Wenn man auf die Zeit des Werdens der neuen Wundbehandlungsmethoden, die

im Vorstehenden zu schildern versucht worden ist, einen prüfenden

Rückblick wirft, so mag sie einem späteren Geschlechte als ein

wissenschaftliches Chaos erscheinen, in welchem Erfindungssucht und

Wagemut allein das Wort zu führen berufen waren. Indessen muß man sich

vergegenwärtigen, in welchen Zustand die chirurgische Welt durch

_Listers_ Mitteilungen der ersten Jahre versetzt worden war. Die

älteren, über eine große Erfahrung gebietenden Fachgenossen, die schon

so manchen schönen Traum, so manche Hoffnung auf Besserung der

Verhältnisse in ein Nichts hatten zerrinnen sehen, lächelten über die

anscheinend kritiklose Begeisterung, mit der sich das jüngere Geschlecht

den neuen Ideen hingab. Ihre Zweifel wurden wesentlich durch die

Beobachtung unterstützt, daß _Lister_ selber seine Erfindung

fortdauernd abänderte, sie also noch nicht als vollkommen ansah. Aber

auch bei den überzeugten Anhängern führte die eigene Erfahrung doch

immer wieder zu dem Schluß, daß die Methode schwache Seiten habe,

demnach verbesserungsfähig sei. In dieser bald allgemein gewordenen

Erkenntnis entwickelte sich nun ein edler, aber zuweilen fast atemlos

machender Wettlauf um die Palme, die dem Sieger im Kampfe winkte. So

waren es keineswegs Neuerungssucht oder blinder Ehrgeiz, von denen jene

Entwicklungsperiode beherrscht wurde, sondern die ehrliche, im Kampfe

mit Krankheit und menschlichem Elend gewonnene Überzeugung der Besten,

daß über den gewonnenen Boden hinaus noch ein Höheres erreichbar sein

müsse.

Es ist zweifellos unrichtig, zu sagen, daß von der eigentlich

_Lister_schen Methode so gut wie nichts übriggeblieben, daß etwas ganz

Neues an ihre Stelle getreten sei. Vielmehr läßt sich mit vollem Rechte

behaupten, daß jene Behandlung _mehr_ als nur eine _Anregung_ gegeben

habe, daß die _Lister_schen Grundsätze auch heute noch Gehirn und Hand

des Wundarztes lenken. Nur hat die wachsende Erkenntnis gelehrt, daß zu

dem erhabenen Ziele verschiedene Wege führen, daß es sich daher

empfiehlt, je nach den Umständen bald diese, bald jene Straße

einzuschlagen So hat denn auch die neueste Wendung der Dinge dem Ruhme

des naturwissenschaftlich-philosophischen Kopfes auf dem schottischen

Lehrstuhle für Chirurgie keinen Abbruch zu tun vermocht. --

Die _Einführung der Asepsis_ bedeutet den Übergang von der bisher

üblichen chemischen zur physikalischen Desinfektion durch Hitze, wie er

gleichfalls schon durch R. _Koch_ angebahnt und vorgezeichnet worden

war. Den unmittelbaren Anstoß zu einem neuen Wechsel der

Behandlungsmethode gab der Umstand, daß das von _Koch_ empfohlene

zuverlässigste Antiseptikum, das Sublimat, welches allmählich in sehr

verstärkter Lösung von 1:1000 in Gebrauch gekommen war, doch so viele

unangenehme und unerwünschte Nebenwirkungen hatte, daß man auch _dies_

Mittel loszuwerden versuchen mußte. Dazu kam der Umstand, daß die durch

_Lister_ eingeführte, keimfrei gemachte Darmsaite, soviel man auch die

Sicherheit ihrer Herstellung zu erhöhen sich bemühte, dennoch ein

unzuverlässiges Unterbindungs- und Nahtmaterial geblieben war. Schon

_Volkmann_ hatte einen Fall mitgeteilt, in welchem er die Einimpfung von

Milzbrand in eine Wunde durch Catgutfäden nachzuweisen vermochte. Im

Jahre 1888 folgte die Mitteilung _Kochers_, daß eine Reihe von

Mißerfolgen der Wundbehandlung in seiner Klinik auf unvollkommen

sterilisierte Darmsaiten zurückgeführt werden konnte; er schlug daher

vor, ein so unsicheres Material durch gekochte Seide zu ersetzen. Mehr

und mehr rang sich die Erkenntnis durch, daß auch die besten

antiseptischen Mittel nicht imstande seien, Krankheitserreger aus einer

frischen Wunde fernzuhalten oder sie gänzlich und überall unschädlich zu

machen, mehr und mehr aber auch die Einsicht, daß nicht, wie _Lister_

gelehrt hatte, die in der Luft schwebenden Keime die Wunde am meisten

bedrohen, sondern daß, im Sinne des unglücklichen _Semmelweis_, vor

allen Dingen die Kontaktinfektion, die Einimpfung durch Berührung mit

ungenügend entkeimten Fingern, Werkzeugen und Verbandstoffen, die

Hauptgefahr darstelle. So begann denn eine neue, fieberhafte Arbeit

unter den Chirurgen, um eine zuverlässige Methode zu finden, welche auch

ohne chemische Mittel die frische Wunde zu schützen imstande sei. Es

bleibt ein unvergängliches Verdienst der v. _Bergmann_schen Klinik in

Berlin, hierfür die Wege gewiesen zu haben, wenngleich manche deutsche

Chirurgen vor ihm, wie _Bardenheuer_ in Köln schon 1888, die

Dampfsterilisation für Verbandstoffe eingeführt hatten.

Im Jahre 1891 veröffentlichte der viel zu früh dahingeschiedene

Assistent jener Klinik, _Kurt Schimmelbusch_, der wenige Jahre später

seinem Berufe zum Opfer fiel, eine Arbeit unter dem Titel: »Die

Durchführung der Asepsis in der Klinik des Herrn Geheimrat v. _Bergmann_

in Berlin«. Sie ist ein Markstein für die Entwicklung der Wundbehandlung

geblieben; denn von dem Augenblick an war für alle frischen Wunden der

Sieg der Asepsis über die Antisepsis entschieden. Nach Besprechung

der Fehlerquellen, welche zu irrigen Auffassungen über die

Desinfektionskraft der hauptsächlichen Antiseptika geführt haben, sowie

nach Mitteilung eigener Versuche, welche deren Anwendung am lebenden

Körper und in der Wunde als ein höchst unsicheres Verfahren

kennzeichnen, kommt _Schimmelbusch_ zu dem Schluß, daß nur die einfache

Reinigung auf mechanischem Wege und die Hitze die Beseitigung aller

gefährlichen Keime gewährleisten. Dann folgen genaue Vorschriften über

Sterilisation der Verbandstoffe im heißen Dampfe, der Metallinstrumente

in Sodalösung, sowie endlich über Entkeimung ärztlicher Bürsten, welche,

in Verbindung mit der Angabe und Beschreibung sehr brauchbarer Apparate,

in kürzester Zeit eine Ausbreitung fast über die ganze Erde erfahren

haben. Mit dieser Arbeit war aber zugleich die sichere Grundlage für

eine weitere Entwicklung geschaffen. Sie richtete sich in erster Linie

auf die zuverlässige Keimbefreiung der Hände, die mehr und mehr als die

verdächtigste Quelle der Wundinfektionen von Geburtshelfern und

Wundärzten angesehen wurden. Schon seit Jahren hatten _Fürbringer_,

_Ahlfeld_ u. a. sich mit der zweckmäßigsten Form der Händesäuberung vor

Operationen abgegeben; im Jahre 1897 empfahlen beide als das beste

Verfahren die Heißwasser-Alkohol-Desinfektion oder das Waschen mit

Alkohol und einem Antiseptikum, meist Sublimat. In dem gleichen Jahre

wurde neben dieser Handpflege ein verstärkter Händeschutz bzw.

Wundschutz angebahnt, indem _Zöge v. Manteuffel_ (Dorpat) Handschuhe

aus Gummi, _Mikulicz_ (Breslau) solche aus Zwirn, _Perthes_ von

_Trendelenburgs_ Klinik in Leipzig solche aus Seide empfahlen. Alle aber

betonten, daß dem Anziehen der Handschuhe stets eine sorgfältige

Reinigung der Hände voraufzuschicken sei. _Mikulicz_ ging in diesem und

dem folgenden Jahre in seiner Verstärkung des Wundschutzes noch einen

Schritt weiter, indem er, um die Wunde vor den in feuchten Tröpfchen

schwebenden Keimen aus den Atemorganen der bei einer Operation

beschäftigten Ärzte zu schützen, deren Mund und Nase mit einer Binde

bedecken ließ. Später hat man auch die in den Haaren der Ärzte haftenden

Keime durch eine besondere Kappe abzuhalten versucht; und daneben

spielte ein häufiger Wechsel frischgewaschener Mäntel, Hauben,

Handschuhe usw. eine erhebliche Rolle. So wurde die äußere Erscheinung

des modernen Wundarztes in seiner Hülle tadelloser weißer Wäsche

gegenüber der des alten Chirurgen in seinem nie gewechselten, unsauberen

Operationsrocke erheblich anziehender gestaltet, ein Wechsel, für den

_Billroth_ den Ausdruck der »Reinlichkeit bis zur Ausschweifung« prägte.

Demgemäß stieg der Wäscheverbrauch chirurgischer Abteilungen allmählich

zu einem sehr ansehnlichen Ausgabeposten an, bei dem Ersparnisse nur

dadurch erzielt werden, daß man mehr den Besonderheiten des Einzelfalles

Rechnung zu tragen gelernt hat und nicht überflüssigerweise den großen

Apparat in Bewegung setzt, wo er nichts nützen kann. Auf diesem Stande

hat sich die Wundbehandlung bis heute mit geringfügigen Abänderungen

erhalten; sie bietet, abgesehen von ganz vereinzelten Mißerfolgen, die

der menschlichen Unvollkommenheit und Ungleichmäßigkeit des Wesens in

Rechnung gesetzt werden müssen, eine Sicherheit, die dem Kranken mit

frischer Wunde einen fast vollkommenen Schutz gegen Infektionsgefahr

gewährt.

Dagegen ist bei der Behandlung bereits eiternder unreiner Wunden, wie

auch solcher, die gegen nachträgliche Verunreinigung wegen ihrer Lage

nur schwer oder gar nicht geschützt werden können, dem persönlichen

Ermessen ein erheblich breiterer Spielraum gelassen. Hier haben auch die

chemischen Mittel noch keineswegs ihre Berechtigung verloren;

insbesondere ist das Jodoform bei nicht aseptisch zu haltenden

Operationswunden dauernd in Gebrauch geblieben.

Kapitel VIII.

Die Gründung des Langenbeck-Hauses.

Die große Umwälzung, welche in ihren Umrissen geschildert wurde und die

auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie jahrelang

die lebhaftesten Besprechungen und Erörterungen hervorrief, traf die

Gesellschaft auch in einer bemerkenswerten Umformung des äußeren

Rahmens, in dem ihr geistiges Leben sich abspielte. Nachdem sie 20 Jahre

lang als Gast der Berliner Universität ihre Hauptsitzungen in der Aula

des Universitätsgebäudes abgehalten hatte, während die Demonstrationen

meist in der chirurgischen Klinik stattfanden, schuf sie sich ein

eigenes Heim, das _Langenbeckhaus_, in welchem fortan die

Kongreßverhandlungen in vollem Umfange vor sich gingen.

Die Vorgeschichte dieses Baues ist aus dem Grunde von ganz besonderem

Interesse, weil der Gedanke nicht von einem Mitgliede der Gesellschaft

ausgegangen ist, sondern von der höchsten Frau des Deutschen Reiches,

der _Kaiserin Augusta_. Die Ausführungen, welche E. v. _Bergmann_ auf

dem Kongresse von 1890 gegeben hat, bedürfen hiernach einer Ergänzung.

Von Anfang an hatte die hohe Frau, die schon während der

drei voraufgegangenen Kriege und in deren Zwischenzeit mit

menschenfreundlichen Gründungen in Form von Vereinen (Vaterländischer

Frauenverein, Berliner Frauenlazarettverein) und Krankenhäusern

(Barackenlazarett auf dem Tempelhofer Felde, Berliner Augusta-Hospital),

unter Beihilfe ihrer gleichgesinnten Tochter, der edlen Großherzogin

_Luise von Baden_, vorangegangen war, der neugegründeten Gesellschaft

für Chirurgie ein außerordentliches Wohlwollen entgegengebracht. Das

zeigte sich insbesondere in dem lebhaften Interesse, mit welchem sie

alle Vorgänge in den Verhandlungen verfolgte, sowie in den alljährlich

sich wiederholenden Empfängen, durch welche die Führer der deutschen

Chirurgie immer von neuem ausgezeichnet und zu Äußerungen und kurzen

Vorträgen über schwebende Tagesfragen veranlaßt wurden. So entstand

eine Wechselwirkung zwischen dem preußischen Königshause und der

Gesellschaft für Chirurgie, die nach beiden Seiten anregend und

belehrend wirkte und die von den Mitgliedern als eine hohe, der

Gesellschaft angetane Ehre empfunden wurde.

Am 23. Mai 1877 überreichte die Kaiserin ihrem zweiten Leibarzte

Dr. _Schliep_ in Baden-Baden, mit dem sie tags zuvor eine eingehende

Besprechung über die ärztlichen Verhältnisse Englands gehabt hatte,

einen schriftlichen Entwurf mit dem Auftrage, ihn an B. v. _Langenbeck_

weiterzugeben und diesem die Absichten der hohen Frau mündlich

auseinanderzusetzen. Im Folgenden ist dies Schriftstück im Wortlaute und

in der ursprünglichen Schreibweise mitgeteilt. Es enthält den Plan der

Gründung eines Vereinshauses für die Deutsche Gesellschaft für

Chirurgie, der erst 15 Jahre später seine Verwirklichung gefunden hat;

denn wenn auch der scharf umschriebene Entwurf der Kaiserin bereits in

klarer Fassung die Wege zur Aufbringung der Mittel bespricht, so waren

doch die Bedenken hinsichtlich der Geldgrundlage eines so bedeutenden

Unternehmens so stark, daß _Langenbeck_ damit zunächst noch nicht vor

die Öffentlichkeit zu treten wagte. Die Kaiserin aber hat den Gedanken

niemals fallen lassen; denn fast bei allen Empfängen besprach sie die

Angelegenheit mit den zu ihr berufenen Chirurgen und suchte sie, allen

Schwierigkeiten zum Trotz, bei jeder Gelegenheit zu fördern.

Baden-Baden d. 23. Mai 1877.

Nr. 1

Das englische Surgeons College bewährt seine Leistungen in so

erfreulicher Weise, daß in Deutschland ein ähnliches Unternehmen

rathsam erscheint. Die Triumphe der Wissenschaft dienen dabei den

Zwecken der Humanität und fördern die individuelle Wohlfahrt der

Männer, welche als Träger der Wissenschaft dem großen geistigen

Verbande aller Nationen und Systeme angehören.

Nr. 2

Die Gründung eines deutschen Chirurgen-Collegiums mit Bezugnahme auf

die englischen Statuten müßte, dem deutschen Vereinswesen

entsprechend, an geeigneter Centralstelle durch Mitwirkung Aller,

welche den großen Zweck anerkennen und ihm dienstbar sein wollen, ins

Leben gerufen werden.

Nr. 3

Hierfür wäre ein angemessenes Programm anzufertigen und zu verbreiten,

ein Programm, das zunächst die Namen Langenbeck, Esmarch und Billroth

als Empfehlung trüge, für Berlin speciell andere hervorragende Namen

verschiedener Richtung mit an die Spitze zu stellen hätte. Dieses

Programm würde das vorläufige Statut des Vereins und den Vorschlag zur

Beschaffung des nöthigen Lokals (zunächst miethsweise) enthalten,

worauf je nach erlangtem Erfolge dereinst der Beistand des Reiches in

Anspruch genommen werden könnte.

Nr. 4

Es käme darauf an dem Unternehmen von vornherein die Popularität der

Zweckmäßigkeit und des praktischen Nutzens zu erwerben, wozu der

bestehende wichtige Chirurgen-Kongreß die beste Veranlassung bietet

u. eine geschäftsmäßige Organisation die nöthige Vertretung gewähren

muß.

Nr. 5

Es würde nach Beschaffung des Programms und vertraulicher Mittheilung

desselben an die geeigneten Personen ein möglichst kurzer Termin zur

Einsendung einer schriftlichen Begutachtung desselben festzusetzen

sein, damit das Werk _einheitlich_ demnächst in die Oeffentlichkeit

trete und keine nachträgliche Diskussion zu gewärtigen habe. Ob die

Form der einfachen Beiträge oder der Aktienausgabe dabei die

angemessenste wäre, bleibt dem Urtheil der Fachmänner vorbehalten.

Die Kaiserin würde sich mit einem einmaligen Geschenke von »Eintausend

Mark« daran betheiligen.

Als _Bernhard v. Langenbeck_ am 28. September 1887 starb, richtete die

Kaiserin ein Schreiben an den damaligen Kultusminister v. _Goßler_,

welches den Vorschlag enthielt, statt eines Denkmales aus Erz oder Stein

(wie es die Berliner Medizinische Gesellschaft plante) eine Stiftung von

praktischer Bedeutung für die Entwicklung der Chirurgie anzustreben und

durch deren Verknüpfung mit _Langenbecks_ Namen das Andenken des großen

Chirurgen dauernd zu ehren.

So ist der Gedanke eines Vereinshauses für die deutschen Chirurgen und

des Namens, welchen es trägt, nicht nur ganz ausschließlich aus dem

Kopfe der ersten Kaiserin des neuen Deutschen Reiches hervorgegangen,

sondern sie hat auch die Wege gezeigt und die Kräfte in Bewegung

gesetzt, auf welchen und durch welche das Ziel in erreichbare Nähe

gerückt wurde. Das außerordentliche Wohlwollen aber, welches die

_Kaiserin Augusta_ den Bestrebungen der deutschen Chirurgen

entgegenbrachte, hat sie auch auf ihre Nachkommen zu übertragen gewußt,

wie Kaiser _Wilhelm_ II. bei den verschiedensten Gelegenheiten und

Kaiserin _Augusta Viktoria_ bei den alljährlich sich wiederholenden

Empfängen eines Teiles der zum Kongreß versammelten Chirurgen in reichem

Maße dargetan haben.

Das bewundernswerte, unbeirrte Festhalten an der Verfolgung des einmal

als richtig erkannten Zieles hatte schon vor dem Jahre 1890 die

Durchführung des Baues gesichert; doch sollte die Kaiserin _Augusta_

dessen Beginn nicht mehr erleben. Am 7. Januar 1890 schloß die edle

Frau, die liebevolle Beschützerin und fleißige Mitarbeiterin an der

Entwicklung der deutschen Chirurgie, nach einem Leben voll rastloser

Tätigkeit die Augen. Ihr Name und ihr Wirken soll und kann unter den

deutschen Chirurgen niemals vergessen werden, die beim Besuche des

Langenbeckhauses durch eine Porträtbüste, ein Geschenk ihres Enkels,

_Kaiser Wilhelms_ II., an die hochherzige Freundin und Beschützerin

deutscher Kunst und Wissenschaft erinnert werden.

In dem kraftvollen und umsichtigen Nachfolger v. _Langenbecks_ auf dem

Berliner Lehrstuhle für Chirurgie, in _Ernst v. Bergmann_, fanden die

deutschen Ärzte den geeigneten Führer zur Durchsetzung des kaiserlichen

Planes. Der livländische Pfarrerssohn von fast hünenhafter Erscheinung,

mit scharfgeschnittener Hakennase und langgetragenem schlichtem Haar,

war von Dorpat über Würzburg nach Berlin gekommen. Klug und begabt, mit

mächtigen Stimmitteln ausgerüstet, deren Wirkung durch seinen scharfen

baltischen Dialekt noch erhöht wurde, Beherrscher des Wortes, welches er

in unerhörter Leichtigkeit und mit dichterischem Schwunge zu meistern

wußte, Fest- und Gelegenheitsredner ohnegleichen, verband er mit allen

diesen Eigenschaften eine Tatkraft, die vor keinem Hindernis zurückwich.

Freilich kamen ihm in dem besonderen Falle mancherlei Umstände zu Hilfe.

Zunächst hatte die Kaiserin _Augusta_ durch letztwillige Verfügung der

Deutschen Gesellschaft für Chirurgie eine Summe von 10000 Mark zum Bau

eines Langenbeckhauses vermacht, welches bald nach ihrem Ableben in

deren Besitz übergegangen war. Einen noch weit höheren Betrag von

100000 Mark schenkte der deutsche Kaiser _Wilhelm_ II. Eine Sammlung

von Beiträgen zu einem Ehrendenkmale für _Bernhard v. Langenbeck_, die

von der Gesellschaft in Gemeinsamkeit mit der Berliner Medizinischen

Gesellschaft für ihren langjährigen Vorsitzenden veranstaltet worden

war, ergab gleichfalls reiche Mittel in Höhe von fast 100000 Mark.

Ungefähr die gleiche Summe konnte die Kasse der Gesellschaft aus ihren

Ersparnissen beisteuern, so daß unter Hinzurechnung kleinerer Geschenke

am 1. April 1891 eine Summe von mehr als 260000 Mark zur Verfügung

stand. Zur Annahme und Verwaltung dieser Summen war die Gesellschaft

durch die Erteilung der Korporationsrechte befähigt worden, welche der

damalige Vorsitzende v. _Bergmann_ schon am 8. April 1888 beantragt

hatte.

So konnte denn an den Bau des Hauses herangetreten werden. Am 18.

November 1890 wurde für den Preis von 540000 Mark der Bauplatz in der

Ziegelstraße 10/11 erworben, dessen südliche, an die Spree stoßende

Hälfte der Gesellschaft verblieb, während der nördliche Teil für 300000

Mark in den Besitz des Staates überging. Die technische Ausführung wurde

dem Berliner Baumeister E. _Schmidt_ übertragen, die Oberaufsicht führte

der Geheime Oberregierungsrat _Spieker_ vom Ministerium der geistlichen,

Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Am 4. April 1891 legte in

feierlicher Weise der damalige Vorsitzende _Karl Thiersch_ den

Grundstein des Gebäudes, welches nunmehr so schnell gefördert wurde, daß

es in wenig mehr als einem Jahre vollendet und gebrauchsfähig dastand.

Der XXI. Kongreß, den man in Rücksicht auf die Fertigstellung bis in den

Juni verlegt hatte, wurde am 8. Juni 1892 mit der Einweihung des

_Langenbeckhauses_ eröffnet. Vor einer glänzenden Versammlung in welcher

der Kaiser durch den Prinzen _Friedrich Leopold_, die Kaiserin durch den

Kabinettsrat _Bodo von dem Knesebeck_, vertreten wurden, hielt der

Vorsitzende _Adolf v. Bardeleben_ die Eröffnungsrede, die in kurzen

Strichen die Vorgeschichte des Baues darlegte. Ihm folgte _Ernst v.

Bergmann_ mit einem formvollendeten Rechenschaftsberichte, in welchem

er in klangvollen Worten, wie sie diesem Meister der Rede bei jeder

Gelegenheit zu Gebote standen, die neuen Aufgaben der Deutschen

Gesellschaft für Chirurgie, die ihr mit dem Vereinshause erwachsen

waren, vorzeichnete. Er schloß mit den Worten: »Wozu v. _Langenbeck_ das

Haus einst bestimmt hat, dazu wachse und blühe es: ein Hort der

naturwissenschaftlichen Medizin, zur Ehre, Zier und Macht des ärztlichen

Standes.«

So war das erste große ärztliche Vereinshaus Deutschlands seiner

Bestimmung übergeben. --

Indessen blieb die Freude über das neue Heim, welches alle Mitglieder

der Gesellschaft gleichmäßig erfüllte, nur wenige Jahre ganz ungetrübt.

Es war wohl eine Folge des ungewöhnlich beschleunigten Baues und die

Lage des Hauses auf einem wenig festen, moorigen Boden, daß die bei

allen neuen steinernen Gebäuden unvermeidlichen Senkungen und

Verschiebungen eine über das Mittelmaß hinausgehende Höhe erreichten.

Fast alljährlich mußten mehr oder weniger erhebliche Summen für

Ausbesserungen ausgegeben werden, welche den Jahreshaushalt zunehmend

belasteten. Und dies war nicht einmal der größte Übelstand, sondern

schon nach wenigen Jahren zeigte sich, daß die Fassungskraft des großen

Sitzungssaales für die alljährlich anschwellende Mitgliederzahl in

seinen Größenverhältnissen zu gering veranschlagt worden sei.

Auf S. 32 ist bereits von dem schnellen, fast lawinenartigen Anwachsen

der Mitgliederzahl die Rede gewesen, die im Jahre 1900, also 8 Jahre

nach der Einweihung des Langenbeckhauses, das erste Tausend überschritt,

um von da an ein immer schnelleres Zeitmaß einzuschlagen. Der Grund

dafür ist nicht ausschließlich in dem Umstande zu suchen, daß alle Ärzte

des deutschen Sprachgebietes in Europa, soweit sie sich mit Chirurgie

befaßten, es allmählich als eine große Ehre einschätzen lernten,

Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein; vielmehr kam als wichtiger

Umstand hinzu, daß die Satzungen auch allen fremdsprachigen Ausländern

in weitherzigster Gastfreundschaft die Tore öffneten. Immerhin blieben

solche Mitglieder, denen das Deutsche nicht Muttersprache war und die

sich nicht als Deutsche fühlten, zunächst noch vereinzelt; aber mit der

wachsenden Bedeutung der Verhandlungen und ihrer oft überaus wichtigen

Entscheidungen in schwebenden Fragen schwoll der Strom der Ausländer

mehr und mehr an, schickten nicht nur alle Völker Europas und der

Kulturnationen Amerikas ihre Vertreter, sondern sie kamen aus allen

Weltteilen. So haben lange Jahre die hervorragendsten Ärzte des

bildungseifrigen Japans als Mitglieder unserer Gesellschaft angehört.

Unter allen Fremden aber haben die slawischen Völker des europäischen

Ostens stets den erheblichsten Bruchteil gestellt.

Es ist nicht ohne Wichtigkeit, sich klar zu machen, in welchem Umfange

dieser Zustrom Nichtdeutscher zur Mitgliedschaft der Gesellschaft sich

vollzogen hat. Eine Zählung ist allerdings dadurch sehr erschwert, daß

weder Name, noch Wohnort des einzelnen einen sicheren Anhalt für sein

Deutschtum zu geben vermag. Alle Personen zweifelhafter Nationalität

sind daher als Deutsche gerechnet, so daß die aufgestellten Zahlen nur

das Mindestmaß der Fremden wiedergeben. Die in Betracht kommenden Zahlen

betrugen:

1872: 130 Mitglieder, darunter 1 Fremder = 0,77 %

1873: 146 " " 5 Fremde = 3,42 %

1880: 278 " " 21 Fremde = 7,57 %

1890: 499 " " 50 Fremde = 10,02 %

1900: 1025 " " 95 Fremde = 9,26 %

1910: 2019 " " 338 Fremde = 16,74 %

1913: 2213 " " 436 Fremde = 19,70 %

Die Übersicht zeigt nicht nur das ständige und seit 1890 ganz

ungewöhnliche Wachstum der Gesellschaft an Mitgliederzahl, sondern

zugleich die schon früher, seit 1880 einsetzende und unaufhörlich

anschwellende Zunahme der Chirurgen fremder Volksstämme bis fast zum

fünften Teile des Gesamtbestandes. Es ist das ganz gewiß ein Zeichen

großen Vertrauens zu der wissenschaftlichen Chirurgie unseres

Vaterlandes und daher als eine große Ehre zu betrachten; doch darf nicht

übersehen werden, daß darin unter gewissen Umständen auch der Anlaß zu

allerlei Unzuträglichkeiten gelegen sein könnte.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 7 / 16 段