Aus einem Winkel der Bibliothek zog er einen Stoß Briefe hervor.

Fast überkam ihn wieder Kleinmut. Wozu schließlich? Was kümmerte ihn das

Schicksal dieses Unbekannten?

Schwedenklee hatte diese Briefe nie richtig gelesen -- nur durchflogen,

unwillig, ungehalten -- und doch im Tiefsten, ohne ersichtlichen Grund!

erschrocken. Drohung des Schicksals ging von diesen Blättern aus und

dumpfe Traurigkeit. Sie rochen nach welken Kränzen, und diesen Geruch

hatte er noch deutlich in der Erinnerung von der Beerdigung des alten

Schwedenklee her. Er haßte diesen Geruch von Moder, er haßte diese

Kränze in den Blumengeschäften, mit den Aufschriften in bleicher

Silberschrift auf den schwarzen Seidenbändern. Er schloß sogar die

Augen, wenn er an einem jener Geschäfte mit den häßlichen plumpen Särgen

vorbeiging, deren öffentliche Ausstellung die Polizei, die sich sonst in

alles mischt, verbieten sollte. Diese Särge waren in der Tat solch

unglaubliche Monstrositäten, daß Schwedenklee sich einmal die Mühe

genommen hatte, einige Särge zu entwerfen, die nobel und würdig

aussahen, wie sie eigentlich sein sollten. Er haßte wie gesagt alles,

was mit dem Tode und den Zeremonien der Bestattung zusammenhing. Vor

zwei Jahren war einer der Kartenspieler gestorben, der Doktor Helm, ein

Landgerichtsrat, ein sympathischer Mann -- einige der Spieler waren zur

Beerdigung gegangen, aber Schwedenklee hatte sich wohl gehütet.

Er liebte es nicht, an den Tod zu denken, nein, ganz im Gegenteil, diese

Gedanken haßte er! Manchmal erwachte er mitten in der Nacht und mußte

daran denken, daß auch er einmal sterben mußte! Diese entsetzliche

Stunde wird kommen, so sicher wie etwas -- er sah sich liegen, er

röchelte noch, eine Pflegerin stand am Bett mit einer Kompresse. Oh, es

konnte auch ganz anders sein! Zum Beispiel, ein Autobus konnte ihn auf

der Potsdamer Straße zermalmen. Diese Gedanken folterten ihn zuweilen

derart, daß er Licht machen mußte. Und doch, die Menschen lebten dahin,

lachten, rauchten Zigarren, spielten Billard, tanzten -- unbegreiflich!

Aus all diesen Gründen machte er sich hart und gefühllos gegen das

Geschick dieses Unglücklichen, den der Schmerz gezwungen hatte, an ihn,

Schwedenklee, zu schreiben.

»Nun wohl«, sagte Schwedenklee und setzte sich, ergeben in sein

Schicksal, zurecht. »Dieser hier, ohne Trauerrand, war der erste!«

Schwedenklee holte tief Atem.

»Mein Herr!« Schon diese fahrige Schrift, diese Gespenster von

Buchstaben! »Ich fühle mich gedrängt, Ihnen mitzuteilen, daß eine Frau,

die wir beide geliebt haben -- heute abend nach langem Krankenlager zur

ewigen Ruhe heimgegangen ist. Das edelste Frauenherz hat aufgehört zu

schlagen. Rosa hielt ein Leben lang die Freundschaft, die sie einst mit

Ihnen verband, hoch in Ehren. Es wird Ihnen gewiß ein Bedürfnis sein,

der edlen Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Beisetzung

findet am Freitag, den 21., statt ... In tiefstem Schmerz -- Edgar

Blank, ehemaliger Hofopernsänger.«

Schwedenklee las den Brief mit fast der gleichen Verwunderung,

Verblüffung, dem gleichen leisen Grauen, wie vor Wochen, da er ihn

erhalten hatte. In einer Art von leichter Lähmung hielt ihn der Sessel

fest.

Was sagt man dazu? Er war natürlich nicht zur Beerdigung gegangen, wie

sollte es ihm in den Sinn kommen -- eine ihm völlig Unbekannte! Als er

seinen Vater begraben hatte, hatte er sich geschworen, nie mehr einer

solchen Zeremonie beizuwohnen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

Unvergeßlich war ihm dieser schreckliche Vormittag. Der alte

Schwedenklee ließ sich verbrennen. Im Krematorium warteten schon mehrere

Parteien, und Schwedenklee geriet, noch heute empfand er die

Peinlichkeit, zuerst in eine falsche Gruppe von Seidenhüten. Alle hatten

Eile. Dann sank der Sarg in die Versenkung. Der alte Schwedenklee hatte

noch im Alter den typischen Kopf eines Maurers gehabt, mit etwas zu

langem Schnurrbart, etwas abstehenden Ohren und verwittertem Gesicht.

Als der Sarg sank, verwandelte sich, so schien es Schwedenklee, der

ganze Sarg in den Kopf des Vaters. Schwedenklee jagte voller Schrecken

nach Hause, und noch heute sah er, wie der langsam sinkende Sarg sich in

den Kopf des Vaters verwandelte, noch heute hörte er das fürchterliche

kalte Klirren der sich schließenden Eisenplatten.

Der zweite Brief des Unglücklichen schilderte ausführlich die Beerdigung

der Unbekannten. »Wir haben heute Rosa zu Grabe getragen. Sie sind nicht

gekommen! Es hätte die Tote geehrt. Aber vielleicht sind Sie gar nicht

in Berlin. Vielleicht hat mein erster Brief Sie überhaupt nicht

erreicht! Wir waren nur zwei im Trauergefolge, von den Trägern

abgesehen. Ein jämmerliches Trauergefolge -- und doch jubelten Rosa

früher auf der Bühne Tausende zu -- vergessen und einsam ging sie zur

Ruhe, und selbst Sie, den sie ihren Freund nannte, sind nicht gekommen

...«

Diesen Brief hatte Schwedenklee vor Wochen, als er ihn empfing, entsetzt

zur Seite gelegt, ohne ihn zu Ende zu lesen. Der Briefschreiber verlor

sich selbstquälerisch in all die traurigen Einzelheiten: der Regen, der

Schmutz, die Grabsteine, der Trott der Sargträger, das lehmige Grab --.

»-- ich schäme mich nicht, Ihnen zu bekennen, daß mich der Schmerz

übermannte, als der Sarg hinabglitt. Ich schrie und fiel zu Boden ...«

Schwedenklee war erbleicht und wischte sich die Stirn ab. Er ging auf

und ab in seinen weichen Schuhen und suchte Beruhigung bei einer neuen

Zigarre. Man durfte nicht vergessen, daß ein Unglücklicher diesen Brief

schrieb!

Aber Rosa? Ja, bei Gott, wer sollte --?

Vielleicht war es ein Mißverständnis, eine Verwechselung --? Aber nein,

nein, in einem der Briefe schrieb der Unglückliche, daß Rosa mit

Schwedenklee in dem und dem Jahre in Paris zusammengetroffen sei. Er,

Schwedenklee, habe damals im Hotel Panthéon gewohnt. Alles stimmte.

In einem der zuletzt eingetroffenen Briefe drückte der Unbekannte seine

Verwunderung darüber aus, daß Schwedenklee sich in Stillschweigen hülle.

»Ich habe mir in meinem letzten Brief«, schrieb er, »die Freiheit

genommen, anzudeuten, daß ich glücklich wäre -- so weit ich es in dieser

Zeit sein kann -- wenn ich Sie aufsuchen dürfte. Ich habe zwei Wochen

vergebens gewartet. Sie zögern, aus welchem Grund? Ich weiß, daß Sie in

Berlin sind. Vielleicht erscheine ich aufdringlich. Befürchten Sie

nichts. Ich befinde mich in tiefer Not, ich bin ein Bettler, aber nichts

läge mir ferner, als Rosas freundschaftliche Beziehung zu Ihnen zu

beflecken. Was ich wünsche, ist, einen Menschen zu sprechen, der Rosa

kannte, den Rosa liebte -- ich wiederhole: liebte!«

Schwedenklee schüttelte den Kopf. Immer wirrer, dunkler schien das

Labyrinth. Ein Unglücklicher wollte sich in seinem Schmerze an ihm

aufrichten!

Den Rosa liebte --? War es möglich, daß eine der vielen, die durch sein

Leben gegangen waren, noch nach zwanzig Jahren seiner gedachte? Daß eine

der vielen, die er »in der nötigen Distanz hielt«, für ihn eine

wirkliche Liebe empfunden haben sollte?

»Ich werde ihn besuchen«, beschloß Schwedenklee mit feierlichem Ernst.

»Morgen -- und wenn es morgen nicht geht, spätestens übermorgen.« Er war

plötzlich von schwerer Müdigkeit überwältigt worden. Der Wein, die

Zigarren ...

Fast augenblicklich schlief Schwedenklee hinter den hellgrünen

Seidenvorhängen ein.

6

Schwedenklee hatte in dieser Nacht verworrene, aber angenehme Träume:

Fremde, phantastische Landschaften, transparente Wälder, glühende Meere,

fremde, bezaubernd schöne Städte, unwirklich, wie aus Alabaster

geschnitten, sonderbare Begegnungen, seltsame Abenteuer, Frauen,

bekannte und fremde, eigenartig, aber alle in Tun und Gefühl nach ihm,

Schwedenklee, strebend. Er war umdrängt von Zuneigung, von Bewunderung,

von Liebe, es war ein großer und einziger Reichtum, man verschwendete

sich an ihn. Er genoß diese Bevorzugung, sie schien ihm

selbstverständlich, und gerade der Umstand, daß sie selbstverständlich

schien, erfüllte seine Seele mit Ruhe und Heiterkeit.

Trotz der angenehmen Träume erwachte Schwedenklee spät am Morgen in

gereizter Laune und mit schmerzenden Schläfen. Er nahm sein Bad, und von

der Badewanne aus gab er das dreimalige Klingelzeichen zum Frühstück, so

scharf und hart, daß Augusta genau wußte, woran sie war. In grau- und

weißgestreiftem seidenen Pyjama betrat Schwedenklee das Speisezimmer.

Beschwörend hatte Augusta den Frühstückstisch gedeckt: Lachs und

Appetitsild, Oliven und gekochte Eier.

Schwedenklee näherte sich dem Tisch mit gerunzelten Brauen. Ein Brief!

Wieder ein Brief mit den Gespensterbuchstaben! Mit zitternder Hand nahm

ihn Schwedenklee auf.

»Sie verschmähen es, mir zu antworten. Sie ahnen wohl kaum, daß ich

Ihnen unter Umständen Mitteilungen machen könnte, die für Sie von

Wichtigkeit wären. Ich werde mir die Freiheit nehmen, bei Ihnen

anzurufen, und hoffe, daß Sie einer Begegnung nicht länger ausweichen.«

Schwedenklee war an diesem Morgen schonungsbedürftig. Er hatte in der

Nacht eine Flasche schweren Bordeaux getrunken -- hingerissen von den

Erinnerungen, er hatte ein halbes Dutzend Zigarren geraucht. Er war

übernächtig, abgespannt, und seine Schläfe schmerzten.

Ohne zu denken, ohne die Herrlichkeiten des Frühstückstisches zu

beachten: Lachs, Appetitsild, Oliven, stürzte er an den Schreibtisch und

schrieb mit wütender Hand, ihn endlich gefälligst mit diesen sinnlosen

Zuschriften verschonen zu wollen. »Sie mögen der Ansicht sein, daß Sie

mir wichtige Mitteilungen zu machen haben, behalten Sie diese

Mitteilungen für sich, ich lege nicht den geringsten Wert darauf.«

Fort, Rohrpost -- augenblicklich!

Augusta zitterte, sie hatte ihren Gebieter nie mit solch zornrotem

Gesicht gesehen.

»Das überschreitet doch alle Grenzen!« schrie Schwedenklee wütend.

»Welche unverschämte Zudringlichkeit! Besuchen, habe ich gesagt, ich

will ihn besuchen? -- Aber ich bin doch kein Narr!«

Nun, nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hatte, schmeckten all die

Leckerbissen des Frühstückstisches plötzlich wunderbar. Der Ärger

verflog, und Schwedenklee vertiefte sich in die Zeitung.

Sein Unmut verrauchte vollends. Der Ausbruch von Raserei kam ihm nun

selbst lächerlich vor. Als er das Frühstückszimmer verließ, hatte er

sich soweit wiedergefunden, daß es ihn befriedigte, den zudringlichen

Brief noch einmal in die Hand zu nehmen. Offenbar hatte der Unbekannte

dieses letzte Schreiben in der größten Erregung hingeworfen. Die

Buchstaben waren kaum zu entziffern. Mit einem verächtlichen Lächeln riß

Schwedenklee den Brief mitten durch -- die Antwort würde ihre Wirkung

nicht verfehlen, er hätte schon lange Schluß machen sollen.

Zu seinem Erstaunen entdeckte er aber plötzlich auf der Rückseite des

Briefbogens eine Nachschrift!

»Ihr mir so unverständliches Verhalten, Ihre unbegreifliche

Gleichgültigkeit kann ich mir nur so erklären, daß Sie sich offenbar

nicht mehr entsinnen, wer Rosa ist -- oder leider -- war, dieser Gedanke

zuckt eben durch mein _krankes_ Gehirn! Rosa, meine geliebte Frau, die

ich, selbst dem Tode nahe, betrauere, war eine geborene Rosa Ellen

Fröhlich, ihr Bühnenname lautete Rosa Froh.«

* * * * *

Eine leise Lähmung befiel die Hand, die den Brief hielt. »Ellen

Fröhlich!« sagte Schwedenklee leise. »Dieses reizende Geschöpf! Sie also

...«

Ein leises flüchtiges Bedauern, andere Empfindungen der Trauer löste

diese Mitteilung nicht aus. Diese lebenslustige Frau, für die er Villen

und das berühmte Schwimmbassin entwerfen mußte! Sie, die so sonderbar

rasch errötete, die Röte überzog sogar den Nacken -- diese Arme, sie

schien nicht glücklich geworden zu sein ...

Und er, dieser Törichte, der sein Gehirn selbst ein _krankes_ Gehirn

nannte, hätte er ihm nicht schon früher sagen können, wer sich hinter

dieser Frau Rosa Blank versteckte?

Schwedenklee fühlte sich ordentlich erleichtert. Die Ungewißheit, das

Grübeln wider Willen hatten ihn gemartert. Was hatte er weiter mit der

ganzen Sache zu schaffen? Er hatte vier Wochen lang, oder vielleicht

sechs, eine Liebschaft mit dieser Frau gehabt, eine kleine reizende

Liebelei, vor achtzehn, zwanzig Jahren -- damals in Paris -- das war

alles.

Er instruierte Augusta, daß heute vormittag ein gewisser Herr Blank

anrufen werde. Sie möge sagen, er sei auf unbestimmte Zeit verreist.

In bester Laune kleidete er sich an, um auszugehen. Seit langen Tagen

kam endlich die Sonne wieder durch.

Schwedenklee war gerade mit der Toilette fertig, als das Telephon

klingelte.

Er öffnete die Türe und hörte Augusta mit weinerlicher Stimme einigemal

wiederholen, daß der Herr Oberbaurat verreist sei. Offenbar gab sich

Blank mit dieser Auskunft nicht zufrieden.

Augusta geriet in große Erregung. »Unverschämte Leute gibt es schon!«

rief sie aus, als sie abgehängt hatte.

»So und damit ist die Sache erledigt«, dachte Schwedenklee und begab

sich in ausgezeichneter Laune zu seinem Schneider in der

Charlottenstraße.

Bei diesem Schneider in der Charlottenstraße -- einer großen Firma --

war eine junge Dame, ein Fräulein Wiedehopf, als Buchhalterin tätig. Die

dicken, glänzend braunen Flechten turmartig über dem heiteren, offenen

Gesicht aufgebaut, die Fingernägel glänzend poliert, duftend nach

Frische, wie aus dem Ei geschält, ohne das kleinste Staubkörnchen -- auf

diese junge Dame hatte Schwedenklee seit einiger Zeit ein Auge geworfen.

»Ich lebe zu stumpfsinnig«, sagte er zu sich, als er dahinschlenderte.

»Immer das ewige Kaffeehaus. Dieses Leben bekommt dir nicht,

Schwedenklee. Wir werden diese kleine Wiedehopf heute abend zu >Figaros

Hochzeit< einladen.«

Unterwegs löste er Karten zur Oper, und obwohl die Schar der Verkäufer

und Zuschneider diesen weiblichen Schatz mit eifersüchtigen Blicken

bewachte, hatte er Fräulein Wiedehopf, ohne daß es irgendwie auffiel,

beim Hinausgehen zu >Figaros Hochzeit< eingeladen. Man mußte es nur

verstehen.

7

Eine ganze Woche blieb Schwedenklee dem Kaffeehause fern. Theater,

Ballhäuser, Bars, sogar in ein Kino führte er die junge Dame mit den

turmartig aufgebauten Haaren und den glänzenden Fingernägeln.

Diese kleine Wiedehopf war verlobt, nahezu verlobt, der Auserwählte war

zur Zeit auf Reisen -- wie oft hatte er das schon gehört! Sie spielte

die Dame, ließ sich verwöhnen, lockte an, wehrte ab -- sie tat, bei

Gott, wie eine Generalstochter ...

Als Schwedenklee nach so langer Abwesenheit wieder das Kaffeehaus

aufsuchte, fand er die Spielergesellschaft von einer neuen Spielwut

besessen wieder. Man hatte die Karten verlassen und war zum Billard

übergegangen.

Man spielte »vom roten«. Jeder Billardspieler kennt dieses Spiel. Die

Karambolage wird nur dann gezählt, wenn der rote Ball zuerst getroffen

wurde. Es spielten drei bis vier der besten Spieler, und auf sie wurde

gesetzt wie auf Pferde.

Die Ärzte, die Rechtsanwälte, die Kaufleute, Spieler und Kiebitze,

Kellner saßen und standen in dichten Reihen um das Matchbillard herum,

in atemloser Spannung jeden Stoß verfolgend.

Schwedenklee wurde freudig begrüßt.

»Wie gut Sie aussehen, Schwedenklee!« rief der Nervenarzt Wittmann. »Sie

waren also doch verreist!«

»Nein, ich war hier, habe gearbeitet und abends ein bißchen

Zerstreuung.«

»Sie haben Ihr altes Aussehen wiederbekommen, prächtig!«

»Ah, der Herr Oberbaurat. Nun wird es interessant! Kellner, das Queue

des Herrn Oberbaurat!«

Sofort stiegen die Einsätze ums Dreifache.

Einige Abende hintereinander spielte Schwedenklee hier vier, fünf

Stunden »vom roten«. Es wurden hohe Summen umgesetzt. Seine Kopfstöße,

Rückzieher, Zwei- und Dreibänder riefen lautes Händeklatschen hervor.

Schwedenklee war bei bester Laune. Selbst das graue kreidige Antlitz des

alternden Künstlers, der nun häufiger ins Café kam, störte ihn in seinem

jetzigen Gemütszustande nicht mehr. Er genoß den Triumph. Nach dem

dritten Abend ließ er seinen schwarzseidenen weitärmeligen Billardkittel

von Augusta ins Kaffeehaus bringen, und nun konnte man fast meinen, es

mit einem Billardchampion zu tun zu haben. Er mußte seinen Gegnern

zuerst zwei Points auf zehn vorgeben, sodann drei. Je länger er spielte,

desto vollendeter wurde sein Spiel.

»Schwedenklee ist in großer Form!« Man tuschelte.

Es war Schwedenklee äußerst angenehm, für einige Abende Zerstreuung

gefunden zu haben: es war gewiß das beste Mittel, den Hochmut der

kleinen Wiedehopf zu beugen, wenn er eine Woche lang nichts von sich

hören ließ. Diese Methode nannte er die Methode des »Aushungerns«, im

Gegensatz zur Methode der »Belagerung«, die darin besteht,

ununterbrochen um die geliebte Frau zu werben, so daß sie -- wie

Schwedenklee sich ausdrückte -- überhaupt »nicht mehr zur Besinnung

kam«.

In der Tat, die Methode des Aushungerns schien Erfolg zu versprechen.

Fräulein Wiedehopf wurde mürbe, schrieb ein violettes Kärtchen: Weshalb

hört man nichts mehr von Ihnen? Sind Sie verstimmt?

O nein, nein, gar nicht verstimmt, gnädiges Fräulein Wiedehopf. Ganz im

Gegenteil! In vorzüglicher -- ich wiederhole: vorzüglicher Laune.

Zwei Tage beantwortete Schwedenklee das Billett gar nicht. Dann schrieb

er einige höfliche Zeilen: gesellschaftliche Verpflichtungen -- in

einigen Tagen aber würde er wieder zur Verfügung sein.

»Sonderbare Wesen sind doch diese Frauen!« dachte Schwedenklee, als er

nach dem Billardspiel nach Hause ging und den gleißenden Vollmond über

den Dächern betrachtete. »Zeigt man ihnen seine Verliebtheit, so neigen

sie augenblicklich dazu, ihre Macht zu mißbrauchen, zeigt man

Zurückhaltung, so lassen sie sofort wieder alle ihre Künste spielen.

Merken sie, daß man sich zurückziehen will, so entdecken sie plötzlich

ihre große Liebe. Ja, wie soll man sich bei ihnen zurechtfinden?«

»Heiratet man sie, so ist man vollkommen verloren! Sieh dich doch um,

Schwedenklee -- die Ehen all deiner Bekannten und Freunde, mit ganz

vereinzelten Ausnahmen? Gleichgültigkeit, Untreue, Kampf bis aufs

Messer, Lüge.

Ja, wie soll man es anstellen? Etwas ist hier sicher nicht in Ordnung,

das Leben ist zu kompliziert.«

Es war gegen Abend etwas Schnee gefallen -- der Vollmond brachte die

Kälte mit -- Schwedenklee steckte das rasierte Kinn wohlig in den

Pelzkragen, während er langsam zwischen den hohen Bäumen am Kanal

dahinschlenderte. Die Straße war fast menschenleer, nur hinter ihm, in

einiger Entfernung, kroch eine hagere, zusammengekrümmte Gestalt, die

zuweilen scharf hüstelte. Die dünne Schneeschicht war an den Sohlen der

Passanten haften geblieben, so daß eine Anzahl geisterhafter schwarzer

Fußspuren kreuz und quer über die Straße lief, aus dem Unbekannten

kommend, ins Unbekannte verschwindend, verwirrend, wenn man sie lange

betrachtete.

Plötzlich blies ein kalter Hauch in Schwedenklees Genick, ja, so schien

es ihm wenigstens. Er blieb erschrocken stehen und fröstelte. Kalte

Schauer überrieselten seinen Rücken. Weshalb mußte er gerade in diesem

Augenblick an die tote Ellen Fröhlich denken? Und weshalb hatte die

Erinnerung an diese Frau den Beigeschmack einer leisen, unerklärlichen

Scham?

Unergründlich ist das Leben, und auch sein Herz, Schwedenklees Herz, war

ein unerforschtes Labyrinth. Weshalb? Weil die Fußspuren schwarz kreuz

und quer liefen? Ja, nur aus diesem Grunde! In Paris fällt selten Schnee

-- aber einmal hatte er Ellen abends nach Hause gebracht, und durch ihre

verschneite einsame Straße liefen genau dieselben schwarzen verwirrenden

Fußstapfen. Er sah sie in dieser Sekunde, zierlich, in ihren weiten

Mantel eingehüllt, klar vor sich, Schneekristalle glitzerten auf ihren

Haaren, und aus dem dunklen Gesicht glänzten heiter und lebensfreudig

die Augen. Fast zwanzig Jahre lang hatte diese Erinnerung in seinem

Kopfe geschlummert.

Fragend, lauschend waren diese Augen gewesen, sie waren bernsteingelb,

wenn das Licht voll in sie fiel, dunkel, fast schwarz, wenn sie

beschattet waren -- Schwedenklee gab sich mit einer gewissen Wehmut der

Erinnerung hin, obgleich ihn dieses unerklärliche Schamgefühl im

Innersten peinigte. Er hatte sich jedoch nichts vorzuwerfen, o nein, er

erinnerte sich sogar, daß er ihr später zwei- oder dreimal noch geholfen

hatte, als sie sich an ihn wandte. Sie war damals Anfängerin und hatte

noch zu kämpfen.

Plötzlich kroch eisige Kälte an ihm empor. Vielleicht -- wer weiß es --

schritt ihr Geist in der Tat neben ihm? Schwedenklee war sehr

abergläubisch.

»Ellen Fröhlich!« sagte er leise zu sich, etwas betreten. »Ich habe

keine Furcht, an dich zu denken!«

Klar bis in die kleinsten und unscheinbarsten Einzelheiten stand vor ihm

die erste Begegnung mit Ellen. Er sitzt an einem kleinen Marmortisch auf

den großen Boulevards, zwei Damen, Mädchen, nehmen neben ihm Platz. Sie

sprechen deutsch, sie sprechen ungeniert und vergessen ganz oder wissen

es nicht, daß auf den großen Boulevards in Paris jeder vierte Mensch

deutsch versteht. Ihre Ungezwungenheit entzückt Schwedenklee: die jungen

Damen sprechen mit einer gewissen Kühnheit von unschuldigen

Liebesabenteuern. Eine hat wunderbar warme und weiche Augen, die

offenbar die Farben wechseln, von hell zu dunkel leuchten. Zuweilen

streifen diese fragenden Augen, lächelnd, voller Übermut, Schwedenklees

absichtlich kühl beobachtenden Blicke. Das ist Ellen Fröhlich! Die

Freundin ist eine Schwedin, eine Bildhauerin.

Die jungen Damen gehen. Sie wandern zu Fuß durch die wimmelnden Straßen

bis zum Boulevard Raspail. Die Schwedin verabschiedet sich von der

Freundin, die in ein kleines Hotel verschwindet. Es ist sieben Uhr. Als

sie um neun Uhr das Hotel wieder verläßt -- wer tritt ihr in den Weg?

Schwedenklee.

»Ein Landsmann, der das Vergnügen hatte, Ihr Gespräch heute nachmittag

im Café zu belauschen, bittet tausendmal um Entschuldigung --«

Ihr Blick gesteht, daß sie ihn wiedererkennt. Sie ist verwirrt. Er habe

also alles gehört? Ja. Sie bricht in Lachen aus.

»Aber,« sagt sie -- »wie kommt es, daß Sie hier sind?«

»Ich wartete auf Sie!«

»Es ist nicht schön von Ihnen, so etwas zu sagen, selbst wenn Sie es

getan haben sollten. Sie hätten sagen sollen: zufällig!«

»Gut -- also zufällig!«

Schwedenklee war ja nicht zwei Stunden auf und ab gegangen, so war es

nicht gerade. Gegenüber lag eine kleine Speisewirtschaft, und hier aß er

zu Abend; dann trank er Kaffee, und gerade als er gezahlt hatte, war sie

wieder aus dem Hotel getreten.

Jedenfalls aber -- sie verzieh -- sie hatte nichts vor, und er brachte

sie in ein Tanzlokal, das er als äußerst anständig kannte.

Museen, Ausstellungen, Ausflüge, Tanzlokale -- wie Ellen Fröhlich genoß!

Sie saugte die Eindrücke in sich, sie staunte, wunderte sich,

bewunderte. Ellen sprühte auf, berauscht, verwandelt, verhundertfacht.

Und Schwedenklee, obgleich weniger schwärmerisch, lebt und atmet

leichter und heiterer in ihrer Nähe.

Ja, es war die Jugend, nichts sonst. Die Sonne schien, man fuhr auf dem

Dach des Omnibusses, unvergleichlich, herrlich, als sei man nie auf dem

Omnibus im Sonnenschein gefahren.

»Die Jugend, nichts anderes!« dachte Schwedenklee. »Wie herrlich! Ein

Zauber! Ist die Jugend ein Zauber?«

Ein Ausflug nach St. Cloud. Vorfrühling. Das erste Grün, einige

versteckte Blümchen, die Knospen glänzen, die schwarzen Baumstämme

schwitzen Feuchtigkeit. Rasch schnellen die hohen Wasser der Seine

dahin. Auf dem Dampfer einige Pärchen -- er und Ellen unter ihnen, zu

den »Pärchen« gehören sie! Ein junger Geck mit einem dünnen

Spazierstöckchen amüsiert sämtliche Passagiere. Ellen klemmt zu ihrem

Vergnügen ein Monokel ins Auge, der junge Geck macht ihr den Hof, und

Ellen mustert ihn durchs Monokel und spielt etwas Theater. Wie sie

lachten, die »Pärchen«. Ja, worüber lachten sie so furchtbar? Und damals

gehörten sie zu den »Pärchen« und waren jung wie die anderen.

Schwedenklees Erlebnis · 第 2 / 11 段