Schwedenklee erhob sich und bewegte sich lautlos über die Teppiche.

Diese ganze Erde sei in der Tat nichts als ein großes Bauerndorf! Und er

erzählte hastig und mit halblauter Stimme einige ähnliche Erlebnisse,

die ihm begegnet waren und seine Ansicht bestätigten, daß die Erde

nichts als ein Bauerndorf sei. Blank antwortete nicht, er schien gar

nicht zuzuhören.

Mit aller Umständlichkeit machte sich Schwedenklee eine Zigarre zurecht.

Wieder bewegte er sich lautlos über die Teppiche. »Und was ist

eigentlich aus Pfitzner geworden?« Er blieb stehen.

Aber Blank hörte ihn gar nicht. Er saß, den verschleierten Blick ins

Ungewisse verloren. Er hatte vergessen, wo er war, wandelte in einer

fernen, unbegreiflichen Welt. Ein wundes Lächeln spielte um seine

Lippen. Die schmalen gepflegten Hände lagen regungslos auf den Lehnen

des Sessels, sie zitterten nicht mehr, nur sein gebeugter Oberkörper

schwankte leise hin und her.

Verstohlen blickte Schwedenklee auf die Uhr. Da erwachte Blank aus

seiner tiefen Versunkenheit. Er atmete tief auf und blickte sich

verstört um.

»Verzeihung«, sagte er und schüttelte sich, als friere er.

Schwedenklee streckte sich in den Sessel.

»Und nun, Herr Blank,« begann er mit einer Stimme, die seinen Gast

ermutigen sollte, »Sie hatten mir etwas mitzuteilen?«

Blank erschrak heftig. Die nervöse Hand zuckte, seine dunkeln Augen

weiteten sich.

»Mitzuteilen --?« stammelte er, anscheinend tief betroffen.

Schwedenklees Miene, der etwas leichtfertige und gutmütige

Gesichtsausdruck, versuchte ihn zu beruhigen.

»Ja«, sagte Schwedenklee, sich lächelnd vorbeugend. »Sie schrieben mir

in einem Ihrer Briefe, Sie hätten mir Mitteilungen zu machen, die für

mich unter Umständen von Interesse sein könnten.«

»Schrieb ich das?« Blank erhob sich erregt, ließ sich aber sofort wieder

in den Sessel fallen. »Nein, nein, mein Herr,« fuhr er hastig fort,

zuweilen errötend, »was ich zu tun habe, ist, Sie tausendfältig um

Entschuldigung zu bitten, das ist alles. Ich befinde mich in einem

Zustande der Verwirrung, der Verzweiflung -- ja, des, Sie verzeihen, es

klingt wie Pose, des Irrsinns. Ich muß um Nachsicht bitten. Ich weiß

nicht mehr, was ich in diesen furchtbaren Wochen sagte oder schrieb.

Verzeihen Sie mir. Aber, mitzuteilen? Nein, bei Gott, nein! Ich habe

Ihnen nichts mitzuteilen.« Rote fieberische Flecke erschienen unter den

Augen des fahlen Gesichts.

Blank war in großer, ganz unbegreiflicher Erregung. Aber allmählich

beruhigte er sich.

»Was ich Ihnen gerne sagen möchte, wenn Sie noch eine Minute Geduld mit

mir haben wollen,« fuhr er mit ruhigerer, feierlicher Stimme fort, »ist

dies --« Er holte tief Atem und senkte den Blick zu Boden. »Meine

Gattin, deren Verlust mich nahezu um meine Sinne gebracht hat, sagte mir

wenige Stunden vor dem Tode: Gehe zu Schwedenklee und grüße ihn von mir.

Sage ihm, daß ich ihm nicht mehr grolle.«

»Nicht mehr grolle --?« Schwedenklee horchte auf.

»Ja, so sagte sie. Vielleicht aber habe ich auch die Worte verwirrt.

Sage ihm, daß ich ihm stets gut war und noch heute gut bin --«

Hier wurde Schwedenklee plötzlich ergriffen.

»Sagte sie das wirklich?« flüsterte er.

»Ja, und sie beauftragte mich, Ihnen dies Bild zu bringen. Es würde Sie

freuen, dachte sie. Eine Erinnerung aus der Pariser Zeit.« Blank schlug

sich an die Stirn. »Ja, dieses Bild, das war ja die Ursache meines

Besuches! Schon habe ich es wieder vergessen, ich sitze hier und

plaudere --«

Blank erhob sich und tastete nervös die Taschen des Überrocks ab.

»Mein Himmel, ich werde es doch nicht draußen verloren haben!« rief er

in äußerstem Schrecken. »Nein, hier, gottlob, hier ist es. Das ist ja

der eigentliche Grund, weshalb ich Sie aufsuchte.«

* * * * *

Eine verblaßte Photographie, in Paris aufgenommen -- seinerzeit. In

irgendeiner übermütigen Stunde.

Eine zierliche Dame, in einem großen Hut -- das Gesicht kaum

erkenntlich. Daneben er, Schwedenklee, zwanzig Jahre jünger, mit einem

flotten kleinen Schnurrbart. Schwedenklee zerbrach sich den Kopf, wo das

Bild aufgenommen sein konnte. Er erinnerte sich nicht mehr.

Er trat unter die Lampe und nahm eine Lupe vom Schreibtisch.

Nun erkannte er die Züge der jungen Dame wieder, die in all den vielen

Jahren nur selten, flüchtig und verblaßt in seiner Erinnerung wieder

auflebten. Ein wehmütiges Gefühl überkam ihn -- daß diese herrliche

Jugendzeit vorbei war für immer.

»Ellen Fröhlich!« sagte er vor sich hin.

»Sie hatte zwei Namen«, warf Blank mit verletzter, fremder Stimme ein.

»Da Sie sie Ellen genannt hatten, wählte ich ihren anderen Namen. Ellen

für Sie, Rosa für mich!«

Schwedenklee blickte ihn verständnislos an.

9

Als Schwedenklee am nächsten Morgen, etwas müde und abgespannt, in

seinem breiten Himmelbett erwachte, fiel ihm augenblicklich ein, daß er

Blank für heute zum Abendessen eingeladen hatte.

Was für ein Dummkopf bin ich doch, dachte er, unzufrieden mit sich

selbst, immer diese alte Gutmütigkeit. Ich bin wütend über einen

Menschen und doch kann ich es mir nicht versagen, den Liebenswürdigen zu

spielen. Aber sofort erinnerte er sich auch, daß es ganz unmöglich war,

Blank, der Begriffe wie Zeit und Nachtruhe nicht zu kennen schien, auf

andere Weise zu verabschieden. Er hatte sich auch in der verflossenen

Nacht hin und her überlegt, wie er Blank seine Hilfe anbieten könnte,

aber keine Möglichkeit gefunden. Da war ihm der Einfall der Einladung

gekommen.

Lieber Himmel, dachte er plötzlich erschreckend und setzte sich auf, wie

mag dieser arme kranke Mensch in der Nacht nach Hause gekommen sein?

Nach dem Osten. Ob er wohl, wie er ihm riet, eine Droschke genommen

hatte? Aber vielleicht hatte er gar nicht das Geld dazu? Ich selbst

hätte ihm eine Droschke holen und den Kutscher bezahlen sollen -- aber

dieser Einfall kam reichlich spät.

Etwas Gutes hatte die gestrige Begegnung auf jeden Fall. Schwedenklee

fühlte sich erleichtert! Das »im Hintergrund lauernde Schicksal«, wie er

sich ausdrückte, hatte sich entschleiert. Obgleich Schwedenklee

eigentlich nicht an Gott, an ein zweites Leben, an Auferstehung,

Seelenwanderung und derartige Dinge glaubte, glaubte er doch an

mystische Einflüsse, an ein Fatum, das unheilvoll in das Leben eines

Menschen eingreifen konnte. In den zwei letzten Jahren hatte er sich

unsicher gefühlt. Es war ihm, als wäre er von heimtückischen Gefahren

umlauert. Einer seiner Bekannten starb plötzlich am Herzschlag, und

schon dachte er: wer weiß es, ob du morgen erwachen wirst? Zuweilen sah

er sich alt und krank als Bettler auf der Straße stehen und der Wind

blies eisig. Oder ein unheilbares Leiden befiel ihn, zum Beispiel Krebs.

Ganz deutlich spürte er die fortwährende Drohung feindseliger Mächte,

und nur so -- nicht anders -- läßt es sich erklären, daß die Briefe

Blanks auf ihn einen solch ungeheuren Eindruck machten. Nun also kam es,

heimtückisch schlich es näher, um ihn zu umstricken und zu vernichten!

Deutlich witterte er die Vorboten eines bösen Schicksals, das seine

Demütigung und Vernichtung beschlossen hatte.

An diesem Morgen atmete er seit vielen Wochen befreit auf, seine

düsteren Grübeleien erschienen ihm unsinnig und albern. Seine

Hilfsbereitschaft für Blank entsprang ebenfalls, ohne daß er sich dessen

bewußt wurde, diesem Gefühl der Erleichterung und einer gewissen

Dankbarkeit gegen das Schicksal, das sich ihm nicht ungnädig gezeigt

hatte.

Werde ich ihm denn abgelegte Kleider geben können? dachte er. Vielleicht

aber wird es ihn verletzen? Also Geld. Aber wieviel und in welcher Form?

Man könnte ihm auch einen Korb mit Früchten und guten Sachen schicken,

eine Flasche Kognak dazu. Das war ein ausgezeichneter Einfall, und

Schwedenklee beschloß, noch heute den Korb zurecht machen zu lassen.

Den ganzen Vormittag war Schwedenklee mit dem gestrigen Abenteuer

beschäftigt. Blank hatte ihm, mit einer gewissen Schwatzhaftigkeit, im

Laufe der Nacht sein Herz ausgeschüttet, er hatte ihm jede Einzelheit

seines Lebens erzählt -- und all das nur aus dem Grunde, weil er einige

Wochen lang eine Liebschaft mit seiner Frau gehabt hatte! Notabene: noch

bevor sie überhaupt seine Frau war ...

Schwedenklee konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er ging an den

Schreibtisch und nahm -- seine Hand zitterte etwas -- das verblichene

Bild aus dem Schubfach.

Bei Tageslicht war das Gesicht unter der Lupe etwas deutlicher zu

erkennen. Lange, mit einer Art furchtsamer Neugierde, betrachtete er das

Bild, und sonderbarerweise begann sein Herz stark zu klopfen, als wäre

es frevelhaft, dieser Toten ins Gesicht zu sehen.

Je länger er das verblaßte Bild betrachtete, desto klarer formte es sich

in seiner Phantasie, und plötzlich stand es, wie durch ein Wunder,

lebendig vor ihm.

Ellen hatte Grübchen in den Wangen gehabt, auf der einen Wange war das

Grübchen um ein geringes tiefer als auf der andern -- das fiel ihm jetzt

ein, obschon die Grübchen auf dem verblaßten Bild nur dann zu erkennen

waren, wenn man wußte, daß sie existierten. Er erinnerte sich an ihre

schönen weißen Zähne, die sich beim Lachen ganz entblößten, als lachten

sie mit -- und wie scharf waren diese Zähne gewesen! Er erinnerte sich

an die Glätte ihrer Haut, die er nie wieder gefunden hatte bei einer

Frau, an die Ebenmäßigkeit ihres zarten Körpers, die weiche Biegsamkeit

ihrer schlanken Taille. Klar sah er in diesem Augenblick die

Modellierung ihrer sanften Schultern vor sich.

Zartheit, Behutsamkeit, Stille und unendliche Sanftheit ging von dieser

Frau aus. Ihr Schritt war still, die Berührung ihrer Hand leise.

Schmiegte sie sich an ihn, so war es kaum zu fühlen, und doch war die

Berührung unsagbar innig.

Ja, jetzt in dieser Sekunde fühlte er deutlich ihre zärtliche

Liebkosung.

Sein Herz wurde schwer und er legte das Bild zurück. »Ein rührendes

Wesen, in der Tat«, sagte er. »Vorbei -- tot! Ja, das Leben ist eine

höllische Einrichtung!«

Traurig das Schicksal dieser Frau, die das Leben so heiß geliebt hatte.

Von Paris war sie in ein Sommerengagement nach Nürnberg gegangen. Daran

erinnerte er sich noch deutlich. Sie hatten noch einige kurze Briefe

gewechselt, bis die Korrespondenz plötzlich ohne jeden sichtbaren Grund

einschlief. In Nürnberg hatte sie Blank kennengelernt, der sie -- wie er

selbst gesagt hatte -- liebte, bevor er sie sah.

»Ich sah sie noch gar nicht. Die Tür ging auf -- ihre Seele strömte vor

ihr her. Wer kommt hier? dachte ich. Und ich liebte diese Frau, die im

Begriffe stand, über die Schwelle zu treten, bevor ich sie überhaupt

sah. Es ist mir heute noch rätselhaft!«

Blank sollte in Köln gastieren. Sie begleitete ihn. Er sang »um Rosa«.

Er gefiel, zweijähriger Kontrakt, auch Ellen wurde engagiert. Sie

heirateten auf Grund dieses Engagements. Drei Jahre hier, zwei Jahre

dort, in kleineren und größeren Provinzstädten -- ein Nomadendasein,

fröhlich und heiter ertragen, obwohl voller Sorgen. Plötzlich aber ging

es in die Höhe: München, Mannheim, endlich Dresden! Blank hatte den

Gipfel erreicht. Das Dasein der beiden war ohne Sorgen -- einen

Pelzmantel mit Bärenkragen trug Blank, wie er sagte. Sie reisten im

Sommer nach der Schweiz, ans Meer.

»Nie gab es wohl zwei glücklichere Menschen als uns beide! Ein Kreis

prächtiger Freunde, immer Blumen in den Zimmern, und ein Heim, das

widerhallte von der herrlichsten Musik! Der und der spielte Cello, der

und der Geige, der und der den Flügel -- erste Künstler, die in der

ganzen Welt konzertierten. Berühmte Dirigenten aßen bei uns zu Abend.

Und Rosa im Mittelpunkt, Rosa umschwärmt, bewundert, geliebt ...«

In Dresden aber holte Blank das Geschick ein. Eine Erkältung, wenig

beachtet. Eine Wucherung an den Stimmbändern. Blanks Laufbahn als Sänger

war besiegelt. Ellen dagegen spielte noch, sie erhielt ihn Jahre

hindurch. Kuren, Ärzte. Der Niedergang begann. Schließlich erkrankte

auch Ellen, die Lunge. Das war das Ende.

Furchtbarer Sturz in das tiefste Elend. Auch Blank wurde brustkrank.

»Wir liefen um die Wette nach dem Tode, Rosa und ich. Sie hat das Ziel

zuerst erreicht, aber ich bin nicht weit hinter ihr.«

Gestorben an der Schwindsucht, zwei Menschen trugen sie zu Grabe ...

»Arme Ellen!« sagte Schwedenklee und legte das Bild zurück in das

Schubfach.

Er war in solch melancholische Stimmung geraten, daß er, was selten

vorkam, schon am Nachmittag das Stammcafé aufsuchte.

Hier saß er an einem kleinen Marmortisch und sah lustlos zu, wie der

Rechtsanwalt Cohnstamm mit dem Polizeileutnant Hammerstein eine

Cadrepartie auf dem Matchbillard ausfocht. Er war wortkarg und

zerstreut, trank ohne Genuß seine Tasse Kaffee. Der Rechtsanwalt erbat

seinen Rat bei einer schwierigen Stellung. Sprang Schwedenklee auf, wie

es sonst seine Art war, um sein Licht leuchten zu lassen? Er zuckte

gleichgültig die Achseln.

»Und zu denken, wie diese Ellen lachen konnte! Wie sie es verstand, auch

das Nichtigste zu genießen! Und wie drollig sie sein konnte! Immer

bereit zu einem übermütigen Streich!«

Der Oberkellner näherte sich, zutraulich: Es seien schon große Beträge

auf Herrn Oberbaurat für heute abend gesetzt.

»Ich werde heute abend nicht spielen«, sagte Schwedenklee, mit Falten in

der Stirn. »Ich habe Gäste zu Hause.«

Schon um einhalb acht Uhr begab sich Schwedenklee nach Hause. Er freute

sich auf Blanks Besuch. Ja, er freute sich, ist es zu glauben?

»Und gestern zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn loswerden könnte!«

* * * * *

Schwedenklee bekümmerte sich eigentlich nie um die Wirtschaft. Seine

ganze Tätigkeit bestand darin, jeden Monat das Wirtschaftsbuch

nachzuprüfen. Er nahm sich natürlich nie die Mühe, das Buch wirklich

nachzusehen, da aber Augusta den Eindruck gewinnen solle, als ob er

ganze Nächte hindurch rechne, so ließ er das Buch stets einige Tage

liegen. Einmal half ihm der Zufall. Er addierte eine Seite, eigentlich

aus Zerstreutheit, es stimmte nicht.

»Sie haben sich hier zu Ihren Ungunsten getäuscht, Augusta!«

Es war wirklich eine Fügung des Himmels, geschehen vor drei Jahren. Seit

dieser Zeit öffnete Schwedenklee dieses furchtbare Wirtschaftsbuch

überhaupt nicht mehr.

Seine Anordnungen pflegte Schwedenklee in lakonischer Kürze zu erteilen,

häufig schrieb er sie auch auf einen Zettel. Ja, er liebte Scherereien

nicht, Schwedenklee. Es ging wunderbar.

Auf den heutigen Abend aber hatte er Augusta besonders hingewiesen. Es

war seine Absicht, Blank mit der größten Sorgfalt zu bewirten. Dieser

arme Teufel sollte noch einmal eine Freude haben in seinem Leben ...

Das Unglaubliche geschah. Schwedenklee inspizierte das Speisezimmer.

Augusta hatte sich wirklich Mühe gegeben. Man konnte jedermann

empfangen, einen Fürsten, wenn es sein mußte.

»Und wie war das eigentlich, auf dem Atelierfest von Ellens Freundin,

der schwedischen Bildhauerin, wie hieß sie doch -- sagen wir: Fräulein

Svenska?« fragte sich Schwedenklee, als er, in der Bibliothek auf und ab

gehend, auf Blank wartete.

Es war da jemand, der die Mundharmonika spielte, und man saß, da nicht

genug Stühle da waren, auf dem Boden -- nicht wahr? Es war ein

Kostümfest!

Mein Gott, was konnte man doch damals alles machen. Man drehte den Rock

um, band sich ein Taschentuch um den Hals: schon war man ein Apache!

Es war eine ungeheure Hitze in dem Atelier, ganz richtig. Man trank

schwedischen Punsch, und schon nach dem ersten Glas änderte sich der

Glanz von Ellens Augen.

Ja, jetzt fiel es ihm ein: Sie, Ellen, führte ihn in einen Winkel neben

eine der mit nassen Tüchern verhängten Tonbüsten und schlang die Arme

zart und weich um seinen Hals. »Dich werde ich ewig lieben!« flüsterte

sie.

Da ertönte die Klingel: Blank!

Schwedenklee spürte noch Ellens weiche Arme, ihre Stimme flüsterte dicht

an seinem Ohr, als Blank eintrat.

Er errötete, als er Blank die Hand reichte.

10

Blank hatte sich in große Gala geworfen. Er trug unter dem fadendünnen

Überzieher mit dem abgeschabten Pelzkragen einen grauen, dünnen Gehrock,

einen schlechtgebügelten Kragen, eine alte flotte graue Binde. Die

Knöpfe der altmodischen Weste waren aus Glas und einer fehlte. Seine

Hände waren gepflegt, wie gestern, die Manschetten ausgefranst, aber

peinlich sauber.

»Wie glücklich ich bin!« rief er mit seiner heiseren Stimme etwas

theatralisch aus und drückte Schwedenklee die beiden Hände, mit einer

Herzlichkeit, die Schwedenklee in Verlegenheit brachte.

»Ich freue mich, daß Sie heute viel wohler aussehen«, erwiderte

Schwedenklee, der das Bedürfnis empfand, seinem Gaste seinerseits etwas

Angenehmes zu sagen. In der Tat, die Leichenblässe, die Blank gestern

zeigte, schien heute etwas gemildert.

»Wohler?« Blank lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich lag den ganzen

Tag mit Fieber zu Bett.«

»Und Sie haben nicht einfach angerufen?«

»Dieses bißchen Fieber sollte mich abhalten? Bei meinem

Gesundheitszustand ist es ja völlig einerlei, ob ich mich schone oder

nicht. Könnten Sie auch nur ahnen, wie ich mich auf das Zusammensein mit

Ihnen freute!«

Beim Anblick der gedeckten Tafel blieb Blank vor Erstaunen auf der

Schwelle stehen.

»Ist es möglich?« rief er aus.

Augusta hatte sogar einen Strauß Maiglöckchen in die Mitte des Tisches

gestellt. Das helle Speisezimmer war von einem herrlichen Duft erfüllt.

»Ist es möglich? Für mich diese Mühe! Nie werde ich Ihnen das

vergessen.« Und wieder drückte er Schwedenklees beide Hände, während er

bemüht war, seine Ergriffenheit zu verbergen. Lebhaft fuhr er fort: »Ich

weiß ja wohl, daß Sie ein Künstler im Arrangement von Festen sind! Rosa

erzählte mir, daß Sie ihr einst in Paris -- Himmel, daß ich Sie nicht

belauschen konnte! -- ein Abendessen gaben, mit Dutzenden von Kerzen,

deren Glanz sich in geschickt aufgestellten Spiegeln verhundertfachte.

Vielleicht erinnern Sie sich noch? Ja, Sie erinnern sich -- ich sehe es

--«

»Sonderbar, gerade dieser Tage --«

»Verzeihen Sie mir, ich sehe, daß es Ihnen nicht angenehm ist, an

vergangene Zeiten erinnert zu werden. Ich muß Sie um Nachsicht bitten,

wenn ich im Laufe des Abends dann und wann auf das Vergangene

zurückkomme. Ich fürchte, ich kann nicht anders, denn gerade die Qual,

die ich bei jeder Erinnerung empfinde, ist mir eine Wollust. Ich darf

Ihnen wohl sagen, daß Rosa mir alles aus ihrem Leben erzählte, jede

Einzelheit. Ich bitte auch, obschon es unnötig genug erscheint, erklären

zu dürfen, daß nicht das geringste Arg gegen Sie in meinem Herzen ist.

Wie sollte es auch? Einmal war ich ja sehr eifersüchtig auf Sie« --

Blank lächelte schmerzlich -- »furchtbar eifersüchtig, ich gestehe es

Ihnen offen. Ich haßte Sie, Sie ahnen nicht, wie ich Sie haßte.« Blank

errötete und seine dunkeln Augen glühten -- allein bei der Erinnerung an

diesen Haß.

»Ich begreife nicht, weshalb haßten Sie mich?«

»So wahnsinnig hatte mich die Eifersucht gemacht. Ich hatte natürlich

nicht den geringsten Grund. Nun, es ist lange her -- zwanzig Jahre.

Heute empfinde ich für Sie nur Freundschaft und Zuneigung, ohne zu

erwarten, daß Sie meine Gefühle erwidern. Darf ich dieses Glas auf Ihre

Gesundheit leeren?«

Mit einem tiefen, wunderbar warmen Blick der dunkeln Augen und einem

schönen Lächeln des verwüsteten Gesichts hob Blank das Glas ins Licht.

»Wenn jemand hier Ursache hätte, böse zu sein,« fuhr er mit großer

Lebhaftigkeit, leise lächelnd, fort, »so wären ja wohl Sie es!«

»Ich? Aber, ich bitte --«

»Gewiß, Sie! Denn ich war es ja, der Ihnen diese wundervolle Frau

entfremdete -- in einer Zeit, da sie noch sehr an Ihnen hing.«

Schwedenklee hob verwundert den Blick vom Teller. »Noch an mir hing?«

fragte er, errötend und geschmeichelt.

»Ja! Es war nicht so einfach, wie es heute aussieht ...«

»Nicht so einfach?«

»Nein, ganz im Gegenteil -- es war sehr schwer!«

»Reden wir nicht mehr davon«, brummte Schwedenklee.

Nichts mehr von der Peinlichkeit des gestrigen Abends. Man plauderte wie

alte Bekannte. Blank, dessen krankhafte Erregung gestern Schwedenklee

folterte, war heute viel ruhiger und beherrschter. Er zeigte sich als

ein Mann von den besten gesellschaftlichen Formen, wenn er auch seine

weltmännischen Allüren etwas zu stark betonte. Schwedenklee liebte es

nicht, bei Tisch viel zu reden, er antwortete nur träge und zerstreut.

Blank dagegen sprach mit großer Lebhaftigkeit, die Rede, begleitet von

lebhaften Gesten, schien ihm eine wahre Wohltat zu sein. Seine Wangen

färbten sich, seine Augen sprühten. Er fühlte sich wohl, er fühlte sich

fast wie zu Hause, nach dem zweiten Glas nannte er Schwedenklee, der

zuweilen seine Sicherheit verlor, sogar manchmal »lieber Freund«. Ja,

dann und wann hatte Schwedenklee den Eindruck, als spielte Blank den

Überlegenen.

Augusta hatte sich in der Tat alle Mühe gegeben und ein vorzügliches

Menü zusammengestellt. Sie servierte aber schmollend. Sobald sie Blank

erblickt hatte -- sie starrte förmlich auf die ausgefransten Manschetten

-- hatte sie nur verächtliche Bewegungen. Jede Geste von ihr sagte: und

wegen dieses Bettlers lassen Sie mich den ganzen Tag herumrennen?

»Eine Flasche Selters, Augusta«, sagte Schwedenklee mit einer gewissen

rügenden Schärfe, und Augusta zog brummend ab.

Trotz des vorzüglichen Menüs und des herrlichen Weins fühlte sich

Schwedenklee nicht recht behaglich, ja vorübergehend war er sogar den

Anwandlungen einer schlechten Laune unterworfen. Die Lebhaftigkeit

Blanks störte ihn. Er hätte Blank gerne -- so albern es ihm selbst

vorkam -- bescheidener und demütiger gesehen. Nein, von den

ausgefransten Manschetten wollte er natürlich nicht sprechen, aber daß

Blank, den er gestern von der Straße aufgelesen hatte, den er aus purer

Gutmütigkeit zum Essen eingeladen hatte, ihn »lieber Freund« nannte --

war das ganz in Ordnung? Mit einem gewissen Neid prüfte er zuweilen mit

verstohlenen Blicken Blanks Erscheinung. Ohne Zweifel mußte er vor

Jahren von großer, ja seltener Schönheit gewesen sein. Noch jetzt wirkte

sein großgeformter Musikerkopf imposant. In dem bleichen, zerknitterten

Gesicht glühte ein Paar wundervoller Augen. Was für Augen habe ich

dagegen? dachte Schwedenklee. Diese dunkeln Augen schienen das einzig

Lebendige -- Überlebende -- in dem wachsfahlen Gesicht zu sein. Sie

waren Feuer, Gedanke, Seele, Jugend, sie waren dreißigjährig, das

Gesicht fünfzig-, hundertjährig, wenn man will.

So oft Schwedenklee von einer dieser Anwandlungen schlechter Laune

ergriffen wurde, verbarg er sie hinter ausgesuchtester Höflichkeit:

»Bitte zuzugreifen -- bitte sich zu bedienen!«

»Ich sehe, ich ermüde Sie mit meinem Redestrom«, rief Blank aus. »Ich

muß auch in dieser Hinsicht um Ihre Nachsicht bitten. Seit Jahren habe

ich fast nie mehr mit einem gebildeten Menschen gesprochen. Sie ahnen

nicht, welcher Genuß für mich Ihre Gesellschaft ist. Bedenken Sie, diese

Menschen, mit denen ich noch zusammenkomme -- oh, mein Gott, welches

Niveau! Sie, mein verehrter Freund, der es wagte, einen Bettler ins Haus

zu laden ...«

»Jeder Mensch kann einmal eine unglückliche Periode --« murmelte

Schwedenklee.

»Einen Bettler, sage ich, was bin ich sonst? Sie verkehren mit einem vom

Unglück Gezeichneten auf gleich und gleich -- unterbrechen Sie mich

nicht -- wer tut das noch? Es ist das _Alleraußergewöhnlichste_ in der

heutigen Gesellschaft! Sie bewirten einen Mann, der gewissermaßen an

einem Wendepunkt Ihres Lebens als Ihr Rivale auftrat. Wie gut Rosa Sie

doch kannte! Sie kennen keine Vorurteile, keine kleinlichen Gefühle.«

»Ich bitte!« stammelte Schwedenklee, aufs tiefste beschämt. Nichts ist

ja peinlicher, dachte er, als derartige Lobeshymnen anhören zu müssen.

Mein Himmel, diese liebe Ellen, was für Vorstellungen sie wohl von mir

gehabt haben mag!

* * * * *

»Dieses Glas dem Gedächtnis Rosas!« sagte Blank feierlich nach dem

dritten Glase und ließ den Wein im Licht funkeln. Obschon den Tod im

Antlitz, sah er schön aus in diesem Augenblick. Später, wenn

Schwedenklee sich an den Abend erinnerte, sah er Blank immer in dieser

Geste vor sich.

Schwedenklee tat ihm Bescheid.

Schwedenklees Erlebnis · 第 4 / 11 段