Der frische Wind hat ihre Gesichter gerötet, die reine Luft hat den

Glanz in ihren Augen entfacht. Ihre Stimmen sind klar und laut geworden.

Ellen wirbelt und tanzt. Sie kriecht in die triefenden Büsche und findet

unter dem faulenden Laub Veilchen und gelbe Sternblumen. Sie steht auf

einem Stein und spricht voller Inbrunst ein paar wundervolle Verse, die

er vergessen hat. Sie essen zu Abend in einer kleinen Wirtschaft mit

fleckigen Tischtüchern und feuchter Tapete. Der Kellner bringt eine

verstaubte Macon in einem Körbchen.

Sie plaudern. Ellens schöner frischer Mund steht nicht eine Sekunde

still. Sie lachen den ganzen Abend. Worüber? Wie herrlich war dieser

Tag, wie lang! War es nicht sonderbar, die Tage der Jugend schienen so

lang, sie nahmen kein Ende. Was war heute ein Tag? Nichts. Kaum hatte er

begonnen, war er schon zu Ende.

»Es ist die Jugend, nichts anderes! Es gibt keine andere Erklärung

dafür«, rief Schwedenklee aus. »Sie verleiht dem Unscheinbarsten einen

zauberhaften Glanz. Ja, wie lang war dieser Tag doch. Reich an

Erlebnissen, an guten Einfällen, an schönen Gefühlen. Und Ellen mit dem

Monokel auf dem Dampfer! Ja, die Jugend! Und das da, was dahinten keift

und hustet« -- Schwedenklee drehte sich um, empört, daß man ihn in

seiner Träumerei störte -- »das ist das Alter! Das häßliche Alter!«

Die hagere, zusammengekrümmte Gestalt, die den ganzen Weg hinter ihm

herkroch, stand wenige Schritte hinter ihm, mit der Hand an einen Baum

gestützt, geschüttelt von einem Hustenanfall.

»Das abscheuliche Alter! In zwanzig Jahren wirst du auch so häßlich

husten, und die Jüngeren, die nicht gestört werden wollen, werden dich

verfluchen. Oh, wie boshaft und grausam ist dieses Leben eingerichtet!«

Aber Schwedenklee schüttelte die düsteren Gedanken ab. Ellen! Wo waren

wir doch gleich geblieben?

Ellen klagte über ihr Hotel. Schwedenklee, befreundet mit dem Pförtner,

Kellner und der Besitzerin seines Hotels, arrangierte alles aufs

vorzüglichste. Er trat Ellen sein großes bequemes Zimmer ab und bezog

eine kleine danebenliegende Kammer. Ellen staunte, wie billig ihr

schönes Zimmer war! Ja, man mußte nur Freunde und Beziehungen haben!

»Wir werden Ihren Einzug feiern, Ellen, und heute abend zu Hause

speisen. Sie sollen sehen. Lassen Sie mich nur machen.«

Schwedenklee besorgt den ganzen Nachmittag lang alles, was Paris an

leckeren Dingen zu bieten vermag. Geröstete Hähnchen und Hummer,

Vorspeisen und Nachtisch, Früchte. Auch Blumen vergißt er nicht.

»Muß man in Abendtoilette kommen?«

»Es wird gebeten, Ellen!«

Von sieben bis acht ist Schwedenklee fieberhaft tätig. Punkt acht Uhr

klopft Ellen -- herein! Ellen ist im Abendkleid, er im Frack -- und

schon lachen sie, daß sie kaum die Tür zu schließen vermögen.

Der Hausknecht, der im Kamin nachlegte -- Ellen sollte es recht

behaglich haben -- wird von der Heiterkeit mit fortgerissen. Der

Kellner, der den Wein angeschleppt bringt, wird ebenfalls angesteckt,

und so lachen sie alle -- weshalb? Gott allein weiß es.

Ellen steht und staunt: »Jetzt sehe ich, daß Sie ein Künstler sind,

Schwedenklee!« ruft sie aus. »Mein Gott, wir sind ja Hunderte von

Personen!«

»Sie sind in großer Gesellschaft, Ellen!«

Dank Schwedenklees Freundschaft mit dem Pförtner und Hausknecht war es

ihm möglich gewesen, einige große Spiegel und Leuchter aus anderen

Zimmern des Hotels auszuleihen für den Abend. Die Kerzen blendeten, und

infolge der Spiegelung glaubte man in einem langen, sonderbar gebauten

Saale voller Lichter und Blumen zu sein. Schwedenklee führte seine Dame

zum Sessel -- und im gleichen Augenblick geleiteten Dutzende von

befrackten Kavalieren ihre Dame in heller Seide zu Tisch. Er sah Ellen

gleichzeitig von allen Seiten, und nie kam ihr herrlicher schmaler

Nacken mit dem braunroten Haarknoten reizvoller zur Geltung ... Ellens

Augen richteten sich blitzend im Schein der Kerzen auf ihn, und

augenblicklich funkelten Dutzende von gleichen Augen von allen Seiten

ihm entgegen.

»Das Diner kann beginnen, Ellen -- aber ich habe vergessen« -- und er

erhebt sich und küßt Ellen auf den Mund.

»Willkommen!«

Sie errötet. Auch ihr Busen wird behaucht von flüchtigem Rot.

»Das Diner kann beginnen«, wiederholt sie mit einem verwirrten Lächeln,

mit etwas matter Stimme.

* * * * *

Schwedenklee war bei seinem Hause angelangt. Automatisch stieg er die

Treppe empor, automatisch schloß er auf.

So tief war er in die Erinnerung dieses Diners versunken, daß die Kerzen

ihn in der Tat blendeten und Ellens zarter wunderbarer Nacken aus all

den blitzenden und flammenden Spiegeln ihm entgegenleuchtete.

»Und zu denken, daß ich zwanzig Jahre lang nicht an diesen Abend

dachte!« sagte er seufzend, als er in das kalte finstere Haus trat, und

begann zu pfeifen, um seine melancholische Anwandlung zu überwinden.

In diesem Augenblick glaubte er das hastige, ungeduldige Scharren eines

raschen Schrittes draußen auf der Treppe zu vernehmen. Irgend jemand,

der die Gelegenheit benutzen wollte, ins Haus zu kommen.

Aber auch das ist nicht völlig sicher. Jedenfalls wußte Schwedenklee nie

zu erklären, was in dieser Sekunde vorgegangen war. Hatte er diesen

hastig scharrenden Schritt gehört oder nicht? Es schien ihm später, als

ob er in der Tat gar nichts gehört habe, aber ein gänzlich

unverständlicher, ja mysteriöser Zwang ihn veranlaßt habe, das Haustor

nochmals zu öffnen.

Jedenfalls, Schwedenklee ging, ohne viel zu denken, zur Türe, öffnete

sie ...

Kaum aber hatte Schwedenklee das Tor geöffnet, da erschrak er so heftig,

daß er zurückprallte und am ganzen Körper entlang einen Schlag

verspürte, wie von einem schweren Eisenstab. Später erinnerte er sich

deutlich, daß sich ihm die Haare im Nacken gesträubt hatten, eine

Erscheinung, die er bisher nur für eine leere Redensart gehalten hatte.

Dicht vor ihm war ein Gesicht erschienen, eine gespenstische

Erscheinung, etwas größer als er, die offenbar in diesem Augenblick

ausholte, um zu pochen. Gerade diese Geste hatte etwas ungeheuer

Drohendes und Erschreckendes an sich gehabt.

Die Erscheinung prallte ebenfalls erschrocken zurück und tastete sich

hastig rückwärts die Stufen hinab. Das unter einem weichen, flachen

Filzhut verborgene Gesicht der Erscheinung glitt durch den Lichtschein

der Straßenlaterne, und in diesem Augenblick erkannte Schwedenklee das

Gesicht: es war das bleiche, vergrämte Antlitz jenes alternden,

verbrauchten Künstlers, das ihm zuweilen unangenehm und störend im

Billardsaal des Cafés aufgefallen war.

Am Fuße der Treppe blieb die hagere, etwas zusammengekrümmte Gestalt

stehen und griff hastig nach dem flachen Hut. Es sah aus, als wollte sie

den Hut im Winde festhalten.

Im Augenblick, da Schwedenklee das Gesicht erkannte, ließ das tödliche

Erschrecken nach. Er öffnete das Tor völlig und machte einen

entschlossenen Schritt vorwärts, obgleich der Schrecken noch in all

seinen Gliedern zitterte.

»Was wünschen Sie?« fragte er, unnötig laut, und seine Stimme bebte noch

vor Erregung.

Der Hagere wich noch einen kleinen unsicheren Schritt zurück, die Hand

aufs Herz gepreßt. Es schien Schwedenklee, als ob er heftig zittere.

Deutlich hörte er seinen hastig keuchenden Atem.

»Was wollen Sie von mir?« wiederholte Schwedenklee, weniger laut, aber

härter im Ton. Er erkannte die völlige Gefahrlosigkeit der Situation.

Der Hagere nahm den Filzhut ab und verbeugte sich, den Hut gegen die

Brust pressend. Sein graues wirres Haar bewegte sich im Winde.

»Ich heiße Blank!« stammelte er, ganz Demut. Seine Stimme klang leise,

kaum vernehmbar, heiser dazu. Aber Schwedenklee verstand den Namen

augenblicklich!

8

Schwedenklee hatte schon manches erlebt. Nicht ohne weiteres wird man

fünfundvierzig Jahre alt! Einmal, zum Beispiel, war in einer hellen,

heißen Sommernacht ein Herr auf ihn zugetreten und hatte in

liebenswürdigstem Ton gefragt, ob er die Ehre habe, mit Herrn

Schwedenklee zu sprechen? Schwedenklee aber hatte kaum bejaht, als der

Liebenswürdige schon den Stock gegen ihn schwang. Es stellte sich

heraus, daß er der Gatte einer schönen Frau war, mit der Schwedenklee

zuweilen im Bristol Tee trank. Damals war es zu einer regelrechten

Schlägerei gekommen, und der Eifersüchtige brachte sogar die Passanten

gegen ihn auf. Erst als Schwedenklee heilige Eide schwor, daß die

bewußte Beziehung völlig platonisch sei, war der Rasende ruhiger

geworden. Die schöne Frau hatte ganz einfach gelogen, um ihren Gatten

bis aufs Blut zu reizen. Immerhin, Geständnis und Eide in der Bedrängnis

waren so peinlich, daß Schwedenklee den Auftritt als einen dunkeln

Schatten in seinen Erinnerungen empfand.

Ja, schon mancherlei hatte er erlebt, Herr Schwedenklee -- nie aber

hatte er sich in einer Situation befunden, die peinlicher und

unbehaglicher war.

Die unverständlichen Briefe Blanks schossen ihm wirr durch den Kopf,

auch sein brutaler Rohrpostbrief, der ihm im Augenblick noch weitaus

brutaler erschien, auch jene alberne, pathetische Phrase: »Die Toten

greifen nach dir!«

Und hier unten also, dieser Grauhaarige, der sich demütig verbeugte und

vor Erregung kaum stammeln konnte, das war also Ellens Gatte -- der ihn

aus unerklärlichen Gründen zu sprechen wünschte ...

Schwedenklee hatte das Gefühl, langsam in den Boden zu sinken. Es schien

ihm später, wenn er an diese unbehagliche Szene dachte, als habe er für

Sekunden das Bewußtsein verloren gehabt. Er glaubte sich auch zu

erinnern, wie seltsame Ahnungen, daß diese Begegnung ungeheure Bedeutung

für sein Leben gewinnen sollte, ihn erfüllten und erschreckten.

Jedenfalls empfand er deutlich die Ungewöhnlichkeit dieser nächtlichen

Begegnung, anders wäre sein Verhalten nicht zu erklären.

Verlegen und unschlüssig starrte Schwedenklee auf die hagere Gestalt,

die unter ihm stand. Vor kaum fünf Minuten -- sonderbar genug! -- hatte

er sich der Erinnerung an Ellen hingegeben. Er konnte Blanks Gesicht nur

sehen, wenn ein schwankender Zweig das Licht des Mondes durchließ.

Gleich verlegen und hilflos starrten Blanks dunkle Augen aus dem

bleichen Gesicht zu ihm empor.

Schwedenklees Empfindungen waren Chaos. Er wollte die Türe wütend ins

Schloß werfen, wollte seiner Empörung, daß Blank es wagte, ihn zu

verfolgen, unverblümt Ausdruck geben -- aber er tat nichts dergleichen.

Im Gegenteil! »Herr Blank?« sagte er nach einer Weile, mit einer

unsicheren und unterwürfigen Stimme, deren er sich später schämte, und

einer verstümmelten Verbeugung.

»Sie haben mir geschrieben, Herr Blank?« fuhr er fort, nur um das

unerträgliche Schweigen zu unterbrechen.

Blank antwortete mit einer Verbeugung. Er erwiderte nichts.

Ratlos stand Schwedenklee auf der Treppe. Nacht ringsum, kein Mensch auf

der Straße. Und ohne Unterbrechung fühlte er Blanks Blick auf sich

gerichtet. Schwedenklee trat wieder etwas mehr in das Haustor zurück.

»Vielleicht erklären Sie mir --«, begann er von neuem.

Endlich bewegte sich Blank.

»Ich handle unter einem geheiligten Willen«, begann er leise, mit

heiserer Stimme, aber doch verständlich, ja sogar etwas deklamatorisch,

wie Schauspieler es häufig zu tun pflegen. Schwedenklee sah deutlich,

daß er hin und her schwankte und nach Atem rang.

»Ich bitte um Verzeihung! Ich persönlich würde es ja nie gewagt haben.«

Die Hand Blanks fuhr in die Rocktasche, er zog einen hellen

Briefumschlag heraus.

»Hier«, sagte er, sehr leise. »Ich bitte.« Und er streckte Schwedenklee

mit flatternder Hand den Briefumschlag hin. »Die Tote hat mich

beauftragt.«

Schon streckte Schwedenklee die Hand aus, aber er zog sie sofort wieder

erschrocken zurück. Eine tödliche Kälte strömte ihm von diesem

Briefumschlag entgegen. Und Schwedenklee sammelte sich zu einem letzten

Widerstand. Jene gewisse Brutalität, die, meist schlummernd, einen Teil

seines Wesens bildete, erwachte plötzlich und formte seine Gedanken zu

einer letzten Abwehr.

»Mein Herr! Sie besaßen die Kühnheit, mir eine Anzahl von Briefen zu

schreiben, obgleich Sie mir völlig unbekannt sind. Sie verfolgen mich

und sind unverfroren genug, mich vor meinem Hause zu überfallen! Ihre

Unverschämtheit überschreitet alle Grenzen. Lassen Sie mich gefälligst

in Ruhe mit Ihrem Brief, lassen Sie mich überhaupt zufrieden. Scheren

Sie sich zum Teufel!«

Das also war es, was Schwedenklee dieser zitternden, hageren Gestalt,

die demütig vor ihm stand, entgegenschrie, in äußerster Empörung. Aber

was geschah? Blank wagte es, die Treppe emporzusteigen -- und

Schwedenklee selbst war es, der ihm höflich das Tor öffnete -- Blank

verbeugte sich mit großer Förmlichkeit und trat ein.

Schwedenklee hatte diese Ansprache ja nur in Gedanken gehalten. In

Wirklichkeit aber hatte er höflich, ergeben in sein Schicksal, wie sein

wahres Wesen es ihm befahl, Blank gebeten einzutreten.

So geschah es, daß der unheimliche Gast, die »Erscheinung«, wie

Schwedenklee in seiner ersten Verwirrung gedacht hatte, zur großen

Verwunderung Schwedenklees sich ins Haus tastete.

* * * * *

»Nun wohl,« dachte Schwedenklee, als er das Licht in der Diele andrehte,

halb benommen im Kopf, »es muß wohl so sein. Irgend etwas Merkwürdiges,

Unabwendbares ist hier im Spiel. Im übrigen vergessen wir nicht, daß

dieser arme Teufel Ellens Gatte ist. Nun, wir werden ja sehen, komme,

was kommen soll ...«

Ein fadendünner Überzieher mit einem abgeschabten lächerlich schmalen

Pelzkragen und zu kurzen Ärmeln, ein schmales, fast schönes, wachsfahles

Gesicht, von hundert kleinen Fältchen zerknittert wie Papier, mit einer

hohen, mächtigen Stirn, die graue Haarsträhnen umflatterten, mit

bläulichen Lippen und fiebrisch glänzenden, dunkeln, aber gutartigen, ja

gütigen Augen -- so sah die Erscheinung aus, als Schwedenklee sie bei

Licht besah. Ein ins Elend geratener, vergrämter Künstler mit der Miene

fatalistischer Hoffnungslosigkeit -- sein erster, obwohl flüchtiger und

unbewußter Eindruck war völlig richtig gewesen. Vielmehr noch: ein

körperlich und seelisch vollkommen Erschöpfter, der in dem überheizten

Zimmer von heftigen Hustenanfällen geschüttelt wurde, während er mit

heiserer, bescheidener Stimme Entschuldigungen stammelte.

Schwedenklee betrachtete das Abenteuer schon mit ruhigeren Augen. Die

Erscheinung hatte gänzlich ihre Unheimlichkeit eingebüßt -- ein Kranker,

ein Hilfsbedürftiger, das war alles, was von ihr geblieben war. Ja,

schon empfand Schwedenklee, der brutale Schwedenklee, der Leute, die ihn

störten, zum Teufel schickte, Mitleid mit seinem Gast.

Wie hatte Blank seinerzeit geschrieben? »Mein _krankes_ Gehirn.«

Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, war manches nicht mehr ganz in

Ordnung bei ihm. Er erweckte ohne Zweifel den Eindruck, besonders diese

_leuchtenden_ gütigen Augen! Wir werden sehen, höflich, freundlich, um

ihn nicht zu erregen, und dann wird sich ja alles weitere von selbst

finden.

Schwedenklee setzte also eine alltägliche, freundliche Miene auf, als

sei überhaupt nichts Ungewöhnliches geschehen.

»Ich bitte doch abzulegen, Herr Blank!« sagte er mit großer

Liebenswürdigkeit.

Blank schälte sich, verwirrt und zerstreut um sich blickend, aus dem

fadenscheinigen Überzieher. Sein Anzug war so jämmerlich, daß

Schwedenklee sich betroffen abwandte.

»Ich werde ihm helfen!« dachte er nun schon. »Ich habe ja genug alte

Kleider, Herrgott noch einmal!«

»Mein Benehmen --,« stammelte Blank, während er zu einem Sessel

schwankte, »mein Benehmen muß aufdringlich und unverständlich

erscheinen. Eine abscheuliche Rolle, die ich nie in meinem Leben spielte

-- die ich verabscheue ...«

»Ich bitte, Herr Blank.«

Blank erhob sich wieder aus dem Sessel und tastete nach Schwedenklees

Hand. »Jedenfalls Dank, daß Sie mich nicht abweisen, Herr Schwedenklee!«

sagte er mit einem heißen Blick der dunklen Augen. »Allein das teuerste

Wesen, das ich besaß, eine Tote, befiehlt und ich gehorche!«

»Eine Zigarre vielleicht?« Wollte er doch aufhören, von Toten zu

sprechen, dachte Schwedenklee, um Gottes willen!

»Nein, unmöglich -- mein Husten --«

Schwedenklee war bestrebt, die Peinlichkeit der Situation, die noch

immer, wenn auch gemildert, bestand, durch eine zerstreute

Geschäftigkeit zu verwischen.

Blank saß im Sessel, die Hände auf die Lehne gelegt, und versuchte, ein

Zittern, das seinen kranken Körper ohne Aufhören durchlief, zu

verbergen. Wie sein Gesicht waren auch die Hände von hundert Fältchen

zerknittert, wie weiches Papier. Sie waren lang, wachsfahl und peinlich

gepflegt.

»Ich zittere noch immer!« begann Blank, seine Schwäche verspottend.

»Aber Sie ahnen ja nicht, welche Angst ich hatte, als ich Ihnen folgte«,

fuhr er flüsternd, bekennend fort. »Kaum, daß mich die Füße trugen.

Schon gestern, vorgestern folgte ich Ihnen, aber ich wagte es nicht.

Gestern wollte ich Ihren Namen rufen, aber die Stimme versagte. In der

letzten Nacht nun mahnte mich ein Gesicht« -- er hielt inne, als erwarte

er, daß Schwedenklee etwas sagen werde, aber Schwedenklee sagte nichts

--, »ich legte ein Gelübde ab, und so wagte ich es heute, obschon die

Furcht mich fast tötete. Nie werde ich wissen, woher ich den Mut nahm

--«

»Ich bitte Sie, sich nicht zu erregen, Herr Blank,« entgegnete

Schwedenklee, »vielleicht würde ein Gläschen Wein Sie beruhigen?« Hastig

war Schwedenklee bemüht, den Gast von dem unheimlichen Thema abzulenken.

Ohne jede Frage, eine sehr peinliche Geschichte! Aber es würde

sich ja wohl nach einiger Zeit Gelegenheit bieten, den Gast

hinauszukomplimentieren.

Blank errötete flüchtig, als er die zitternde Hand nach dem Glase

ausstreckte. Sein Handgelenk war von einer erschreckenden Magerkeit, wie

Schwedenklee es noch nie beobachtet hatte. Langsam und bedächtig

schlürfte Blank den Wein, der ihn augenblicklich zu erfrischen schien.

Das Zittern seines Körpers ließ nach, ruhig glitt sein Blick durch

Schwedenklees Bibliothek.

»Was für ein herrlicher Raum«, sagte er, indem er mehrmals nickte und

die Lippe hob, als versuche er zu lächeln. »Ich verstehe wohl, daß Sie

das Unglück meiden.«

Schwedenklee wurde blutrot vor Scham.

»Ich verstehe wohl, daß Sie die Armut meiden.«

»Verzeihen Sie ...«, stammelte Schwedenklee.

»Ich verstehe alles so gut. Ich bin ja selbst nicht anders gewesen --

früher!«

»Ich bin, wenn ich offen sein darf,« verteidigte sich Schwedenklee,

etwas stotternd, »aus Ihren Briefen nicht recht klug geworden. Zuerst

glaubte ich überhaupt an ein Mißverständnis. Ich dachte -- dazu war ich

sehr überarbeitet in dieser Zeit.«

Blank nickte und hob abwehrend die Hand.

»Meine Briefe waren wohl sehr verwirrt? Heute noch bin ich nicht

imstande, einen Gedanken zu Ende zu denken. Ich verstehe Sie jetzt,

heute vollkommen, Herr Schwedenklee! Vielleicht dachten Sie sogar, ein

Bettler -- oder noch schlimmer: ein Erpresser ...«

»Aber nein!« Schwedenklee lachte verlegen. »Wie können Sie so etwas

denken. Ich wüßte nicht« -- endlich kam Schwedenklee der rettende

Einfall --, »ich ahnte ja nicht -- Sie schrieben mir erst ganz zuletzt,

welche Geborene Ihre Frau Gemahlin war.«

»Ich nahm in meiner Verwirrung, meinem Schmerze an, jeder Mensch müsse

es wissen! Ich glaubte auch, es schon geschrieben zu haben. Habe ich es

nicht in der ersten Mitteilung geschrieben?«

»Ich bitte Sie, sich jedenfalls in meine Lage versetzen zu wollen, Herr

Blank.«

Blank schüttelte den Kopf und hob beide Hände beschwichtigend empor.

»Kein Wort mehr, ich bitte Sie herzlich. Wer hier um Verzeihung zu

bitten hat, das bin ich und nicht Sie!« sagte er mit einer Verbeugung.

Zum erstenmal, seit er das Zimmer betreten hatte, blickte er

Schwedenklee ins Gesicht. »Sie erinnern sich nicht mehr, daß wir uns

schon einmal trafen?« begann er nach einem langen, wie es Schwedenklee

schien, forschenden Blick, mit etwas veränderter, leichterer Stimme.

»Wir?« Schwedenklees Blick wurde unsicher. Nun wird sich das Geheimnis

enthüllen, dachte er voller Spannung und sofort wieder erregt.

»Ja, ich hatte schon einmal die Ehre -- vor vielen Jahren. Vor etwa

zwanzig Jahren.«

»Zwanzig --?« rief Schwedenklee erschrocken aus, als sei so etwas

gänzlich unmöglich.

»Ja, vor mehr als zwanzig Jahren.«

»Mehr als zwanzig!«

»Ja, es war in München. Erinnern Sie sich an den Maler Pfitzner?«

»Pfitzner? Aber natürlich. Ein guter alter Freund!«

»Pfitzner hatte damals seinen ersten Porträtauftrag erhalten und gab

seinen Freunden ein Atelierfest, das drei Tage und drei Nächte dauern

sollte. Aber schon am ersten Abend gab es Zwistigkeiten. Einer der Gäste

war auf Pfitzner eifersüchtig geworden, es kam nahezu zu Tätlichkeiten

--«

»Richtig, nun dämmert es in mir! Aber Sie, Herr Blank -- ich muß offen

gestehen ...«

»Vielleicht entsinnen Sie sich noch, daß einer der Gäste sang?«

»Ein junger Mann, jawohl.«

»Er sang den Prolog von >Bajazzo<.«

»Ja! Deutlich erinnere ich mich. Der Sänger stand dicht in meiner Nähe,

ich höre heute noch, in diesem Augenblick, seine prächtige, kernige

Stimme. -- Aber es ist doch wohl nicht möglich, Herr Blank, daß Sie

...?« rief Schwedenklee mit naivem Erstaunen aus und sprang auf.

Blank nickte. »Doch, ich war dieser Sänger!« sagte er errötend, und die

Heiserkeit seiner Stimme drückte tiefste Traurigkeit aus.

Sofort sah Schwedenklee ein, daß er eine ganz unbegreifliche

Taktlosigkeit begangen hatte. »Ist es möglich,« rief er hastig aus, »vor

zwanzig Jahren, sogar mehr als zwanzig Jahren, sagen Sie? Um Gottes

willen, wohin sind diese zwanzig Jahre nur gekommen? Ja, wunderbar haben

Sie damals gesungen -- es ist volle Wahrheit, was ich Ihnen sage, all

die Jahre habe ich den Klang Ihrer Stimme im Ohr behalten. Merkwürdig,

und Sie erinnern sich meiner noch? Das finde ich erstaunlich.«

»Ich erinnere mich noch ganz deutlich an Sie. Sie haben sich nicht sehr

verändert.«

»Nicht sehr?«

»Sie sind etwas voller geworden und etwas breiter. Ich habe Sie auch

sofort wiedererkannt, als ich Sie vor Wochen auf der Straße sah.«

»Als Sie mich auf der Straße sahen?«

»Ja, vor Ihrem Hause«, gestand Blank errötend.

»Ich erinnerte mich ganz besonders an Sie, weil Sie auf Pfitzners

Atelierfest eine Theorie vortrugen, die mich lange und oft

beschäftigte.«

»Ich -- eine Theorie, sagen Sie?«

»Ja, Sie erklärten, es sei an der Zeit, eine über den Staaten stehende

Republik der freien Geister und Künstler zu gründen.«

»Ich hätte --?« Schwedenklee war äußerst erstaunt.

»Ja, Sie führten diesen Gedanken bis ins einzelne aus und wir hörten

voller Interesse zu. Sie sprachen sehr ketzerische und revolutionäre

Gedanken aus, und wir waren um so mehr erstaunt, als Sie ja aus

Norddeutschland kamen.«

Schwedenklee füllte die Gläser. »Sonderbare Einfälle hat man in der

Jugend!« rief er lachend aus. »Ja, ganz verrückte Gedanken!«

»Sie gingen bald darauf nach Paris. Als ich Pfitzner wieder eines Tages

im Atelier besuchte, sagte er mir: Schwedenklee ist nach Paris gegangen,

um seine überstaatliche Republik der freien Geister und Künstler zu

gründen.«

Hier lachte Schwedenklee laut und belustigt auf.

»Im nächsten Jahre wurde ich nach Nürnberg engagiert«, fuhr Blank fort,

und seine Stimme veränderte sich wieder. »Und hier war es, wo ich Rosa

Fröhlich traf«, schloß er leise.

»Ja, sie ging damals nach Nürnberg, ich entsinne mich«, warf

Schwedenklee etwas unsicher ein. Er war plötzlich rot geworden.

»Ich kam mit ihr ins Gespräch und sie sagte mir gleich, daß sie aus

Paris käme. Aus Paris? Haben Sie vielleicht zufällig einen Bekannten von

mir, einen Architekten Schwedenklee getroffen? -- Nie werde ich Rosas

verblüfftes, ja entgeistertes Gesicht vergessen ...«

»Ist das Leben nicht sonderbar?«

»Ohne daß Sie es ahnten, haben Sie, Herr Schwedenklee, rasch unsere

Freundschaft vermittelt.«

»Welch merkwürdige Zufälle es gibt!«

»So also begann es. Mit Ihrem Namen!« sagte Blank leise und nickte vor

sich hin. »So also begann es!« wiederholte er, die Stimme von Trauer

überschattet.

Sein Blick verlor sich ins Unbestimmte. Er bewegte die dünnen blutleeren

Lippen und feuchtete sie mit der Zunge an. Er schien noch um einen Grad

bleicher geworden zu sein.

Schwedenklees Erlebnis · 第 3 / 11 段