Gleichgültig, welche Gründe dabei mitwirkten, es blieb eine Tatsache,

daß der zur Verfügung stehende Sitzungssaal für die Zahl der Besucher

nicht ausreichte, zumal da man Jahre hindurch auch noch Freikarten für

viele, nur vorübergehend in Berlin anwesende Ärzte ausgegeben hatte. Und

wenn auch gewöhnlich nicht einmal die Hälfte der Mitglieder zu den

Kongreßverhandlungen sich einstellte, so war selbst für diese der Raum

schon unzureichend. Es blieb ein ungewöhnlicher und geradezu

unerträglicher Zustand, daß die nach Berlin eilenden Mitglieder mit

Sicherheit nicht einmal auf einen Stehplatz rechnen durften. Die

Mißstände wurden endlich so erheblich und die berechtigten Klagen der

Mitglieder so groß, daß der Vorstand mehrfach bauliche Veränderungen

versuchte, die zwar kostspielig waren, eine befriedigende Lösung aber

nicht herbeizuführen vermochten, bis er sich endlich im Jahre 1911

entschloß, für den nächstjährigen Kongreß den größesten, in Berlin zur

Verfügung stehenden Saal, den Beethovensaal der Philharmonie in der

Köthener Straße, zu mieten. In ihm sind die Kongresse von 1912 und 1913

abgehalten worden; und, da auch hier besonders die Akustik zu wünschen

übrig ließ, so wurde für das Jahr 1914 ein anderer Saal in der

Akademischen Hochschule für bildende Künste in der Hardenbergstraße zu

Charlottenburg gemietet. Hier hat der Kongreß von 1914 stattgefunden.

Das mit vieler Mühe und großen Kosten erbaute Langenbeckhaus war demnach

seiner eigentlichen Bestimmung entzogen und diente nur noch für die

Vorstandsversammlungen und zur Aufbewahrung der allmählich,

hauptsächlich durch Schenkungen mehr und mehr anwachsenden

Büchersammlung der Gesellschaft. Auch dieser Notbehelf blieb auf die

Dauer unerträglich. Alljährlich beschäftigte sich der Vorstand mit neuen

Plänen, bis unter ihnen einer auftauchte, der langsam festere Gestalt

annahm.

Bald nach dem Tode _Rudolf Virchows_ am 5. September 1902, des

langjährigen Vorsitzenden der Berliner Medizinischen Gesellschaft, hatte

diese den Plan erwogen, gleichfalls ein eigenes Vereinshaus zu gründen

und ihm den Namen _Rudolf-Virchow-Haus_ beizulegen. Der Gedanke konnte

nur unter der Bedingung Aussicht auf baldige Gestaltung gewinnen, wenn

die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, deren räumliche Nöte nicht

unbekannt geblieben waren, sich entschloß, mit ihren ziemlich reichen

Mitteln als gleichwertige Teilhaberin in das Unternehmen einzutreten.

Der Plan ging dahin, auf einem gemeinsam zu erwerbenden Grundstücke ein

_Langenbeck-Virchow-Haus_ zu errichten, dessen eine Hälfte je eine der

beiden Gesellschaften zur ausschließlichen Benutzung erhalten sollte;

nur der in der Mitte zu erbauende, möglichst umfangreich zu gestaltende

Sitzungssaal sollte beiden Teilhabern zur Verfügung stehen. Die

Verhandlungen haben sich jahrelang hingezogen, da die Chirurgen erst

dann zu festen Abmachungen gelangen konnten, wenn das alte

Langenbeckhaus zu einem annehmbaren Preise verkauft oder der Verkauf

gesichert war. An diesem Punkte stockten die Verhandlungen, da das

preußische Kultusministerium, hinter dem der Finanzminister stand, den

Ankauf immer von neuem hinausschob. Inzwischen hatte aber die Berliner

Medizinische Gesellschaft zwei Grundstücke in der Luisenstraße 58/59

erworben und drängte zum Abschluß, weil jede Verzögerung erhebliche

Verzugszinsen kostete. Da sie sich während der Verhandlungen, in welchen

die Umsicht und Tatkraft des ersten Schriftführers der Deutschen

Gesellschaft für Chirurgie _Werner Körte_ von ausschlaggebendem

Einflusse war, auch bereit erklärt hatte, den gemeinsamen Saal mit etwa

900 Sitzplätzen und 100 Stehplätzen zu versehen, wie der Ausschuß der

Chirurgen es forderte, so wurde am 3. Januar 1914 der bindende Vertrag

zwischen beiden Gesellschaften abgeschlossen. Freilich war das

Langenbeckhaus damals noch nicht verkauft; doch kam der Vertrag mit dem

Kultusministerium am 20. März desselben Jahres endlich zustande. Im Mai

1915 dürfte der Neubau in Gebrauch genommen werden können und damit ein

langjähriger Wunsch der an den Kongressen sich beteiligenden Chirurgen

Erfüllung finden.

_Vierter Abschnitt._

Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.

Unter den Entdeckungen und Erfindungen, welche im letzten Drittel des

19. Jahrhunderts gleich einem mächtigen unterirdischen Strome, der

plötzlich gewaltsam aus der Erde hervorbricht, die Chirurgie zu

unerhörten Leistungen emporgetragen haben, ist zunächst nur die eine,

die neue Form der Wundbehandlung besprochen worden. Und zwar mit Recht;

denn auf ihr beruht weitaus in erster Linie der ungeheure Aufschwung der

die rückschauende Seele mit freudigem Erstaunen erfüllt. Immerhin stehen

neben ihr noch eine Anzahl anderer Kräfte, deren Besprechung zur

Vervollständigung des entworfenen Bildes nicht übergangen werden darf.

Kapitel IX.

Wandlungen der allgemeinen Therapie.

_Die Methoden zur Herbeiführung der Schmerzlosigkeit_. Wir nennen an

erster Stelle die Bemühungen, welche darauf abzielten, die

wundärztlichen Eingriffe am menschlichen Körper entweder ganz schmerzlos

oder wenigstens leicht erträglich zu gestalten; und zwar nicht nur

deshalb, weil sie ein schon älteres, in die Zeit vor _Listers_

Antisepsis zurückreichendes Hilfsmittel des Chirurgen darstellen,

sondern zugleich aus dem Grunde, weil manche der durch die neue

Wundbehandlung möglich gewordenen Eingriffe ohne sie dem Kranken nicht

hätten zugemutet werden können.

Bis weit ins Altertum hinein lassen sich die in dieser Richtung

angestellten Versuche verfolgen. Am häufigsten bediente man sich der

Abkochungen narkotischer Mittel, die dem Kranken innerlich verabreicht

wurden; und unter diesen stand in erster Linie ein aus der Atropa

Mandragora bereiteter Trank, einer Pflanze, welche als zauberkräftige

Alraunwurzel in deutschen Sagen und Märchen während des ganzen

Mittelalters eine hervorragende Rolle gespielt hat. Durch _Guy de

Chauliac_ erfahren wir, daß auch narkotische _Einatmungen_ schon von den

Wundärzten des 13. Jahrhunderts angewandt worden sind; und selbst die

Versuche _örtliche_ Gefühllosigkeit zu erzeugen, reichen bis in das

Altertum zurück. Aber alles das blieb in den Anfängen stecken, wurde

später vergessen und erlebte erst unter der Entwicklung der Chemie im

19. Jahrhundert einen plötzlichen und nunmehr nachhaltigen Aufschwung.

Die damals beginnende Bewegung setzte sich die Herbeiführung einer

_allgemeinen Gefühllosigkeit des ganzen Körpers_ zum Ziele. Die ersten

Versuche betrafen Einatmungen des schon im Jahre 1776 von dem englischen

Prediger _Priestley_ entdeckten _Stickstoffoxyduls_, in Deutschland

Lust- oder Lachgas genannt, auf dessen narkotische Eigenschaften im Jahre

1800 der Chemiker _Humphry Davy_ hinwies. Sehr langsam indessen gewann

der Gedanke durch Gaseinatmungen die Operationen schmerzlos zu

gestalten, an Boden, wenn auch hier und da kleinere Eingriffe unter

Beihilfe dieses Gases vorgenommen wurden. Aber die Unhandlichkeit der

Verwendung und die Kürze der damit erzielten Betäubung standen einer

schnellen Ausbreitung des Verfahrens im Wege. So konnte denn auch der

amerikanische Zahnarzt _Horace Wells_, der sich seit 1844 der Sache

besonders eifrig angenommen hatte, damit nicht durchdringen und endete

durch Selbstmord, als er sich des Ruhmes seiner Anstrengungen durch das

Emporkommen eines neuen Mittels entrissen sah. Dies neue

Betäubungsmittel war der _Schwefeläther_, welchen als erster der

deutsche Arzt _Long_ in Athen im Anfange der vierziger Jahre als

Hilfsmittel bei Operationen gebrauchte, seine Versuche aber so spät

veröffentlichte, daß zwei Amerikaner, der Chemiker _Jackson_ und der

Zahnarzt _Morton_, denen sich späterhin als dritter noch der Wundarzt

_Warren_ vom Massachusettshospital in Boston hinzugesellte, als die

Väter der Äthernarkose angesehen zu werden pflegen. Auch die beiden

Erstgenannten wurden von der Erfindertragik ereilt: _Jackson_ wurde

geisteskrank, _Morton_ starb im Elend. Denn inzwischen war auch dem

Äther ein neuer und, wie sich bald zeigte, der gefährlichste Gegner

erwachsen.

Das von _Liebig_ in Gießen und _Soubeiran_ in Paris im Jahre 1831 etwa

gleichzeitig entdeckte _Chloroform_ wurde nach Tierversuchen des

Physiologen _Flourens_ als ein sehr wirksames narkotisches Mittel

anerkannt. Das Verdienst aber, solches in die medizinisch-chirurgische

Praxis eingeführt zu haben, gebührt dem berühmten Edinburgher

Gynäkologen _James Young Simpson_, der im März 1847 zuerst die

Äthernarkose aufgenommen hatte, im November desselben Jahres aber

bereits das Chloroform als Betäubungsmittel dringend empfahl. Ein

eigentümlicher Zufall war, wie erzählt wird, nahe daran, noch im letzten

Augenblicke der Menschheit die ihr bevorstehende Wohltat wenn auch nicht

auf immer, so doch sicherlich für längere Zeit zu entziehen. _Simpson_

wollte das neue Mittel zum ersten Male bei der Operation eines

eingeklemmten Bruches versuchen; durch eine Ungeschicklichkeit ging aber

der ganze Chloroformvorrat noch vor dem Beginne verloren. Als nun ohne

Betäubung der erste Schnitt gemacht wurde, sank die Frau zusammen und

starb. Es handelte sich um einen jener Fälle von tödlicher

Nervenerschütterung, die in älterer wie in neuerer Zeit, wenn auch

glücklicherweise sehr selten, beobachtet worden sind. Man stelle sich

aber die Wirkung vor, wenn bei einer, wahrscheinlich sehr vorsichtigen

und unvollkommenen Anwendung des Chloroforms, ein gleicher Vorgang sich

ereignet hätte!

Von nun an trat das Chloroform, ungeachtet aller Anfeindungen, einen

Siegeszug über die ganze Erde an. In Deutschland war es bereits im 7.

Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im allgemeinen und fast ausschließlichen

Gebrauche, so vollständig, daß der Schwefeläther, dem doch Männer wie

_Dieffenbach_ in Berlin, _Schuh_ in Wien und _Pirogoff_ in Petersburg

eingehende Studien gewidmet hatten, nahezu in Vergessenheit geriet. Nur

in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Mutterlande der

Äthernarkose, ist man bis zur Gegenwart dem Äther niemals ganz untreu

geworden.

Indessen dauerte es nicht allzu lange, bis auch die schlimmen Seiten des

an sich so überaus wohltätigen neuen Mittels in die Erscheinung traten.

Todesfälle, zuweilen in entsetzlicher Häufung und um so

niederschmetternder, als sie nicht selten lange Reihen guter Erfolge

ablösten, drängten den Wundärzten die Frage nach der Ursache solcher

Erscheinungen mit brutaler Heftigkeit auf. Wohl gab es einzelne

Chirurgen, die, durch gute Erfahrungen lange Zeit verwöhnt, alles auf

Unachtsamkeit und Mißgriffe schoben, bis sie selber vom Schicksale

ereilt wurden. So erging es _Simpson_, der erst nach langjähriger

Tätigkeit den ersten Chloroformtod erlebte, so _Gustav Simon_ in

Heidelberg, der in seinen Vorlesungen immer die Schuld des Chirurgen

betont hatte, so v. _Dumreicher_ in Wien, der nach einem Chloroformtode

auf der Nachbarklinik einen klinischen Vortrag gleicher Richtung hielt,

aber im unmittelbaren Anschluß daran einen Kranken verlor. Keiner blieb

auf die Dauer verschont, so daß die erfahrenen Ärzte stets mit einem

leichten Gefühle des Grausens an die Narkose herangingen. Allein wie

groß die Gefahr denn eigentlich war, das vermochte der einzelne

Beobachter aus seiner eigenen Erfahrung heraus nicht zu beurteilen. Dazu

gehörten große, umfassende Zahlen und diese zu beschaffen setzte sich

die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie zur Aufgabe.

Auf dem XIX. Kongreß von 1890 hielt _Kappeler_, leitender Arzt in dem

schweizerischen Münsterlingen, einen Vortrag: »Beiträge zur Lehre von

den Anästheticis«, an dessen Schluß er dem vom Vorsitzenden _Ernst v.

Bergmann_ lebhaft unterstützten Wunsche Ausdruck gab, die Gesellschaft

möge eigene Erfahrungen in Gestalt einer Sammelforschung über

verschiedene Betäubungsmittel aufzubringen versuchen. Die mühsame Arbeit

der Sichtung und Zusammenstellung übernahm _Ernst Gurlt_, der auf dem

Kongreß von 1891 seinen ersten, auf dem von 1897 seinen letzten

zusammenfassenden Bericht erstattete. Er bringt ein Gesamtmaterial von

330429 Narkosen mit verschiedenen Betäubungsmitteln, die eine

Sterblichkeit von 1 Todesfall auf 2429 ergeben. Davon entfallen auf das

Chloroform 240806 Narkosen mit 116 Todesfällen, also 1 Todesfall auf

2075 Anwendungen, während 56233 Ätherbetäubungen 11 Opfer forderten,

d. h. 1 auf 5112.

Schon aus diesen Zahlen erhellt die Erkenntnis, daß die Anwendung der

_Äthernarkosen_, für welche schon auf demselben XIX. Chirurgenkongreß

P. _Bruns_ auf Grund seiner praktischen Erfahrungen und tachometrischen

Pulsuntersuchungen entschieden eintrat, erheblich ungefährlicher ist als

das Chloroform; denn wenn auch die _Gurlt_sche Statistik noch wenig von

den unangenehmen und nicht selten tödlichen Nachkrankheiten des Äthers

im Bereiche der Luftwege zu sagen weiß, auf die man bald in immer

stärkerem Maße aufmerksam wurde, so blieb doch der Eindruck, den sie

einmal hervorgerufen hatte, mächtig genug, um dem Äther wiederum eine

umfangreichere Verwendung zu sichern. Selbst _Johann v. Mikulicz_, der

auf dem Kongreß von 1901 einen ausgezeichneten Vortrag: »Die Methoden

der Schmerzbetäubung und ihre gegenseitige Abgrenzung« hielt, in welchem

er über 98539 Inhalationsnarkosen und 103064 örtliche Anästhesien

schlesischer Ärzte berichtet, stellt zwar, unter Berücksichtigung der

Nachkrankheiten, für das Chloroform eine Sterblichkeit von 1:1683, für

den Äther eine erheblich höhere Zahl von 1:1044 fest, nimmt aber dennoch

auf Grund eigener Beobachtungen für das Chloroform eine größere

Gefährlichkeit an, als sie dem Äther eignet. Die _Neuber_sche Statistik

von 1908, welche über 71052 Narkosen berichtet, hat diese Anschauungen

im allgemeinen bestätigt; sie ergibt für Chloroform eine Sterblichkeit

von 1:2060, für Äther von 1:5930, für Skopolaminmischnarkosen von

1:4762, für Mischnarkosen nach _Schleich_, _Körte_, _Parker_, freilich

nur in der Zahl von 1748 Anwendungen, _keinen_ Todesfall.

Hand in Hand mit dem Studium der Todesursachen in den einzelnen Fällen

gingen die Versuche, den Gefahren durch eine aufmerksamere Darreichung

des Betäubungsmittels zu begegnen. In den angelsächsischen Ländern

bediente man sich schon seit Jahrzehnten des Kunstgriffes, eigene

Gehilfen nur für die Betäubung zu erziehen, die ihre Aufmerksamkeit

ausschließlich der Narkose zuzuwenden hatten und für deren guten Verlauf

verantwortlich waren. Auch in Deutschland ging man hier und da zu diesem

Verfahren über, mußte aber bald die Überzeugung gewinnen, daß eine

nennenswerte Abnahme der Todesfälle dennoch nicht erzielt wurde.

Vielmehr sah man ein neues schweres Bedenken in dem Umstände auftauchen,

daß manche Gehilfen, um nicht mitten im blutigen Eingriffe eine Störung

herbeizuführen, die Meldung gefahrdrohender Erscheinungen ungebührlich

lange verzögerten. Eine große Zahl von neuen Darreichungsmethoden

mittels zum Teil fein ersonnener Instrumente führten keineswegs zum

ersehnten Ziele, wenn auch die wachsende Vorsicht manche Besserung der

Verhältnisse erzwang. So gelangte man denn zu den Mischnarkosen, um die

notwendige Menge des Einzelgiftes herabzumindern und dennoch die gleiche

Wirkung zu erzielen. Diesen Weg betrat zuerst, schon im Jahre 1850, der

Zahnarzt _Weiger_ in Wien mit einer Mischung von 9 Teilen Äther auf 1

Teil Chloroform. Das englische Chloroformkomitee setzte dem Äther und

Chloroform noch Alkohol im Verhältnis von 3:2:1 hinzu, welches Gemisch

_Billroth_ dahin veränderte, daß er auf Chloroform 100 je 30 Teile Äther

und Alkohol fügte. Endlich stellte _Karl Ludwig Schleich_ in Berlin

verschiedene Flüssigkeitsmischungen von einem willkürlich gewählten

Siedepunkte zusammen, von der Voraussetzung ausgehend, daß ein

Betäubungsmittel um so leichter in den Körper aufgenommen, zugleich aber

um so leichter wieder ausgeschieden werde, je flüchtiger es sei.

_Schleichs_ Siedegemische haben sich praktisch als brauchbar erwiesen,

ohne indessen den genannten Mischungen überlegen zu sein; seine

physikalischen Voraussetzungen aber sind nicht unbestritten geblieben

(_Honigmann_, H. _Braun_).

Noch in einer anderer Weise hat man die Menge des zuzuführenden

Betäubungsmittels und damit auch seine Giftwirkung zu verringern

versucht, indem man nämlich ein Schlafmittel (Morphin, Skopolamin,

Veronal) kürzere oder längere Zeit dem Narkotikum vorauf schickte. Es

scheint in der Tat damit eine Herabminderung der Gefahren erreicht

worden zu sein. Endlich ist durch Einführung des sogenannten

_Ätherrausches_ (_Sudeck_), der freilich nur bei ganz kurze Zeit

dauernden Operationen angewandt werden kann, die Menge des

Betäubungsmittels so verringert worden, daß fast jede Spur von Gefahr

vermieden wird.

Daneben haben freilich die Versuche der durch die chemischen Fabriken

lebhaft unterstützten Ärzte, neue und immer weniger gefährliche

Betäubungsmittel zu finden, niemals aufgehört. Wie auf einer Wandelbühne

gingen, für den praktischen Wundarzt fast sinnverwirrend, immer neue

Mittel auf, um nach einer kurzen Zeitspanne des Glanzes zu verlöschen

und mehr oder weniger der Vergessenheit zu verfallen. Unter den

zahllosen Neuerungen der zwei Jahrzehnte nach 1891 seien nur zwei

genannt, das _Bromäthyl_ und das _Pental_, ersteres, weil manche

hervorragende Chirurgen längere Zeit an ihm festgehalten haben,

letzteres, weil es wohl als das gefährlichste aller Betäubungsmittel

angesehen werden muß. Die _Gurlt_sche Statistik berechnet seine

Tödlichkeit auf 1:213.

* * * * *

Blieben so Chloroform und Äther unverrückt auf ihrem hervorragenden

Platze stehen, so erwuchs ihrer Anwendung doch von anderer Seite her

eine überaus dankenswerte Ergänzung in den verschiedenen Maßnahmen, um

eine _örtliche Empfindungslosigkeit_ herbeizuführen. Schon seit dem

Jahre 1866 war der Zerstäuber des Engländers _Richardson_ dazu benützt

worden, um durch den schnell verdunstenden Äther eine Vereisungs- und

Erfrierungszone an der Körperoberfläche zu erzeugen in deren Bereich

kleine, schnell ausführbare Eingriffe schmerzlos vorgenommen werden

konnten. Die Methode ist, nur unbedeutend abgeändert, in dauerndem

Gebrauch geblieben. Aber der durch sie wiederum angeregte Gedanke der

Herbeiführung einer örtlichen Empfindungslosigkeit erhielt einen neuen

Anstoß zu weiterer Ausgestaltung, die sich ganz an die Entdeckung des

Kokains knüpft. Dies von den Andenindianern Südamerikas schon seit

Jahrhunderten benutzte Mittel wurde in die europäische Medizin im Jahre

1884 durch den Wiener Arzt C. _Koller_ eingeführt, zunächst nur zu dem

Zwecke, Schleimhautflächen, insbesondere die Bindehaut des Auges,

unempfindlich zu machen. Einige Chirurgen hatten auch bereits begonnen,

das Alkaloid zu Einspritzungen unter die Haut zu verwenden, als _Karl

Ludwig Schleich_ vor den Kongreß von 1892 mit einer gut ausgearbeiteten

Methode trat, welche auch ausgedehnte und langdauernde Operationen

schmerzlos und fast ohne jede Gefahr auszuführen erlaubte. Es ist sehr

bedauerlich, daß die mindestens etwas unvorsichtige Art des

Einführungsvortrages den heftigen Widerspruch des damaligen Vorsitzenden

_Adolf v. Bardeleben_ und mit ihm des gesamten Kongresses hervorrief,

wodurch _Schleichs_ vorzügliche Idee auf ihrem Wege zur praktischen

Betätigung für viele Jahre eine starke Behinderung erfuhr; aber

durchgesetzt hat sie sich trotzdem und dem Erfinder ist der Ruhm

geblieben, daß er die Chirurgie und damit die leidende Menschheit mit

einem nahezu gefahrlosen örtlichen Betäubungsmittel beschenkt hat. Wenn

es ihm auch nicht gelungen ist, die Einatmungsnarkosen zu verdrängen,

wie er ursprünglich gehofft hatte, so hat er sie doch nicht unwesentlich

eingeschränkt und damit die Narkosengefahr in sehr merkbarer Weise

herabgesetzt. Die _Schleich_sche Infiltrationsanästhesie gehört

zweifellos zu den Ruhmesblättern deutscher Chirurgie.

Es kann diesem Ruhme keinen wesentlichen Eintrag tun, daß die von

_Schleich_ ausgebildete Methode bereits vielfach überholt worden ist.

_Heinrich Braun_ (Zwickau), der in einer mustergültigen Arbeit vom Jahre

1905 (2. Aufl. 1907) alle bei der örtlichen Betäubung in Frage

kommenden Verhältnisse einer eingehenden Würdigung unterzog, hat durch

Zusatz von Nebennierenpräparaten die Wirksamkeit und Dauer der

Kokainanästhesie in ungeahnter Weise erhöht und damit nicht nur die

Operationen fast unblutig gemacht, sondern auch die Vergiftungsgefahr

ganz erheblich vermindert. Letztere ist auch dadurch noch weiter

herabgesetzt worden, daß Ersatzmittel des Kokains, insbesondere das

Novokain, gefunden wurden, welche an sich erheblich weniger giftig sind

als das ursprüngliche Alkaloid. So ist das Verfahren selbst bei großen

und eingreifenden Operationen fast vollkommen unschädlich geworden.

Die _Braun_schen Abänderungen haben sich auch für die Fortbildung

anderer, älterer wie neuerer Verfahren sehr nützlich erwiesen: so

zunächst für die von _Oberst_ (Halle) schon im Jahre 1890 angegebene

Methode der Fingeranästhesie mittels zweier Einspritzungen von Kokain

längs des Verlaufes der beiden Fingernerven. Sehr viel wichtiger aber,

weil in unendlich größerer Ausdehnung verwendbar, war die im Jahre 1899

beschriebene Methode _August Biers_, damals in Kiel, zur _Anästhesierung

des Rückenmarkes_ mittels Einspritzung des Betäubungsmittels in den Sack

der harten Rückenmarkshaut, eine Methode, welche im Anschluß an

_Heinrich Quinckes_ Lumbalpunktion erdacht worden war. Wenn sich auch

das Kokain als solches bald als zu gefährlich erwies, weil es allerlei

schwere Erscheinungen, Nachkrankheiten, selbst Todesfälle hervorrief, so

hat man doch von einem Verfahren nicht absehen zu müssen geglaubt,

welches ursprünglich nur die Operationen bis zur Nabelhöhe, später aber

in seiner Vervollkommnung einen noch größeren Teil des Körpers, bei

Erhaltung des Bewußtseins, unempfindlich zu machen gestattete. Mittels

Ersatzes des Kokains durch verwandte Stoffe (Novokain und Tropakokain)

lernte man auch die Gefahren herabmindern, die schließlich auf dem Wege

der Mischung des Betäubungsmittels mit Adrenalin (H. _Braun_ -- Zwickau)

oder mit Strychnin (_Jonnescu_) oder einer zweiten Lumbalpunktion zur

Verminderung des Flüssigkeitsdruckes (E. _Küster_) auf ein so geringes

Maß herabgesetzt wurden, daß heute _Biers_ Erfindung als eine glänzende

Errungenschaft der neueren Chirurgie zur Bekämpfung der

Operationsgefahren angesehen werden muß. Sie ist freilich in neuerer

Zeit durch die weitere Ausbildung der örtlichen Betäubung in ihrer

Anwendung etwas beschränkt worden.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 8 / 16 段