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Schwedenklees Erlebnis
von
Bernhard Kellermann
1923
S. Fischer / Verlag / Berlin
Erste bis zehnte Auflage
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
Copyright 1923 by S. Fischer, Verlag A.-G., Berlin
Schwedenklees Erlebnis
1
Es gibt Menschen, die vom Glück geradezu verfolgt werden. Sie wachsen in
angenehmen Verhältnissen auf, behütet von Eltern und Verwandten, ihre
Gesundheit ist vorzüglich, sie sind begabt genug, um ohne besondere
Anstrengungen und Qualen ihre Erziehung zu beenden. Sie haben gerade
soviel Leidenschaftlichkeit, als dazu gehört, das Leben zu genießen,
allen wirklichen Konflikten aber weichen sie instinktiv aus -- oder
weichen die Konflikte vor ihnen zurück? Was immer sie anpacken, gelingt,
sie kommen nach Monte Carlo und setzen auf eine ganz unmögliche Nummer,
schon schiebt ihnen der Croupier zur Verblüffung der ergrauten
Serienspieler einen Haufen Banknoten zu. Aber sie, diese vom Schicksal
Verwöhnten, finden das vollkommen in Ordnung, so sehr sind sie an die
Ovationen des Glücks gewöhnt. Es kann vorkommen, daß solch ein
Umschmeichelter einmal aufs Trockene gerät, schon wird ihm der Atem
etwas kurz -- aber da stirbt im rechten Augenblick irgendein Verwandter,
den man völlig vergessen hatte ...
Wie fangen diese Auserwählten es an, daß das Glück ihnen wie ihr
Schatten folgt? Tragen sie einen Talisman auf der Brust? Vielleicht die
Konstellation der Gestirne --?
Wie kommt es, das ist die Antwort, daß ein Vogel als Papagei am
Amazonenstrom zur Welt kommt, dem Paradies der Vögel, in einer Luft,
schwirrend von Insekten, warm selbst in den kalten Jahreszeiten -- und
ein anderer Vogel wird als Sperling in einer Dachrinne Berlins oder
Londons geboren, wo jeder Tag ein Problem ist und jeder Winter ein Kampf
auf Leben und Tod?
* * * * *
Zu jener Klasse von Umschmeichelten gehörte ohne Zweifel der Architekt
Philipp Schwedenklee. Schwedenklee war wohlhabend, ohne gerade ein
Rothschild zu sein. Er konnte es sich jedenfalls, zum Beispiel, leisten,
einer jungen Dame ein Paar der elegantesten Lackschuhe zu schenken, nur
dafür, daß sie einen Abend mit ihm bei einer Flasche Wein verplauderte.
Er besaß ein schönes Wohnhaus im alten Westen von Berlin, daneben einige
große Bauplätze am Kurfürstendamm, auf denen seit Jahren Scharen von
Möbelwagen standen. Diese Bauplätze verzinsten sich mit nur drei
Prozent, aber ihr Wert hatte sich im Laufe der Jahre verdreißigfacht.
Daneben besaß er ein Landgut in Mecklenburg -- aber Schwedenklee
kümmerte sich wenig um seine Reichtümer. Sie schimmerten beruhigend im
Hintergrund seines Bewußtseins, genug.
Schwedenklee hatte sein Vermögen von seinem Vater geerbt. Der alte
Schwedenklee hatte schon mit fünfzehn Jahren im Schweiße seines
Angesichts die Maurerkelle geschwungen, zehn Stunden täglich. Mit
fünfunddreißig heiratete er eine reiche Gastwirtstochter und wurde
Bauunternehmer, und im Alter von fünfundvierzig hatte er bereits einen
ganzen Straßenzug einer Provinzstadt in der Mark aufgebaut. Mit fünfzig
kam er nach Berlin, und damals erwarb er das schöne Wohnhaus im alten
Westen, etwas später, spottbillig, die Bauplätze, deren Wert sich
seitdem verdreißigfacht hatte.
Die Begabung des alten Schwedenklee, aus Mauerflächen, Fenstern und
Türen ein Haus zusammenzustellen -- so sahen seine Bauten aus --, war
verfeinert in das Blut des Sohnes übergegangen. Philipp Schwedenklee
wurde Architekt. Er war über den Durchschnitt begabt, in der Sauberkeit
und Reinheit seiner Zeichnungen übertraf er alle seine Kameraden. Er
hatte auch kaum seine Studien beendet, als er sich schon auszeichnete.
Eines Tages nämlich veröffentlichte die kleine Stadt in der Mark, die
der alte Schwedenklee zum Teil aufgebaut hatte, ein Preisausschreiben:
Eine alte Apotheke sollte in ein kleines Provinzmuseum umgebaut werden.
Der alte Schwedenklee machte seinen Sohn auf den Wettbewerb aufmerksam.
Und siehe da, schon hatte Philipp Schwedenklee -- unter vierzig
Bewerbern! -- das Preisausschreiben gewonnen. Nun aber zögerte der alte
Schwedenklee nicht länger. Er übertrug seinem Sohn die Aufgabe, ihm die
Pläne für eine Villa in Schmargendorf, wo er seine Tage zu beschließen
gedachte, zu entwerfen. Die Villa war im Rohbau kaum fertig, als ein
Nachbar, ein Ofenfabrikant, den jungen Schwedenklee ebenfalls mit dem
Entwurf einer Villa beauftragte. Dann kam ein Gastwirt, bei dem der alte
Schwedenklee zweimal in der Woche Kegel spielte. Dieser Gastwirt wollte
sich vergrößern und wünschte die Entwürfe zu einem Tanzlokal, in einem
ganz besonderen, heiteren Stil, mit chinesischen Anklängen. Philipp
Schwedenklee aber lehnte diesen Auftrag ohne Umstände ab! Er wollte sich
nicht verzetteln, denn, bei Gott, er hatte höhere Pläne, als Tanzlokale
mit chinesischen Anklängen zu entwerfen. Der alte Schwedenklee stimmte
ihm bei. Philipp reiste zur weiteren Ausbildung nach Italien, und von
Italien nach Paris. Einige Jahre blieb er im Ausland. Er gab viel Geld
aus, man hörte wenig von ihm. Einmal wurde erzählt, daß er in Paris wie
ein wahrer Zigeuner lebe, daß er in sozialistischen, ja sogar
anarchistischen Kreisen verkehre. Aber das war offenbar eine
Verleumdung, denn er kehrte aus Paris sehr elegant und als
ausgezeichneter Billardspieler zurück.
Philipp Schwedenklee nahm sofort fieberhaft den Umbau der
Parterrewohnung in dem alten Haus im Westen in Angriff. Wände, Türen und
Fenster riß er heraus, zuletzt stand nichts mehr auf dem alten Fleck.
Ja, er wollte Berlin, dieser Kapitale des Kitsches, zeigen, was
Architektur war! Umbau und Einrichtung dauerten über zwei Jahre: nun
aber war jeder Raum, jedes Möbelstück genau nach seinem Geschmack!
Führende Zeitschriften veröffentlichten Photographien von Schwedenklees
Wohnung. Zusammen mit einem befreundeten Architekten baute er dann ein
Riesenhaus am Kurfürstendamm, ein Palais mit Marmortreppen und
Marmorsäulen, das großes Aufsehen erregte. Beinahe wäre das Unternehmen
eine finanzielle Katastrophe geworden, aber nur beinahe! Die
Kinematographie war eigens zu dem Zwecke erfunden worden, um
Schwedenklee vor dem Ruin zu bewahren. Sein Palast wurde in ein Kino
umgebaut und er verdiente Unsummen.
Schwedenklee wurde später in den Zeitungen noch als der Erbauer eines
Elektrizitätswerkes voller Achtung genannt, er baute eine Reihe von
Bureauhäusern und Villen. Dann hörte man nichts mehr von ihm. Seine
Laufbahn als Architekt, die so verheißungsvoll begonnen, schien zu Ende
zu sein.
Er hatte sich in seine Parterrewohnung zurückgezogen und arbeitete, wie
verlautete, an einem Werke über Städtebau. Es hieß, daß er Berlin von
Grund auf umbauen wolle! Dieses ganze Berlin war völlig falsch angelegt!
Er verschob Straßenzüge, ganze Stadtviertel. Sollte jemals aus Berlin
etwas werden, so mußte man seinen Schwerpunkt an die Flußläufe verlegen!
Der Reiz anderer Großstädte -- Paris, London, Neuyork -- bestand darin,
daß sie von den Flußläufen aus sich entwickelt hatten. Berlin hatte
unglücklicherweise seinen Aufschwung in einer Zeit genommen, da die
Frachten der Bahnen kaum höher waren als jene der wenig entwickelten
Flußschiffahrt. Es hatte sich in die Sandwüste des Westens
hinausgeschoben und das landschaftlich schönste Gelände untergeordneten
Vororten überlassen. Nun er, Schwedenklee, würde jedenfalls versuchen zu
retten, was zu retten war. Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete er dem
Wirrwarr der Berliner Verkehrsverhältnisse. Auch in dieser Hinsicht
würde er eine Lösung finden.
Jahrelang beschäftigten Schwedenklee diese Probleme. Er tat
geheimnisvoll -- eines Tages würde er Berlin mit seinem Werke
überraschen! Zuweilen schlug er sogar einen etwas überheblichen Ton an.
Der alte Schwedenklee jedenfalls erlebte die Veröffentlichung des Werkes
nicht mehr.
2
Schwedenklee pflegte spät aufzustehen, da er häufig, wie er dem Mädchen
sagte, bis »zum frühen Morgen« arbeitete. Gegen zehn Uhr, wunderbar
ausgeschlafen, ausgehöhlt vom Hunger, frühstückte er mit Genuß: Kaffee,
Weißbrot, Honig, Butter, Schinken, Eier, abwechselnd gekocht und
gebraten. Nach dem Frühstück zog er sich in die geheiligten Räume,
Bibliothek und Arbeitszimmer, zurück, wo ihn niemand stören durfte. Hier
legte er sich noch etwas auf die Ottomane und las ausführlich die
Zeitungen -- er war sogar auf die Frankfurter Zeitung abonniert, die
dreimal täglich erscheint. Er arbeitete an seinen Zeichnungen,
telephonierte, sah nach dem Wetter, schrieb einen Brief -- schon war es
zwölf Uhr geworden. Schwedenklee ging spazieren, um »das Leben zu
betrachten«.
Ohne jeden Tadel, fast etwas auffallend elegant gekleidet, das zart
gepuderte runde Kinn in den Pelzkragen gedrückt, in Schuhen der letzten
Mode, schwang er sich dahin, mit der Miene eines Menschen, der sich
seines Wertes wohl bewußt ist. Zuweilen erschien er auch -- ohne jeden
Anlaß -- im glänzenden Zylinder. Sein rascher, etwas kecker Blick
streift Mädchen und Frauen, während ein zufriedenes Lächeln seine vollen
Lippen umspielt. Er beobachtet sich, wie er, etwas voll, durch den
schwarzen Glanz der Spiegelscheiben schreitet -- sein Pelzkragen, seine
koketten Schuhe. Voller Genuß zieht er die Luft in die breite Brust.
Eine anziehende junge Dame geht an ihm vorüber und Schwedenklee folgt
ihr eine Weile in angemessener Entfernung, voller List, um sich keine
Blöße zu geben. Einen Augenblick später sieht man ihn in einem
Antiquitätengeschäft, eine kleine blaue Vase in den Händen.
Um zwei Uhr aß er zu Mittag. Er hatte das Glück gehabt, eine
ausgezeichnete Köchin zu finden, ein Wunder von einer Kochkünstlerin:
Augusta, die sein Hauswesen führte. Sie hatte nur den einen Fehler, daß
sie zuweilen Weinkrämpfe bekam, die Küchendünste und das Stehen vor dem
Herde hatten ihre Nerven ruiniert. Und er, Schwedenklee, der nichts so
sehr haßte als Tränen! Aber schließlich ging es immer wieder vorüber.
Vollkommen war ja nichts auf dieser Welt.
Schwedenklee liebte es, gut zu essen, und er machte gar kein Hehl
daraus. Er hatte einen ausgezeichneten Appetit und einen noch besseren
Magen. Sein Magen -- lieber Himmel, was für einen Magen hatte
Schwedenklee! Diese Veranlagung verdankte er seiner Mutter, Tochter
eines Provinzwirts. Er konnte essen, so oft und so viel er wollte. Er
konnte, für gewöhnlich war er mäßig, auch trinken, so viel es sein
mußte. Wenn andere schon lallten, begann Schwedenklee erst zu tanzen!
Diese Veranlagung verdankte er dem alten Schwedenklee, der Tag für Tag
schon von sechs Uhr morgens an mit allen denkbaren Getränken den Kampf
gegen den Baustaub aufgenommen hatte. Schwedenklee, es muß ausdrücklich
betont werden, stammte nicht von wohlhabenden Eltern ab, die das
Wohlleben schon verweichlicht hat, die ihren Kindern mit ihrem Gelde
degenerierte Organe hinterlassen, o nein, er wuchs mit beiden Füßen
direkt aus der Scholle. Seine Gesundheit war ausgezeichnet.
Nach Tisch schlief Schwedenklee bis vier Uhr, dann schlürfte er den Tee,
während er sich über seine Zeichnungen beugte oder die Abendzeitungen
las. Zuweilen spielte er auch in der Dämmerstunde Geige. In den letzten
Jahren allerdings seltener. Schwedenklee war ein ganz ausgezeichneter
Dilettant! Seine Eltern, vernarrt in den Knaben, hatten keine Ausgabe
für seine Erziehung gescheut. Zwei Jahre lang hatte Schwedenklee jeden
Mittwoch und Sonnabend mit einigen Musikschülern, die er sehr gut
bezahlte, Quartett gespielt. Die Musik erschien ihm damals als das
Herrlichste auf der Welt, herrlicher noch als die Frauen! In dieser Zeit
hatte er sich sogar mit dem Gedanken beschäftigt, Geiger zu werden. Er
vernachlässigte seine Projekte vollkommen -- wie nebensächlich
erschienen sie ihm doch! -- und übte täglich mehrere Stunden. Er
träumte, ganz im geheimen, davon, wie er im Konzertsaal erscheinen
würde, umbrandet vom Beifall. Die Damen steigen auf die Stühle und
schwingen die Taschentücher: Schwedenklee, Schwedenklee! Oft gab er sich
diesen Ausschweifungen hin.
Indessen, die Quartettabende fielen schließlich ganz aus, die Geige
ruhte in ihrem Kasten, nur zuweilen -- wie gesagt -- nahm er sie noch
heraus, nicht ohne Sehnsucht, Inbrunst, Reue ...
Um sieben Uhr ging Schwedenklee wieder etwas an die frische Luft, um
»das Leben zu betrachten«, um acht Uhr aß er zu Abend, mit Genuß und
Appetit. Dann wusch er sich, polierte die Nägel und erschien heiter und
strotzend von guter Laune in seinem Stammcafé in der Potsdamer Straße.
In den früheren Jahren noch hatte er häufig Theater und Konzerte
besucht, in der letzten Zeit aber verbrachte er die Abende fast
ausschließlich im Café.
Acht Jahre verkehrte er in diesem Café. Nach drei Jahren gab ihm der
Oberkellner den Titel »Herr Baurat«. Nach fünf Jahren »Herr Oberbaurat«.
Jedermann nannte ihn so, die Kellner, die Gäste. Also selbst seinen
Titel hatte Schwedenklee ohne Mühe erworben! Wie lange Jahre sitzt
mancher Beamte in einer Behörde, bis er einen solch herrlichen Titel wie
»Oberbaurat« erhält? Schwedenklee erhielt ihn vom Oberkellner eines
Cafés in der Potsdamer Straße, und er war genau so gut, als ob ihn ein
Ministerium verliehen hätte.
Schwedenklee war heute fünfundvierzig Jahre alt. Die Anstrengungen
seines Berufes hatten ihn fast sämtliche Haare gekostet -- nur im
Nacken, der sich feist über den weißen Kragen schob, stand noch ein
dünner fahlblonder Saum. Die Pflege, die er genoß, hatte ihm eine
gewisse vornehme Wohlbeleibtheit verliehen. Seine Wangen waren rund und
leuchtend rot wie die eines Prälaten. Das Kinn fett und glänzend. Was er
tief beklagte, war, daß sich sein Bauch nur noch schlecht in der elegant
geschnittenen Kleidung verbergen ließ. Mit bekümmerten Blicken
beobachtete er sich oft im Spiegel.
Übrigens, sonderbar: Schwedenklees Augen -- einst förmliche Lampen --
schienen von Jahr zu Jahr kleiner zu werden. Wie war es nur möglich?
Seit einiger Zeit sah er auch schlechter. Er war genötigt, beim Lesen
eine Hornbrille zu tragen.
3
In den letzten Wochen allerdings war Schwedenklee, der immer Heitere,
Strahlende, der Sieghafte, vom Glück Umschmeichelte, verändert. Er war
zerstreut, nachdenklich. Nur noch selten waren seine lauten Lachsalven,
die jedermann mit fortrissen, zu hören. Sprach man ihn unvermutet an, so
öffnete er erschrocken und hilflos den Mund, oft gab er überhaupt keine
Antwort. Allen Stammgästen des Cafés fiel die Veränderung auf.
»Der Herr Oberbaurat scheinen in der letzten Zeit nicht ganz wohl«,
sagte der von schlaflosen Nächten bleiche Oberkellner, ein alter Wiener.
Also selbst ihm fiel die Veränderung auf!
»Etwas abgearbeitet.« Schwedenklee runzelte die Stirn.
»Ich habe gelesen, der Herr Oberbaurat haben einen Vortrag im
Architektenhaus gehalten.«
Schwedenklee seufzte.
»Nichts als Plackereien, die nichts einbringen.«
Ja, so hatte man zu tun. Schwedenklee hatte über »Moderne
Bahnhofsarchitektur« gesprochen -- ein ganzer Winter Arbeit!
Schwedenklees Stammcafé war scheinbar ein Café wie jedes andere. Ein
altes Berliner Café mit Gold und Stuck, verräuchert, die Plüschsofas
zusammengesessen, die Kellner in befleckten Fräcken und ausgetretenen
Schuhen. Unten saß das gewöhnliche Publikum, Familien, Liebespaare,
einsame Zeitungsleser. Eine vergoldete Treppe mit Plüschgeländer führte
zu dem großen Billardsaal empor, wo sechs Billards standen, und erst
wenn man den Billardsaal durchquert hatte, gelangte man in das
Allerheiligste: das Spielzimmer! Hier waren von fünf Uhr nachmittags an
bis zum grauenden Morgen einige Spieltische, umgeben von Kiebitzen, im
Gange, und hier kannte ein Gast den andern. Ärzte, Rechtsanwälte,
Kaufleute, ein Bassist von der Oper, ein bekannter Pianist und einige
junge Herren, die keinen ausgesprochenen Beruf zu haben schienen. Die
Karten wurden gemischt, die Zigarren qualmten, die Kellner flogen mit
Kaffeegeschirr und Biergläsern hin und her. Einzelne der Stammgäste
kamen hierher schon um fünf Uhr und blieben bis drei Uhr nachts. Andere
kamen nach dem Essen, wie Schwedenklee, nach Schluß der Theater und
Konzerte kam noch ein Trüppchen Nachzügler. Es wurde in Schichten
gearbeitet, fieberhaft und ohne jede Pause.
Die Billardbälle knallten nebenan im Saal. Zuweilen verirrte sich sogar
eine Dame mit ihrem Freund in den Billardsaal und einer der Spieler
machte es bekannt.
»Haben Sie die hübsche Person im Billardsaal gesehen?«
Der eine oder der andere der Kartenspieler warf einen Blick durch die
Tür, während die Karten neu gegeben wurden, oder er machte sogar rasch
einen Gang durch den Saal, wenn es sich lohnte. »Eine verteufelt hübsche
Person, und Augen hat sie!«
Aber es geschah nur sehr selten, daß eine Dame sich zu den Billards
hinan verirrte. Sonst gab es im Spielzimmer keinerlei Ereignisse. Das
Spielzimmer ignorierte Berlin und die große Welt, wie Berlin und die
große Welt das Spielzimmer ignorierten. Nur flüchtig wurden besondere
Ereignisse gestreift: ein Krieg irgendwo, ein Sensationsprozeß, ein
Schneesturm, eine Stockung der elektrischen Bahnen -- blitzschnell
flogen die Karten über die grünbespannten fleckigen Tische.
Es gab sogar Stammgäste, die noch länger als Schwedenklee im Café
verkehrten. Ein Rechtsanwalt war zwölf Jahre lang Stammgast, und der
Bassist kam schon seit fünfzehn Jahren hierher. In den Sommermonaten
zerflatterten die Gäste auf einige Wochen, aber es blieb doch immer ein
Spieltisch wenigstens im Gange.
So also sah Schwedenklees Heim aus, wo er seine Abende verbrachte,
anstatt Museen, Bahnhöfe und Kaufhäuser zu entwerfen, wie er es früher
plante.
Schwedenklee spielte vorzüglich Karten! Er war als Gegner gefürchtet,
als Partner gesucht. Er war frisch und gut ausgeruht, natürlich, während
zum Beispiel die Rechtsanwälte und Ärzte, die schon seit acht Uhr
morgens in den Gerichtssälen und Kliniken arbeiteten, manchmal vor
Müdigkeit einschliefen, wenn die Karten gemischt wurden.
Zuweilen war man der Karten überdrüssig. Man machte ein Spiel auf dem
großen Matchbillard, und der Kellner mußte das sorgfältig
eingeschlossene Privatqueue Schwedenklees aus dem Schrank holen. Dann
und wann auch spielte Schwedenklee mit dem Bassisten eine Partie Schach.
Gegen drei Uhr, vier Uhr morgens leerte sich das Spielzimmer, die
letzten Kiebitze verließen den Kartentisch, und schließlich riefen auch
die leidenschaftlichsten Spieler, dem Erschöpftsein nahe, nach dem
Zahlkellner.
Schwedenklee blieb selten länger als bis zwei Uhr. Nur während einer
ganz kurzen Periode hatte der Spielteufel so heftig von ihm Besitz
ergriffen, daß er jede Nacht hindurch bis sechs Uhr morgens Bakkarat
spielte. Doch das war schon einige Jahre her, und nicht er allein war
schwach geworden, die sämtlichen Spieler hatte plötzlich eine Art
Besessenheit befallen.
Um zwei ging Schwedenklee nach Hause, um tief und ohne Pause zu
schlafen, ganz allein in einem großen zweischläfrigen Bett mit einem
hellgrünen Seidenhimmel.
Schwedenklee war Junggeselle, natürlich. Über Frauen und Ehe hatte er
seine ganz besonderen Ansichten!
Ein einziges Mal hatte er den Kopf so weit in der Schlinge, daß er das
Schlimmste befürchtete! Es war die »furchtbarste Zeit seines Lebens«,
wie er sagte. Er hatte sich mit einer hübschen Base eingelassen, nettes
Gesichtchen, plapperte erfrischend, und die Sache war gerade deshalb so
verzweifelt, weil die ganze Verwandtschaft, die er jahrelang völlig
ignoriert hatte, dabei im Spiele war. Schwedenklee verlor den Appetit
und verbrachte die Nächte ohne Schlaf. Er entwarf hundert
Abschiedsbriefe, ohne den Mut zu haben, die Base zu verabschieden. Es
war ja ganz unmöglich, ein so entzückendes Geschöpf bloßzustellen. Das
Wunderbare ereignete sich in dieser Periode: Schwedenklee hielt der
Braut die Treue, so schwer es ihm auch zuweilen wurde! »Eine herrliche
Sache ist die Treue,« pflegte er in dieser Zeit zu sagen, »aber sie
kostet Nerven, mein Freund!« Eines Tages aber übersandte das entzückende
Geschöpf ihm einen Abschiedsbrief! Voller Zerknirschung und Tränen: sie
hatte sich auf einer Bahnfahrt in einen Offizier verliebt.
Gott sei gelobt! Glück zu, Schwedenklee!
Ja, in der Tat, es war eine furchtbare Zeit!
Schwedenklee schlief prachtvoll unter seinem hellgrünen Seidenhimmel,
obschon neben ihm noch recht gut Platz gewesen wäre.
* * * * *
Wie gesagt, aber in den letzten Tagen gefiel Schwedenklee den
Kartenspielern nicht mehr! Wer sollte sich sonst um ihn kümmern, wenn
nicht sie? Etwa Augusta? Nein, Augusta wich ihm aus, floh ihn direkt,
wenn sie merkte, daß er in schlechter Laune war, mit Rücksicht auf ihre
zerstörten Nerven. Augusta hatte nur beobachtet, daß eines Tages ein
Brief mit einem schwarzen Trauerrand angekommen war, und Schwedenklee
die Augen rollte. Die Kartenspieler aber, sie kannten ja jeden Zug in
seinem feisten, leuchtenden Gesicht. Und wenn ein gewiegter Spieler wie
Schwedenklee ein »angesagtes« Solo verlor, soviele Buben, soviele Asse,
Könige, Damen, eine Farbe blank -- was sollte man dann sagen? Wie? Ja,
nun war es offenbar, nicht mehr wegzuleugnen: etwas war bei Schwedenklee
nicht in Ordnung!
Es entstand eine solch furchtbare Aufregung, daß man eine Runde
aussetzte und die Kellner aus dem Billardsaal zusammenliefen.
Schwedenklee war sogar erbleicht, als das Solo so katastrophal
zusammenbrach! In all den Jahren hatte niemand beobachtet, daß
Schwedenklee erbleichte. Heute aber, in der Tat, war das Blut aus seinen
roten Wangen gewichen, und seine Nasenspitze war für eine Sekunde
schneeweiß geworden.
Es nützte Schwedenklee nichts, daß er seine bekannte Lachsalve losließ.
Die Ärzte, die Notare blickten prüfend und argwöhnisch in sein Gesicht.
Schwedenklee hatte trotz der geheuchelten Heiterkeit immer noch einen
verwirrten Gesichtsausdruck. Sein Blick war flackernd, nicht unbekümmert
und etwas keck wie gewöhnlich. Nun errötete er sogar. Er tat, als schäme
er sich, ein mit solch triumphierendem Lächeln angesagtes Solo verloren
zu haben.
Die Erregung verflog. Die Kiebitze, die aufgesprungen waren, saßen
wieder ruhig auf ihren Stühlen, der Wollust hingegeben, die Chancen des
Spielers besser zu kennen als die einzelnen Spieler, die große
Überraschung, die jede Sekunde offenbar werden mußte, schon lange vorher
genießend. Hinter Schwedenklees breitem Rücken verschanzt saßen drei
Kiebitze dicht nebeneinandergedrängt. Schwedenklees Spiel interessierte
heute abend am meisten. Er erhielt eine große Karte nach der andern, er
spielte nunmehr konzentriert, führte jedes Spiel in großem Stil durch
und gewann. Er wurde rot, sooft er die Karte aufnahm: so wie heute hatte
ihn das Glück noch nie umschmeichelt. Den Kiebitzen aber fiel es auf,
daß er gepreßt atmete, sooft er ein großes Spiel gewonnen hatte.
Plötzlich aber -- mitten in der Glücksserie! -- zog er die Uhr und erhob
sich ohne alle Umstände, zum Erstaunen der Spieler, zur Enttäuschung der
erregten Kiebitze. Er entschuldigte sich hastig mit dringlichen
Arbeiten. Sofort sprang ein anderer Spieler, der schon eine Stunde
lauerte, für ihn ein. Der Pikkolo lief mit seinem Überzieher herbei.
Begleitet von einem der Kiebitze, dem bekannten Nervenarzt Wittmann,
einer Kapazität, durchschritt Schwedenklee, in Gedanken versunken, das
Billardzimmer. Und er erbleichte tatsächlich an diesem Abend zum
zweitenmal! Es war heute wirklich alles wie verhext, es gibt solche
Tage. Auf dem Mittagsspaziergang hatte er jene ganz in sich
zusammengekrümmte Bettlerin auf der Potsdamer Brücke getroffen, die wie
eine Verkünderin von Unheil an jenen Tagen auftauchte, da irgend etwas
Unangenehmes sich ereignen würde. Nun dieses Gesicht! Es saß gegenüber
der Tür des Spielzimmers im Billardsaal an einem kleinen
Marmortischchen. Das Gesicht eines zermürbten, alternden, grauhaarigen
Künstlers, eines völlig Hoffnungslosen, eines Bittstellers, fahl, mit
dunkeln, fiebernden Augen, und diese Augen streiften seinen Blick scheu
und tastend. Vielleicht hatte dieser Hoffnungslose, Hungrige voller Neid
beobachtet, wie Schwedenklee seinen Kartengewinn in die Tasche steckte?
Jedenfalls gehörte dieses Antlitz voller Gram und Elend zur Klasse jener
Gesichter, die Schwedenklee fürchtete, denen er aus dem Wege ging. Sie
verdarben ihm die gute Laune und riefen in ihm augenblicklich die
tausend Unannehmlichkeiten wach, große und kleine, die ihm das Leben
getrübt hatten.
»Sie sind nervös, Schwedenklee«, sagte der berühmte Nervenarzt, die
Kapazität, mit einem mahnenden Blick hinter dem schiefsitzenden Kneifer.
»Sie sollten etwas für Ihre Nerven tun. Die ganzen Tage fiel mir schon
Ihr Wesen auf. Ich möchte fast vermuten, daß irgend etwas
Außergewöhnliches -- ich will nicht aufdringlich erscheinen ...«
Schwedenklee schlug den Pelzkragen hoch, um sein Frösteln -- dieser
Nervenarzt! -- zu verbergen. Dann reckte er sich ein wenig und lachte
laut heraus, während er stehen blieb. »Was soll ich haben?« rief er
etwas zu laut. »Bedenken Sie, schon morgens um sieben Uhr kommt ein
falscher telephonischer Anruf. Ich hatte nachts gearbeitet und nur
wenige Stunden geschlafen. Dann kommen allein am Vormittag drei
unangenehme Besuche. Es ist ein Wahnsinn, in dieser Stadt zu leben!«
»Ja, dieses Berlin ist eine Hölle!«
»Eine völlig sinnlose Hölle -- eine Hölle ohne jeden Scharm. Bedenken
Sie dagegen, zum Beispiel, Paris, eine Hölle mit Reizen ...«
»Mit fürchterlichen Reizen, Schwedenklee! Vielleicht ist Swedenborgs
Ansicht berechtigt, daß diese Erde überhaupt nichts anderes ist als eine
Art Fegefeuer, eine Vorhölle ...?«
»Swedenborg?«
»Ja, Swedenborg.«
Schwedenklee gestand nicht ein, daß er diesen Namen heute zum erstenmal
hörte.
»Oft scheint es mir, als ob diese Großstädte Exponenten der
Swedenborgschen Hölle seien: riesenhafte Kloaken, in die Tag und Nacht,
ohne Unterbrechung, der Schmutz rinnt, Bordelle, Mördergruben,
infernalische Verneinungen des göttlichen Gedankens!«
Der kleine Arzt fröstelte.
»Ja, in der Tat, vielleicht leben wir mitten in der Hölle, ohne es zu
wissen! Vielleicht sind all unsere Freunde, die jetzt da droben Karten
spielen, nichts als Teufel, Gespenster, Verdammte, Verfluchte ...«
Bleich und erschöpft von der Stubenluft blinzelte der berühmte
Nervenarzt in Schwedenklees rotes Gesicht.
Plötzlich lächelte Schwedenklee und streckte dem Arzt die Hand hin.
»Hölle hin, Hölle her!« rief er mit einem sieghaften Lächeln. »Das Leben
ist doch schön! Gute Nacht, Doktor!«
»Trotzdem« -- der Arzt berührte wohlwollend Schwedenklees Ärmel --
»sollten Sie sich etwas Ruhe gönnen. Gehen Sie doch in Ihre Villa an der
Ostsee!«
»Jetzt, im April? Sie ahnen nicht, Doktor, wie entsetzlich kalt es da
oben ist. Übrigens regnet es immer. Nein, danke herzlich!«
Schwedenklee stand und sah dem kleinen, unsicher gehenden Arzt, der
Kapazität, betroffen nach. Welch eindringliche Ermahnungen! Und
»Fegefeuer, Gespenster --«?
»Ja,« sagte Schwedenklee, »vielleicht hat er sogar recht! Aber, was für
eine Welt wäre das -- ein Betrug, nichts sonst! Und doch --?«
In tiefes Nachdenken versunken ging er weiter. Es half nichts, daß er
die vorübergehenden Frauen musterte, um sich zu zerstreuen. Ein Paar
herrische, schöne Augen leuchteten aus der feuchten Dunkelheit der Bäume
-- vergebens.
Schwedenklee atmete die laue Luft ein, er blickte in das knospende Geäst
der hohen Bäume empor, sah die Sterne durch das leichte, schillernde
Gewölk am Himmel jagen -- aber seine Gedanken wurden düsterer und
düsterer. Immer schwerer wurde die Last auf seinem Herzen.
Endlich blieb er stehen und holte tief Atem.
»Ja,« sagte er halblaut vor sich hin, »vielleicht sind wir in der Tat
von Gespenstern umgeben und vielleicht ist es _wahr_, daß die Toten nach
mir greifen!« Und er nickte ein paarmal schwer mit dem Kopfe.
Wie? Schwedenklee?
Wie ist es möglich, daß gerade er, Schwedenklee, der immer gut Gelaunte,
Strahlende, der vom Glück Umschmeichelte, von der Melancholie übermannt
wird?
4
Beruhigend brennt die grüne Schirmlampe auf dem riesigen
Diplomatenschreibtisch. Besänftigend blicken all die vertrauten Dinge
des Arbeitszimmers. Dort die Büste der Nubierin. Sie lächelt
vertraulich, fast etwas verschämt.
Schon scheint das Düstere nicht mehr so drohend.
In weichen gefütterten Hausschuhen gleitet Schwedenklee über den
Teppich, sein Blick wandert über die Decke. Schwedenklee schüttelt
abwehrend den Kopf. »Es ist ja alles Unsinn!« sagt er zu sich. »Diese
pathetische Phrase von den Toten -- und auch das mit dem kalten Hauch!«
In der letzten Zeit war es ihm zuweilen gewesen, als ob ihm ein kalter
Hauch ins Genick blase.
»Alles Unsinn! Es sind deine Nerven, mein Freund! Wie kann ein Brief,
ein unsinniger Brief -- ja, wie ist es nur möglich?«
Schwedenklee bleibt stehen und mustert entschlossen den riesigen
Diplomatenschreibtisch. Plötzlich steuert er mit zwei, drei großen
Schritten auf den Schreibtisch zu und zieht, etwas asthmatisch atmend,
die unterste Schublade heraus.
Es ist das beste! Er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen,
da es sich als unmöglich herausstellte, darüber hinwegzugleiten. Es war
feige, keine Worte, _nicht nachzuforschen_! Nein, heute hatte es ihm bei
den Karten keine Ruhe mehr gelassen ...
Diese Schublade stellte er auf einen niedrigen Rauchtisch und
betrachtete, schon wieder etwas mutlos, den Wust von Karten, Bildern,
Briefen, Theaterzetteln. Sogar eine graue Seidenschleife befand sich
darunter.
Schwedenklee warf sich in einen Sessel und streckte die Hand nach einem
der vergilbten Briefe aus. Aber schon erhob er sich wieder. Er entkorkte
eine Flasche Bordeaux und zündete sich umständlich -- um Zeit zu
gewinnen -- eine Zigarre an.
Ja, nun war er bereit!
»Eine von euch weilt also nicht mehr unter den Lebenden!« sagte er laut,
um sich Mut zu machen, und blies heftig in die Zigarre. Eine leise, aber
nicht quälende, ja fast angenehme Trauer überkam ihn. Ja, es ist
sonderbar, er fühlte sich sogar als eine gewissermaßen wichtige
Persönlichkeit, weil eine jener Frauen, die er geliebt hatte, schon ins
Reich der Schatten entwichen war.
»Und sie gedachte meiner noch in ihrer letzten Stunde!« Wieder schwebte
Schwedenklee in den gefütterten Hausschuhen hin und her. Dann aber warf
er sich in den Sessel und griff entschlossen mitten in die vergilbten
Briefe hinein.
Dieses graue Seidenband -- o, so deutlich erinnerte er sich -- vor
Jahren schmückte es Lissis blonden lockeren Haarschopf. Und es fiel ihm
ein: wie sie einmal unerwartet in sein Zimmer stürmte, es war im Winter,
Schneegestöber. Ihr Pelz war dick mit Schnee bedeckt -- und so, wie sie
war, im beschneiten Pelz, schloß er sie in die Arme. Noch heute fühlte
er die stechende Kälte der einzelnen Schneekristalle ... Und hier ist
eine Karte von Lissi, aus Oberhof, Lissi im Skikostüm.
Nein, Lissi, die Heitere, war es gewiß nicht! Lissi kann nicht sterben!
Sie saß jetzt irgendwo in Nizza oder Gardone in der Diele eines Hotels
und blies lächelnd den Rauch der Zigarette in die Luft.
Schwedenklee zog einen vergilbten Brief aus der Lade und begann ihn mit
hochgezogenen Brauen zu lesen. Er erinnerte sich an diesen Brief nicht
mehr! Wie? Er erinnerte sich auch nicht, jemals auf der Rennbahn in
Karlshorst gewesen zu sein? Der Brief war signiert: M. Z.? Wer war M.
Z.? Vorwürfe, Beteuerungen, Verdächtigungen, Küsse -- voller Interesse
las er den Brief vom Anfang bis zum Ende.
Aber wie merkwürdig -- und er erinnerte sich gar nicht mehr!
Schwedenklee schlug die Schenkel behaglich übereinander und machte es
sich im Sessel bequem: Diese Briefe, diese Erinnerungen waren weder so
langweilig, noch so erschreckend, noch so unangenehm, wie er es
befürchtet hatte.
Wo mochte, zum Beispiel, jetzt diese Martha sein, die ihn Sonnabend ein
Viertel vor acht im Foyer des Lessingtheaters erwartete? Sie hatte wohl
einen kleinen Beamten geheiratet und schlief jetzt Seite an Seite mit
ihrem Gatten. Breit und weich waren ihre Hüften, eine schneeweiße, etwas
volle Büste hatte sie, und plötzlich erinnerte er sich an den Geruch
ihres Körpers: süße, frischgemolkene Milch. Martha schwärmte fürs
Theater, wöchentlich zweimal führte er sie aus. Dann soupierten sie
irgendwo, um bei ihm noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Nie hatte er
eine bescheidenere, sanftere Frau gekannt.
»So geht das Leben dahin!« sagte Schwedenklee und legte die Karte zur
Seite.
Wer war Otti? Unmöglich, sich rasch an alles zu erinnern. Sie schrieb
etwas von Halensee -- ja, o richtig, es war Otti mit der Matrosenbluse!
Eine zierliche Stenotypistin, mit der er vor Jahren eine kleine Liebelei
unterhielt. Otti liebte es, in zweitklassigen Lokalen zu tanzen und sich
den frechen Blicken der Männer preiszugeben, die sie erregten. Sie war
eitel auf ihre Beine, edle, rassige Beine, glatt und hart wie Elfenbein,
und diese Beine stellte sie gern zur Schau. Auf Zurufe antwortete sie
mit seltener Schlagfertigkeit, wobei sie das Stupsnäschen keck in die
Luft warf. Unaufhörlich wanderten die Blicke ihrer großen blassen Augen,
unausgesetzt auf der Suche nach neuen Abenteuern, neuen Erregungen.
Sobald aber er auch nur einen Seitenblick wagte --! Verwirrend süß, die
Ungerechtigkeit der Frauen!
Ihre Lippen waren breit und weich, dachte Schwedenklee, und sie standen
immer vor Erregung etwas offen. Ihre Brüste aber waren klein und spitz,
die Knospen waren deutlich unter der Bluse zu erkennen und gerade darauf
war Otti stolz.
»Hoffentlich aber haben wir Ottis Abschiedsbrief noch!« Ja, er erinnerte
sich jetzt plötzlich, daß sie ihm einen solch amüsanten Abschiedsbrief
geschrieben hatte, seinerzeit, und er suchte ihn hastig in heiterster
Laune.
Er hatte damals, als er mit dem Kompagnon das Haus am Kurfürstendamm
baute, das ihn beinahe ruiniert hätte, Otti in sein Bureau genommen. Ein
unverzeihlicher Fehler! Otti erschien, wann es ihr behagte, saß rauchend
bald auf diesem, bald auf jenem Zeichentisch, kokettierte mit dem
Kompagnon, zeigte allen Besuchern ihre schönen Beine -- kurz und gut, er
mußte, so leid es ihm tat, eines Tages ein offenes Wort mit ihr reden.
Es gab eine schreckliche Szene, an die er sich jetzt voller Behagen
erinnerte. Diese kleine Otti bebte vor Wut, und ehe er es sich versah,
schlug sie ihm mit ihrer kleinen, festen Hand ins Gesicht. Ja,
tatsächlich! Und dann schrieb sie ihm einen Brief, er entsann sich
genau, einen äußerst drolligen Brief.
Hier ist er!
Laut auflachend las Schwedenklee diesen Brief.
Ja, sie, Otti, wußte es schon vom ersten Tage an, daß sein Wesen im
Grunde genommen ordinär war, obgleich er sich immer so aufspiele. Und
wie geizig er doch sei: welche Vorwürfe -- ein Dutzend Seidenstrümpfe,
zwei Paar Tanzschuhe, ein Sommerhut -- nein, nicht geizig, einfach
schmutzig war er! Ja, sie, Otti, würde wohl nicht so verrückt sein und
ihm die tausend Mark, die er ihr geliehen hatte, zurückzahlen, nein, für
so wahnsinnig werde er sie gewiß nicht halten. »Was die Ohrfeige
betrifft,« schloß Otti, »so wird es mir noch in meiner letzten Stunde
eine Befriedigung sein, daß ich Dich in Dein hochmütiges, aufgeblasenes
Gesicht geschlagen habe, auf das Du Dir so viel einbildest.«
Noch in ihrer letzten Stunde! Schwedenklee lachte so laut, daß er husten
mußte und seine rote Zunge herausfuhr. »Auf deine Gesundheit, Otti!«
Schwedenklee hatte nie Mangel an Frauen gelitten. Er war wohl keine
Schönheit, aber er war auch nicht häßlich, und wenn er lächelte -- seine
Lippen waren voll und schön geschwungen --, so erhielt sein Gesicht
sogar einen angenehmen Ausdruck. Er war elegant und er hatte stets Geld.
Er besaß eine schöne, behagliche Wohnung und er war gesund. In der Tat,
Schwedenklee konnte den Frauen etwas bieten. Schon als Student hatte er
vor den Kameraden einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung gehabt. Er
verstand es ja ebenso gut wie sie, schöne Worte zu machen und
schlagfertig zu antworten, aber es reichte bei ihm noch etwas weiter: zu
einem kleinen Blumenstrauß, zu einer Einladung in eine Konditorei --
siehst du!
Schwedenklee wählte für gewöhnlich die Frauen aus der sozialen Schicht,
die gerade etwas unter der seinen lag. Diese Frauen schienen ihm am
umgänglichsten. Natürlich gab es auch Ausnahmen, und zuweilen mußte er
alle seine Energie aufbieten, um sich nicht zu verlieren. Man denke an
die Base!
Nein, nein, Schwedenklee hatte geschworen, seine Freiheit nie
aufzugeben! Man konnte als Junggeselle tun und lassen, was man wollte.
Willst du ein Theater besuchen, so gehst du, ziehst du im letzten
Augenblick doch das Café vor, nun so wendest du noch im Foyer um. Du
willst ein paar Tage reisen, gut, du reisest, du wählst Reisetag und Zug
ganz nach deinem Belieben. Einmal verheiratet, ist es mit aller Freiheit
vorbei. Jeder deiner Schritte wird beobachtet, wann du dich niederlegst,
wann du aufstehst, alles. Deine Frau erkrankt, das Kind hustet, schon
telephonierst du erschrocken nach dem Arzt. Es könnte ein Unglück
geschehen -- nein, daran wollte er gar nicht denken! Als er die Mutter
verlor, war er ein leichtsinniger Student, der es nicht allzu schwer
nahm -- als sein Vater starb, war er schon gereift genug, um sich zu
beherrschen. Es war sein letzter wirklicher Schmerz. Nein, nein,
Schwedenklee hatte alles genau durchdacht, es war am besten so, wie es
war, und damit genug! Er wollte keine Aufregungen, keine Spannungen,
keine Qualen.
Konnte man -- um nur etwas zu sagen -- als Ehemann mitten in der Nacht
in einem bequemen Sessel sitzen, bei einer Flasche Wein und einer
Zigarre, und in alten Liebesbriefen und Erinnerungen wühlen?
Wie? Versuch' es. Und dazu, solange man wollte, es konnte Morgen werden
...
Da war noch diese und jene Freundin -- diese und andere, in Rom, in
Paris, in Wien -- alle zogen sie vorüber: jung, heiter, strahlend.
Tanzfeste, Ausflüge, eine Reise im Schlafwagen, eine Dampferfahrt nach
Kopenhagen, ein kleiner Abstecher ins Holländische ...
Alle diese Freundinnen gehörten mit wenigen Ausnahmen jener bequemen
sozialen Schicht an, die um ein Etwas tiefer lag als Schwedenklees
Gesellschaftsklasse. Es waren Stenotypistinnen, Modistinnen,
Erzieherinnen, kleine Schauspielerinnen, Tänzerinnen, sogar eine Dame
vom Varieté war dabei. Sie alle waren gierig nach dem Leben, wollten
zuweilen in einem eleganten Restaurant dinieren, wie feine Damen,
wollten zu einem Rennen fahren, im Auto über den Kurfürstendamm rollen,
wollten eine Oper besuchen, um vor ihren Freundinnen damit prahlen zu
können. Eine kleine Reise, lieber Himmel, wie wunderbar, ein Paar
Sommerschuhchen mit Seidenstrümpfen, herrlich! Ein Ausflug aufs Land,
mein Gott, sie wurden sofort um Jahre jünger, dreizehn, plapperten wie
Kinder. Sie genossen jede Kleinigkeit, das Nichts selbst, diese guten
Geschöpfe, schlürften, waren berauscht. Sie schrien vor Erregung, wenn
das Pferd, auf das sie gesetzt hatten, mit einer vollen Länge in den
Einlauf einbog, und zerbrachen den Sonnenschirm, wenn es knapp vor dem
Ziel noch geschlagen wurde.
Es war nicht schwierig, ihre Bekanntschaft zu machen. Schwedenklee war,
es ist die Wahrheit, in gewissem Sinne schüchtern, und das Herz schlug
ihm im Halse vor jedem Abenteuer, aber es gelang fast immer. Schwieriger
war es schon, sie, wie er es nannte, »in der rechten Distanz zu halten«.
O, oft war es eine Kunst! Sie durften in ihren Gefühlen und Ansprüchen
niemals eine gewisse Linie überschreiten, die Beziehungen mußten leicht
und immer unverbindlich bleiben. Und doch lag es im Wesen dieser
Sehnsüchtigen, diese Linie stündlich, in jeder Minute zu verletzen.
Das schwierigste aber war es, sie zu verabschieden! Ein unerfreuliches
Kapitel. Wirkliches oder geheucheltes Erkalten der Empfindungen, eine
vorgebliche Geschäftsreise, etwas Schauspielerei -- und, wenn es sein
mußte, sogar Härte! Es fiel Schwedenklee nicht leicht, Härte zu zeigen.
Zorn, Tränen, verzweifelte Briefe, Drohungen. Nein, nicht immer ging es
so leicht und einfach wie bei Otti, die einfach auf ihn einschlug und
einen rasenden Brief schrieb.
Schwedenklee saß hingestreckt in dem bequemen Ledersessel, die Beine
übereinandergeschlagen, die Zigarre im Mund, und sah zur Decke empor.
Der Wein ging zur Neige, er war in eine warme, heitere Laune geraten.
Die Stunden flogen. Lächelnd, träumerisch war Schwedenklees Miene.
Gestehen wir es nur, er hatte es verstanden, sein Leben zu genießen!
Seine Freundinnen waren alle gute, liebe Geschöpfe gewesen, auch Otti
natürlich, er hatte wenige, fast keine Enttäuschungen mit ihnen erlebt.
Sonderbar, er hatte sie fast alle vergessen! Er erinnerte sich kaum noch
an ihr Aussehen, die Züge waren in seinem Gedächtnis verblaßt. Welche
Farbe hatten, zum Beispiel, ihre Augen? Die Farbe der Haare war
einigermaßen haften geblieben, ähnlich wie die Haare sich in den Gräbern
am längsten erhalten, wenn alles andere längst vermodert ist. Einzelne
hatten nicht den geringsten Eindruck hinterlassen, von anderen wußte er
nur, daß sie groß oder daß sie klein und zierlich waren. Von Otti hatte
er am klarsten die Matrosenbluse in Erinnerung und, wie gesagt, die
herrlichen Beine. Von einer Tänzerin wußte er noch, daß sie hohe
Straßenstiefelchen trug, aus einem Leder wie graue rauhe
Glacéhandschuhe. Von einer Französin war kaum mehr in seinem Gedächtnis
verblieben, als daß sie einen Bleistift mit den nackten Zehen hochheben
konnte.
Für eine gewisse Ellen, eine Schauspielerin, hatte er fortwährend Villen
und Landhäuser entwerfen müssen, mit einem Schwimmbassin, das in ein
Palmenhaus eingebaut war. Er erinnerte sich an Ellens zarte
Fingerspitzen, die leise bebten, wenn sie ihn berührte. Diese Ellen
errötete leicht und sehr merkwürdig. Ihre Haut war sehr zart, und die
Röte überflog ganz unvermittelt wie ein Gluthauch ihr Gesicht und
bedeckte auch Hals und Nacken. Nichts sonst fiel ihm in dieser Sekunde
von Ellen ein.
Eine andere quälte ihn eifersüchtig, und ihre schwarzen Augen funkelten.
Die Tänzerin sah er vor sich, wie sie im Varieté auftrat, abwechselnd
kalkgrün und korallenrot beleuchtet. Ihre Züge waren ihm entfallen, aber
er erinnerte sich, daß sie beim Souper nach dem Theater immer noch etwas
Farbe von der Schminke um die Augenlider hatte. Das sah ungeheuer
interessant aus.
Berta mit dem pechschwarzen, schnurgeraden Scheitel hatte die Unart an
sich, in den Restaurants unbemerkt kleine Brotkugeln nach den
Nachbartischen zu werfen. Sie trug eine Narbe von einer
Blinddarmoperation am Leibe, und diese silbrige Narbe sah er ganz scharf
vor sich. Die Dame vom Varieté, die er bald verabschiedete, weil sie
täglich größere Ansprüche stellte, liebte es, eine schwermütige Miene
anzunehmen, während sie ihn mit ihren glasig-glänzenden braunen
Tieraugen ansah, um dann seufzend zu lächeln und ihr herrliches Gebiß zu
zeigen.
Hier, siehst du, Schwedenklee, ist ein kleines, von schwarzen Haaren
umflattertes Gesichtchen, das große Tränen in den schönen Augen hat. Und
hier, Schwedenklee, da ist sie, wie hieß sie doch gleich, sie konnte so
wunderbar lachen! Sie war eine Virtuosin im Lachen, sie steckte die
Nachbartische an, sie gab Gastspiele im Lachen -- ach Gott, wie hieß sie
denn? Sie ging von dir zu einem Karikaturenzeichner über, der sie dann
hundertmal zeichnete, in allen Witzblättern war sie zu sehen. Es wird
ihr wohl nicht schlecht ergangen sein -- wir wünschen es ihr.
Und da: Hanny im Schlafwagen -- mit der kleinen blauseidenen Nachthaube
...
Schwedenklee saß und träumte. Er war so tief in Gedanken versunken, daß
er regungslos zur Decke blickte und in der Tat mehr schlief als wachte.
Aus seinem vollen, satten Gesicht stieg kerzengerade der Rauch der
Zigarre.
Die Gesichte glitten ineinander; ein Rücken wie aus frischgefallenem
Schnee geformt, ein Haarschopf, der im Nacken funkelt, rasche,
flüchtende nackte Füße, ein Knie, wie aus der Hand Rodins, zitternde
Hände, die das Haar aufstecken ...
Sonderbar! Schwedenklee sah fast keine seiner Freundinnen wieder, sobald
er sich von ihnen getrennt hatte. Berlin verschlang sie, die Welt, das
große Leben verschlang sie, ohne daß sie je wieder auftauchten. Sie
verwehten wie die Blätter im Walde.
Schwedenklee sitzt inmitten einer Wolke von Träumen, der Zauber
versunkener Herrlichkeiten hat ihn gebannt. Das Leben! Gab es etwas
Wunderbareres als dieses verwirrende, unverständliche, dreimal
verfluchte, dreimal gepriesene Leben? Er lächelt, und sein Lächeln
verändert sich nicht mehr. Er ist glücklich.
5
»Aber Rosa?«
Plötzlich sprang Schwedenklee auf und ging mit erregten Schritten in den
gefütterten Hausschuhen hin und her. Es war schon zwei Uhr morgens. Erst
in diesem Augenblick war ihm wieder eingefallen, aus welchem Anlaß er
nach den verblaßten Briefen gegriffen hatte.
»Aber Rosa? Wer ist diese Rosa?«
Unter all den Frauen gab es ja keine Rosa weit und breit! Wer war also
diese Rosa, von der ihm dieser Unbekannte geschrieben hatte?
Geschrieben hatte --? Also hatte Augusta, die sonst wenig scharf
beobachtete, doch recht, daß ein Brief -- irgendein sonderbarer Brief --
die Veränderung in Schwedenklees Laune hervorgerufen hatte!
»Wie kommt dieser Unglückselige überhaupt dazu, mir, einem Unbekannten,
zu schreiben?« fuhr Schwedenklee fast drohend fort.
In großer, ja förmlich unbegreiflicher, krankhafter Erregung eilte
Schwedenklee im Zimmer auf und ab.
»Wie kommt dieser Unbekannte dazu?«
»Vielleicht aber hat diesen Unglückseligen der Verlust seiner Gattin um
den Verstand gebracht -- wie?«
»Rosa? Rosa? Aber, zum Satan, es gibt ja keine Rosa!«
»Vielleicht habe ich sie einmal gekannt, möglich -- ganz flüchtig,
vielleicht gab sie einen falschen Namen an -- alles ist möglich!«
»Möglich, ja, natürlich! Was sollte sie dann aber bewegen, sich nach
Jahren, in der Stunde ihres Todes, meiner zu erinnern --?«
Ja, unbegreiflich, unverständlich, ganz unerklärlich!
»Oder --?« Schwedenklee blieb mit einem triumphierenden Lächeln stehen.
O ja! Auch das war recht gut denkbar!
Vielleicht war dieser Unglückselige gar kein fassungsloser Ehemann, der
seine Frau betrauerte? Wie? Vielleicht war er nicht mehr und nicht
weniger als ein Schwindler, der einen Pumpversuch schlau einleitete? Ein
Erpresser? Schwedenklee war geneigt, sich wegen seines Scharfsinns
selbst zu bewundern. »Man braucht nur die Zeitungen zu öffnen, beim
großen Gott, welche Sorte von Spitzbuben haust in diesem Berlin! Sie
simulieren epileptische Anfälle in der Untergrundbahn, um die
mitleidigen Reisenden ungestört ausplündern zu können -- sie verfallen
auf die unmöglichsten Dinge! Ein Freund übersendet dir ein Billett zur
Oper, du gehst hin, und unterdessen plündern sie dir die Wohnung aus.«
»Nein, mein Freund, du bist an den Unrechten gekommen. So einfach ist
die Sache mit mir nicht!« rief Schwedenklee mit überlegenem Lächeln aus.
Aber schon klang sein Lachen wieder unsicher, schon wurde er wieder
nachdenklich.
Der _Ton_ dieser Briefe! Denn Schwedenklee hatte ja nicht einen, er
hatte _eine Reihe_ von Briefen erhalten -- seit Wochen erhielt er
Briefe! Und diese Briefe waren es ja, die in der letzten Zeit seinen
Gemütszustand so sehr beeinflußten. Der _Ton_ dieser Briefe war ohne
Zweifel -- _echt_!
»Prüfen wir, überlegen wir,« rief Schwedenklee eifrig, schon etwas
berauscht -- »weshalb diese unsinnige Beunruhigung? Wir werden, wenn es
nicht anders geht, den Unglückseligen selbst aufsuchen. Ja, selbst, das
wird das allerbeste sein!«
In dieser Minute war Schwedenklee außergewöhnlich mutig und
entschlossen. Er kam sich in seiner Entschlossenheit fast verwegen vor
-- beinahe wie Don Juan, der mitten in der Nacht im Friedhof das
Standbild des Comturs zu Tische lädt.
»Gehen wir der Sache auf den Grund!«