herzlos. »Natürlich,« rief sie aus, »du hast ein

herrliches Leben genossen, was kümmert es dich, wenn du in einer

billigen Kiste begraben wirst? Aber Leute, denen es kümmerlich ging im

Leben, wollen wenigstens als Tote einigermaßen wohlhabend erscheinen.

Aber das wirst du nie begreifen.«

Immer wurde Nelly sofort ausfallend!

Um es gleich zu sagen: die ganze Sache mit der verstorbenen Tante war

eine Lüge. Nelly fuhr nach Lübeck, das ist wahr. Sie erschien nach etwa

einer Woche wieder, in ihrem schwarzen Trauerkostüm, das die Blässe

ihres Gesichtes herrlich hervorhob, kokettierte sie nach allen Seiten --

später aber verplapperte sie sich. Es kam an den Tag, und sie gestand:

es war ein Einfall von ihr, dem sie nicht widerstehen konnte.

Schwedenklee war verstimmt und zog sich zurück. Das ging denn doch zu

weit. Und dazu hatte Nelly richtig geweint, aus Schmerz über den Tod

einer Tante, die gar nicht existierte. Diese Frauen waren wirklich ein

Rätsel!

»Nein, nein,« sagte Schwedenklee zu sich, »dir kann man ja schon alles

aufbinden!« Seine Eitelkeit war tief verletzt.

Aber Nelly hatte ihre Vorzüge, ohne Zweifel. So war sie, zum Beispiel,

sehr leidenschaftlich. Sie zitterte, wenn man sie nur mit den Lippen

berührte. Aber vielleicht ist auch das nur Komödie? dachte Schwedenklee,

unsicher geworden. Man weiß wirklich nicht mehr, woran man bei diesen

Frauen ist!

Sodann war Nelly interessant! Ihr Teint war bleich, und je näher man sie

betrachtete, desto bleicher erschien ihr Teint. Sie hatte kleine

rötliche Sommersprossen, die den Teint noch durchsichtiger erscheinen

ließen. Sie hatte scharfe, helle Vogelaugen, die Brauen wuchsen leicht

zusammen, und wenn man sie ganz nahe betrachtete, erschien ihr Gesicht

in der Tat fast gespenstisch.

Nelly verstand es, sich zu kleiden -- mit nichts! Mit nichts täuschte

sie den Luxus einer reichen Ausländerin vor. Man nahm an, daß

Schwedenklee Tausende für sie ausgab. Das schmeichelte Schwedenklees

Eitelkeit immerhin.

Nelly verstand es, sich zu benehmen. Man konnte mit ihr getrost in

ersten Hotels dinieren -- die Kellner wichen ersterbend zurück. Ein

Lächeln von ihr entzückte den Direktor, die Herren verdrehten die Hälse.

(Und doch war sie nur Buchhalterin in einem Herrenschneidergeschäft!)

Wie sie ihren Fuß setzte -- das allein war ein Roman!

Aber was zuviel ist, ist zuviel. Schwedenklee zog sich zurück. Er

erkaltete. Aus purer Bosheit reiste er nach Lübeck -- zu Studienzwecken

-- und sandte ihr eine Ansichtskarte.

Als er zurückkehrte, fand er einen kurzen, aber zu seiner größten

Verwunderung herzlich und warm gehaltenen Brief von Nelly vor. Dazu ein

Paar antiker goldener Ohrringe, die er ihr geschenkt hatte.

Schwedenklee war beschämt. Er hatte kaum den Mantel abgeworfen, so

schrieb er Nelly schon einen langen Brief. »Das mit den Ohrringen würde

er ihr nie verzeihen!«

Am nächsten Tage schon kam Nelly. Sie stürzte in seine Arme und biß ihn

so stark in die Wange, daß man tagelang ihre Zähne sah. »Das zur

Strafe!« sagte sie. Nach Tisch begann sie plötzlich zu singen -- nun,

kurz und gut, es stellte sich heraus, daß man während seiner Abwesenheit

ihre Stimme entdeckt hatte! Sie wollte sich ausbilden lassen. Sie war in

größter freudiger Erregung. In Wirklichkeit, Nelly hatte eine kräftige,

wenn auch etwas grelle Stimme.

»Du hast jene unerklärliche Nebenschwingung in der Stimme,« sagte

Schwedenklee sachverständig, »jenes Timbre, das nur große Sängerinnen

haben, dazu hat deine Stimme Umfang. Du hast auch die bezeichnende,

etwas belegte Sprechstimme -- weiß Gott, wieso ich deine Stimme nicht

früher erkannte.«

»Weil du kein wirkliches Interesse für mich hast!«

Schwedenklee tat gekränkt. Die Versöhnung war vollständig. Schon in den

nächsten Tagen lud Schwedenklee den Bassisten von der Oper -- mit dem er

zuweilen Schach spielte -- zu sich zum Abendessen. Er sollte sein Urteil

abgeben.

Wiederum hatte Augusta sich alle Mühe gegeben. Sie liebte Nelly, denn

Nelly lief immer in die Küche, umarmte Augusta, die von der Hitze des

Herdes schwitzte, und küßte sie sogar auf die Backe.

Der Bassist aß mit vorzüglichem Appetit und trank ganz allein eine

Flasche teuren Rheinwein. Dann sang Nelly zu Schwedenklees Begleitung.

»Herrlich, wunderbar!« schrie der Bassist begeistert und klatschte mit

den fetten Händen. »Die Patti, die Hempel, die Farrar -- in zwei Jahren

werden Sie in Neuyork singen!«

»Siehst du?« sagte Nelly mit einem triumphierenden Blick.

Man schmiedete Pläne, entwarf Programme, wählte Lehrer, der Bassist bot

sich für die stimmtechnische Ausbildung an. Und zwar ohne jegliches

Honorar! Aber Schwedenklee protestierte energisch und erklärte Schwarz

klipp und klar, daß er ihm Nellys Ausbildung nur dann anvertrauen würde,

wenn der Sänger sie zu seinen gewohnten Bedingungen als Schülerin

annehmen würde. In die Ecke gedrängt, willigte Schwarz endlich ein.

Schwedenklee war in gehobener Laune und holte neuen Wein aus seinem

Geheimschrank.

Nelly hauchte ihm in einer Sekunde zehn kleine verliebte Küsse auf die

Glatze. Es blieb alles beim alten. Trotzdem -- die Sache mit der Tante

konnte Schwedenklee nie ganz vergessen.

* * * * *

Es wurde schon heiß. Die Kartentische leerten sich langsam. Die

Rechtsanwälte, Ärzte, Kaufleute fuhren mit ihren Familien aufs Land. Nur

in dieser Zeit wurde man plötzlich gewahr, daß fast alle Stammgäste und

Spieler Familienväter waren. Gewöhnlich hielt man sie für Junggesellen

ohne jegliche Verpflichtungen.

Schwedenklee reiste mit Nelly auf vier Wochen nach Heringsdorf. Der

Bassist Schwarz -- der die stimmtechnische Ausbildung übernommen hatte

-- begleitete sie. Schwedenklee hatte ein kleines Gut an der Ostsee, und

Nelly, der er zuweilen von dem Landgut vorgeschwärmt hatte, wollte

zuerst dort den Urlaub verbringen. Sie träumte von Hühnern, Schweinen,

Leiterwagenpartien. Aber Schwedenklee setzte plötzlich die Besitzung

herab -- das Haus sei feucht! Die Kinder des Pächters hätten

Diphtheritis! Aus irgendeinem Grunde -- das fühlte Nelly -- wollte er

sie nicht in »Siebenbirken« haben.

Aber sie tröstete sich schließlich mit Heringsdorf. Sie brachte ein

halbes Dutzend von Badekostümen mit, die Aufsehen erregten, so kühn

waren sie. Und woraus waren sie gemacht? Aus _nichts_!

Nelly feierte Triumphe. Nach drei Tagen schon war sie eine der

bekanntesten Erscheinungen in Heringsdorf. Man beneidete Schwedenklee um

diese Frau, er fühlte es deutlich. (Und doch war sie nur Buchhalterin in

einem Herrenschneidergeschäft!)

Die stimmtechnische Ausbildung nahm ziemlich viele Stunden des Tages in

Anspruch. Es gab sogar kleine Eifersuchtsszenen, obschon es

Schwedenklees oberstes Prinzip war, nie zu zeigen, daß ihm eine Frau so

viel wert war, daß er eifersüchtig werden könnte. »Denn dann«, pflegte

er zu sagen, »bist du verloren, mein Sohn!«

Es war ja selbstverständlich, daß Schwedenklee die Hotelrechnungen des

Bassisten bezahlte -- sonstige Honorare forderte Schwarz während des

Badeaufenthalts nicht. Er tat es aus Begeisterung für Nellys Stimme.

Nun, Gott sei Dank, auch diese Wochen gingen vorüber, und nun saß Nelly

wieder -- duftend, wie aus dem Ei geschält -- in der Herrenschneiderei.

Nellys Unterricht bei Schwarz ging natürlich ohne Unterbrechung weiter

-- in nächster Zeit begann auch der dramatische Unterricht bei einem

Schauspieler.

Alles hat schließlich seine Grenzen, dachte Schwedenklee, als er die

letzten Stundengelder bezahlte.

13

Schwedenklee hatte im Laufe des Sommers kaum mehr an Blank gedacht. Bei

seiner Rückkehr fand er einen Brief vor, voller Dankesbeteuerungen --

die geliehene Summe lag bei -- bei Heller und Pfennig.

Auch das hatte Schwedenklee vergessen, als der Winter anbrach.

Er dachte gar nicht mehr an Blank. Plötzlich aber erhielt er einen

Brief: Blank war erkrankt. Sein »Nachsommer« hatte ein rasches Ende

gefunden. Eine Lungenentzündung hatte seiner Tätigkeit als

Filmschauspieler ein rasches Ende bereitet. Er war in größter Not, in

Verzweiflung. Selbstverständlich zögerte Schwedenklee nicht, ihm

beizuspringen. Er fühlte sich förmlich verpflichtet dazu.

Dann hörte er nichts mehr von Blank.

Nelly deutete an, daß sie ihre Stellung in der Herrenschneiderei

aufgeben wolle. Aber sie fand bei Schwedenklee nur taube Ohren. Eine

Frau von ihrer wirtschaftlichen Basis loslösen -- was bedeutete das?

Nein, dafür war Schwedenklee nicht zu haben, sein Verantwortungsgefühl

war zu groß.

Also blieb Nelly in ihrer Stellung. Sie schmollte indessen, sie warf

Schwedenklee vor, daß er »nicht großzügig« sei, ja geradezu geizig, eine

Krämerseele. »Wenn ich nur einen deiner Bauplätze hätte, die heute

Millionen wert sind,« sagte sie, »da solltest du sehen, wie ich meine

Freunde behandeln würde! Da könntest du etwas lernen.«

So sind die Frauen, dachte Schwedenklee, unersättlich!

Er bezahlte die Stunden bei Schwarz, wöchentlich vier, und diese Sänger

hatten ja unerhörte Honorare! Neuerdings kam dazu der dramatische

Unterricht, und er hatte herausgefunden, daß Nelly mindestens die Hälfte

der Stunden zuviel notieren ließ. So viel freie Zeit erlaubte ihr ja

ihre Stellung in der Schneiderei gar nicht!

Überdies mißfiel ihm das Verhältnis zwischen Schwarz und Nelly. Es

schien eine etwas sonderbare Vertraulichkeit angenommen zu haben. Er

hatte einmal einen kleinen, gänzlich unscheinbaren Blick zwischen den

beiden aufgefangen. Nun, er, Schwedenklee, war kein heuriger Hase, er

wußte genau, zu genau, was solch ein Blick unter Umständen bedeuten

konnte! Er behandelte den Sänger um einige Grade kühler.

»Ich habe den Eindruck,« sagte der Bassist mit gekränkter Miene, »daß

Ihnen meine Honorare zu hoch sind?«

»Ihre Honorare? Aber ich bitte Sie, Verehrtester, ich wünsche doch

nicht, daß Sie mir besondere Preise machen. Mißverstehen Sie mich nicht

-- die Ausgaben für Nellys Ausbildung im allgemeinen ...«

»Aber ich bitte Sie, Verehrtester -- für solch eine Stimme!«

»Zugegeben! Aber Sie ahnen nicht, welche Beträge ich monatlich zu

bezahlen habe. Jetzt taucht schon die Frage der Kostüme auf ...«

»Gut.« Der Bassist bearbeitete mit der Kreide kunstgerecht das Leder des

Billardqueues -- die Unterredung fand im Billardsaal des Cafés statt --

»Ich werde also künftighin kein Honorar mehr fordern. Ich unterrichte

aus Interesse für diese ungewöhnliche Begabung.«

Schwedenklee protestierte mit großer Beredsamkeit. Unmöglich konnte er

diesen Vorschlag annehmen, ganz unmöglich! Er geriet sogar in Erregung.

Alles blieb beim alten.

Schließlich aber hat alles seine Grenzen, dachte Schwedenklee, während

er sorgfältig mit der Spitze des kunstvoll aufgestützten Queues nach dem

Ball zielte.

* * * * *

Der Winter war lau. Nebel, Dunst, Regen. Nur dann und wann lag schwarzer

Schnee auf den Dächern. Im Februar aber setzte plötzlich eine solch

grimmige Kälte ein, daß die Dampfheizung nicht mehr genügte.

Schwedenklee mußte seinen elektrischen Ofen zu Hilfe nehmen, um nicht zu

frieren. Nichts haßte er mehr als Kälte.

Gerade als Schwedenklee sich nach Tisch etwas niedergelegt hatte, die

Decke über den Knien, den elektrischen Ofen neben der Ottomane, wurde er

von Augusta aufgeweckt.

»Eine Krankenschwester wünscht Sie dringend zu sprechen.«

»Eine Krankenschwester?« fragte Schwedenklee ziemlich mürrisch.

Plötzlich, schnell erwachend, erschrak er. »Mich? Ja, was in aller Welt

--?« Vielleicht Nelly, dachte er. Ah, mit diesen Frauen hat man nie

Ruhe.

Schon trat die Schwester ein, ohne viele Umstände zu machen. Sie war ein

großes, ungeschlachtes Mädchen mit weißgelbem Haar.

»Herr Schwedenklee?« Ihre Stimme klang gefühllos und herrisch.

Rügend ruhte Schwedenklees Blick auf ihren unförmigen Gummischuhen, die

sie mit ins Zimmer brachte und die seinen Teppich beschmutzten.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, brummte er, während er die Decke

völlig von sich warf. »Ich bin nicht ganz wohl, etwas erkältet.«

Die Schwester ignorierte seine Erkältung, seine Verlegenheit, seinen

deutlichen Unwillen über die Störung.

»Ich komme von Herrn Blank«, sagte sie laut und mit völlig gefühlloser

Stimme, als bitte ihn Blank zu einer Partie Billard. »Er liegt im

Sterben.«

»Wie sagen Sie --?« Schwedenklee sprang erschrocken auf. Er erbleichte.

Sterben, Tod ...

Die Schwester erklärte, daß Blank den dringenden Wunsch habe, ihn zu

sehen.

»Was will er von mir?« stammelte Schwedenklee.

»Das weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts an. Er hat im Fieber viel

von Ihnen gesprochen. Ich habe den Eindruck, daß er Ihnen etwas

Wichtiges mitteilen möchte.«

»Mir? Mitteilen? Etwas Wichtiges?«

»Was weiß ich? Es interessiert mich auch nicht. Sie werden also kommen?«

»Ja, gewiß werde ich kommen.« Schwedenklee hätte gar nicht den Mut

besessen, dieser energischen Person etwas abzuschlagen.

»Ich schreibe Ihnen hier die Adresse auf. Im Osten. Bei der Frankfurter

Allee.«

»Sie gehen, Schwester?«

»Ich kann ihn nicht allein lassen.«

Schon war sie fort.

»Eine unangenehm energische Person!« dachte Schwedenklee. »Gott soll

mich davor behüten, daß ich in meiner Sterbestunde solch ein Wesen, mit

so großen Füßen, um mich habe!«

»Augusta!«

Schwedenklee war sehr erregt. Einen Augenblick dachte er sogar trotz

seiner Zusage daran, nicht hinzugehen. Der Gedanke entsetzte ihn

plötzlich, in ein Sterbezimmer treten zu müssen. Armut dazu, vielleicht

war es schlecht gelüftet? Aber nein, das war ja Feigheit. Ein

Sterbender! Lieber Himmel, dieses Leben ist in der Tat eine höllische

Erfindung. Er starrt zur Türe, wartet auf ihn, den Todesschweiß auf der

Stirn. Nein, unmöglich! Ein Sterbender ist ein heiliges Wesen -- jeden

Wunsch muß man ihm erfüllen.

Aber in welchem Anzug geht man zu einem Sterbenden? Schwedenklee kam in

seiner Aufregung auf den unglücklichen Einfall, einen Zylinder

aufzusetzen -- um die Feierlichkeit zu betonen.

»Mitzuteilen?« Ja, was in aller Welt mochte er ihm mitzuteilen haben?

Schwedenklee erinnerte sich plötzlich jenes Briefes, in dem Blank

seinerzeit schrieb, daß er ihm unter Umständen wichtige Mitteilungen zu

machen habe.

Und später hatte er widerrufen ...

»Ich werde nie Ruhe vor diesem Menschen haben!«

In großer Erregung eilte Schwedenklee auf die Straße. Die unmögliche

Adresse hielt er in der Hand. Es war ja ganz undenkbar, hier an der

Potsdamer Brücke einem Chauffeur _diese_ Adresse zu nennen. Schwedenklee

ging zu Fuß bis zum Potsdamer Platz, um sich zu sammeln.

Nein, eine unangenehmere Sache konnte man sich beim besten Willen nicht

ausdenken. Und dazu -- plötzlich blieb Schwedenklee verwirrt stehen --

dazu sollte Nelly um sechs Uhr zum Tee kommen! Schließlich konnte er ja

telephonieren ... Und diese eisige Kälte, die sich wie Säure in die Haut

fraß.

Am Potsdamer Platz hatte Schwedenklee folgende Entschlüsse gefaßt.

Erstens: ich werde hingehen. Zweitens: ich werde bis zum Alexanderplatz

mit der Untergrundbahn fahren und dort eine Droschke nehmen -- dort

fällt es nicht auf -- drittens: ich werde Augusta telephonieren, für den

Fall, daß ich bis sechs Uhr nicht wieder zurück sein sollte. Viertens

werde ich jetzt erst einen Kaffee trinken.

Es dämmerte schon, als Schwedenklee in der bezeichneten Straße ankam.

Das Auto, der Herr im Pelz und Zylinder erregten großes Aufsehen.

Beklemmend war diese düstere Straße voll schleichender, hüstelnder

Menschen, die seinen Zylinder und Pelz anstarrten, mit gierigen,

höhnischen, erstaunten Augen. Frech streiften Schwedenklee die Blicke

halbwüchsiger Mädchen.

Das bezeichnete Haus strömte Armut und Verzweiflung aus. Es stand und

schwieg, wie ein düsteres Gesicht mit zusammengebissenen Zähnen.

Schwedenklee betrat es klopfenden Herzens.

Das Stiegenhaus war erfüllt von fernem, wirrem Lärm. Gezänk,

Kinderweinen, schlagende Türen. Ein saurer, unangenehmer Geruch stieg

von der schmutzigen Treppe auf -- hier roch es nicht nach Lack und dem

feinen Parfüm emporschwebender Pelze wie im Westen.

Schwedenklee hatte von solchen Häusern bis jetzt nur _gelesen_. Hier

wurde gemordet, tagelang lagen Verstorbene in den kalten Wohnungen,

bevor man sie fand, Hoffnungslose lösten den Gasschlauch --

»Pst -- mein Herr -- wollen Sie zu Fräulein Lisa?« Zischeln unter ihm.

Schwedenklee kletterte rascher die Treppe empor, sein Herz klopfte

erschrocken.

»Pst -- pst -- mein Herr!«

Achtunggebietend räusperte sich Schwedenklee, von Ekel und Furcht

ergriffen.

Er floh an den Türen vorüber, hinter denen sich unbegreifliche

Schicksale verbargen, die zu erfahren ihn nicht gelüstete.

Lärm empfing ihn im nächsten Stockwerk. Die Türe öffnete sich und eine

korpulente Dame, offenbar in festlicher hochzeitlicher Kleidung, trat

zigarettenrauchend, anscheinend etwas angeheitert, auf den Flur. Drinnen

lärmten und schrien ausgelassen die Hochzeitsgäste.

Schwedenklee griff an die Krempe des Zylinders.

»Guten Abend!« sagte die zigarettenrauchende Braut und warf Schwedenklee

einen langen verführerischen Blick zu. Langsam schloß sie die Türe,

während sie Schwedenklee, der sich nicht enthalten konnte

zurückzublicken, mit zusammengekniffenem Auge zulächelte. Der Lärm der

Hochzeitsgäste klang ferner.

Schärfer stieg wieder der schlechte Geruch aus den feuchten

ausgetretenen Treppenstufen.

Da hielt Schwedenklee den Schritt an: an einer Türe klebte ein Zettel.

»Leise klopfen, ein Schwerkranker! Man bittet auf der Treppe nicht zu

lärmen. Schwester Anna.«

Hier also war es. Schwedenklees Herz stockte. Ein schweres, rätselhaftes

Schnarchen, ein Sägen wie das Schnarchen eines Riesen ertönte hinter der

Türe. Augenblicklich -- obschon er nicht weiter darüber nachdachte, was

das sonderbare Schnarchen zu bedeuten habe -- ergriff Schwedenklee die

Flucht.

Er stieg bis zur Hochzeitsgesellschaft hinab. Dann wandte er um. »Wie

feige ich doch bin!« dachte er.

14

Zaghaft pochte Schwedenklee, und sofort, lautlos, öffnete ihm die

weißblonde, ungeschlachte Pflegerin mit den eckigen Hüften.

»Sie kommen zu spät«, flüsterte sie vorwurfsvoll, mit einem

mißbilligenden Blick auf Pelz und Zylinder. »Noch vor einer halben

Stunde hat er nach Ihnen gefragt. Jetzt hat er das Bewußtsein verloren.«

»Er« nannte sie den Sterbenden, »er« -- nicht mehr wert ist ein Mensch,

der stirbt.

Der gleiche röchelnde, furchtbare Schnarchton --. Schwester Anna schob

Schwedenklee resolut durch die Türe.

»Hier, diese Türe!« sagte sie.

In großer Befangenheit trat er ein.

Da sah Schwedenklee, daß dieser röchelnde Schnarchton aus dem weit

geöffneten Munde eines im Bett halb aufrecht sitzenden leichenfahlen

Mannes mit großen, gläsernen Augen kam.

Da sah Schwedenklee -- nie wußte er später zu sagen, was er früher

gesehen hatte, den Sterbenden oder das _Andere_ -- das Wesen, das vor

dem Bette kniete ...

Das Zimmer war nicht hell. Eine kleine Petroleumlampe ohne Schirm stand

irgendwo auf dem Tische. Der Sterbende saß in den Kissen eines grau und

elend aussehenden Bettes. Seine Brust keuchte in kurzen Stößen, sein

gemarterter Atem stieß Rauchsäulen in die eisige Luft, sein

eingefallenes Gesicht blendete von Schweiß.

Vor dem Bett aber kniete ein Wesen -- ein Geschöpf, etwas

Unbegreifliches, Wunderbares, vielleicht nur eine Vision seiner

aufgeschreckten und verwirrten Sinne? -- ein Mädchen, die Hände betend

verkrampft, die Augen auf das Antlitz des Sterbenden gerichtet -- ein

Wesen, verklärt, unfaßbar -- _Ellen Fröhlich_, dieselbe Ellen Fröhlich,

die er in Paris gekannt hatte -- nur jünger und seltsam verklärt!

Fassungslos stand Schwedenklee und schloß die Augen. Er tastete mit der

Hand nach der Wand, da er fühlte, wie er schwankte ...

* * * * *

Wie lange dauerte dieses furchtbare Röcheln? Stunden, eine Ewigkeit. Und

immerfort, unbeweglich kniete dieses verklärte Wesen, die Hände betend

verkrampft vor dem Bette.

Zuweilen nahm die Schwester ein feuchtes Tuch und wischte die Stirn des

Sterbenden ab.

Zuweilen hörte man den heiteren, trunkenen Lärm der

Hochzeitsgesellschaft fern und wirr durch die Decke.

Schwedenklee hatte nie gesehen, wie ein Mensch starb. Der Tod seiner

Mutter war ihm telegraphisch mitgeteilt worden. Als der alte

Schwedenklee im Sterben lag, hatte man ihm telegraphiert, und als er

ankam, war schon alles vorbei.

Schwedenklee stand versteinert, regungslos in der Ecke, das

unbeschreibliche, unbegreifliche Wesen kniete, die Schwester tauchte

zuweilen mit ihren feisten Händen das Handtuch in das Waschbecken -- und

der Sterbende röchelte.

* * * * *

Das Röcheln wurde schwächer, pfeifender, und plötzlich -- nach einer

unfaßbaren Stille -- schrie eine ganz unbegreiflich entsetzte Stimme,

die Stimme eines Mädchens, eines Kindes: »Papa! Papa!«

Augenblicklich, ins innerste Herz getroffen durch den Ton des Mädchens

-- der Kinderstimme, diesen Ton der letzten menschlichen Qual --

augenblicklich wandte Schwedenklee sein Gesicht zur Wand. Nie in seinem

Leben hat er diesen Schrei vergessen. Er war totenbleich und zitterte an

allen Gliedern.

15

Die Schwester zog Schwedenklee in einen feuchten, eisigen Vorraum, eine

Art Küche mit Ausguß, die Fenster waren gefroren.

»Man hat ihm,« sagte sie, »während er schon todkrank lag, die letzten

Habseligkeiten gepfändet. Noch gestern kam die Hauswirtin und machte

eine solch fürchterliche Szene, daß es zu Tätlichkeiten zwischen mir und

ihr kam. Sie holte die Polizei, die Polizei aber hatte doch mehr

Einsicht, als sie den Kranken sah, und zog ab.«

Schwedenklees Erlebnis · 第 6 / 11 段