Unter _Kochs_ und seiner Assistenten Leitung wurden nun sofort in

verschiedenen Krankenanstalten, auch in der Charité und in

v. _Bergmanns_ chirurgischer Klinik Prüfungen des Verfahrens am lebenden

Menschen vorgenommen, von denen genug in die Öffentlichkeit drang, um

die Erwartungen zur Siedehitze zu steigern. Auch fehlte es nicht an

begeisterten Lobpreisungen der Erfindung und des Erfinders seitens aller

an den Versuchen beteiligten Ärzte. So veranstaltete _Ernst

v. Bergmann_ am 16. November 1890 eine außerordentliche Sitzung der

Freien Vereinigung Berliner Chirurgen, um über die bisherigen

Beobachtungen Bericht zu erstatten und in Behandlung befindliche Kranke

vorzuführen. Von nah und fern waren die besten Vertreter der Medizin in

großer Zahl zusammengeströmt. »Seit den Zeiten des _Hippokrates_ und

_Galen_,« so sagte v. _Bergmann_ in seiner Einführungsrede, »war es

keinem gegeben, gleichzeitig die Erscheinungen der Krankheit und ihre

Ursachen zu erkennen, sowie ihre Heilung zu sichern. Es scheint, als ob

in _Robert Koch_ unserer Nation dies große Glück geschenkt worden sei.

Wäre irgend ein anderer aufgetreten mit der Nachricht, daß er ein

Heilmittel gegen die Tuberkulose gefunden habe, er würde bei uns kein

Glück gehabt haben.« Der also Gefeierte war allerdings allen Bemühungen

zum Trotz der Versammlung ferngeblieben; aber wenige Tage zuvor, am 13.

November, hatte er einen Aufsatz veröffentlicht: »Weitere Mitteilungen

über ein Heilmittel gegen Tuberkulose«, in welchem er seine bisher

gewonnenen Anschauungen niederlegte. Das Mittel (welches erst später den

Namen Tuberkulin erhielt) bleibt in seiner Zusammensetzung noch

unbesprochen. Fest stehe aber, daß es eine spezifische Wirkung auf

tuberkulöse Prozesse habe, welcher Art sie auch immer sein mögen; es

könne daher auch als diagnostisches Hilfsmittel für verborgene

tuberkulöse Herde dienen. Wichtiger sei seine Bedeutung als Heilmittel;

freilich töte es nicht die Tuberkelbazillen, sondern nur das tuberkulöse

Gewebe, welches demnach zwar absterben, aber dennoch Bazillen weiterhin

enthalten könne. Auf totes Gewebe, Käse, nekrotische Knochen wirke es

nicht mehr; demnach sei es Aufgabe des Chirurgen, das abgestorbene

Gewebe möglichst bald aus dem Körper zu entfernen. Da dies bei

Tuberkulose innerer Organe, zumal bei Lungenphthisis schwer erreichbar

sei, so könne letztere nur im Beginne mit Sicherheit geheilt werden. --

Übrigens werde die Flüssigkeit den Ärzten, welche Versuche machen

wollten, schon jetzt zur Verfügung gestellt.

Man wird sich später nur noch schwer eine Vorstellung davon machen

können, welch ein Taumel des Entzückens, welch ein jubelnder Aufschrei

der Wonne durch die ganze Ärztewelt ging; und nicht nur durch diese: die

gesamte Menschheit, soweit sie den Kulturvölkern angehörte, war wie in

einem Schwindel der Begeisterung gegenüber der nicht mehr bezweifelten

Annahme, daß der heimtückische, schlimmste Feind des Menschen, dem

alljährlich Hunderttausende nach entsetzlichem Siechtum zum Opfer

fielen, nunmehr niedergerungen, zu Boden gestreckt, vernichtet sei.

Hatte doch _Koch_ gesprochen, der Mann, der noch niemals eine Entdeckung

hinausgegeben hatte, ehe sie fest und unantastbar dastand. Gleich einem

wilden, vom Gewittersturme aufgepeitschten Bergstrome überflutete die

Erregtheit der öffentlichen Meinung alle Dämme, welche Vorsicht und

Besonnenheit aufzurichten versuchten. Hunderte von Heilanstalten für

Tuberkulöse erstanden über Nacht, die mit der Herstellung des Mittels

beauftragten Ärzte waren der Nachfrage auch nicht entfernt gewachsen,

die Glücklichen, denen es gelungen war, sich rechtzeitig eine

angemessene Menge der heilenden Flüssigkeit zu sichern, wurden von

allen Seiten bestürmt, angefleht, selbst beschimpft, wenn sie sich

weigerten, ein in seiner Zusammensetzung noch ganz unbekanntes Mittel

aus der Hand zu geben, ehe sie selber vorsichtige Versuche damit

angestellt hätten. Die medizinische, unterstützt von der politischen

Tagesliteratur brachte fast in jeder Nummer Aufsätze über die _Koch_sche

Behandlung, veranstaltete Sonderausgaben und steigerte die Aufregung. Um

die Jahreswende 1890/91 schien es zuweilen fast, als habe sich die Welt

unter der Einwirkung des Tuberkulins in ein Tollhaus verwandelt.

Der erste, aber sehr vernehmliche Halt wurde der Bewegung geboten, als

_Virchow_ am 7. Januar 1891 in der Berliner Medizinischen Gesellschaft

über die Wirkung des _Koch_schen Mittels sprach, soweit er sie an

Leichen von Menschen, die während des Lebens nach _Kochs_ Vorschriften

behandelt worden waren, bei der Leichenöffnung hatte feststellen können.

Zum erstenmal wurde hier der bestimmte Verdacht ausgesprochen, daß die

in den tuberkulösen Herden künstlich erzeugte Blutfülle und Erweichung

die in den Geweben lagernden Tuberkelbazillen freizumachen und ihre

Verschleppung in Nachbargewebe, selbst in weite Ferne, herbeizuführen

vermöge. -- Am 15. Januar erschien dann _Kochs_ dritte Äußerung, welche

mitteilte, daß der Stoff, mit welchem sein Heilverfahren geübt werde,

ein Glyzerinextrakt aus den Reinkulturen der Tuberkelbazillen sei. Im

übrigen hielt der Verfasser durchaus an seinem früheren Standpunkte fest

und wies vereinzelte Behauptungen, daß die Behandlung nicht nur

gefährlich werden, sondern geradezu schädlich sein könne, mit aller

Entschiedenheit ab. Demgemäß wurden die Versuche am Menschen in Kliniken

und Krankenhäusern ununterbrochen fortgesetzt.

Am 1. April 1891 wurde von dem Vorsitzenden _Karl Thiersch_ der XX.

Chirurgenkongreß in der Aula der Universität eröffnet, für dessen ersten

Tag _Ernst v. Bergmann_ einen »Einleitenden Vortrag zu der Besprechung

über die _Koch_sche Entdeckung« übernommen hatte. _Robert Koch_ war zu

dieser Sitzung eingeladen und hatte auf der ersten Sitzreihe, dem

Rednerpulte gegenüber, Platz genommen. In der ihm eigenen schwungvollen

Redeweise hob v. _Bergmann_ als das Neue und Überraschende der Methode

hervor, daß die Einverleibung des Mittels an entfernter Körperstelle

eine Entzündung erzeuge und zwar eine solche, die sich auf tuberkulös

erkrankte Gewebe beschränke. Für die Besprechung stellte er mehrere

Thesen auf, deren Bedeutung er selber eingehend erörterte. Man merkte

dem sehr gewandten Redner eine gewisse Befangenheit an, als er mit dem

Geständnis schloß, daß man noch nicht so weit gekommen sei, einen

wesentlichen und vollends den erhofften großen Gewinn für die Kranken

aus dem neuen Verfahren zu ziehen. Er endete seine Rede mit der Hoffnung

auf fleißige klinische Arbeit der Zukunft, die vielleicht anderes und

Besseres bringen werde als bisher.

Als zweiter Redner trat _Franz König_ auf, der hochgewachsene blonde

Hesse mit dem nur noch wenig behaarten Schädel und dem spitzen

Kinnbarte, ein ernster, aufrechter Mann, dessen Züge nur selten durch

ein Lächeln gemildert wurden, während er doch ein menschenfreundliches

Herz in der Brust trug; der immer nur die Wahrheit suchte und, falls er

sie gefunden zu haben glaubte, sie rückhaltslos, zuweilen mit einer

gewissen Herbheit, vertrat. Schon in seiner Göttinger Zeit hatte er

sich, neben _Richard v. Volkmann_, die größten Verdienste um die

Ausbildung der Lehre von der Tuberkulose der Knochen und Gelenke

erworben; er war also zweifellos zur Prüfung der aufgeworfenen Frage

ganz besonders berufen. Noch mehr aber durch seinen lauteren Charakter;

denn von Anfang an war er der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, zu

deren Mitbegründern er zählte, ein volles Menschenalter hindurch der

getreue Eckart, der scharf, klar und ohne Menschenfurcht jede

Unvollkommenheit geißelte, jede Überschwenglichkeit dämpfte. In seiner

ruhigen, geläufigen Redeweise gab er seine Meinung dahin ab, daß in

derselben Form, wie er früher einmal eine Ausbreitung der Tuberkulose

als Folge operativer Eingriffe beschrieben habe, das Tuberkulin

gelegentlich zur Verschleppung der Bazillen und zu deren Aussaat über

den ganzen Körper den Anlaß geben könne. Aber auch er wünschte dennoch

einen, wenn auch sehr vorsichtigen Weitergebrauch des Mittels, unter

gleichzeitiger Benutzung sowohl des Jodoforms, wie der Operation. Von

ihm fiel der von vielen Zuhörern im stillen bestätigte Ausspruch, das

Aussehen seiner Klinik sei im Laufe des letzten Winters so gewesen, daß

er Gewissensbisse gehabt und sich vor fremden Menschen, denen er die

Klinik zeigen sollte, geschämt habe. Weiterhin sprachen noch _Schede_

(Hamburg), _Lauenstein_, v. _Eiselsberg_ und _Küster_, von denen keiner

für die unbedingte Fortsetzung der Versuche sich einlegte; sogar die

Sicherheit des diagnostischen Wertes des Tuberkulins fand Anzweiflung,

und _Kochs_ Angabe, daß letzteres die die Bazillen einhüllenden Gewebe

zum Absterben bringe, konnte auf Grund eingehender Untersuchungen von

_Schimmelbusch_ und _Karg_ nicht einmal für den eigentlichen Tuberkel

bestätigt werden. Nur die örtliche Blutfülle und Reizung wurde

anerkannt. -- Immerhin war die Gesellschaft auf Vorschlag des

Präsidenten damit einverstanden, daß die weitere Besprechung des

Gegenstandes auf den nächstjährigen Kongreß verschoben würde.

Während in dieser Weise die Beobachtung am Krankenbette durch den Mund

ihrer Vertreter, selbstverständlich immer unter ausgesprochener

Huldigung seines Genius, gegen _Kochs_ Entdeckung und ihre Deutung die

wuchtigsten Keulenschläge richtete, saß ihr Urheber bleich und wortlos,

mit versteintem Gesichte, über welches nur hier und da ein Schatten, ein

leichtes Zucken der Lippen flog, den Rednern gegenüber. Sah er doch in

der fast einmütigen, wenn auch sehr zurückhaltenden Verurteilung seiner

Methode durch die Vertreter der deutschen Chirurgie das Ergebnis langer

mühsamer Forschung, wenn nicht vernichtet, so doch aufs äußerste

gefährdet und ins Wanken gebracht. Und doch waren die Geschehnisse dem

bisherigen und auch späteren Vorgehen _Kochs_ so wenig entsprechend, daß

man sich fragen muß, wie es möglich war, daß der überragende Geist, der

bisher die großartigsten Geschenke an seine Wissenschaft und an die

Menschheit erst herausgegeben hatte, nachdem jede, auch die entfernteste

Möglichkeit einer anderen Deutung auf das Sorgfältigste erwogen und

entweder abgetan oder richtig erklärt worden war, der also nur völlig

reife und unantastbare Ergebnisse veröffentlicht hatte, in dieser so

überaus wichtigen Frage mit einem unreifen, nicht abgeschlossenen

Erzeugnis vor die ärztliche Welt getreten war. Die Erklärung liegt

darin, daß Menschliches, Allzumenschliches sich in die stille Werkstatt

des Gelehrten eingedrängt und seine Zirkel gestört hatte.

_Koch_ selber hat dies mit den Worten angedeutet, es sei zu viel von

seinen Untersuchungen durchgesickert, als daß sich die Veröffentlichung

habe aufschieben lassen. Nun stand im Sommer 1890 der Internationale

medizinische Kongreß bevor, der zum erstenmal in der Hauptstadt des

geeinigten Deutschen Reiches tagen sollte; da war es begreiflich, daß

alle Beteiligten den brennenden Wunsch hatten, diese Zusammenkunft der

medizinischen Gelehrsamkeit der ganzen Erde recht glänzend zu gestalten.

Als daher der damalige Kultusminister v. _Goßler_, ein Mann von hoher

Intelligenz und von ungewöhnlichem Verständnis für die Aufgaben

naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung, durch v. _Bergmann_

über _Kochs_ Untersuchungen unterrichtet wurde, da erwuchs in beiden

Männern der Gedanke, durch eine einleitende Rede des Forschers, die der

Welt eine neue großartige Entdeckung bringe, den Verhandlungen der

gelehrten Vereinigung einen besonders glanzvollen Auftakt zu geben.

_Koch_ weigerte sich zunächst mit aller Entschiedenheit, eine in

keiner Weise abgeschlossene Untersuchung, welche dennoch die

leidenschaftlichsten Erwartungen wachzurufen geeignet war, bereits in

die Öffentlichkeit zu tragen; allein den immer stürmischer werdenden

Überredungskünsten von beiden Seiten hat er auf die Dauer nicht

widerstehen können. So ist es denn geschehen, daß in seinem Systeme

nicht nur der Schlußstein, die Prüfung am menschlichen Körper, fehlte,

sondern daß an den Tieren, welche er durch Tuberkulin geheilt zu haben

glaubte, niemals Sektionen vorgenommen worden sind[1]. Diese Versäumnis,

diese bedauernswerte Übereilung hat er mit einem Ikarischen Fluge und

Sturze zu bezahlen gehabt, der zwar dem Andenken des unvergleichlichen

Forschers kaum einen Eintrag zu tun vermag, der aber doch, wie heute

zugestanden werden muß, unzähligen Menschen die Gesundheit zerstört und

ein frühes Ende bereitet hat. Das tragische Schicksal dieser an sich so

großartigen Erfindung bleibt für alle Zeiten eine ergreifende Warnung,

wenn auch nicht leicht wieder so viele ungünstige Umstände

zusammentreffen werden, um einen Genius gleich _Robert Koch_ zu Falle zu

bringen.

[1] _Buchholtz_, Ernst v. Bergmann. Leipzig 1911. -- Die Angaben über

die Ereignisse, wie sie oben geschildert worden sind, beruhen zum Teil

auf mündlichen Mitteilungen v. Bergmanns an den Verfasser.

Das weitere Schicksal des Tuberkulins ist schnell erzählt. Der Kongreß

von 1892 brachte nicht etwa eine Wiederaufnahme der Besprechung des

Vorjahres, sondern an bescheidener Stelle, am Nachmittage des zweiten

Sitzungstages einen Vortrag _Franz Königs_: »Die moderne Behandlung der

Gelenktuberkulose«. Er enthält zunächst das Eingeständnis, daß eine

ideale Heilung, d. h. eine Beseitigung aller Äußerungen der Krankheit an

den Gelenken, wie an anderen Organen nicht erzielt werden könne und

deshalb zu übergehen sei. »Weder bei den medikamentösen, noch bei den

Impfversuchen (Tuberkulin) ist bis jetzt etwas herausgekommen. So sehr

sie eine Zeitlang die Menschheit aufgeregt haben, sie müssen als

Zukunftsmusik bezeichnet werden.« Demnach sei die Gelenktuberkulose nach

wie vor örtlich zu behandeln und zwar in dreifacher Weise: durch

Absetzung der Glieder oder Ausschneidung der Gelenke, durch subkutane

Einspritzung von Arzneistoffen (Jodoform); endlich durch

funktionell-physikalische Einwirkung auf die Glieder. Die erstgenannte

Gruppe, die Behandlung durch das Messer, sei nach Möglichkeit

einzuschränken, aber keineswegs zu entbehren. -- Die nachfolgenden

Redner sprachen sich in ähnlicher Weise aus; so sagte v. _Bergmann_,

durch die Einführung der Jodoformeinspritzung sei wirklich mehr

geschaffen, als durch das, was _Koch_, _Liebreich_, _Schüller_ u. a. vom

Blute aus auf die kranken Gelenke hätten bewirken wollen. -- Die Sitzung

wurde weiterhin dadurch denkwürdig, daß _August Bier_ (Kiel) sein neues

Verfahren einer konservativen Behandlung der Gelenktuberkulose durch

Stauung vortrug.

So war denn für die Chirurgie das Tuberkulin vollständig abgetan und ist

wenigstens als Heilmittel abgetan geblieben. Die dauernd fortgesetzten

Versuche, die _Koch_schen Gedanken trotz allem auf anderen Wegen für die

Menschheit nutzbar zu machen, können daher unser Interesse nur in sehr

beschränktem Maße in Anspruch nehmen, da sie zur Chirurgie nie mehr

ernstere Beziehungen gewonnen haben. Ob die in neuester Zeit wiederholt

angestellten Versuche, die biologisch andersartigen Tuberkelbazillen

niederer Tierarten zur Herstellung eines Heilmittels für den Menschen zu

benutzen, greifbare Erfolge haben werden, läßt sich bisher noch nicht

mit Sicherheit übersehen. Durch den _Koch_schen Zusammenbruch sind die

Chirurgen zwar um eine glänzende Hoffnung ärmer, aber um eine belehrende

Erfahrung reicher geworden.

Die Chirurgie ist zu der Behandlung, welche _König_ im Jahre 1892

umrissen und _Bier_ ergänzt hatte, zurückgekehrt und dabei geblieben.

Man ist bescheidener in seinen Erwartungen geworden, man weiß, daß nicht

alle Fälle heilbar und daß die anscheinend Geheilten vor früheren oder

späteren Rückfällen nicht sicher sind; aber gegenüber dem traurigen Lose

tuberkulöser Menschen in früheren Zeiten haben Antisepsis und Asepsis,

Jodoform, physikalische Behandlung und Stauung Ergebnisse erzielt, durch

welche das Schicksal der von Knochen- und Gelenktuberkulose Befallenen

denn doch eine ganz erhebliche und sehr erfreuliche Milderung erfahren

hat.

* * * * *

Durch das ganze 17. und 18. Jahrhundert ziehen sich in allen

Kulturländern der Erde und selbst bei rohen Völkern Versuche, die darauf

abzielen die Übertragung der Kuhpocken zu einem Heilmittel gegen die

damals zu einer schlimmen Geißel des Menschengeschlechtes

herangewachsene Blatternkrankheit zu machen. Sie fanden eine

Zusammenfassung und Fortentwicklung zu einer geschlossenen Heilmethode

seit dem Jahre 1798 durch den Engländer _Edward Jenner_, der sie

erfolgreich in die medizinische Praxis einzuführen wußte. Die _Koch_sche

Tuberkulinbehandlung beruht auf dem gleichen, wenn auch geläuterten

Grundsatze der Einführung eines für den Menschen unschädlicheren Giftes

in den Kreislauf, um damit einer gefährlichen Krankheit vorzubeugen,

oder sie nachhaltig zu bekämpfen. Wenn aber auch die von _Koch_ gewählte

Form sich nicht bewährt hat, so ist doch der zugrunde liegende Gedanke

so zwingend, daß die Versuche, ihn für solche ansteckende Krankheiten,

deren Erreger entdeckt worden waren, zu verwerten, niemals aufgehört und

vielfach die schönsten Früchte hervorgebracht haben, freilich zum Teil

auf wesentlich anderen Wegen, als sie die Tuberkulinforschung betreten

hatte. Wie weit diese Bemühungen zur Erzielung einer wirksamen

_Blutserumtherapie_ auch der Chirurgie Nutzen und Förderung gebracht

haben, soll zunächst besprochen werden.

Der Bazillus der _Diphtherie_, jener furchtbaren Kinderkrankheit, der

bereits im Altertum zahllose Kinder umfangreicher Länderstrecken zum

Opfer gefallen waren, wurde von _Klebs_ schon vor 1883 mikroskopisch

gesehen, von _Löffler_ 1884 bakteriologisch festgestellt und eingehend

beschrieben. An diese Entdeckung knüpften sich seit 1891 _Emil Behrings_

Versuche einer Heilung diphtheriekranker Versuchstiere durch

Einverleibung des Serums immun gewordener Tierkörper, die er zuerst mit

_Erich Wernicke_ zusammen unternahm. Aus den ersten Versuchen über die

Anwendbarkeit einer solchen Serumbehandlung auf den Menschen ist das

v. _Behring_sche _Diphtherieheilserum_ hervorgegangen, welches eine der

großartigsten Entdeckungen aller Zeiten auf dem Gebiete der

Krankheitsheilungen darstellt. Auch die Chirurgie hat aus ihr ungeahnte

Vorteile gezogen; denn die schweren Fälle des schrecklichen Leidens,

welches seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum Hekatomben von

kindlichen Opfern forderte, waren dem Messer des Chirurgen

anheimgefallen, um den drohenden Erstickungstod durch einen

rechtzeitigen Luftröhrenschnitt zu bekämpfen. In der Tat gelang es auf

diese Weise, je nach der Schwere und den besonderen Eigentümlichkeiten

der verschiedenen Endemien, 25-50 v. H. der Operierten und selbst

darüber hinaus am Leben zu erhalten; aber in den siebziger und achtziger

Jahren schien die Bösartigkeit des Leidens und damit die allgemeine

Sterblichkeit sich noch immerfort zu steigern.

Diesen überaus traurigen und beängstigenden Zuständen hat _Emil

v. Behrings_ Diphtherieheilserum ein Ende gemacht. Freilich ist das neue

Heilmittel, da die ärztliche Welt kurz zuvor die große Enttäuschung mit

dem Tuberkulin erlebt hatte, ohne lebhaften Widerstand und heftige

Erörterungen nicht aufgenommen worden; auch hat der unausrottbare

Optimismus des menschlichen Geschlechtes, welches in jedem neuen

Heilmittel sofort ein _All_heilmittel zu erblicken sich anschickt,

manche Enttäuschung herbeigeführt. Trotzdem ist das v. _Behring_sche

Serum in wenigen Jahren zu einer starken und schneidigen Waffe gegen

eine der verderblichsten Krankheiten geworden. Die Erkrankungsziffer

ist, wahrscheinlich allerdings nicht ausschließlich unter dem Einflüsse

der Heilserumbehandlung, erheblich heruntergegangen, die schweren Fälle

mit ausgiebigen Zerstörungen der Weichteile sind fast verschwunden, weil

zurzeit fast jeder Erkrankungsfall von dem behandelnden Arzte schon im

ersten Beginn mit einer Einspritzung versehen wird, die allgemeine

Sterblichkeit ist stark gesunken und die der Operation unterworfenen

Fälle zeigen einen Verlust von höchstens noch 30 v. H., so daß die

Operationsstatistik seit jener Zeit sich um etwa 40 v. H. gebessert hat.

Krankenhäuser und Kliniken sind von der niederdrückenden Behandlung

diphtherischer Kinder erheblich entlastet worden und der Wundarzt sieht

die Erfolge seiner Operationen nicht mehr durch die langen Zahlenreihen

der Todesfälle nach Tracheotomien entstellt.

Noch einen zweiten großen und unvergeßlichen Dienst hat _Emil

v. Behring_ der leidenden Menschheit durch Erfindung seines _Heilserums

gegen Wundstarrkrampf_ geleistet. Zur Bekämpfung der Wirkungen des im

Jahre 1884 von _Nicolaier_ entdeckten und im Jahre 1889 von dem Japaner

_Kitasato_ in Reinkultur gezüchteten Tetanusbazillus stellte

v. _Behring_ im Jahre 1895 nach den gleichen Grundsätzen wie beim

Diphtherieheilserum ein Tetanusantitoxin dar, welches bei dieser zwar

nicht eben häufigen, aber um so furchtbareren Krankheit seitdem

allgemeine Anwendung gefunden hat. Wenn auch das Mittel in

vorgeschrittenen Fällen keineswegs imstande ist unter allen Umständen

den tödlichen Ausgang zu verhindern, so gewinnt es doch an Sicherheit,

je frühzeitiger die Einverleibung in das erkrankte Glied vorgenommen

wird und scheint bei der auf S. 14 bereits erwähnten prophylaktischen

Einspritzung einen fast vollkommenen Schutz gegen den Ausbruch der

Krankheit zu gewähren.

Die auf fast alle, durch bekannte Mikrobien hervorgerufenen Krankheiten

ausgedehnte Serumbehandlung kann hier nur so weit berührt werden, als

chirurgische Leiden in Betracht kommen. Für diese stehen im Vordergrunde

der Wichtigkeit die verschiedenen, in Deutschland, Frankreich und

anderen Ländern hergestellten _Streptokokkensera_ von etwas anderer

Zusammensetzung, als die vorgenannten. Indessen ist das ganze Verfahren

noch so wenig ausgebaut, daß von einer sicheren Heilwirkung noch nicht

gesprochen werden kann. Immerhin wird man schon jetzt sagen dürfen, daß

die Serumbehandlung, wie sie der Chirurgie schon bisher glänzende

Erfolge eingebracht hat, ihr auch für die Zukunft noch manche

beachtenswerte Förderung in Aussicht stellt.

Für einige, durch pflanzliche Schmarotzer hervorgerufene Krankheiten,

wie Lepra und Aktinomykose, deren Erreger, der Leprabazillus, im Jahre

1884 von dem Norweger _Armauer Hansen_ und der Strahlenpilz, zuerst von

_Bernhard Langenbeck_ gesehen, im Jahre 1877 von _Bollinger_ in München

genau beschrieben wurden, ist ein Heilmittel bisher noch nicht

aufgefunden worden, soweit nicht chirurgische Eingriffe möglich sind.

Eine besondere Stellung nimmt die _Syphilis_ ein, deren Erreger erst

nach langer, von zahlreichen Forschern aufgebotener Mühe _Schaudinn_ und

_Hoffmann_ im Jahre 1905 in einer Spirille, der Spirochaeta pallida,

entdeckten und damit ihre ätiologische Selbständigkeit gegenüber den

beiden anderen Geschlechtskrankheiten, dem weichen Schanker und dem

Tripper, feststellten. Wenn auch diese drei Leiden, wenigstens in ihren

ersten Anfängen, längst von der Chirurgie spezialistisch gesondert

worden sind, so haben sie doch in ihrem weiteren Verlaufe so viele

Berührungspunkte mit ihr, daß sie in einer Geschichte der Chirurgie

nicht übergangen werden dürfen. So ist es denn auch für diese von hoher

Bedeutung geworden, daß durch _Paul Ehrlichs_ chemotherapeutische

Untersuchungen ein zwar altes Mittel, das Arsen, aber in neuer Form als

Salvarsan (Ehrlich 606), d. h. ein organisches Arsenpräparat, in Form

von Einspritzungen in die Behandlung eingeführt wurde. Das Mittel hat

sich als außerordentlich wirksam, zugleich aber als gefährlich erwiesen,

indem es doch auch mehrfach Todesfälle veranlaßt zu haben scheint. Ob es

möglich sein wird, durch Abänderung des Verfahrens diese zu beseitigen,

oder wenigstens einzuschränken, ist gegenwärtig noch nicht zu

beurteilen; doch ist wenigstens an der Wirksamkeit des Mittels ein

Zweifel nicht mehr möglich.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 11 / 16 段