Aber Blank erhob sich vom Sitze, und so konnte auch Schwedenklee, dem

jede Exaltiertheit ein Greuel war, nicht sitzenbleiben. Wenn er nur

diese theatralischen Manieren sein ließe, dachte er, tief unglücklich.

Lange verharrte Blank in Schweigen und Versunkenheit. Aber seine Augen,

ohne Blick auf einen Stich an der Wand gerichtet, leuchteten verklärt.

Augusta servierte mit verdrossener Miene den Nachtisch.

Plötzlich fühlte Schwedenklee Blanks Auge auf sich gerichtet. Er hob die

Lider und begegnete einem forschenden, sonderbar und befremdend

forschenden, grübelnden, bohrenden Blick, dessen Ausdruck sich indessen

augenblicklich änderte.

»Ich dachte eben --« begann Blank mit sonderbar leiser, heiserer,

zerstreuter Stimme.

»Sie dachten --?«

»Ja.« Blank sammelte sich. »Ich dachte: wie merkwürdig es ist, daß wir

beiden hier beisammensitzen.«

»Was ist daran so merkwürdig?« sagte Schwedenklee, schon etwas

gelangweilt. Was kümmerte ihn schließlich dieser Blank, was kümmerte ihn

schließlich diese Ellen? Nichts, letzten Endes gar nichts. Er fing an,

die Einladung zu bereuen.

»Merkwürdig ist natürlich ein falscher und völlig unzulänglicher

Ausdruck«, fuhr Blank mit leiser Stimme fort. »Dieser Augenblick

bedeutet mehr! Er ist erhaben, nichts anderes als erhaben! Wir drei --

geeint -- in diesem Augenblick!«

»Wir drei? Geeint?«

»Ja!« Blanks Augen weiteten sich. »Nur uns beide, Sie und mich, hat

diese wunderbare Frau in ihrem Leben geliebt. Hier sitzen wir beide nun

-- und sie -- sie ist bei uns! Und sie ist glücklich!«

Es entstand eine Pause.

»Glauben Sie denn an diese Dinge?« fragte Schwedenklee dann betroffen

und etwas bleich.

»Ob ich daran glaube? Es ist für mich Gewißheit, daß sie in diesem

Augenblick gegenwärtig ist. Ich empfinde es deutlich. Ein Strom von

Glück durchrinnt mich. Sie segnet uns aus einer unbegreiflichen,

vollkommeneren Welt.«

Schwedenklee schüttelte den Kopf.

»Der Gedanke wäre unerträglich, daß Verstorbene uns beobachten.« Er

erhob sich sogar vor Erregung.

»Weshalb unerträglich?« Blank lächelte voller Nachsicht.

»Ja, unerträglich!« wiederholte Schwedenklee an Stelle einer Antwort und

sah gereizt aus. Er ist doch wahnsinnig, dachte er, ganz im geheimen.

Blank schwieg und versank in Gedanken. »Sie war ein Genie der Liebe«,

hub er nach langer Pause, als spräche er für sich, von neuem an.

»Stellen Sie sich eine Pflanze vor, die täglich neue Blüten treibt,

immer schönere, immer herrlichere Blüten -- so war sie! Sie konnte

lieben, wie nie ein Mensch liebte! Die Liebe machte sie genial,

schöpferisch. Denken Sie, sie wachte eine ganze Nacht, saß aufrecht

neben mir und sagte am Morgen: ich wollte dich eine ganze Nacht lang

atmen hören! Denken Sie: Rosa war eine leidenschaftliche Raucherin. Sie

rauchte zwanzig bis dreißig Zigaretten am Tage. Wenn ich aber verreiste,

auf ein Gastspiel, und sie konnte nicht mitkommen -- all die zwanzig

Jahre waren wir zusammengerechnet nicht vier Wochen voneinander

getrennt! -- so rauchte sie nicht. Das sind natürlich nur geringfügige

Beispiele, schlecht gewählt dazu. Tausende solcher Züge könnte ich Ihnen

berichten. Sie war ein unerschöpfliches Wunder. Nein, mein verehrter

Freund, Sie haben sie nicht gekannt! -- Gottlob, sage ich,« fügte er mit

einem eigentümlichen, verletzenden Lächeln hinzu, »denn sonst wären Sie

_seinerzeit nicht eine Stunde länger in Paris geblieben. Nicht eine

Minute!_« Triumphierend rief Blank dies plötzlich mit seiner heiseren

Stimme Schwedenklee ins Gesicht.

Schon keimte ein sonderbares Gefühl des Neides in Schwedenklee auf. Und

Unmut über das Betragen seines Gastes. Man soll mit Leuten vom Theater

nichts zu tun haben, dachte er. Diese Pathetik, diese Theatralik, die

Bühne verdirbt den Menschen! Er wurde dunkelrot im Gesicht.

Blank entging diese Veränderung Schwedenklees völlig.

»Rosa erwartete Sie damals!« fuhr er geheimnisvoll und erregt fort. »Ich

sagte Ihnen ja, in der ersten Minute -- unvergeßlicher Augenblick! --

fiel Ihr Name. Ihr Name war es ja, der rasch eine Verbindung zwischen

uns herstellte, erst später begriff ich es. >Schwedenklee,< sagte sie,

>oh, Sie kennen ihn? Er wird wohl in den nächsten Tagen ebenfalls hier

sein!<«

»Sie glaubte also, daß ich kommen würde?«

»Sie äußerte diesen Gedanken wiederholt. Aber Sie kamen nicht. Vierzehn

Tage lang wurden Sie erwartet. Dann sprach sie nicht mehr davon. Aber

ich fühlte deutlich, daß sie litt.«

»Litt?«

»Ja. Ich -- ohne Besinnung vor Eifersucht -- fühlte es allzu deutlich.«

»Ich hatte seinerzeit -- bestimmte Studien hielten mich in Paris fest

--«

Spöttisch war Blanks Blick. »Ich zitterte -- ich spreche offen -- jeden

Tag, daß Schwedenklee eintreffen könne. Aber Schwedenklee _kam nicht_!«

»Nein!« warf Schwedenklee mit schwankendem Blick ein. »Er kam nicht!«

»Und da fühlte ich -- beruhigt, daß Sie Rosa in Wahrheit nicht liebten.

Sie waren ja unabhängig, Sie konnten reisen --«

»Ich? Wieso? Woraus schließen Sie, daß ich Rosa oder Ellen nicht

liebte?« Schwedenklee setzte sich zur Wehr.

»Weil Sie nicht kamen!« triumphierte Blank.

»Das sagt nichts«, knurrte Schwedenklee.

»Doch, es sagt alles!« ereiferte sich Blank, unter dessen Augen rote

Flecke erschienen, in großer Erregung. »Sie hätten kommen _müssen_!«

»Aber Sie sehen ja, daß ich nicht _kam_!« rief Schwedenklee, ebenfalls

außerordentlich erregt.

»Ja!« Blank lehnte sich triumphierend zurück. Sein Auge funkelte. »In

der Tat, Sie kamen nicht! Sie waren leichtsinnig, Sie ahnten gar nicht

die Bedeutung dieser Tage! Sie ahnten gar nicht, daß es um das Glück

Ihres Lebens, um Ihr Lebensglück ging --«

»Sie werden mir mehr und mehr unverständlich, Herr Blank«, entgegnete

Schwedenklee und zog die Brauen hoch.

»Wieso? Aber ich bin ja der einzige, der ermessen kann, was Sie

weggegeben, was Sie verschwendet, was Sie achtlos fortgeworfen haben.

Ich! Ich allein! Zwanzig Jahre Glück -- wissen Sie, was das bedeutet?«

rief Blank triumphierend aus. »Verstehen Sie, was zwanzig Jahre Glück

bedeutet? Als Rosa starb, küßte ich sie, und ich fühlte, wie sie

versuchte, mich wiederzuküssen, obschon sie halb bewußtlos war. Ich

küßte sie, als sie schon erkaltete. Das ist das Glück von zwanzig

Jahren! Verstehen Sie? Ich küßte sie in den Tod. Und wenn ich sterbe --

bald! -- so werde ich ihr meine Küsse _entgegensenden_! Das ist das

Glück von zwanzig Jahren. So steht es also. Sie sind reich -- ich bin

ein Bettler und weiß nicht, wovon ich morgen leben soll. Und doch: ich

würde für nichts mit Ihnen tauschen, für nichts!«

Hier wurde Schwedenklee wirklich böse.

»Schweigen Sie doch endlich!« schrie er, indem er aufsprang, rot vor

Zorn.

Blank, der sich in der Erregung ebenfalls erhoben hatte, taumelte, wie

von einem Schlage getroffen, zurück. Er rang nach Atem. Dann streckte er

Schwedenklee flehend die mageren Hände entgegen, er rang diese Hände,

daß die Finger knackten.

»Verzeihen Sie mir!« schrie er. »Ich weiß nicht, was ich tue!« Er war

einer Ohnmacht nahe. »Ein Glas Wasser!« stammelte er, und Schwedenklee

sah, daß sich ganz plötzlich Blanks von hundert Fältchen zerknitterte

Stirn mit unzähligen kleinen Schweißperlen bedeckt hatte.

Mit zitternden Händen griff er nach dem Glas Wasser. Sein Blick war

scheu, Vergebung heischend. Der Blick eines Menschen, der Jahre hindurch

sich demütigen mußte -- oh, wie abscheulich!

* * * * *

Ja, grausam und unerbittlich sind die Menschen. Ein Mensch mit 39 Grad

Fieber kommt zu ihnen -- trotz dem Fieber! Sie sind gerührt. Aber wenn

der Fiebernde sich nicht wie ein normaler Mensch benimmt, gleich

verwünschen sie ihn.

Als man bei Kaffee und Likören in der Bibliothek saß, hatte Blank sich

vollkommen wiedergefunden. Man plauderte über Theater, Oper,

Bühnenkünstler, Dirigenten, und Blank wußte anregend zu erzählen. Der

Name Rosa-Ellen fiel nicht mehr.

Schließlich erhob sich Blank und ging an den Flügel.

»Einmal noch wollen wir es versuchen!« sagte er, und seine langen

blassen Finger glitten scheu und zögernd, als fehle ihm der richtige

Mut, über die Tasten.

Großer Ernst war über sein weißes Antlitz gebreitet. Er sang. Eine

italienische Romanze, schwermütig, mit Anläufen der Hoffnung, zuweilen

geheuchelt heiter. Schwedenklee verstand nicht ganz den Text.

Blanks Stimme klang anfangs heiser und kraftlos, bald aber leuchteten

einzelne Töne klar und hell auf, und schließlich floß die Stimme groß

und gleichmäßig dahin. Mit Inbrunst, erschüttert sang Blank, und seine

Augen füllten sich mit Tränen.

Welch herrliche Stimme er gehabt haben muß, dachte Schwedenklee, der

sich bedrückt in eine Ecke zurückgezogen hatte.

Da machte ein hartnäckiger Hustenanfall Blanks Gesang ein Ende. Er

führte das Taschentuch an die Lippen.

Entmutigt und still erhob sich Blank, den Blick zu Boden gerichtet.

Er reichte Schwedenklee die Hand.

»Leben Sie nun wohl, Herr Schwedenklee, und Dank für diesen Abend!«

sagte er und wandte die glänzenden Augen Schwedenklee zu.

* * * * *

Auch Schwedenklee griff nach dem Hut.

»Ich bitte dringend, sich nicht bemühen zu wollen.«

»Ich habe das Bedürfnis, noch ein paar Schritte zu gehen.«

Schweigend gingen sie die dunkle Straße hinab.

»Wie lau die Luft ist,« sagte Schwedenklee, sich verlegen räuspernd, »es

wäre Zeit, daß der Frühling endlich käme.«

»Es wäre wirklich Zeit!« antwortete Blank in Gedanken.

Endlich faßte sich Schwedenklee ein Herz. Er begann damit, wie erfreut

er wäre, ihn, Blank, näher kennengelernt zu haben. Wie gesagt, er hoffe,

daß sein Gesundheitszustand sich bald bessere. Nun wisse er ja wohl, daß

es ihm zur Zeit schwierig sei, seinem Körper jene Pflege angedeihen zu

lassen, wie es geboten sei. -- Kurz und gut, Schwedenklee nahm einen

Brief aus der Tasche.

Blank hatte argwöhnisch auf Schwedenklees Rede gelauscht und fuhr nun

entsetzt zurück. »Nie, nie werde ich unser freundschaftliches Verhältnis

beflecken«, rief er mit großer Geste aus.

»Aber gerade, wenn Sie das Wort Freundschaft gebrauchen --«

»Nie, niemals.«

Schwedenklee hatte wie gewöhnlich in seiner Unbeholfenheit nicht die

richtige Form gefunden. In der letzten Minute, er wollte den Brief schon

entmutigt einstecken, fielen ihm die rechten Worte ein. Er sprach davon,

daß man einem Freunde die Erlaubnis einräumen müsse, in besonderen

Fällen ein bescheidenes Darlehen --.

Blank schien zu schwanken.

»Wenn ich Ihr großherziges Anerbieten annehme, so geschieht es aus

Gründen, die ich Ihnen nicht auseinandersetzen kann!« sagte er dann mit

einem tiefen, langen Blick und nahm den Brief unter Dankesversicherungen

in Empfang.

»Sobald ich in der Lage sein werde ...«

»Keine, nicht die geringste Eile!«

Es gelang schließlich Schwedenklee sogar, Blank in eine Droschke zu

stopfen, deren Kutscher er entlohnte.

»Und wenn Sie einmal einen freien Abend haben, Herr Blank?«

»Ich werde Ihre Güte nicht mißbrauchen. Dank und leben Sie wohl -- für

immer!« rief Blank. Und dann, schon in der Droschke, fügte er noch

einige Worte hinzu, denen Schwedenklee an diesem Abend keinerlei

Bedeutung beimaß. Er sagte: »Ich bin glücklich, Sie näher kennengelernt

zu haben. _Wie wichtig das für mich ist, werden Sie vielleicht einmal

erfassen._« Aber, wie gesagt, Schwedenklee beachtete diese Worte an

diesem Abend kaum.

Blanks bleiche Hand winkte aus dem Fenster. Die Droschke rollte davon

und im Nu war sie unter anderen Gefährten untergetaucht.

»Nun, Gott sei Dank, das wäre überstanden!« sagte Schwedenklee zu sich

selbst. »Großer Gott, was für Elend gibt es auf dieser Welt.«

Schwedenklee fühlte sich erleichtert und befreit von einem

Schuldbewußtsein, das ihn quälte, ohne daß er bestimmte Ursachen hätte

angeben können.

Das Schicksal seiner Mitmenschen, ja sogar seiner Bekannten und Freunde,

kümmerte Schwedenklee, der immer mit sich selbst beschäftigt war, nicht

allzusehr. Von Zeit zu Zeit hatte er das Bedürfnis, diese

Gleichgültigkeit, die er recht wohl als Mangel empfand, durch irgendeine

gute Handlung zu sühnen. Er schenkte, zum Beispiel, einer armen Frau,

die fünf Kinder hatte, eine Summe Geldes, einen Posten Wäsche und

Kleider.

So hatte er Blank heute eine ziemlich große Summe aufgedrängt, um Ruhe

zu finden vor peinigenden Gedanken, Reflexionen über die heutige

Gesellschaft, Ungerechtigkeit der sozialen Schichtung und andere

peinliche Dinge.

Beruhigt ging er zu Bett.

Sein Schlaf indessen war unruhig. Er träumte von Ellen. Sie hatte ihren

Koffer gepackt, bereit abzureisen. Er brachte sie in einem Wagen zur

Bahn, aber schon angesichts der glühenden Uhr des Bahnhofs befahl sie

dem Kutscher zu wenden und zum Hotel zurückzufahren. Später, da stand

sie schon im Zuge, der Zug fuhr schon an, aber sie sprang im letzten

Moment -- zum Erstaunen und Schrecken aller Reisenden, die laut

aufschrien -- aus dem Zuge. Ich kann nicht, ich kann nicht, schrie sie.

Da verfiel Schwedenklee -- im Traum -- auf einen infamen Gedanken. Er

beschwätzte Ellen, daß er mit ihr reisen werde. Sie war überglücklich,

und sie fuhren zusammen. Bei der ersten Station verließ er heimtückisch

den Zug. Es war eine Station voller Dunkelheit und Düster, und er sah

das schöne glückliche Gesicht der Ahnungslosen an sich vorübergleiten.

Hier erwachte Schwedenklee. Er war heiß, unruhig und voller Ängste. Die

Nacht war finster und lang. Vielleicht, dachte er, wäre ich mit dieser

Frau glücklich geworden? Vielleicht hat er recht, vielleicht habe ich

das Glück meines Lebens leichtsinnig fortgeworfen?

Am Morgen erinnerte er sich deutlich an den Traum. Wie sonderbar, dachte

er, Ellen reiste in der Tat schwer ab. Wir telegraphierten sogar an das

Theater, jetzt erinnere ich mich. Aber ich wünschte, daß sie reiste,

denn -- ich hatte ja schon eine Verabredung mit ihrer Freundin, dieser

rotbäckigen, stupsnäsigen Schwedin -- wie hieß sie? -- Fräulein Svenska.

Ja, leichtsinnig ist die Jugend.

»Welch ein Schuft bist du doch gewesen, Schwedenklee!« sagte er zu sich.

»Und diese Frau hat dich vielleicht wirklich geliebt!«

11

Ellen -- Blank -- schon nach kurzer Zeit streifte Schwedenklee das

immerhin nicht alltägliche Erlebnis nur noch selten in seinen Gedanken.

Er hatte die Verbindung mit Fräulein Wiedehopf wieder aufgenommen, und

seine Beziehungen zu der jungen Dame waren rasch vertraut geworden, in

viel kürzerer Zeit, als er anfänglich beabsichtigt hatte. Er hatte

Verpflichtungen, war wenig zu Hause, seine Gedanken waren durch die neue

Freundschaft hinlänglich beschäftigt.

Etwa zwei Wochen nach jenem Abendessen, als er nachmittags gerade das

Programm zu einem Ausflug entwarf, klopfte Augusta und meldete Blank.

»Herr Blank wartet mit einem Wagen vor der Türe.«

»Wer?«

»Herr Blank. Der Herr von neulich!«

Ungläubig und etwas verwirrt starrte Schwedenklee auf Augusta -- schon

kam ihm Blank mit ausgestreckten Händen entgegen.

»Ich hatte gelobt, Ihre Liebenswürdigkeit nicht mehr zu mißbrauchen!«

rief er lebhaft aus. »Sie sehen, ich bin schwach geworden. Wenn Sie mich

nicht tief unglücklich machen, kränken wollen, müssen Sie mir erlauben,

Sie zu einer Wagenpartie nach dem Grunewald einzuladen.«

»Ich bin leider gerade sehr beschäftigt, Herr Blank.«

»Nein, nein, verletzen Sie mich nicht, ich bitte Sie! Geben Sie mir

Gelegenheit, mich für Ihre Einladung zu revanchieren.«

Schwedenklee fand sich noch immer nicht zurecht. Wagen -- Grunewald --

und wie sah Blank aus? Er war kaum wiederzuerkennen!

Er trug einen noch recht ordentlich aussehenden dunkeln Ulster, einen

neuen Hut, neue Schuhe -- und seine Blässe war völlig verschwunden. Sein

Gesicht war leicht und gleichmäßig gerötet, wie das eines gesunden,

glücklich erregten Menschen. Erst später fand Schwedenklee, daß diese

Röte von hohem Fieber herrührte.

Blanks Augen strahlten vor Freude, es war Schwedenklee ganz unmöglich,

ihn zu enttäuschen. Er bat noch um eine Minute Geduld.

»Ich werde dem Kutscher unterdessen Bescheid sagen. Sie essen doch im

Grunewald mit mir?«

Nun rollten sie dahin.

»Mein Freund!« rief Blank unter lebhaften Gesten aus. »Ich sehe, Sie

sind außerordentlich erstaunt. Ich bin es ja selbst! Noch immer kann ich

es nicht fassen. Wissen Sie denn, was geschehen ist? Niedergebrochen,

erschöpft, in Verzweiflung, habe ich plötzlich neuen Lebensmut bekommen.

Ahnen Sie, was das bedeutet? Neuen Lebensmut? Ich fange wieder an zu

hoffen. Vielleicht -- ja wer weiß es, aber ich habe immerhin die

Hoffnung --, vielleicht hat das Schicksal in einer guten Laune

beschlossen, mir so etwas wie einen Nachsommer zu schenken! He,

Kutscher, fahren Sie doch etwas hurtiger, nicht so langsam!«

»Ich freue mich aufrichtig, Sie zuversichtlicher zu sehen!«

»Und das kam so, mein lieber und verehrter Herr Schwedenklee! Hören Sie

nun. Sie, mein verehrter Freund, Sie sind die Ursache! Ja! Ihr, wie

sagten Sie in Ihrer großen Güte, Ihr Darlehen -- damit begann es. Mein

Himmel, was ist seitdem alles geschehen! Ich bin verwirrt, kindisch

geradezu. Ich hatte den Mut, die Selbstüberwindung, Ihren Brief nicht

sofort zu öffnen. Bei jeder Laterne kämpfte ich mit mir. Nein, sagte

ich, du bist kein Bettler! Zu Hause öffnete ich Ihren Brief und --

glauben Sie mir -- ich war vor Erstaunen minutenlang betäubt. Morgen,

sagte ich, bringe ich ihm das Geld zurück. Morgen! Aber am Morgen dachte

ich anders. Plötzlich -- es war wie ein Wunder, stieg wieder, nach

Monaten, ein Gefühl der Hoffnung in meinem Herzen empor. Ich sagte mir:

wenn Gott dir einen gütigen Freund in den Weg gesandt hat, weshalb

willst du diesen Wink des Himmels nicht verstehen? Gut, ich brachte das

Geld nicht zurück!

Ich handelte! Ich raffte mich auf! Ich löste meine Kleider aus -- hier,

diese Kleider. Ich ging zu einem Friseur. Ich ging in eine Badeanstalt.

Ich ging in ein Restaurant und aß. Ich wurde plötzlich ein anderer

Mensch! Hoffnungen beflügelten mich. Ich ging in die Filmbörse. Waren

Sie schon in der Filmbörse? Ein Kaffeehaus in der Friedrichstraße?«

Schwedenklee schüttelte den Kopf.

»Gehen Sie nicht hin. Sie werden nie so viel Elend, offenes und

verborgenes, schlecht verborgenes Elend, auf einer Stelle finden. Ich

gehe hin -- ich bin gesättigt, anständig gekleidet, ich bestelle Kaffee.

Glückt es heute nicht, so glückt es morgen. Ich fühle Ihr Kuvert in

meiner Tasche, ich habe keine Eile, ich fühle mich sicher.

Was denken Sie? Regisseure kommen herein. Sie haben das ja nie

beobachtet. Man kennt diese Regisseure, die Herren und Damen stürzen

sich förmlich auf sie --! Aber auf _mir_ ruht sein Blick, der Blick des

Allmächtigen. Ich tue, als kümmere es mich nicht im geringsten. Er

geruht an meinen Tisch zu kommen. Er stellt sich vor, denken Sie,

obschon ihn hier jedermann kennt und er es genau weiß. Was denken Sie,

was geschieht? Er verpflichtet mich für zwei Filme, zwei -- bei sehr

gutem Honorar! Zwei Filme!« Blank lachte laut heraus und breitete die

Arme den Vorübergehenden entgegen.

»Ich hatte früher eine Verachtung für den Film, müssen Sie wissen. Er

erschien mir wie eine Profanierung der Kunst. Ich war immer Idealist,

das heißt ein Dummkopf -- werde es bleiben bis an mein Lebensende, kann

nicht anders. Ich lehnte früher, da ich noch auf hohem Rosse saß, jedes

Engagement ab. Später aber gab sich es bescheidener und war zufrieden,

in der Komparserie zu filmen, bis ein Regisseur schrie: Bedauere, Sie

_verhusten_ mir ja jede Aufnahme. Ja, so sagte er: Sie verhusten ...

hahaha!«

So laut war Blank, so froh erregt, daß Schwedenklee der Überzeugung war,

er sei etwas angeheitert.

»Zwei Filme also,« fuhr Blank lebhaft fort, »Sie sehen, das Unfaßbare

war geschehen. Ein Wunder hat sich ereignet! Das Schicksal hatte mich

völlig vergessen, plötzlich aber ließ es sein Auge wieder in Gnaden auf

mir ruhen. Ich filme bereits eine ganze Woche, heute, am ersten freien

Tag, eilte ich zu Ihnen, um Ihnen die große Neuigkeit zu verkünden. --

Im ersten Film, der zur Zeit gedreht wird, spiele ich die Rolle eines

Günstlings der großen Katharina, der an schleichendem Gift, das ihm sein

Rivale, ein französischer Abbé, eingab, dahinsiecht. >Die Rolle ist

Ihnen wie auf den Leib geschrieben, Blank<, sagte der Regisseur. Sie

sehen! Ja, eine herrliche Sache: ich sieche dahin, drei Akte hindurch.

Meine erlauchte Geliebte läßt mich fallen im Augenblick, da ich den

Stempel des Todes auf der Stirn trage. Aber ich räche mich ...«

Blank nahm eine Schachtel aus der Tasche und bot Schwedenklee eine

Zigarette an. »Ich habe nicht vergessen, daß Sie ein leidenschaftlicher

Raucher sind, hoffentlich schmeckt Ihnen die Marke. He, Kutscher, lieber

Freund, halten Sie einen Augenblick!« Und Blank bot mit fliegender Hand

Feuer. »Und nun, lassen Sie das Pferdchen wieder laufen!«

Wohlig stieß Blank die Rauchwolken in die durchsonnte Luft, indem er

fortfuhr:

»Weitaus amüsanter ist der andere Film, den wir in acht Tagen drehen

werden. Er wird Sie erheitern, mein verehrter Freund. Ich bin also ein

heruntergekommener Graf und sitze an der Straße als Bettler! Eine Dame,

die mich in meinem früheren Leben kannte, eine Tänzerin, reicht mir --

sie ist eben im Begriff, in ihr Auto einzusteigen -- ein Goldstück. Aber

siehe da, schon erkennt sie mich. Sie nimmt mich in ihren Wagen. Die

Menge der Neugierigen, die sich ansammelte, spendet ihrem mitleidigen

Herzen Beifall. Ich werde gefüttert, gepflegt -- und schon bin ich

wieder ein Graf, ein hochfeudaler, etwas hinfälliger Greis. Die Tänzerin

unterbreitet mir einen Ehekontrakt. Sie will meinen Adel heiraten, und

ich soll nach der Trauung, laut Kontrakt, verschwinden für immer. Aber

was glauben Sie? Ich tue es nicht, ich bin nun wieder an das gute Leben

gewöhnt, drohe, verteidige meine Ehre, werfe die Liebhaber die Treppe

hinunter, sperre meine schöne Gattin in die Bügelkammer. Hahaha! Ist es

nicht lustig? Ja, auch Sie müssen lachen. Ich sehe sogar, daß Sie

gespannt sind, wie es endet, aber Sie schämen sich zu fragen. Habe ich

recht?«

»Ja, Sie haben recht.«

»Nun, so sollen Sie hören. Meine Gemahlin ist schlauer als ich. Sie lädt

eine Nichte ein, ein süßes Geschöpf -- ich bin töricht genug, mich zu

verlieben, werde bei einem zärtlichen Tete-a-tete ertappt -- Scheidung!

Meine Aktien stehen schlecht, ich bin genötigt, mich zu verabschieden,

stecke die Abfindungssumme ein, und in der Schlußszene sehen Sie mich

als alten Gecken flanieren. Ich mache Bekanntschaft, Sekt, meine Dame

stiehlt mir die Abfindungssumme und die Kellner werfen mich auf die

Straße -- hahaha!«

»Aber Kutscher,« unterbrach Blank plötzlich seinen Redeschwall und

berührte, erschrocken aufspringend, die Schulter des Kutschers, »ist es

denn nötig, daß Sie uns mitten in den See hineinfahren?« Augenblicklich

aber sah Blank seine Täuschung ein. »Verzeihung -- ja, es war eine

Sinnestäuschung. Ich sehe ja, es ist der Himmel, der sich im Asphalt

spiegelt, es war nur eine vorübergehende -- wie soll ich sagen --?«

»Ich glaube,« fuhr Blank nach einer Pause mit der gleichen Lebhaftigkeit

fort, »mein Glück hat mich schwindlig gemacht! Ich fiebere in diesen

Tagen sehr stark, aber ich fiebere, weil ich wieder hoffe. Ich empfinde

dieses Fieber geradezu angenehm! Ja, merkwürdig und geheimnisvoll ist

dieses Leben! Ist es nicht sonderbar, daß schon früher einmal Sie, ja

gerade Sie, verehrter Freund, Sie und kein anderer es waren, der in

einem Augenblick der größten Verlegenheit entscheidend in mein Leben

eingriff? Soll man da nicht an Mysterien, an wunderbare, geheime

Zusammenhänge glauben?«

Schwedenklee war äußerst erstaunt. »Ich sollte schon früher einmal --?«

»Ja!« Blank rückte vertraulich näher und lachte. »Ja! Ein Geständnis.

Ich habe Ihnen erzählt, daß ich Rosa in Nürnberg kennenlernte. Mein

Engagement in dieser Stadt war geradezu kläglich, und ich war ziemlich

abgerissen. Nun schrieb mir ein Kollege aus Köln, daß dort eine Vakanz

sei. Köln! Aber wie nach Köln kommen, ohne Geld, in diesem Aufzuge --

zum Verzweifeln. Ich sprach mit Rosa, und Rosa sagte, ich werde an

Schwedenklee schreiben.«

»Schrieb sie denn?«

»Ja. Sie flunkerte ein bißchen, daß sie notwendige Garderobe brauche.

Und Sie sandten postwendend tausend Franken.

Schwedenklees Erlebnis · 第 5 / 11 段