Der Erreger der Gonorrhoe, der Gonokokkus, wurde 1879 von _Albert

Neißer_ in Breslau, der Erreger des weichen Schankers, der

Streptobacillus ulceris mollis, 1889 von dem Franzosen _Ducrey_ und

etwas später, aber unabhängig von diesem, von den Deutschen _Krefting_

und _Unna_ entdeckt. Die Feststellung der Entstehungsart dieser Leiden

hat deren Behandlung wesentlich wirksamer und sachgemäßer gemacht, als

dies jemals vorher der Fall gewesen war, zugleich aber auch der seit

Jahrhunderten dauernden Verwirrung über Wesen und Zusammengehörigkeit

der Geschlechtskrankheiten glücklich ein Ende gemacht.

* * * * *

Eine für die Chirurgie ungemein wichtige Krankheit, die durch

Einwanderung der Zwischenform einer Bandwurmart, der Taenia

echinococcus, in den menschlichen Körper hervorgerufene

_Echinokokkenkrankheit_ hat in den letzten Jahrzehnten eine nachhaltige

und wirksame Bekämpfung gefunden. Seitdem durch den Berliner _Peter

Simon Pallas_ im Jahre 1760 die schon dem Altertume bekannten großen

Blasen bei Ochsen und Schafen als tierische Schmarotzer erkannt, und von

_Bremser_ in Wien 1821 auch beim Menschen bestätigt worden waren, haben

sich zahlreiche, vorwiegend deutsche Forscher, unter denen

_Küchenmeister_, _Heller_ und _Leuckart_ zu nennen sind, mit der

Aufklärung des Lebensganges des Hülsenwurmes, eine große Anzahl von

Ärzten mit der klinischen Seite des Leidens beschäftigt. Die Behandlung

blieb aber höchst unvollkommen, selbst nachdem in den sechziger Jahren

des vorigen Jahrhunderts die operative Bekämpfung des Wurmleidens ihren

Anfang genommen hatte. Erst die Antisepsis schuf auch hier Wandel, so

daß ohne große Gefahren die operative Beseitigung der Blasen fast an

allen Körperteilen hat in Angriff genommen werden können. Zu den

erfolgreichsten Schriftstellern auf diesem Gebiete gehört _Otto

Madelung_, 1885. Seitdem zählt die Ausräumung der gefährlichen

Wurmhülsen zu den dankbarsten Aufgaben des Wundarztes.

* * * * *

Die bisher besprochenen Verwundungs- und Erkrankungsgruppen haben das

Gemeinsame, daß bei ihnen der Nachweis der letzten Ursachen der Leiden

zu einer höchst erfolgreichen, den Entstehungsbedingungen angepaßten

Abänderung der Behandlungsweise geführt hat. Anders liegt die Sache mit

einer letzten, höchst bedeutungsvollen Sippe pathologischer

Veränderungen, den _bösartigen Neubildungen_, unter denen die _Krebse_

und _Sarkome_ wegen ihrer verhängnisvollen Einwirkung auf den

menschlichen Körper an Wichtigkeit allen übrigen voranstehen.

Schon seit dem Beginne bakteriologischer und tierisch-parasitärer

Forschungen hat sich immer von neuem der Gedanke aufgedrängt, daß die

Ursache des Krebses in der Einwanderung pflanzlicher oder tierischer

Schmarotzer in den Körper gesucht werden müsse. Indessen darf heute

gesagt werden, daß diese Vorstellungen fast vollkommen Schiffbruch

erlitten haben, indem alle Anstrengungen, ihre Wirklichkeit zu beweisen,

gänzlich ergebnislos gewesen sind. So ist denn bis zum heutigen Tage,

obwohl die pathologische Anatomie alles getan hat, um den feineren

Aufbau, die Wachstumsverhältnisse und die biologischen Eigenschaften der

bösartigen Neubildungen bis auf die letzte Einzelheit zu klären, das

eigentliche Wesen des Krebses, soweit seine Entstehung in Frage kommt,

noch fast so unbekannt, wie vor 2000 Jahren, als man ihn als einen dem

Körper fremden Parasiten ansah. Gemeinsam ist in den Anschauungen der

neuesten Zeit nur die Betrachtung des Krebses vom ätiologischen

Standpunkte aus; aber darüber hinaus scheiden sich die Wege mit voller

Entschiedenheit. Man braucht nur die Auffassungen zweier Forscher, wie

_Ribbert_ und v. _Hansemann_, miteinander zu vergleichen, um darüber

nicht im Zweifel zu bleiben.

Selbstverständlich kann an dieser Stelle auf die schwebenden

Streitfragen nicht eingegangen werden. Es genüge daher zu bemerken, daß

die Behandlung bösartiger Geschwülste davon bisher keinen

bemerkenswerten Nutzen gezogen hat. Aus eigener praktischer Erfahrung

heraus waren die Chirurgen schon seit Jahrzehnten zu dem Schluß

gekommen, daß eine möglichst frühzeitige und möglichst ausgedehnte

Ausschälung der wachsenden Geschwulst, wie sie insbesondere durch die

schöne Arbeit _Lothar Heidenhains_ vom Jahre 1889 für den Brustkrebs

festgelegt worden ist, die sicherste und am meisten vor Rückfällen

schützende Behandlung darstelle. Diese Anschauung ist von der

pathologischen Anatomie in vollem Umfange bestätigt und von der

biologisch-therapeutischen Forschung nicht erschüttert worden. So ist

zurzeit noch alles Heil der von Krebs befallenen Unglücklichen an das

rechtzeitig und geschickt geführte Messer gebunden; und die damit

erzielten Ergebnisse sind wahrlich beachtenswert genug, da selbst bei

einer so gefährlichen Form, wie dem Brustkrebse, 30-40 v. H.

Dauerheilungen durch sorgfältige statistische Untersuchungen und

Nachforschungen festgestellt wurden.

Dementsprechend kann vorläufig kein gewissenhafter Wundarzt die

Verantwortung übernehmen, einem Kranken mit beginnender bösartiger

Neubildung eine andere Behandlung als die der blutigen Operation zu

empfehlen; denn weder die Durchleuchtung, noch die Behandlung mit Radium

oder Mesothorium haben bisher verhältnismäßig gleich sichere Ergebnisse

geliefert wie das Messer. Auch die von _Ehrlich_ in den letzten Jahren

eingeleiteten Immunisierungsversuche haben vorläufig noch keine

verwertbaren Erfolge gezeitigt. Immerhin ist die Hoffnung nicht

ausgeschlossen, daß auf dem einen oder anderen dieser Wege der Schutz zu

haben sein wird, durch welchen dereinst eine der furchtbarsten Geißeln

des menschlichen Geschlechtes erfolgreich bekämpft werden kann.

_Fünfter Abschnitt._

Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.

Die Wandlung der Anschauungen, welche sich unter der sicheren Hut der

antiseptischen und aseptischen Wundbehandlung vollzog, hat auch zu einem

völligen Umsturz der Behandlung in den Organgruppen und den einzelnen

Organen geführt. Die Chirurgie trat einen Siegeszug an, der ohnegleichen

in ihrer langen Geschichte ist, der vor keinem Hindernis Halt machte und

eine große Anzahl von Krankheiten in ihren Bereich zog, an deren

Zugehörigkeit zur inneren Medizin bisher kaum ein leiser Zweifel sich

geltend gemacht hatte. So gibt es denn fast keinen Punkt mehr des

menschlichen Körpers, den nicht chirurgische Werkzeuge am lebenden

Menschen zu erreichen und unmittelbar oder mittelbar zu beeinflussen

versucht hätten; und auf diese Weise vollzog sich eine Verschiebung der

Örtlichkeit chirurgischer Erkrankungen, die der heutigen Chirurgie einen

von dem vor einem halben Jahrhundert eingenommenen Standpunkte gänzlich

verschiedenen Inhalt gegeben hat. Ihr Kennzeichen besteht darin, daß die

meisten Lehrfächer der praktischen Medizin einen mehr oder weniger

chirurgischen Anstrich bekommen haben.

Für die geschichtliche Besprechung können zwei Gruppen unterschieden

werden: Krankheiten von Organen und Organsystemen, welche man bereits

vor Einführung der Antisepsis sachgemäß zu behandeln begonnen hatte, bei

denen also nur ein Ausbau und eine Vervollkommnung in Frage kam; und

solche, bei denen chirurgische Einwirkungen erst durch die _Lister_sche

Behandlung möglich geworden sind. Sie bilden die glänzendste Seite der

neuen Entwicklung der Wundarzneikunst.

Kapitel XII.

Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugänglichen Organen.

Zur ersten Gruppe gehören die Bemühungen, angeborene oder erworbene

Mängel der äußeren Decken oder der Organe durch Einpflanzung

entsprechender Gewebe der gleichen oder ähnlichen Art zu beseitigen, die

_plastischen Operationen_. Die ersten Versuche stammen schon aus dem

Altertume; doch hat die Lehre eine so wechselreiche Geschichte

durchzumachen gehabt, daß sie zeitweilig fast vollkommen vergessen war.

Erst im 19. Jahrhundert ist sie durch _Ferdinand v. Gräfe_ und _Johann

Friedrich Dieffenbach_ ganz erheblich gefördert worden und erhielt nach

Erfindung der Betäubungsmittel durch _Bernhard v. Langenbeck_ einen

neuen mächtigen Auftrieb, der unter dem Schutze der antiseptischen

Wundbehandlung sich dahin auswuchs, daß sie zu einem Gemeingut aller

Chirurgen geworden ist. Seitdem ist die operative Technik der

plastischen Operationen durch so viele neue Ideen bereichert worden, daß

ihre Leistungen weit über die Bemühungen früherer Zeiten sich erhoben

und auf vielen Gebieten großen und dauernden Nutzen gestiftet haben.

Die meisten neueren Chirurgen bezeichnen alle plastischen Operationen

ohne Ausnahme als Überpflanzungen, Transplantationen; nur einzelne

unterscheiden freie und gestielte Überpflanzungen. Andere haben sich

bemüht, die beiden Formen, in denen der Ersatz in die Erscheinung tritt,

schon durch das Hauptwort kenntlich zu machen. Nach diesem ohne Frage

zweckmäßigeren Verfahren heißt Überpflanzung (Transplantatio) nur eine

solche Operation, bei welcher ein _gestielter_ Lappen, aus der

Nachbarschaft oder aus weiterer Entfernung entnommen, auf eine neue

Wundfläche übertragen wird, um erst nach der Aufheilung, wenn überhaupt,

von seinem Mutterboden gänzlich abgeschnitten zu werden. Dagegen heißt

die Einpflanzung eines von seinem Mutterboden sofort vollkommen

losgelösten Lappens, des Pfropfstückes, auf eine andere Körperstelle

Pfropfung (Insitio), da dieser Vorgang mit der gleichnamigen Übertragung

abgeschnittener Reiser auf andere Bäume Verwandtschaft hat. Die

Überpflanzung ist das ältere Verfahren, welches schon durch

_Dieffenbach_ zu einer ziemlich hohen Vollendung gebracht worden ist. In

B. v. _Langenbecks_ Gaumennaht (Uranoplastik) hat es 1862 eine seiner

schönsten Früchte gezeitigt, da es nicht nur einen die Sprache schwer

beeinträchtigenden Fehler in vielen Fällen vollkommen zu beseitigen

erlaubt, sondern auch für die Heilung mancher ähnlicher Störungen

vorbildlich geworden ist. Überdies ist sie durch _Edmund Roses_

Erfindung der Operationen am hängenden Kopfe vom Jahre 1874 zahlreicher

Unannehmlichkeiten und Gefahren entkleidet worden. In neuerer Zeit hat

die Transplantation an den verschiedensten Körperteilen durch den im

Jahre 1902 verstorbenen _Karl Nicoladoni_ in Graz eine außerordentliche

Förderung erfahren. Als besonders fruchtbar erwies sich auch die

_Müller-König_sche Methode zum Ersatze von Schädeldefekten. An sie

schließen sich die osteoplastischen Aufmeißelungen eiternder Höhlen an,

wie sie _Küster_ für den Warzenfortsatz, die Stirnhöhle und die von

Osteomyelitis befallenen Markhöhlen der langen Röhrenknochen empfohlen

hat.

Wesentlich jünger ist die Pfropfung völlig getrennter Hautstücke, welche

auf Grund einer aus Indien stammenden Anregung für den Nasenersatz zum

ersten Male von dem Anatomen und Chirurgen _Bünger_ in Marburg im Jahre

1818 am lebenden Menschen und mit teilweisem Erfolge versucht wurde.

Die wertvollste Fortbildung erhielt die Methode, als _Jaques Reverdin_

in Genf im Jahre 1869 mit seiner Epidermispfropfung (Greffe épidermique)

hervortrat, die von _Karl Thiersch_ mit Hilfe der inzwischen

ausgebildeten antiseptischen Behandlung im Jahre 1886 zu einer erheblich

brauchbareren _Haut_pfropfung umgeformt wurde, welche es erlaubte

umfangreiche Hautverluste durch eine größere Anzahl von fettlosen

Hautstreifen schnell zu heilen. Daneben hatte _Thiersch_ sich schon 1874

mit der Aufpflanzung großer Hautstücke beschäftigt, welche von

J. R. _Wolfe_ ein Jahr später als eine neue Methode der Plastik

beschrieben worden ist. Sie ist seit 1893 durch _Fedor Krause_ vielfach

verbessert und in hervorragendem Maße gefördert worden. Auch sind

erfolgreiche Versuche angestellt, nicht nur stundenlang vom Körper

getrennte und in Kochsalzlösung aufbewahrte größere Hautstücke, sondern

auch ganz oder fast ganz abgelöste Körperteile sofort wieder zur

Anheilung zu bringen. In neuester Zeit hat die Pfropfung von

Knochenteilen, Elfenbein, Zelluloid in Knochendefekte eine besonders

große Ausdehnung gewonnen.

Beide Gruppen der Plastik haben für den Ersatz von Gesichtsdefekten,

insbesondere für die Wiederherstellung verloren gegangener Nasen eine

immer wachsende Bedeutung bekommen; die Verschönerung des menschlichen

Antlitzes hat sich fast zu einer besonderen Kunst entwickelt, für deren

Ausübung sogar Spezialisten auf den Plan getreten sind. --

* * * * *

Alt wie die Plastik sind auch die _Eingriffe an großen Gefäßen_, teils

zur Blutstillung, teils zur Beseitigung gewisser Erkrankungen,

insbesondere der Aneurysmen. An die großen Venenstämme hat man sich

freilich in älterer Zeit nicht leicht herangewagt, da man mit Recht die

von dem Unterbindungsfaden ausgehende Eiterung und die Fortschwemmung

des verunreinigten Blutpflockes fürchtete. Ist man doch in dieser Furcht

so weit gegangen, bei zufälligen Verletzungen großer Venen nicht diese,

sondern die daneben liegende Hauptschlagader des Gliedes behufs

Blutstillung zu unterbinden, also einen damals noch recht gefährlichen

Eingriff zur Bekämpfung einer kaum größeren Gefahr zu setzen

(v. _Langenbeck_, 1861). Die antiseptische und aseptische Wundbehandlung

hat diese Furcht verscheucht. Man scheut sich nicht mehr, die großen

Venenlichtungen in Amputationswunden zu unterbinden, man ist von der

zeitweiligen Abklemmung seitlicher Venenwunden (E. _Küster_, 1873) zur

seitlichen Venenunterbindung (_Schede_, 1882) und zur seitlichen

Venennaht übergegangen, man öffnet die Venen seitlich, um sie behufs

Wegschaffung septischer Gerinnsel auf längere Strecken zu durchspülen

(E. _Küster_) oder Neubildungsthromben aus ihnen herauszuziehen

(v. _Zöge-Manteuffel_) und um sie nachträglich durch die Naht wiederum

zu schließen. Als der kühnste dieser Eingriffe an Gefäßen, welche

Venenblut führen, ist _Friedrich Trendelenburgs_ Eröffnung der Arteria

pulmonalis zur Beseitigung eines das Gefäß verschließenden Embolus vom

Jahre 1908 anzusehen.

Auch die Schlagaderversorgung zur Bekämpfung von Blutungen und

Aneurysmen hat durch die neue Wundbehandlung ein anderes Ansehen

bekommen. So bewundernswert die Kühnheit älterer Chirurgen erscheint,

welche ihre Unterbindungsfäden selbst an den tiefsten Abschnitt der

Bauchaorta und an die dem Herzen nahen großen Gefäßstämme herantrieben,

so wurde sie doch nur selten durch Erfolg belohnt, der meistens durch

Nachblutungen und Wundkrankheiten vereitelt worden ist. Die neue

Chirurgie kennt solche Gefahren kaum noch. Ohne Bedenken wird der

umschnürende Faden in der unmittelbaren Nachbarschaft eines stärkeren

Seitenastes angelegt; und in der seitlichen Naht der Schlagadern hat die

Wundarzneikunst ein Hilfsmittel gewonnen, um die Unterbindung in solchen

Fällen zu umgehen, in denen die schnelle Ausbildung eines

Kollateralkreislaufes nicht gesichert erscheint. Selbst die

Zusammenfügung völlig quer durchtrennter Arterienstücke hat schon

gewisse Erfolge aufzuweisen. Aber als die glänzendste Widerspiegelung

des mit Kühnheit gepaarten Wissens und Könnens deutscher Chirurgie ist

_Ludwig Rehns_ im Jahre 1897 kundgemachte und glücklich verlaufene

Herznaht nach Herzverwundung anzusehen, welche seitdem bereits eine

erhebliche Anzahl von Menschen, die dem sicheren Tode verfallen

schienen, dem Leben zurückzugeben vermocht hat. Hierher gehört auch

_Anton v. Eiselsbergs_ Naht der durch Stich verletzten Arteria

pulmonalis vom Jahre 1909.

* * * * *

Zu den ältesten Teilen der Chirurgie zählt die _Augenheilkunde_, deren

operative Technik schon im Altertume eine beachtenswerte Grundlage

erhalten hatte. Die enge Verknüpfung beider Lehren, welche in

Deutschland durch _August Gottlieb Richter_ angebahnt worden war, wurde

indessen gelöst, als mit der Errichtung eigener Professuren der

Augenheilkunde in Frankreich und Österreich deren selbständige

Entwicklung anerkannt und begünstigt worden war. In Deutschland geschah

dies erst mit _Albrecht v. Gräfes_ Ernennung zum außerordentlichen

Professor der Augenheilkunde an der Berliner Universität im Jahre 1857;

denn damit wurde die Trennung von der Chirurgie, mit der sie bisher in

einer Hand vereinigt gewesen war, endgültig vollzogen. Aber so sehr auch

v. _Gräfe_ und seine Nachfolger ihre Wissenschaft in allen übrigen

Fragen gefördert haben: der vollständige Ausbau der Technik und deren

Beherrschung ist der Ophthalmologie erst gekommen, seitdem Antisepsis

und Asepsis ihren schützenden Schild über den erkrankten Augen

hielten. --

Noch deutlicher tritt dies bei einer zweiten Tochterwissenschaft der

Chirurgie hervor. Die deutsche _Ohrenheilkunde_, welche auch für andere

Völker vorbildlich geworden ist, wurde seit 1855 durch _Anton Friedrich

Freiherrn v. Tröltsch_, der seit 1860 dies Lehrfach an der Universität

Würzburg vertrat, einer Erneuerung und Vervollkommnung zugeführt, bei

der nicht nur die physikalischen Untersuchungsmethoden sondern auch die

Anatomie und später die pathologische Anatomie als Hilfswissenschaften

herangezogen sind. Indessen der häufigsten und gefährlichsten Krankheit

des Ohres gegenüber, der eitrigen Entzündung des Mittelohres, der Höhle

des Warzenfortsatzes und dieses Knochenteiles selber, welche nicht nur

das Gehörorgan, sondern oft auch das Leben bedroht, blieben die

Bemühungen zunächst ziemlich machtlos. Denn auch die Wiederaufnahme

älterer Behandlungsmethoden, wie des Stiches durch das Trommelfell und

der operativen Eröffnung des Warzenfortsatzes, vermochte das Verhängnis

nur ausnahmsweise aufzuhalten, weil wenigstens die letztgenannte

Operation, die schon 1649 von dem französischen Anatomen _Jean Riolan_

vorgeschlagen wurde, bis dahin in ganz ungeeigneter Weise zur Ausführung

gekommen war. Selbst die von H. _Schwartze_ im Jahre 1873 angegebene

Trepanation des Warzenfortsatzes hat sich nicht dauernd zu behaupten

gewußt, da sie mit einem unzweckmäßigen Werkzeuge ausgeführt jede

Übersicht des Operationsfeldes und der Ausdehnung der Knochenerkrankung

vermissen läßt. Erst mit dem chirurgischen Grundsatze der breiten und

übersichtlichen Eröffnung des Warzenfortsatzes mittels Meißel und

Hammer, welchen im Jahre 1889 zuerst _Ernst Küster_ einführte, bald

darauf auch _Ernst v. Bergmann_ befürwortete, wurde eine

leistungsfähige Operationsmethode geschaffen, die später zwar mehrfache

Abänderungen erfuhr, aber in ihren Grundzügen doch unverändert blieb.

Da sie zweifellos den bei weitem häufigsten blutigen Eingriff in der

Ohrenheilkunde darstellt, so ist sie unter der fleißigen Arbeit der

Ohrenärzte zu einem hochbedeutsamen Hilfsmittel für die Erhaltung des

Gehörorganes geworden.

Die _Nasen-_, _Rachen-_ und _Kehlkopfkrankheiten_, die sich gleichfalls

zu einer sehr wichtigen Sonderwissenschaft entwickelt haben, verdanken

nicht minder ihren Aufschwung der Einführung der Antisepsis. Am

deutlichsten tritt dies bei den Kehlkopfkrankheiten hervor, die im Jahre

1857 von _Türck_ in Wien und bald darauf auch von _Czermak_ durch

Einführung des Kehlkopfspiegels erst einer sachgemäßen Beobachtung und

Behandlung zugeführt und durch _Viktor v. Bruns_ in Tübingen im Jahre

1862 mit der endolaryngealen Operationsmethode beschenkt, doch erst nach

Einführung der Antisepsis ihre volle Bedeutung für die chirurgische

Pathologie errangen. Denn auf Grund von Tierversuchen, welche sein

Assistent _Vinzenz Czerny_ im Jahre 1870 angestellt hatte, wagte

_Theodor Billroth_ 1873 die erste vollkommene Ausschälung des krebsig

erkrankten Kehlkopfes am lebenden Menschen und erzielte vollkommenen

Erfolg. Der Fall wurde auf dem III. Chirurgenkongreß von 1874 von _Karl

Gussenbauer_ besprochen und zugleich ein von ihm erdachter künstlicher

Kehlkopf vorgelegt, mit dem der seines Stimmorgans beraubte Mann laut,

wenn auch eintönig zu sprechen imstande war. Spätere Abänderungen dieses

Ersatzes, an denen sich _Paul Bruns_, _Julius Wolff_ u. a. beteiligten,

haben ihn bis zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, daß auch eine

beschränkte Modulation der Stimme möglich geworden ist.

Auch damit hat man sich nicht begnügt. Schon _Billroth_ nahm im Jahre

1878 nur den halben Kehlkopf fort und _Heine_ hatte bereits 1874 die

sogenannte Resektion des Stimmorgans in Vorschlag gebracht, um nur

wirklich kranke Teile zu beseitigen und die lästige Prothese überflüssig

zu machen. Um ihren Ausbau hat sich vor allen anderen _Eugen Hahn_ in

Berlin verdient gemacht. So ist es denn gelungen, die Sterblichkeit

stark herabzumindern, einen Ersatz überflüssig zu machen und selbst die

Stimme bis zu einem gewissen Grade zu erhalten[2]. Damit hat die

deutsche Kehlkopfchirurgie voraussichtlich den Gipfel ihrer

Leistungsfähigkeit erstiegen. Daß es ihr nicht vergönnt gewesen ist,

diese in dem Trauerspiele von 1887/88 zu erweisen, welches sich mit dem

Namen des Engländers _Mackenzie_, unseligen Angedenkens, verknüpft,

während wir uns mit Stolz unseres wackeren _Fritz v. Bramann_ erinnern

dürfen, der durch einen Luftröhrenschnitt unter den denkbar

schwierigsten Verhältnissen wenigstens die Erstickungsgefahr von dem

hohen Dulder, dem Kronprinzen des Deutschen Reiches, abzuwenden wußte,

wird noch heute jedem Vaterlandsfreunde das Herz schwer machen.

[2] Verfasser operierte 1881 und 1889 wegen bösartiger Neubildungen des

Kehlkopfes zwei Ärzte, deren Schicksale er weiterhin hat verfolgen

können. Dem ersten wurde der halbe Kehlkopf weggenommen. Er bekam eine

zwar rauhe, aber laute und meist tönende Stimme, die durchaus

verständlich war und ihn weder in der Unterhaltung, noch im Berufe

hinderte. Dem zweiten, der ein eben beginnendes Krebsgeschwür unter dem

linken Stimmbande hatte, wurde nur letzteres bis auf den Knorpel

umschnitten und ausgeschält. Einige Jahre später stellte er sich mit

tönender Stimme vor, die ihm sogar zu singen erlaubte; das _Stimmband_

hatte eine Neubildung erfahren. Beide haben nie einen Ersatz getragen,

waren in ihrem Berufe lange Jahre tätig und sind noch heute am Leben.

Schließlich möge noch erwähnt sein, daß die durch _Gustav Killian_ seit

1902 eingeführte und zu hoher Vollendung gebrachte Bronchoskopie, behufs

Beseitigung von Fremdkörpern aus den tiefen Luftwegen, eine

bewundernswerte Erweiterung der Technik auf dem Gebiete der Krankheiten

der Atemorgane darstellt.

Die _Gynäkologie_ hat gleichfalls ihre eigenen Wege eingeschlagen; aber

auch bei ihr beginnt ein höherer Flug erst von dem Augenblick an, in

welchem sie ein chirurgisches Gewand anlegte. Das geschah freilich schon

längere Zeit vor dem Beginne der neuen Wundbehandlung; und diese Wendung

ist nicht auf deutschem Boden zustande gekommen, sondern dem

angelsächsischen Geiste zu danken.

Es war in einem einfachen Holzhause eines Städtchens im Staate Kentucky,

wo der in England vorgebildete amerikanische Arzt _MacDowell_ im Jahre

1809 zum erstenmal die Operation der Oophorektomie an einer Negerin mit

Vorbedacht ausführte und vollen Erfolg erzielte. Sehr langsam

verbreitete sich die Operation in Amerika und weiterhin in England, wo

bis 1842 erst 10 glücklich verlaufene Fälle bekannt geworden waren.

Früher als dort wurde aber der Eingriff in Deutschland gewagt, so von

_Chrysmar_ in Isny (Württemberg) bis 1820 bereits 3mal. Ausschlaggebend

wurde indessen erst der chirurgisch ausgebildete Engländer _Spencer

Wells_, der, seit 1858 seine Laufbahn beginnend, schon zur Zeit des

Auftretens _Listers_ Hunderte von Operationen hinter sich hatte. Ihm ist

die schnelle Ausbreitung des Verfahrens mit dem Beginne der neuen

Wundbehandlung über alle Länder der Erde zu verdanken; sie ist ein

Gemeingut aller operierenden Frauenärzte geworden.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 12 / 16 段