und durch Versuche nach Möglichkeit beantwortet worden. An solchen
Versuchen hat sich, außer den obengenannten Mitgliedern der Deutschen
Gesellschaft für Chirurgie, in ganz hervorragender Weise die
Militärmedizinalabteilung des preußischen Kriegsministeriums beteiligt,
welches allen Veränderungen der kriegsmäßigen Ausrüstung des Heeres die
größte Aufmerksamkeit zuwandte und durch sehr wertvolle
Veröffentlichungen die gewonnenen Erfahrungen zum Gemeingute der
Chirurgen machte. Auf den Chirurgenkongressen haben diese Fragen
wiederholt ihre Erörterung gefunden. Eine der wichtigsten Mitteilungen
ist die des Generalarztes _Schjerning_ vom XXX. Kongreß 1901.
Noch in anderer Weise wurde für die Vermehrung der kriegschirurgischen
Kenntnisse Sorge getragen und zwar durch _Verbesserung und Förderung der
Krankenpflege_. Sie hing mit den Bestrebungen zusammen, das Los der
Kriegsverwundeten auf dem Schlachtfelde und in den Kriegslazaretten
etwas freundlicher zu gestalten als es bisher der Fall gewesen war. Auf
Anregung eines von reinster Menschenliebe durchglühten Privatmannes
namens _Henry Dunant_ trat im Jahre 1863 in seiner Vaterstadt Genf ein
aus Mitgliedern verschiedener Völker gebildeter Ausschuß zur Beratung
über genannten Gegenstand zusammen, die am 22. August 1864 zum Abschluß
der sogenannten _Genfer Konvention_ führte. Durch sie verpflichteten
sich die Staaten gegenseitig, die Kriegsverwundeten, sowie die Ärzte und
das Pflegepersonal nicht mehr als Feinde zu behandeln, sondern ihnen
gleiche Pflege und Behandlung angedeihen zu lassen wie den Angehörigen
des eigenen Landes. Alle Staaten Europas sind im Laufe der Jahre der
Konvention beigetreten, auch die Türkei unter dem Namen des roten
Halbmondes, ferner der größere Teil der amerikanischen Staaten und
Japan. Im Jahre 1906 ist sie einer Neufassung unterzogen worden. -- Eine
weitere Förderung erhielt die Kriegskrankenpflege durch Gründung von
Vereinen, die sich ihre Entwicklung und Ausbildung im Kriege und im
Frieden zum Ziele setzten. So entstand im Kriege von 1864 (6. Febr.) das
Zentralkomitee des Preußischen Vereins zur Pflege verwundeter und
erkrankter Krieger, im Jahre 1866 unter der Führung der _Königin
Augusta_ die Immediatlazarettkommission und, mit Ausbruch des Krieges am
16. Juni 1866, der Berliner Frauenlazarettverein; endlich nach
Beendigung des Krieges am 11. November desselben Jahres der
Vaterländische Frauenverein. Auch die anderen deutschen Staaten blieben
in der Gründung ähnlicher menschenfreundlicher Vereine nicht zurück, so
daß ganz Deutschland in immer steigendem Maße mit Vereinen sich überzog,
deren Aufgabe es war, im Frieden wohltätige Einrichtungen aller Art zu
fördern und zugleich ein gutgeschultes Heer von Pflegekräften zu
erziehen die im Kriegsfalle sofort dem Heere zur Verfügung gestellt
werden können. Besonders wirksam ist diese Einrichtung erst dadurch
geworden, daß alle solche Vereine sich für den Krieg der
Militärmedizinalabteilung zur Verfügung gestellt haben, so daß von einer
Zentralstelle aus eine gleichmäßige Verteilung über die deutschen Heere
und eine schnelle Ausfüllung aller entstehenden Lücken vorgenommen
werden kann. So ist der ärztlichen Tätigkeit im Felde eine
unübertreffliche Hilfe zuteil geworden neben dem ausgebildeten
Sanitätspersonal, welches _Haase_ schon 1892 auf 45000 Köpfe berechnet
hat.
Aber auch die kriegsmäßige Ausbildung der Zivilärzte bildet eines der
Ziele dieser Vereine, die seit ihrer Gründung jeden nahen oder fernen
Krieg benutzt haben, um wohleingerichtete Kriegslazarette mit Ärzten und
Pflegepersonal den beiden kämpfenden Heeren zur Verfügung zu stellen.
Ihre Bestrebungen konnten auch seitens der Deutschen Gesellschaft für
Chirurgie gefördert werden, da diese nach _Bernhard v. Langenbecks_
Tode von dessen Nachkommen ein wertvolles Geldgeschenk erhielt, dessen
Zinsen dazu bestimmt waren, deutschen Ärzten im Falle eines Krieges, an
dem das Deutsche Reich unbeteiligt bliebe, Gelegenheit zu
kriegschirurgischen Erfahrungen und Studien zu geben. Zum ersten Male
ist dieser Grundstock im Mandschurischen Kriege in Anspruch genommen
worden, in welchem der preußische Oberstabsarzt _Schäfer_ auf russischer
Seite sehr wertvolle Beobachtungen anstellen und veröffentlichen konnte.
-- Vor allen Dingen aber war es die Militärmedizinalabteilung der
deutschen Heere, welche jede Gelegenheit zur Ausbildung in den Kriegen
der letzten Jahrzehnte durch Entsendung einzelner Militärärzte benutzt
hat. So ist die Genfer Konvention eine höchst erfolgreiche Handhabe zur
Förderung der Kriegschirurgie und zur Heranziehung eines Stabes
vorzüglicher Kriegschirurgen geworden.
Alles das würde indessen nicht ausreichend gewesen sein, um auf dem
Schlachtfelde selber oder in den nächstgelegenen Verbandplätzen jedem
einzelnen Verwundeten eine zuverlässige Behandlung zu sichern, wenn es
inzwischen nicht gelungen wäre, die Wunde in der einfachsten und am
wenigsten zeitraubenden Weise unter einen vorläufigen Schutz zu stellen;
denn hätte man die Tausende von Verletzten einer großen Schlacht in
gleicher Weise behandeln wollen, wie es die umständliche Antiseptik oder
Aseptik des Friedens verlangt, so wäre keine Macht der Erde imstande
gewesen, zu verhindern, daß nur einem kleinen Bruchteile die Segnungen
der neuen Wundbehandlung zuteil geworden wären, während alle übrigen
nach wie vor den Unbilden der Verunreinigung, der Witterung, des
Transportes, der Blutungen und der Hospitaleinflüsse ausgesetzt
geblieben wären.
Die Lösung der hier gestellten Aufgabe ist sowohl von der
Militärmedizinalverwaltung wie von den im Kongreß vereinigten deutschen
Chirurgen aufs eifrigste und, soweit es die wechselnden Schwierigkeiten
der Lage zulassen, mit bestem Erfolge in Angriff genommen worden. Zwei
Wege waren es, auf welchen man das gesteckte Ziel, wenn nicht völlig zu
erreichen, so doch ihm möglichst nahe zu kommen suchte.
Den ersten dieser Wege betrat man in Form der _Krankenzerstreuung_, von
der auf S. 8 bereits die Rede gewesen ist. Dieses schon in früheren
Kriegen übliche, aber systematisch wohl zuerst von dem hervorragenden
russischen Chirurgen _Pirogoff_ im Jahre 1847 in den Kriegslazaretten
des Kaukasus in größerem Umfange angewandte Verfahren ist auch von
deutscher Seite in den Kriegen von 1864, 1866 und besonders großartig
1870/71 benutzt worden. Auch auf diesem Felde hat aber die veränderte
Geschoßwirkung des Kleinkalibers zu Abweichungen von der ursprünglichen
Handhabung gezwungen, von denen wir teils aus der Deutschen
Kriegssanitätsordnung, teils aus dem an das Zentralkomitee der deutschen
Vereine vom Roten Kreuz gesandten Berichte _Walter v. Öttingens_ vom
September 1905 Näheres erfahren. Nach ihm wurden auf dem
Sortierungspunkte in Mukden die eingelieferten Verwundeten in drei
Gruppen geteilt: Leichtverwundete, die so lange an Ort und Stelle
verblieben, bis sie zu ihren Truppenteilen zurückkehren konnten, und
Schwerverwundete, die bis zu ihrer Transportfähigkeit gleichfalls dort
in Behandlung waren. Dagegen wurden die Zugehörigen zur dritten Gruppe,
nämlich alle jene Fälle, die zwar eine lange Heilungsdauer erheischten,
aber doch transportfähig waren, möglichst schnell rückwärts gesandt,
nachdem man sie durch Gipsverband, Operation oder nur gutsitzende
Verbände dazu fähig gemacht hatte.
Immerhin entspricht auch dies Verfahren bei weitem noch nicht den
dringenden Anforderungen des Schlachtfeldes selber, wie sie an die
ärztlichen Begleiter der Truppenteile und deren Krankenträger
gelegentlich herantreten. In früheren Kriegen haben sich die jungen
Ärzte wohl damit beschäftigt, Kugeln schon auf dem Kampfplatze
auszuziehen und herauszuschneiden, weil dies von den Verwundeten selber
aufs lebhafteste verlangt wurde. Das ist ein in keiner Weise zu
billigendes Verfahren, weil es die Arbeitskräfte auf unwesentliche
Nebendinge ablenkt und dem Verletzten niemals nützt, aber vielfach
schadet. Überhaupt sollten die Operationen auf dem Schlachtfelde und in
den ersten Verbandplätzen im allgemeinen verboten sein, oder doch sehr
eingeschränkt werden. Nur die Verletzungen des Bauches und großer Gefäße
machen eine Ausnahme, zumal wenn letztere so gelegen sind, daß ihnen
durch Anlegung einer zentralwärts angebrachten elastischen Binde nicht
beizukommen ist; denn sonst würde der Verwundete während des Transportes
zum Lazarett sich voraussichtlich verbluten. Alle übrigen Wunden aber
bedürfen nur eines schnell anzulegenden Schutzverbandes, die
Knochenschüsse zugleich einer Schienung. Das sind die jetzt wohl
allgemein geltenden Grundsätze der ersten Behandlung von
Kriegsverletzungen.
Der Trieb, einen solchen ganz einfachen und doch wirksamen Verband
herzustellen, hat die deutschen Chirurgen schon seit dem Bestehen der
Deutschen Gesellschaft für Chirurgie beherrscht. Auf dem V. Kongreß von
1876 hielt _Friedrich Esmarch_ einen Vortrag: »Die antiseptische
Wundbehandlung in der Kriegschirurgie«, den er im Jahre 1879
vervollständigte. In beiden Reden legte er die Grundsätze dar, denen
zwar einzelne Chirurgen in den vorangegangenen Kriegen, insbesondere
B. v. _Langenbeck_, bereits gefolgt waren, ohne daß sie aber bei der
Mehrzahl Anerkennung gefunden hätten -- die Grundsätze: vor allen Dingen
durch Fingeruntersuchung der Wunden und Sondeneinführung keinen Schaden
anzurichten, die zerschossenen Knochen ruhigzustellen, endlich den in
seiner ganzen Strenge auf dem Schlachtfelde und auf dem Notverbandplatze
nicht durchführbaren antiseptischen Verband aufs äußerste zu
vereinfachen. _Esmarch_ wurde hier der Urheber des _Verbandpäckchens_,
welches aus einem antiseptischen Ballen, einem dreieckigen Tuche und
einer Binde bestehend, in die Uniform eingenäht, jedem ins Gefecht
ziehenden Krieger mitgegeben wurde, um bei seiner Verwundung sofort zur
Hand zu sein. Dies Päckchen hat sich, wenn auch vielfach verändert, bis
heute erhalten; es wird noch in der Kriegssanitätsordnung vom Januar
1907 als zur Ausrüstung des Feldsoldaten gehörig aufgeführt.
Zahlreiche Chirurgen haben seitdem auf den Schlachtfeldern von vier
Erdteilen jene Grundsätze praktisch erproben können. Als die ersten
sind aus dem Russisch-Türkischen Kriege von 1877 _Karl Reyher_ aus
Dorpat und _Ernst v. Bergmann_ zu nennen, von denen ersterer auf dem
kleinasiatischen Kriegsschauplatze, letzterer an der Donau tätig war.
Während aber _Reyher_ in einem wohlausgestatteten Lazarette des Roten
Kreuzes arbeitete und deshalb den Forderungen der antiseptischen
Behandlung in vollem Umfange genügen konnte, war _Bergmann_ in den
mörderischen Schlachten der russischen Donauarmee in wesentlich
schwierigeren Verhältnissen, in welchen er dennoch durch Befolgung der
Grundsätze einer konservativen Chirurgie in Verbindung mit einer den
Umständen angepaßten aseptischen Behandlung ganz überraschende Erfolge
erzielte. Er wird daher als Begründer der Asepsis in der Kriegschirurgie
angesehen, was _Esmarch_ gegenüber wohl nicht ganz gerecht ist; denn
wenn dieser auch noch chemische Mittel in Anwendung zog, so ist doch das
Verfahren beider sonst ziemlich gleich; und chemische Mittel sind auch
heute noch nicht ganz aus der Kriegschirurgie geschwunden. So wird von
_Walter v. Öttingen_ die von R. _Credé_ im Jahre 1896 zuerst
empfohlene Behandlung mit Silbersalzen (Kollargol) für den ersten
Verbandplatz außerordentlich gerühmt; und zwar geschah die Anwendung des
gänzlich ungiftigen Mittels in folgender Weise: die Wunde und ihre
Umgebung wurde nicht gewaschen, sondern letztere nur mit einer
Harzlösung bestrichen, um die an Haut und Haaren klebenden Bakterien
mechanisch festzuhalten, auf die Wunde eine Silbertablette gelegt und
über dieser ein aseptischer Ballen mit einer Binde befestigt. An
Einfachheit läßt dieser Verband gewiß nichts zu wünschen übrig.
Noch sei mit kurzen Worten auf die Bedeutung hingewiesen, welche
_Röntgens_ große Erfindung, die Aktinographie, auch für die
Kriegschirurgie gewonnen hat. Sie hat vor allen Dingen die
kriegschirurgische Erkenntnis aller Einzelheiten der Wunde möglich
gemacht, insbesondere nach der Richtung steckenbleibender Fremdkörper
und der Knochenverletzungen; und hat solche Feststellung ermöglicht,
ohne Beunruhigung der Wunde und ohne Schmerz hervorzurufen.
Selbstverständlich hat dabei auch die Behandlung gewonnen und zwar nicht
allein der frischen Wunden; denn die Heilungsvorgänge verletzter Knochen
lassen sich auch durch den Wund- und Gipsverband hindurch in
regelmäßiger Wiederholung der Durchleuchtung beobachten. Der Wert des
Verfahrens hat sich schnell als so erheblich erwiesen, daß die
Militärmedizinalverwaltungen aller Länder sich zur Anschaffung
entsprechender Apparate bewogen sahen. So besitzen wir denn zurzeit
bereits aus sieben Kriegen Mitteilungen über diagraphische
Untersuchungen, zuerst seitens der Italiener im abessinischen Feldzuge
von 1896, in welchem die Studien freilich erst begannen, nachdem die
Verwundeten die heimatlichen Lazarette erreicht hatten. Ebenso stammen
die Berichte von _Küttner_ und _Abbott_ aus dem Griechisch-Türkischen
Kriege von 1897 nicht vom Schlachtfelde, sondern aus Konstantinopel und
Phalarus, betreffen also ältere Verwundungen. Dagegen haben die
nachfolgenden Kriege der Engländer gegen die Afridis und im Sudan, der
Spanisch-Amerikanische, der Burenkrieg (1899/1900), der Hererokrieg in
Südwestafrika (1904/07), endlich der Russisch-Japanische Krieg von
1904/05 ein sehr reiches Beobachtungsmaterial sowohl vom Schlachtfelde,
wie aus den Reservelazaretten gebracht. Alles das ist in dem vom
Generalarzt _Schjerning_ und seinen Mitarbeitern _Thöle_ und _Voß_ im
Jahre 1902 herausgegebenen »Archiv und Atlas der normalen und
pathologischen Anatomie in Röntgenbildern (Abteilung: Die
Schußverletzungen)« zusammengefaßt und bearbeitet, der im Jahre 1913
bereits eine zweite, erweiterte Auflage erfahren hat. Das Werk ist eine
ausgezeichnete Quelle der Belehrung über alle Formen der
Schußverletzungen.
So hat denn die Kriegschirurgie nach allen Richtungen Förderung und
Erweiterung erfahren. Die schnelle Aneignung und Verwertung aller auf
dem Gebiete der wissenschaftlichen Chirurgie wie der gesamten
Naturwissenschaften liegenden neuen Errungenschaften, die fleißige und
unausgesetzte Arbeit der Militärmedizinalverwaltung und der
Chirurgenkongresse haben sie auf eine Höhe gebracht, die weit von dem
Zustande um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert verschieden ist und
der die begründete Hoffnung zuläßt, daß sie im Falle eines neuen
Krieges, trotz der ungeheuren Entwicklung der Waffentechnik, ihre
Aufgaben voll und ganz zu erfüllen imstande sein werde.
Kapitel XI.
Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer Infektionskrankheiten und
bösartiger Neubildungen.
Noch eine zweite Gruppe von Wunden und Verschwärungen macht eine eigene
Betrachtung notwendig, nämlich solche, welche in _tuberkulösen Geweben_
vorkommen. Zwar vermochte _Köster_ in Bonn schon im Jahre 1869 das
Vorkommen von Knötchen (Tuberkeln) in der Synovialhaut der Gelenke
nachzuweisen; dennoch hatte man bis zur Entdeckung des Tuberkelbazillus
im Jahre 1882 nur sehr unbestimmte Vorstellungen von dem eigentlichen
Wesen gewisser Knochen- und Gelenkkrankheiten, die in der Unterscheidung
kalter und heißer Abszesse, sowie in der Bezeichnung gewisser, sehr
langsam verlaufender Gelenkleiden als Tumor albus, weiße
Gelenkgeschwulst, ihre schüchterne Andeutung fanden. Diese und manche
andere Erscheinungen, die Unterernährung des Körpers, die Blässe der
Hautdecken, Lymphdrüsenschwellungen, die Neigung zu mancherlei
Ausschlägen, zumal am kindlichen Körper, faßte man als Skrophulosis,
Schweinchenkrankheit, zusammen, unter einem Ausdrucke also, welcher der
Auftreibung des Halses durch Vergrößerung der zahlreichen dort
eingebetteten Lymphdrüsenketten eine Ähnlichkeit mit dem kurzen,
gedrungenen Halse des Ferkels beizulegen sich bemüht. Von einem
Zusammenhange dieser »Skrofulose« mit der Tuberkulose, der
Knötchenkrankheit der Lungen, hatte man damals noch keine Vorstellung,
selbst dann noch nicht, als die Tuberkel als regelmäßiger Befund bei
Lungenphthise längst entdeckt waren. Erst auf der Münchener
Naturforscherversammlung von 1877 und auf dem Chirurgenkongreß von 1878
(_Karl Hüter_) wurde wenigstens eine Verwandtschaft dieser Vorgänge
wahrscheinlich gemacht. Ebensowenig wußte man Sicheres von der
tuberkulösen Natur des Lupus, jener entsetzlichen Hautkrankheit, welche
das menschliche Antlitz in eine abscheuerregende Maske verwandelt,
obwohl _Friedländer_ schon im Jahre 1872 Tuberkel in lupöser Haut
beschrieben hatte. Aber nach der Entdeckung des Erregers der Tuberkulose
folgten die Aufklärungen Schlag auf Schlag. Schon Anfangs 1883 konnte
_Doutrelepont_ in Bonn über den Nachweis von Tuberkelbazillen im
Lupusgewebe berichten; und nachdem _Koch_ in seiner großen klassischen
Arbeit von 1884 auch den Lupus in seine Besprechung miteinbezogen, die
spezifischen Bazillen innerhalb der Riesenzellen nachgewiesen hatte, war
ein Zweifel an der Tatsache, daß dieser eine rein tuberkulöse Krankheit
sei, nicht mehr möglich. In gleicher Weise gelang der Nachweis des
Tuberkelbazillus in Knochen, Gelenken und in allen Weichteilen, welche
entweder durch kleine und größere Verletzungen von außen her, oder auf
dem Wege des Blutstromes mit Bazillen oder ihren Sporen in Berührung
kamen.
Es war selbstverständlich, daß mit dieser Feststellung den Wundärzten
die Hoffnung wuchs, die einmal ausgebrochene Krankheit mit Hilfe einer
immer zuverlässiger werdenden Wundbehandlung zu bezwingen. In der Tat
hatte schon die _Lister_sche Antisepsis manchen schönen Erfolg bei der
Operation kalter Abszesse, durch Resektion »skrofulös« erkrankter
Gelenke, Beseitigung käsiger Knochenherde und ähnlicher Leiden aufweisen
können; aber die Erwartung, _alle_ mehr peripher gelegenen
Krankheitsherde operativ und mit Hilfe der Antisepsis der Heilung
zuführen zu können, mußte schon aus dem Grunde Schiffbruch leiden, weil,
wie erst spätere Studien festgestellt haben, die Tuberkulose sehr häufig
in vielen Herden auftritt, indem Ausbrüche an den verschiedensten
Körperteilen entweder gleichzeitig oder nacheinander erfolgen. Dies
Verhalten findet seine Erklärung in dem Umstande, daß oft ein tief
verborgener käsiger Herd die Quelle für die auf dem Blutwege
erfolgende Vergiftung des Körpers mit Tuberkelbazillen und ihren
Fortpflanzungsorganen darstellt. Nicht einmal bei einer so oberflächlich
gelegenen Erkrankungsform, wie dem Lupus der äußeren Haut, gelang in
vorgeschrittenen Fällen die Heilung, die höchstens bei noch sehr wenig
umfangreichen, aber frühzeitig erkannten Herden durch vollkommene
Ausschneidung des veränderten Hautstückes in den meisten Fällen erreicht
wurde. Die lupöse Hauterkrankung verhielt sich also dem Messer gegenüber
ganz ähnlich, wie wir es weiterhin von den Hautkrebsen kennen lernen
werden.
Immerhin ergab die antiseptische Behandlung schon aus dem Grunde
erheblich bessere Heilungen, wie je zuvor, weil die Infektion
tuberkulöser Wunden und Geschwüre mit eitererzeugenden Keimen ein
üppigeres Wachstum der Tuberkelbazillen herbeizuführen scheint. Trotzdem
blieb die Behandlung unbefriedigend, da doch die meisten Kranken, die
wegen tuberkulöser Leiden einer Operation unterworfen waren, entweder
örtlich Rückfälle bekamen, oder nach einiger Zeit gar einer allgemeinen
Tuberkulose zum Opfer fielen. _Billroth_ berechnete unter seinen wegen
tuberkulöser Erkrankung ausgeführten Gelenkresektionen nicht weniger wie
27 %, _König_ (1880) nach einer offenbar zu kurzen Beobachtungszeit
immerhin schon 21,5 % Todesfälle an miliarer Ausbreitung des Leidens über
den ganzen Körper. So wuchs denn die Sehnsucht nach einem spezifischen
Mittel zur Unterdrückung wenigstens örtlicher Tuberkulose; und ein
solches glaubte _Mosetig v. Moorhof_ in Wien im Jahre 1880 in dem
Jodoform gefunden zu haben. Überaus schnell kam das Mittel in Aufnahme.
Man bestreute Wunden in tuberkulösen Geweben dick mit Jodoformpulver und
nähte darüber zu, man entleerte kalte Abszesse mittels des Trokars oder
der _Pravaz_schen Saugspritze und füllte den so entstehenden Hohlraum
zum Teil mit einer Jodoform-Glyzerin-Aufschwemmung. Aber auch hier blieb
eine gewisse Enttäuschung nicht aus, wie schon auf S. 41 geschildert
worden. Denn einerseits forderten die Vergiftungen, welche das zumal in
fetthaltigen Geweben aus der Gebundenheit des Jodoforms freiwerdende Jod
hervorrief, zu immer größerer Vorsicht auf, anderseits wurden die
antiseptischen Eigenschaften des Mittels immer zweifelhafter; und selbst
die spezifische Wirksamkeit auf Tuberkelbazillen blieb nicht
unangefochten, wenn sie auch niemals gänzlich bestritten worden ist. Man
benutzte zwar das Jodoform, zuweilen auch reines Jod in Gestalt der
Jodtinktur noch weiterhin als das beste Mittel gegen tuberkulöse
Erkrankungen, hat aber die Vorstellungen von einer durchaus sicheren
Einwirkung auf Entstehung und Ausbreitung der Bazillen, selbst in leicht
zugängigen Geweben, längst aufgeben müssen. Noch im Jahre 1913 hat
dieser Gegenstand den Chirurgenkongreß beschäftigt, in dem die schon
früher von _Rinne_ (1884) angeratene Behandlung eiternder
Gelenktuberkulosen durch breite Eröffnung und halboffene Ausstopfung der
Wunde mit Jodoformmull von neuem dringend empfohlen wurde. --
* * * * *
Aber noch einmal sollte der medizinischen Welt die Hoffnung auf ein
spezifisches Heilmittel erweckt werden und zwar diesmal in Form einer
Einwirkung auf bazillenhaltige Gewebe vom Blute aus. Die dabei sich
abspielenden Vorgänge sind in einer Weise dramatisch belebt und
erregend, daß sie wie der Höhepunkt einer Schicksalstragödie anmuten.
Indessen wenn sie auch bei der allein in Betracht kommenden Krankheit
zunächst mit einer Niederlage, einer grausamen Zerstörung uferloser
Hoffnungen geendet haben, so wurden sie doch der Ausgang einer neuen
Entwicklung, die auch der Chirurgie unendliche Vorteile gebracht hat,
und deren weitere Folgen für die Zukunft noch in keiner Weise übersehen
werden können.
Es war in der ersten Sitzung vom 4. August 1890 des in Berlin tagenden
X. Internationalen medizinischen Kongresses, als _Robert Koch_ den von
ihm angekündigten und mit Spannung erwarteten Vortrag: »Über
bakteriologische Forschung« hielt. Darin teilte er mit, daß er schon
bald nach der Entdeckung des Tuberkelbazillus angefangen habe, nach
Mitteln zu suchen, welche sich zur Behandlung der Tuberkulose verwerten
ließen. Solche Mittel müßten die Fähigkeit haben, nicht nur Reinkulturen
von Bazillen in ihrer Entwicklung zu hemmen, sondern auch im lebenden
Tierkörper die gleiche Wirkung zu entfalten; erst dann dürften Versuche
am Menschen nachfolgen. Inzwischen sei es ihm gelungen, eine Flüssigkeit
herzustellen, welche bei der Einverleibung in den Körper gesunder
Meerschweinchen wirkungslos bleibe, dagegen bei hochgradig tuberkulösen
Tieren die Krankheit völlig zum Stillstande bringe, ohne den Körper
nachteilig zu beeinflussen.
Die Art der Zusammensetzung und der Herstellung des Mittels wurde
zunächst noch verschwiegen. Dennoch rief schon diese Äußerung eine
bedeutende Erregung hervor, da sie eine große Idee zur Heilung der
entsetzlichen Krankheit ahnen ließ.