Wenn wir zum Schluß auf all die zahlreichen Mittel, welche erdacht

wurden, um dem Menschengeschlechte den Operationsschmerz zu ersparen

oder zu lindern, einen prüfenden Rückblick werfen, so sind wir zu dem

Geständnis gezwungen, daß deren keines vorhanden ist, welches, wie

_Mikulicz_ sich ausdrückt, im mathematischen Sinn, d. h. gänzlich und

unter allen Umständen gefahrlos ist. Eines schickt sich nicht für alle.

Der heutige Wundarzt weiß, daß er stets mit der ungeheuren individuellen

Verschiedenheit zu rechnen hat, welche die Zellen des menschlichen

Körpers jeder kraftmindernden Einwirkung, möge sie ererbt oder durch

Alter, Verletzung und Krankheit erworben sein, an Widerstandskraft

entgegenzustellen vermögen. Alle diese Veränderungen zu erkennen

befähigt uns auch heute noch nicht eine aufs feinste entwickelte

Diagnostik; aber sie hat den Arzt diesem Ziele wenigstens näher

gebracht. Wenn ihm daraus die Möglichkeit erwachsen ist, jedem Kranken

ohne Ausnahme den Schmerz zu ersparen, so doch auch zugleich die

Pflicht, unter der Fülle der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel das für

den Fall passendste auszuwählen. Das Studium der physiologischen

Wirkungen aller Betäubungsmittel hat aber nicht allein die Möglichkeit

geschaffen, unter ihnen von vornherein eine geeignete Wahl zu treffen,

sondern auch die weitere, ein Mittel durch ein anderes zu ersetzen,

sobald ersteres irgendwelche bedrohlichen Erscheinungen hervorruft. Nur

auf diesem Wege ist eine Vervollkommnung der wissenschaftlich geleiteten

Narkose noch zu erwarten; aber schon jetzt darf der Hoffnung Ausdruck

gegeben werden, daß das drohende Gespenst des Narkosentodes, welches

einst den Weg des handelnden Wundarztes bei jedem Schritte begleitete,

zwar niemals gänzlich verschwinden, aber für gewöhnlich doch zu einer

freundlichen Lichtgestalt sich umwandeln werde, die den Kranken und

Elenden mit sanfter Hand über Schmerz und Qual hinaushebt.

* * * * *

Eins der schönsten Geschenke erhielt die Deutsche Gesellschaft für

Chirurgie schon auf ihrem zweiten Kongreß vom Jahre 1873 in _Friedrich

Esmarchs_, des berühmten Kieler Chirurgen, Mitteilung über seine

_Methode, künstliche Blutleere_ an den Gliedmaßen herbeizuführen und

Operationen an ihnen dadurch vollkommen blutlos zu gestalten. Die Frage

der Beherrschung eines allzu reichlichen Blutverlustes hatte die

Chirurgen schon seit dem Altertum fast fortdauernd beschäftigt, selbst

in solchen Zeiten, in welchen die Medizin methodische Blutentziehungen,

sowohl am ganzen Körper, wie insbesondere an erkrankten Gliedern, nicht

entbehren zu können glaubte. Des Rätsels Lösung, wie dies Ziel

erreichbar sei, brachte _Esmarchs_ Methode wenigstens für die

Extremitäten.

Es ist müßig, zu erörtern, ob das Verdienst der Erfindung wirklich

_Esmarch_, oder nicht vielmehr seinem damaligen Assistenten

J. _Petersen_ oder gar seinem Oberwärter _Carstens_ zugeschrieben werden

müsse, da letzterer eines Tages, wie erzählt wird, anstatt der bisher

üblichen leinenen, eine elastische Gummibinde zum Einwickeln eines

abzusetzenden Gliedes überreicht habe. Schon Jahre zuvor hatte _Esmarch_

sich bemüht, durch sehr feste Einwicklung mit leinenen Binden und

darauffolgende Abschnürung an einem höher hinauf gelegenen Punkte die

Blutung an den Gliedmaßen auf ein bescheidenes Maß herabzumindern, wie

es vor ihm wohl auch manche andere Chirurgen schon versucht hatten. Der

Gedanke gehört also im wesentlichen ihm allein und für diese Auffassung

spielt das bessere Material, welches ihm oder seinem Assistenten der

Geistesblitz eines ungebildeten Mannes in die Hand legte, um so weniger

eine Rolle, als der erfahrene Wundarzt sofort die großen Vorzüge, die

weit überlegene Benutzbarkeit des neuen Stoffes erkannte. Mit

fieberhafter Schnelligkeit und mit überraschenden Erfolgen wurde nunmehr

die Methode ausgebildet, welche seitdem unzählige Kranke vor der durch

starken Blutverlust erzeugten Schwäche bewahrt und ihnen Gesundheit und

Leben erhalten hat. Sie gehört zum festen Bestande der Chirurgie der

gesamten gebildeten Welt.

Daß _Esmarchs_ elastische Binde auch weiter als Mittel zur vorläufigen

Blutstillung benutzt und daß in seinen Samariterkursen das sehr einfache

Verfahren zur Verhütung schwerer Blutverluste auch zahlreichen

Laienhänden eingeübt wurde, sei nur nebenbei erwähnt.

In _Friedrich Trendelenburgs_ Beckenhochlagerung vom Jahre 1892 hat die

Methode der Blutersparung einen neuen, höchst wertvollen Sproß

getrieben, und durch die Anwendung der Nebennierenpräparate ist die

Möglichkeit der Blutersparung für _alle_ Operationen geschaffen worden.

Noch ein weiteres Verfahren entwickelte sich aus der in Schwang

gekommenen Anwendung der elastischen Binde: ihre Benutzung zur

Blutstauung, um dadurch heilend auf krankhafte Vorgänge verschiedener

Art zu wirken.

Schon seit 1895 hatte _Bier_ fortgesetzt Studien über »_Hyperämie als

Heilmittel_« gemacht, die er in verschiedener Weise, durch heiße Luft,

heißes Wasser, endlich durch venöse Stauung, hervorbrachte und erprobte.

Nach vielen kleineren Veröffentlichungen erschien unter genanntem Titel

im Jahre 1905 eine Einzelschrift, welche seitdem viele Verbesserungen

und Vermehrungen in zahlreichen Auflagen erlebte, als bester Beweis für

den großen Anklang, den die neue Behandlungsmethode bei den Fachgenossen

gefunden hat. Die Einfachheit und Zweckmäßigkeit des Verfahrens, welches

die elastische Binde möglich machte und welches _Bier_ bis in alle

Einzelheiten praktisch ausgebildet hatte, gewann der Methode reichlich

Anhänger, sowohl für die Behandlung akuter Entzündungen, zumal an den

Fingern, als auch zur Heilung tuberkulöser Erkrankungen, in erster Linie

der Knochen und Gelenke. Auch die »_Bier_sche _Stauung_« dürfte fortan

als ein fester Bestand unseres Heilmittelvorrates zu gelten haben.

* * * * *

Zu den bisher besprochenen Hilfsmitteln der Chirurgie gesellt sich als

letztes ein solches, welches weniger für die Behandlung als für die

Erkenntnis der Krankheiten eine stets wachsende Bedeutung gewonnen hat.

Im Dezember 1895 veröffentliche _Wilhelm Röntgen_, Professor der Physik

in München, eine kleine Schrift, in welcher er die überraschende

Mitteilung machte, daß es ihm gelungen sei, unter Benutzung der

_Hittorf_schen Röhre Kathodenstrahlen zu erzeugen mit der merkwürdigen

Fähigkeit, jeden Körper, dessen Schichten nicht gar zu dicht sind, zu

durchdringen. Wie ein Geisterleib erschien der menschliche Körper nur

in zarten Umrissen auf dem die Strahlen auffangenden Schirme und nur das

Knochengerüst, sowie alle dicken metallischen Gegenstände und

dichtgeschichteten Mineralien warfen deutliche Schatten Die Aufnahme des

Verfahrens in den wundärztlichen Betrieb erfolgte zunächst langsam und

zögernd. Zwar wurde es bald genug klar, welch ausgezeichnetes Mittel man

in den _Röntgen_schen Kathodenstrahlen für die Erkenntnis der

Besonderheiten der Knochenverletzungen und deren rechtzeitiger

Beeinflussung während der Heilung besaß, daß auch Sitz und Eigenart der

in den menschlichen Leib eingedrungenen Fremdkörper, soweit sie

metallischer Natur waren, aufs genaueste festgestellt werden könnten;

aber es dauerte doch mehrere Jahre, bis die Vervollkommnung der Apparate

und das verfeinerte Studium der physikalischen Bedingungen auch die

Zustände innerer Organe dem prüfenden Auge des vorgebildeten Beschauers

zugängig machen konnten. Und wenn auch die sehr hochgespannten

Hoffnungen der Laienwelt, daß es fortan möglich sein werde, die

krankhaften Veränderungen des Körpers wie auf einer Landkarte zu sehen,

sich nur zu einem kleinen Teile erfüllt haben, so war doch der Gewinn

für die an eine genaue Erkenntnis geknüpfte Behandlung chirurgischer

und innerer Leiden so groß, daß weder die Regierungen der einzelnen

deutschen Bundesstaaten, noch die Gemeindevertretungen, noch Vereine

sich der Aufgabe entziehen konnten, ihre Kliniken, sowie große und

kleine Krankenanstalten mit Durchleuchtungsvorrichtungen in vollem

Umfange zu versehen. Die fast märchenhaft erscheinende Entdeckung

_Röntgens_, welche den wissenschaftlichen Aufschwung des 19.

Jahrhunderts würdig abschloß, hat sich von ihrem deutschen Mutterboden

schnell über die ganze Erde verbreitet. Von ihr erhielten die

wissenschaftliche und praktische Chirurgie und deren Schmerzenskind, die

Unfallheilkunde, ferner die innere Medizin, die Geburtskunde, überhaupt

fast sämtliche Gebiete der praktischen Medizin einen ungeheuren

Auftrieb; und wenn auch die heilenden Eigenschaften der Röntgenstrahlen

den Erwartungen, welche menschlicher Optimismus an sie knüpfte, zunächst

nur in bescheidenem Maße gerecht geworden sind, so ist doch die

Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß eine immer mehr sich verfeinernde

Technik der leidenden Menschheit noch manche wertvolle und überraschende

Gabe zum Geschenk machen werde.

Gleiches läßt sich von den beiden Stoffen sagen, die als Heilmittel in

neuester Zeit mit den Röntgenstrahlen in Wettbewerb getreten sind, dem

_Radium_ und _Mesothorium_. Ihre unmittelbare Wirkung ist überraschend

groß, Art und Dauer derselben aber noch zweifelhaft.

* * * * *

Die von Anfang an außerordentlichen Erfolge der neuen Wundbehandlung,

die sich zudem noch von Jahr zu Jahr verbesserten, führten zunächst eine

Umwandlung und Vermehrung der Werkzeuge, sowie wesentliche

_Veränderungen der operativen Technik_ herbei. Bald genug wurde es

nämlich klar, daß die alten Instrumente mit Holz- oder Horngriffen,

überhaupt alle aus mehreren Stücken zusammengesetzten Vorrichtungen,

niemals mit Sicherheit keimfrei zu machen waren, weil der fettige,

keimreiche Schmutz in den Spalten und Ecken weder durch chemische, noch

durch physikalische Mittel sicher beseitigt werden konnte. Man verfiel

daher, um der daraus erwachsenden Gefahr zu begegnen, auf ganz metallene

Werkzeuge, entweder aus einem einzigen Stück gearbeitet oder, wenn dies

aus irgendeinem Grunde nicht angängig war, mit einem Griffe aus einer

dünnen Platte, die aufs sorgfältigste an das Hauptstück angelötet wurde.

Alle Ecken und Winkel mußten nach Möglichkeit vermieden oder wenigstens

abgerundet sein. So vorgerichtet konnten sie in Sodalösung gekocht, in

einer antiseptischen Lösung abgekühlt und dann sofort mit der Wunde in

Berührung gebracht werden.

Auch die _Art zu operieren_ veränderte sich. In der Zeit vor Anwendung

der Betäubungsmittel stand am höchsten im Ansehen der Wundarzt, der

seinen Eingriff blitzschnell zu vollenden wußte; und diesem höchsten

Ziele paßten sich auch die Operationsmethoden an. Sehr hübsch spiegelt

sich diese übertriebene Wertschätzung der Technik in einer Anekdote

wider, die _Bernhard v. Langenbeck_ von seinem Oheim _Konrad Martin

Langenbeck_ in Göttingen zu erzählen liebte. Letzterer hatte für die

Absetzung des Oberschenkels in der Mitte die Ovalärmethode angegeben und

wegen der außerordentlich schnellen Ausführbarkeit dringend empfohlen.

Ein älterer Kollege von einer Nachbaruniversität kommt nach Göttingen,

um die Methode kennen zu lernen und _Langenbeck_ lädt ihn für den

nächsten Tag zu einer solchen Operation ein. Der Kranke liegt auf dem

Tisch, jener ergreift das Messer: da wendet sich der fremde alte Herr

noch einmal ab, um behaglich eine Prise zu nehmen. Aber welches

Entsetzen, als er bemerkt, daß die Absetzung inzwischen schon vollendet

ist!

Mit der allgemeinen Anwendung der Betäubungsmittel verlor die

Behendigkeit etwas an Ansehen, wiewohl der bei großen Eingriffen schwer

vermeidbare Blutverlust immer noch zu einer gewissen Eile zwang. Als

diese Unannehmlichkeit durch die elastische Binde, wenigstens an manchen

Körperteilen, vollständig überwunden worden war, da glaubte man sich

mehr Zeit lassen zu dürfen, bis die Vergiftungen unter Anwendung des

antiseptischen Sprühnebels und die Gefahren, welche man aus langen

Abkühlungen des Körpers erwachsen sah, die sorglos Langsamen von neuem

aufrüttelten. Die aseptische Behandlung, das Operieren in warmen Zimmern

und auf heizbaren Tischen haben auch diese Bedenken fast vollkommen zum

Schwinden gebracht, wenigstens so weit, daß die Methoden nicht mehr

ausschließlich nach der Schnelligkeit der Ausführung, sondern vorwiegend

nach der größeren Zweckmäßigkeit gewählt werden. Aber daß eine

langdauernde Operation gefährlicher als eine schnell vollendete ist,

unterliegt gar keinem Zweifel; der Grundsatz: Eile mit Weile gilt

deshalb auch heute noch für jeden Wundarzt. --

Die bisherigen Vorstellungen über _Wundheilung_ mußten sehr bald einer

erneuten Prüfung unterzogen werden. War doch bis dahin die Heilung durch

erste Vereinigung und unter dem trockenen Schorfe, wie sie bei

verwundeten Vögeln regelmäßig beobachtet werden kann, am menschlichen

Körper eine ganz seltene und nur bei kleinen und oberflächlichen Wunden

vorkommende Vereinigungsweise geblieben; der Ehrgeiz des Wundarztes ging

also bei größeren Wunden auf kein höheres Ziel, als auf Herbeiführung

eines Pus bonum et laudabile, d. h. eines geruchlosen gelben Eiters, und

einer dabei langsam fortschreitenden Wundreinigung, da man diese

Vorgänge als unbedingt notwendig zur Heilung, den Eiter sogar vielfach

als heilungsbefördernd angesehen hatte. Über die Art, wie eine größere

Wunde sich langsam schließt und über das Verhalten der einzelnen

Körpergewebe bei diesem Vorgange hatten schon vor der Entdeckung, daß

Bakterien die Wundeiterung erzeugten und unterhielten, zahlreiche

Untersuchungen stattgefunden. Die durch mikroskopische Studien

herbeigeführten Anschauungen hatten vielfach wechseln müssen, so nach

_Cohnheims_ Entdeckung der Auswanderung weißer Blutkörperchen durch die

Gefäßwandungen hindurch, so nach _Metschnikows_ Beschreibung des Wesens

der Freßzellen. Beide hatten die Arbeiten über Wundheilung von _Karl

Thiersch_ und _Karl Gussenbauer_ beeinflußt; aber in vollkommenster

Weise wurde alles das zusammengefaßt und durch eigene Untersuchungen

erweitert in der vortrefflichen Arbeit _Felix Marchands_: »Der Prozeß

der Wundheilung mit Einschluß der Transplantation« vom Jahre 1901. Der

Verfasser unterscheidet zwar auch noch eine Heilung durch direkte

Vereinigung und eine solche durch Regeneration, welch letztere früher

ausschließlich unter dem Bilde der eitrigen Entzündung verlief, betont

aber ausdrücklich, daß ein solcher Unterschied nicht mehr aufrecht

erhalten werden könne, da jeder Heilungsvorgang ein Regenerationsvorgang

sei, dem allerdings bei verschiedenen Wunden erhebliche gradweise

Verschiedenheiten zukommen. Diese Lehre wird an den einzelnen

Körpergeweben geprüft und bestätigt, so daß _Marchands_ Buch auch heute

noch als Grundlage der herrschenden Anschauungen über die feineren

Vorgänge bei der Wundheilung betrachtet werden muß.

Kapitel X.

Wandlungen der Kriegschirurgie.

Unter der großen Zahl von Wunden aller Art, welche dem Wundarzte unter

die Hände kommen, haben, solange es eine Geschichte der Medizin gibt,

die _Schußwunden_ und seit der Erfindung des Schießpulvers vor allen

anderen die Kugelwunden eine besondere Rolle gespielt, nicht etwa

deshalb, weil, soweit es sich um Friedensverletzungen handelt,

Entstehung und Verlauf gegenüber mancherlei Zufallsverwundungen einen

sehr erheblichen Unterschied darböten, sondern nur der Begleitumstände

wegen. Denn einerseits führt der Krieg, den _Pirogoff_ eine

»traumatische Epidemie« genannt hat, zur räumlich und zeitlich

beschränkten Anhäufung einer so ungeheuren Anzahl von Verwundungen, daß

zu ihrer sachgemäßen Versorgung nach den Grundsätzen einer

Friedensbehandlung die zur Verfügung stehenden Kräfte gewöhnlich in

keiner Weise ausreichen; anderseits hat die Ausbildung der Waffen, die

geeignet sind, den Gegner kampfunfähig zu machen, ein so schnelles

Zeitmaß der Entwicklung eingeschlagen, daß sie fortdauernd neue Formen

des Kampfes und neue Formen der Wundbehandlung erforderlich machte. So

ist denn auch die _Kriegschirurgie_ in neuerer Zeit zu einer

Sonderwissenschaft geworden, deren Kenntnis jedem ins Feld ziehenden

Arzte vertraut sein sollte. Freilich bilden nicht die Schußwunden allein

den Inhalt der Kriegschirurgie; aber alle anderen Verletzungen, welche

sonst noch im Kriege vorkommen, wie die Hieb-, Stich- und Quetschwunden,

sind nur ein so kleiner Bruchteil der Kriegswunden, daß man die

Schußverletzung als den Typus der Kriegswunde anzusprechen berechtigt

ist.

Selbstverständlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, die Geschichte der

militärärztlichen Organisation, deren Ziel es war und ist, schon im

Frieden eine für den Krieg ausreichende Zahl von Ärzten auszubilden und

bereitzustellen, eingehend zu schildern; doch muß auch sie wenigstens

gestreift werden, da sie in engster Beziehung zu dem Aufblühen der

Kriegschirurgie steht. In Preußen, dessen Einrichtungen für die übrigen

deutschen Staaten seit 50 Jahren vorbildlich geworden sind, war durch

Errichtung einer militärärztlichen Bildungsanstalt, des Collegium

medico-chirurgicum in der Pepinière zu Berlin im Jahre 1795 und dessen

Erweiterung 1797, für geordneten Unterricht und wissenschaftliche

Erziehung der jungen Militärärzte in ziemlich ausreichender Weise

gesorgt worden. Auch für eine bessere Ausbildung des niederen

Heilpersonals, welches bis dahin seine Kenntnisse und Fertigkeiten bei

Badern und Barbieren erworben hatte, wurde durch endgültige Trennung des

Barbiergewerbes von der Chirurgie mittels des Gesetzes vom 7. September

1811 ein wichtiger Schritt getan. Der hierdurch entstehende Mangel an

Unterchirurgen konnte durch die Kabinettsorder vom Jahre 1820

ausgeglichen werden, durch welche die jungen Ärzte und Wundärzte

veranlaßt wurden, ihrer Dienstpflicht im Heere nicht mit der Waffe,

sondern als Ärzte zu genügen. Die Gründung der Universität Berlin im

Jahre 1810 drohte freilich eine Zeitlang dem genannten Kollegium den

Untergang zu bringen; doch gelang es dem damaligen ersten

Generalstabschirurgen des Heeres und Leiter des Militärmedizinalwesens

_Johann Görcke_ diese Gefahr abzuwenden und im Jahre 1811 eine neue

Anstalt unter dem Namen einer medizinisch-chirurgischen Akademie für das

Militär durchzusetzen, deren Zöglinge die Vorlesungen der

Universitätsprofessoren zu hören berechtigt waren. Diese Akademie ist im

Jahre 1852 für die wissenschaftliche Ausbildung der jungen Militärärzte

der Universität gleichgestellt worden, während für deren praktische

Erziehung die Charité benutzt wurde. Vom gleichen Zeitpunkte an hörten

auch die langjährigen und zuweilen höchst gefährlichen Angriffe auf,

welche gegen die Notwendigkeit der engeren militärärztlichen Ausbildung

und damit gegen den Fortbestand der seit dem Jahre 1848

»Militärärztliches Friedrich-Wilhelms-Institut« genannten

Erziehungsanstalt gerichtet worden waren. Unter der tätigen Fürsorge des

Generalstabsarztes _Heinrich Gottfried Grimm_ erfuhr das

Militärsanitätswesen einen besonderen Aufschwung, begünstigt durch die

Erfahrungen der drei aufeinanderfolgenden Kriege von 1864, 1866 und

1870/71. Ihm verdankt es die Abschaffung des Kompaniechirurgentums,

die Hebung des Standes der Lazarettgehilfen, die Einführung

der Krankenwärter und Krankenträger, die Einrichtung einer

Militärmedizinalabteilung im Kriegsministerium, der Chefärzte für

Feld- und Friedenslazarette, die Bildung eines Sanitätskorps und die

Bezeichnung der Militärärzte als Sanitätsoffiziere. In den Jahren 1905

bis 1910 ist die alte Friedrich-Wilhelms-Akademie unter dem Namen

»Kaiser-Wilhelms-Akademie« in ein neues, glänzend erbautes Haus an der

Ecke der Invaliden- und Scharnhorststraße verlegt worden, ausgestattet

mit den zweckmäßigsten Ausbildungsmitteln, gesunden Wohnungen und

umfangreichen Versammlungs- und Festräumen. -- Trotzdem ist auch heute

der Zustrom junger Ärzte zum militärärztlichen Berufe den ungeheuren

Anforderungen, welche die außerordentliche Vermehrung des stehenden

Heeres nötig macht, noch nicht ganz entsprechend. Es ist wohl zu hoffen,

daß auch in dieser Hinsicht eine Änderung eintreten werde, seitdem im

Februar 1914 auf Betreiben des Generalstabsarztes v. _Schjerning_ die

Gleichstellung der Sanitätsoffiziere mit den Offizieren des Heeres fast

vollkommen durchgeführt worden ist.

Wichtiger aber als dieser äußere Rahmen, in welchem sich die Entwicklung

des militärärztlichen Standes in Preußen und in einem sehr großen Teile

Deutschlands abgespielt hat, ist der Aufschwung der _Kriegschirurgie_.

Ihre Förderung ist jenem Stande in erster Linie anheimgefallen, wenn auch

die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der freilich

auch zahlreiche Militärärzte schon seit ihrer Gründung angehört haben,

diesem Zweige ihrer Wissenschaft stets ein sehr reges Interesse

entgegenbrachten.

Schon auf dem II. Kongreß von 1873 trat W. _Busch_ (Bonn) mit einem

Vortrage über die Ergebnisse von Schießversuchen auf menschliche Leichen

auf, zu welchen die Kriegserfahrungen von 1866 und 1870/71 mit ihren von

den bisherigen Anschauungen vielfach stark abweichenden Verwundungen den

Anstoß gegeben hatten. Gleichfalls über derartige Versuche sprachen

E. _Küster_ (Berlin) und _Schädel_. Ersterer setzte seine Versuche

weiterhin an lebenden Tieren fort und berichtete über sie in einer

Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft vom Januar 1874. Seitdem

wurden wiederholt die Geschoßwirkungen auf den menschlichen und

tierischen Körper durch andauernde Versuche in allen Einzelheiten

studiert; unter den zahlreichen Arbeiten dieser Art seien nur die von

_Bornhaupt_, _Kocher_, _Reger_, _Wahl_ und _Paul v. Bruns_

hervorgehoben.

Immer von neuem wurden die Chirurgen gezwungen, diesen Fragen ihre

Aufmerksamkeit zuzuwenden. Abweichend von dem Gebrauche des alten

Vorderladers, welcher ursprünglich nur Rundkugeln, später auch

Spitzkugeln entsandte, hatte Preußen schon im Jahre 1841 das

_Dreyse_sche Zündnadelgewehr eingeführt, welches in den beiden Feldzügen

von 1864 und 1866 zur Verwendung kam, einen Hinterlader mit

Einheitspatrone, Spiegelführung und Langblei von 14-15 mm

Durchmesser. Mit ihm wurde durch Geschoßlänge und Pulverladung die

Anfangsgeschwindigkeit, die Treffgenauigkeit, die Totalschußweite und

die Streckung (Rasanz) der Flugbahn ganz erheblich erhöht. Aber man

blieb dabei nicht stehen. Bald nach 1866 führte Frankreich das

_Chassepot_gewehr mit einem Kaliber von 11 mm und einer

Anfangsgeschwindigkeit von 420 m ein, dem in Deutschland das

Infanteriegewehr von 1871 gleichfalls von 11 mm Laufweite folgte. Seit

1888 besitzt das deutsche Heer kleinkalibrige Gewehre von 7-8 mm,

deren Bleigeschosse von einem Nickelmantel umgeben und deren

Leistungsfähigkeit im übrigen noch durch Anwendung des rauchlosen

Pulvers und zugleich dadurch gesteigert worden sind, daß sie

Patronenkammern haben, welche als Magazingewehre eingerichtet und daher

als Repetiergewehre benutzbar sind. In manchen Heeren ist man darüber

hinaus noch zu einem Kleinstkaliber vorgeschritten; so besitzt Rumänien

ein _Mannlicher_gewehr von 6,5 mm Laufweite mit einem Geschoß von nur

22,74 g Gewicht, während das Zündnadelgeschoß 40 g, die Chassepotkugel

noch 32 g wogen. Auch das im Russisch-Japanischen Kriege von 1904/05

vorwiegend zur Verwendung gekommene _Arusaka_gewehr Modell 94 der

Japaner ist ein Kleinstkaliber von 6,5 mm Laufweite. Die Leistungen

dieses Gewehres für die oben genannten Ansprüche sind unübertrefflich

gewesen; und dennoch hat, wie _Paul v. Bruns_ in überzeugender Weise

dargetan, der Mandschurische Krieg der weiteren Anwendung eines so

kleinen Kalibers sehr vernehmlich Halt geboten. Denn in einer, und zwar

einer sehr wichtigen, Beziehung hat das Kleinstkaliber die Grenze der

kriegsmäßigen Verwendung bereits überschritten: seine Wirkung ist so

wenig nachhaltig, daß eine übergroße Zahl der Getroffenen den Kampf

nicht zu unterbrechen braucht. Voraussichtlich wird daher das deutsche

Heer bei dem 8-mm-Geschoß bleiben. Für die menschenfreundlichen

Bestrebungen aber, welche die unvermeidlichen Schrecken des Krieges nach

Möglichkeit zu mildern suchen, mag es als ein Trost angesehen werden,

daß die Feuerwirkungen der neuen Gewehre zwar die Todesfälle auf dem

Schlachtfelde vermöge ihrer Durchschlagskraft vermehren, dafür aber die

Gesamtverluste eher ab- als zugenommen haben; denn die Sterblichkeit der

vom Schlachtfeld noch lebend kommenden Verwundeten ist ganz erheblich

geringer geworden, wodurch _mehr_ als nur ein Ausgleich gegenüber der

unmittelbar tödlichen Geschoßwirkung herbeigeführt wird.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 9 / 16 段