Lange vor diesem Aufblühen einer Magenchirurgie und nahezu 40 Jahre vor

der ersten praktischen Verwertung der _Lister_schen Wundbehandlung hatte

sich chirurgische Kühnheit bereits an die operative Behandlung der

Darmkrebse herangewagt. Im Jahre 1833 machte _Reybard_ in Lyon die

erste, von Erfolg gekrönte _Dickdarmresektion_, deren Beschreibung erst

1844 der Pariser Académie de Médecine eingesandt wurde, unter

gleichzeitiger Beifügung der Beschreibung von Darmresektionen bei

Tieren. Der geheilte Kranke war 10½ Monate später an der Wiederkehr

seines krebsigen Grundleidens gestorben. Trotz der vorläufigen Heilung

hat aber _Reybards_ kühnes Vorgehen zunächst keine Nachahmung gefunden;

denn die schlimmen Zustände in den Krankenräumen damaliger Zeit, wie sie

auf S. 15 und 16 geschildert worden sind, stempelten das Unternehmen zu

einem so kühnen Wagnis, daß selbst der überzeugteste Wundarzt einer

solchen Gefahr sich und seinen Kranken auszusetzen sich scheuen mußte.

Hat doch _Reybard_ selber seine erfolgreiche Operation nicht wiederholt;

sie ist daher fast unbekannt geblieben, hat auch auf die spätere

Entwicklung der Dinge keinen Einfluß ausgeübt.

Der neue Anstoß ging wiederum von der _Billroth_schen Schule aus. Die

oben erwähnte, auf Tierversuche gestützte Studie über Magenresektion

hatte noch nicht praktische Verwertung gefunden, als _Karl Gussenbauer_,

der willensstarke, kluge und gelehrte Sohn des oberkärntnerischen

Hochgebirges, damals Professor in Lüttich, sich im Dezember 1877, ohne

Kenntnis der _Reybard_schen Operation, zu einer Übertragung seiner

Versuche auf einen Fall von Dickdarmkrebs entschloß. Die erste, unter

antiseptischen Vorsichtsmaßregeln unternommene Dickdarmresektion endete

zwar schon nach 15 Stunden mit einer schnell verlaufenden

Bauchfellsepsis; aber dennoch gab sie der Darmchirurgie einen mächtigen

Antrieb. Die bis dahin nur selten und widerwillig gemachte Eröffnung des

absteigenden Dickdarmes wegen Verschlusses in den noch tiefer gelegenen

Darmabschnitten wurde schnell auch auf den Dünndarm übertragen

(v. _Langenbeck_, 1878), die Darmresektionen auch zur Beseitigung

brandiger Darmstücke nach Einklemmungen benutzt (_Ernst Küster_, 1878),

die Ausschneidung und Naht von Dünndarmstücken zur Heilung des

widernatürlichen Afters, mittels der von _Max Schede_ im gleichen Jahre

benutzten Methode der zeitweiligen Lagerung der genähten Darmschlingen

außerhalb des Bauches, einem hohen Grade von Sicherheit zugeführt. Ganz

erheblich wurde diese aber noch erhöht durch _Vinzenz Czernys_

doppelreihige Darmnaht von 1880, die seitdem die beherrschende Methode

für alle Darmoperationen geblieben ist; ferner durch _Karl Gussenbauers_

Achternaht und die von _Otto Madelung_, 1881, vorgeschlagenen

Verbesserungen. Erst an diese hat sich die Methode der Ausschaltung von

Darmteilen ohne Ausschneidung geknüpft, welche die Umgehung verengerter

Darmabschnitte durch Herstellung von Nebenleitungen gestattet. Alles das

hat die Sicherheit der Technik auch nach der Richtung hin entwickelt und

erhöht, daß der Wundarzt, welcher die Bauchhöhle öffnet, selbst

unerwarteten Befunden gegenüber stets gewappnet ist. So sind die

Knickungen, Achsendrehungen, Einstülpungen und inneren Einklemmungen des

Darmes nicht nur in ihren pathologischen Verhältnissen ganz erheblich

geklärt und in ihrer Erkenntnis gefördert worden, sondern auch ihre

chirurgische Bekämpfung ist bis zu einem hohen Grade der Vollkommenheit

gediehen.

Die außerhalb des Bauchfells gelegenen unteren Abschnitte des

Darmkanals waren schon seit _Lisfranc_, 1830, einer erfolgreichen

Behandlungsmethode zugeführt worden. Dagegen blieben die oberen Teile

des Mastdarmes und des S Romanum, sowie die unteren Teile des

absteigenden Dickdarmes noch nach Einführung der antiseptischen

Behandlung längere Jahre fast unantastbar. In _Paul Kraskes_

(Freiburg i. B.) Operationsmethode hochsitzender Mastdarmkrebse

vermittels Wegnahme der unteren Abschnitte des Kreuzbeins vom Jahre 1885

wurde aber ein Verfahren geschaffen, in dessen weiterer Ausbildung nicht

nur der ganze Mastdarm, sondern auch die darüber gelegenen Darmteile dem

chirurgischen Messer zugängig gemacht worden sind, zuweilen freilich

erst nach gleichzeitiger Eröffnung der Bauchhöhle von der Vorderseite

her. So ist denn der Darm in seiner ganzen Länge ein Feld für

chirurgische Eingriffe aller Art geworden. --

Eine besondere Berücksichtigung erfordern zwei Krankheiten des

Darmkanals, weil die von ihnen erzeugte Operationswelle im Laufe der

letzten Jahrzehnte alle anderen an Zahl überflutet und zeitweilig etwas

beiseite gespült hat: die Operationen am Wurmfortsatze und an den freien

Brüchen.

Die Entzündung am Wurmfortsatze, die _Epityphlitis_, wie wir sie im

Gegensatze zu der häßlichen amerikanischen, aber durch unsere

Hauptschriftsteller leider auch in die deutsche Literatur eingeführten

Wortbildung »Appendicitis« nennen, ist in ihrer verhängnisvollen

Bedeutung für den Bauchraum erst vor kaum 30 Jahren vollständig erkannt

worden. Bis dahin hatte weder die pathologische Anatomie, noch die

innere Medizin, deren Vertreter bis gegen Ende der achtziger Jahre fast

ausschließlich die Behandlung leiteten, die Frage wesentlich gefördert;

erst mit dem vollen Eintreten der antiseptischen und aseptischen

Chirurgie ist sie nicht nur nach der pathologisch-anatomischen, sondern

auch nach der Seite der Behandlung in dem Maße geklärt worden, daß

gegenwärtig die Abtragung des Wurmfortsatzes zu den häufigsten

Operationen eines beschäftigten Chirurgen gehört, von denen manche schon

über eine Erfahrung von vielen Tausenden von Eingriffen verfügen können.

Die schon im Altertum bekannte Krankheit wurde durch _Morgagni_ und

_Boerhave_ auf eine Kotstauung im Dickdarme bezogen und deshalb

allgemein als Typhlitis stercoralis bezeichnet. Der Heidelberger

Professor der inneren Medizin _Puchelt_ führte im Jahre 1829 den Namen

Perityphlitis ein, der seitdem neben der Typhlitis stercoralis in

Gebrauch kam; letztere, als Name für eine bestimmte pathologische

Vorstellung, ist im wesentlichen erst durch _Sahli_, den Direktor der

inneren Klinik in Bern, im Jahre 1895 zu Fall gebracht worden. -- Die

Chirurgen haben sich, natürlich langsam und zögernd, erst im achten

Jahrzehnt unter dem Schutze der Antisepsis wenigstens an die Eröffnung

der in der Leistengrube entstehenden Eiteransammlungen herangewagt,

dabei gelegentlich auch einen durchgebrochenen Kotstein ausgezogen.

Trotzdem rückte die Entwicklung der Frage nur sehr langsam voran. Einen

neuen Anstoß gaben die Vorträge, welche _Johann Mikulicz_, damals in

Krakau, bei Gelegenheit der Naturforscherversammlung zu Magdeburg (1885)

und in demselben Jahre _Rudolf Ulrich Krönlein_ in Zürich über die

Eröffnung des Bauches bei eitrigen Bauchfellentzündungen hielten. Damit

war der weitere Schritt, die Aufsuchung und Abtragung des erkrankten

Wurmfortsatzes, aufs beste vorbereitet. Es ist nicht mehr mit Sicherheit

festzustellen, ob _Krönlein_ recht hat, wenn er sich die erste, mit

Bewußtsein und Überlegung ausgeführte Operation dieser Art zuschreibt;

aber sicher ist, daß verschiedene Wundärzte unabhängig voneinander zu

dem gleichen Ergebnis gekommen sind. Das Hauptverdienst gebührt indessen

unzweifelhaft _Eduard Sonnenburg_ in Berlin, der seit der zweiten Hälfte

des neunten Jahrzehntes kühn und bewußt diesem Ziele zusteuerte und der

im Jahre 1894 die erste zusammenfassende Arbeit über den Gegenstand

erscheinen ließ. Seitdem ist eine nahezu erdrückende Literatur über

Epityphlitis und ihre operative Behandlung entstanden, die von _Otto

Sprengel_ in Braunschweig 1906 in einer inhaltsvollen, kritischen und an

eigenen Erfahrungen reichen Arbeit, freilich unter dem leidigen Titel

»Appendicitis«, zusammengefaßt worden ist. Um die Jahrhundertwende herum

widerhallten die Mauern des alten Langenbeckhauses immer von neuem von

erregten Erörterungen über den gleichen Gegenstand; unter den

Wortführern mögen, außer den schon Genannten, noch _Hermann Kümmell_

(Hamburg), _Theodor Kocher_ (Bern) und der französische Schweizer _Roux_

(Lausanne) genannt werden, abgesehen von den zahllosen Männern, die

gleichfalls ihr mehr oder weniger erhebliches Scherflein zur Klärung der

Frage beigetragen haben und unter denen auch andere Völker, Franzosen,

Angelsachsen, Skandinavier usw., reichlich vertreten sind. Als Ergebnis

all des heißen Bemühens sind folgende zwei Grundsätze festgestellt

worden: 1. die akuten, zur Eiterung neigenden Erkrankungen sollen

rechtzeitig, d. h. so früh wie möglich der Operation unterzogen werden;

2. die chronischen, milde verlaufenden Fälle können zunächst abwartend

behandelt, müssen aber bei Wiederholung der Symptome ebenfalls, am

besten im entzündungs- und schmerzfreien Intervall, operiert werden.

Damit ist die Behandlung der Epityphlitis im wesentlichen in die Hände

des Wundarztes gelegt worden. Die Operation wird heutigentags über die

ganze Erde hinweg alljährlich in vielen Tausenden von Fällen mit dem

besten Erfolge geübt; sie gehört schon ihrer Zahl nach zu den

wichtigsten Eroberungen der neueren Chirurgie.

Hatten wir es bei der Epityphlitis mit einer Erkrankung zu tun, zu deren

Bekämpfung das chirurgische Messer erst vor einer kurzen Zeitspanne

seine Wirksamkeit entfaltet hat, so geht die operative Behandlung der

_freien Brüche_ bereits weit in das Altertum zurück; denn schon zur Zeit

der klassischen Höchstblüte griechischer Medizin scheint es

handwerksmäßig gebildete und zu einer Körperschaft zusammengeschlossene

Bruchschneider gegeben zu haben. Herumziehende Schneidekünstler machten

während des ganzen Mittelalters Städte und Dörfer, zumal die Märkte und

Messen unsicher; daß dabei aber keinerlei Förderung auch nur der

gröbsten pathologisch-anatomischen Anschauungen herauskam, beweist schon

die noch heute übliche Bezeichnung der Krankheit als Bruch (Ruptura), da

man sie bis auf _Matthäus Gottfried Purmann_ gegen Ende des 17.

Jahrhunderts durch Zerreißung des Bauchfells entstehen ließ. Die

pathologische Anatomie und das Studium der Bruchpforten sind erst seit

den Arbeiten des Franzosen _Jules Cloquet_ 1819 zu ihrem Rechte

gekommen, unter den Deutschen insbesondere durch _Wilhelm Roser_ sehr

gefördert worden, hauptsächlich allerdings immer nur im Hinblick auf

eingeklemmte Brüche, während man die freien Brüche seit Erfindung der

Bruchbänder nicht mehr anzugreifen wagte. Indessen begannen neue

Bestrebungen in der Richtung der sogenannten Radikalheilung schon in

vorantiseptischer Zeit, in Deutschland mit _Franz Christoph

v. Rothmund_ in München um 1843, die aber erst durch _Otto Risel_ in

Breslau im Jahre 1871 mit dem gleichzeitigen Aufkommen der _Lister_schen

Wundbehandlung eine nachhaltige Förderung erhielten. Bald darauf

operierte auch v. _Nußbaum_ (München) in der Art, daß er den befreiten

Bruchsack unterband und abschnitt. Weitere Förderungen brachte _Vinzenz

Czerny_ von 1877 an, der durch seine innere Naht bei angeborenen

Leistenbrüchen einen neuen Grundsatz in die Operation einführte. In der

Deutschen Gesellschaft für Chirurgie wurde der Gegenstand zuerst auf dem

Kongreß von 1879 durch _August Socin_ in Basel besprochen; er betonte

die Notwendigkeit, auch eingeklemmte Brüche radikal zu operieren, was

übrigens von anderen Chirurgen schon mehrfach geschehen war.

Bemerkenswert ist die Äußerung des damaligen Vorsitzenden _Bernhard

v. Langenbeck_, daß er an die Auffindung einer sicheren Methode zur

dauernden Beseitigung eines Bruchleidens nicht zu glauben vermöge.

Darin hat sich der Altmeister deutscher Chirurgie glücklicherweise

getäuscht. Von Jahr zu Jahr sind seitdem die endgültigen Ergebnisse

besser und die Methoden sind so zahlreich geworden, daß auch die

schwierigsten Bruchformen noch eine Heilung erhoffen lassen. Wenn unter

letzteren hier und da noch Mißerfolge unterlaufen, so sind dafür die

Brüche mit engerem Bruchhalse der dauernden Heilung fast mit voller

Sicherheit zuführbar; und ein Mißerfolg bedeutet heute um so weniger,

als die Ungefährlichkeit des Eingriffes immer wieder neue und bessere

Versuche zuläßt. So ist die Radikaloperation der Brüche ein überaus

häufiges Verfahren geworden und die lästigen Bruchbänder, einst eine

Haupteinnahmequelle für die Händler, sind, wenn auch noch nicht gerade

im Verschwinden begriffen, doch unendlich viel seltener geworden. --

* * * * *

Auch die _Chirurgie der Brusthöhle_ mit ihrem Inhalte, insbesondere

ihren drei serösen Höhlen, hat seit 40 Jahren einen gewaltigen Aufstieg

genommen. Herz und Herzbeutel sind bereits besprochen worden; es

erübrigt also nur, der Wandlungen in der Behandlung des Brustfells und

der Lunge mit einigen Worten zu gedenken.

Unter den Erkrankungen der Brusthöhle hat am frühesten die Entzündung

des Brustfells, zumal deren eitrige Form, das Empyem, chirurgische Hilfe

herausgefordert. Indessen ist die in der _Hippokratischen_ Schrift: »De

morbis« genau beschriebene blutige Eröffnung der Eiteransammlung mittels

des Messers späterhin gänzlich vergessen gewesen. Erst der kluge und

vielseitige Schwabe _Wilhelm Roser_ in Marburg hat die Operation in Form

der Resektion einer Rippe im Jahre 1859 empfohlen und im Jahr 1865 zum

erstenmal am lebenden Menschen ausgeführt. Seitdem ist der Eingriff auch

von anderen Chirurgen wiederholt gemacht worden. Einen bescheidenen

Anteil an der Weiterentwicklung glaubt auch der _Verfasser_ in Anspruch

nehmen zu dürfen, da er bei der seit 1873 von ihm geübten Operation

nicht nur den neuen Grundsatz der systematischen Aufsuchung des tiefsten

Punktes der eiternden Höhle zur Anwendung brachte, sondern auch für den

Eingriff auf das wärmste zu einer Zeit sich einlegte, als die Vertreter

der inneren Medizin sich noch vollkommen ablehnend verhielten. Mit

Bewußtsein hat er auch zuerst Empyeme auf tuberkulöser Grundlage

operativ angegriffen. Die späteren Methoden von _Franz König_, _Wilhelm

Baum_ und anderen Chirurgen befolgen genannten Grundsatz nicht, nötigen

daher den Kranken zu langer Rückenlage. Auch das Verfahren der Resektion

mehrerer Rippen zur Heilung alter Empyeme und Brustfisteln, welches von

dem Schweden _Estlander_ in Helsingfors 1879 veröffentlicht wurde, ist

von _Ernst Küster_ schon 1877 beschrieben, späterhin von _Max Schede_ in

besonders kühner Weise ausgebaut worden. Der Grundsatz einer

frühzeitigen und zweckmäßigen Eröffnung der Brusthöhle hat

glücklicherweise solche Zustände selten gemacht.

Das Verfahren der Rippenresektion erzielte auch bei

Hülsenwurmerkrankungen des Brustfells und der Lunge, selbst des oberen

Leberumfanges, ausgezeichnete Ergebnisse.

Die eigentliche Lungenchirurgie aber hat erst durch zwei Erfindungen

einen hohen Aufschwung genommen, welche das Zusammenfallen der Lunge

nach Eröffnung des Brustfellraumes verhindern und daher das ungestörte

Weiteratmen erlauben. Auf dem Chirurgenkongreß von 1904 veröffentlichte

_Sauerbruch_, damals Assistent an der Klinik _Johann v. Mikulicz_' in

Breslau, seine Studien über Über- und Unterdruck an den Atemorganen und

zeigte zugleich seine pneumatische Kammer vor, in welcher der Kranke

unter der Wirkung eines Unterdruckes operiert werden konnte. Im Anschluß

daran führte _Brauer_ (Marburg) einen für den Wundarzt wesentlich

bequemeren Apparat vor, der die Lungen des zu operierenden Kranken unter

Überdruck setzte. Beide Methoden haben sich als brauchbar erwiesen, und

mit ihrer Hilfe ist es gelungen eine der wesentlichsten Gefahren bei

Eingriffen am Brustkorbe, das Zusammenfallen einer oder gar beider

Lungen nach Eröffnung des gesunden Brustfells, auszuschalten. Seitdem

sind Verwundungen und Erkrankungen des Herzens und der von ihm

ausgehenden großen Gefäße, große Geschwülste am Brustkorbe, deren

Beseitigung nicht ohne Eröffnung des Brustfellraumes geschehen kann,

Lungenabszesse, Neubildungen und Hülsenwürmer der Lunge, selbst die auf

einen Lappen oder gar die auf einen Lungenflügel beschränkte Tuberkulose

(_Friedrich_) mit immer steigendem Erfolge operativen Eingriffen

unterzogen worden. Auch die von _Vinzenz Czerny_ auf Grund

vorausgeschickter Tierversuche im Jahre 1877 zuerst mit glücklichem

Erfolge am Menschen geübte Resektion der Speiseröhre erhielt damit einen

neuen Anstoß zu befriedigender Entwicklung, die heutigentags durch kühne

plastische Operationen an der Speiseröhre (v. _Hacker_) eine besondere

Förderung erfahren hat. --

* * * * *

Die wechselseitigen Beziehungen zwischen innerer Medizin und Chirurgie,

die sich seit dem Beginne der _Lister_schen Wundbehandlung angebahnt und

nach beiden Seiten zu großartigen Erfolgen geführt hatten, zeigen sich

im glänzendsten Lichte in der Entwicklung der Krankheiten des

Zentralnervensystems, wie des Nervensystems überhaupt. Sie haben erst

den Aufbau einer _Nervenchirurgie_ möglich gemacht, die an Kühnheit und

Großartigkeit der Leistungen alle anderen Zweige der neueren Chirurgie

mindestens erreicht, sie vielfach sogar übertrifft.

Von einer _Chirurgie des Schädelinneren_, insbesondere des _Gehirns_,

kann, abgesehen von den so häufigen Kopfverletzungen, bei denen der

Wundarzt auch dem Gehirn näher zu treten gezwungen war, bis zum Anfange

des neunten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts kaum gesprochen werden.

Immerhin hatte aber die antiseptische Wundbehandlung die Wirkung gehabt,

daß die uralte Operation der Trepanation, im Laufe der Jahrhunderte

zeitweilig übertrieben, dann wieder fast vergessen oder wenigstens mit

berechtigtem Mißtrauen angesehen, von neuem aufgenommen wurde und bald

genug ihre Schrecken vollkommen verlor. Die unbegrenzte Zugängigkeit zum

Gehirn wurde aber erst im Jahre 1889 geschaffen, als der hochbegabte

Hesse _Wilhelm Wagner_, damals Chirurg in Königshütte (Oberschlesien),

seine temporäre Resektion des Schädeldaches veröffentlichte. Sie war

durch Versuche an Tieren, wie sie lange zuvor _Julius Wolff_ in Berlin

anstellte, vorbereitet worden, ohne daß _Wagner_ davon Kenntnis hatte.

Der erste Anstoß zur Erweiterung der Gehirnchirurgie erfolgte aber schon

früher und zwar von medizinischer Seite. _Fritsch_ und _Hitzig_ schufen

im Jahre 1870 die Lokalisationslehre der Hirnrinde und im Anschluß an

sie erörterte _Karl Wernicke_, damals Privatdozent für Neuropathologie

in Berlin, 1881 zum erstenmal die Möglichkeit, eine Neubildung des

Gehirns durch operativen Eingriff zu beseitigen. Die erste

Verwirklichung dieses Gedankens aber geschah durch die Engländer

_Bennet_ und _Godlee_ (1885), allerdings mit unglücklichem Ausgange. Mit

besserem Erfolge nahm _Victor Horsley_ in London die Operation wieder

auf und wußte ihr in kurzer Zeit allgemeine Anerkennung zu verschaffen.

In Deutschland war zwar der Aufschwung etwas langsamer, entwickelte sich

aber unter _Hugo Oppenheims_ Gehirnforschungen und _Ernst

v. Bergmanns_ tatkräftigem Eintreten für die Gehirnchirurgie schon im

letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu hoher Blüte. In neuester Zeit

ist sie am nachhaltigsten durch _Fedor Krause_ gefördert worden, der in

seiner »Chirurgie des Gehirns und Rückenmarks«, sowie in seinem

Lehrbuche der chirurgischen Operationen 1914 eine ausgezeichnete

Darstellung der chirurgischen Gehirnerkrankungen und der durch sie nötig

werdenden Eingriffe am Gehirn gegeben hat. Er ist auch der Schöpfer

einer zuverlässigen Methode zur Ausrottung des _Gasser_schen

Nervenknotens bei schweren Neuralgien im Gebiete des Nervus trigeminus

geworden. _Lothar Heidenhains_ Umstechungsmethode der Kopfhaut hat, in

Verbindung mit H. _Brauns_ Suprarenin, den Blutverlust bei Schädel- und

Gehirnoperationen wirksam zu beschränken gewußt. Unter den besten

Förderern der Gehirnchirurgie müssen aber auch R. U. _Krönlein_ in

Zürich und _Theodor Kocher_ in Bern genannt werden.

Etwas später erfolgte die Entwicklung der _Chirurgie des Rückenmarkes_.

Auch hier kam der erste Anstoß von einem inneren Mediziner, indem _Ernst

Leyden_, damals in Straßburg, schon im Jahre 1874 die am Rückenmarke

auftretenden Geschwülste den Chirurgen zu überweisen empfahl. Der erste

Wundarzt, welcher auf den Plan trat, war wiederum der Engländer

_Horsley_, der im Vereine mit _Gowers_ im Jahre 1887 die erste

erfolgreiche Ausrottung einer das Rückenmark beengenden Geschwulst der

harten Rückenmarkshaut unternahm. Die hierzu nötige Voroperation, die

Resektion einiger Wirbelbögen oder die Laminektomie, wie sie mit einem

erbärmlich gebildeten Worte bezeichnet zu werden pflegt, gab auch für

andere Krankheiten im Bereiche der Wirbelsäule und ihres Inhaltes dem

Chirurgen eine wirksame Waffe in die Hand, mit der er in immer

steigendem Maße Erfolge zu erzielen verstanden hat.

Früher als mit dem Zentralnervensysteme hat sich die Chirurgie mit den

Erkrankungen der peripheren Nerven abgegeben. Indessen neben den

erwähnten Großtaten erscheinen die Arbeiten in diesem Gebiete doch nur

als Kleinwerk, obwohl auch hier mancher fruchtbare Gedanke in die Tat

umgesetzt worden ist.

* * * * *

Zu den chirurgischen Großtaten der letzten Jahrzehnte ist auch der

Ausbau der Pathologie und Behandlung der _Schild-_ und _Thymusdrüse_ zu

rechnen, um so mehr, als bei ihnen die Kenntnis der Physiologie dieser

Organe ursprünglich fast vollkommen versagte. Die Chirurgie hat hier die

doppelte Aufgabe übernommen, nicht nur diese Lücke auszufüllen, sondern

auch die an jenen Drüsen ohne Ausführungsgang auftretenden Erkrankungen

mehr oder weniger unschädlich zu machen; sie ist in erstgenannter

Aufgabe von Physiologen und inneren Medizinern aufs kräftigste

unterstützt worden.

Unter dem Namen Kropf, Struma, hat man schon seit dem Altertum sehr

verschiedenartige Schwellungen der Schilddrüse zusammengefaßt, die teils

durch Druck auf die Luftröhre Gesundheit und Leben gefährden, teils das

Äußere des Trägers als unangenehmer Schönheitsfehler beeinträchtigen.

Beide Gründe haben bereits im 18. Jahrhundert das Messer des Chirurgen

in Bewegung gesetzt; allein infolge der kaum zu beherrschenden Blutung

wirkten doch diese Operationen so abschreckend, daß sie fast hundert

Jahre lang nicht mehr vorgenommen worden sind. Erst _Rudolf Virchows_

ausgezeichnete Besprechung der pathologischen Anatomie der

Schilddrüsengeschwülste vom Jahre 1863 (Krankhafte Geschwülste, III) hat

den Chirurgen wieder Mut gemacht, sich mit der Behandlung der Kröpfe

abzugeben, zunächst freilich nur mit Operationen, wie Eröffnung

oberflächlich gelegener Zysten, Jodeinspritzungen in die Geschwulst,

Gefäßunterbindungen, welche heute als überwunden zu betrachten sind.

Dafür hat man sich mit der Einführung der Antisepsis im achten Jahrzehnt

an die Ausrottung der ganzen, oder eines Teiles der Drüse, oder

einzelner Knoten herangemacht; und mit der damit herbeigeführten

Gelegenheit zu Untersuchungen frischer Kröpfe wuchs auch die bessere

Kenntnis der physiologischen und pathologischen Vorgänge. _Anton

Wölfler_, damals Assistent an _Billroths_ Klinik in Wien, förderte seit

1878 die Kenntnis vom Bau und der Entwicklung der Schilddrüse und

stellte ein System der in der Drüse vorkommenden Geschwulstbildungen

auf, welches im wesentlichen noch heute unseren Kenntnissen als

Grundlage dient. Ein anderer Schüler _Billroths_, _Anton_ Freiherr

v. _Eiselsberg_, hat sich in neuester Zeit ganz besonders um die

Physiologie und Pathologie der Schilddrüse verdient gemacht. Die

Hauptergebnisse der von allen Seiten in Angriff genommenen Forschungen

sind folgende: die Kenntnis der Ausfallserscheinungen bei Verlust der

ganzen Schilddrüse (Cachexia strumipriva) nach J. _Reverdin_ in Genf und

_Theodor Kocher_ in Bern; die damit in Zusammenhang stehende Jod- und

Organotherapie; die Kenntnis der Nebenkröpfe und der Nebenschilddrüsen,

sowie der mit ihrem Ausfall verknüpften Tetanie; die Aufklärung der

physiologischen Bedeutung der Drüse, sowie des Myxödems und des

Kretinismus; endlich die bessere Kenntnis der Entstehungsursachen der

Krankheit. In letztgenannter Beziehung bleibt allerdings noch am meisten

zu wünschen übrig. -- Inzwischen hat auch die Technik eine so vollkommene

Entwicklung erfahren, daß die Kropfoperationen nahezu ungefährlich

geworden sind und einen überaus häufig geübten Eingriff darstellen.

Die Fortschritte auf dem Gebiete der Schilddrüsenerkrankungen knüpfen

sich, außer den schon genannten, an die Namen: _Albert Lücke_

(Straßburg), _Edmund Rose_ (Berlin) und _August Socin_ (Basel). Aber

auch zahlreiche andere Schriftsteller haben höchst dankenswerte

Anregungen gegeben.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 14 / 16 段